I
Zu us sa am mm me en nf fa as ss su un ng g Z
Kinder, die den Krieg erleben müssen, sowohl aktiv als auch passiv, werden in
ihrem Entwicklungsprozess massiv beeinträchtigt. Anhand der Umstände, denen
vor allem die „Kindersoldaten“ in der von politischen Unruhen geschüttelten
„Dritten Welt“ ausgesetzt sind, werden die Einflüsse, die zu nachhaltigen
Sozialisierungsstörungen führen, besonders deutlich erkennbar. Diese Art von
Kriegsführung, die Kinder bewaffnet und (nicht nur) als Soldaten missbraucht,
war lange Zeit kein öffentliches Thema. Zahlreiche nationale und internationale
Organisationen und Institutionen bemühen sich nun intensiv, auf interdisziplinärer
Ebene Hilfsprogramme zu erstellen und anzubieten, um diese kriegsgeschädigten
Kinder wieder in ein sicheres soziales Netz eingliedern zu können. Mit diesem
Ziel vor Augen werden sozialpädagogische, medizinische und psychologische
Hilfestellungen und Maßnahmen organisiert, um die vielschichtigen Probleme
und Aufgabenstellungen zu bewältigen, die sowohl in Gruppenarbeit als auch
individuell auf die vom Krieg gezeichneten Kinder eingehen müssen. Die An-strengungen, die für die Gesundung, Resozialisierung und Reintegration der
jugendlichen Flüchtlinge unternommen werden, können nur in vernetzter, ziel-orientierter und praxisbezogener Arbeit Erfolg haben. Als ein solches Beispiel
umfassender, institutioneller Fürsorge kann die Zusammenarbeit der Professio-
nisten im SOS-Kinderdorf und der angegliederten Clearingstelle angeführt
werden.
Ab bs st tr ra ac ct t A
Children who have to experience war, either actively or passively, become
fundamentally harmed in the course of their individual formational process.
Particularly the circumstances of “child soldiers” entangled in the political unrest
prevailing in the “Third World” plainly demonstrate the impact of lasting damage
inflicted on them in terms of their socialization. This deviancy of warfare which
abuses children as soldiers (and in many other ways) by equipping them with
weapons has not been an issue of public interest for quite a long time. Numerous
national and international organisations and institutions are making vigorous
efforts now, on interdisciplinary levels, to establish and offer programs
concentrating on the reintegration of the young victims of war into a safe social
network. Aiming at this target, socio-pedagogical, medical and psychological
support is essential and measures have to be taken in order to handle the multi-
levelled problems and tasks which demand approaches consisting of both group
work as well as individual attention to help these war-marked children. The
endeavours to ensure recovery, resocialization and reintegration of juvenile war
refugees, therefore, have to comprise interactive, targeted professional work. The
extensive institutional care of SOS-Kinderdorf with their adjoining clearing
services may serve as an example of this co-operation.
II
Vo or rw wo or rt t V
Kinder und Jugendliche sind die schwächsten Mitglieder einer Gesellschaft und besonders schutzbedürftig. In der Realität von Krisen- und Kriegszeiten in den unsicheren Regionen unserer Welt hat dieses Postulat oft keine Bedeutung mehr. Durch Medienberichte, Reportagen im Fernsehen, Öffentlichkeitsarbeit und Kampagnen der verschiedenen Hilfsorganisationen und erschreckende Bilder wurde ich auf die Lebensumstände der unzähligen Kinder, die in kriegerischen Auseinandersetzungen um ihr Überleben kämpfen müssen, aufmerksam. Das Thema ist permanent aktuell, und doch wird es in den reichen westlichen Industrieländern in einer breiten Öffentlichkeit zu wenig wahrgenommen. Wenn auf politischer Ebene über Flüchtlingspolitik und (zu viele) Asylwerber diskutiert wird, bleiben die einzelnen Schicksale hinter den Diskussionen verborgen. Meine Arbeit widmet sich den Kindern und Jugendlichen, die es schwer haben, ihre Menschenrechte durchzusetzen und soll gleichzeitig einen kleinen Beitrag dazu leisten, dass ihnen vermehrt größtmögliche Beachtung und Hilfe zuteil wird.
Danken möchte ich Dr. Peter Stefan Geiger für seine Betreuung und die wertvollen Hinweise zu dieser Diplomarbeit,
meinen Freundinnen Andrea und Vera, die mich in meinem Studium begleitet und mich speziell in der Diplomarbeitsphase hilfreich motiviert haben, so manche Schaffenskrise zu überstehen,
meiner Zwillingsschwester Andrea, die schon ein ganzes Leben lang an meiner Seite immer für mich da ist,
und vor allem danke ich meinen Eltern für ihre große Unterstützung, Geduld und Liebe, ohne die vieles nicht möglich gewesen wäre.
III
In nh ha al lt ts sv ve er rz ze ei ic ch hn ni is s I
Einleitung - 1 -
1 Allgemeine Situation. - 6 -
1.1 Was ist ein Kindersoldat? - Über das Zusatzprotokoll zur U-N
Kinderrechtskonvention - 9 -
1.2 Internationale Konventionen - Ein Überblick - 12 -
2 Die Situation der Kinder im Krieg - 16 -
2.1 Rekrutierung von Kindersoldaten - 20 -
2.2 Flucht und Trennung - 24 -
2.2.1 Die Bedeutung von Flucht für Kinder - 26 -
2.3 Sexuelle Ausbeutung - 29 -
3 Der illegale Handel mit Waffen. - 33 -
3.1 Kleinwaffen für kleine Hände - die Folgen für Kinder. - 37 -
3.2 Landminen - ihre spezielle Bedrohung für Kinder - 39 -
4 Auswirkungen von kriegsbedingten Erlebnissen. - 43 -
4.1 Physische Auswirkungen. - 45 -
4.1.1 Gesundheit. - 45 -
4.1.2 Ernährung - 46 -
4.2 Psychische Auswirkungen - 47 -
4.2.1 Allgemeine Definition von Trauma. - 50 -
4.2.2 Posttraumatische Belastungsstörung. - 51 -
4.2.3 Traumatische Reaktionen bei Kindern. - 52 -
4.2.4 Posttraumatische Belastungsstörungen bei Kindern. - 55 -
4.2.5 Hilfe für traumatisierte Kinder - 58 -
4.3 Psychosoziale Auswirkungen ....................................................... - 62 -
IV
5 Möglichkeiten der psychosozialen Hilfe - 66 -
5.1 Demobilisierung, Rehabilitation und soziale Reintegration - 69 -
5.1.1 Demobilisierung - 71 -
5.1.2 Rehabilitation und Reintegration. - 75 -
5.1.3 Familienzusammenführung. - 78 -
5.2 Ökonomische Überlegungen. - 82 -
5.3 Erziehung und Berufsausbildung - 83 -
6 Institutionen - SOS-Kinderdorf. - 87 -
6.1 Ziele und Grundsätze. - 89 -
6.1.1 SOS-Kinderdorf - Sozialpädagogische Intervention. - 92 -
6.1.2 Allgemeinpädagogische Prinzipien - 94 -
6.2 SOS-Kinderdorf Clearing-house (Salzburg) - 97 -
7 Schlussbetrachtung. - 103 -
Bibliographie ...............................................................................................- 110 -
- 1 - Eiin nl le ei it tu un ng g E
Dieses Zitat aus dem Munde eines Kindersoldaten dokumentiert in eindrucksvoller Weise die Situation des bewaffneten Kindes im Krieg. Es hat weder den Sinn des Krieges, noch die Bedeutung von Tod, noch die kausalen Zusammenhänge verstanden, sondern nur, dass es etwas tut und erlebt, das in seiner Wahrnehmung alltäglich geworden ist.
Die vorliegende Arbeit setzt sich mit den weitreichenden Folgen von Krieg für Kinder auseinander, die sowohl aktiv an ihm teilnehmen als ihn auch passiv erleben mussten und damit in fundamentaler Weise sozialisationsstörenden Fak-toren in ihrem Entwicklungsprozess ausgesetzt waren. Zentrale Fragestellungen in den Bereichen der physischen, psychischen und psychosozialen Auswirkungen auf betroffene Kinder sollen die komplexen Zusammenhänge aufzeigen, mit denen die Experten in den verschiedenen Bereichen der Hilfsmaßnahmen und Kriseninterventionen konfrontiert sind. Nach Erfassung des jeweiligen Ist-Zustandes von Flüchtlingskindern stehen Therapeuten und Sozialpädagogen im Rahmen ihrer Arbeit in verschiedensten Hilfsorganisationen vor den vielschichtigen Problemlagen und Aufgaben, die es zu bewältigen gilt. Sowohl die traumatischen Reaktionen von Kindersoldaten und die therapeutischen bzw. sozialpädagogischen Möglichkeiten, als auch die komplexen Umstände und Hintergründe, in denen nicht nur die Ursachen für ihre Beteiligung an Kriegsaktivitäten, sondern insbesondere auch die Bedingungen für ihre soziale Wieder- eingliederung zu suchen sind, sollen einander gegenüber gestellt werden.
- 2 -Kinder, die Kriege miterleben, sind verschiedenen Stressoren ausgesetzt. Die traumatisierenden Ereignisse lassen sich in drei zeitlich aufeinander folgende Phasen, nämlich Kriegszeit, Nachkriegszeit, bzw. Flucht und darauf folgende Rückkehr in die Heimat bzw. endgültiges Niederlassen in fremder Umgebung unterteilen. Jede dieser drei Phasen ist mit spezifischen, belastenden Ereignissen verbunden, wobei nachfolgende Phasen, sofern sie durchlebt werden, die Wirkung der vorhergegangenen jeweils verstärken können. In welcher Weise auf den Verlauf der einzelnen Problemlagen in Form von entsprechenden Rahmen-bedingungen und unter Inanspruchnahme verschiedener Disziplinen eingegangen werden kann, soll anhand der Maßnahmen von Clearingstellen und am Beispiel von SOS-Kinderdorf-Projekten veranschaulicht werden. Diese 1949 von dem Sozialpädagogen Hermann Gmeiner ins Leben gerufene Institution hat ein Netzwerk aufgebaut, das den durch Krieg und Flucht entwurzelten Kindern in familienähnlichen Gemeinschaften neuen Halt und Geborgenheit geben soll. Im Rahmen von sozialpädagogischen Zielsetzungen wird mit der Arbeit phasen-spezifisch dort angesetzt, wo tiefgreifende Einschnitte in die kindlichen Entwick-lungsprozesse statt gefunden haben. Ziel dieser Langzeitbetreuung ist es, in Form von koordinierter Zusammenarbeit Hilfe zur Selbsthilfe zu bieten und den Weg in die Selbsterhaltungsfähigkeit und Integration in eine friedliche Gesellschaft zu ermöglichen.
Diese Aktivitäten im Bereich der humanitären Hilfe beschäftigen sich schwerpunktmäßig mit den psychosozialen Auswirkungen von Kriegsereignissen auf die Menschen, wobei dem Konzept des Traumas immer größere Bedeutung zukommt. Die Situation kriegsgeschädigter Kinder, insbesondere die von ehemaligen Kindersoldaten, deren schwierige Lebensumstände erst in jüngerer Vergangenheit öffentliche und politische Aufmerksamkeit erhalten haben, verlangt neben geeigneten therapeutischen Maßnahmen umfassende Lösungskonzepte, vor allem was soziale Reintegration im Kontext von Schulbildung, Schaffung von Berufsmöglichkeiten und ökonomischer Sicherheit betrifft, Voraussetzungen also, die ihrerseits wiederum ausschlaggebend für ein zukunftsorientiertes Leben sind. Programme zur Demobilisierung, Rehabilitation und sozialen Reintegration von
- 3 -Kindersoldaten berücksichtigen diese Aspekte, um eine effektive Nachhaltigkeit ihrer Anstrengungen zu sichern.
Der thematische Aufbau der Arbeit über „Sozialisierungsstörungen in Folge von Kriegserlebnissen“ setzt sich aus folgenden Schwerpunkten zusammen. Eine Skizzierung der allgemeinen Situation von Kindern im Krieg soll zunächst die Schwierigkeiten einer Begriffsbestimmung des Terminus „Kindersoldat“ aufzeigen. Vergegenwärtigt man sich die unterschiedlichen Rechtsauffassungen, die über den Status des Kindes selbst sowie über das legitimierte Mindestalter für die Teilnahme an bewaffneten Konflikten herrschen, gewinnt die Diskussion der UN-Konvention über die Rechte des Kindes besondere Bedeutung. Dabei steht die kritische Auseinandersetzung mit dem Begriff und seinen Folgen im Vordergrund. Die Situation der Kinder, die an bewaffneten Konflikten teilnehmen und/oder in anderer Weise vom Krieg betroffen sind, wird auf der Ebene der Umstände ihrer Rekrutierung bzw. anhand ihrer Schwierigkeiten nach Flucht und Trennung veranschaulicht. Auch auf die Hintergründe der Waffenindustrie, die indirekt, aber auch sehr direkt in Form von Kleinwaffen und Minen eine Bedrohung für Kinder darstellt, soll eingegangen werden. Die physischen, psychischen und psychosozialen Folgen von Kriegserlebnissen werden aus den körperlichen und seelischen Verletzungen der Kinder ersichtlich, die sich als traumatische und posttraumatische Störungen manifestieren. Daher wird der Terminus „Trauma“ im Hinblick auf Ansätze und Methoden zur Definition und Behandlung von traumatischen Reaktionen und posttraumatischen Belastungsstörungen in den Mittelpunkt gestellt.
Möglichkeiten der psychosozialen Hilfe werden anhand der Aufgabenbereiche, die sich im Zuge der Bemühungen um Demobilisierung, Rehabilitation bzw. soziale Reintegration der Kinder, die an bewaffneten Konflikten beteiligt waren, erläutert. Hier wird besonders auf pädagogische und sozialpädagogische Krisenintervention eingegangen, indem die Ziele und Grundsätze, wie sie in diesem Zusammenhang diverse Hilfsorganisationen verfolgen, beschrieben werden. Als Beispiel für diese zielorientierte und praxisbezogene Arbeit werden die erwähnten Institutionen SOS-Kinderdorf und SOS-Kinderdorf Clearing-house (Salzburg) vorgestellt. Ein Überblick über unterstützende Maßnahmen und interdisziplinäre
- 4 -Arbeitsweisen konzentriert sich auf Schwerpunkte sozialpädagogischer Inter-vention, die behandlungsorientiert vorgeht, aber auch pädagogische Prinzipien im Sinne von Bildung und Weiterbildung mit einschließt, um Zukunftsperspektiven eröffnen zu können. Der organisatorische Hintergrund, Zielsetzung, Arbeits-bereiche und Methoden werden veranschaulicht und die Parallelität der Maß-nahmen erklärt.
Die Vorgehensweise, sich den komplexen Sachverhalten zu nähern, die für das Thema dieser Arbeit relevant sind, wurde davon bestimmt, Projekt- und Evaluationsberichte von Hilfsorganisationen, inhaltsbezogene Texte bzw. Textstücke aus Fachliteratur, aber auch aus Informationen im Internet sorgfältig zu untersuchen und zu vergleichen. Die Auswahl und Zusammenstellung des Materials erfolgte unter dem Aspekt der traumatisierenden und sozialisierungsstörenden Faktoren, die sich generell negativ auf Kinder und Jugendliche während und nach Kriegsereignissen auswirken, besonders dann, wenn sie aktiv an diesen teilnehmen mussten. Daher wird in der vorliegenden Arbeit nicht auf die spezifischen gesellschaftlichen und politischen Umstände einzelner Regionen und Länder eingegangen, vielmehr sollen die schwierigen Bedingungen unabhängig von der geographischen Lage der Herkunftsländer, aus denen die ehemaligen Kindersoldaten und Flüchtlingskinder stammen, untersucht werden. Die kritischhermeneutische Methode erlaubt es, anhand der Vielzahl von Veröffentlichungen und Diskussionen über die Auswirkungen von Krieg, vor allem in der so genannten „Dritten Welt“, aber auch am Beispiel des Balkankrieges im hinsichtlich seiner Errungenschaften auf humanitärem Gebiet so stolzen Europa, Rückschlüsse zu ziehen und Zusammenhänge aufzuzeigen. Unabhängig von den Zuständen in den zahlreichen Kriegs- und Krisengebieten ist der Verlust von Kindheit allen „Kindersoldaten“, die aktiv oder passiv um ihr Überleben kämpfen müssen, gemeinsam.
Die folgenden Kapitel haben die Komplexität des (fast) weltweit aktuellen Themas zum Inhalt, indem sie die vielschichtigen, gut recherchierbaren Ebenen der Diskussion in Zusammenhang bringen. Erleichtert wird dies dadurch, dass die Arbeit nationaler und internationaler Hilfsorganisationen, die permanent mit der Erfassung und Bearbeitung der vielfältigen Aufgaben mit ehemaligen Kinder-
- 5 -soldaten und Kinderflüchtlingen konfrontiert sind, dokumentiert und zugänglich ist. Zusätzlich findet man in der themenbezogenen Literatur eine Fülle von Ab-handlungen über Traumabewältigung, über diverse unterstützende Behandlungs-methoden und über resozialisierende Maßnahmen, die speziell für kriegs-geschädigte Kinder konzipiert werden. Eine Vielzahl von Berichterstattungen und Artikeln verweist auf die politische und gesellschaftliche Brisanz und spiegelt die quantitative wie qualitative Zunahme von Problemlagen wider, die auch vor Österreichs Grenzen nicht Halt machen.
- 6 - 1 A Al ll lg ge em me ei in ne e S Si it tu ua at ti io on n 1
Wie lässt sich die schwierige allgemeine Situation von Minderjährigen, die den Krieg erleben, unter dem Aspekt der weitreichenden Sozialisierungsstörungen, denen sie ausgesetzt werden, beschreiben? Der Prozess der Sozialisierung bedeutet, dass das Kind lernt, sich und seine Umwelt zu verstehen und sich in ein ziviles soziales Umfeld einzuordnen. Dafür benötigt es ein sicheres Netzwerk, das seine körperliche und seelische Unversehrtheit garantiert und das ihm Orientierungs- und Bildungsmöglichkeiten auf dem Weg zur selbständigen Lebensführung anbietet. Die Basis hierfür erhält das Kind zunächst in seiner zentralen sozialen Gemeinschaft, innerhalb der Familie, und in Folge im Gemeinwesen durch Erziehung, Schulung und Bildung gemäß seiner jeweiligen kulturellen Traditionen. Voraussetzungen für diesen Idealverlauf der Sozialisation sind stabile soziale, politische und ökonomische Verhältnisse, in denen eine bestimmte Gesellschaft lebt. In Regionen und Ländern, in denen diese Voraussetzungen durch Kriegsereignisse destabilisiert werden, ist ein gesunder Entwicklungsprozess von Kindern massiv gefährdet. Gegenwärtig sind mehr als dreihunderttausend Kinder und Jugendliche unter achtzehn Jahren - sowohl Mädchen wie Jungen - in den Streitkräften und bewaffneten Oppositionsgruppen von mehr als dreißig Ländern als Soldaten im Kampfeinsatz. Weitere Hunderttausende Minderjährige werden in Regierungsarmeen und paramilitärische Milizverbände eingezogen und für eine Vielzahl von nichtstaatlichen bewaffneten Gruppen in fünfundachtzig verschiedenen Staaten rekrutiert. Weltweit erhalten Millionen Kinder militärisches Training und werden in Jugendbewegungen und Schulen indoktriniert. Kindersoldaten stammen zumeist aus benachteiligten sozialen Verhältnissen, entweder sind ihre Familien arm, oder sie sind überhaupt Waisen.
Die Chancen auf den Sieg wachsen, wenn die Bevölkerung des Kriegsgegners demoralisiert und entmutigt wird. Vielfältige Techniken haben die Strategen ersonnen, um diese Ziele zu erreichen: das Niederbrennen von Dörfern, Plünderungen, Vertreibungen, Vergewaltigungen, Massaker bis hin zu Völker- mord. All das sind heute keine zufälligen, vereinzelten Exzesse, sondern Belege
- 7 -für zielgerichtetes brutalisiertes Kriegsgeschehen, das ganze Zivilbevölkerungen systematisch in lähmende Verzweiflung versetzt.
Vor diesem Hintergrund haben unzählige Kinder in ihrem bisherigen Leben nichts als Vertreibung, Angst, Gewalt und Tod erlebt. Tausende wurden entführt, zum Töten gedrillt und zu unvorstellbaren Grausamkeiten gezwungen. Denn Kinder gelten als besonders gefügig und furchtlos. Aufgrund der Trennung von ihren Familien und ihrer mangelnden Lebenserfahrung sind sie leicht manipulierbar und unterwerfen sich bedingungslos einer autoritären, auf Befehl und Gehorsam angelegten Ordnung. Besonders in innerstaatlichen Konflikten werden immer mehr Jugendliche ins Kampfgeschehen hineingezogen. Diejenigen, die zu jung sind zum Kämpfen, werden als Spione und Boten missbraucht und Mädchen müssen den Soldaten oft auch sexuell zur Verfügung stehen. Kriegsherren haben die Bedeutung des Einsatzes von Kindern in diesem grausamen Kalkül erkannt. „Etwa zwei Millionen Kinder wurden während der letzten zehn Jahre in Kriegen getötet. Zehn Millionen Kinder, so wird geschätzt, wurden durch Kriegserlebnisse traumatisiert. Zwölf Millionen Kinder verloren ihr Zuhause, fünf Millionen leben in Flüchtlingslagern, und/oder kamen ums Leben. Kinder werden als lebende Detektoren in Minenfelder geschickt.“ 1 Zehnjährigen hängt man Maschinengewehre um und drillt sie, auf alles zu schießen, was sich bewegt. Und selbst in den Ländern, in denen offiziell Frieden herrscht, wird das Leben vieler Kinder von Waffen bestimmt. Jugendliche, die sich ausgestoßen und ohne Perspektive sehen, reagieren mit Hass und suchen ihre (Überlebens-)Chance in Kriminalität und Gewalt.
Das Leben eines Kindes kann im Krieg durch eine Vielzahl von Erfahrungen gekennzeichnet sein, die sicher niemand als „kindgerecht" bezeichnen würde. Sowohl physisch als auch psychisch sind Kinder bedroht. Die zahlreichen Kriegsgefahren gefährden die körperliche Unversehrtheit, während die seelische Gesundheit durch massive Angst, Traurigkeit, Hilflosigkeit, Schmerz, Verwirrung
1 Stephan Stolze, „Kinder gegen Krieg“ in: Martin Große-Oetringhaus, Hrsg., „Ich will endlich Frieden“. Kinder im Krieg, S. 21.
- 8 -schweren Belastungen ausgesetzt wird. Die Verluste, die Kinder in Kriegszeiten erleiden, können vielfältig sein. Häufig verlieren Kinder wichtige Bezugspersonen wie Eltern, Geschwister, Freunde, Verwandte und Lehrer. Grundbedürfnisse, wie ein Zuhause, Besitz von Kleidung und Spielsachen, sowie die Möglichkeit zum Schulbesuch können nicht erfüllt werden. Kindern werden im Krieg Unschuld, Sicherheit, Vertrauen, Identität, Selbstwertgefühl, Erziehung, soziale Entwicklung geraubt - und damit die Kindheit selbst.
Akuten Mangel erleben Kinder während des Krieges in den Bereichen der medizinische Versorgung, des ausreichenden Schutzes gegen Witterung und der Ernährung. Dies wirkt sich vorrangig auf die physische, in der Folge aber auch oft auf die psychische Gesundheit der Kinder negativ aus. Drei Schwerpunkte kennzeichnen also die folgenreichen Auswirkungen sowohl auf Kindersoldaten als auch auf die allgemein vom Krieg betroffenen Kinder:
• Verletzungen, Erkrankungen und deren mangelnde medizinische Betreuung, mindestens aber Mangelerscheinungen hinsichtlich Ernährung und/oder Unterkunft;
• schwere Verstörung durch Ausbeutung in Kriegsdiensten, bzw. durch Trennung und/oder Verfolgung;
• die Bewältigung der Rückkehr in ein ziviles Leben, das vorrangig die Familienzusammenführung voraussetzt und von umfassender medizinische und psychologische Betreuung begleitet werden muss. Die zu den Vereinten Nationen gehörenden Organisationen UNICEF (Kinderhilfswerk) und UNHCR (Flüchtlingshochkommissariat), das Internationale Rote Kreuz und bestimmte Nicht-Regierungsorganisationen wie Save the Children haben systematische Methoden entwickelt, um den kriegsgeschädigten Kindern zu helfen. Ihr Vertrauen gewinnen die Mitarbeiter dieser Zentren oft nur mit großer Mühe und in langwierigen Prozessen.
So versucht z.B. UNICEF, diesen aus der Gemeinschaft ausgestoßenen Kindern den Weg zurück in den Frieden zu ebnen und die Familienzusammenführung vo- ranzutreiben, indem sie Übergangsheime einrichtet und Sozialarbeiter ausbildet.
- 9 -In den provisorischen Unterkünften werden die Kinder betreut und mit Nahrung, Kleidung und sauberem Wasser versorgt; auch für Unterricht und Ausbildung wird gesorgt. Die Sozialarbeiter begleiten den schwierigen Weg der Wieder-eingliederung in ein kindergerechtes Zivilleben. Kinder, die mit dem Krieg aufgewachsen sind, müssen den Frieden erst wieder lernen. 2
1. .1 1 W Wa as s i is st t e ei in n K Ki in nd de er rs so ol ld da at t? ? - - Ü Üb be er r d da as s Z Zu us sa at tz zp pr ro ot to ok ko ol ll l z zu ur r U UN N- - 1
Ki in nd de er rr re ec ch ht ts sk ko on nv ve en nt ti io on n K
Der Begriff „Kindersoldat“ ist weit verbreitet als gängige Bezeichnung für Kinder, die aktiv in Militärdienst und kriegerische Auseinandersetzungen verstrickt sind. In der Broschüre Brot für die Welt, die sich mit dem Phänomen der Kindersoldaten befasst, wird folgende Definition geboten: „Ein Kindersoldat ist eine Person unter achtzehn Jahren, die zum Wehrdienst eingezogen wurde, sich entweder freiwillig gemeldet hat oder dazu gezwungen wurde.“ 3 In Artikel 1 der UN-Konvention über die Rechte des Kindes (Convention on the Rights of the Child) von 1989 wird das Alter von achtzehn Jahren als der Übergang von der Kindheit zum Erwachsenendasein definiert. 4 In der übergroßen Mehrheit aller Länder legt das nationale Recht achtzehn Jahre als Wahlalter fest, weil damit der formale Übergang zwischen Kindheit und Erwachsensein mit seinen rechtlichen und moralischen Verpflichtungen markiert wird. 5 Zudem stimmt diese Altersgrenze mit der oben genannten allgemeinen Festlegung des
2 Vgl. Christina Rau, „Dem Leid ein Ende bereiten“ in: Im inneren der Erde verschwinden -Kinder sind keine Soldaten!, hrsg. von MISEREOR, Brot für die Welt, Deutsches Jugendrotkreuz,
Kindernothilfe, Deutsches Nationalkomitee des Lutherischen Weltbundes, medico international,,
terre des hommes und UNICEF, S. 8f.
3 Brot für die Welt und Lutherischer Weltbund, „Krieg ist kein Kinderspiel. Kindersoldaten“, S. 3.
4 Vgl. Margrit Schmid und Alice Schmid, “I killed people”. Wenn Kinder in den Krieg ziehen, S. 124.
5 Vgl. Brot für die Welt und Lutherischer Weltbund, S. 3.
- 10 -Kindes- bzw. Erwachsenenstatus in internationalen Menschenrechtsdokumenta-tionen überein, so etwa in der Konvention von 1989. 6 Trotzdem setzt die UN-Kinderrechtskonvention für die militärische Rekrutierung und die Beteiligung an bewaffneten Konflikten von Kindersoldaten das niedrige Alter von fünfzehn Jahren fest, wobei gleichzeitig unter Artikel 38 der UN-Kinderrechtskonvention an die Staaten appelliert wird, bei Rekrutierung unter achtzehn Jahren die Ältesten prioritär heranzuziehen. Somit beinhaltet Artikel 38 über die Rechte des Kindes eine Widersprüchlichkeit, was das Mindestalter für die Rekrutierung und den Kampfeinsatz von Kindern in bewaffneten Konflikten betrifft. Der Artikel lautet vollständig:
• Die Vertragsstaaten verpflichten sich, die für sie verbindlichen Regeln des in bewaffneten Konflikten anwendbaren humanitären Völkerrechts, die für das Kind Bedeutung haben, zu beachten und für deren Einhaltung zu sorgen.
• Die Vertragsstaaten treffen alle durchführbaren Maßnahmen, um sicherzustellen, dass Personen, die das fünfzehnte Lebensjahr noch nicht vollendet haben, nicht unmittelbar an Feindseligkeiten teilnehmen.
• Die Vertragsstaaten nehmen davon Abstand, Personen, die das fünfzehnte Lebensjahr noch nicht vollendet haben, zu ihren Streitkräften einzuziehen. Werden Personen zu den Streitkräften eingezogen, die zwar das fünfzehnte, nicht aber das achtzehnte Lebensjahr vollendet haben, so bemühen sich die Vertragsstaaten, vorrangig die jeweils ältesten einzuziehen.
• Im Einklang mit ihren Verpflichtungen gemäß dem humanitären Völkerrecht, die Zivilbevölkerung in bewaffneten Konflikten zu schützen, treffen die Vertragsstaaten alle durchführbaren Maßnahmen, um sicherzustellen, dass von einem bewaffneten Konflikt betroffene Kinder geschützt und betreut werden. 7 In diesen Willenserklärungen wird also der Widerspruch deutlich, demzufolge ein Kind zwar erst mit achtzehn Jahren die Volljährigkeit erreicht, jedoch bereits mit
6 Vgl. „Kinder sind keine Soldaten“ in: 20. terre des hommes edition (2/1999). S. 7.
7 M. Schmid und A. Schmid, S. 139.
- 11 -fünfzehn Jahren völkerrechtlich legitimiert aktiv an Kriegseinsätzen beteiligt sein kann. Damit erhebt sich die Frage, warum Minderjährige besonderen Schutz vor Todesstrafe, vor lebenslänglichen Gefängnisstrafen und vor gefährlichen Arbeiten genießen (humanitäres Völkerrecht für Kinder!), wenn man sie andererseits zu einer Art von „Arbeit“ heranziehen darf, die nach allen vernünftigen Maßstäben als die bei weitem gefährlichste einzustufen ist. Der Forderung in Artikel 38, dass „von einem bewaffneten Konflikt betroffene Kinder geschützt und betreut“ werden sollten, ist nicht zu entnehmen, wie das für die im Kriegseinsatz befindlichen Kinder gewährleistet werden könnte. Sind Kindersoldaten keine Kinder mehr oder Kinder, für die andere Regeln gelten? Die Kinderrechtskonvention ist inzwischen von zahlreichen Regierungen ratifiziert worden. Durch den wachsenden Einfluss auf die Haltung von Staaten auf internationaler, regionaler Ebene und auf nichtstaatliche Organisationen ist immer deutlicher geworden, dass die Ausnahmeregelung in Artikel 38 der Konvention untragbar geworden ist.
8
So wurde von dem Komitee der Kinder-rechte eine Umsetzung und Veränderung der Konvention über die Rechte des Kindes massiv vorangetrieben. Auf einer Tagung zu diesem Thema einigte man sich auf die Empfehlung, ein fakultatives Zusatzprotokoll zur Kinderrechts-konvention abzufassen, in dem das Mindestalter für die Rekrutierung und den Kriegseinsatz von Kindern auf achtzehn Jahre erhöht werden sollte. Die UN-Generalversammlung ist diesen Forderungen nachgekommen und hat die ehemalige Erziehungsministerin Mosambiks, Graça Machel, mit einer Studie über Kinder in bewaffneten Konflikten betraut. Diese 1995 durchgeführte Studie erwies sich als bahnbrechend. Die Debatte bekam neuen Aufschwung, als die weitreichende Bedeutung des Problems der Kindersoldaten und die verheerenden Auswirkungen des Soldatendaseins auf Kinder, vor allem in den herrschenden Bürgerkriegen, eindrucksvoll nachgewiesen werden konnte. Unter diesem Eindruck forderten nicht nur der UN-Generalsekretär, UNICEF, der UN-Hochkommissar für Menschenrechrechte, der Sonderbeauftragte des UN-General-
8 Vgl. derüberblick (4/98), S. 46.
- 12 -sekretärs für Kinder und bewaffnete Konflikte, sondern auch viele Regierungen, Regionalzusammenschlüsse und Nichtregierungszusammenschlüsse das Verbot der militärischen Rekrutierung und die Beteiligung von Kindern unter achtzehn Jahren an kriegerischen Auseinandersetzungen. Diese Forderung wurde, in An-spielung auf diese Mindesteinschränkung, als „straight 18“ Position bekannt. 9 Nach jahrelangen Verhandlungen wurde das Fakultativprotokoll (es steht den Staaten frei, das Protokoll zu unterzeichnen) zum Übereinkommen über die Rechte der Kinder, sowie über deren Beteiligung an bewaffneten Konflikten, von der UN- Vollversammlung endlich verabschiedet. Das neue Zusatzprotokoll soll bei der Korrektur von Ungereimtheiten der Kinderrechtskonvention helfen, indem es das Mindestalter für die direkte Beteiligung an Kampfhandlungen, für die Wehrpflicht, und damit für jede Form der Rekrutierung durch bewaffnete Gruppen, von fünfzehn auf achtzehn Jahre anhebt. 10
1. .2 2 I In nt te er rn na at ti io on na al le e K Ko on nv ve en nt ti io on ne en n - - E Ei in n Ü Üb be er rb bl li ic ck k 1
Die 1996 der UN-Vollversammlung von Graça Machel vorgelegte Studie über Kinder, die an bewaffneten Konflikten teilnehmen und deren Auswirkungen ertragen müssen, hat weltweit Aufmerksamkeit und Veränderungen für die Rechte der Kinder bewirkt. Bis zu diesem Zeitpunkt gab es global kein Friedensabkommen, das die Existenz von Kindersoldaten auch nur erwähnte. Und dies, obwohl bekannt war, dass nationale Armeen, aber auch bewaffnete Oppositionsgruppen Hunderttausende von Jungen und Mädchen schon jahrelang als Soldaten rekrutiert und in den Krieg geschickt haben. 11
9 Vgl. terre des hommes, „Kindersoldaten“ in: Globaler Bericht (5/2001), übers. von Andreas Rister. Online im WWW unter URL: http://www.tdh.de, Stand: [20. 03. 2002].
10 Vgl. ebenda.
11 Vgl. terre des hommes-Broschüre, „Albtraum ohne Ende - Kinder zwischen den Fronten“ (3/2000), S. 4.
- 13 -Folgende Missachtung der Rechte von Kindern im Krieg zeigt Machel in ihrer Studie auf:
• schwere körperliche und seelische Gefährdung durch den Zwang zum Kämpfen;
• schwere seelische Traumatisierung durch den Verlust der Familie und der vertrauten Umgebung;
• Verletzungen und sexueller Missbrauch im Kriegseinsatz;
• Verlust wesentlicher Jahre der Sozialisierung.
Auf Grund dieser Tatsachen wird gefordert, dass in jedem Friedensabkommen die Frage der Kindersoldaten einen besondern Stellenwert erreichen muss. Medien aller Art, UN und Nichtregierungsorganisationen setzen sich daher massiv dafür ein, dass die Entlassung von Kindern aus dem Militärdienst forciert wird und Programme zur Familienzusammenführung gestartet werden. Hilfsmaßnahmen also, nach dem Muster von UNICEF und Terre des Hommes und diverser anderer nationaler und internationale Organisationen, die ihre Hilfe für Kinder in Not durch großartige Projekte zur Verfügung stellen und Rehabilitations- und Reintegrationsmaßnahmen zur Erleichterung der Rückkehr in die Zivilgesellschaft veranlassen. Die internationale Coalition to Stop the Use of Child Soldiers konnte erreichen, dass die Standards des Völkerrechtes verschärft wurden und die Rekrutierung von Kindern unter achtzehn Jahren endlich verboten wurde. 12 Terre des Hommes hat in einer Broschüre die Maßnahmen der verschieden Konventionen und die entsprechenden Beschlüsse der letzten Jahre, die sich für das Recht der Kinder im Krieg einsetzen, chronologisch zusammengestellt. Sie werden hier in einem Überblick zusammengefasst:
• 1997: Ottawa-Vertrag. Er ächtet Herstellung, Verkauf, Export und Einsatz von Anti-Personen- Minen.
12 Vgl. ebenda.
- 14 - • 1998:Rom-Statut für die Errichtung eines internationalen Strafgerichtshofs. Er wird Personen verfolgen, anklagen und verurteilen, die für die schwersten Verbrechen verantwortlich sind. Dazu zählen Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermord. Nun werden auch die Rekrutie-rung von Kindersoldaten und das Verlegen von Anti-Personen-Minen zu den Kriegsverbrechen gezählt.
• 1999: Die internationale Arbeitsorganisation (ILO) greift das Thema „Kindersoldaten“ auf und verabschiedet im Juni einstimmig die Konvention 182 über das Verbot von und Sofortmaßnahmen zur Beseitigung der schlimmsten Form von Kinderarbeit.
• 2000: Zusatzprotokoll zur UN-Kinderrechtskonvention gegen die Rekrutierung und den Einsatz von Kindersoldaten. Nach über sechs Jahre dauernden zähen Verhandlungen und Dank intensiver Lobbyarbeit, an der sich auch Terre des Hommes beteiligt hat, verabschiedete die UN- Generalversammlung im Mai 2000 ein Zusatzprotokoll zum Schutz von Kindern vor Rekrutierung und vor Einsatz im Krieg. Vierundsiebzig Staaten haben mit ihrer Unterzeichnung Zustimmung signalisiert. 13
Graça Machel setzt sich trotz der erreichten Fortschritte weiterhin für Konfliktprävention ein und betont in ihrem Report, dass man von dem großen Durchbruch, der Ächtung und Abschaffung des Krieges, noch weit entfernt sei, solange in vielen Ländern der Erde kriegsähnliche Zustände und bewaffnete Konflikte herrschen. Ihre Botschaft lautet daher, dass auch im Krieg nicht zu jedem Mittel und vor allem nicht zu jeder Waffe gegriffen werden dürfe, um den Gegner zu schädigen.
Ein wesentlicher Fortschritt ist jedoch, dass künftig Jugendliche unter achtzehn Jahren nicht mehr zwangsrekrutiert werden, noch an bewaffneten Auseinandersetzungen teilnehmen dürfen. Kommandeure, die Kinder unter fünfzehn Jahre in den Krieg schicken, werden laut Statuten des Weltgerichtshofes als Kriegsverbrecher verfolgt. Obwohl mit dem Zusatzprotokoll ein neuer Standard geschaffen
13 Vgl. ebenda.
- 15 -wurde, beinhaltet er dennoch nach wie vor Kompromisse, die zu Lasten der Kin-der gehen, außerdem sind einige Formulierungen sehr vage gehalten worden. So können sich zum Beispiel Sechzehnjährige freiwillig dem Militär anschließen. 14 So lange in einem Land Krieg herrscht, werden solche Kompromisse nicht auszu-schließen sein. Gerade in armen Ländern und in unsicheren Zeiten sehen die jungen Soldaten durch den freiwilligen Beitritt zum Militär ihren Lebensunterhalt gesichert und haben so betrachtet „fast“ keine andere Wahl.
Abb. 1: URL: http://www.tdh.de, Stand: [12. 10. 2002].
14 Vgl. ebenda.
- 16 - 2 D Di ie e S Si it tu ua at ti io on n d de er r K Ki in nd de er r i im m K Kr ri ie eg g 2
In den folgenden Kapiteln wird auf die Auswirkungen und Folgen, wie sie sich für Kinder im Krieg ergeben, eingegangen. Kinder, die aktiv an bewaffneten Konflikten teilnehmen oder teilnehmen müssen, sind auf allen Ebenen ihrer Entwicklung psychisch, emotional und sozial betroffen. Es findet ein Bruch statt, der normalen Entwicklungs- und Sozialisationsprozessen zuwiderläuft. Die Folgen dieses Bruches sind in der Regel negativ und schädlich für das Wohlergehen des Kindes.
Krieg und Vertreibung gehören für die meisten Menschen in Krisenregionen schon zum Alltag. Kriegerische Angriffe richten sich immer häufiger gegen Zivilisten. Die wenigsten Kriege werden heute zwischen staatlich organisierten Streitkräften ausgetragen, vielmehr kämpfen meist bewaffnete Gruppen gegenein-ander oder gegen die staatliche Armee. Oft geht es um die Kontrolle ganzer Regionen, die reich an Bodenschätzen sind. Die Folgen und Auswirkungen sind dramatisch, denn der Konflikt beginnt sich zu verselbstständigen, wodurch auch Nachbarstaaten in die Kriegswirren hineingezogen werden. Der Zerfall vieler Staaten wird begünstigt. „Kriegsakteure sind heute weit zersplitterte Guerillagruppen, Privatarmeen, zentral organisierte Militärapparate, sich über kriminelle Aktivitäten finanzierende Teile der Armee, breite soziale Bewegungen, Guerilla-organisationen mit staatsähnlichen Funktionen, staatlich geförderte paramilitärische Gruppen, Söldnergruppen oder zwangsrekrutierte Kinder.“ 15 Nicht mehr so sehr die Eroberung anderer Länder steht im Vordergrund, sondern deren systematische Zerstörung auf sozialer und infrastruktureller Ebene, so dass die Gegner langfristig und nachhaltig in ihrer Existenz geschwächt werden. Zwischen diesen chaotischen „Fronten“ sind Kinder und Jugendliche in ganz besonderer Weise von den grausamen Kriegen der Erwachsenen betroffen. Ihr
15 Thomas Hax-Schoppenhorst, Im Inneren der Erde verschwinden - Kinder sind keine Soldaten!,, hrsg. von MISEREOR, Brot für die Welt, Deutsches Jugendrotkreuz, Kindernothilfe, Deutsches
Nationalkomitee des Lutherischen Weltbundes, medico international, terre des hommes, UNICEF,
S. 16.
- 17 -Tod, ihre Verstümmelung, Vertreibung, Vergewaltigung, Verschleppung und Rekrutierung als Soldaten sind grausames Kalkül. Weltweit ist der Terror gegen die Zivilbevölkerung zu einem wesentlichen Bestandteil der Kriegstaktik ge-worden. Die häufigsten Opfer sind Frauen und Kinder. Mindestens dreihunderttausend Kinder unter achtzehn Jahren beiderlei Geschlechts sind in vielen Regionen der Welt in kriegerische Aktivitäten ver-wickelt. Weitere hunderttausend sind in Armeen eingebunden und können jederzeit zum Kämpfen gezwungen werden. 16
Viele Jugendliche werden legal rekrutiert, zahllose andere aber entführt und zu kriegerischen Handlungen gezwungen. Je länger ein Konflikt dauert, um so eher finden Zwangsrekrutierungen statt, denn durch schwere Verluste wird es immer schwieriger, geeignete Rekruten zu finden, die die Lücken in den Reihen füllen. Der Missbrauch von Drogen und Alkohol spielt dabei eine wesentliche Rolle und wird bedenkenlos eingesetzt, um die Kinder gefügig und willenlos zu machen. Das Leben der jugendlichen Rekruten ist in jedem Fall sehr hart. Nachdem sie skrupellos gefügig gemacht wurden, werden sie als Handlanger, Wachen, Leibwächter, Boten, Träger und Spione missbraucht. Sehr oft aber landen sie direkt an der Front oder werden als Voraustrupps für Minenfelder benutzt. Auch Mädchen werden für Kampfhandlungen eingesetzt und ansonsten als Köchinnen und Prostituierte ausgebeutet.
Träume, Wünsche, Hoffnungen und Phantasien über die Zukunft haben alle Kinder gemeinsam. Die Rahmenbedingungen für Kinder, die in vielen Teilen dieser Welt als Soldaten ihr Leben fristen, sind für diese kindlichen Zukunftsperspektiven denkbar ungeeignet.
Extreme Armut, der Verlust der Eltern und des übrigen familiären bzw. sozialen Umfelds sind Negativfaktoren, die nicht nur ein freies und heiles Leben von Kindern in unmittelbar betroffenen Kriegs- und Krisengebieten unmöglich
16 Vgl. ebenda, S. 30.
- 18 -machen, sondern auch das Dasein von Straßenkindern und Flüchtlingskindern bestimmen.
Die Herkunft und Identität vieler Kinder kann nicht mehr festgestellt werden, da gültige Dokumente fehlen. Zahllose Kinder und Jugendliche sehen ihre einzige Überlebenschance im Beitritt zur Armee, oder sie sind auf Grund ihrer desolaten Lebensumstände zu geschwächt, um sich gegen eine Zwangsrekrutierung zu wehren. Durch die systematischen Zerstörung von ganzen Dörfern, Wohnungen und Schulen ist ein soziales Leben meist auf Jahre hinaus unmöglich; lebenswichtigen Einrichtungen fehlen, die ein sicheres und normales Umfeld garantieren könnten.
Kinder, die in abgelegenen Konfliktgebieten leben oder in Heimen aufwachsen, sind besonders gefährdet, von bewaffneten Einheiten verschleppt und ausgebeutet zu werden. Um nicht mehr zu ihren Familien zurückkehren zu können, werden die jungen Soldaten gezwungen, diese zu töten. Jüngere Kinder aus den zerstörten Familienverbänden bleiben einfach sich selbst überlassen. Die Unterstützungsstrukturen in den Kriegsgebieten funktionieren nicht mehr, es herrschen soziale und wirtschaftliche Unsicherheit und allgemeines Chaos. Flüchtlinge finden oft nur in der Armee Unterschlupf. Sobald Kinder in eine Armee oder in eine bewaffnete Gruppe eingezogen worden sind, werden sie automatisch gemäß internationalem Recht in einem bewaffneten Konflikt zum „legitimen“ Ziel. Schutz ist dann nicht mehr möglich. 17 Die Faktoren, die Kinder veranlasst, freiwillig der Armee beizutreten, sind von der physischen und psychischen Not gekennzeichnet, in die sie geraten sind: dem Überlebenswillen nicht zu verhungern, der Suche nach Vergeltung und/oder der Flucht aus der Ohnmacht. In einer Kultur von Gewalt spielt auch die Verführung durch Gleichaltrige bei einer solchen Entscheidung eine gewisse Rolle im Zusammenhang mit Imponiergehabe als Beweis von „Männlichkeit“.
17 Vgl. ebenda, S. 32.
- 19 -Die „Freiwilligkeit“, die Kinder dazu treibt, sich militärischen Verbänden anzuschließen, ist in jedem Fall ambivalent. Das Militär, und damit ein Milieu der Gewalt, bietet vielen Kindern eine scheinbar sichere Gemeinschaft, die sie mit Nahrung und Kleidung versorgt und die vermeintlich kompensiert, was sie verloren haben.
Zusätzlich verwischt der Einsatz von Kindersoldaten die Kriterien, durch die „zivile“ von „militarisierten“ Kindern unterschieden werden können. Kinder, die in den Konfliktzonen leben, geraten daher automatisch in den Verdacht, ein Soldat zu sein. Jedes Kind muss aus diesem Grund Angst haben, verschleppt, verhört, vorzeitig rekrutiert oder getötet zu werden. Aber auch in den Augen der Zivilbevölkerung haben die Kinder ihre Unschuld verloren. Kindersoldaten sind ein Risiko. Sie sind leicht manipulierbar, Werte und Normen einer stabilen Gesellschaft sind ihnen entfremdet worden, in kritischen Situationen halten sie weniger Druck aus als Erwachsene und gelten somit als „schießfreudiger“, weil sie unter anderem auch eher auf Befehle hören. Auf der Suche nach Vorbildern haben sie den Wunsch, Erwachsenen zu gefallen. Wenn Kinder aber töten, so ist das in den meisten Fällen die Folge einer von Erwachsenen vermittelten Verhaltensweise! 18 Zu dem großen Risiko, als Kindersoldat zu sterben oder schwerwiegende Verletzungen zu erleiden, kommen die harten Lebensbedingungen, die sich physisch wie psychisch auf die kindliche Entwicklung extrem negativ auswirken. Die Kinder leiden an schweren Rücken- und Schulterschmerzen durch das Tragen von Waffen und anderer für den jungen Körper ungeeigneter Lasten. Dauerschäden sind die Folge. Schäden, von denen vor allem jüngere Kinder betroffen sind. Darüber hinaus leiden Kinder häufig an Infektionen der Atemwege und der Haut, sowie an Geschlechtskrankheiten, auch Aids ist keine Seltenheit. Unterernährung, Hör- und Sehprobleme kommen hinzu in einer endlosen Liste von schweren gesundheitlichen Beeinträchtigungen, denen Kindersoldaten ausgesetzt sind. Die schwerwiegendsten Schäden und Wunden trägt wohl die
18 Vgl. ebenda, S. 33.
Arbeit zitieren:
Mag.phil. Barbara Pierer, 2003, Sozialisierungsstörungen in Folge von Kriegserlebnissen am Beispiel von Kindersoldaten und Flüchtlingskindern in der „Dritten Welt“, München, GRIN Verlag GmbH
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