Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung 2
II. Der protestantische Fundamentalismus in den USA, 1910-28 3
III. Der schiitische Fundamentalismus im Iran, 1961-79 5
IV. Weibliche Lebensstile und Neo-Islam in Kairo 9
V. Religiöse Praktiken und Wandel der Geschlechterverhältnisse - Eine Fallstudie aus
dem Nordsudan 11
VI. Migration, Islamisierung und Identitätspolitiken: 12
Zur Bedeutung der Religiosität junger Frauen in Deutschland 12
VII. Zur Bedeutung des Kopftuches für das Selbstverständnis von Musliminnen im
innerislamischen Geschlechterverhältnis 14
VIII. Schlußkapitel 14
IX. Literaturverzeichnis 17
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Zur Bedeutung von Frauen in fundamentalistischen Bewegungen
I. Einleitung
Die Ausarbeitung dieses Themas wird anhand von 6 verschiedenen Texten erarbeitet. Dabei ist es wichtig zu erwähnen, daß die beiden Texte von Martin Riesebrodt, einem Soziologen, der unter anderem Aufenthalte am Center for European Studies und dem Soziologie-Department der Harvard-Universität, sowie dem Research Institut of the Humanities des Dartmouth College zur Erstellung dieser Texte verzeichnen kann, vergleichend zu 4 anderen Wissenschaftlerinnen, die sich allein mit dem Islam in Ihren Studien beschäftigt haben, in dieser Arbeit gelesen wird. Martin Riesebrodt versucht in seiner Arbeit als erster mit seiner Gegenstandsbestimmung, seiner Vorgehensweise und seinen Ergebnissen für die weitere universalhistorisch vergleichende Erforschung des Fundamentalismus in allen Religionen eine Basis zu legen, Hypothesen anzubieten und neue Fragen zu stimulieren. Seine Definition von Fundamentalismus steht im Gegensatz zu der heutigen allgemein verbreiteten Auffassung. Für ihn ist Fundamentalismus kein religiös gefärbter Populismus oder Faschismus im religiösem Gewande, sondern ein eigenständiger Typ sozialer Bewegung, der unter Beschwörung einer mythischen Vergangenheit das traditionalistische Lager politisch mobilisieren will. Die zentrale These seiner Texte beinhaltet, daß es sich beim Fundamentalismus um eine städtische Bewegung handelt, die primär gegen die Auflösung personalistischer-patriarchalischer Ordnungsvorstellungen und Sozialbeziehungen sowie deren Ersetzung durch versachlichte Prinzipien gerichtet ist. Es handelt sich um die nativistische Phase innerhalb von Erweckungsbewegungen, die versucht gegen den epochalen Wandel, der keineswegs auf die Beziehungen zwischen den Geschlechtern beschränkt ist, sondern die Qualität nahezu aller sozialen Interaktionen und Institutionen verändert, anzugehen.
Wie wichtig aber die Aufrechterhaltung der patriarchalen Familienstruktur mit ausgeprägter geschlechtlicher Arbeitsteilung und väterlicher Autorität über Frau und Kinder in allen Heils-und Erlösungsreligionen ist, die das Kernstück der fundamentalistischen Idee von einem frommen, gottgefälligen Leben darstellt, will ich in dieser Arbeit veranschaulichen.
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II. Der protestantische Fundamentalismus in den USA, 1910-28
Wieso zieht Martin Riesebrodt gerade den protestantischen Fundamentalismus als Beispiel für eine vom Christentum geprägte Gesellschaft heran?
Infolge der unterschiedlichen Entwicklung der einzelnen Richtungen des Glaubens im Christentum, kommt es zu charakteristischen Unterschieden in der Reaktionsform zwischen katholisch, lutherisch und asketisch-protestantisch geprägten Ländern. Während es im Katholizismus zu rechtsradikalen Bewegungen von antichristlicher bis hin zu klerikaler Schattierung kommt, und in den lutherischen Ländern überwiegend säkulare rechtsradikale Bewegungen entstanden, brachte der asketische Protestantismus, also ein von Kalvinismus und täuferischen Sekten geprägter Glaube, den hier behandelten Fundamentalismus hervor. Dabei spielten religiöser Pluralismus, die institutionelle Autonomie der Religion gegenüber dem Staat, das fehlen hierokratischer Herrschaft und die individuelle Abhängigkeit des Geistlichen von seiner Klientel, die entscheidende Rolle. Diese Strukturbedingungen ermöglichen gesellschaftliche Selbstorganisation und soziale Kontrolle, die im Vergleich dazu in katholischen Ländern vom Vatikan übernommen wird. Die Trennung von Kirche und Staat, typisch für Länder mit protestantischer Weltanschauung, welche in den USA ein Produkt einer langen historischen Entwicklung von der Kolonialzeit über die Unabhängigkeit bis hin zum 1. Weltkrieg ist, begünstigte das entstehen des Fundamentalismus. Hinzukam in dieser Zeit die aufblühende Industriegesellschaft, welche zu einer starken regionalen Differenzierung innerhalb der USA führte und durch ihre ausgeprägte Unbrüderlichkeit in einem dramatischen Spannungsverhältnis zum christlichen Gebot der Nächstenliebe stand. Der aufkommende Darwinismus diente der Rechtfertigung für Elend und Ausbeutung und wälzte das bisherige Weltbild um. Die bewußte Schöpfung der Welt durch Gott, wurde ersetzt durch einen unbewußten biologisch determinierten Evolutionsprozeß. Der Paradiesverlust des Menschen durch die Sünde, wird verdrängt zugunsten einer zufälligen Entwicklung des Menschen aus dem Tierreich und der Idee einer sozialen Höherentwicklung. Mit diesem Wandel in der Anthropologie bricht aus fundamentalistischer Sicht auch die bisherige Christologie zusammen. Da die Notwendigkeit der Bekehrung des Menschen durch die Kirche zum Zweck der Errettung von Geschichtsoptimismus und Sozialreform verdrängt wird. Ohne den Sündenfall macht die Mission des Gottessohnes, nämlich das stellvertretende Sühnopfer Christi, gar keinen Sinn mehr und die Kirche überflüssig. Durch die Bibelkritik verliert die Bibel ihre zentrale Bedeutung als konkrete Orientierung, Legitimation für fromme Lebensführung und ihre ewige Wahrheit! Neue Irrlehren und Kulte sprössen, fremde Ideologien faßten Fuß. Es kommt zu sozialmoralischen Mißständen, wie Krieg und Verbrechen, Sittenlosigkeit und Hemmungslosigkeit als
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Konsequenz unbekehrter Individuen, die durch Infragestellung grundlegender Glaubensüberzeugungen ihren Stand und ihr Elend nicht mehr als von Gott gewollt akzeptieren. Dadurch ist die Reproduktion des fundamentalistischen Milieus in großer Gefahr und führt zu dessen Mobilisierung. Für die Fundamentalisten gibt es drei Institutionen die bisher Garant des christlichen Glaubens waren. Das ist zum ersten die Familie, desweiteren die protestantischen Denominationen mit ihren Gemeinden und nicht zuletzt die Sonntagsschulen und Ausbildungsstätten, sowie die öffentlichen Schulen, die es wieder gilt zu beeinflussen.
Vermittelt werden sollen die five fundamentals 1 , die fünf Grundlagen des Glaubens: die Irrtumsfreiheit der Bibel, die als verbalinspiriertes Wort Gottes angesehen wird, das nicht symbolisch, sondern wörtlich zu interpretieren ist. Weiterhin gehört die Jungfrauengeburt, die leibliche Wiederauferstehung, das stellvertretende Sühneopfer und die physische Wiederkehr Christi dazu. Die Evolutionstheorie sollte verboten und nicht mehr an den Schulen gelehrt werden, was auch einige Zeitlang gelang.
Das Zentrum der fundamentalistischen Gesellschaftskritik lag auf der Zersetzung der patriarchalischen Familie, da sie als Garant der christlichen Erziehung galt. Glaube, Bibel, Moral und Familie werden als eine unlösbare Einheit gesehen, aus der Wohl und Wehe der anderen gesellschaftlichen Institutionen sich wesentlich herleiten. 2 Würde sie diese Funktion nicht mehr übernehmen, kommt es automatisch zum moralischen Niedergang der Gesellschaft, zur sozialen Dekadenz. Krisenmerkmale waren der Niedergang der politischen und ökonomischen Moral, die Zunahmen von Ehescheidungen, Jugendkriminalität, Alkohol-und Tabakkonsum, Vergnügungssucht, Profitsucht, Verschwendung, sexuellen
Ausschweifungen und Prostitution. Vor allem aber trage zu dieser Entwicklung die Frauenemanzipation bei. 3 Tanz, profane Musik, unzüchtige Frauenkleidung, die alle der sexuellen Aufreizung und somit der Verführung zur Sünde dienten, ja noch prinzipieller wurde das Rauchen von Frauen besonders in der Öffentlichkeit verurteilt. Es ergibt sich eine extreme dualistische Sicht von männlicher und weiblicher Anlage und Bestimmung, die auf dem Eva-Mythos basiert. Die Frau wird als Gefahr für den Mann gesehen, als Verführerin zur Sünde, als >> typische Eva<<, derer sich Satan bedient, um den Mann zu verderben. 4 Deshalb besteht ein zentrales Anliegen des protestantischen, also auch des islamischen Fundamentalismus darin, die Frau in der Öffentlichkeit zu Uniformieren. Gemeinsam ist allen Fundamentalisten die positive Schätzung der Arbeit als Prophylaxe gegen die Sünde. Frei
1 Riesebrodt, S. 12
2 Ebd., S. 71
3 Riesebrodt, S. 70
4 Ebd., S. 79
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nach den von ihnen immer wieder benutzten Sätzen: daß, wer nicht arbeitet, auch nicht essen solle und das man sein Brot im Schweiße seines Angesichts essen solle. 5 Eine, wie ich finde, interessante Formulierung, käme diese doch im Auslegungsfall auch den Frauen zu gute und unterstützte sie in ihrer von den Fundamentalisten eigentlich ungewollten Emanzipation. Fest steht, daß die ideale Familie des protestantischen Fundamentalisten die traditionelle patriarchalische Kleinfamilie mit einer klaren geschlechtlichen Arbeitsteilung ist. Um den Haushalt und die Erziehung der Kinder sorgt sich die Mutter. Der Vater als Familienoberhaupt ist für den Unterhalt und gegebenenfalls für die Politik zuständig, im Sinne der Wahrung der Interessen seiner Familie. Dem family altar 6 , dem gemeinsamen Gebet und der väterlichen Bibellesung, wird dabei eine zentrale Bedeutung beigemessen. Die Familie ist daneben eingebettet in eine lokale Kirchengemeinde, die zugleich den wichtigsten Ort für die Freizeitgestaltung darstellt. Das Konsumverhalten wird gekennzeichnet durch Sparsamkeit und Bescheidenheit. Die Kleidung soll anständig und züchtig sein. Sexualität außerhalb ehelicher Beziehungen ist streng verpönt und tabuisiert. In der Familie herrscht das personalistisch-patriarchalische Strukturprinzip. Autorität beruht auf Pietät der Frauen und Kinder gegenüber dem Vater, sowie der pietas der Väter gegenüber Gott.
III. Der schiitische Fundamentalismus im Iran, 1961-79
Der Islam stellt wie das Christentum kein statisches Gebilde dar. Er unterliegt ebenso Veränderungen in seiner Theorie und Praxis, in Auseinandersetzungen mit historischen Wandlungsprozessen in Gesellschaft, Politik und Ökonomie.
Die Entstehung fundamentalistischer Protestbewegungen wird im Islam vor allem durch eine geringe religiöse Legitimität des Staates begünstigt. Diese beruht auf der institutionellen Trennung von politischer und hierokratischer Herrschaft seit dem 16. Jahrhundert und der Monopolisierung des Heilswissens durch die Hierokratie. Unter der Berücksichtigung, daß der Islam im Jahre 622 nach Christus, wie einst das Christentum, als alternativer Glaube (Sekte) wegen der Unzufriedenheit mit dem vorherrschenden hierokratischen System entstand, hatte er es auch schwer zur Staatsreligion zu werden. Im Jahre 1501 wurde die Zwölfer-Schia von dem militanten Mystiker Orden der Safaviden als Religion ihres
5 Ebd., S. 85
6 Ebd., S, 87
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Herrschaftsbereiches proklamiert. Damit begann der Aufstieg des Islam, der zwar starken Schwankungen unterlag, sich aber immer wieder in kritischen Zeiten, wo sein Einfluß durch fremde Mächte sank, durch große Proteste der Geistlichkeit zusammen mit dem Basar, wie dem Tabakprotest von 1891-92 oder der konstitutionellen Revolution von 1906-09, in eine bessere Position rückte.
Der Höhepunkt des Islam war die islamische Revolution von 1979 im Iran, in dessen folge der Schah gestürzt wurde und der geistige Führer Ajatollah Khomeini einen islamischen Gottesstaat errichtete. Bis zu diesem Zeitpunkt betrachtet Riesebrodt die Entwicklung des Islam im Iran. Die geringe religiöse Legitimität des Staates ist also Folge der starken Stellung der Geistlichkeit, die ihren Herrschaftsanspruch auf der Herkunft von den Imanen, den Nachkommen des Mohammed Ali, dem Verkünder des islamischen Glaubens, begründen. Der Schah aber entstammt aus einer 2500 Jahre alten Königsfamilie. Die heilsgeschichtliche Dimension im Islam ist ein vergleichbarer Grundpfeiler dieser Religion, wie diejenige im Christentum. Auch hier erwartet man eine Rückkehr. Allerdings wird Muhammed al-Mahdi, der im Jahr 873/74entrückt sein soll nicht wie Jesus Christus im Christentum als Sohn Gottes bezeichnet, sondern nur als zwölfter Nachfahre des Verkünders Mohammed Ali, eines normalen Menschen. Trotzdem erwartet man seine Rückkehr, die eine Wiederherstellung der gerechten Ordnung, eines Goldenen Zeitalters, wie unter der Herrschaft Alis in Kufa bedeuten und das Ende der Unterdrückung und Tyrannei sei würde. Die Heilsgeschichte hat demzufolge eine Dreiteilung. Der mythische Regreß in eine idealisierte Vergangenheit, der Kampf zwischen Gut und Böse in der Gegenwart, sowie der Erwartung eines künftigen Milleniums.
Der zweite Grundpfeiler des Islam ist seine Gesellschaftskritik. In ihr sind große Parallelen zum protestantischen Fundamentalismus erkennbar. Die stärkste Kritik trifft hier die Moral. Zum einen sind damit die Lockerungen in der Sexualmoral gemeint: Unzucht, Laster und Verderbtheit hätten überhand genommen. 7 Dies läge an der Zurschaustellung weiblicher Sexualität durch unschickliche Kleidung. Hier wird ebenfalls den Frauen infolge dessen die Schuld an der gestiegenen Scheidungsrate gegeben. Auch sind die Schulen Orte der Verderbnis. Allerdings kommt zum Vorwurf gegenüber des Unterrichtsstoffes, noch der des gemeinsamen Unterrichts von Mädchen und Jungen, der Koedukation, dazu. Generell erregten die unkontrollierten Bewegungsmöglich-keiten zwischen Männern und Frauen die Leidenschaft. 8 Das schlimmste Ausmaß dessen ist die Prostitution. Zum anderen betrifft die Moralkritik das Konsum- und Freizeitverhalten, den Alkohol- und Tabakkonsum, das
7 Riesebrodt, S. 155
8 Ebd.
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Glücksspiel, Tanzveranstaltungen oder allgemein das Spielen und Anhören von Musik in der Öffentlichkeit, sowie den bekannten Kinobesuch.
Desweiteren wird der Wandel in der rechtlichen Stellung der Frau angeprangert. Es wird die Verleihung des Wahlrechts 1963 an Frauen kritisiert, oder daß verabschieden des Family Protection Law von 1967, sowie seine Inkraftsetzung in verschärfter Form1975. Die bis dahin gültigen Bestimmungen im Schariarecht im Bereich Familie, Ehe, Scheidung, werden durch Rechte, welche die Frau erheblich demgegenüber stärken, abgelöst. Die Zulassung von Frauen zum Richteramt, die Heranziehung von Frauen zum Militärdienst und das Verschleierungsverbot für Frauen und Mädchen beim Schulbesuch sorgen für heftige Proteste im fundamentalistischen Lager. Diese bewirken, daß jenes Family Protection Law Gesetz wieder durch islamisches Recht ersetzt und die Verschleierung angeordnet wird. In einem 1981 erlassenes Gesetz bezüglich der Verletzung des Lebens, beziehen sich 107 von 195 Artikeln, allein auf die Bestrafung sexueller vergehen. Somit ist klar, daß das Thema Sexualmoral, geschlechtliche Rollentrennung, sowie rechtliche Stellung der Frau und weibliche Sexualität, eindeutig als das primäre Problem im Familienkreis angesehen wird. Ein weiterer Punkt neben der Moral, ist die Säkularisierungspolitik der Regierung. Es wird eine vollständige Trennung von Religion auf der einen Seite und Recht, sowie Politik auf der anderen Seite angestrebt. Dies ist der am Anfang bereits beschriebene Kampf um die Macht zwischen der Geistlichkeit und dem Schah. Die Grundlage der geringen Legitimität des Schahs ist auf den Koran zurückzuführen, der besagt: Die Grundlage der Legitimität eines Herrschers ist seine >> Gerechtigkeit<<. Solange er die Gesellschaft >> gerecht<< regiert, gilt er als von Gott eingesetzt und man schuldet ihm Gehorsam. Erst die Parusie des Iman würde eine neue Situation schaffen. 9
Der dritte Punkt der Gesellschaftskritik ist der Verlust nationaler Unabhängigkeit und der Einfluß fremder Mächte. Der vierte Punkt ist die soziale und ökonomische Ungerechtigkeit. Die letzten beiden Punkte, dieser vier Punkten der Gesellschaftskritik, spiegeln sich besonders deutlich im Grundmuster des fundamentalistischen Denkens, sowohl im Protestantismus, wie auch im Islam, wieder, auf das ich jetzt eingehe. Das erste Merkmal ist sein Machichäismus. Er drückt den Kampf zwischen Gott und Satan, den Mächten des Lichts und der Finsternis, Gut und Böse, Gottes Geboten und Sünde aus. 10 Das zweite Merkmal ist seine Xenophobie. Das Böse, Satanische ist in erster Linie das Fremde. Es entspringt nicht der eigenen Religion, der eigenen Kultur oder dem eigenen Volk, sondern es wird von außen importiert. 11 Das dritte Merkmal ist sein religiöser Nativismus. Er beinhaltet das Verdrängen und Vernichten des Fremden, aber weitgehend
9 Riesebrodt, S. 165
10 Ebd., S. 75
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ohne ethnisch-rassistischer Elemente, auf fast ausschließlich religiöser-kultureller Art. Auch ist damit die Rückbesinnung auf die eigenen religiösen und kulturellen Wurzeln gemeint. Das vierte Merkmal ist seine paranoide Verschwörungsgewißheit. Hier zeigen sich kulturelle Unterschiede. Für die Protestanten ist Rom der Hauptverschwörer, weil die katholische Kirche für sie den ersten Weltkrieg angezettelt hat, mit den Deutschen unter einer Decke steckt und den österreichischen Kaiser als Mittel zur Erlangung der Weltherrschaft benutzt.
Für den Islam besitzen die Verschwörer eine hierarchische Struktur, an deren Spitze die jüdische Weltverschwörung, die in der Hauptsache von den Groß-mächten unterstützt und gefördert wird, sich befindet. Aber vereinzelt sind es auch Briten, Amerikaner und Russen. Das fünfte und letzte Merkmal ist sein geschlechtlicher Dualismus, der hier schon mehrere male angesprochen wurde. Es lassen sich hier kaum Unterschiede wahrzunehmen. Für die Christen ist es der Eva-Mythos, in dem die Frau als Gefahr für den Mann angesehen wird. Für die Muslime ist die Frau, die mit nahezu magischen Kräften ausgestattete ist, die potentielle Verführerin des Mannes zur Sünde. Das bekannte Bild der Frau als femme fatale kann man mit dem Eva-Mythos des puritanisch-protestantischen Fundamentalismus gleichsetzen. Die Muslimen gehen noch ein Stück weiter. Für sie sind Mann & Frau zwei gegensätzliche, aber einander ergänzende Prinzipien, was natürliche Aufgabenverteilung impliziert und eine Trennung der Sphären erfordern. Die gegebenen Aufgaben der Frau sei die der Ehefrau, Hausfrau und Mutter. Ihre wichtigste Aufgabe ist das Gebären und Erziehen von Kindern. Nur denen das nicht möglich sei, können in Büros, Fabriken oder Schulen arbeiten, die aber geschlechtlich segregiert sein müssen. Anschließend an diese fünf Grundmuster ist es wichtig, die Ideale des Islams auszuführen. Die Ideale Ordnung des schiitischen Fundamentalismus ist die Theokratie. Eine islamische Republik mit islamischer Regierung und einer auf dem Koran basierenden Gesetzsprechung. Die ideale Gemeinschaft ist die islamische Weltgemeinschaft, die umma. Das offenbart den schiitischen Fundamentalismus als exemplarisch, expansiven religiösen Nationalismus mit universellem Geltungsanspruch. Das fundamentalistische Ideal ist eine verstärkt religiös regulierte Form der traditio-nellen Ökonomie. Ein Wirtschaftsmodel, das aus einem wohlfahrtsstaatlichen, öffentlichen, sowie einem kapitalistischen, privaten Bereich besteht. Das Ideal ist der paterna-listische Staat und der patriar-chalisch geleitete Kleinbetrieb. Das Familienideal ist die >> Heilige Familie << , bestehend aus Iman Ali, seiner Frau Fatima, sowie ihrer Kinder Hassan, Hussein und Zainab. Frauen sollen sich an Fatima orientieren, deren Vorbild vor allem in ihrer Hingabe zu ihrem Gatten Mohammed bestand. Dies bedeute keine Ungleichheit zwischen Mann und Frau, sondern eine Gleichheit gemäß ihrer Bestimmung.
11 Ebd., S. 170
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Allein im Rahmen der patriarchalistisch geleiteten Familie erlangt die Frau ihre wahre Würde. 12
IV. Weibliche Lebensstile und Neo-Islam in Kairo
Wie wir den Texten von Martin Riesebrodt entnehmen konnten wirkt sich die Grundstruktur des Patriarchats, fußend auf der Familie bis hin zum Wirtschaftsmodel der Fundamentalisten, normierend aus. Wie aber gehen Frauen mit diesen religiösen Vorschriften um? Fühlen sie sich unterdrückt?
Karin Werner präsentiert Ergebnisse ihrer Feldforschung von 1992-93 unter Universitätsstudentinnen in Kairo. Der historische Hintergrund ist ein weitreichender Strukturwandel nach dem Tod von Präsident Nasser und der Machtübernahme durch Anwar el-Sadat im Jahre 1970 der zeitgleich zwei Entwicklungen hervorbrachte. Zum einen intensivierte er die Beziehungen mit westlichen Industrieländern und zum anderen mit den arabischen Golfstaaten. Dies brachte eine neue Nationalidentität hervor die einerseits als modern, innovativ und weltoffen, andererseits sich als traditionell und islamisch repräsentierte. Es entstanden neue soziale Milieus und Lebensstile, die mit einer Islamisierung der Alltagspraxis einhergingen. Islamische Gelehrte nahmen öffentlich wieder mehr Raum ein, die Zahl der religiösen Fernsehsendungen vervierfachte sich und die Zahl religiöser Buchveröffentlichungen explodierte geradezu. Die Zahl der Moscheen erhöhte sich und in der Mitte der 70 er Jahre tauchten die ersten Kopftuchträgerinnen auf. 13 Mittlerweile hat sich der Anteil der Kopftuchträgerinnen stark erhöht, so daß die Entscheidung von Frauen gegen den Schleier von Männern als eine Einladung zu Nachstellung und Belästigung verstanden wird. Ergebnis dieser Entwicklung sind verschiedene Lebensstile und damit einhergehend verschiedene Geschlechterordnungen die miteinander konkurrieren. Die kulturelle Konkurrenz ist besonders dort brisant, wo große soziale Mobilität vorherrscht. Hinzukommend wirkt sich aus, daß es Männern unter den wirtschaftlichen Bedingungen immer schwerer fällt, die materiellen Voraussetzungen für eine Ehe zu erbringen. So bestimmt der Kampf um Prestige zunehmend die Geschlechterinteraktion. Dies stellt eine klare Konkurrenz um die kulturelle Hegemonie dar. Für die Frauen wird eine weiblichen Selbstkonstruktion und -beschreibung als gebildete Staats- und Weltbürgerin, kompetente Ehefrau und Mutter, sowie als belesene Muslima zu einer attraktiven Option. 14
12 Riesebrodt, S.178
13 Lukatis; Sommer; Wolf, S. 242
14 Ebd., S. 243
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Im folgenden skizziert Karin Werner drei typische weibliche Lebensstile. Sie beginnt mit dem westlich orientierten Lebensstil, der in der Oberen Mittelklasse vorkommt. Er ist von einer geringen Religiosität geprägt. Das Kopftuch sei etwas für kulturlose Fellachen und Terroristen und wird als unter Niveau und als Bekleidungsstil von sozialen Emporkömmlingen abgelehnt. 15 Die Kinder gehen auf Privatschulen, sprechen fließend Englisch, tragen Jeans, Shirts und Sonnen-brille, sowie die Haare offen. In ihre Freizeit sind sie Mitglieder von Cliquen und gehen in elitäre Shams-Sportclubs und Fastfood-Restaurants. Allerdings unter-liegen sie immer noch der Verhaltenserwartung als Jungfrau in die Ehe einzu-gehen. Diese aber steht im starken Gegensatz zu den Offerten ihrer Boyfriends. Inmitten dieser Prozesse verhandeln die jungen Frauen ihre Position. Der am offiziellen Islam orientierte Lebensstil ist im gebildeten Segment der unteren Mittelklasse weit verbreitet. Ihre religiöse Orientierung lagert sich an islamisch, nationalistischen, wie an westlichen kulturellen Mustern an. Unver-schleierte Frauen werden als dumme Imitatorinnen des Westens bezeichnet, die ihre kulturelle Identität verloren haben. Aber andererseits grenzt man sich von den vollverschleierten „Fanatikerinnen“ ab. 16 Selbst wird das Kopftuch und knöchellange Kostüme mit Stöckelschuhen getragen, die sowohl als ladylike und chic, als auch in Übereinstimmung mit den religiösen Vorschriften bezeichnet werden. Familien- und Verwandschaftsbeziehungen gilt die zentrale Aufmerksamkeit, Freundschaften werden nur als zweitrangig eingestuft. Deshalb wird die Freizeit im Kreise der Familie verbracht. Man sieht sich als gut erzogene und gebildete Frau, der man in diesem Umfeld Respekt zollt. Es wird die Kompetenz im Verhältnis zu den Männern betont. Man kenne seine Grenzen ganz genau und lasse sich auf nichts „Schlechtes“ ein. 17 Der neo-islamische Lebensstil ist in der Mittelklasse angesiedelt. Er umfaßt intensive Gebete und eine methodisch-rationale Lebensführung, die sich zum einen in der Teilnahme an verschiedenen religiösen Gruppen, die sich mehrmals wöchentlich treffen, einer strengen Kleidervorschrift, sowie zum anderen im Verzicht auf Kontakte zu anderen Männern außerhalb der Familie, zeigt. Als Kleidung wird ein bodenlanges, weites Gewand, Handschuhe, ein Kopf und Oberkörper verhüllendes Tuch und ein Gesichtsschleier angelegt. Auch haben die Frauen den Blick gegenüber Männern zu senken und ihren „sexy“ Hüftschwung und andere Resultate der „teuflischen westlichen Gehirnwäsche“ abzulegen. 18 Man hält sich für die perfekte Ehefrau und Mutter, die ein Mitspracherecht bei der Entscheidung für einen Bewerber hat.
15 Lukatis; Sommer; Wolf, S. 244
16 Ebd., S. 245
17 Ebd., S. 246
18 Lukatis; Sommer; Wolf, S. 247
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Zusammenfassend ist festzustellen, das Frauen durch ihre Rolle als Repräsentantinnen der Moral eine besonders exponierte Position einnehmen. Ihre Inszenierungen sind Kommentare zu den anderen vorhandenen religiösen Glaubensvorstellungen. Sie erschließen sich durch ihre Hinwendung neue Handlungsfelder, die verbesserte Voraussetzungen für eine stark versachlichte und formalisierte Reziprozitätsbeziehung mit Männern schaffen. Sie wollen sich in einem umfassenden Sinnzusammenhang als gleichermaßen kluge und weise Gestalterin von Welt und Selbst verwirklichen.
V. Religiöse Praktiken und Wandel der Geschlechterverhältnisse -Eine Fallstudie aus dem Nordsudan
Ruth Klein-Hessling möchte in ihrer Studie die Herausbildung des islamischen Diskurs in der Gesellschaft im Sudan im ländlichen Milieu aufzeigen und herausfinden, ob lokale Strukturen durch den Hegemonialanspruch eines skripturalen Konzeptes von Islam verdrängt werden. Und wie über Habitus und partikularen islamischen Lebensstil soziale Distinktion praktiziert wird. Sie entdeckte, das durch Migration auch die ländlichen Gebiete längst in Globalisierungsprozesse eingebunden sind. Das beweist nicht zuletzt eine Sendung, die täglich zur besten Sendezeit, sich vor allem an Frauen richtet und sich mit Fragen des moralisch angemessenen Verhalten von Frauen beschäftigt. Es werden die Beispiele zweier Frauen beschrieben, wie sie den Umgang mit den neuen kulturellen Konzepten pflegen. Im ersten Fall werden im Streben um kulturelle Dominanz unterschiedliche Dinge wie gesellschaftliche Arbeitsteilung, Zeiteinteilung, Sexualmoral und Speisesitten, anständige Kleidung, Formen des höflichen Umgangs und Hygiene religiös aufgeladen und als verbindliche und islamische Praktiken ausgegeben. Status und Prestige ergaben sich stets über das Alter und die den älteren Frauen zugeordneten Kenntnisse der erweiterten Familien und der sozialen Dorfstrukturen.
Dies hat sich gewandelt. Die moralische Integrität von jüngeren Frauen hängt nicht mehr vom Lebenszyklus ab, sondern von der individuellen religiösen Praxis. Diese wird zum einen durch die Sprache zum Ausdruck gebracht, wie das zitieren von Suren aus dem Koran in der religiösen Rhetorik. Desweiteren wird die Kleidung zum Symbol religiöser Einstellung. Hier ist es ein Tob 19 , ein fünf Meter langes Gewand aus Baumwolle, Synthetik oder Seide, das bis zu den Knöcheln reicht. Über die Kleidung erschließen sich den Frauen daraufhin erweiterte Handlungsspielräume. So ist die Anwesenheit an einem Freitag in einer Moschee, was bisher nur den Männern und alten Frauen vorbehalten war, nun auch den jungen Frauen
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möglich. Der Männern vorbehaltende Raum wird in Frage gestellt und neu definiert. Die neue Autorität der Frau, die früher auf ihrer Herkunft basierte, wird nun auf ihrem Ehrgeiz, ihrer Strebsamkeit, ihrem Wissen um religiöse Praktiken und den dadurch möglichen Zugang zum skripturalen Islam begründet.
Das zweite Beispiel zeigt eine andere Strategie, religiöse Praxis und sozialen Aufstieg zu verbinden. Es geschieht durch den „iltizaam“ 20 , ein Bekenntnis, welches die Praktizierung einer strikten islamischen Lebensführung beinhaltet.
Es zieht die Verschleierung mit dem Higaab 21 und dem niqaab 22 , dem Gesichtsschleier, sowie mit dunklen Handschuhen und Socken mit sich.
Durch diese strikte Lebensführung hat die Frau die Berechtigung ihrem Mann zu einer religiöseren Lebensführung anzumahnen und damit den sozialen Aufstieg zu schaffen. Allerdings wird im Gegensatz zum ersten Beispiel hier die Bewegungfreiheit der Frau statt erweitert, noch zusätzlich begrenzt.
Zusammenfassen ist festzustellen, daß Öffentliches und Privates nicht statische Konstrukte sind, sondern im islamischen Diskurs neu verhandelt werden.
Der Statusgewinn, den jungen Frauen durch einen strikten islamischen Lebensstil erringen, verändert die Aushandlungsmodi zwischen den Geschlechtern und den Generationen. Tradiertes Wissen erfährt dabei eine Abwertung und Autoritätsstrukturen verschieben sich durch den Zugang zu und die Handhabung von neuem Wissen.
VI. Migration, Islamisierung und Identitätspolitiken:
Zur Bedeutung der Religiosität junger Frauen in Deutschland
Sigrid Nökel bezieht sich in ihrer Arbeit auf den Islamisierungsprozeß innerhalb der zweiten Generation der Arbeitsimmigranten in Deutschland im Verlauf der
90er Jahre. Hier treten die Gastarbeitertöchter, welche zielstrebig an ihren akademischen Abschlüssen arbeiten oder qualifizierte Angestellte sind, als alltagsrelevantes Ordnungsregime auf. Sie bewirken eine Machtverschiebung innerhalb der Klassenhierarchie in der sie und ihre Eltern unten angesiedelt sind, wie auch hinsichtlich der Alters- und Geschlechterhierarchien in der innerethnischen Interaktionen. Bikulturalität und
19 Lukatis; Sommer; Wolf, S. 254
20 Ebd., S. 256
21 Ebd.
22 Ebd.
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Bildungskarrieren definieren ihre spezifischen, von der ersten Generation unterscheidbare, soziale Situierung.
Sie sind bemüht die herabsetzenden Fremddefinitionen abzuwehren und im Gegenzug eine deutlich konturierte und unverwechselbare eigene Identität aufzubauen. Bei der Kreierung eines spezifischen Lebensstils fungiert ein moderner rationaler Islam als kulturelles Kapital. 23 Die Präsentation als Muslima hat die subjektive Bedeutung sich offensiv von einseitig gesetzten Regeln abzukoppeln und Besitzerin einer eigenen gleichwertigen Kultur zu sein. Der Islam bietet ein nahezu perfektes Gerüst, durch seine detaillierten, gleichwohl interpretationsbedürftigen Regulierungen, um dies zu erreichen. Er liefert die Komponenten, um sich gegen die Willkür der anderen und ihre Ansprüche zu wehren, was die Gastarbeiterkultur nie vermocht hatte. Das Ziel ist Islamischsein als individuelles Projekt und nicht als Effekt von Fremdkontrolle. Das beinhaltet die Ästhetisierung des Leibes und die Aristokratierung des Verhaltens. Dazu gehören Verzicht auf die Herabsetzung Anderer, stete Hilfsbereitschaft und Höflichkeit, überlegte, gemessene damenhafte Reaktionen anstelle teenyhaftem Gekichere und überflüssiger Mimik und Gestik, geräuschloses Essen und Trinken. Nicht zuletzt natürlich gehört die reflektierte Selektion der Kleidung dazu. Die Vollverschleierung wird im Kreise der Neo-Muslimas durchweg als übertrieben abgelehnt. Und der Tschadors widerspricht der Affirmation und Repräsentation als Individuum. Das Kopftuch als Zeichen der perfekten Muslima ist unerläßlich und bildet eine Art kompromißbereite Minimalkonstruktion. Aber ein eminent hoher Wert wird darauf gelegt, daß nicht ein Härchen sichtbar ist. 24
Während die einen aus Gründen der Perfektion auf die geliebte Jeans verzichten, stehen sie für Frauen aus streng traditionellem Elternhaus für die Überwindung ethnischer Enge und werden deshalb beibehalten. Zusammen- fassend kann man sagen, daß das angestrebte Ziel die Perfektion ist. Perfektion in Kleidung, Verhalten und Wissen macht einen Unantastbar und Unverwundbar gegenüber Anfeindungen von anderen Kulturen und Männern. Denn anhand der islamischen Quellen, wie Koran und Sunna, wird das Verhältnis der Geschlechter zueinander neu vermessen, da sie ein relativ fest umrissenes Repertoire von Rechten und Pflichten für beide Geschlechter beinhalten. Das aus der Tradition kommende Modell, das Pflichten primär weiblich und Rechte mit Männlichkeit konnotieren, wird überwunden. Diese Vorstellungen werden von der Zweiten Generation auf die Erste übertragen. Somit führt der Islamisierungsprozeß nicht zwangsläufig zur Desintegration und Parallelgesellschaft.
23 Lukatis; Sommer; Wolf, S. 263
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VII. Zur Bedeutung des Kopftuches für das Selbstverständnis von Musliminnen im innerislamischen Geschlechterverhältnis
Heute sind es insbesondere die gut ausgebildeten und studierten Frauen in Deutschland, welche die von den meisten Vätern geforderte islamische Geschlechtertrennung, auch in unserer westlichen Welt verteidigen. Ihr nach außen hin unverzichtbares Merkmal ist das Kopftuch, oft auch die entsprechende weite Verhüllung des gesamten Körpers. Wieso tun das diese Frauen? Sie wollen sich damit gegen die Verwestlichung, den Werteverfall und die Entfremdung wenden. Nach außen hin bedeutet das getragene Kopftuch die Negierung des westlichen Ideals der Geschlechtsneutralität des öffentlichen Raumes. Nach innen, hinter der imaginären Frontlinie zum Westen, ist eine Modernisierung und Veränderung der
Geschlechterverhältnisse zu beobachten, die muslimische Frauen gerade durch die Annahme des Islam und das Anlegen des Tuches erstreiten und beanspruchen, ohne sich aber von der Familie abkehren zu müssen. Denn die intellektuelle Aneignung der islamischen Lehre stellt sich als ein emanzipativer Akt dar, durch den die Frau einen Zuwachs an Handlungsautonomie, insbesondere gegenüber den Männlichen Muslimen gewinnt. 25
VIII. Schlußkapitel
Fundamentalistische Bewegungen sind eine explizite Verbindung zwischen religiöser Ordnung, sozialer Ordnung und Geschlechterverhältnis. Die Ordnung des Sexuellen, das Verhältnis von Männern und Frauen, sowie die strikte Trennung von öffentlicher und privater Sphäre und damit verknüpfte geschlechtstypische Zuschreibungen, nehmen dabei eine zentrale Stelle ein.
Im Fundamentalismus findet eine religiös legitimierte und reaktualisierte Form der Geschlechterdifferenzierung statt, die auf soziale Veränderungen im Sinne verstärkter funktionaler Differenzierung bezogen ist. Das die Normierung und Regulierung des Geschlechterverhältnisses und die damit verbundene Steuerung von Sexualität religiös verankert ist, liegt nicht zuletzt daran, daß es immer auch eine Funktion von Religion war, soziale Strukturen in Berufung auf höhere Instanzen und Heilsordnungen zu legitimieren. Während Riesebrodt die symbolische Akzentuierung von Geschlechtergrenzen und patriarchalen Beziehungsformen betont angesichts einer Situation, die solche Grenzen und
24 Ebd., S. 265
25 Lukatis; Sommer; Wolf, S. 275
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Beziehungsformen nachhaltig unterminieren und entwerten, geht es in den Studien von Werner und Klein-Hessling um einen Prozeß, den man als „Öffnung durch Schließung“ 26 bezeichnen könnte. Damit ist eine spezifische soziale Kompromißbildung gemeint. Funktional-spezifische Kontakte zwischen Männern und Frauen werden ermöglicht, durch die Symbolisierung sozialer Schließung, was eine verschärfte Restabilisierung der alten Geschlechterordnung beinhaltet. Das heißt, der Zutritt von Frauen in öffentliche Bereiche erfolgt nicht in geschlechtsneutraler Weise, sondern in dem mittels des Schleiers gerade ihre Differenz und zudem ihre Nichtzugänglichkeit als sexuelles Wesen herausgestellt wird. Dies steht entgegen der gleichmacherischen Entwicklungstendenz funktionaler Differenzierung im Westen. Doch gerade diese Paradoxie von Öffnung und Schließung ist es, die es Frauen in bestimmten Kontexten möglich macht, das Tragen des Schleiers instrumentell einzusetzen. Er kann als fügsamer Protest und als ein hoch selektiver Versuch, bestimmte Ideale des Islams wieder zu beleben, gegen die Tradition, die im Zuge der Modernisierung, den Frauen mehr Rechte aberkannte, als ihnen Freiheiten zugestand, verstanden werden. Fundamentalismus ist demnach eine Reaktion auf einen epochalen Umwandlungsprozeß der Grundlagen in allen Gesellschaftsbereichen, der zu Ungunsten der Frauen, in ihren Rechten und Pflichten verlief und durch die Rückbesinnung auf den skripturellen Koran, in diesem Sinne zwar als „antimodernistisch“ 27 aus westlicher Sicht angesehen, aber für die Frauen als emanzipativer Schritt innerhalb des Islams verstanden, behoben werden soll. Somit werden die Frauen zu den Trägern des wahren Islams, was ihre Bedeutung für und ihre Stellung in diesen Glauben unverrückbar hebt und festigt. Sie wurden zum „Motor“ und „Fundament“ der fundamentalistischen Bewegung.
Diese Entwicklung steht entgegen der des protestantischen Fundamentalismus. In ihm wird durch die zunehmende Bibelkritik die Funktion von Religion, speziell für die unteren Schichten als auch für die Frauen, den Druck der Erfolglosigkeit, Hoffnungslosigkeit und Machtlosigkeit im Alltag durch Auserwähltheit und Heils-gewißheit zu kompensieren, außer Kraft gesetzt. Da der Kampf der protestan-tischen Fundamentalisten ein Kampf für die Erhaltung der old-time religion 28 ist, diese aber der Frau keine Vorteile, sondern mehr Nachteile bringt und es hier um die Erhaltung der Institutionen, Berufs- und sozialen Aufstiegschancen geht, ist es eine von Männern dominierend vorangetriebene Bewegung. Die Bibel besagt in ihrer Heilsgeschichte, daß die Frau dem Manne Untertan sein soll, weil sie doch aus der Rippe Adams entstammt und sie die Schuld am Rauswurf aus dem Paradies trägt. Auch fühlen sich die Männer durch die Konkurrenz der Frauen, die neu ins berufliche Leben drängen, bedroht und fürchten um ihre Aufstiegschancen, wenn nicht sogar
26 Lukatis; Sommer; Wolf, S. 286
27 Lukatis; Sommer; Wolf, S. 283
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um ihre Existenz in der wirtschaftlich geschwächten USA. Diese Tatsachen belegen, daß ohne eine scharfe Abgrenzung zu anderen Glaubensinhalten oder
Modernisierungsvorhaben, das traditionalistische Milieu in den Großstädten gar nicht überleben kann. Insofern ist es gezwungen fundamentalistisch zu werden, um traditionalistisch bleiben zu können. Und schließlich wird von diesen Einflüssen die zivilreligiöse Über-zeugung einer Identität von Bibel und Verfassung, von Protestantismus und Nation in Zweifel gezogen. All dies stellt für das fundamentalistische Lager eine Demütigung von epochalem Ausmaß dar und bedroht seine Reproduktions-chancen ganz massiv. Der Kampf wird von Männern auf dem Rücken der Frau ausgetragen, welche als Bedrohung wahrgenommen wird.
28 Riesebrodt, S. 111
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IX. Literaturverzeichnis
Lukatis, Ingrid; Sommer, Regina; Wolf, Christa: Religion und Geschlechterverhältnis.
Leske+Budrich-Verlag: Opladen 2000
Riesebrodt, Martin: Fundamentalismus als patriarchalische Protestbewegung: amerikanische Protestanten (1910-28) und iranische Schiiten(1961-79) im Vergleich. Mohr-Verlag: Tübingen 1990
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Arbeit zitieren:
Thomas Funke, 2000, Zur Bedeutung von Frauen in fundamentalistischen Bewegungen, München, GRIN Verlag GmbH
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