5.5 Ebenen schulischer Suchtprävention. 51
5.5.1 Personenorientierte Ebene. 52
5.5.2 Strukturorientierte Ebene (Schule) 53
5.5.3 Drogenkundlicher Unterricht 54
5.6 Suchtprävention im Musikunterricht. 55
5.6.1 Schülerbandprojekt 56
5.7 Geschlechterspezifische Suchtprävention. 57
5.7.1 Notwendigkeit geschlechterspezifischer Suchtprävention. 58
5.7.2 Das geschlechterspezifische Programm „Stark im Leben“ 59
5.8 Schulische Suchtpräventionsprogramme 61
5.8.1 Wettbewerb: Be Smart-Don t Start. 62
5.8.2 Programm ALF (Allgemeine Lebenskompetenzen und
Fertigkeiten ) 64
5.8.3 Bekifft in der Schule 66
5.8.4 Das Programm „Bass“ 67
5.9 Suchtprävention an Oldenburger Schulen. 69
5.9.1 Die Beratungsstelle Rose 12 70
5.9.2 Die Agentur Prevent. 71
5.9.3 Die Suchtberatungsstelle der Diakonie 72
5.9.4 Polizei Oldenburg. 73
5.9.5 Jugendamt Oldenburg 75
5.10 Zusammenfassung. 77
6. Ausblick: Akzeptierende Drogenarbeit. 78
6.1 Mündige Gebrauchskompetenz. 79
6.2 Kritik an aktuellen suchtpräventiven Konzepten 80
6.3 Akzeptanzorientierte Suchtprävention 81
6.3.1 Das Konzept „Risflecting“ 82
7. Schlusswort 83
8. Literaturverzeichnis. 86
2
1.Einleitung
Diese Hausarbeit ist Bestandteil des 1.Staatsexamens für das Lehramt G/HR mit dem Schwerpunkt Haupt- und Realschule. Die von mir studierten Fächer sind Mathe und Musik, wobei diese Arbeit im Fach Pädagogik bei Herrn Prof. Dr. Stöver als Hauptprüfer angefertigt wurde. Mir wurde das Thema: „Suchtprävention für die Zielgruppen Jugendliche und junge Erwachsene, Schwerpunkt Haupt- und Realschulen“ zugeteilt.
In der heutigen Zeit, in der die Medien nahezu täglich vom problematischen Ausmaß des Umgangs Jugendlicher mit Drogen berichten („Flate-Rate-Trinken“, „die Seuche Cannabis“ usw.), erfährt das Thema Suchtprävention eine hohe Aufmerksamkeit. Einen Schwerpunkt meiner Aufgabe in dieser Arbeit sehe ich darin, vorhandene, theoretische Konzepte der Suchtprävention sowie deren Umsetzung in der Schule sowie eventuell ungenutzte Potentiale näher zu beleuchten.
Um ein für das Verständnis der Arbeit notwendiges Grundwissen herzustellen werde ich eingangs auf wesentliche Begrifflichkeiten zum Thema eingehen.
In einem zweiten Teil werde ich basierend auf statistischen Daten, Trends sowie das aktuelle Drogenkonsumverhalten Jugendlicher und junger Erwachsener darstellen.
Anschließend werde ich mich mit der Sucht- und Drogenpolitik Deutschlands auseinandersetzen und unter anderem auf die Effektivität derzeitiger Präventionspolitik und deren möglichen Potentiale eingehen.
Im nun folgenden Hauptteil meiner Arbeit werde ich mich mit vorhandenen Konzepten schulischer Suchtprävention befassen und darüber hinaus die Ursachen der Suchtentstehung bei Schülern und Möglichkeiten dem entgegenzuwirken thematisieren. Es werden außerdem aktuelle Suchtpräventionsprogramme und -projekte vorgestellt. Am Ende dieses Kapitels beschäftige ich mich mit den Institutionen, die Suchtpräventionsveranstaltungen an Oldenburger Schulen durchfüh-
3
ren, um herauszufinden wie Suchtprävention hier umgesetzt wird. Dieser Teil wird auf Gesprächen mit den jeweiligen für die Suchtprävention an Schulen Verantwortlichen basieren. In einem letzten Abschnitt gebe ich einen Einblick in eine Perspektive zukünftiger Suchtprävention: die akzeptanzorientierte Suchtprävention.
An dieser Stelle möchte ich abschließend anmerken, dass ich auf-grund der besseren Lesbarkeit auf die weiblichen Formen verzichtet habe.
2.Begriffserklärungen
2.1 Gesundheit
Heutzutage wird Gesundheit als ein breiter und umfassender Begriff verwendet. Der Terminus bedeutet mehr als nur die Abwesenheit von Krankheit. „Gesundheit ist das Ergebnis einer aktiv betriebenen Balance der sozialen, psychischen und körperlichen Kräfte eines Menschen. Gesundheit ist dann gegeben, wenn ein Mensch die Balance zwischen eigenen Wünschen und Möglichkeiten und den An-forderungen seines Körpers, den psychischen Bedürfnissen und den gesellschaftlichen Erwartungen sowie den ökologischen Lebensbedingungen herstellen kann, wenn er die eigene Lebensgestaltung an die wechselhaften Belastungen des Lebens anpassen und dabei seine individuelle Selbstbestimmung sichern kann.“ (Hurrelmann, Bündel 1997, S.5) Gesundheitsförderung zielt nach Definition der Welt-gesundheitsorganisation WHO (engl.: World Health Organisation) darauf ab, „[...] allen Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung über ihre Gesundheit zu ermöglichen und sie damit zur Stärkung ihrer Gesundheit zu befähigen.“ (BZGA 2006, S.106)
4
2.2 Drogen
Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO werden als Drogen „alle Stoffe, Mittel und Substanzen, die aufgrund ihrer chemischen Natur Strukturen oder Funktionen im lebenden Organismus verändern, wobei sich diese Veränderungen insbesondere in den Sinnesempfindungen, in der Stimmungslage, im Bewusstsein oder in anderen psychischen Bereichen oder im Verhalten bemerkbar machen“ definiert. Es wird unterschieden zwischen legalen Drogen (Koffein, Nikotin, Alkohol, Medikamente) und illegalen Drogen (Cannabis, Kokain, Heroin, LSD, Amphetamine). Nach Hurrelmann und Bründel sage jedoch der Status einer psychoaktiven Substanz als legal oder illegal nichts über ihre Wirkung und ihr Suchtpotential aus, sondern lasse sich nur aus der historischen Perspektive erklären. Fast alle der heute legalen Drogen (z.B. Koffein, Tabak, Alkohol) sind irgendwann einmal illegal gewesen, bis sie sich in unserem Kulturkreis allmählich durchgesetzt haben. Die heute illegalen Substanzen seien nicht immer deswegen verboten, weil sie die objektiv größeren Abhängigkeitspotentiale besitzen, sondern weil sie in unserem Kulturkreis noch nicht vertraut seien (vgl. Hurrelmann/Bündel 1997, S.12).
2.3 Sucht/Abhängigkeit
Das Wort Sucht hat seine Wurzel im althochdeutschen Wort „suht“ für Krankheit. In der deutschen Sprache steht es einerseits gleichbedeutend mit Krankheit (Schwindsucht, Wassersucht, Gelbsucht) und andererseits wird der Begriff mit lasterhaften Charakterzügen wie Habsucht, Rachsucht und Eifersucht gleichgesetzt. Die verbreitete Definition von Sucht ist heute jedoch die eines krankhaften und zwanghaften Verlangens nach psychoaktiven Substanzen oder auch nach Ausübung bestimmter Tätigkeiten (vgl. Wikipedia 16.4.2007). Suchtverhalten ist zum einen durch den immer wiederkehrenden Wunsch nach kurzfristiger Bedürfnisbefriedigung ohne intensive Ei-
5
genaktivität und zum anderen durch den zunehmenden Verlust der Kontrolle über das eigene Verhalten gekennzeichnet. Zur differenzierteren Klärung des Begriffes wird zwischen stoffunge-bundener und stoffgebundener Sucht unterschieden. Stoffungebundene Sucht: Der Zwang eine bestimmte Tätigkeit aus-
zuüben bzw. sich in eine bestimmte Situation zu begeben und diese immer wieder aufzusuchen.
Stoffgebundene Sucht: Ist an ein bestimmtes Suchtmittel gebunden sowie auch an das zu erzielende Erlebnis, was z.B. Erregung, Ekstase, Beruhigung, Ablenkung, Betäubung oder Rausch sein kann. Die Suchtmittel können legale oder illegale Drogen sein (vgl. Hurrelmann, Bündel 1997, S.11).
Die Begriffe Abhängigkeit und Sucht sind nur schwer voneinander zu trennen. Nach Hurrelmann und Bündel erscheine es sinnvoll, den Begriff „Sucht“ für den Prozess zu reservieren, der von der Gewöhnung in die unkontrollierte Zwangshandlung führt. Der Begriff „Abhängigkeit“ hingegen solle zur Bezeichnung des krankhaften Endzu-standes dieses Prozesses verwendet werden. Körperliche und psychische Abhängigkeit werden voneinander abgegrenzt. Körperliche Abhängigkeit besteht, wenn der Körper die Substanz in seinen Stoffwechsel eingebaut hat und auf die ständige Einnahme mit Gegenregulation des Stoffwechsels, meist durch verminderte Eigenproduktion oder chemische Blockierung von körpereigenen Stoffen, reagiert. Die psychische Abhängigkeit ist hingegen vor allem durch das unbezähmbare Verlangen nach Substanzeinnahme gekennzeichnet (vgl. Hurrelmann, Bründel, 1997 S.16).
In der folgenden Abbildung wird jener Prozess deutlich gemacht, der durchlaufen wird, bevor es zu einer Abhängigkeit kommt. Vom gelegentlichen Gebrauch, über den regelmäßigen Gebrauch einer Substanz, wird schließlich der Punkt erreicht, an dem sich eine Gewöhnung an die Substanz eingestellt hat. Es wird in diesem Stadium noch nicht von Missbrauch gesprochen. In der nächsten Phase, in der es zum Kontrollverlust kommt, ist dann schließlich vom Miss-
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brauch die Rede. Dem Kontrollverlust folgt die Sucht und der Sucht letztendlich die Abhängigkeit als Endzustand des Prozesses. Stadien der Entstehung von Abhängigkeit
2.4 Prävention
Das Wort Prävention hat seine Wurzel im lateinischen Verb prävenire, welches in der Übersetzung ins Deutsche die Bedeutung „zu-vorkommen, verhüten“ annimmt. Als Prävention werden vorbeugende Maßnahmen bezeichnet, durch die ein unerwünschtes Ereignis oder eine unerwünschte Entwicklung vermieden werden können (vgl. wikipedia 16.04.07).
Der Terminus „Prävention“ wird untergliedert in die Teilbereiche Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention.
Primärprävention: Ziel der Primärprävention ist die Verhinderung der Entwicklung von Suchtverhalten, bevor ein Kontakt zu bestimmten Substanzen stattgefunden hat. Bei dieser Aufgabe handelt es sich
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um eine früh einsetzende, langfristig angelegte, lebenslange Erziehung zum richtigen Umgang mit Drogen.
Sekundärprävention: Die Sekundärprävention baut auf der Primärprävention auf. Sie richtet sich an Menschen, die bereits als suchtgefährdet gelten. Ihre zentrale Aufgabe ist die Früherkennung und -Behandlung dieser Menschen. Ihre Zielsetzung teilt sich in drei Aufgabenbereiche auf:
- die aktive Suche nach Drogengefährdeten, sowie die vorbeugende Bemühung um potentiell gefährdete Gruppen und deren Probleme.
- die Unterstützung der einzelnen Personen in ihrer Konfliktbewältigung.
- die Beratung und Hilfe, die für spezifische Familien notwendig erscheint.
Tertiärprävention: Zielgruppe der Tertiärprävention sind jene Menschen, die bereits süchtig sind. In erster Linie geht es um deren Rehabilitation. Die Aufgaben der Tertiärprävention umfassen die Reduzierung der Rückfallquote von Süchtigen, die sich einer Therapie unterzogen haben, die Eindämmung möglicher chronischer Entwicklungen sowie die Eindämmung möglicher Pflegebedürftigkeit (vgl. Niebaum 2001, S.154).
3. Epidemiologie - Aktuelle Erkenntnisse über jugendliches Drogenverhalten (Stand 2004)
Im folgenden Kapitel, welches die Drogenaffinität von Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Alter von 12-25 Jahren behandelt, beziehe ich mich zum größten Teil auf eine Studie der BZGA (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung) von 2004, die seit 1973 in regelmäßigen Abständen, Repräsentativerhebungen zu diesem
Thema durchführt. Diese Datenerhebung wurde mittels computergestützter Telefoninterviews realisiert.
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3.1 Tabak/Rauchen
Der jugendliche Tabakkonsum geht langfristig betrachtet zurück. So waren 1979 noch 44% der 12-25-JährigenRaucher, 2004 hingegen zählten nur noch 35% zu dieser Gruppierung. Auch der Anteil der starken Raucher (20 oder mehr Zigaretten am Tag) verringerte sich in den letzten 10 Jahren deutlich. Anstatt 34% starker Raucher im Jahr 1993, gehörten 2004 nur noch 12% dieser Kategorie an, was einen rückläufigen Prozess belegt. 65% der Jugendlichen sind Nichtraucher, davon sind 34% Nieraucher (noch nie eine Zigarette probiert), 25% Probierer (in der Vergangenheit nicht mehr als 100 Zigaretten geraucht), und 6% Exraucher (in der Vergangenheit mehr als 100 Zigaretten geraucht). D.h., dass 66% aller 12-25-Jährigen haben schon mindestens einmal geraucht haben.
Das Durchschnittsalter, in dem sowohl männliche wie auch weibliche Jugendliche zwischen 12 und 25 Jahren das erste Mal rauchen, liegt bei 13,6 Jahren. Das Durchschnittsalter des Beginns des täglichen Zigarettenkonsums wird auf 15,6 Jahre festgelegt. Mit zunehmendem Alter steigt die Anzahl der Raucher. Von den 12-15-Jährigen Jugendlichen rauchen 16%. Im Vergleich dazu gehören 44% der 20-25-Jährigen dem Status „Raucher“ an, von denen sich 30% als ständige Raucher einstufen.
Im Durchschnitt rauchen Jugendliche zwischen 14-18 Jahren 10,6 Zigaretten am Tag, wobei Jungen (12,5 Zigaretten) im Vergleich durchschnittlich 4,4 Zigaretten mehr konsumieren als Mädchen (8,1 Zigaretten). Nicht außer Acht zu lassen ist an dieser Stelle der Ent-wicklungsvorsprung der Mädchen und der damit verbundene eventuelle frühere Kontakt zu Zigaretten. So würde sehr wahrscheinlich ein für die Mädchen günstigeres Bild der Konsumsituation entstehen, wenn man den Vergleich z.B. im Alter von 20 Jahren betrachten würde, da der Entwicklungsvorsprung dann in der Form nicht mehr besteht. Tendenziell haben sich jedoch die Unterschiede im Rauch-
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verhalten zwischen den Geschlechtern verringert (vgl. BZGA, Drogenaffinitätsstudie 2004, Teilband Rauchen, S.4-12). Es lässt sich ein enger Zusammenhang zwischen regelmäßigem Konsum von legalen Suchtmitteln und dem Konsum von Cannabis beobachten. Laut einer Hamburger Schülerstudie haben 37% der Gewohnheitsraucher im letzten Monat Cannabis konsumiert, nur 26,2% der Gelegenheitsraucher und nur 9% der Probierer (vgl. dbdd, Reitox Bericht 2006, S.102).
3.1.2 Soziale Einflüsse auf Rauchen und Nichtrauchen
Soziale Einflüsse der Familie und der Freunde haben einen starken Einfluss auf das Rauchverhalten der Jugendlichen. Gilt das Konsumieren von Zigaretten im familiären Umfeld als selbstverständlich und gehört zum alltäglichen Bild des Familienlebens dazu, so werden Kinder und Jugendliche früh für den Genuss dieses Suchtmittels sensibilisiert. Je mehr Familienmitglieder rauchen, um so eher können sie sich selbst vorstellen zu rauchen. Auch die Einstellung der so genannten Peer-Groups, der Gleichaltrigengruppen, zum Konsum von Suchtmitteln wie Zigaretten, ist ausschlaggebend für die Entscheidung zur ersten Zigarette und das weitere Rauchverhalten. In den verschiedenen Schul-, Ausbildungs- und Tätigkeitsstufen variiert das Rauchverhalten stark. Unterschiede sind vor allem in den Schultypen Sekundarstufe I und Sekundarstufe II zu finden. Ein Grund dafür kann primär in dem bestehenden Altersunterschied der Schülerschaft in den beiden Schultypen liegen. Die nachfolgende Tabelle verdeutlicht den prozentualen Anteil der rauchenden Schüler an den jeweiligen Schulformen und macht somit die oben angesprochene Varianz des Rauchverhaltens sichtbar.
10
Abb. 1 Raucheranteil nach Schultyp in Prozent
vgl. Abb. 15: BZGA 2004, Drogenaffinitätsstudie, Teilband Rauchen S.23
Einfluss der Haushalte: Die folgende Graphik macht die Anzahl von
Zigarettenkonsumenten in einem Haushalt in Prozent sichtbar.
Abb.2 Raucher im Haushalt in Prozent
vgl. Abb 16: BZGA 2004, Drogenaffinitätsstudie, Teilband Rauchen S.25
Wie in Abb.2 zu sehen ist, ist der Anteil von Jugendlichen aus Raucherhaushalten besonders hoch an Schularten, an denen besonders viel geraucht wird, was auf einen Zusammenhang zwischen Rauchen in der Herkunftsfamilie und Rauchen in der Schule schließen lässt.
11
In 46% der Haushalte leben Jugendliche mit mindestens einem Raucher zusammen. Bei 29% ist es einer und bei 17% sind es mehrere. Der Einfluss der Rauchgewohnheiten der Mitbewohner auf die Jugendlichen wird anhand der folgenden Graphik deutlich: Abb.3 weitere Raucher im Haushalt:
vgl. Abb 17: BZGA 2004, Drogenaffinitätsstudie, Teilband Rauchen S.26
Wie schon zu Beginn des Abschnittes 3.1.2 erwähnt, beeinflussen die Rauchgewohnheiten des häuslichen Umfeldes (Familie, Partnerschaft, Wohngemeinschaft) die Bereitschaft mit dem Rauchen anzufangen. Interessant bezüglich des Einflusses des sozialen Umfeldes auf das Rauchverhalten ist, dass dieser scheinbar nicht beim Aufgeben des Rauchens greift.
Einfluss der Freundeskreise: Gleichaltrigengruppen nehmen im Jugendlichenalter eine besonders bedeutende Funktion ein. Besteht der Freundeskreis von Jugendlichen aus Nichtrauchern bzw. wenigen Konsumenten von Zigaretten, so sind die Sensibilität und die Bereitschaft für den eigenen Genuss von Suchtmitteln wie des Nikotins geringer. Diese einflussreiche Wirkung gilt natürlich auch für den umgekehrten Fall. Die große beeinflussende Kraft der Freunde in der Phase der Jugend wird in diesem Zusammenhang daran deutlich, dass diese im Gegensatz zu den Familien / Haushalten eher das Aufgeben des Rauchens bewirken können. Dieser Aspekt kann durch statistisch erhobene Zahlen belegt werden. 84% der jugendli-
12
chen Nichtraucher geben an, ihre Freunde würden es bedauern, wenn sie mit dem Rauchen anfangen würden. 87% der jugendlichen Raucher geben an, ihre Freunde würden es gut finden, wenn sie mit dem Rauchen aufhören würden. Das zeigt, dass für die meisten Jugendlichen das Nichtrauchen das anzustrebende Verhalten (soziale Norm) darstellt (vgl. BZGA 2004, Drogenaffinitätsstudie, Teilband Rauchen, S.23-30).
3.1.3 Motive des Rauchens
83% der 12-25-JährigenJugendlichen geben an, aufgrund der ansteckenden Wirkung durch Andere zu rauchen. 80% begründeten ihren Zigarettenkonsum mit dem durchs Rauchen ausgelösten beruhigenden Effekt. Auch Nichtraucher stellen diese Gründe an, die sie bewegen könnten das Rauchen zu beginnen. In der nachfolgenden Abbildung 4 werden die Gründe für den Konsum des Suchmittels Nikotin prozentual zwischen Mann und Frau sowie zwischen verschiedenen Altersstufen unterschieden. Abb.4 Gründe für das Rauchen nach Geschlecht und Alter
vgl. Tab. 6: BZGA 2004, Drogenaffinitätsstudie, Teilband Rauchen S.31
13
Jugendlichen Mädchen und Jungen unterscheiden sich in ihren Einstellungen zum und Gründen fürs Rauchen kaum. Besonders der gemeinsame Spaßfaktor unter Freunden (jeweils 29% der Jungen wie auch der Mädchen) scheint ausschlaggebend für den Konsum von Zigaretten zu sein. Aber auch die beruhigende und hilfreiche Wirkung von Nikotin in schwierigen Situationen begründet das Rauchen.
Bei den jugendlichen Rauchern in der höheren Alterstufe (bis 25 Jahre) sind allgemein deutlich mehr Zustimmungswerte zu bestimmten Gründen fürs Rauchen zu erkennen. Im vorderen Bereich befindet sich bei dieser Altersgruppe der Aspekt der emotionalen Stressreduktion als Rechtfertigung für den Genuss des Suchtmittels Nikotin. Insgesamt wird das Rauchen von Jugendlichen hauptsächlich mit dem dadurch erfahrenen Gruppenerlebnis und dem Gefühl von Ruhe und Wohlbefinden begründet (vgl. BZGA 2004, Drogenaffinitätsstudie, Teilband Rauchen, S.31-36).
3.1.4 Bereitschaft mit dem Rauchen aufzuhören
Gesundheitsbewusste Jugendliche, die diese positive Einstellung über ihre Sozialisation aufbauen konnten, gehören eher der Sparte der Nichtraucher an bzw. sind eher dazu bereit mit dem Rauchen aufzuhören. Die weiblichen Jugendlichen in der Altersspanne von 12 - 19 Jahren stellen den verhältnismäßig größeren Anteil dieser Gruppierung dar. Insgesamt wollen 86% der derzeitigen Nichtraucher zwischen 12 und 25 Jahren auf Dauer weiterhin diesen Status beibehalten. 64 % derjenigen Jugendlichen, die zum Zeitpunkt der Studie den Rauchern angehörten, stellten Überlegungen an, innerhalb der nächsten sechs Monate dem Nikotin zu widersagen, 29% von ihnen konnten sich sogar den Zeitraum der nächsten 30 Tage vorstellen.
Die größte Bereitschaft mit dem Rauchen aufzuhören ist bei den Jugendlichen zwischen 12-15 Jahren zu finden, für die das Rauchen noch nicht zur Gewohnheit und somit zur Sucht und Abhängigkeit
14
geworden ist. Insgesamt haben schon 72% der jugendlichen Raucher mindestens einmal erfolglos versucht das Rauchen aufzugeben. Daran ist einerseits die allgemein hohe Bereitschaft zu erkennen, sich dem weiteren Konsum von Zigaretten zu widersetzen, andererseits macht die große Anzahl der Widereinsteiger die damit verbundenen Schwierigkeiten sichtbar. Ein verhältnismäßig geringer Anteil von 6% schaffte den Absprung und kann sich zu den ehemaligen Rauchern zählen (vgl. BZGA 2004, Drogenaffinitätsstudie, Teilband Rauchen, S.20-22).
3.2 Alkohol
Alkohol ist unter Jugendlichen zwischen 12- und 25 Jahren das beliebteste und am weitesten verbreitete Suchtmittel. Wie aus der folgenden Graphik ersichtlich, haben schon 90% der Jugendlichen dieser Altersspanne mindestens einmal in ihrem bisherigen Leben Alkohol konsumiert, 86% innerhalb der letzten 12 Monate.
vgl. Abb 1: BZGA 2004, Drogenaffinitätsstudie, Teilband Alkohol S.7
An diesem hohen Wert von 90% ist die Beliebtheit dieses Suchtmittels erkennbar. Im Gegensatz dazu haben erst 66% dieser Altersgruppe Tabak konsumiert bzw. 32% illegale Drogen probiert.
15
Ähnlich wie beim Rauchen liegt das Durchschnittsalter in dem Jugendliche das erste Mal Alkohol trinken bei 14,1 Jahren. Mit 16-19 Jahren haben dann fast alle (97%) erste Erfahrungen mit Alkohol gemacht (vgl. BZGA 2004, Drogenaffinitätsstudie, Teilband Alkohol, S.5-8).
3.2.1 Beliebtheit einzelner alkoholischer Getränke
Zur Erfassung der Beliebtheit alkoholischer Getränke werden die Alkoholika Wein / Sekt, Bier, alkoholische Mixgetränke und Spirituosen miteinander verglichen sowie in ihrer Konsumhäufigkeit von einander abgegrenzt.
Alkoholische Mixgetränke (Alkopops u.a.) führen zurzeit die Beliebtheitsskala an. Sie haben innerhalb von 3 Jahren (2001 - 2004) einen enormen Zuwachs erlebt und somit die Beliebtheit von Bier ersetzt. 54% der Jugendlichen haben diese 2004 mindestens einmal im Monat zu sich genommen (30-Tage-Prävalenz). Im Jahre 2001 waren es dagegen nur 36%. Dieser Anstieg liegt an der Einführung, intensiven Vermarktung und Werbung für Alkopops. An zweiter und dritter Stelle folgen mit 43% die Bier- und mit 36% die Weinkonsumierer. Das Schlusslicht bilden mit 23% die mindestens einmal im Monat konsumierten Spirituosen (Hartalkohol wie Korn, Whiskey, Likör u.a.).
Vor allem unter den 16-19-JährigenJugendlichen sind alkoholische Mixgetränke sehr beliebt. In dieser Altersgruppe haben 71% in den letzten 30 Tagen diese Getränke zu sich genommen. Bei 12-15-Jährigen, die allgemein noch am wenigsten Alkohol trinken, konsumieren 28% alkoholische Mixgetränke. Besonders Frauen favorisieren den Genuss dieser Getränke.
43% der Jugendlichen trinken mindestens einmal im Monat Bier. Hier sind deutliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern zu erkennen. So trinken 58% der Männer mindestens einmal im Monat Bier, bei den Frauen dagegen nur 27%. Auch in den verschiedenen Altersgruppen gibt es hier deutliche Unterschiede. So trinken von den
16
12-15-Jährigen19% einmal im Monat Bier, bei den 16-19-Jährigensind es 54% und bei den 20-25-Jährigen51%. 36% der Jugendlichen, darunter 42% der Frauen und dagegen nur 31% der Männer, trinken mindestens einmal im Monat Wein oder Sekt. Dass Wein eher das Getränk der Erwachsenen ist, ist daran zu erkennen, dass im Gegensatz zu den anderen Getränken, mit dem Alter der Weinkonsum steigt. So sind es nur 13% der 12-15-jährigen, 39% der 16-19-Jährigen und schließlich 49% der 20-25-jährigen, die mindestens einmal im Monat Wein trinken. 23% der 12-25-Jährigen, darunter 29% der Männer und dagegen nur 17% der Frauen trinken mindestens einmal im Monat Spirituosen in ungemixter Form. 9% der 12-15-Jährigen konsumieren diese Alkoholika, dagegen 32% der 16-19-Jährigen.
Anhand dieser Daten sind deutliche Präferenzunterschiede zwischen den Geschlechtern und den einzelnen Altersgruppen bezüglich des Alkoholkonsums zu erkennen (vgl. BZGA 2004, Drogenaffinitätsstudie, Teilband Alkohol, S.8-12).
3.2.2 Regelmäßiger Alkoholkonsum
Wird Alkohol mindestens einmal in der Woche konsumiert, wird die Umschreibung „regelmäßiger Konsum“ verwendet. Zu den regelmäßigen Konsumenten gehören derzeit 34% der 12-25-Jährigen Jugendlichen. Im Vergleich dazu konnten im Jahre 2001 nur 30% der 12-25-jährigen dieser Gruppe zugeordnet werden. Auch bei dem regelmäßigen Konsum sowie der Trinkmenge sind unterschiede zwischen den Geschlechtern zu finden. So nehmen die 12-25-Jährigen männlichen Jugendlichen in einer Woche durchschnittlich 96,5g und 26% dieser Gruppe mehr als 120g (120g = Schwellenwert für intensiven Alkoholkonsum) reinen Alkohol zu sich. Junge Frauen hingegen nur 39,2g und 8% mehr als 120g. Insgesamt ist die Trinkmenge im Vergleich zu 2001 deutlich gestiegen. So lag 2001 der Durchschnittswert des Konsums von reinem Alkohol pro Woche noch bei 53,9g, welcher bis 2004 auf 68,8g anstieg. Gerade
17
bei den jüngeren Altersgruppen hat der Alkoholkonsum stark zugenommen. 2001 waren es bei den 12-15-Jährigennoch 14,1g pro Woche, 2004 hingegen 20,9g, was einen Anstieg von 48% innerhalb von drei Jahren ausmacht.
Die Zunahme des Alkoholkonsums kann unter anderem mit der Einführung der Alkopops und deren Angebotsausweitung zusammenhängen (vgl. BZGA 2004, Drogenaffinitätsstudie, Teilband Alkohol, S.13-18).
3.2.3 Alkoholrauscherfahrungen
Episodisches, starkes Alkoholtrinken wird der Kategorie der riskanten Konsummuster zugezählt. Dazu gehört das so genannte binge drinking, welches das aufeinander folgende Konsumieren von minimal fünf Gläsern Alkohol meint und als Rauschtrinken bezeichnet werden kann.
61% der 12-25-JährigenJugendlichen hatten schon mindestens einmal einen Alkoholrausch. Auch hier sind es deutlich mehr Männer. Die Altersgruppen der 16-19-Jährigen sind am häufigsten betrunken. Die Wahrscheinlichkeit eines Alkoholrausches sinkt mit steigendem Alter. Die folgende Graphik verdeutlicht diese Aspekte.
Abb.6 Daten zum letzten Alkoholrausch
vgl. Abb 15: BZGA 2004, Drogenaffinitätsstudie, Teilband Alkohol S.27
18
Das Durchschnittsalter für den ersten Alkoholrausch beträgt 15,5 Jahre, wobei 79% der 12-15-Jährigen noch nie einen Alkoholrausch hatten. Was die Häufigkeit angeht, gibt es einen gravierenden Unterschied zwischen den Mädchen und Jungen. So haben mit 28% doppelt so viele Jungen 6-mal oder häufiger einen Alkoholrausch gehabt wie die Mädchen (14%). Im Alter zwischen 20-25 Jahren haben letztendlich 80% schon mindestens einmal einen Alkoholrausch erlebt.
Langfristig betrachtet lässt sich, was die Häufigkeit der Alkoholräusche bei Jugendlichen betrifft, im Allgemeinen kein eindeutiger Trend erkennen (vgl. BZGA 2004, Drogenaffinitätsstudie, Teilband Alkohol, S.27-29).
3.2.4 Gelegenheiten und Motive des Alkoholkonsums
Alkoholtrinken ist ganz stark mit bestimmten Aktivitäten und Situationen verbunden. Im Mittelpunkt steht das gesellige Trinken mit Freunden.
Abb.7 Trinkgelegenheiten in Prozent
vgl. Abb 18: BZGA 2004, Drogenaffinitätsstudie, Teilband Alkohol S.30
So trinken 73% der 12-25-Jährigen Jugendlichen zumindest gelegentlich wenn sie mit Freunden ausgehen. An zweiter Stelle stehen mit 68% Familienfeiern. Ansonsten wird häufig im Sportverein (24%) und zum Essen (17%) Alkohol konsumiert.
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Simon Eickhoff, 2007, Suchtprävention für die Zielgruppen Jugendliche und junge Erwachsene, München, GRIN Verlag GmbH
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