2
Gliederung
1. Einleitung 3
2. Facettenreichtum der Schwäche Zenos 4
2.1 Der handlungsunfähige Held. 4
2.2 Der neurotische Held. 5
2.3 Der schuldige Held. 7
2.4 Der narzisstische Held. 8
3. Der schwache Held in der Auseinandersetzung mit seiner Umwelt 10
3.1 Zeno und der starke Rivale. 10
3.2 Zeno und die begehrte, starke Frau 12
3.3 Zeno und der starke Konkurrent. 14
4. Mechanismen zur Kompensation der Schwäche. 16
4.1 Traumfähigkeit 16
4.2 Ironische Grundhaltung. 17
4.3 Die psychische Strategie des schwachen Helden. 19
5. Schlussbemerkung. 20
6. Bibliographie 21
3
1. Einleitung
In der Epoche des Übergangs vom 19. zum 20. Jahrhundert, in der die traditionellen Werte an Beständigkeit verloren haben und eine verbindliche kulturelle Ordnung obsolet geworden ist, hat sich auch die Konzeption des literarischen Helden gewandelt: 1 Der Held des modernen Romans ist nicht länger ein sich in allen Lebenslagen und Konflikten behauptendes Individuum, sondern vielmehr ein Durchschnittsmensch mit Schwächen und Gebrechlichkeiten. Während in der antiken Welt des Epos der Romanheld Ausdruck eines auf Wahrheit und Schönheit beruhenden Ideals ist, scheitert der moderne Held sowohl an der Anpassung an die idealfremde Welt, als auch bei der Suche nach sich selbst. Ein solch paradigmatischer Antiheld findet sich in dem Svevo’schen Protagonisten Zeno Cosini.
Ziel dieser Arbeit ist es, die Inszenierung der Figur des Zeno Cosini als schwachen Helden im Romanwerk nachzuweisen. Hierfür werden zunächst verschiedene Facetten der charakterlichen Schwäche Zenos aufgezeigt. Diese Facetten werden mit der Methode der psychoanalytischen Literaturinterpretation näher auf ihre Ursprünge untersucht. Inwieweit diese Prädispositionen Zeno in der Interaktion mit seiner Umwelt beeinflussen, wird im dritten Kapitel behandelt. Hierbei werden drei verschiedene Komplementärfigurentypen in der Auseinandersetzung mit dem Antihelden betrachtet: Die begehrte, starke Frau, der überlegene Rivale sowie der verhasste, starke Konkurrent. Schließlich werden die Mechanismen zur Kompensation der Schwäche analysiert, mit denen der schwache Held Zeno die eigene Minderwertigkeit zu verbergen und auszugleichen sucht und mit denen er sich gegen Angriffe aus der Außenwelt schützt. Abschließend sollen die Ergebnisse resümiert werden und es ist zu diskutieren, inwieweit und in welcher Form es dem Antihelden gelingt, seine Schwäche abzulegen.
1 Delassalle 1996 S.163-165
4
2. Facettenreichtum der Schwäche Zenos
In diesem einleitenden Kapitel stehen die mannigfachen Facetten der Schwäche Zenos im Mittelpunkt der Analyse. Hierbei sollen auch im besonderen Maße die Ursprünge dieser Eigenschaften mit Hilfe der Psychoanalyse ergründet werden. Des Weiteren sind die Konsequenzen, die Zeno aus diesen Facetten erwachsen, zu untersuchen.
2.1 Der handlungsunfähige Held
Zeno Cosinis Verhalten ist gekennzeichnet von der Unfähigkeit zu agieren und Entscheidungen zu treffen. Er überlässt es stets dem Zufall und der Außenwelt, über seine Zukunft zu bestimmen. So erwählt er Augusta nicht zu seiner Ehefrau, sondern wird zu dem Heiratsantrag bewogen. Gleichfalls verliert er seine Geliebte Carla aufgrund eines Missverständnisses, anstatt sie gemäß seiner guten Vorsätze zu verlassen. Zenos Unentschlossenheit äußert sich des Weiteren in einer Sprunghaftigkeit: Er pendelt zwischen dem Jus und der Chemie, sowie zwischen der Ehefrau und der Geliebten.
Zeno fristet sein Dasein, indem er sich beim Leben zuschaut. 2 An Stelle der Aktion tritt die Erforschung der eigenen Existenz. 3 Seinem kontemplativen Wesen entsprechend versinkt er in Grübeleien, denen jeder Entschluss zur Aktion fehlt. Diese Passivität und Willenlosigkeit führen zwangsläufig zu einem untätigen, müßigen Leben. Dabei befriedigt ihn seine Stellung im Leben durchaus nicht. Er ist jedoch aus Trägheit und Energiemangel unfähig, sich aktiv im Leben einzubringen und Missstände zu beheben. Dies geht soweit, dass er Strategien der Handlungsverhinderung entwirft, indem er die eigene Passivität und Unfähigkeit mit dem Alter, der Schwäche oder den äußeren Umständen entschuldigt. 4 Die ständig wiederkehrenden Rechtfertigungsschemata ersetzen das eigene Handeln. 5 So erklärt er sein Scheitern im Leben mehrfach mit dem intensiven Rauchen: „Es schien bewiesen, daß ich für das chemische Studium nicht geeignet war, allein schon wegen meiner ungeschickten und unsicheren Hände. Wie hätten die auch anders sein können, da ich unaufhörlich wie ein Türke rauchte?“ 6 Indem Zeno die eigenen Defizite als Vorwand für den Müßiggang verwendet, macht er sich selbst zu einem „inetto“: 7 Das Scheitern wird zum Modus der Lebensführung. Die Vorwände für das Nicht-Handeln durchziehen den gesamten Roman und sind symptomatisch für Zenos Unzulänglichkeit. Es stellt sich die Frage, wie dieses unentschlossene Verhal- 2 Delassalle1996 S.118
3 ebd. S.182
4 Behrens 1994 S.347
5 Schärer 1978 S.40
6 Svevo 2007 S.37
7 Behrens 1994 S.347
5
ten zur Realität begründet ist. Als Ursache hierfür kann die neurotische Angst vor der Realität gewertet werden: 8 Zeno ist unfähig, die ihn umgebende Realität zu kontrollieren und fühlt sich von dieser unter Druck gesetzt. Diese Realitätsfurcht und Lebensangst führen schließlich zu einer Schwächung des Ichs und dem Verlust von Handlungsantrieben. 9 Zenos Bestreben ist es daher, Entscheidungen zu meiden und jeglicher Form von Bindung zu entgehen: 10 Indem er sich nicht festlegt und irreversible Entscheidungen vermeidet, kann er den vergänglichen Charakter des Lebens ignorieren und sich seine Infantilität bewahren. 11 Dieser Angst vor der Realität zum Trotz entwickelt Zeno sporadisch einen überzogenen Trieb zu agieren. 12 Dabei fallen seine Handlungen ostentativ und irrational, ja seinem eigenen Unvermögen zum Trotz ungestüm, aus. Ein solches krampfhaft aktives Handeln zeigt sich in dem starrsinnigen Vorhaben unmittelbar eine der drei Malfenti-Töchter - selbst die unattraktive Augusta - zu heiraten. Der willenskranke Zeno kompensiert seine Vorliebe für die Passivität folglich beizeiten in einer Überaktivität.
2.2 Der neurotische Held
Der müßige Lebenswandel gestattet es Zeno, sich intensiv mit der eigenen Person zu beschäftigen. Durch den Mangel an kommerzieller Tätigkeit verfügt er über reichlich Zeit für die Analyse und Observation der zahlreichen körperlichen Unpässlichkeiten und für die Kreation neuer Krankheitssymptome. Dabei leidet Zeno nicht wirklich an einer organischen Krankheit - vielmehr ist seine Hypochondrie ein pathologisches Symptom. 13 Die Hypochondrie wird von Sigmund Freud als eine Form der Aktualneurose beschrieben. 14 Nach Freud löst der Hypochondrische Interesse wie Libido von den Objekten der Außenwelt und richtet beides auf ein jeweiliges Organ. 15
Neben der Hypochondrie sind ferner Zenos Zwangsvorstellungen charakteristisch für seinen neurotischen Charakter. Zenos Drang stets zu grübeln und zu spekulieren - ja das Grübeln zur Lebensaufgabe zu setzen - ist ein exemplarisches Symptom der Zwangsneurose. 16 Seine fundamentale Unsicherheit manifestiert sich außerdem in dem leitmotivischen Zweifel: 17 Zeno ist ohne festes Urteil über sich selbst und andere und weist keine gesellschaftlichen Wertmaßstä-
8 Schärer1978 S.32
9 Wuthenow 1990 S.73
10 Delassalle 1996 S.118
11 ebd. S.75
12 Schärer 1978 S.32-33
13 Delassalle 1996 S.106
14 vgl. Freud 1969 S.378
15 Freud 1975 S.50
16 vgl. Freud 1969 S.259f.
17 Heitmann 1980/1 S.8
6
be und moralische Kategorien auf, so dass ihm nur der Zweifel bleibt. Das Grübeln und Zweifeln wirkt sich schließlich auch hemmend auf Zenos Handlungswillen aus. Lediglich Zwangs-handlungen führt Zeno fortwährend aus. Zwangshandlungen meinen Wiederholungen sowie zeremoniöse Verzierungen an Tätigkeiten des Alltagsleben, die gemeine Prozesse unnötig erschweren. 18 Der Versuch, das Rauchen aufzugeben, wird beispielsweise rituell mit dem Spiel mit Daten und Geburtstagen zelebriert. 19 Dabei sollen die zeremoniellen Handlungen den Zwangsneurotiker beruhigen. Zeno benötigt ein öffentliches Koordinatensystem und einen minutiösen Zeitplan, an denen er sich orientieren kann: 20 So fungieren die ewig letzte Zigarette und die Regelmäßigkeiten, die Augusta in Zenos Leben einführt, als beruhigende Fixpunkte in seinem Dasein.
Die Neurose bedeutet für den Zwangsneurotiker folglich die Einschränkung der Handlungsfähigkeit. Dennoch wird dem Ich durch das Ausweichen in die Neurose ein gewisser Krankheitsgewinn zuteil. Ein solcher lässt sich bei Zenos Hypochondrie de facto feststellen. 21 Seine Flucht in die Krankheit erweist sich als eine exzellente Defensivstrategie: 22 Sie gewährt Zeno einen privilegierten Status und schafft ihm Erleichterung, indem sie ihn von dem Zwang eines normalen und verantwortlichen Verhaltens befreit und sein kapriziöses Dasein rechtfertigt. Zudem fungiert die mutmaßliche Krankheit als Vorwand für das erfolglose Leben Zenos, so dass er fortan an die eigene Lebenstauglichkeit glauben kann, ohne den Beweis antreten zu müssen. 23 Der hypochondrische Zeno ist demnach nur scheinbar auf der Suche nach Gesundheit. Faktisch strebt er nach einer Krankheit, die für ihn Rechtfertigung und Entlastung zu sein verspricht. So formuliert er: „Ich wünschte mir nicht gerade den Tod, aber die Krankheit; eine Krankheit, die mir entweder als Vorwand dienen konnte, das zu tun, was ich eigentlich wollte, oder die mich an meinem Vorhaben hindern würde.“ 24 Bestrebt physisch krank zu sein und psychisch tatsächlich lädiert, sucht Zeno nach Vorwänden für seine Schwäche, ohne zu merken, dass er sich somit selbst in eine inferiore Stellung manövriert.
18 vgl. Freud 1969 S.260
19 Delassalle 1996 S.71
20 Kuhnle 2005 S.149
21 vgl. Freud 1969 S.371-379
22 Delassalle 1996 S.186f.
23 Brinkmann-S. 1986 S.174f.
24 Svevo 2007 S.282
Arbeit zitieren:
Laura Dorfer, 2008, Facetten und psychische Strategie des schwachen Helden in Italo Svevos „Zeno Cosini“, München, GRIN Verlag GmbH
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