1. Zur Sache
1.1 Wie ist die Sache legitimiert?
Im Lehrplan für bayerische Grundschulen wird im Fach Deutsch unter Punkt 4.4 Lesen und mit Literatur umgehen das Ziel der aktiven Auseinandersetzung mit Aussageabsichten und Gestaltungsmitteln unterschiedlicher Texte angesprochen. Dies geschieht vor allem im Unterpunkt 4.4.4 Mit unterschiedlichen Textsorten umgehen. Hier werden explizit lyrische Texte genannt, anhand derer die Schüler Gestaltungsmittel, wie Reime, Bilder, Stimmungen, usw. wahrnehmen sollen. 1
Vorrangiges Ziel mit jeglicher Art von Literatur ist die Auseinandersetzung des Schülers mit sich und der Welt. Die Wahrnehmungsfähigkeit für die ästhetische und spielerische Gestaltung der poetischen Literatur soll entwickelt werden. Die Schüler sollen sich textspezifisch mit der Literatur beschäftigen und daraus auch Anregungen für das häusliche Lesen gewinnen.
„In jeder Jahrgangsstufe sollen Gedichte auswendig gelernt werden.“ 2
Im neuen Lehrplan wird den Gedichten besondere Beachtung geschenkt, denn sie können dem Kind zeigen, „wie mit wenigen Worten viel gesagt werden kann.“ Zugleich werden die Schüler sensibilisiert für eine „bewusstere Wahrnehmung von Sprache und für eine differenzierte und mitunter neue Wahrnehmung von Wirklichkeit.“ 3
1.2 Sachanalyse
Inhalt und Gehalt:
James Krüss erzählt in seinem Gedicht von einem Sperling, der auf einen Schulhof fliegt und dort hört, wie die Kinder miteinander sprechen. Sie beschimpfen sich gegenseitig mit Tiernamen, so dass der Sperling schließlich ganz erstaunt meint, der Schulhof gleiche einem Zoo.
Die Beschimpfungen der Kinder gehen aus keiner konkreten Konfliktsituation hervor, sondern erwachsen den Pseudokonflikten der Kinder, die der Autor nur kurz anklingen lässt („....Mach Platz... (Z.10), ...geh hier weg...(Z.14)). So bleibt die Situation einerseits auf viele unterschiedliche Situationen übertragbar, andererseits spiegelt das Gedicht das oft unreflektiert angewendete Sprachverhalten der Kinder wider. Dabei muss die betitelte Person mit der schlechten Laune des Sprechers nicht unbedingt etwas zu tun haben, sie eignet sich aber ausgezeichnet, um Emotionen, wie Wut und Ärger, Luft zu machen.
Der Autor zeigt in seinem Gedicht primär die Sprachlosigkeit der Kinder auf, ihre Unfähigkeit Gefühle in angemessene Worte zu fassen und mahnt mit dem versteckten pädagogischen Zeigefinger zu einem netteren und höflicheren Umgang miteinander, ohne jedoch moralisierend zu wirken. Mit Hilfe des Sperlings sieht sich der Leser in die Rolle eines objektiven Betrachters gestellt, der die sprachliche Auseinandersetzung durch die für ihn fremde Sicht des Vogels erfährt. Durch diese neue Perspektive sieht der Leser die eingefahrenen unreflektierten Sprachmuster in
1 Lehrplan für die Grundschule in Bayern, 2000, S. 249
2 Lehrplan für die Grundschule in Bayern, 2000, S.27 3 Auer, Lehrplankommentar für die bayerische Grundschule, 2003, S. 166
2
einem neuen Licht und wird zum Suchen nach angemesseneren Verständigungsmöglichkeiten angeregt.
Form
Das Gedicht besteht aus sechs Strophen zu je vier Versen, die im Kreuzreim (abab) miteinander verbunden sind. Die Verse sind in einem 3-bzw. 4-hebigen Jambus geschrieben, der durchgehend männliche (d.h. unbetonte) Kadenzen aufweist. Das Versmaß unterstützt mit seinen Hebungen die Betonung der Personen- und Tiernamen und der sie näher bestimmenden Adjektive. Der metrische Rhythmus des Gedichts bewirkt einen Sprechfluss, in dem die Beschimpfungen hervorgehoben werden. Im Kontrast zu der Aufgebrachtheit der Kinder steht das gleichmäßige Metrum. Der unkomplizierte Jambus entspricht dem einfachen Sprachvermögen der Kinder. Das grundlegend ruhige und gleichmäßige Versmaß wirkt durch die ausschließlich betonten Versenden jedoch leicht angriffslustig und aggressiv, was dem Charakter des Gedichts vor allem in den Strophen 2 und 5 nachkommt. Die Tiernamen entsprechen substantivischen Ein-Wort-Metaphern, wobei mit einigen Tiernamen seit jeher negative menschliche Eigenschaften assoziiert werden. Meist ist den Schimpfwörtern noch ein Adjektiv vorangestellt. 4
Der Autor
James Krüss gilt als einer der bedeutendsten Kinder- und Jugenbuchautoren im deutschsprachigen Raum.
Er wurde 1926 auf Helgoland geboren und wuchs dort auf. Nach einer Lehrerausbildung, er war jedoch nie im Schuldienst, zog er 1949 in die Nähe von München und schrieb dort Beiträge für Zeitschriften und den Rundfunk. 1953 erschien sein erstes Bilderbuch, worauf viele Veröffentlichungen folgen sollten. Seit 1966 lebte Krüss mit seinem Lebensgefährten auf Gran Canaria. Dort stirbt er auch 1997. 5 Seine Texte sind geprägt von einem eigenen freien Ton, der lustvoll eigentümliches und Phantasievolles aufgreift.
Krüss nimmt den jugendlichen Leser genauso ernst wie den erwachsenen. Sein Ziel ist es, den Kindern Hilfestellung zu geben für die Erschließung ihrer Umwelt, gesellschaftliche Beziehungen zu verdeutlichen und Kritikfähigkeit zu entwickeln. Für Krüss sind Phantasie und soziales Verhalten Elemente, die einander bedingen und ineinander verflochten sind. 6
4 Watzke u.a., Gedichte in Stundenbildern
5 http://www.james-kruess.de/home.html 6 Metzler Autorenlexikon
3
2. Der Schüler
2.1 Klassensituation
Das Klassenklima hat sich seit der letzten Vorführung nicht verändert. Nach den Pfingstferien ist jedoch eine neue Schülerin in die Klasse gekommen, die sich aber von Anfang an gut eingelebt hat.
Zur Zeit steht natürlich die Fußball- WM im Interesse der Schüler. Da am Dienstag Abend das Halbfinale stattfindet, kann es sein, dass die Schüler übermüdet sind.
2.2 Analyse der Lernvoraussetzungen
Die Schüler haben in diesem Schuljahr bereits drei Gedichte kennen gelernt und klanggestaltendes Lesen anhand verschiedener Textsorten eingeübt. Insgesamt sind die Leseleistungen eher im unteren Mittelbereich anzusiedeln, vor allem haben die Schüler Probleme in der Sinnentnahme, was sich an den Schnitten aus Leseproben und Jahrgangstest zeigt.
Nur wenige Schüler schaffen es wirklich betont und ausdrucksstark zu lesen. Dazu gehören vor allem XY und XY. Viele lesen sehr monoton, z.B. XY oder brauchen sehr lange um das Wort richtig für sich zusammenzusetzen, z. B. XY.
2.3 Bedeutung des Lerngegenstands für den Schüler
Angesichts der erhöhten Gewaltbereitschaft und der stetig sinkenden Frustrationsgrenze der Kinder und Jugendlichen stellt der Gebrauch von Schimpfwörtern noch eine vergleichsweise harmlose Verhaltensweise dar. Dennoch bilden oft gerade sie die Basis für Streitereien und blockieren das offene Sprechen über Konflikte. Viele Kinder besitzen nicht die Fähigkeit auch nur kleine Konflikte selbst zu lösen. Grundlage für ein geordnetes Zusammenleben in der Gemeinschaft ist aber eben diese Fähigkeit zur Konfliktlösung.
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Quote paper:
Andrea Fischer, 2006, Unterrichtseinheit: Der Sperling und die Schulhofkinder, Munich, GRIN Publishing GmbH
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