TU Berlin
Zentrum für Antisemitismusforschung
SE Lachen über Hitler? Filmische Inszenierungen des Holocaust
WS 2007/2008
Lachen über Hitler?
TO BE OR NOT TO BE als kritische Komödie
2
Inhaltsverzeichnis
Einleitung ... 3
1. TO BE OR NOT TO BE ... 4
1.1 Inhalt von TO BE OR NOT TO BE... 4
1.2 Wahrnehmung und Wirkung ... 6
1.2.1 TO BE OR NOT TO BE und der polnische Widerstand ... 7
1.2.2 Das Remake von Brooks ... 9
2. Lachen über Hitler- Komödie vs. Tragödie ... 11
2.1 Die Tragödie- das ästhetische Mitleid ... 11
2.1.1 Die Tragödie bei Aristoteles... 11
2.1.2 Die Tragödie und der Rezipient ... 11
2.1.3 Tragödie und Manipulation...13
2.2 SCHINDLER'S LIST ...15
2.2.1 Inhalt und Wirkung ...15
2.2.2 Gemeinsamkeiten...17
2.3 Die reflexive Kraft der Komödie ...19
2.3.1 Die Komödie im Verhältnis zur Tragödie...19
2.3.2 Die Komödie und das Lachen des Publikums ...19
2.3.3 Das Wissen des Rezipienten ...20
2.3.4 Komödie und Stellungnahme ...21
3. Fazit ... 24
Bibliographie ... 25
3
Einleitung
Was das Komische an Hitler betrifft, möchte ich nur sagen,
dass es, wenn wir nicht ab und zu über Hitler lachen können,
noch viel schlechter um uns bestellt ist als wir glauben.
Es ist gesund zu lachen, auch über die dunkelsten Dinge des Lebens,
sogar über den Tod.
1
Glaubt man Annette Insdorf, dann werden durch Komödien über den Holocaust zwei
wesentliche Fragen aufgeworfen2: In wiefern ist Humor ein adäquates Mittel, um das
Grauen darzustellen? Und: Welche neuen Erkenntnisse kann ein humoristischer
Ansatz zu diesem Thema bringen?
Die Annahme, dass eine komödiantische Bearbeitung eines eigentlich tragischen
Themas einen Erkenntniszuwachs bietet, scheint erst mal sehr abwegig. Wird doch
seit Aristoteles die Komödie als oberflächliche Stiefschwester der Tragödie
angesehen. Es scheint immer noch so, dass ein wirklich ernstzunehmender Film, der
dem Attribut kritisch gerecht werden soll, eine dramatische oder tragische
Bearbeitung der entsprechenden Thematik aufweisen muss.
Das dies nicht immer so sein muss, zeigt sich anhand der Anti-Nazi-Komödie TO BE
OR NOT TO BE von Ernst Lubitsch. Hier mischen sich intelligente
Gesellschaftskomödie und Anti-Nazi-Film zu einem anspruchsvollen und sehr
kritischen Gesamtkunstwerk, das seit 1942 kaum an Aktualität verloren hat.
Dem stelle ich als Vertreter einer tragisch-dramatischen Bearbeitung der Holocaust-
Thematik SCHINDLER'S LIST gegenüber.
So zeigt sich, dass die scheinbar ,,authentischere" Tragödie sich dem Risiko aussetzt,
den Zuschauer zu überwältigen und dadurch in seinen angenommenen Ansichten zu
bestätigen.
In der Tat entschärft die Tragödie das Grauen, indem sie das Geschehen mit dem
Nimbus des Erhabenen umkleidet und damit affirmativ wirkt.
3
Die intelligente Komödie dagegen bietet durch ihren subversiven Witz die Grundlage
für neue Reflexions- und Erkenntnisprozesse. Die so bezogene Position des
Zuschauers zum Film, die durch und mit dem Lachen entsteht ,,'impft' gegen die
Versuchung, sich fürderhin in irgendeiner Weise sei es durch Faszination, sei es
durch Furcht von ihm [dem Diktator] beeindrucken zu lassen.
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1
Charlie Chaplin 1942
2
"Comic films about the Holocaust raise two major questions: to what extent is humor appropriate
when dealing with such devastation? And what illumination can a perspective of humor provide that is
not possible in a serious approach?" Insdorf 1983, S. 59
3
Leiteritz 1998, S.160
4
Leiteritz: 1998, S. 156
4
1. TO BE OR NOT TO BE
1.1 Inhalt von TO BE OR NOT TO BE
To be or not to be, that is the question -
Whether 'tis nobler in the mind to suffer
The slings and arrows of outrageous fortune,
Or to take arms against a sea of troubles,
And, by opposing, end them.
5
Die Handlung von TO BE OR NOT TO BE ist verschlungen und Lubitsch nimmt sich
die Freiheit, nicht alles Geschehen vollständig aus zu erzählen.
Der Zuschauer
befindet sich in unterschiedlichen Wissenszuständen: mal weiß er mehr, mal weniger
als die Protagonisten und manchmal scheint sich sein Wissen mit dem der
Schauspieler regelrecht zu ergänzen.
[Hier] verlaufen die Irritationslinien quer durch Figuren und Zuschauer hindurch:
auch das Kinopublikum wird immer wieder Täuschungen und Unklarheiten
ausgesetzt über den Stand, die Voraussetzungen oder den Fortgang der Handlung.
6
So beginnt der Film mit einer Szene in Warschau, die vorgibt zu zeigen wie Adolf
Hitler im August 1939 ein Bad in der Menge nimmt. Wie sich kurz darauf
herausstellt, handelt es sich aber um den Darsteller Bronski, der seine
schauspielerischen Fähigkeiten durch eine Konfrontation mit der Wirklichkeit, also
den Warschauer Bürgern, beweisen will. Bronski ist Mitglied des Ensemble des Teatr
Polski, das mit seinen beiden Stars Maria und Joseph Tura in Warschau große
Erfolge feiert.
Bronskis ,,Hitler" ist Teil der Probe für das Schauspiel ,,Gestapo". Um die Deutschen
nicht zu verärgern, wird das Nazi-Stück verworfen und stattdessen Hamlet wieder ins
Programm aufgenommen.
Für die Schauspieler bedeutet dies Routine und sie kehren zu ihren alltäglichen
Problemen zurück: Maria Tura sorgt sich um ihre Affäre mit dem jungen Flieger
Sobinski, Joseph Tura um sich selbst und seine Schauspielkunst und der
Nebendarsteller Greenberg um die ihm versagte Karriere als Shylock-Darsteller.
Der Einmarsch der deutschen Truppen im September 1939 verändert die Lage für
Polen und die Schauspieler des Teatr Polski radikal. Warschau wird von deutschen
Bomben erheblich zerstört, das Theater geschlossen und die Schauspieler auf die
Straße gesetzt.
Der junge Flieger Sobinski kämpft als Teil des polnischen Geschwaders der Royal Air
Force von England aus gegen die Deutschen, kehrt aber aus dem Exil in London
5
Shakespeare: Hamlet. 3.Akt, 1. Szene
6
Nauman 1983, S. 258
5
zurück, um den polnischen Widerstand in Warschau vor dem Verräter Professor
Siletzky zu warnen, der im Besitz einer Liste mit den Namen der polnischen
Widerständler ist.
Sobinski findet Unterschlupf bei seiner ehemaligen Affäre Maria Tura. So wird das
gesamte Ensemble des Teatr Polski in die Agenten-Affäre um Professor Siletzky
verwickelt. Denn um zu verhindern, dass die Namensliste von Professor Siletzky an
die Gestapo übergeben wird, ist das gesamte Ensemble gezwungen, mit Hilfe der
Requisiten und Kostüme des abgesetzten Dramas ,,Gestapo" eine ,,reale"
Inszenierung zu improvisieren. Joseph Tura gibt sich dabei je nach Anforderung der
Situation als der Warschauer Gestapo-Chef Erhardt oder umgekehrt für die Nazis als
Professor Siletzky aus.
7
Maria Tura und die anderen Schauspieler unterstützen ihn dabei, in dem sie die
Rollen spielen, die sie lieben: Maria Tura ist die verführerische Hilflose, Bronski ein
überzeugender Hitler und Greenberg darf endlich seinen Shylock-Monolog vor
versammelter (Nazi-)Mannschaft sprechen. Sowohl Maria und Joseph Tura, als auch
dem restlichen Ensemble gelingt es dabei ihre charakterlichen, d.h. menschlichen,
Schwächen (eheliche Untreue, Eitelkeit, mangelndes schauspielerisches Vermögen)
in notwendige und hilfreiche Werkzeuge ihrer Darstellung zu verwandeln.
In diesem lebensgefährlichen Verwechslungsspiel gelingt es den Schauspielern, die
Namenliste zu vernichten, Professor Siletzky zu töten und so den polnischen
Widerstand zu retten. In einem amüsant-dramatischen Showdown verlassen sie in
Hitlers Privatflugzeug Polen, um dann in London als gefeierte Helden und
Schauspieler mit dem HAMLET wieder auf der Bühne zu stehen.
7
Rasner spricht von einem ,,geradezu schizophrenen Rollenchaos". ,,Die charakterlichen Parallelen, die
sich dabei zwischen Erhardt und Tura auftun, sind ebenso grotesk wie beunruhigend." Vgl. Rasner
1984, S. 192f.
6
1.2 Wahrnehmung und Wirkung
Ende des Jahres 1941 gedreht, wird TO BE OR NOT TO BE 1942 uraufgeführt.
8
Lubitsch ist zu dieser Zeit bereits ein berühmter und erfolgreicher Regisseur in
Hollywood. Bekannt für seine sexy comedies, die mit viel Witz und gutem Gespür für
Timing und Schnitt intelligente Unterhaltung bieten, hat er zu Beginn der 1940er
Jahre ,,sein ureigenes filmästhetisches Arsenal politisiert zum Zweck einer
Auseinandersetzung mit der Nazi-Herrschaft"
9
.
Bereits 1939 hatte er mit NINOTSCHKA eine sogenannte politische Komödie
gedreht, die vom damaligen Publikum aber nur zurückhaltend aufgenommen
wurde.
10
Deutschland hatte gerade mit Zustimmung des stalinistischen Russlands
Polen überfallen und damit den Zweiten Weltkrieg in Gang gesetzt. Ein Film über
eine sowjetische Sonderbeauftragte in Liebesnöten traf nicht den Geist der Zeit und
stieß auf ein unwilliges Publikum.
Auch die Reaktion des Publikums auf seine Antinazi-Komödie TO BE OR NOT TO BE
fällt verhalten bis feindselig aus.
11
Beachtet werden muss hierbei aber, dass die
heutigen Angaben zum damaligen Erfolg deutlich auseinander gehen. Bei Kathy
Laster und Heinz Steinert heißt es: ,,TO BE OR NOT TO BE war sofort ein großer
Erfolg"
12
, während Spaich von der ,,größte[n] Katastrophe seiner [Lubitschs]
Laufbahn"
13
spricht. Sicher ist, dass dieser Film heutzutage zu Lubitschs großen
Meisterwerken, zählt in dem er geschickt den ,,Stil der unterhaltsamen, wortwitzigen,
intelligenten sogenannten Gesellschaftskomödie"
14
mit einer politischen bzw.
gesellschaftlichen Botschaft verbindet.
Viele seiner Witze werden als geschmacklos und unpassend empfunden. So wird der
von Erhardt über Turas Schauspielkunst geäußerte Satz ,,Was der mit Shakespeare
gemacht hat, das machen wir heute mit Polen." besonders beanstandet.
Dem Film wurde weiterhin vorgeworfen, ,,dass die darin dargestellten Nazis nicht
jene bellenden, brutalen Uniformchiffren sind, die sich als Erzählkonvention zu
diesem Zeitpunkt schon eingebürgert hatten."
15
8
Metzler 1995
9
Naumann 1983, S. 261
10
Vgl. hierzu Spaich 1992
11
Manch Kritiker vermutet die Ursache in der Trauer um Carole Lombard, die drei Wochen nach Ende
der Dreharbeiten von TO BE OR NOT TO BE am 16.1. 1942 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben
kam.
12
Laster/ Steinert 2003, S.231
13
Spaich 1992, S. 348
14
Naumann 1983, S.266
15
Weingarten 2005, S. 82
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