Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 4
2 Parteien - Das Ende von Weimar 5
2.1 Ein starker Staat ohne Parteien 5
2.2 Das Prinzip der „kleinen Gemeinschaften“ 7
3 Ein bewährter Neuanfang 9
3.1 Politisches Vakuum 9
3.2 Vorsichtige Lizenzvergabe 10
3.3 Neue Kontakte 12
4 Die CDU und das Erbe des Widerstands 14
4.1 Katakombengeist 14
4.2 Erste Programme (1945-1946) 16
4.2.1 Keine Erwähnung des Widerstands 16
4.2.2 Legitimation durch das Christentum 17
4.2.3 „Organischer“ Staatsaufbau 18
4.2.4 Zwischen Plan- und Marktwirtschaft 20
4.2.5 Parlamentarische Verfassung 21
2
5 Schluß 22
Quellen 23
Literatur 23
1 Einleitung
„Die geistigen Wurzeln der CDU liegen in der Sozialethik der christlichen Kirchen, in der liberalen Tradition der europäischen Aufklärung und im christlich motivierten Wider-stand gegen das nationalsozialistische Unrechtsregime.“ 1 Diese grundlegende De£nition entstammt nicht einem der ersten Programme, sondern einer Veröffentlichung aus jüngster Zeit. Der „christlich motivierte Widerstand“ als geistige Wurzel der CDU wurde und wird immer häu£ger genannt, doch selten näher erläutert. Seine Erwähnung allein muß oft der historischen Selbstbestimmung genügen. Das Zitat scheint den Widerstand als geistigen, das heißt als einen der inhaltlichen Ursprünge der Christlich-Demokratischen Union zu bestimmen, und impliziert damit zumindest die teilweise Übernahme der Ideen des Wider-stands in die CDU-Programmatik. Selbst umgekehrt - und bei weitem radikaler - ließe sich die De£nition deuten: die CDU als eine Konsequenz der Pläne und Vorstellungen des Widerstands!
Die Kritik mancher Widerstandskämpfer am Weg der frühen CDU verstummt angesichts so unre¤ektiert benannte Ursprünge, und auch Hans Mommsen scheint allein mit seiner These, im Neuanfang Deutschlands keines der Ziele des Widerstands verwirklicht zu sehen. 2
Publikationen wie die oben zitierte umgehen die Schwierigkeiten, die ein Vergleich der Zielvorstellungen des Widerstands und der frühen CDU-Programmatik mit sich bringt, sie vermengen Gegensätze, wie sie größer nicht sein könnten: das mordende System und Überlegungen zu alternativen (Übergangs-) Regierung auf der einen, das besetzte Deutschland und die wählerwerbende Charakteristik der Parteiprogramme auf der anderen Seite. Meist begnügt man sich deshalb mit der Nennung der Gründungsmitglieder der CDU(D), die tatsächlich nahezu sämtlich aktiv Widerstand leisteten oder wenigstens zu ihm Verbindung hatten.
Die Verbindung der Ideen des Widerstands zu den Gründungszirkeln der CDU, zu den
1 Aus einer Internet-Publikation der CDU-Bundesgeschäftsstelle (http://www.cdu.de) anläßlich des 50jährigen Bestehens der Bundespartei, 1995.
2 Mommsen, Hans, Der Widerstand gegen Hitler und die deutsche Gesellschaft, in: Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Die deutsche Gesellschaft und der Widerstand gegen Hitler, hrsg. v. Jürgen Schmädeke und Peter Steinbach, München, 1986, S. 17.
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ersten Programmen und Aufrufen soll im Folgenden beleuchtet werden. 3 Die für eine sinnvolle Untersuchung wesentlichen zeitgeschichtlichen Bedingungen und Voraussetzungen der ersten Parteigründungen sind in Anbetracht des beträchtlichen Umfangs dieses Aspekts und der erheblichen regionalen Eigenentwicklungen nur knapp dargestellt. Eine detaillierte Auseinandersetzung mit der Frühgeschichte der CDU würde den Rahmen dieser Arbeit bei weitem sprengen. Hier verweise ich auf die ausgezeichnete Publikation von Gurland. 4
2 Parteien - Das Ende von Weimar
2.1 Ein starker Staat ohne Parteien
Für die Gruppe um Goerdeler galt - wie für die anderen Widerstandskreise auch - die zersplitterte Parteienlandschaft der Weimarer Republik als ein dominanter Auslöser der politischen Krise der frühen 30er Jahre. Das mathematische Prinzip des Verhältniswahlrechts, die anonyme Wahl einer Liste und eines „papiernen Programms“ kapselte den Gewählten vom Wähler ab. 5 So erkannte man zwar die theoretische Gerechtigkeit der Weimarer Verfassung an, war aber gleichzeitig von der politischen Schwäche des Systems überzeugt. Die Unfähigkeit zu Koaltitionen lastete Goerdeler allein den unzähligen Parteien an. 6 Diese Erkenntnis spiegelt sich in den Vorstellungen der Gruppe um Goerdeler wieder. Einige Ansätze gingen von einer autoritär regierenden, elitären Herrschergruppe aus. Nach von Hassels und Popitz Ansicht mußte der Staat - bei Hassel allerdings dezentral organisiert
3 Der Begriff „Widerstand“ bezeichnet hier den sogenannten „bürgerlich-konservativen“ Widerstand im weiteren, d.h. den Widerstand der Gruppe um Goerdeler und des Kreisauer Kreises im engeren Sinne. Zur Problematik des Widerstandbegriffs siehe auch Klausa, Ekkehard, Politischer Konservatismus und Wider-stand, in: Widerstand gegen den Nationalsozialismus, hrsg. von Peter Steinbach Johannes Tuchel, Berlin, 1994 oder Wippermann, Wolfgang, Der Widerstand, Lehrhefte zum Studienfach Geschichte, Reihe: Das Dritte Reich, Teil 10, Berlin, 1994.
4 Gurland, Arcadius R.L., Die CDU/CSU, Ursprünge und Entwicklung bis 1953, hrsg. von Dieter Emig, Frankfurt am Main, 1980. Weitere siehe Literaturverzeichnis.
5 Goerdeler, Carl F., Das Ziel, 1941, in: Scheurig, Bodo (Hrsg.), Deutscher Widerstand 1938-1944, Fortschritt oder Reaktion? München, 1984, S. 112.
6 Daß eine große Unbeweglichkeit allerdings auch von den allzu starken Verbänden ausging, wurde nicht berücksichtigt. Vgl. Mommsen, Hans, Verfassungs- und Verwaltungsreformpläne der Widerstandgruppe des 20. Juli 1944, in: Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Die deutsche Gesellschaft und der Widerstand gegen Hitler, hrsg. v. Jürgen Schmädeke und Peter Steinbach, München, 1986, S. 580.
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- über der Gesellschaft stehen. 7 Sogar ein „völkischer Führerstaat ohne Hitler“ war nicht unvorstellbar 8 , von Goerdeler allerdings - seinen liberalen Prinzipien treu bleibend - rundweg abgelehnt. 9 Er, der erst 1940 vom Gedanken der Neuinstallation einer Monarchie abgekommen war, stellte in seiner schon zitierten Schrift „Das Ziel“ ein den Parlamentarismus beargwöhnendes Denken zur Schau. Allerlei restriktive Maßnahmen, die den Ein¤uß von Parteien begrenzen sollten unterstreichen dies. Am deutlichsten zu sehen ist die Vorsicht vor den „gefährlichen Kräften“ der Parteien im äußerst eingeschränkten direkten Mehrheitswahlrecht. 10
Auf die öffentlichen Meinungsbildung legte die Gruppe um Goerdeler keinen großen Wert. Goerdeler hoffte, das Volksvereinende des Nationalsozialismus aufrecht erhalten zu können, um eine erneute Zersplitterung in Parteien zu vermeiden. Er ging in seinen Überlegungen davon aus, daß seine Ziele schon ihrer Vernunft wegen allgemeingültigen Charakter besäßen. Nie handelte er im Hinblick auf eine mögliche Opposition. Wohl empfand er den Kreisauer Kreis als eine Konkurrenz, doch ist er in seinen Notizen nicht davon ausgegangen, sein Programm müßte mittels einer Partei gegen Opponenten verteidigt werden. 11 Indirekt aber unterstützte er mit seinem Mehrheitswahlrecht im Grunde genommen ein Zwei- oder Dreiparteiensystem. 12 Anzeichen für eine interkonfessionelle Partei gibt es in der Umgebung der Goerdeler-Gruppe nur schemenhaft. Bernhard Letterhaus mag an eine solche gedacht haben. 13
Goerdelers Vertrauen, nach dem Ende Hitlers eine Regierung ohne meinungsbildende Instanzen und Konkurrenzdruck einsetzen und eine Verfassung installieren zu können, die vom Mißtrauen gegenüber dem Wähler geprägt war, mag viele Ursachen gehabt haben. Sicherlich hatten die Weimarer Republik und ihr Parlamentarismus ein abschreckendes Beispiel geliefert. Hinzu kommt, daß die führenden Widerstandskräfte fast sämtlich keine typischen Parlamentarier und in der Weimarer Zeit parteilos waren. 14 Genauso wußte
7 Roon, Ger van, Widerstand im Dritten Reich, Ein Überblick, München, 1981, S. 151. Eine Reaktion auf den entfremdenden Dualismus von Staat und Gesellschaft der Weimarer Republik.
8 ebd., S. 152.
9 Goerdeler, a.a.O., S. 117.
10 ebd.
11 Ganz im Gegenteil; in Goerdelers Übergangsregierung waren auch „Kreisauer“ vorgesehen, beispielsweise Lukaschek als Verantwortlicher in den Ostprovinzen.
12 Mommsen, Hans, a.a.O., S. 580.
13 Gotto, Klaus, Verfolgung und Widerstand unter dem NS-Regime, in: Buchstab, Günter und Klaus Gotto, Die Gründung der Union. Traditionen, Entstehung und Repräsentanten, München, 1981, S. 65f.
14 Mommsen, a.a.O., S. 580.
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Goerdeler, wie schwer das „von Propaganda verseuchte Volk“ wieder zu Vernunft und Demokratie zurückkehren würde. Ekkehard Klausa bemerkt ganz richtig, daß Hitler noch 1944 jede freie Wahl gewonnen hätte. 15 Im übrigen waren die Gruppierungen des Wider-stands so isoliert von dem, was es zu retten galt, dem Volk - Ian Kershaw titelt ganz richtig „Widerstand ohne Volk“ -, daß ein Neubeginn, der den mündigen Bürger vernachlässigt, in etwa nachvollziehbar wird. 16
Die Vorstellungen Goerdelers tragen unverkennbar elitäre Züge. Erklärbar werden sie durch die Tatsache, daß nahezu alle Widerstandskräfte der oberen Mittel- und der Oberschicht angehörten und meist im Staatsdienst gestanden hatten. Hier regte sich gegen Hitlers Politik noch am ehesten Ablehnung, während der Mittelstand der nationalsozialistischen Propaganda fast völlig erlegen war.
2.2 Das Prinzip der „kleinen Gemeinschaften“
Genauso wie die Gruppe um Goerdeler lehnte auch der Kreisauer Kreis jede Rückkehr zum Alten ab. Das galt sowohl für Verfassungen vor der Weimarer Republik, als auch für deren zerstrittenen Parlamentarismus. Sie sahen sich vor allem auf sozialem Gebiet als „Revolutionäre“, die ihrer Meinung unsozialen und reaktionären Vorstellungen der Goerdeler-Gruppe, von ihnen als „Herrenclub“ tituliert, lehnten sie weitgehend ab.
Politisch verantwortlich sollte wieder jeder Einzelne werden, und politisches Leben in die kleinste Einheit, zum Menschen, zurückkehren. Mit dem identitätstiftenden Konzept der „kleinen Gemeinschaften“ - der Familie, dem Wohnort, dem Landkreis - meinte man die Entfremdung von Politik und Gesellschaft aufheben zu können. Der forcierte „Aufbau von unten nach oben“ sah Gründung und Ein¤ußbereich von Parteien nur in einem für den Einzelnen überschaubaren Rahmen vor, keinesfalls aber in einem so zentralistisches Parteiensystem wie dem der Weimarer Republik. 17
15 Klausa, Ekkehard, Politischer Konservatismus und Widerstand, in: Widerstand gegen den Nationalsozialismus, hrsg. v. Peter Steinbach u. Johannes Tuchel, Berlin, 1994., S. 234.
16 Kershaw, Ian, „Widerstand ohne Volk?“ Dissens und Widerstand im Dritten Reich, in: Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Die deutsche Gesellschaft und der Widerstand gegen Hitler, hrsg. v. Jürgen Schmädeke und Peter Steinbach, München, 1986, S. 779ff. Mommsen spricht von der „Introvertiertheit“ der Neuordnungspläne (Mommsen, Hans, Der Widerstand gegen Hitler und die deutsche Gesellschaft, a.a.O., S. 12)
17 Grundsätze für die Neuordnung, aus dem Moltke-Nachlaß, in: Roon, Ger van, Neuordnung im Widerstand.
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Arbeit zitieren:
Markus Horeld, 1995, Die Gründung der CDU. Geboren aus dem Widerstand?, München, GRIN Verlag GmbH
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