II
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis. II
Abbildungsverzeichnis III
Abk ürzungsverzeichnis IV
1. Unternehmenskultur und Mikropolitik. 5
1.1. Einordnung in die Wissenschaften. 5
1.2. Mikropolitik und Unternehmenskultur in der Öffentlichkeit. 5
1.3. Prägung von Unternehmenskultur durch Organisationsmitglieder. 7
2. Mikropolitik 8
2.1. Definition von Mikropolitik 8
2.2. Theoretischer Hintergrund 10
2.3. Formen der Mikropolitik. 15
2.3.1. Das Ziel von mikropolitischem Handeln 15
2.3.2. Politics-Policy-Polity-Modell der Mikropolitik 16
2.3.3. Typen von mikropolitischen Methoden 18
2.3.3.1. Individuelle Methoden 18
2.3.3.2. Gruppenmethoden 21
2.4. Der mikropolitische Akteur. 23
2.4.1. Akteurstypen Akteursmodelle. 23
2.4.2. Strategien und Handlungen von Akteuren 26
2.4.2.1. Theoretische Ansätze 26
2.4.2.2. Politische Strategien. 30
2.5. Zwischenfazit 31
3. Unternehmenskultur 33
3.1. Definition von Unternehmenskultur. 33
3.1.1. Kultur im Unternehmen 35
3.1.2. Abgrenzung des Begriffs Unternehmenskultur. 38
3.2. Modelle der Unternehmenskultur. 39
3.2.1. Kulturtypologie 40
3.2.2. Kulturebenenmodell 42
3.2.3. Rolle und Folge einer Unternehmenskultur 45
3.3. Zwischenfazit 46
4. Mikropolitik im kulturellen Umfeld. 47
4.1. Unternehmenskultur und Mikropolitik. 47
4.1.1. Auswirkungen der Unternehmenskultur auf die Akteure 47
4.1.2. Mikropolitisches Handeln im unternehmenskulturellen Umfeld 48
4.2. Internationale Aspekte. 49
4.2.1. Einfluss der Landeskultur auf die Unternehmenskultur. 49
4.2.2. Mikropolitisches Handeln in anderen Länderkulturen. 51
5. Fazit: Der Einfluss der Unternehmenskultur auf mikropolitische Prozesse 56
Literaturverzeichnis 57
III
Abbildungsverzeichnis
Abb. 1 Motivation am Arbeitsplatz nach Institut Gallup Focus Nr.7/2008 S. 95.
Abb. 2 Polity-Policy-Politics- Modell nach Neuberger (2006) S. 28.
Abb. 3 Klassifikation der Akteurtypen nach Kahmann (2001) S. 101.
Abb. 4 Analyse und Gestaltung von Handlungssituationen als rekursiver Prozess nach
Kahmann (2001) S. 86.
Abb. 5 Akteur-Handlungs- Modell, nach Neuberger (2006) S. 104.
Abb. 6 Strategieprozess nach Tils (2005) S. 33.
Abb. 7 Strategiebildungsprozess, nach Schröder (2000) S. 29.
Abb. 8 Kulturprozess nach Baumgartner (2006) S. 36.
Abb. 9 Ebenen der Kulturbetrachtung nach Heinen/Fank (1997) S. 246.
Abb. 10 Kulturen im internationalen Konzern nach Schneider/ Hirt (2007) S. 211.
Abb. 11 Unternehmenskulturtypen nach Heinen/ Fank (1997) S. 31.
Abb. 12 Kulturebenenmodell nach E. H. Schein (2004) S. 26.
Abb. 13 Verhältnis Machtdistanz/Unsicherheitsvermeidung, nach Hofstede Schneider/ Hirt
(2007) S. 218
Abb. 14 Mentalitätsunterschiede Deutschland - China nach Hummel/ Jing (2005) S. 84
Abb. 15 Länderverhältnis Individualismus/ Kolletivismus nach Hummel/ Jing (2005)
IV
Abkürzungsverzeichnis
Abb. = Abbildung
bzw. = beziehungsweise d.h. = das heißt etc. = et cetera f. = folgende ff. = fortfolgende ggf. = gegebenenfalls Hrsg. = Herausgeber/in i.S.v. = im Sinne von Nr. = Nummer u.ä. = und ähnliche S. = Seite sog. = so genannte/r ÜAM = Übereinstimmungsausmaß VAG = Verankerungsgrad vgl. = vergleiche z.B. = zum Beispiel
Unternehmenskultur und Mikropolitik 5
Akteur und Strategie:
Wie prägen verschiedene Unternehmenskulturen das
mikropolitische Handeln von Organisationsmitgliedern?
1. Unternehmenskultur und Mikropolitik
1.1. Einordnung in die Wissenschaften
In der Betriebswirtschaft werden die Thematiken von Unternehmenskultur bzw. Mikropolitik oft nur am Rande betrachtet. Häufiger stehen andere Thematiken in der betriebswirtschaftlichen Sichtweise im Vordergrund, die für den Betrachter leichter und wichtiger erscheinen, wie Strategie, Struktur, Absatzzahlen, Qualitätsverbesserungen, Löhne und Gewinne, etc. 1 Die soziale Seite der Unternehmen, d.h. der Umgang der Mitarbeiter untereinender genauso wie die Verhältnisse zwischen Vorgesetzten und Mitarbeiter finden oft wenig Beachtung. Dies beginnt bereits bei der Ausbildung von Betriebswirten. Im Standardwerk der Betriebswirtschaft, Günter Wöhes’ „Einführung in die Allgemeine Betriebswirtschaftslehre“, findet sich zu diesen Aspekten der Betriebsführung wenig. Der Begriff Unternehmenskultur findet sich gerade beiläufig erwähnt und die Mikropolitik wird ebenfalls ausgegrenzt. 2 Eine ganzheitliche Betrachtung der Unternehmensvorgänge findet folglich in der Ausbildung selten statt. In der Organisationslehre, welche nicht nur von der Betriebwirtschaftslehre beeinflusst wird, sondern auch sehr stark von der Soziologie, der Psychologie und der Politikwissenschaft dominiert wird, finden sich jedoch diese Begriffe des Öfteren aus verschiedenen Blickwinkeln wieder. Betriebswirtschaftlich sind Mikropolitik und Unternehmenskultur besonders in den Bereichen Personalwirtschaft,
Unternehmensführung, strategisches Management und in der betriebswirtschaftlichen Organisation präsent. 3
1.2. Mikropolitik und Unternehmenskultur in der Öffentlichkeit
Die Begriffe Mikropolitik und Unternehmenskultur sind in der Öffentlichkeit wenig verbreitet. Jedoch treten die beiden Begriffe öfters verdeckt in der Berichterstattung der Medien auf. Jüngstes und bekanntestes Beispiel ist der Leitartikel des Magazins Focus vom
1 Vgl. Bea, Göbel, S. 172.
2 Vgl. Wöhe, Günter, Einführung in die Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, S. 1203 ff.
3 Vgl. Lutz von Rosenstiel, Grundlagen der Organisationspsychologie, S. 2000.
Unternehmenskultur und Mikropolitik 6
11. Februar 2008. Der Focus titelt hier mit dem Slogan: „Männer, Macht & Machiavelli“ 4 . In diesem Artikel von Stella Bettermann werden gerade die Begriffe Mikropolitik und Macht im Unternehmen, aber auch Unternehmenskultur beleuchtet. Anhand von prominenten Wirtschaftsvertretern und deren Karrierewegen, wird das Streben nach Karrierezielen und den daraus entstehenden Problemen, sowie die Einwirkungen der Umwelt und der Unternehmensziele dargestellt. 5
Der Focus verdeutlicht die Aktualität der Problematik wie folgt: „Statt für die Firma, wird offenbar öfter gegeneinander gearbeitet: Rund eine Million deutscher Arbeitnehmer fühlen sich als Mobbing- Opfer. Die Folgen - durch Produktionsausfälle, Fehlzeiten usw. - belaufen sich auf geschätzte zehn bis 15 Milliarden Euro…“ 6 Diese Tatsache, als Folge von mikropolitischem Handeln und einer offensichtlich als schlecht anzusehenden Unternehmenskultur, sofern eine solche überhaupt vorhanden ist, ist als äußerst negativer Effekt für Gesellschaft und Wirtschaft anzusehen. Dieses „Hauen und Stechen“ 7 wie es der Focus nennt, schädigt den wirtschaftlichen Erfolg. Hierzu ist festzuhalten, dass diese Vorgehensweise gegenüber den Kollegen im Unternehmen lediglich negative Auswirkungen hat. Es wird durch diese Praxis kein positiver Effekt für die Gemeinschaft erzielt. Wer durch Mobbing aufstrebt erhält zwar persönlich eine bessere Position, jedoch wäre dies ggf. auch ohne Mobbing möglich. Das Mobbing-Opfer verringert seine Tätigkeit und sorgt somit für den negativen Effekt. Der Focus beruft sich in dieser Hinsicht auf eine Umfrage des Instituts Gallup (aus dem Jahr 2006), welche besagt, dass 68% der Arbeitnehmer nur den sog. Dienst nach Vorschrift tätigen, 19% innerlich bereits gekündigt haben und nur 13% der befragten Arbeitnehmer sich voll in ihre Tätigkeit einbringen. 8
Abb. 1 Motivation am Arbeitsplatz; nach Institut Gallup; Focus Nr.7/2008 S. 95.
4 Bettermann (2008); S. 1.
5 Vgl. Bettermann (2008); S. 94 ff.
6 Bettermann (2008); S. 95.
7 Bettermann (2008); S. 95.
8 Vgl. Bettermann (2008); S. 95.
Unternehmenskultur und Mikropolitik 7
Trotz dieses ausgeprägten Verhaltens in den Unternehmen, wird dieses Machtstreben in der Öffentlichkeit als fragwürdig angesehen. Oft wird der Begriff Macht auf Grund der Erfahrungen im Dritten Reich mit der Wertung „Missbrauch“ in Verbindung gebracht. So wird das Streben nach Macht gerne mit anderen Formulierungen umschrieben, wie beispielsweise „Führungskompetenz“. Auch wird oft übersehen, dass Macht in erster Linie nur heißt, die Fähigkeit sich durchzusetzten zu besitzen, was im positiven und negativen Sinne erfolgen kann. 9
1.3. Prägung von Unternehmenskultur durch Organisationsmitglieder
Die Problematik, welche dieser Arbeit zu Grunde liegt, ist der Gegensatz zwischen dem handelnden Akteur, der kleinsten handelnden Einheit, und seiner Umwelt in einer Organisation. Der Akteur, der einen gewissen Handlungsfreiraum besitzt, ist jedoch durch das System der Organisation und deren Kultur, in dem er sich befindet, in seinem Handeln begrenzt.
Wenn davon ausgegangen wird, dass die Kultur in einem Unternehmen oder einer Organisation von den Akteuren, welche ein Teil dieser Organisation sind, geprägt, gestaltet und gelebt wird, so ist zunächst hierbei ein eindeutiger Zusammenhang zwischen Organisationskultur und mikropolitisch handelnden Akteuren auszumachen. Jedoch erscheint dieser Zusammenhang komplexer, wenn erkannt wird, dass diese Organisationsgebilde nicht isoliert zu betrachten sind, sondern verschiedenartigste externe Faktoren auf diese Organisation und somit auch auf die Akteure in ihr einwirken. 10 Hierbei stellt sich die Frage, ob der Einfluss von externen Faktoren das Handeln der einzelnen Akteure derart beeinflussen kann, dass dies wiederum einen Einfluss auf die gesamte Kultur in einer Organisation hat. Wird nun der Ansatz verfolgt, dass die Kultur einer Organisation vom Handeln und den Werten der Individuen in der Organisation gestaltet wird, so stellt sich die Frage nach einem Umkehrschluss. Dieser Umkehrschluss ist die Frage, ob die Unternehmenskultur das mikropolitische Handeln der Organisationsmitglieder beeinflusst. Dies soll im Weiteren dieser Arbeit erörtert werden.
9 Vgl. Bettermann (2008); S. 98.
10 Vgl. Rosenstiel (1975), S. 120 ff.
Mikropolitik 8
2. Mikropolitik
Im Folgenden soll nun zunächst die Thematik der Mikropolitik erörtert werden. Hierbei wird zuerst eine Klärung der Definition von Mikropolitik und ihre politiktheoretische Herleitung erfolgen. Danach wird dargestellt, wie sich mikropolitisches Handeln in der Praxis darstellt und wie die Akteure dabei agieren.
2.1. Definition von Mikropolitik
Eine Definition von Mikropolitik zu formulieren erscheint auf den ersten Blick als vergleichsweise einfach. Es genügt das Wort „Mikropolitik“ in seine Bestandteile „Mikro“ und „Politik“ aufzuspalten und man ist der Sache schon relativ nahe. Mikro kommt aus dem griechischen und steht für „klein“. Der Begriff „Politik“ steht hier für das politische Handeln. Somit ergibt sich leichtfertig für „Mikropolitik“ die Erklärung, dass es sich um kleine Politik, oder besser, Politik im Kleinen handelt. Da diese Art der Definition keineswegs umfassend ist, liegt es nahe, sich dem Sachverhalt anders zu nähern. 11 Zwischen den verschiedenartigsten Definitionen von Mikropolitik lassen sich jedoch zunächst einige Gemeinsamkeiten feststellen. Diese Merkmale von Mikropolitik finden sich in nahezu allen Definitionsversuchen der Mikropolitik wieder. Hierbei können folgende Merkmale übereinstimmend festgestellt werden:
„1. Es handelt sich um von der Organisation nicht gebilligtes, selbstdienliches Verhalten, 2. das den organisationalen Zielen oder den Interessen anderer Organisationsmitglieder entgegengesetzt ist und 3. in sich entzweiend und konkurrierend ist und
4. potentiell zum Nachteil Anderer auf die Erlangung individueller Macht gerichtet ist.“ 12 Bei dieser Betrachtung spielen zwei Aspekte eine besondere Rolle. Dies sind zum einen das der Organisation entgegen gesetzte Streben nach Zielen und Interessen und zum anderen das Streben nach individueller Macht.
Das Streben wider den Zielen und Interessen der Organisation muss jedoch dahingehend betrachtet werden, dass die Mitglieder einer Organisation weniger das Ziel einer Organisation durch mikropolitisches Handeln umgehen, sondern eher die formale Struktur einer Organisation unterlaufen mit der ein persönliches Ziel erreicht werden soll. Durch informelle Strukturen und Einbringung eigener persönlicher Ziele werden die objektiven Ziele der Organisation umgewandelt in subjektive Interessen und Ziele der Organisationsmitglieder. 13
11 Vgl. Neuberger (2006); S. 7 f.
12 Neuberger (2006); S. 9
13 Vgl. Bischoff (1998 a); S. 164 f.
Mikropolitik 9
Das Streben nach individueller Macht geht mit der Individualisierung der Organisationsziele einher, ist jedoch getrennt von diesem Vorgang anzusehen, da dieses Handeln auch getrennt von der Organisation mit ihren Zielen beobachtet werden kann. Der Faktor Macht in sozialen Beziehungen gilt bei dieser Betrachtung als Schlüssel zum Verstehen von Bestrebungen nach individueller Einflussnahme. Gerade die Eigennützigkeit und die damit verbundenen Möglichkeiten der Agitation, d.h. sich Flexibilität bei Entscheidungen zu schaffen bzw. eigene Interessen oder die Interessen von Partnern besser verfolgen zu können, sind Auslöser für mikropolitisches Handeln. 14
Eine Definition, bzw. der Versuch einer Definition des Begriffs der Mikropolitik muss verschiedene Aspekte des mikropolitischen Handelns in sich vereinen. Zum einen den Begriff der Macht und des politischen Verhaltens, welche den Kern der Mikropolitik bilden. Des Weiteren muss die Definition eine Aussage zum Rahmen der Mikropolitik treffen, d.h. die Definition muss angeben, welche Voraussetzungen, bzw. welche Grenzen mikropolitisches Handeln hat und ob die Mikropolitik die Möglichkeit hat ggf. diese Grenzen auch zu überwinden. Ebenfalls sollte eine Definition von Mikropolitik das Ziel der Mikropolitik und deren Zweck verdeutlichen.
Eine Definition welche in diesem Sinne als ganzheitlich angesehen werden kann ist eine Definition von Oswald Neuberger, welche er in seinem Werk Mikropolitik und Moral in Organisationen veröffentlichte:
„Akteure versuchen auf unkonventionelle und eigenmächtige Weise legitime Organisationsziele zu erreichen, von denen die sich auch persönlich etwas versprechen; zu diesem Zweck gehen sie verdeckt und informell vor und bauen Macht auf, um Problemlösungen zu erreichen, die ansonsten gefährdet wären. Sie setzten eine große Bandbreite von (gebilligten und missbilligten) Mitteln ein.“ 15
Hierin finden sich die oben genannten Charakteristika einer umfassenden Definition wieder, wie der Aspekt der Macht, des Ziel bzw. Zwecks des mikropolitischen Handelns und der Rahmen, in dem Mikropolitik stattfindet.
Diese Definition zeigt aber auch gerade im Gegensatz zu anderen Definitionen von Mikropolitik, dass der Zweck der Mikropolitik sich auf zwei Säulen stützt. Dies ist zum einen das Ziel der Organisation. Die zweite Säule ist das Eigeninteresse, welches ebenfalls erreicht werden soll. Diese beiden Säulen zu vereinen, bzw. miteinander zu verbinden, kann als Kern des mikropolitischen Handelns angesehen werden.
14 Vgl. Neuberger (2006); S. 11 f.
15 Neuberger (2006); S. 17.
Mikropolitik 10
Die moderne Sichtweise auf die Mikropolitik stützt sich auf verschiedene Theorien der Anthropologie, Organisationswissenschaften, Politikwissenschaft sowie Psychologie und Soziologie. Vor allem von der Politikwissenschaft gingen wichtige Impulse aus, welche die heutige Sicht der Mikropolitik, im Gegensatz zu anderen Wissenschaften, besonders stark prägten. Gerade das „Politische“ und der Begriff der „Macht“, zwei existentiell wichtige Begriffe der Mikropolitik, wurden hier seit Jahrhunderten betrachtet. Einige, für die nachfolgenden Betrachtungen wichtige, historische Einflüsse sollen im Folgenden betrachtet werden.
2.2. Theoretischer Hintergrund
Grundsätzlich kann die Mikropolitikforschung auf keine allzu lange Tradition zurückblicken. Jedoch kann sie sich auf zahlreiche Theorien und Lehren aus der viel älteren und umfassenderen Politikforschung beziehen. Erst mit dem Sammelband „Micropolitics“ von Kessel Cole und Seddings im Jahre 1970 gelang der Betrachtung der Mikropolitik der Durchbruch, da sie zuvor als Ableger oder maximal als Forschungsgebiet der Politikwissenschaft angesehen wurde. 16
Das erste Werk, welches in die Thematik der Mikropolitik eingeordnet werden kann ist „Il Pricipe“, auf Deutsch „Der Fürst“, von Niccolo Machiavelli. Das Werk, welches in der italienischen Renaissance entstand und von den historischen Gegebenheiten der damaligen Zeit in Norditalien und seinen Kleinstaaten geprägt ist, kann deshalb als eines der ersten mikropolitischen Werke angesehen werden, da es einen Leitfaden für das machtorientierte Handeln eines Akteurs, d.h. in diesem Falle eines Fürsten, ist. Machiavelli beschreibt darin in verschiedenen Kapiteln, wie Macht erlangt und erhalten werden kann, sowie welche Arten der Herrschaft existieren. 17
Um von Machiavelli für die „moderne Mikropolitik“ zu lernen, muss jedoch zunächst gesagt werden, dass Machiavelli des Öfteren die Begriffe Staat und Herrscher synonym verwendet, da er in „Der Fürst“ die Alleinherrschaft eines Fürsten und dessen Handlungen beschreibt. Es ist folglich von einem einzelnen Akteur auszugehen, wenn Machiavelli vom „Staat“ schreibt. 18
Machiavelli unterscheidet hauptsächlich drei Wege an die Macht zu gelangen, wobei er davon ausgeht, dass es auch weitere gibt, welche keiner der beiden Hauptarten zugerechnet werden kann. 19 Diese sind Herrschaften, welche „durch eigene Waffen und Tapferkeit
16 Vgl. Nullmeier/ Pritzlaff/Wiesner (2003); S. 14.
17 Vgl. Blum/ Rupp/ Gawlina (1997) S. 90 ff.
18 Vgl. Machiavelli (1990); S. 19.
19 Vgl. Machiavelli (1990); S. 49.
Mikropolitik 11
erworben werden“ 20 , „die durch fremde Hilfe und durch Glück erworben werden“ 21 und solche, welche „durch Verbrechen“ 22 erworben wurden. Machiavelli stellt ferner fest, dass ein Herrscher, welcher große Aufwendungen hatte die Macht zu erlangen, sich bei der Erhaltung der Macht leichter tut 23 . Im Gegensatz dazu stehen bei Machiavelli diejenigen Herrscher, welche keine große Mühe hatten (diejenigen die Glück oder fremde Hilfe genießen durften) die Macht zu erlangen, jedoch bei der Machterhaltung größere Aufwände haben. 24 Differenzierter sieht Machiavelli die Machterhaltung bei Herrschern, welche durch Verbrechen oder durch sonstige Umstände, wie der „Gunst der Mitbürger“ 25 an die Macht gelangt sind. Diese Herrscher müssen stets um das Wohl der Untertanen kämpfen und somit auch um ihre Legitimation streiten. Hierbei gibt es Fälle in denen Härte oder Wohltaten gleichwohl fehl am Platz sind, da sie jeweils ihre Wirkung verfehlen. 26 Aus diesen Aussagen Machiavellis lassen sich für den modernen Begriff der Mikropolitik verschiedene Rückschlüsse ziehen. So kann die Annahme gemacht werden, dass wenn jemand durch ungerechte Maßnahmen zu Macht kommt, z.B. eine bestimmte Stelle in einem Unternehmen besetzten darf, daraufhin mit der Legitimation zu kämpfen hat. Derjenige der sich die Position erschleicht, muss sich die Legitimation der Kollegen bzw. die Anerkennung seiner Untergebenen erst verdienen - d.h. er muss hart daran arbeiten. Ähnlich verhält es sich, wenn jemand Glück hat oder die Gunst eines anderen erhält. Auch hier kann nach Machiavelli gefolgert werden, dass ein erhöhter Aufwand nötig ist, die Legitimation zu erhalten, selbst wenn der Begünstigte persönlich dazu nicht aktiv beigetragen hatte. Ist der Aufwand, beispielsweise für eine Beförderung ernorm hoch, weil der neue Machthaber hart dafür gearbeitet hat, so ist die Machterhaltung für ihn einfacher, da er auf seine Taten bei der Machterlangung verweisen kann.
Einen völlig anderen Ansatz zur Mikropolitik findet sich bei Max Weber. In seinem Werk „Politik als Beruf“ zeichnet er verschiedene Arten der Herrschaft auf und stellt sie in einen geistigen Hintergrund. Dies soll im Folgenden dargelegt werden. Politik ist für Weber das „Streben nach Machtanteil oder nach Beeinflussung der Machtverteilung [...]“ 27 , wobei Weber dabei unter Macht die Chance eines Akteurs versteht, seinen eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzten. Ausgehend von diesem
20 Machiavelli (1990); S. 36.
21 Machiavelli (1990); S. 40.
22 Machiavelli (1990); S. 49.
23 Vgl. Machiavelli (1990); S. 39.
24 Vgl. Machiavelli (1990); S. 40 f.
25 Machiavelli (1990); S. 49.
26 Vgl. Machiavelli (1990); S. 53f.
27 Weber (1992); S. 7.
Mikropolitik 12
Machtbegriff leitet Weber die Herrschaft, d.h. die Anwendung der Macht, ab. Er bezeichnet Herrschaft als die Möglichkeit, mit einem Befehl Gehorsam bei einer Person zu erlangen. 28 Max Weber unterscheidet drei Arten der Herrschaft, die in seinem Werk als „Legitimitätsgründe“ 29 bezeichnet werden. Diese Legitimitätsgründe sind die traditionelle Herrschaft, die charismatische Herrschaft und die Herrschaft durch Legalität. Die traditionelle Herrschaft ist die Herrschaft, welche sich aus Traditionen, Kultur und Sitten ableitet. Ein typisches Beispiel für traditionelle Herrschaft ist der Adel in Europa, der die Macht in der Familie nach einer bestimmten Reihenfolge weitervererbt. Der neue Machthaber erhält seine Legitimation aus der Tradition der Thronfolge, der Sitte, da dies „schon immer so war“ und der Kultur der Anerkennung dieser Praxis. 30 Die charismatische Herrschaft stützt sich auf das Charisma, d.h. die Persönlichkeit eines sog. „Führers“ 31 , wie es Weber in seinem Werk beschreibt. Diese Art der Herrschaft bzw. deren Erlangung zeigt sich beispielsweise bei den typischen Heldenfiguren. Ein Kriegsfürst erlangt charismatische Herrschaft, d.h. er erlangt Macht, da es sein Geschick war beispielsweise ein Schlacht erfolgreich zu führen, oder aber auch Propheten erlangen Macht, da sie die Macht haben, indem sie die „Wahrheit“ verkünden und somit mit der Waffe der Wörter kämpfen. Egal welcher Typ von charismatischer Profilierung vorliegt - notwendig ist eine Gefolgschaft durch welche im Kern die charismatische Herrschaft begründet wird. 32 Die legale Herrschaft zeichnet sich nach Weber dadurch aus, dass sie „Kraft des Glaubens an die Geltung legaler Satzung“ 33 der „Kompetenz“ 34 an „rational geschaffene Regeln“ 35 die Legitimität begründet. Weber beschreibt diese Form der Legitimität von Herrschaft als diejenige Form, „wie sie der moderne „Staatsdiener“ und alle jene Träger von Macht ausüben“ 36 .
Für die Betrachtung der Mikropolitik lässt sich daraus ableiten, dass die Macht bzw. der Machterhalt ebenfalls beim mikropolitischen Handeln zu finden ist. Ein Beispiel von traditioneller Legitimation von Herrschaft im mikropolitischen Bereich wäre in Familienunternehmen die Übergabe oder Vererbung der Geschäftsführung an ein Familienmitglied, was übrige Angestellte von der Nachfolge ausschließt. Dies ist eine Praxis mit traditionellem und kulturellem Hintergrund. Ein Beispiel von charismatischer Macht im betrieblichen mikropolitischen Umfeld wäre ein Betriebsrat oder ein Gewerkschaftsführer,
28 Vgl. Bischoff (1998 a); S. 164.
29 Weber (1992); S. 8.
30 Vgl. Weber (1992); S. 8.
31 Weber (1992); S. 8 f.
32 Vgl. Weber (1992); S. 8 f.
33 Weber (1992); S. 8.
34 Weber (1992); S. 8.
35 Weber (1992); S. 8.
36 Weber (1992); S. 8.
Arbeit zitieren:
Andreas Winhart, 2008, Akteur und Strategie - Wie prägen verschiedene Unternehmenskulturen das mikropolitische Handeln von Organisationsmitgliedern?, München, GRIN Verlag GmbH
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