Leiden durch die „Verneinung des Willens“ kann auf zweierlei Art geschehen: „entweder durch Kontemplation in der Kunstbetrachtung oder durch Askese und Entsagung“. 6 Auf den jungen Nietzsche übte letztere Möglichkeit den größeren Reiz aus und er beschreibt seine Faszination für den Ausweg durch Verzicht mit folgenden Worten:
„Hier war jede Zeile, die Entsagung, Verneinung, Resignation schrie, hier sah ich einen Spiegel, in dem ich Welt, Leben und eigen Gemüt in entsetzlicher Großartigkeit erblickte. (...) Das Bedürfnis nach Selbsterkenntnis, ja Selbstzernagung packte mich gewaltsam“. 7
Wagner hingegen, dem Nietzsche später attestieren wird, er habe „über Nichts so tief wie über die Erlösung nachgedacht: seine Oper ist die Oper der Erlösung“ 8 , fühlte sich als Künstler vielmehr dazu berufen, die entsprechende Kunst zu schaffen, durch dessen Kontemplation er die Menschheit erlösen könne.
An jenes erste Zusammentreffen, welches bei Nietzsche einen derart nachhaltigen Eindruck hinterlassen hatte, schließt sich einige Monate später die intensivste Phase der Beziehung zu Wagner an, welche, unterbrochen durch Nietzsches Teilnahme am Deutsch-Französischen Krieg, drei Jahre andauern wird. Nietzsche war im Alter von 24 Jahren als Professor für Philologie an die Universität Basel berufen worden und wagt es im April 1969 erstmalig, der von Wagner in Leipzig ausgesprochenen Einladung in dessen Wohnhaus nach Tribschen/Luzern Folge zu leisten. Dieser sollte der erste von insgesamt 23 Besuchen im Wagnerschen Haushalt werden, in dem Nietzsche bald zwei eigene Zimmer zugewiesen bekommt und nach Belieben ein- und ausgehen kann. In Ecce Homo charakterisiert er jene Zeit mit folgenden Worten: „Hier, wo ich von den Erholungen meines Lebens rede, habe ich ein Wort nöthig, um meine Dankbarkeit für das auszudrücken, was mich in ihm bei weitem am Tiefsten und Herzlichsten erholt hat. Dies ist ohne allen Zweifel der intimere Verkehr mit Richard Wagner gewesen. Ich lasse den Rest meiner menschlichen Beziehungen billig; ich möchte um keinen Preis die Tage von Tribschen aus meinem Leben weggeben, Tage des Vertrauens, der Heiterkeit, der sublimen Zufälle - der tiefen Augenblicke ... Ich weiß nicht, was Andre mit Wagner erlebt haben: über unsern Himmel ist nie eine Wolke hinweggegangen“. 9
Während dieser glücklichen und durch Wagner inspirierten Phase seines Lebens entsteht Nietzsches wissenschaftliches Erstlingswerk, welches Anfang 1872 erscheinen und richtungweisend nicht nur für seine Karriere sein wird: Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik. In dieser ursprünglich als philologische konzipierten Schrift gibt Nietzsche der Überzeugung Ausdruck, in der frühgriechischen Kultur hätten zwei verschiedene Kunstformen bestanden, wobei die eine dem apollinischen, die andere dem dionysischen Prinzip zuzuordnen gewesen sei. Eine Verschmelzung jener beiden Prinzipien gipfelte schließlich in dem „erhabene(n) und hochgepriesene(n) Kunstwerk der attischen Tragödie und des dramatischen Dithyrambus, als (dem) gemeinsame(n) Ziel beider Triebe, deren
6 Microsoft Encarta Enzyklopädie Plus 2001, siehe „Schopenhauer“
7 Frenzel, Ivo: Friedrich Nietzsche, S. 31, rororo, 2002
8 Nietzsche, Friedrich: Der Fall Wagner, in: Friedrich Nietzsche: Sämtliche Werke, S. 16, de Gruyter, Berlin, 1988
9 Nietzsche, Friedrich: Ecce homo, in: Friedrich Nietzsche: Sämtliche Werke, S. 288, de Gruyter, Berlin, 1988
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geheimnisvolles Ehebündnis, nach langem vorhergehendem Kampfe, sich in einem solchen Kinde (...) verherrlicht hat“. 10 Die Bedrohung jenes vollendeten Kunstwerks nähert sich jedoch schon bald „aus den eigenen Reihen“ und so postuliert Nietzsche schließlich: „Die griechische Tragödie ist anders zugrunde gegangen als sämtliche ältere schwesterliche Kunstgattungen: sie starb durch Selbstmord“. 11 „Dionysos war bereits von der tragischen Bühne verscheucht, und zwar durch eine aus Euripides redende dämonische Macht. Auch Euripides war in gewissem Sinne nur eine Maske: die Gottheit, die aus ihm redete, war nicht Dionysos, auch nicht Apollo, sondern ein ganz neugeborner Dämon, genannt Sokrates.“ 12
Jedoch besteht Hoffnung:
„Aus dem dionysischen Grunde des deutschen Geistes ist eine Macht emporgestiegen, die mit den Urbedingungen der sokratischen Kultur nichts gemein hat und aus ihnen weder zu erklären noch zu entschuldigen ist, vielmehr von dieser Kultur als das Schrecklich-Unerklärliche, als das Übermächtig-Feindselige empfunden wird, die deutsche Musik, wie wir sie vornehmlich von Bach zu Beethoven, von Beethoven zu Wagner zu verstehen haben“. 13
Wie nicht anders zu erwarten reagiert Wagner als postulierter Retter der abendländischen Kultur mit euphorischer Begeisterung: „Schöneres als Ihr Buch habe ich noch nichts gelesen!“ 14
Nietzsches altphilologische Kollegen hingegen begegnen den antiwissenschaftlichen Thesen des jungen Gelehrten, welche in der Fragestellung gipfeln, ob denn nicht „die Kunst sogar ein notwendiges Korrelativum und Supplement der Wissenschaft“ 15 sei, mit äußerster Ablehnung. Hatte Nietzsche der griechischen Tragödie Selbstmord unterstellt, eben solchen beging er in wissenschaftlicher Hinsicht mit der Geburt der Tragödie selber - im folgenden Semester besucht kein einziger Student mehr seine Vorlesungen. Diese zunehmend angespannte berufliche Situation wird zusätzlich erschwert durch den im selben Frühjahr ´72 stattfindenden Umzug der Familie Wagner nach Bayreuth, durch welchen Nietzsche des heimatlichen und ruhespendenden Tribschen, seines „Italien“ 16 verlustig ging.
Als beruflicher Außenseiter, des geliebten Rückzugsortes beraubt und gequält durch seine sich stetig verschlechternde Gesundheit „führt er (jetzt) das Leben des unruhigen Wanderers“ und „wandelt sich (...) vom klassischen Philologen zum Kritiker seiner Zeit“. 17
In den nun folgenden fünf Jahren manifestiert sich in dem jungen Philosophen eine schleichende Entfremdung von Richard Wagner, welche sich allerdings weder an ein bestimmtes Ereignis knüpfen noch genau datieren läßt. Es kommt zunächst zu persönlichen
10 Nietzsche, Friedrich: Die Geburt der Tragödie, S. 47, Insel Verlag, Frankfurt/Main, 2000
11 ebenda, S. 87
12 ebenda, S. 96
13 ebenda, S. 149
14 Frenzel, Ivo: Friedrich Nietzsche, S. 55, rororo, 2002
15 Nietzsche, Friedrich: Die Geburt der Tragödie, S. 112, Insel Verlag, Frankfurt/Main, 2000
16 www.virtusens.de/walther/wagner.htm, S. 5
17 Frenzel, Ivo: Friedrich Nietzsche, S. 67, rororo, 2002
3
Querelen, als Nietzsche eine Einladung Wagner für die Weihnachtsferien 1872/73 ausschlägt,
„worüber sich Wagner recht verstimmt zeigte. Nietzsche, ebenso leicht verletzbar wie Wagner, war besorgt und holte den Besuch in den Osterferien (...) nach. Doch die aus der Schweiz vertraute Atmosphäre vermochte sich für Nietzsche nicht einzustellen. (...) Nietzsche war enttäuscht wie ein Kind, dass der Meister keine Neigung zeigt, sich auf die altgriechischen Denker einzulassen, mehr noch, er war enttäuscht, einen ganz anderen Wagner zu finden. Das war nicht mehr der in der Verbannung lebende Dichter und Musiker, mit dem man geistige Freuden teilte, sondern plötzlich ein Mensch, der aktiv für die Durchsetzung seines Lebenswerkes kämpfte.“ 18
Andere Mutmaßungen über das sich wandelnde Verhältnis gehen zum einen dahin,
„daß es der junge Denker nicht ertragen konnte, immer nur als Wagnerschriftsteller gewertet zu werden und daß er zu feinnervig war, um der dauernden Fehde, die in ihm den ’Wagnerschriftsteller’ verfolgte gewachsen zu sein.“ 19
Zum anderen gibt es Mutmaßungen darüber, daß Nietzsche, welcher sich seit frühester Kindheit selbst musikschaffend betätigte, sich von Wagnern in dieser Hinsicht nicht ernst genommen fühlte:
„Ich lasse es mir nicht nehmen, daß Nietzsches ’Abfall’ bereits Anfang des Jahres 1872 begann, an jenem Abend, als er Frau Cosima eine eigene Komposition widmete. Er hielt sich für produktivmusikalisch begabt, und er hat in Tribschen, selbst in des Meisters Gegenwart, nicht selten auf dem Klavier phantasiert. Richard Wagner sagte darauf einmal doppelsinnig: ‚Nein Nietzsche, Sie spielen zu gut für einen Professor!’ Nun hatte er Frau Cosima seine Komposition ‚Sylvesterglocken’ gewidmet. Wir spielten sie zusammen mit ihr. Ich blickte verstohlen auf den Meister und sah, wie er unruhig dabei saß und sein Barett knetete. Schließlich ging er hinaus. (...) Ich fand den Meister bloß in vollem Lachen, und lachend sagte er: ‚Da verkehrt man schon anderthalb Jahre mit dem Menschen, und nun kommt er meuchlings, die Partitur im Gewande.’ “ 20
Oder ist der Grund nicht vielmehr in der Persönlichkeitsstruktur Nietzsches zu suchen, dessen
„Bewunderung für den Meister (in Konflikt) geriet (...) mit der eigenen Neigung, sich nicht unterzuordnen und selbst in allen persönlichen Beziehungen und gar in jeder Freundschaft die führende Rolle spielen zu wollen“? 21
In Nietzsches Schriften wird der einsetzende Bruch erstmals in Nietzsches Vierter Unzeitgemäßer Betrachtung: Richard Wagner in Bayreuth offenbar, wenn auch eher unterschwellig und nicht bewußt gewollt. Auch wenn er die 1875 erworbene Partitur der Götterdämmerung noch als den „Himmel auf Erden“ 22 bezeichnet, so kann er in der Vierten Unzeitgemäßen Wagner nicht mehr unumwunden huldigen. Er selbst sieht die Zweideutigkeit dieser in zwei Etappen 1875 und ´76 entstandenen Schrift und schreibt an den Freund Rohde: „Ich stehe nicht darüber und sehe ein, daß mir die Orientierung nicht völlig gelungen ist“. 23 Ivo Frenzel bringt auf den Punkt, worin die „Problematik“ jenes Aufsatzes bestand: „Sie zeigt einen Nietzsche, der zwar von der Größe der Wagnerschen Kunst überzeugt ist, aber die Bewunderung ist gemessen, es fehlt der enthusiastische Überschwang - das Phänomen Wagner ist
18 Frenzel, Ivo: Friedrich Nietzsche, S. 73f, rororo, 2002
19 www.virtusens.de/walther/ruetzow.htm, S. 1
20 ebenda
21 Frenzel, Ivo: Friedrich Nietzsche, S. 74, rororo, 2002
22 ebenda, S. 80
23 ebenda
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Arbeit zitieren:
Angela Schaaf, 2003, Friedrich Nietzsche und Richard Wagner: "Wir Antipoden", München, GRIN Verlag GmbH
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