Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Geld, Kredit und Währung
Veit Aehlig
8. Semester Volkswirtschaftslehre
Dresden, den 14.12.2002
INHALTSVERZEICHNIS
1. Einleitung. 4
1.1. Klassifikation theoretischer Modelle 5
2. Das Grundmodell von Diamond und Dybvig 8
2.1. Die Rolle der Banken als Liquiditätsspender 9
2.1.1. Die Wettbewerbslösung 11
2.1.2. Der Sichtguthabenvertrag 12
2.1.3. Gleichgewichtslösungen. 13
2.2. Suspension of Convertibility 14
2.3. Der optimale Kontrakt bei zufälligen Guthabenabzügen 15
2.4. Die staatliche Einlagenversicherung 16
2.5. Würdigung 19
3. Die Modellerweiterungen von Chang und Velasco 20
3.1. Der grundlegende Rahmen 21
3.2. Sichtguthaben und Bank Runs. 25
3.3. Ausländische Kredite. 27
3.3.1 Permanente Verschuldung 27
3.3.2. Kurzfristige Schulden 29
3.3.3. Die Höhe des Kapitalzuflusses. 30
3.4. Währungskrisen 31
3.4.1. Currency Board 31
3.4.2. Wechselkursfixierung 32
4. Schlussbemerkung. 34
3
1. Einleitung
Innerhalb der 1990er Jahre war eine übermäßig hohe Anzahl von Finanzkrisen rund um den Globus zu beobachten. In mehreren regional verschiedenen Wellen, 1992/93 in Europa, 1994/95 in Lateinamerika, 1997/98 in Asien traten Währungskrisen auf. 1 Diese starke zeitliche Konzentration, die neben den genannten Kontinenten auch Ausprägungen einzelner Nationen waren (z.B. Bulgarien 1996/97, Ecuador 1998/99), führte zu verstärkten wissenschaftlichen Untersuchungen der Ursachen solcher Phänomene. Da diese meist überraschend zu beobachtenden Ereignisse nur schwer anhand vorhandener Modelle erklärt werden konnten, wurde deren Überarbeitung und Erweiterung notwendig. Die mittlerweile umfangreiche Literatur über die Erklärung von Finanzkrisen, spaltet sich dabei in zwei Hauptrichtungen, die sich teilweise überschneiden. Der eine Teil beschäftigt sich mit den Ursachen von Währungskrisen, während auf der anderen Seite die Entstehung von Bankenkrisen im Mittelpunkt steht. Währungskrisen sind durch eine starke Abwertung des Wechselkurses innerhalb eines kurzen Zeitraumes gekennzeichnet, die u. a. durch spekulative Attacken ausgelöst werden können. Eine Bankenkrise beschreibt hingegen eine Situation, in der eine beträchtliche Anzahl von Banken in Konkurs geht. 2 Besonders die Finanzkrisen in den Emerging Markets sind sowohl durch den Zusammenbruch fester Wechselkursregime, als auch von Finanzintermediären charakterisiert, was auf Parallelen zwischen den zwei Krisenarten schließen lässt. Beide treten auf, wenn die Regierung nicht länger glaubwürdig ihr Vermögen für die Unterstützung einer Preisfestsetzung einsetzen kann - entweder für den Preis zwischen in- und ausländischer Währung oder zwischen Währung und Bankguthaben. 3
Als jüngstes Beispiel brach das argentinische Bankensystem unter dem Druck der enormen Guthabenabzüge der Bevölkerung und dem fehlenden Vertrauen in die eigene Währung zusammen. Mit den ersten sichtbaren Verschlechterungsanzeichen der Auslandsschuldenposition des Landes begannen die Argentinier im Sommer und Herbst 2001 ihre Peso-Guthaben abzuheben, während das Bankensystem im selben Zeitraum einen signifikanten Anstieg an Dollar-Guthaben erfuhr. Nach dem Zusammenbruch des Currency Boards Ende 2001 verlor der Peso 2/3 seines Wertes. Mit dem ständigen Wertverlust des Pesos gegenüber dem Dollar verspürten die argentinischen Banken erneut
1 Sachs (1999), S. 1
2 Berlemann, Hristow und Nenovsky (2002), S. 1
3 Marion (1999), S. 1
4
einen „Run“ auf die Guthaben. Das dadurch stark gefallene Reserveniveau an ausländischen Devisen zwang die Regierung ein monatliches Abhebungslimit von 1000 Peso pro Konto zu verhängen. Nachdem das oberste Gericht Argentiniens die Verfassungswidrigkeit dieser Entscheidung feststellte, waren die Banken gezwungen die Auszahlung bzw. den Umtausch gänzlich einzustellen. 4
Diese schemenhafte Darstellung des Krisenverlaufes verdeutlicht nicht nur die Rollen von Währung und inländischer Finanzinstitute, sondern auch den Einfluss der Anleger. Das beobachtete, zufällige Anlegerverhalten, dessen Ursachen und Auswirkungen stehen im Mittelpunkt der sogenannten „Random Withdrawal Modelle“, deren Theorie in dieser Arbeit ausführlich erläutert werden soll. 5
Nach der folgenden kurzen Klassifizierung vorhandener Modelle zur Erklärung von Finanzkrisen wird das wohlbekannte Grundmodell von Diamond und Dybvig vorgestellt. Anschließend erarbeitet ein weiteres Kapitel die wichtigsten Erweiterungen von Chang und Velasco.
1.1. Klassifikation theoretischer Modelle
In der Literatur über Finanzkrisen wird grundsätzlich zwischen Modellen der „ersten“, „zweiten“ und „dritten Generation“ unterschieden. Mittlerweile gibt es neuere Entwicklungen, die eine vierte Generation bilden werden.
Salant und Henderson gehören zu den Pionieren formaler Finanzkrisenmodelle. In ihrer 1978 erschienen Arbeit beschrieben sie den Rohstoffhandel über eine internationale Behörde, deren Aufgabe es war, die Preise zu stabilisieren. Die Anfälligkeit einer solchen Behörde gegenüber spekulativen Attacken tritt immer dann auf, wenn der Preis der Rohstoffe ohne Festsetzung höher ist, als der durch die Behörde fixierte. Die internationale Agentur kann einer Preisstabilisierung nicht mehr gerecht werden, wenn deren gesamte Rohstoffreserven durch Spekulanten aufgekauft werden. Der Anreiz dafür ergibt sich unmittelbar: Nach der Aufgabe der Stabilisierung wird der Preis signifikant über den vorherigen, fixen Kaufpreis steigen, was zu einem Gewinn jener spekulativen Anleger führt. 6
4 Pinteris (2002), S. 2
5 Carlson (2000), S. 1
6 Berlemann, Hristow und Nenovsky (2002), S. 3
5
Krugman imitierte 1979 dieses Modell zur Erklärung von Währungskrisen. Statt der Stabilisierung von Rohstoffpreisen stehen hier spekulative Attacken gegen einen festen Wechselkurs im Vordergrund. In dieser von Flood und Garber 1984 verfeinerten Auslegung verursacht die inkonsistente Politik der Regierung, die auf der einen Seite den Wechselkurs stabilisiert und auf der anderen Seite ein großes Staatsdefizit durch Geldmengenausweitung finanziert. Der Anreiz und die Durchführung der Spekulationen entsprechen denen im Grundmodell, nur dass hier die Devisenreserven der Regierung für die Rohstoffe ersetzt werden. 7
Nach den Währungskrisen am Anfang der 1990er Jahre in Europa und Mexiko stieg die Bedeutung der Modelle der zweiten Generation. Deren Erklärung geht davon aus, dass vor dem Ausbruch der Krise keine inkonsistente Politik vorhanden ist. Eine Regierung verfolgt neben einer Wechselkursstabilisierung typischer Weise weitere
wirtschaftspolitische Ziele, wie z.B. die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit und Schuldenabbau. Diese zusätzlichen Ziele sind prinzipiell durch eine expansive Geldpolitik erreichbar, stehen aber gleichzeitig im Gegensatz zur Wechselkursfixierung. Beim Trade Off der sozialen Verlustfunktion kann es bei großen Störungen in der Volkswirtschaft optimal sein, die Wechselkursfixierung aufzugeben. Die Wirtschaftssubjekte bilden mit diesem Hintergrund ihre Erwartungen über den Zukunftswert der Währung. Bei einer plötzlichen Verbreitung von Pessimismus können selbst kleine Schocks zu einer Krise führen. Der erwartete Kaufkraftverlust wird von der Bevölkerung durch höhere Zinsforderungen vorweggenommen. Derartige Antizipationshandlungen erhöhen den Anreiz der Regierung, die Wechselkursstabilität aufzugeben. Dass der Ausbruch einer Währungskrise keine tatsächlich schwachen Fundamentaldaten einer Ökonomie benötigt, zeigten die Erfahrungen aus der Asienkrise, deren beteiligte Volkswirtschaften bis zum Zeitpunkt des Ausbruchs ein hohes Wachstum, geringe Arbeitslosigkeit und geringe Inflation erfuhren. Ein öffentlicher Vertrauensverlust gegenüber der Regierung hinsichtlich ihres Interesses an eine Wechselkursfixierung kann eine Währungskrise auslösen. Es kommt zu einer Art „Selbsterfüllung“, denn erwarten die Marktteilnehmer das Eintreten einer Währungskrise, beginnen Spekulationen gegen die Währung und die Kosten der Wechselkursstabilisierung für die Regierung steigen. Während in den Modellen der ersten und zweiten Generation Währungskrisen im Mittelpunkt stehen, die entweder durch schlechte makroökonomische Fundamentaldaten
7 Marion (1999), S. 4
6
oder durch die Erwartung einer schlechten Entwicklung derselben ausgelöst werden können, beziehen Modelle der dritten Generation den Bankensektor mit ein. 8 Die Theorie der „Random Withdrawal Modelle“ untersucht dabei die Beziehung zwischen Wirtschaftssubjekten und Finanzintermediären, das Auftreten von „Bank Runs“ und Bankenkrisen. Durch einen Wechsel der Erwartungen über zukünftige Ereignisse kann unter den Anlegern eine Panik ausbrechen, in der alle gleichzeitig versuchen ihre Guthaben bei der Bank abzuziehen. Ein solcher Run kann die Bank zufällig und unabhängig ihrer eigentlichen fundamentalen Situation treffen. 9 Verschiedene Modelle kommen zu unterschiedlichen Aussagen über die Wechselwirkungen von Banken- und Währungskrisen, die oft gemeinsam auftreten. Das im folgenden Abschnitt beschriebene Grundmodell von Diamond und Dybvig konzentriert sich allerdings ausschließlich auf den Bankensektor.
8 Calomiris und Gorton (1991), S. 124, präsentieren ein Modell in dem eine Panik unter den Anlegern durch
ein Signal ausgelöst wird
9 Martinez (2001), S. 3
7
Arbeit zitieren:
Veit Aehlig, 2003, Random Withdrawal Modelle, München, GRIN Verlag GmbH
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