Peter Janich: Der Status des genetischen Wissens
Die Gentechnik und die Auseinandersetzung mit ihren eventuellen Folgen für Individuum und Gesellschaft ist ein Thema, welches sich z.Zt. großer Popularität erfreut - auch und gerade unter Geistes- und Sozialwissenschaftlern. Im Folgenden möchte ich mich zwei Texten aus diesem Bereich zuwenden, der erste stammt von dem Wissenschaftsphilosophen Peter Janich und trägt den Titel „Der Status des genetisches Wissens“, Autorin des zweiten Textes ist Lily E. Kay, die sich mit dem Thema „Wer schrieb das Buch des Lebens? Information und die Transformation der Molekularbiologie“ beschäftigt.
Janichs Text ist 2001 in einem Sammelband zu der Frage „Was wissen wir, wenn wir das menschliche Genom kennen?“ erschienen. Den Fokus werde ich beim Referieren des Textes weniger auf die Abschnitte 3, 4 und 5 richten, in denen es u.a. um den Gegenstand der Genetik, die „Verwissenschaftlichung“ von Mendels Zuchtregeln sowie die Rolle der Keimbahn geht, sondern möchte versuchen, die mir wichtiger erscheinenden Hauptthesen und das ihnen zu Grunde liegende Wissenschaftsverständnis herauszuarbeiten.
Janich vertritt die These, dass die philosophische Idee von wahr und falsch, Meinung und Irrtum in der molekularen Genetik verschwunden ist und man sich nur noch des Instrumentariums und der Methodik der Naturwissenschaften bedient (im Sinne des kritischen Rationalismus). Eine Meinung wird dabei erst durch Begründung oder Widerlegung zum Wissen oder zum Irrtum, „wissenschaftliche“ Ergebnisse gelten so lange als wahr, bis sie falsifiziert werden. Allerdings kommt „eine gesittete Gemeinschaft nicht ohne gegenseitige moralische und rechtliche Verpflichtung [aus]. Dazu rechnen Ansprüche an andere und an sich selbst, wahr, falsch und nicht gewusst zu unterscheiden und durch Suchen und Finden, durch Begründen und Widerlegen, durch Gelingen und Scheitern einzulösen.“ (Janich, 2001, S. 71). Dies sei nach Janich nun die Aufgabe der Philosophie im Human-Genom-Projekt (HGP). Die Hauptthese, die Janich vertritt, ist, dass ein Riss durch das HGP geht - einerseits betreibt man das naturwissenschaftliche Programm der Identifizierung und Sequenzierung von Genen im menschlichen Genom, andererseits ist man bestrebt, sich mit den sog. ELSI-Problemen (ethical, legal, social issues) auseinander zu setzen. Diese beiden Aufgabenbereiche stehen in einem folgenreichen Konflikt zweier Perspektiven zueinander, so dass Janich nun fragt: Was heißt es denn philosophisch, wenn wir das Genom „kennen“? Haben wir davon ein Wissen oder eine Meinung? Er geht in diesem Zusammenhang davon aus, dass das naturwissenschaftliche Selbstverständnis der beteiligten Akteure die Ursache für gravierende Proble-
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me bei der Lösung der ELSI-Fragen ist, da es zwei unterschiedliche Bedeutungen des Begriffs Information gibt, die sich seiner Meinung nach widersprechen. Der erste Begriff, den er als „kommunikativen Informationsbegriff“ bezeichnet, besitzt semantischen Inhalt (Bedeutung und Geltung), dies können z.B. Informationen über Zugfahrpläne, genetisch bedingte Krankheiten oder bestimmte Personen sein. Den zweiten Begriff, der eher mathematisch zu verstehen ist und der nachrichtentechnische Informationsübertragung als kausalen, naturwissenschaftlich beschreibbaren, an technischem Gerät realisierten Vorgang begreift, nennt er „strukturellen Informationsbegriff“. Hier geht es um den Erhalt von Strukturen einer Nachricht, dieser Informationsbegriff hat weder Bedeutung noch Geltung (keine semantischen Inhalte); Stichworte in diesem Zusammenhang sind: Code, kodieren, entschlüsseln. Dies ist auch der Informationsbegriff, der der molekularen Genetik zu Grunde liegt. Im Kontext von ELSI-Fragen jedoch geht es um die andere Bedeutung - inhaltliches Verständnis und kontrollierbare Geltung genetischer Informationen sind hier unerlässlich. Janich beklagt zudem, dass eine Arbeitsteilung zwischen Kultur- und Naturwissenschaften stattgefunden hat, in der jede Disziplin sich mit dem jeweiligen Informationsbegriff beschäftigt. In den Naturwissenschaften, die sich des Modells und der Metaphern der Nachrichtentechnik als Informationsübermittlung bedienen ist dabei das Gelingen der menschlichen Kommunikation irrelevant - auch kaputte Geräte übertragen in diesem Sinne Informationen, nur können diese von Menschen nicht verstanden werden. Das technische Gerät selber versteht die Informationen nie, es ist neutral gegenüber der Bedeutung und Geltung von Kommuniziertem.
Eine weitere These Janichs ist, dass Sprachverstehen (Semantik) und Erkennen keine naturwissenschaftlichen Gegenstände sind, sie können naturwissenschaftlich nie vollständig kausal erklärt werden (leider begründet Janich diese These nicht weiter - d. Verf.). Den In-formationsbegriff auf das HGP anzuwenden bedeutet also, sich lediglich einer Metapher zu bedienen. Die stillschweigende Unterscheidung von zwei Informationsbegriffen führt hier nur zu Missverständnissen, da so nicht beantwortet werden kann, was wir wissen, wenn wir das Genom kennen. Die „neutralen“ Informationen des Gencodes können nämlich nicht „Ursache“ für semantische, kommunikativ relevante Informationen über z.B. Krankheiten und deren (sozialen und kulturellen) Folgen sein, dennoch werden beide Informationen gleichgesetzt, d.h. immer wieder werden Informationen im Sinne der Genomstruktur als Informationen über Gesundheitsrisiken, Veranlagungen, Erbgänge von Merkmalen usw. begriffen („Ab-schnitt/Informationsfolge XY auf Gen bedeutet Krankheit Z mit allen ihren sozialen Folgen“).
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Aus dem eben gesagten schlussfolgert Janich, dass es sich empfiehlt, sorgfältiger auf benutzte Begrifflichkeiten zu achten.
Ab Abschnitt 7 wendet Janich sich erneut dem Thema „Wissen oder Meinung“ zu und geht dabei noch einmal auf die Methodik der Naturwissenschaften speziell im Hinblick auf deren Modellbildung und -anwendung ein. Wissenschaftler arbeiten im Bereich der Genetik apriorisch, d.h. sie entwerfen Modelle und hypothetische bzw. theoretische Konstrukte, deren einzige Bedingung es ist, nicht an der Erfahrung zu scheitern, und die damit als verifiziert gelten. Die Fragen die sich dabei stellen lauten: Ist dies „Wissen“ im eigentlich philosophischen Sinne oder nicht doch nur Meinung? Wie begründen die Fachleute, dass ihre Resultate „Wissen“ sind? In der Realität des Forschungsalltags sei es nämlich tatsächlich so, dass diese Art von Wissen schnell als „Wahrheit“ gehandhabt wird. Es scheint Janich offensichtlich, dass in den ELSI-Fragen und den Fragen des HGP zwei unverträgliche Philosophien betrieben werden. Dieser Riss manifestiert sich nun in der Frage: Was ist Wissen in einer Wissenschaft, wie sie im HGP betrieben wird?
Das Verfahren das die genetische Forschung betreibt wird als „physical mapping“ und „sequencing“ (biochemische Strukturaufklärung am Genom) bezeichnet und beruht auf einer Ab-bildvorstellung, die ungefähr folgendermaßen umschrieben werden kann: es gibt „ein Genom, dessen Struktur zu beschreiben ist wie die Erde durch den Geographen mit dem Zeichen von Landkarten“ (Janich, 2001, S. 83) Diese Vorstellung impliziert, dass Landkarten nur zutreffend oder unzutreffend sein können, nicht aber, dass jede Landkarte einen anderen Zweck hat! Nach diesem Zweck (z.B. bei einer Straßenkarte des ADAC, einer Karte des Militärs oder einer Karte der Meteorologen) richtet sich das anzuwendende Kartographieverfahren und die Auswahl der in die Karte aufzunehmenden Gegenstände. Die hier benutzte Analogie treibt Janich noch weiter, denn eine Karte kann nie alles zeigen, dies ist eine logische Unmöglichkeit (man könnte hier von einem sog. „frame problem“ sprechen - d. Verf.). Auf das HGP übertragen heißt das, „wer über die Struktur des menschlichen Genoms ‚alles’ sagen möchte, scheint zumindest vergessen zu haben, dass die Grenzen seines Universums kulturgeschichtlich mit den aktuell labortechnisch verfügbaren Parametern gezogen sind“ (Janich, 2001, S. 83/84).
Ferner könnten für die sog. „Selbstverständigungsphilosophie“ der genetischen Grundla-genforscher die Verteilung der Rollen von Explanans (das Erklärende) und Explanandum (das Erklärungsbedürftige) zum Problem werden - was soll wodurch erklärt werden? Auch hier kommen wieder Modelle ins Spiel, sie gehören zum Forschungsalltag des Grundlagenforschers, daher hält er sie leicht für natürlich, für naturgegeben. Wissenschaftstheoretisch sind
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Arbeit zitieren:
Claudia Hoppe, 2002, Wissenschaftstheorie und Informationsbegriff in der molekularen Genetik, München, GRIN Verlag GmbH
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