Magisterarbeit
von
Harald Bussenius
im Hauptstudium
Magister Erziehungswissenschaft,
Bereich Heil- und Sonderpädagogik
zum Thema
,,′Frühe Störungen′
zum Missverständnis
von Diagnose und Behandlung beim
,Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom′
eine psychoanalytische Betrachtung"
Braunschweig, im März 2008
Inhalt
1.
Zusammenfassung
3
2. Einleitung
3
3. Begriffsbestimmung
`ADHS′
10
4.
Psychoanalytische Positionen beim Verständnis von `ADHS′
13
4.1.
Störungen der Selbst- und Objektabgrenzung
15
4.2.
Abwehr depressiver Gefühle mit Sexualisierung und Aggressivierung
16
4.3. Bindungs- und Trennungsstörungen
18
4.4.
Analytisch-systemische Verstehensgründe
24
4.5.
Neurophysiologische Hintergründe zum Verständnis von `ADHS′
26
4.6.
Zusammenfassung psychoanalytischer Positionen
32
5. Diagnostik
33
5.1
Geschichte der Diagnostik beim `ADHS′
34
5.2.
Zur Situation der Diagnostik beim `ADHS′
39
5.3.
Praxis der Diagnosestellung
40
5.4.
Diagnoseinstrumente
43
5.4.1 .
Intelligenzdiagnostik
46
5.4.2.
Fragebogenverfahren zur Erfassung von Verdachtsmomenten auf das `ADHS′ 47
5.4.2.1.
Die Conners-Skala zur Verhaltensbeurteilung hyperaktiver Kinder
48
5.4.2.2.
Der Stärken und Schwierigkeiten Fragebogen
49
5.4.2.3.
Der Cargive-Teacher-Report Form
50
5.4.2.4.
Die Child Behaviour Checklist (CBCL)
51
5.4.2.5. DISYPS
52
5.4.3. Projektive
Verfahren
53
5.4.3.1. Familie-in-Tieren
54
5.4.3.2. Sceno-Test
54
5.4.4. Zusammenfassung
Diagnose
55
6. Diagnostiker
56
6.1. Lehrer/
Pädagogen
60
6.2. Kinder-
und
Jugendlichenpsychotherapeuten 62
6.3. Ärzte/
Psychiater
63
7. Diskussion
64
8. Schlussfolgerungen
72
9. Literaturverzeichnis
78
Ich verwende in dieser Arbeit ausschließlich aus Gründen der besseren Lesbarkeit durchgehend männliche Bezeichnungen. Ich möchte ausdrücklich darauf hinweisen, stets auch die weibliche Form mit einbezogen verstanden zu wissen. Ich bitte um Nachsicht, diesen mir wichtigen Aspekt nicht jedes Mal aus Platz- und praktischen Gründen ausdrücklich in beiden schriftlichen Formen dargestellt zu haben.
1. Zusammenfassung
Anliegen der vorliegenden Arbeit ist, einen gezielten Blick aus psychoanalytischer Sichtweise auf die gängige Praxis der Diagnostik bei `ADHS′ zu werfen.
Zunächst werden psychoanalytische Gesichtspunkte, gezielter die Bindungstheorie, zum Verständnis beim Auftreten von `ADHS′ dargestellt. Anschließend erfolgt eine darstellende Inhaltsanalyse gängiger Diagnosepraxis und dabei angewendeter Diagnosemethoden bzw. mittel. Die Diagnostik wird auf dem Hintergrund analytischer Gesichtspunkte zum Verständnis von `ADHS′ auf ihre Brauchbarkeit aus analytischer Sicht hin untersucht. Ich vermute, dass die aktuelle diagnostische Praxis bei dem Verdacht auf `ADHS′ anhand standardisierter Verfahren den individuellen Verstehenshintergrund beim Verdacht auf `ADHS′ negiert und verleugnet. Dadurch, so die These, werden wichtige Gesichtspunkte bei der Diagnostik übergangen und es kommt zum in der Praxis existierenden methodischen Bruch verschiedener therapeutischer Schulen, der letzten Endes das Kind und sein Lebensumfeld übergeht. Anschließend wird diskutiert, ob die gängige Praxis heutiger Diagnostik bei dem Verdacht auf `ADHS′ nicht von Anfang an analytische Grundpositionen schlicht übergeht.
2. Einleitung
Das sich inflationär auszubreiten scheinende Krankheitsbild `ADHS′ Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom hat in den letzten Jahren fachlich äußerst kontroverse Diskussionen hervorgerufen. Die dabei stark polarisierenden Standpunkte erzeugen heftige Affekte und treffen wie ideologische Weltanschauungen aufeinander. Es herrschen in der Fachwelt diametral unterschiedliche Auffassungen über die Erkrankung, die Beziehung von Körper und Geist, von Psycho-Logik im Sinn einer Kausalität, von Individuum und Gesellschaft sowie Determinismus und Finalität.
Das vorherrschende Verständnis von `ADHS′ entspricht einer monokausalen, körperlich genetischen Erkrankung. Ich vertrete in meiner Untersuchung die psychoanalytische Minorität als Gegenpol zum vorherrschenden Verständnis, die allerdings in letzter und nächster Zeit eine nicht mehr zu überhörende Haltung gegenüber dem Verständnis von `ADHS′ vertritt, die die Erkrankung in einem beziehungs- und sozialorientierten, sinnverstehenden Zusammenhang zu verstehen sucht. Dieser Blick versteht `ADHS′ als Folge eines komplexen Bedingungs- und Entstehungsgefüges, in folge dessen das Kind mit `ADHS′ ein Kind einer psychosozialen-somatischen Einheit gesehen wird. Damit wird das Kind mit `ADHS′ samt seiner sozialen Umgebung ein Ab- und Sinnbild heutiger Moderne.
Der Titel der Arbeit formuliert überspitzt eine Gegenübertragungsreaktion beim Lesen von Lektüre über die ,Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung′ (`ADHS′). Keine Verhaltensauffälligkeit erzürnt und entzweit die fachlichen und direkt davon betroffenen Geister mehr. ,Frühe Störungen′ greift als Gegenübertragungsphänomen die Standortbestimmung der ,einen Seite′, der Psychoanalyse auf. Die ,andere Seite′, die Verhaltenstherapie findet sich nicht darin wieder. Verhaltenstherapeutische Interventionen und deren biologistische Sicht auf das Kind dominieren den therapeutischen Umgang mit der Verhaltensauffälligkeit. ,,Mit behavioraler Didaktik und Psycho-Pillen will sie [Verhaltenstherapie, H.B.] funktionale Anpassung erreichen." ,,Sie ist" wie Gerspach sagt ,,blind für die tiefenstrukturelle Dimensionen des Geschehens." (2002, S. 99)
Gleichwohl viele Autoren (Grothe und Horlbeck/ Lehmkuhl und Döpfner) Modelle einer ,,differentiellen Indikation" vertreten, ,,tauchen entsprechende Überlegungen weder im öffentlichen noch im wissenschaftlichen Diskurs auf" (Leuzinger-Bohleber, S. 25).
Diese Einseitigkeit des Vorgehens im Umgang bei Diagnostik, Behandlung und Diskussion mit ADHKS und die damit einhergehende Diskussion über genetische oder hirnphysiologische Ursachen bei der Entstehung von ADHKS engen die Sicht auf das Phänomen ein. ,,Dem erwünschten Normbereich wird ein davon abzugrenzender unerwünschter, ,irrsinniger′, letztlich verhaltens-,behinderter′ Seinsbereich gegenübergestellt, der differentialdiagnostisch verifiziert, terminologisch etikettiert und verwaltungstechnisch verortet wird." (Mattner, 2002, S. 25)
Entsprechend so scheint es werden psychoanalytische Positionen in der Diskussion marginalisiert und wie Ansätze einer modernen Heilpädagogik bei der Bewertung ihrer Wirksamkeit beim Verständnis von und im Umgang mit der Verhaltensauffälligkeit abgewertet. Die Determinante des Wissenschaftlichen wird diesen Ansätzen nahezu aberkannt eben mit den Mitteln, mit denen das Symptombild `ADHS′ manifestiert wird. Diese Unterdrückung von Denk- und Anerkennungsprozessen im Sinn einer Achtung anderer Meinungen wirkt wie ein mit bei der Entstehung von `ADHS′ beim Kind auslösender Teil: Die Eigenheit, ,Wehrhaftigkeit′ des Kindes gegenüber vorherrschenden erwachsenen Meinungen und Haltungen wird übergangen, bleibt unerhört und soll letztlich verschwinden. Entsprechend hoch wird von dem Kind oft der familiäre Druck auf das Kind erlebt. Ähnlich ergeht es im Wissenschaftsbetrieb der Minorität von Menschen mit psychoanalytischen Sichtweisen. Gesellschaftliche Veränderungen und deren Einfluss (Heinemann und Hopf 2006/ Wenke/ Gerspach 2002) auf die heutige Erziehung und damit das seelische Erleben von Kindern werden von verhaltenstherapeutischer Seite (Emrich und Ohlmeier 2005, S. 428) als
,,Zuweisung von Schuld und Versagen ... als besonders kränkend" (zitiert nach Heinemann und Hopf, S. 136) für die betroffenen Familien von Kindern mit `ADHS′ erlebt beschrieben. Dieses Gefühl der Kränkung wird als Unterstellung persönlicher Verantwortung zurück gewiesen. So kann keine innere Reflexion mit der Thematik beginnen analog können Kinder und deren Familien ohne das Erkennen von einem inneren Sinnzusammenhang zwischen ihnen und dem `ADHS′ keine Zusammenhänge sehen bzw. erleben. Entsprechend wird dann wie von zwei Dingen gesprochen: Kinder und `ADHS′ als getrennte Systeme ohne scheinbare Berührungspunkte.
Im Widerspruch dazu bestätigt der Sprecher der Fachgruppe für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie in der Deutschen Gesellschaft für Verhaltenstherapie gesellschaftliche Auswirkungen auf Kinder und ihre Familien: ,,Je größer potentielle Stress- und Konfliktquellen sind, desto mehr werden das Familienleben und die soziale Unterstützung in Mitleidenschaft gezogen." (Zurhorst, 2005, S. 5 zitiert nach Gahlleitner und Borg-Laufs, S. 109) Damit wird eine Kritik von Gerspach (2006, S. 95) aufgegriffen, der das ,,unsägliche Zusammenwirken der Vorherrschaft eines einseitig rationalistisch ausgelegten und ausgelebten Lernmodells mit der gleichzeitigen Entwertung des spielerisch Gelernten" als Ursache für Unaufmerksamkeit annimmt. So werden einerseits die Geister der Befürworter der genetischen Ursachendiskussion und folglich medikamentösen Behandlung von Kindern mit `ADHS′ geweckt und sobald die gerufen wurden wieder zur Ruhe gebeten. Das versperrt den Blick auf die Individualität betroffener Kinder und ihrer Familien und pauschalisiert die Existenz unterschiedlicher Symptome zu einem unspezifischen Syndrombegriff. Gleichzeitig wird mit dem Widerspruch deutlich, wie sehr erlebte und nicht verarbeitete Kränkung auch kollektiv abgewehrt werden kann (Mitscherlich1968/ Maaz 1991). Die Verleugnung der Realität bzw. der Individualität der Kinder dient vor allem dem Schutz des Selbstgefühls vor schroffen Entwertungen (die von betroffenen Kindern mit `ADHS′ oft erlebt werden). Ich stimme mit der Beobachtung von Leuzinger-Bohleber (S.16) überein, ,,dass der Dialog zu `ADHS′ zwischen verschiedenen Disziplinen und Berufsgruppen entgleisen könnte und in eine Polarisierung mündet statt in ein gemeinsamen kritischen Versuch, die unbestrittene Zunahme von Kindern, die an dieser Symptomatik leiden, zu verstehen." Auf mich wirkt die Zerstrittenheit der Fachdisziplinen wie die Inszenierung eines möglichen inneren Konflikts eines Kindes mit `ADHS′: Statt als Eltern gegenüber dem Kind einig zu sein, erlebt das Kind einen Streit der Eltern; diese sind mit sich beschäftigt und verlieren darüber den Blick auf das Kind, in diesem Fall die Symptomatik. So kreisen die Diskussionen oftmals auf einer sehr theoretischen Ebene und verlieren das Konkrete, das Kind und sein Leiden an eben dem, aus dem Blick. Die Aufmerksamkeit muss
vom Kind mit seinem Verhalten eingefordert bzw. aufrechterhalten werden. So wird der Blick verschoben er richtet sich nun auf das Kind und das eigene Handeln gerät aus dem Blickfeld, weil immer wieder der Umkehrschluss der Symptomatik vermieden und verleugnet wird.
Meinem Eindruck nach entsteht von Anfang an, also ab dem ersten Wahrnehmen der Verhaltensauffälligkeit beim Kind, eine innere Weichenstellung, die sehr von der subjektiven Haltung des Wahrnehmenden geprägt ist. Diese Prägung ist so einprägend, analog dem frühen Mutter-Kind-Dialog, dass daraus eine Haltung werden kann oder zu werden droht, die die Subjektivität des anfangs beobachteten Objekts mit Übertragungen des Beobachters überdeckt. Allein schon dieser mögliche Vorgang verändert das Objekt, also das verhaltensauffällige Kind, in seinem Agieren und seinem Erleben von der Welt. Ich möchte mit dieser Arbeit anfängliche Schwierigkeiten beim Auftreten von ADHKS und der Diagnostizierung des Phänomens beschreiben, aufdecken und aus analytischer Sicht werten.
Meine These ist, dass die biologistisch-medizinische Sichtweise im Umgang mit `ADHS′ von Anfang an, also von der Diagnostik an, dominiert und die darauf folgenden Handlungsschritte prägt. Dadurch werden psychoanalytische Ansätze, ich betone: Keine alternativen Ansätze sondern andere wissenschaftlich fundierte Theorien übergangen bzw. verleugnet. Als möglichen Hintergrund für diese Vorgehensweise vermute ich den alten Zwist seit Aufkommen der Psychologie zwischen Medizinern und Psychologen. Dieser Zwist begann mit der Auseinandersetzung um die Laienanalyse, also die Anwendung der Psychoanalyse durch andere Berufsgruppen als Mediziner. Diese Auseinandersetzung findet sich auch an anderen überschneidenden Arbeitsfeldern zwischen Medizin und Psychologie, z. Bsp. in der Geschichte und Gegenwart von Erziehungsberatungsstellen und deren Stellenwert neben Sozialpädiatrischen Kliniken. Es geht um eine Auf- und Abwertung zweier Berufsgruppen, die letztlich zulasten der Patienten oder Klienten gehen würde. Auf diesen Disput der Fachdisziplinen gehe ich nicht näher ein. Analog dazu findet sich z. B. als eine hohe Wahrscheinlichkeit für das Auftreten von `ADHS′ beim Kind die Uneinigkeit und Unterschiedlichkeit von Erziehungsstilen bei Eltern wieder, die ein Kind beunruhigen könnte. (Stork) Ich verfolge das Ziel, in meinem Alltag als analytischer Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut gemachte Beobachtungen exakter erfassen zu wollen. Ich vernehme bei allem Anspruch an eine sorgfältige Diagnostik eine diagnostische Laxheit im Umgang mit `ADHS′, eine verwunderliche Schnelligkeit bei der Diagnosestellung und eine bei bekannter Skepsis und Kritik gegenüber einer medikamentösen Behandlung Hilflosigkeit bei der Entscheidung für eine Medikation. Mit Laxheit meine ich eine
Überbewertung der Diagnose mit Betonung auf die Kognition, die beim Kind noch gar nicht so weit entwickelt ist. Gängige Diagnoseinstrumente verzichten auf den spielerischen Aspekt als Wert des Kindes in seinem Ausdruck, der ,,auf den analogen Ebenen des Spiels und des Phantasierens zusätzlich zum Verstehen und Verarbeiten bereits die Lösung der Konflikte" beinhaltet. Deshalb solle man ,,diese Transformation ins Symbolische ... nicht zurückübersetzen in die Realität" (Fahrig, S. 705).
Im (absichtslosen) Spiel kommt der innere Prozess zum Tragen, entsteht eine Szene im Sinn des szenischen Verstehens. Dieses Spiel wird von gängigen Diagnoseinstrumenten so meine These abgewertet und negiert. Damit wird der Diagnoseprozess eine ,,Heimtücke", die darin besteht, ,,dass unsere Eltern und wir in einer Kultur leben, die Selbstachtung direkt aus der Fähigkeit bezieht, andere zu beherrschen (ökonomisch, politisch, sozial, intellektuell, sexuell, usw.). Eltern sind als in der Lage, die Abhängigkeit eines Kindes zur Steigerung ihres Selbstwertgefühls auszunutzen". Eltern und Diagnostiker gehen einen Pakt gegen den lebendigen Ausdruck, der Hyperkinese, des Kindes ein. Sie schaffen ein Bündnis gegen das Kind, stellen sich ihm gegenüber: ,,da dieses Ausnutzen unbeabsichtigt geschieht, erreicht es auch nicht das Bewusstsein der Eltern und der Gesellschaft, kann also gar nicht richtig wahrgenommen werden." Dieser Verdrängungs- und Projektionsprozess bewirkt den aktuell herrschenden Umgang mit `ADHS′. ,,Das führt unvermeidlich dazu, dass sich das Kind fremden Anforderungen unterwirft. Wenn aber ein Kind seine eigenen Neigungen unterdrücken muss, verliert das lernen das Spielerische und wird zur Pflicht. Die Eltern erwarten von ihrem Kind Leistungen. Das Lernen wird dadurch programmiert, zerstückelt und fängt an, auf Wiederholung und Übung ausgerichtet zu sein." (Gruen, S. 27) Pointierter kann die vorherrschende Konzentration auf die verhaltenstherapeutische Behandlung von ADS nicht beschrieben werden.
Die analytische Praxis bei der Diagnostik betont das szenische Verstehen bzw. die gründliche Erfassung der Anamnese (Argelander/ Eckstaedt/ Dührssen). Beide Instrumente kommen in der Praxis der Diagnostik von `ADHS′ meiner Beobachtung nach unzureichend vor. Insofern liegt es nahe, den Anfang, die Diagnose und die Schritte hin zu ihr, genauer zu betrachten, um möglicherweise an dieser Stelle bereits ein szenisches Verstehen zu ermöglichen. Was wird vom Patienten bzw. vom Kind mit seiner Verhaltensauffälligkeit inszeniert? Und was inszeniert die Seite der Aufnahmeseite, die Seite der Diagnostik? Was bringt diese Seite der dialektischen Begegnung mit sich? Wo bleibt der lebendige Ausdruck des Spiels vom Kind? Erfolgt eine scheinbar objektive Sicht auf das Kind oder bereits eine Form der Gegenübertragungsreaktion auf die Verhaltensauffälligkeit des Kindes und deren Bedeutung in der Gesellschaft?
Diesen Fragen werde ich nachgehen. Dazu werde ich den Begriff der Verhaltensauffälligkeit der Symptomatik festlegen, das psychoanalytische Verständnis der Symptomatik skizzieren und folglich die Situation und Methoden der Diagnostik näher darstellen, woraus sich die Diskussion ergibt. Ich bin analytisch positioniert. Damit unterstelle ich bei den ursächlichen Überlegungen zur Entstehung von `ADHS′ überwiegend Störungen bei der Psychosozialenstruktur. Diese setzen die klassische Annahme von interpersonellen und intrapsychischen Konfliktlagen bei dem Kind und entsprechend seiner Familie voraus. Ich möchte mit dieser Positionierung einen klaren Standpunkt bekennen, um von diesem her pädagogisch-therapeutische Konsequenzen zu entwickeln und nicht in der Vielfalt möglicher Sichtweisen zu verschwimmen bzw. darin unterzugehen. So gehe ich davon aus, ,,dass die Psychoanalyse ihren Wahrheitsanspruch aus einer besonderen Verstehensart bezieht, die er [Lorenzer in ,,Sprachzerstörung und Rekonstruktion" (1970) sowie ,,Die Wahrheit der psychoanalytischen Erkenntnis" (1974); H. B.] als ,szenisches Verstehen′ charakterisiert und die sich, vermittelt über die Prozesse von Übertragung und Gegenübertragung, zur Tiefenhermeneutik ausweitet. ... die Aufgabe des Psychoanalytikers besteht darin, aus den Mitteilungen des Patienten über vergangene Vorfälle wie auch aus seinem aktuellen Verhalten charakteristische Konstellationen herauszulösen, die sich jeweils auf einen gemeinsamen Sinnzusammenhang beziehen lassen. Dabei kann es nicht um die Rekonstruktion realer Ereignisse gehen, sondern entscheidend sind allein die Phantasien und Vorstellungen des Patienten, die diesen Vorfällen ihre subjektive Bedeutung verleihen" (Dohmen-Burk, S. 45) und ihm seine Subjekthaftigkeit durch das Verstehen und Deuten (Rückmelden) dieser inneren Vorgänge habhaft werden, spüren lassen. Bedeutsam ist, dass sich ,,das szenische Verstehen ... immer auf Interaktionszusammenhänge" (ebd.) bezieht. ,,So lässt sich das aktuelle Geschehen als Inszenierung einer Interaktionsmusters betrachten, das durch frühere Beziehungen zu andern Personen geprägt wird. Die besondere Schwierigkeit für den Psychoanalytiker ergibt sich dabei aus der Konfrontation mit solchen Äußerungen, die Ausdruck der im Sozialisationsprozess erfahrenen Deformierungen sind und die auf eine gestörte Interaktion verweisen." (ebd.) Dieser Verstehens- und Verständnisprozess setzt außerordentlich viel Feinfühligkeit und ,,lebenspraktische Vorannahmen voraus, die der Psychoanalytiker aus seinem Vorwissen über geregelte Interaktionsabläufe bezieht und die reflektierbar sein müssen." (ebd., S. 46) Dazu benötigen Psychoanalytiker Supervisionsrunden, also lebendige Interaktion, die bei statistischen Diagnoseverfahren durch Computer abgelöst zu sein scheint. Entsprechend fehlen das lebendige Gegenüber und das psychoanalytische Instrument der Gegenübertragung. ,,In der Gegenübertragung begibt sich der (ebd., S. 45)
Analytiker in einer funktionellen Regression auf die Ebene der desymbolisierten Interaktionsformen, um von dort aus seine eigene Position wie die des Patienten zu begreifen und die unterdrückten Inhalte wieder mit der sprachlichen Praxis zu vermitteln." (ebd., S. 46) Das Kind mit und ohne `ADHS′ teilt sich vom ersten Augenblick an ,szenisch′ dem Psychoanalytiker mit. In der Begegnung, in der Wahl seines Spiels und seiner Spielmittel wird deutlich, was desymbolisiert wurde, welche Wünsche unbewusst in dem Kind lebendig sind und verstanden werden wollen, damit es seine Symptomatik aufgeben kann.
Ebenso wichtig ist bei der psychoanalytischen Behandlung von Kindern die Einbeziehung der Eltern, um denen die Sprache des Kindes neu zu vermitteln und ihre eigene Kommunikationsform, die sie oftmals auf das Kind übertragen, aufzudecken und verändern zu können. Szenisches Verstehen spielt in der gegenwärtigen Behandlungssituation eine tragende Rolle, ,,als die beobachteten Verhaltensweisen zu früheren Situationen in Beziehung gesetzt werden" können und ,,frühe Störungen im sozialen Austausch aufzudecken." (ebd., S. 47) Dabei geht es um die Erfassung mikrostörungsrelevanter Kommunikation, die Außenstehenden nichtig, nicht vorhanden oder geringfügig erscheinen mögen und das Kind in seinem Handeln bedrohen, seine darauf folgenden Reaktionen unverständlich erscheinen lassen. Dieser kommunikative Aspekt wird mit Fragebögen nicht erfasst, nicht reflektiert, völlig übergangen. Das Kind benötigt ,,ein ausreichendes Maß an Empathie" bei seinen Bezugspersonen, um sich ,,neuen Erfahrungen öffnen zu können." (ebd.) Geschieht dies nicht, wird das Kind nach psychoanalytischem Verständnis mit seinen unverstandenen Assimilationsbestrebungen ,,auf sehr archaische Regulationsmechanismen zurückgreifen." (ebd.) Psychoanalytische Positionen in genannten Sinn werden bis heute im universitärem Raum und anderen psychosozialen Ausbildungsgängen häufig reduziert vermittelt durch Lehrpersonen, denen selbst nur ein sehr eingeschränktes Bild der Psychoanalyse vermittelt wird (vergl. Eichenberg). Selten lehren Psychoanalytiker Psychologie. So blieb und bleibt Psychoanalyse in der Vermittlung häufig reduziert auf die Triebtheorie und Grundlagen von Freud und im Vergleich dazu Adler. Psychoanalytische Entwicklungen und Fortschreibungen sind nicht in den Lehrkanon aufgenommen, heute unter Psychoanalytikern bekannte Namen (s. u.) sind außerhalb psychoanalytischer Kreise nur Wenigen bekannt und deren Inhalte noch Wenigeren. So ist es nicht verwunderlich, dass die Ablehnung der Psychoanalyse als moderne Wissenschaft bis heute auf einer Kritik an Freud aufbaut und auf ihn aufbauende Theorien vollkommen auszublenden versucht.
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Harald Bussenius, 2008, 'Frühe Störungen' - Eine psychoanalytische Betrachtung zum Missverständnis von Diagnose und Behandlung beim 'Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom', Munich, GRIN Publishing GmbH
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