INHALTSVERZEICHNIS
1. EINLEITUNG 3
2. GRUNDLAGEN - NATIONALER WANDEL AM BEISPIEL SPANIENS. 3
3. SPANIENS WEG INS 20. JAHRHUNDERT 5
3.1. Ausgangslage, Reformation und französische Revolution. 5
3.1.1. Die geschichtliche Ausgangslage der spanischen Nation. 5
3.1.2. Die Auswirkungen der Reformation auf Spanien. 6
3.1.3. Die Auswirkungen der französischen Revolution auf Spanien 7
3.2. Das Schicksalsjahr 1898 und die Folgen - Beginn des nationalen Wandels 9
3.2.1. Hegemoniekrise des Ancien Regimes. 10
3.2.2. Wandel der Intellektuellen 11
3.2.3. Wirtschaftlicher Wandel 12
4. DAS 20. JAHRHUNDERT - DER LANGE WEG ZUM NATIONALEN WANDEL 13
4.1. Problematik und Stagnation des nationalen Wandels am Anfang des 20. Jahrhunderts. 13
4.1.1. Regeneracionismo und Falangismo 13
4.1.2. Die Diktatur Primo de Riveras 14
4.1.3. Die II. Republik und ihre Feinde. 15
4.2. Franco-Spanien - Wiederaufkeimen des nationalen Wandels. 17
4.2.1. Der spanische 'Sonderweg' - Stagnation des Wandels. 18
4.2.2. Opus Dei und die wirtschaftsliberale Öffnung - Neubeginn des Wandels im wirtschaftlich-
sozialen Bereich. 21
4.3. Die Transición - der Vollzug des nationalen Wandels im politischen Bereich 23
4.3.1. Der Monarch Juan Carlos I als treibender Motor der Transición. 23
4.3.2. Spanien in Europa - Anerkennung des Wandels. 25
4.3.3. Nach der Konsolidierung der Demokratie - Ausblick 26
5. SCHLUSSBETRACHTUNG. 27
6. LITERATURVERZEICHNIS. 30
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1. Einleitung
Das wechselhafte Verhältnis Spaniens zu Europa, das bereits Anlass zahlreicher Publikationen gewesen ist, soll auch in dieser Arbeit näher beleuchtet werden. Allerdings steht hier nicht das Verhältnis an sich im Vordergrund, sondern der Einfluss Europas auf den nationalen Wandel Spaniens. Der nationale Wandel soll hier die Funktion haben die politischen Veränderungen Spaniens in einem weit gefassten Überblick aufzeigen zu können. Es geht hierbei weder um einen transitionspolitischen noch um einen modernisierungstheoretischen Ansatz. Im Vordergrund steht die Nation Spanien und ihr Wandel hin zu einer demokratisch-pluralistischen Gesellschaft im 20. Jahrhundert. Hierzu müssen zunächst die Begrifflichkeiten des Ansatzes definiert werden und die zeitliche Eingrenzung erfolgen. Anschließend folgt die Darstellung der Entwicklungen und Voraussetzungen der Nation Spanien bis zum Jahre 1898. Der Schwerpunkt dieser Arbeit betont dann den nationalen Wandel im 20. Jahrhundert, der in der Schlussbetrachtung nochmals hervorgehoben wird.
Diese Arbeit bezieht sich insbesondere auf die Rede von Prof. Dr. T. Mayer anlässlich des Dies Academicus der Universität Bonn vom 06. Dezember 2006. Dort stellte er zur Diskussion, welche Wissenschaft sich der Nation an sich widme. Unter dem Aspekt des nationalen Wandels soll hier der Nation als großem Ganzen nachgegangen werden in Bezug zur Bezugsgesellschaft Europa.
2. Grundlagen - nationaler Wandel am Beispiel Spaniens
In der Fachliteratur zur Geschichte Spaniens findet sich häufig der Begriff des `einschneidenden Jahres` im Zusammenhang mit den Jahren 1898 und 1975, die auch Grundlage der Analyse dieser Arbeit sein werden. Diese Einschnitte markieren aber nur den `Ausbruch` vorangegangener Entwicklungen. In dieser Arbeit sollen eben diese Entwicklungen mit dem nationalen Wandel in Zusammenhang gebracht werden. Die Analyse umfasst dabei fast ein Jahrhundert der spanischen Geschichte. Dieses Jahrhundert stellt einerseits den Eintritt Spaniens in das 20. Jahrhundert dar und ist andererseits das Jahrhundert der Eskalation zwischen den zwei Spanien. Diese Spaltung Spaniens wird oft auch als eine Teilung in eine proeuropäische und antieuropäische Haltung der spanischen Intellektuellen verstanden. Europa ist in dieser Arbeit somit als Bezugsgesellschaft nach Reinhard Bendix zu verstehen. Deswegen sollen in dieser Arbeit auch die Auswirkungen der Reformation und der
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französischen Revolution in Spanien verdeutlicht werden, da anhand dieser Ereignisse die europäische Zugehörigkeit Spaniens in Frage gestellt wurde. Diese europäische Zugehörigkeit soll ebenfalls im Zentrum der Analyse dieser Arbeit stehen und soll dabei als eine an- bzw. ablehnende Haltung Spaniens im ideologischen Sinne gegenüber Europa im jeweiligen geschichtlichen Zusammenhang gesehen werden.
Nationaler Wandel soll hier nach der Definition Mayers verstanden werden, als „[...] schrittweise (evolutionäre) oder umstürzende (revolutionäre) Veränderung der politischen
Erscheinungsform (Staatsform, Verfassung, Parteienstatus u.a.m.), der sozialen und
wirtschaftlichen Strukturen und Aktivitäten und der nationalen Identität einer Nation [...]“ 1 Dabei betont Mayer auch als Voraussetzung des nationalen Wandels die nationale Lernfähigkeit und Verarbeitungskompetenz einer Nation, sowie die Existenz sogenannter 'Bezugsgesellschaften' nach Reinhard Bendix, die die Nationen zur Lernfähigkeit animieren können. 2
„Die 'Demonstrationswirkungen' dieser zum Modell gewordenen Bezugsgesellschaften führen in
den betreffenden 'Gesellschaften' (Nationen) zur Imitation (nationalen Wandel) oder zur
Vermeidung dieser Entwicklung. Meistens ist das einfache Imititationslernen ausgeschlossen, weil
die Probleme, die nationale Frage in ihrer konkreten Gestalt, in diesem Land einzigartig sind und
einer entsprechenden Lösung bedürfen. Eine Imitation ist im übrigen grundsätzlich dem Vorwurf
der Bedrohung der nationalen Identität ausgesetzt. Die Spannungen zwischen Wandel und Identität
müssen politisch bedacht und abgewogen werden.“ 3
Dem Vorwurf der Bedrohung der nationalen Identität sahen sich auch die Intellektuellen Spaniens im 17. und 18. Jahrhundert ausgesetzt, als sie versuchten den liberalen Strömungen aus Europa den Weg nach Spanien zu ebnen. Dabei ist gerade die Zugehörigkeit zu Europa auch als Teil der nationalen Identität Spaniens zu sehen. Trotzdem versuchten viele Traditionalisten Spaniens dies zu verleugnen und sich gegenüber den neueren Entwicklungen Europas abzuschotten. Die Lösung der nationalen Frage Spaniens, d.h. wie den neuen, am Ende des 19. Jahrhundert deutlich zum Ausdruck kommenden sozialen und technischen Veränderungen politische Relevanz einzuräumen sei, führte zur Vertiefung der Kluft zwischen den zwei Spanien 4 , die sich schließlich unversöhnlich gegenüberstanden, und endete im spanischen Bürgerkrieg.
Da eine Gewichtung der einzelnen Impulse aus den jeweiligen europäischen Ländern, diese Arbeit sprengen würde, soll Europa insgesamt als Bezugsgesellschaft für Spanien verstanden
1 Mayer, Tilman: Prinzip Nation: Dimensionen der nationalen Frage, dargestellt am Beispiel Deutschlands,
Opladen, 1997², S. 420.
2 Zu den Bezugsgesellschaften ausführlich in: Bendix, Reinhard: Könige oder Volk: Machtausübung und
Herrschaftsmandat, Frankfurt am Main, 1997.
3 Mayer: Prinzip Nation, S. 421.
4 Natürlich ist hier anzumerken, dass es nicht ausschließlich zwei Strömungen gab, die in Spanien existierten,
sondern mehrere, allerdings sollen der Einfachheit halber in dieser Arbeit die sogenannten zwei Spanien im
Vordergrund stehen. Für die unterschiedlichen Bewegungen innerhalb dieser beiden Strömungen siehe Manuel
Tuñon de Lara: Strukturelle Ursachen und unmittelbare Anlässe, in: ders. u.a. (Hgg), Der Spanische Bürgerkrieg.
Eine Bestandsaufnahme, Frankfurt a.M., 1987, S.7-64.
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werden, dabei ist mit Europa der westeuropäische Bereich gemeint (mit besonderer Betonung auf Deutschland, England und Frankreich).
3. Spaniens Weg ins 20. Jahrhundert
3.1. Ausgangslage, Reformation und französische Revolution
In diesem Kapitel soll anfangs das Selbstverständnis der Nation aus seiner Geschichte heraus erklärt werden und danach auf die Auswirkungen der Reformation und der französischen Revolution eingegangen werden, die zu der Spaltung innerhalb der spanischen Intellektuellen führte und als geschichtliche Weichenstellung zum Jahr 1898 gesehen werden können.
3.1.1. Die geschichtliche Ausgangslage der spanischen Nation
Nation ist nach Meyer das Ergebnis „eines geschichtlichen Prozesses, in dem die Assimilierung und Enkulturation diverser Gruppen eines Territoriums durch eine erfolgreiche Integration abgeschlossen wurde.“ 5
Spaniens 'Nation-Building' besitzt seinen Anfang 1492 in dem erfolgreichen Abschluss der Reconquista und der kurz davor erfolgten Vereinigung der Königreiche Aragón und Kastilien durch die Matrimonialunion Isabelas und Fernandos, die unter dem Titel 'die katholischen Könige' in die Geschichte eingehen sollten. 6 Spanien verstand sich nach der 800 Jahre andauernden Rückeroberung, aus der sich eine intolerante Kreuzzugsmentalität herausgebildete hatte, als Bastion des Abendlandes gegenüber der arabischen Welt. 7 Demzufolge führte diese Grenzlage und die Besonderheit Spaniens in seiner geografischen Beschaffenheit als Halbinsel zu einem gemeinsamen Territorium, das die Pyrenäen als natürliche Grenze Spaniens ansah. Allerdings herrschte zu jeder Zeit ein starkes Regionendenken vor, das bis heute zu starken Spannungen innerhalb dieser 'natürlichen' Grenzen führte. Castellano wurde zur lingua franca erwählt und sollte ebenfalls in diesem Jahr durch die Gramatica Nebrijas zu neuen Ehren gelangen.
„Es ist die Zeit, in der das kastilische (Castellano) immer häufiger mit der aus dem Okzitanischem
stammenden Fremdbezeichnung Español genannt wird, worin man den Beweis gesehen hat, dass
die von den Königen und ihren Intellektuellen geeinte Nation sich in der nunmehr gemeinsamen
Sprache erkennt.“ 8
5 Mayer: Prinzip Nation, S.425.
6 Vgl. Helmchen, Anette: Die Entstehung der Nationen in Europa. Ein integraler Ansatz aus humanistischer
Sicht, Bern, 2005, S. 254.
7 Vgl. Lindau, Hans Christian: España y Europa. Spaniens Selbstverständnis zwischen den Kulturen im Spiegel
der Geschichte, Stuttgart, 2006, S. 7.
8 Lebsanft, Franz: Nation und Sprache: das Spanische, in: Nation und Sprache. Die Diskussion ihres
Verhältnisses in Geschichte und Gegenwart, Berlin, 2000, S.643-671, S. 649.
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Auch die Conquista in Lateinamerika erhob Spanisch zu einer internationalen Verkehrssprache.
Durch die Entdeckung Lateinamerikas betrat das neu geeinte Königreich als imperiale Macht von bis dahin unbekannter Größe die europäische Bildfläche. Dieser Umstand sollte es Spanien auch so schwer machen im weiteren Verlauf der Geschichte auf seine imperiale Größe zu verzichten und sich auf seine internen Konflikte zu konzentrieren. Doch zuerst folgte im 16. Jahrhundert eine Steigerung dieser imperialen Macht, als Spanien in Personalunion durch Carlos I (Karl V.) mit dem Habsburger Reich vereint wurde und er selbst sein Reich definierte als eines, 'in dem die Sonne nie untergeht'. 9 Dies führte zu einem starken Selbstbewusstsein Spaniens im europäischen Raum. Die geschichtlichen Ereignisse führten zu einem Nationalbewusstsein, das sich aus der katholischen Einheit, der imperialen Geschichte und dem Kastilischen als Nationalsprache zusammensetzte.
Nach Miroslav Hroch trat schon im 16. Jahrhundert die vom Staat her definierte spanische nationale Identität innerhalb der herrschenden Klasse stark hervor und „integrierte während des bourbonischen Absolutismus im 18. Jahrhundert auch die katalanische Identität“. 10 Nachdem Spanien die europäische Bühne mit so viel Glanz und Ruhm betreten hatte, befand es sich ab dem 17. Jahrhundert zunehmend in der Defensive, was sich auch im folgenden Jahrhundert nicht ändern sollte. So musste Spanien beispielsweise 1649 die Souveränität der Niederlande anerkennen und Portugal erreichte 1640 seine Unabhängigkeit. 11 1700 starb Carlos II kinderlos, so dass ein blutiger Erbfolgekrieg folgte.
3.1.2. Die Auswirkungen der Reformation auf Spanien
Die Entfremdung Spaniens von Europa nahm ihren Anfang in der Contrarreforma, die als Antwort auf die Reformation, die sich immer mehr in Europa verbreitete, gedacht war. Spaniens Zusammenhalt gründete sich auf den Katholizismus, der insbesondere bei der Vereinigung des Königreichs eine große Rolle gespielt hatte. Deswegen war eine innere Spaltung des Glaubens für Spanien ein nicht zu tolerierender Akt, der mit allen Mitteln bekämpft werden musste. Somit verschloss es sich dem Protestantismus und den damit einhergehenden liberalen Strömungen. 12
9 Vgl. Schauff, Frank: Der Spanische Bürgerkrieg, Göttingen, 2006, S. 11.
10 Hroch, Miroslav: Das Europa der Nationen. Die moderne Nationsbildung im europäischen Vergleich,
Göttingen, 2005, S. 264-265. Er folgert weiter: "Bis zur siegreichen Revolution in den siebziger Jahren des 19.
Jahrhunderts kann allerdings von bürgerlichem Nationalbewusstsein kaum die Rede sein."
11 Vgl. Lindau: España y Europa, S. 9.
12 Vgl. Bernecker, Walther L.: Spanien. Zwischen Isolation und Integration, in: Salewski, Michael (Hg.):
Nationale Identität und Europäische Einigung, Göttingen/Zürich, 1991, S. 125-168, S. 128.
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Auf die innerspanische Problematik der 'Dekadenz', die natürlich mit eine entscheidende Rolle für diese ablehnende Haltung Spaniens spielte und schließlich auch zum Zerfall der Nation führte, kann hier nur kurz eingegangen werden. Die 'Dekadenz' ergab sich in erster Linie aus dem Nationalkatholizismus Spaniens, der durch die mächtige Inquisition einerseits durchsetzte, dass ein Großteil aller handwerklich und ökonomisch aktiven Gruppen, wie Mauren, Juden und Moriscos, während und auch nach der Reconquista vertrieben wurden (und alle ökonomisch Arbeitenden von da an in dem Verdacht standen, andersgläubig zu sein) und andererseits jedwede 'intellektuelle Neugier' unterdrückte. 13 Ebenfalls in dieser 'Dekadenz' zu finden, war der Gedanke, dass die Ausbeutung der neuen Kolonien diesen dekadenten Lebensstandard ermöglichen würde. Tatsächlich aber kam es in regelmäßigen Abständen zu Staatsbankrotten, da die zahlreich geführten Kriege der Habsburger die Gold-und Silbereinkünfte ständig überstiegen. 14
Der Impuls in Form der Reformation der von Europa ausging, fand in Spanien keinen Beifall und wurde somit nicht imitiert, sondern sollte vermieden werden. Schon Max Weber stellte in seinen religionssoziologischen Untersuchungen heraus, dass ein „Zusammenhang zwischen der protestantischen Ethik (insbesondere dem Calvinismus) und dem Aufstieg des Frühkapitalismus im 16. Jahrhundert“ 15 zu sehen ist. Die Abschottung führte folglich dazu, dass der europäische Wandel, der zwar erst religiöse, später aber auch wirtschaftliche, kulturelle und soziale Folgen haben sollte, von Spanien nicht vollzogen wurde.
3.1.3. Die Auswirkungen der französischen Revolution auf Spanien
Grundsätzlich wird das 18. Jahrhundert als das Zeitalter der Reformen bezeichnet. Erst in diesem Jahrhundert fanden z. B. die wirtschaftsliberalen und freihändlerischen Ideen Adam Smiths ihre Verbreitung. Es wurde versucht umfassende Reformen in fast allen Bereichen wie Wirtschaft, Sozialordnung, Staat, Kirche, Kultur und Militär umzusetzen, jedoch blieben die Reformen besonders im agrarischen Bereich trotzdem noch unzureichend. Außenpolitisch befand sich der imperiale Stern Spaniens immer mehr im Sinken, da einerseits von Seiten der Kolonien der Wunsch nach Unabhängigkeit laut wurde, andererseits kam es zwischen England und Spanien aufgrund der Konkurrenzsituation als Seemächte zu immer mehr
13 Vgl. ebd.
14 Vgl. Lindau: España y Europa, S. 8.
15 Bernecker, Walther L./Brinkmann, Sören: Spaniens schwierige Identität. Geschichte und Politik zur
Jahrtausendwende, in: Bernecker, Walther L./Dirscherl, Klaus (Hgg.): Spanien heute. Politik - Wirtschaft -Kultur, Frankfurt a. M., 2004 4 , S. 123-144, S. 128.
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Konfrontationen auf See, aus denen England fast immer als Sieger hervorging. Dadurch wurde die Autorität Spaniens in den Kolonien untergraben. 16 Ab Ende des 18. Jahrhunderts änderte sich die Situation drastisch. Die französische Revolution hatte weitreichende Folgen auch für Spanien. Das Land wurde unfreiwillig in die verschiedenen Revolutionskriege verstrickt. Einmal verbündete es sich mit England gegen Frankreich, danach musste es eine verheerende Niederlage einstecken, als es mit französischer Unterstützung gegen die englische Flotte auslief. Nach der Schlacht bei Trafalgar war von einer spanischen Seemacht keine Rede mehr. Die Seerouten nach Lateinamerika wurden unterbrochen, so dass die Handelsbeziehungen und der Einflussbereich Spaniens in Lateinamerika stark beeinträchtigt waren.
Die Besetzung Spaniens durch Napoleon markierte einen tiefen Einschnitt in der spanischen Geschichte. In der Folge brach ein spanischer Befreiungskrieg aus, der sich gegen die französischen Eindringlinge richtete. Dieser Kampf führte einerseits zu einem Auflodern eines Nationalbewusstseins, andererseits zur absoluten Abwehr jeglicher Erneuerungen, die seitens der Eindringlinge eingeführt wurden. Zwar wurde 1812 unter dem Schutz der englischen Flotte in Cádiz eine Verfassung geschrieben, die für damalige Verhältnisse eine der fortschrittlichsten in ganz Europa war, diese wurde aber von Ferdinand VII. direkt nach seiner Rückkehr aus französischer Gefangenschaft außer Kraft gesetzt. Er hob alle bisherigen Reformen auf und regierte weiterhin als absolutistischer Herrscher. Nachdem mit Ferdinand VII die traditionellen Kräfte wieder die Macht innehatten, kam es zu einer regelrechten Hexenjagd auf liberale Intellektuelle, die bis in die 30er Jahre anhalten sollte. Wiederum erfolgte eine Abschottung zu Europa. Im ersten Karlistenkrieg 17 loderten die Spannungen jedoch erneut auf und spiegelten die innereuropäischen Konflikte wieder. So stellte sich die heilige Allianz (das restaurative Preußen, Russland und Österreich) hinter die Carlistas, während die Cristinos von England, Frankreich und Portugal unterstützt wurden. Die Carlisten repräsentierten die traditionellen Kräfte, während die Cristinos von den liberalen Kräften unterstützt wurden. Zwar gewannen die Cristinos diesen ersten Karlistenkrieg, aber von einer Beruhigung der Situation war keine Rede. Es sollten bis zum Jahr 1898 noch weitere Kriege folgen, die die Aufspaltung des Landes vertieften. Die späteren Auswirkungen der französischen Revolution in Spanien lassen sich an vier Punkten festmachen. 1) Die Reformtätigkeiten des aufgeklärten Absolutismus fanden ein abruptes Ende; 2) die Inquisition wurde wiederbelebt und ergriff starke Zensurmaßnahmen,
16 Vgl. Bernecker, Walther L.: Spanische Geschichte, München, 1999, S. 46-51.
17 Karlistenkriege: Streit um die Erbnachfolge, wobei Ferdinands Bruder Karl und seine Anhänger, die Carlisten,
gegen die Königinwitwe María Cristina (die für ihre 3-jährige Tochter Isabela als Regentin eingesetzt war) und
deren Anhänger, den Cristinos, kämpften.
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um alles liberale Gedankengut zu unterdrücken; 3) aus Angst vor revolutionären Übergriffen innerhalb der Bevölkerung wurde auf die sozialen Spannungen, die aus der miserablen Wirtschaftssituation resultierten, mit drastischen Maßnahmen reagiert; 4) im Kampf um das Gedankengut der französischen Revolution erfolgte die tiefe Spaltung zwischen den zwei Spanien. 18
Spanien teilte sich auf in die konservativen, innovations- und aufklärungsfeindlichen Traditionalisten, die mit aller Macht versuchten, die Liberalen mit progressivem Gedankengut aus Europa vertrauten Aufklärer und Erneuerer zu unterdrücken. Primär war die nationale Frage ein philosophischer Streit: Öffnung Spaniens hin zu Europa oder Abschottung vom Kontinent und damit einhergehend wie die innerpolitische Verfasstheit von Staat und Gesellschaft auszusehen habe. Die Haltung der jeweiligen Lager gegenüber Europa bestimmte somit auch ihre ideologisch-politische Zugehörigkeit. 19
3.2. Das Schicksalsjahr 1898 und die Folgen - Beginn des nationalen Wandels
Javier García sieht die Ursachen aller Krisen zum Ende des 19. Jahrhunderts vor allen Dingen in dem Aufeinanderprallen der 'Wissenschaftskultur' mit der 'Glaubenskultur'. Seiner Ansicht nach findet dieser Kampf in der französischen Revolution ihren Katalysator. Die Wissenschaftskultur hatte a) wirtschaftliche Konsequenzen, indem sie die zweite industrielle Revolution mit sich brachte, b) kulturelle und soziale Konsequenzen, durch den Wandel der Gesellschaft von einer ländlichen zu einer städtischen, nach sich und c) vor allen Dingen eine Änderung der Weltsicht zur Folge. Diese war bis dahin durch den Glauben geprägt und wurde durch die Evolutionstheorie von Darwin ins Wanken gebracht. Der Triumph der Wissenschaftskultur sei darin zu sehen, dass in ganz Europa, die bis dahin durch die Glaubenskultur legitimierte Ordnung der Restauration abgelöst werde und je nach Nation durch andere Formen der Herrschaft ersetzt werde. Dabei enthält sich Javier Garcia einer Bewertung dieser Formen, auch sei dieser Wandel nicht mit einer ideologischen Richtung gleichzusetzen, sondern enthalte alle. 20 Auch wenn die Autorin dieser Arbeit nicht vollständig mit dieser Theorie übereinstimmt, so lassen sich doch für Spanien drei Faktoren festhalten: es kommt zur Legitimationskrise des Ancien Regimes, neue Sichtweisen der spanischen Intellektuellen stellen die bisherige Weltanschauung in Fragen und auch in Spanien findet die zweite Industrielle Revolution statt, die Urbanisation und Veränderungen in der Gesellschaft nach sich zieht. Diese Faktoren sollen im Folgenden näher dargestellt werden.
18 Vgl. Bernecker: Geschichte, S. 54-60.
19 Vgl. Bernecker: Isolation, S. 126.
20 Vgl. García de María, Javier: La guerra civil y la crisis cultural de europa, in: Engelbert, Manfred/García de
María, Javier (Hgg.): La Guerra Civil Española - medio siglo después, Frankfurt a.M., 1990, S. 39-62, S. 41f.
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3.2.1. Hegemoniekrise des Ancien Regimes
Da Spanien sich immer als imperiale und katholische Macht verstanden hatte, musste es nach 1898 zu einer Krise Spaniens in der nationalen Identität kommen. Der ideologische Überbau, der von den Wertvorstellungen und Denkschemata des Ancien Regimes geprägt worden war, zerbrach. 21
Im Jahr 1898 hatte Spanien ein bewegtes Jahrhundert hinter sich: mehrere Karlistenkriege, der Wandel der absoluten Monarchie hin zu einer konstitutionellen, eine Revolution gegen Isabel II., einen fremden König, eine Republik, der Verlust vieler Kolonien und die Wiedereinsetzung der Bourbonen in der Person Alfons XII. mit einem restaurativen System durch Cánovas del Castillo, wodurch die liberalen Kräfte des Landes wiederum nicht an der Politik beteiligt waren. 22 Obwohl es nach der Einführung des restaurativen Systems zu einer Beruhigung des Landes kam und damit einhergehend auch zu einem wirtschaftlichen Wiederaufschwung, wurde das Jahr 1898 trotzdem als das schlimmste Jahr der bisherigen Geschichte Spaniens gewertet. Es verlor gegen die USA seine letzten überseeischen Besitzungen (Filipinas, Puerto Rico, Cuba) und musste am 10. Dezember 1898 im Vertrag von Paris unterzeichnen, dass es auf alle kolonialen Ansprüche verzichte. 23 Der Verlust der letzten Kolonien des einst so mächtigen spanischen Kolonialreiches stellte für die Zeitgenossen eine kollektive Demütigung unbekannten Ausmaßes dar, das in den verschiedenen Titulierungen des Jahres seine Widerspiegelung findet: año epónimo, año fatídico und am häufigsten año del desastre. 24
„This crisis was all the more a cute because it occurred at the highest point in the age of empire, when the possession of colonies was seen as the bench-mark of a nations fitness of survive.” 25 Die Fortschrittsfähigkeit der Nation wurde im Hinblick auf die anderen europäischen Nationen in Frage gestellt: „für manche stand das Land geradezu in einem metaphysischen Widerspruch zu jenen Werten, die Europa, d.h. das industrialisierte Westeuropa, auszuzeichnen schien.“ 26 Es kam zu einer postimperialen ideologischen Krise in der spanischen Gesellschaft, die Spaniens nationales System, seinen nationalen Charakter und die Nation an sich in Frage stellte. Besonders deutlich wird das in einem Zitat der Zeitung La ilustración Española y Americana vom 08.02.1899 [das hier leider nur in englischer Sprache vorliegt]: „today the question for us, not the main, but the only and exclusive question, is one
21 Vgl. Tuñón de Lara: Strukturelle Ursachen, S. 12.
22 Vgl. Ben-Ami, Shlomo: The origins of the Second Republic in Spain, Oxford, 1978, S. 1-3.
23 Vgl. Lindau: España y Europa, S. 41.
24 Vgl. ebd./Bernecker/Brinkmann: Identität, S. 123;
25 Balfour, Sebastian: The end of the Spanish empire. 1898-1923, Oxford/New York, 1997, S. 49.
26 Bernecker/Brinkmann: Identität, S. 123.
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of life or death; one of wether we continue to exist as a nation or not.” Lord Salisbury bezeichnet in einer von der gesamten spanischen Presse abgelichteten Rede Spanien als eine 'dying nation'. 27 Der Verlust dieser Kolonien wurde gleichgesetzt mit dem Verlust Elsaß-Lothringens 1870, der zugleich auch den Fall Napoleons III und die Errichtung der III Republik zur Folge gehabt hatte. Viele befürchteten eine Wirtschaftskrise und den Zusammenbruch der spanischen Nation.
3.2.2. Wandel der Intellektuellen
In dieser Zeit kam es zu neuen Bewegungen, die teils geistig-literarisch, teil politisch-reformerisch orientiert waren und die zu unterschiedlichen Zukunftsvisionen des Landes führten. Die Generación del 1898 mit ihren Vertretern bringt die Problematik der schwierigen Identität Spaniens zum Ausdruck. Zahlreiche Schriften belegen ihre Auseinandersetzung mit dem 'Problem Spanien'. 28 Noch deutlicher als zuvor wird hierbei die Haltung zu Europa als ausschlaggebend zur jeweiligen Problemlösung gesehen. Ángel Ganivet favorisiert in seinem Hauptwerk Idearium español von 1897 eine Abwendung von Europa und eine Isolation von Spanien, um die frühere Stärke wiederzuerlangen, während Ramiro de Maeztu in Hacia otra España eine Öffnung nach Europa als unumgänglich sieht. 29 So wie auch andere der 98er Generation wandelte sich allerdings Maeztu weg von einer anfänglich sozialistischen Position hin zu einem Wegbereiter des Faschismus. Einen ebenso radikalen Meinungswandelallerdings hin zu einer traditionellen Position - vollzog auch einer der bekanntesten Vertreter der 98er Generation: Miguel de Unamuno. So war er anfangs noch ein starker Verfechter einer Hinwendung zu Europa und sozialistisch eingestellt, nach 1898 und einer persönlichen religiösen Krise wandte er sich jedoch davon ab und ging schließlich so weit zu sagen, dass Europa eigentlich eine Hispanisierung bräuchte, da es nur eine oberflächliche und materialistische Ratio habe, während Spanien ein 'ewiges Wesen' besäße. 30 Die Allgemeine Kritik am Desaster von 1898 richtete sich letztendlich gegen die Politiker und Institutionen der Restaurationsmonarchie. Es wurde eine Abkehrung vom Kazikentum 31 verlangt und die Herstellung eines politischen Systems, das eine reale Repräsentation der
27 Vgl. Balfour: Spanish empire, S. 49.
28 Vgl. Bernecker: Isolation, S. 133-135.
29 Vgl. Lindau: España y Europa, S. 44.
30 Vgl. Bernecker: Isolation, S. 135-136; Zu den einzelnen politischen Ausrichtungen der 98 Generation siehe
besonders das Werk von Martin Franzbach: Die Hinwendung Spaniens zu Europa. Die Generación del 98,
Darmstadt, 1988.
31 Cacique (nach Schauff: Bürgerkrieg, S. 14.): politisch tonangebender Mann einer Region oder eines Ortes, der
den Großgrundbesitzern, der Verwaltung oder dem Klerus zuzurechnen war und deren politische Präferenz in
der Bevölkerung durchsetzte.
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Verhältnisse darstellen sollte. 32 Das politische Vakuum, das durch diese Hegemoniekrise entstanden war, sollte neu gefüllt werden, allerdings waren die meisten Schriften philosophischer Art und standen in keinem Verhältnis zur politischen Realität. Schon die Verkennung der Bedeutung der zweiten Industrialisierung Spaniens lässt auf eine falsche Einschätzungen allein der wirtschaftlichen Situation schließen.
3.2.3. Wirtschaftlicher Wandel
Bis in die 1980er Jahre herrschte die Meinung vor, in Spanien hätte es im 19. Jahrhundert an einer wirtschaftlichen Entwicklung gefehlt. Neuere Studien zeigen dagegen, dass es schon in den 1830er bzw. 1850er Jahren zu einem Aufschwung der Wirtschaft kam und in den Jahren 1900-1904 eine zweite industrielle Revolution in Spanien erfolgte. Diese führte zu einem kontinuierlichen Wachstum in der Wirtschaft und brachte somit auch eine Modernisierung mit sich. 33 Spanien lag nach 1914 durchaus im Durchschnitt der wirtschaftlichen Entwicklung Europas. Bernecker vermerkt hier, dass Spanien "insbesondere wirtschaftshistorisch betrachtet ein Teil Europas, ein 'normales' europäisches Land" gewesen sei. 34 Der Verlust der Kolonien hatte letztendlich sogar positive Auswirkungen auf die Wirtschaft, da viele Rückkehrer aus den spanischen Kolonien ihr Kapital wieder nach Spanien brachten (man geht davon aus, dass über 1.600 Mill. Pesetas [Goldstandard] ihren Weg nach Spanien fanden) und hohe Investitionen im Inland tätigten. 35 Eigentlich waren es 'nur' der kastilische Getreideanbau und die katalanische Textilindustrie, die unter dem Wegfall der Kolonien litten, da sie keinen protegierten Absatzmarkt mehr besaßen. Die restliche Wirtschaft profitierte meist von der nun folgenden Öffnung hin zu den europäischen Märkten. 36 Grundsätzlich lässt sich eine wirtschaftliche Modernisierung vor allem in der Peripherie, also in den Randzonen wie z.B. in Katalonien und im Baskenland, festhalten. Das ökonomische Tempo allerdings unterschied sich zusehends vom politischen Tempo, da sich einerseits technologischer Fortschritt und wirtschaftlicher Aufschwung einstellten, aber anderseits noch feudale Wertmaßstäbe herrschten, die von der Gesellschaftsvorstellung des Ancien Regimes bestimmt wurden. 37
Politisch manifestierte sich dieser Wandel durch das Aufkommen eines 'Arbeiterbewusstseins', das im Raum der Großstadt aktiv wurde, sowie einem
32 Vgl. Bernecker: Isolation, S. 139.
33 Vgl. Bernecker/Brinkmann: Identität, S. 126-128.
34 Bernecker/Brinkmann: Identität, S. 129.
35 Vgl. Balfour: Spanish empire, S. 54.
36 Vgl. Tuñón de Lara: Strukturelle Ursachen, S. 12.
37 Vgl. Tuñón de Lara: Strukturelle Ursachen, S. 14.
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'Regionenbewusstsein', das besonders die Katalanen und Basken betraf, die ebenfalls politisch beteiligt sein wollten. 38
Die Nation befand sich durch die schwere Identitätskrise von 1898 im Wandel und suchte nach neuen politischen Lösungen, die die Hegemoniekrise lösen sollten.
4. Das 20. Jahrhundert - der lange Weg zum nationalen Wandel
4.1. Problematik und Stagnation des nationalen Wandels am Anfang des 20. Jahrhunderts
Die Modernisierung, die Spanien ergriff führte auch dazu, dass sich neue geistige Strömungen bildeten. War vorher das Denken der Intellektuellen einem Wandel unterworfen, so kam es jetzt auch zum Aufgreifen neuer Theorien. Während also vormals alte Theorie modernisiert werden sollten, so kam es jetzt zu neuen Theorien, die meist konkrete Forderungen stellten und nicht mehr nur dem geistig-philosophischem zugewandt waren, sondern dem realpolitischen Geschehen eine Grundlage verleihen wollten. Dabei waren als Hauptvertreter zu nennen die Regeneracionistas und die Falangisten. Die Falangisten waren vom Sohn des Diktator Primo de Rivera gegründet worden und waren Verfechter eines spanischen Faschismus. Beide Strömungen versuchten ihre Erneuerungen durchzusetzen und sollten sich schließlich im Bürgerkrieg gegenüberstehen.
4.1.1. Regeneracionismo und Falangismo
Die Forderung nach Erneuerung, Regeneracionismo genannt, fiel mit dem Zusammenbruch des Turnos zusammen, bis dato ein künstlicher Parteienmechanismus, bei dem sich die beiden führenden dynastischen Parteien (die gemäßigten Liberalen und die Konservativen) abgewechselt hatten und dessen Nutznießer im wesentlichen die Oligarchie gewesen war. Joaquín Costas nannte dieses System im Nachhinein "eine unheimliche Orgie von Oligarchie und Kazikentum". 39 Zu den Regeneracionistas gehörte nicht nur Costas, sondern auch José Ortega y Gasset, der Europa nicht als bloße Antithese oder Negation Spaniens, sondern als Grundlage für ein dialogisches Zusammenleben und als Ausgangsbasis zur Überwindung des nationalen Tiefstands ansah. Im Gegensatz zu den 98ern wollte diese Gruppierung nicht nur eine geistige Veränderung bewirken, sondern konkrete politische Ziele für Spanien verfassen. Europa sei die Bedingung für die Verwirklichung eines 'modernen' Spanien. 40 Eine 'Revolution von oben' sollte Spanien modernisieren und eine Hinwendung zu Europa
38 Vgl. Bernecker: Isolation, S. 138.
39 Vgl. Bernecker: Geschichte, S. 71.
40 Vgl. Bernecker: Isolation, S. 141.
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ermöglichen. Dabei war mittlerweile der erste Weltkrieg ausgebrochen und das Europabild dieser Gruppierung entsprach einem idealtypischen Europa, das von der Wirklichkeit weit entfernt war.
Zu den geistigen Erben der 98er Generation gehörten nicht nur diese Europeizados 41 , sondern auch die Faschisten die nach einem 'Neuen Staat' faschistischer Katholizität verlangten. Die Faschisten fanden sich später in der 1933 gegründeten Falange zusammen. Die Falange suchte die geschichtliche Erfüllung Spaniens im Imperium und forderte einen herausragenden Platz für Spanien in Europa. Eine internationale Isolierung sollte nicht geduldet werden, ebenso wenig wie eine ausländische Einmischung. 42 Zunächst fanden die Falangisten auch innerhalb der Konservativen und Rechten Strömungen keine weitere Beachtung, allerdings sollten sie im weiteren Verlauf eine tragende Rolle spielen.
4.1.2. Die Diktatur Primo de Riveras
Eine 'Altlast' des Ancien Regimes, die immer mehr das politische Geschehen bestimmte, war der Marokkokrieg. Die Armee hatte die Demütigung, die die Niederlage 1898 für sie bedeutet hatte, nicht überwinden können. Das trieb sie dazu a) „über ihr eigentliches Aufgabengebiet hinaus in die gesellschaftlichen Entwicklungen eingreifen zu wollen“ 43 und b) ein übertriebenes Engagement im Marokkokrieg zu zeigen, um so die kolonialen Sehnsüchte zu befriedigen und sich selbst wieder aufzuwerten. Gerade dieser Krieg führte zu extremen sozialen Spannungen und 1907 zur sogenannten Semana Trágica. Die Arbeiter sahen diesen Krieg immer mehr als Klassenkrieg, in dem sie als 'Kanonenfutter' dienten, so dass es - als wieder 40.000 Reservisten von Barcelona nach Marokko verschifft werden sollten - zu einem Generalstreik und Antikriegsdemonstrationen kam. Der Streik wurde blutig niedergeschlagen, zeigte aber vor allen Dingen, dass in Spanien immer noch eine soziale Ungleichheit herrschte. Die Arbeiterbewegungen formierten sich immer mehr, allerdings waren sie untereinander zersplittert und konnten sich auf keine einheitlichen Ziele einigen. 1917 kam es schließlich zu drei Krisen, die dem restaurativen System den endgültigen Todesstoß versetzen sollten. Zum einen weigerten sich die Militärjuntas dem von der Regierung gegebenen Befehl der Auflösung nachzukommen, zum anderen kam es zu dem schon erwähnten Generalstreik der Arbeiter und schließlich strebte der katalanische Nationalismus nach politischer Integration und untergrub die Autorität der Regierung. Die
41 Europeizantes wurden die Vertreter der Generación del 98 genannt, die Spanien europäisieren wollten,
während die nachfolgende Generation, die meist einen längeren Aufenthalt in Europa hinter sich hatte, die
europäisierten (Eurpeizados) genannt wurden.
42 Vgl. Bernecker: Isolation, S. 142f.
43 Tuñón de Lara: Strukturelle Ursachen, S. 15.
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Gruppierungen selbst arbeiteten nicht zusammen, weswegen alle Beteiligten, bis auf das Militär, in ihren Bemühungen um politische Partizipation scheiterten. Trotzdem zwang diese Krise die Regierung zum Rücktritt und zeigte, dass die Parteien das Vertrauen der Bevölkerung in weiten Teilen verloren hatten. 44 Die damit offenkundig fehlende Alternative im restaurativen System brachte die Intellektuellen dazu, sich vom bisherigen System loszusagen und nach neuen Lösungen zu suchen, wobei eine ideologische Polarisierung folgte. 45
Nachfolgende Sozialkonflikte und vor allen Dingen die vernichtende Niederlage im Marokkokrieg 1921 legten die Weichen für den - mit dem Wohlwollen der Bourgeoisie und der Krone - erfolgenden Staatsstreich durch Miguel Primo de Rivera 1923, der die Cortes auflöste und das konstitutionelle System vollständig abschaffte. Die Diktatur wollte die monarchische Institution retten, den Marokkokonflikt lösen und die Arbeiteraufstände beenden. 46 Ironischerweise war es gerade die Diktatur, die viele Reformvorschläge der Regeneracionistas umzusetzen versuchte, auch wenn viele, wie zum Beispiel eine Umverteilung der Besteuerung, am Widerstand der Oligarchie scheiterten. 47 Durch diesen Widerstand kam es wiederum zum Scheitern dieser neuen Ordnung und Primo de Rivera musste 1930 zurücktreten. Er hatte verkannt, dass die wirtschaftlichen Reformen einerseits nicht vom gesamtgesellschaftlichen Modernisierungsprozess loszulösen waren und dass sich andererseits die Traditionalisten gegen alle Änderungen sträubten. Die Diktatur war also nur eine Lösung technischer Art gewesen und hatte die Hegemoniekrise nicht beigelegt, sondern nur kurzzeitig unterdrückt. 48 Das Scheitern dieses 'autoritären' Lösungsweges schaffte es allerdings, dass ein Übergang zur demokratischen Staatsform versucht wurde. 49
4.1.3. Die II. Republik und ihre Feinde
Die Gemeindewahlen vom 12. April 1931 endeten als Volksentscheid über die Staatsform, bei dem sich 41 von 50 Provinzhauptstädten zugunsten der republikanisch-sozialistischen Koalition entschieden; Alfonso XIII verließ daraufhin das Land. 50 Mit Gründung der zweiten Republik schien endgültig jene geistig-politische Richtung im öffentlichen Leben Spaniens zu gewinnen, die für die Außenorientierung und Europa-Zugewandtheit eintrat. Ein friedlicher
44 Vgl. Bernecker: Geschichte, S. 79.
45 Vgl. Tuñón de Lara: Strukturelle Ursachen, S. 23f.
46 Vgl. Bernecker: Geschichte, S. 81f.
47 Vgl. Bernecker: Isolation, S.139.
48 Vgl. Tuñón de Lara: Strukturelle Ursachen, S. 26.
49 Vgl. Bernecker: Geschichte, S. 83f.
50 Vgl. Tuñón de Lara: Strukturelle Ursachen, S. 31.
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und allgemeiner Wandel schien nähergerückt zu sein. Leider sollte sich im weiteren Verlauf zeigen, dass die traditionalistischen Kräfte in diesem Wandel die Anfänge eines revolutionären Umsturzes der Nation sahen, dem sie sich massiv entgegenstellen sollten. Die zweite Republik wird in drei Phasen eingeteilt. Die 1. Phase wird als die Reformphase bezeichnet (bieno de reformas). In dieser Phase sah sich die Republik mit folgenden Problemen konfrontiert:
Dem archaischen Charakter des Staates und seiner Einrichtungen; einer veralteten (sowohl technisch als auch personell) Armee, die immer mehr eigenständig in die Belange des Staates eingriff; der privilegierten Stellung der Kirche, die nicht bereit war auf diese zu verzichten; den Spannungen zwischen den Regionen und der zentralistischen Praxis; der großen Ungleichheit, die auf dem Land herrschte; einem veralteten Bildungssystem; und vor allen Dingen den 'großen machtvollen Familien', die um keinen Preis auf ihre bisherige Vorrechte verzichten wollten. In dieser ersten Phase wurden deswegen zahlreiche Reformen unternommen, die eben genau diese Probleme beheben sollten. Diese betrafen vor allen Dingen den Landadel, die Kirche und das Militär, die zu großen Feinden der Republik wurden und in den Reformen einen Angriff auf ihre säkularen Rechte verstanden. 51 Die soziale Ungerechtigkeit auf dem Land wird bei Betrachtung der Landverteilung 1932 deutlich. 50% des Landes war 50.000 Personen als Großgrundbesitz zugeordnet. 700.000 Großbauern besaßen 35% des Landes. Auf Bauern und Kleinbauern (2.250.000 Personen) fielen die restlichen 15%. Die Tagelöhner (2.000.000 Personen) gingen dagegen leer aus. 52 Der Landbesitz besaß noch eindeutig feudale Züge. Die spanische Republik scheiterte nicht zuletzt an ihrer Unfähigkeit umfassende Agrarreformen zu verabschieden und die Einigkeit, die die Liberalen und Linken zu ihrem überragenden Sieg geführt hatte, zerbrach über die Diskussion der anstehenden Reformen.
Dadurch kamen die Traditionalisten wieder an die Macht, die in dieser zweiten Phase der Republik (el bieno negro), alle Reformen wieder rückgängig machte. Es kam zu Entlassungen, Verhaftungen, Verfolgungen und Erschießungen, die die Spannungen im Land verschärften und die Linken und Liberalen wieder vereinigte, aber auch radikalisierte. 53 Diese gewannen am 16.Februar 1936 zum zweiten Mal, konnten aber das zerrissene Land nicht mehr vereinen. Die Traditionalisten sahen keine Möglichkeit mehr ihre Interessen auf formalem Wege durchzusetzen und radikalisierten sich, ebenso wie Teile der Industrie- und Landarbeiter, die sich schließlich der Kontrolle der Regierung entzogen.
51 Vgl. Tuñón de Lara: Strukturelle Ursachen, S. 33-36; Bernecker: Geschichte, S. 85f.
52 Tabelle siehe Hommel, Klaus: Spanien und die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft. Geschichte einer
Integration, Baden-Baden, 1992, S. 51.
53 Vgl. Tuñón de Lara: Strukturelle Ursachen, S. 43-45; Bernecker: Geschichte, S. 86.
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Es kam zu spontanen Landbesetzungen landhungriger Agrarproletarier, die nicht länger bereit waren, auf eine Besserung ihrer Situation zu warten. Die nicht vorhanden Bereitschaft der besitzenden Schicht auf einen Wandel einzugehen und die Arbeiter zu integrieren, führte somit zu einer Verschärfung der Situation. 54
Die Traditionalisten vereinten jetzt ihre Kräfte mit denen der Kirche und dem Heer. Sie sahen sich selbst als die 'Ordnungshüter', die dem 'Chaos' (Kommunismus, Anarchismus, Sozialismus) entgegenwirken müssten. Das Chaos käme von außen und es gehe vor allen Dingen darum, "das von ausländischen Kräften bedrohte Vaterland zu retten". 55 Und hier kamen auch die faschistischen Kräfte ins Spiel.
„In einer Situation, in der die ideologische Vergiftung, die der Faschismus betrieb, mit der
traditionellen Ideologie des alten Machtblocks und den rückwärtsgewandten Hoffnungen derer
zusammentraf, die glaubten, durch den Aufstieg der Arbeiter eine alte Welt verloren zu haben [...]
war die traumatische Reaktion der in ihrer Unbeweglichkeit erstarrten Gesellschaftsschicht das
auslösende Moment, um das Land in die Tragödie zu stürzen.“ 56
Durch den Bürgerkrieg kam es zum Stillstand des bis dahin versuchten Wandels der Nation. Der politische Wandel war dem gesellschaftlichen und sozialen Wandel vorausgeeilt. Die kleine Schicht der liberalen Intellektuellen hatte zum einen nicht erkannt, dass der bis Dato erfolgte wirtschaftliche und soziale Wandel noch nicht seine vollständige Kapazität erreicht hatte. Zum anderen waren ihre bis dahin verfolgten Ziele utopischer und zu progressiver Art gewesen, ohne realpolitischen Bezug zu dem Wandel der Gesellschaft. Im Gegensatz dazu standen die starren Traditionalisten, die jeglichen weiteren Wandel zu unterdrücken und den bis dahin erfolgten Wandel rückgängig zu machen versuchten. Aus diesen beiden gegensätzlichen Positionen folgte der für Spanien traumatische Bürgerkrieg, der das Land „zur Propagandaplattform der Ideologien und zum Truppenübungsplatz insbesondere der faschistischen Waffensysteme“ 57 machte. Wiederum war Spanien ein Spiegelbild des europäischen Klimas, in dem die Konfrontation zwischen Faschismus und liberalen Kräften zunahm.
4.2. Franco-Spanien - Wiederaufkeimen des nationalen Wandels
„[...] der Sieg des nationalistischen Lagers unter Franco - ein Sieg, der ohne die massive
faschistische Unterstützung aus Deutschland und Italien nicht hätte errungen werden können - war
auch eine Niederlage der europäischen Kultur und ihrer freiheitlichen Tradition.“ 58 Mit dem Ende des Bürgerkriegs am 01. April 1939 hielt die Diktatur mit Francisco Franco an der Spitze Einzug in Spanien. Durch Franco wurde das politische Vakuum gefüllt, jedoch
54 Vgl. Bernecker: Isolation, S. 144f.
55 Vgl. Tuñón de Lara: Strukturelle Ursachen, S. 48.
56 Tuñón de Lara: Strukturelle Ursachen, S. 61.
57 Bernecker: Isolation, S. 146.
58 ebd.
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hatten Bürgerkrieg und die darauf folgenden Racheaktionen Francos das Land ausgeblutet. 59 Die 'Säuberungen' Francos führten auch nicht zu einer Vereinigung der zwei Spanien, sondern vertieften die Kluft zwischen Sieger und Besiegten. Fraglich bleibt, ob in den 40er Jahren noch von einer Nation die Rede sein kann, wenn die Hälfte der Bevölkerung hingerichtet, in Arbeitslager verschleppt oder verbannt worden war oder unter extremer Repression leben musste, in der keine Opposition geduldet wurde. Ebenso fraglich bleibt es deswegen, ob man hier von einem nationalen Wandel sprechen kann. Eher geht es um einen Wandel in der Herrschaft, als einen Gesamtwandel, da die Nation durch den Bürgerkrieg erschöpft dalag und sich in einer politischen und gesellschaftlichen Apathie befand. Die Diktatur wird in der gängigen Literatur in zwei große Phasen eingeteilt: 60 Die erste Phase umfasst die Jahre 1939-59 und lässt sich wiederum in zwei Teile gliedern. Im ersten Teil von 1939-45 fand die ideologische Ausrichtung und die Konsolidierung der Diktatur statt. Das Land war durch Kriegswirtschaft und den Aufbau einer neuen Staatsordnung vollkommen eingespannt, weswegen es auch nicht am zweiten Weltkrieg teilnahm, allerdings in Freundschaft zu den Achsenmächten stand. Im zweiten Teil (1945-1959) wurde das Regime auf der Potsdamer Konferenz scharf verurteilt und ein Beschluss der UNO erklärte schließlich den Ausschluss des Landes. Diese Isolierung führte in Kombination mit schweren Missernten zu einer katastrophalen wirtschaftlichen Situation. Durch die Zuspitzung des Ost-West-Konflikts kam es allerdings zur Aufweichung der Isolation Spaniens durch die USA und auch der Vatikan nähert sich Spanien durch ein neues Konkordat an.
In der zweiten Phase (1959-1974) der Diktatur erfolgte ein radikaler Wechsel der bisherigen Wirtschaftspolitik mit weitreichenden gesellschaftlichen Folgen. Im Folgenden sollen diese beiden Phase in Hinsicht auf die politische und wirtschaftliche Ausrichtung des Landes genauer beschrieben werden.
4.2.1. Der spanische 'Sonderweg' - Stagnation des Wandels
Die Diktatur Francos konsolidierte sich zunächst als eine Synthese aus konservativem Katholizismus, übersteigertem Nationalismus und kompromisslosem Faschismus. Francisco Franco wurde als oberster Staatschef eingesetzt (el caudillo), der als Chef der Falange den
59 Schätzungsweise kamen zwischen 1939 bis 1944 ca. 150.000-200.000 Menschen ums Leben, 370.000
befanden sich in Haft, Arbeitslagern etc. Siehe dazu: Lehmann, Walter: Die Bundesrepublik und Franco-Spanien
in den 50er Jahren. NS-Vergangenheit als Bürde?, München, 2006, S. 15. Im Bürgerkrieg selbst sollen bis zu
600.000 Personen ihr Leben verloren haben.
60 Vgl. Hommel: Spanien und die EWG, S. 34.
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Wirkungsrahmen der Einheitspartei festlegte und dem als sogenannter Generalisimo das Militär unterstand, das er als Repressionsmittel einsetzen konnte. 61 Franco selbst verstand das Regime als eine „Rückkehr zu den ureigensten Elementen des spanischen Wesens“ mit Betonung auf der 'authentischen spanischen Tradition'. 62 Dabei stützte sich Franco nicht ausschließlich auf die Falange, sondern auf die Kirche und das Militär. 63 Die Einheitspartei war von ihm mit den Monarchisten schon 1937 'zwangsvereinigt' worden, so dass die Faschisten immer um die Macht ringen mussten. Schon vor dem Ende des Bürgerkrieges, fand in der Verabschiedung des Fuero del Trabajo (Grundgesetz der Arbeit) am 09. März 1938 der Nationalkatholizismus und die klare Kreuzzugsmentalität gegen die sogenannten 'Totalitarismen' (Kapitalismus und Kommunismus) seinen Eingang: „Renovando la Tradición Católica de justicia social y alto sentido humano que informó nuestra
legislación del Imperio, el Estado, Nacional en cuanto es instrumento totalitario al servicio de la
integridad patria y Sindicalista en cuanto representa una reacción contra el capitalismo liberal y el
materialismo marxista [...]” 64
Diese Besonderheit der Diktatur definierte sie deswegen nicht als ein faschistisches Regime, sondern als ein 'autoritäres'. Franco war sorgsam darauf bedacht, nicht von den Faschisten abhängig zu sein und opportunistisch taktieren zu können. Allerdings sollte die Falange vor allen Dingen den wirtschaftlichen Sonderweg dieser ersten Phase besonders prägen. Die Falange hatte es nie geschafft, wie z. B. die NSDAP, die Massen zu erreichen und zu mobilisieren. Als grundsätzliche Stützen außerhalb der Partei waren die traditionellen Kräfte wie die katholische Amtskirche, die Oligarchie und das Militär zu sehen. 65 Der wirtschaftliche Bereich wurde durch die Ideologie der Falange neu definiert. Demnach hatte sich die Wirtschaft unter die Politik zu ordnen und die Produktion sollte im Dienst des Vaterlandes stehen. Die Industrialisierung sollte Ausdruck des nationalen Prestiges sein. 66 Radikale Importsubstitutionen und die systematische Verringerung der
Weltmachtverflechtung standen ganz im Zeichen der neuen ideologisch basierten Autarkiepolitik. Es stellte sich jedoch heraus, dass die Autarkiepolitik aufgrund der eigenen mangelnden Rohstoffvorkommen und auch der geringen Technologisierung nicht haltbar war. Die Wirtschaft schaffte es kaum, das Überleben in den folgenden Jahren zu sichern. Trotzdem wurde diese Autarkie bis fast in die 60er Jahre beibehalten. Allerdings war diese zum Schluss nicht mehr ideologisch fundiert, sondern aufgrund der sich ab 1945 gewandelten
61 Vgl. ebd; Lindau: España y Europa, S. 108f.
62 Vgl. Bernecker/Brinkmann: Identität, S. 124.
63 Vgl. Bernecker: Geschichte, S. 101.
64 Hommel: Spanien und die EWG, S. 27: [In Erneuerung katholischer Tradition sozialer Gerechtigkeit und
hoher menschlicher Gesinnung, die unsere Reichsgesetzgebung beseelt, übernimmt der Staat, national als
Werkzeug im Dienste der Unversehrtheit des Vaterlandes und gewerkschaftlich als Gegenschlag gegen den
liberalen Kapitalismus und den marxistischen Materialismus...]
65 Vgl. Bernecker: Geschichte, S. 101; Hommel: Spanien und die EWG, S. 34f.
66 Vgl. Bernecker: Isolation, S. 149.
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außenpolitischen Verhältnisse notwendig geworden, da Spanien von den Weltmächten isoliert wurde. 67
Diese Isolierung erfolgte nach dem Ende des zweiten Weltkrieges. Spanien wurde als ein unerwünschtes Überbleibsel der faschistischen Ära angesehen und deswegen auf der Potsdamer Konferenz der 'großen Drei' scharf verurteilt. Besonders die Sowjetunion, aber auch Frankreich, drängten in der folgenden Zeit auf ein Eingreifen der Mächte, konnten sie aber nur zu UN-Resolution vom 09. April 1946 bewegen, in der Spanien von allen der UN zugehörigen Organisationen ausgeschlossen wurde. 68
Franco hatte auf die weltpolitischen Veränderung reagiert, indem er die faschistische Symbolik, wie z.B. den römischen Gruß, früh verdrängte und sogenannte 'Fundamentalgesetze' verabschiedete, die später Verfassungsfunktionen erfüllten.69 Das Fuero de los Españoles, indem die Rechte und Pflichte der Spanier festgehalten wurden, und das Ley de Referendum nacional sind als Konzessionen an die Weltmächte zu sehen und besaßen nur auf dem Papier Gültigkeit. Aus eben dieser Motivation, aber auch aus innenpolitischen Gründen erfolgte das Ley de sucesión a la Jefatura del Estado [das Nachfolgegesetz], in welchem die Monarchie als Staatsform festgelegt wurde. Das verhinderte den Sturz des Regimes, aber nicht die Isolierung durch die Weltmächte.70 Diese Situation änderte sich erst durch die Verschärfung des Ost-West-Konflikts. Das Land war von geostrategischer Bedeutung für die amerikanische Containment-Strategie im Kampf gegen die Sowjetunion. 71
Plötzlich erhielt die 'Abendland-Ideologie' neue Bedeutung und öffnete für Spanien außendiplomatisch neue Türen. 72 Innenpolitisch lobten Bischöfe und katholische Presse Franco als Retter der Nation und Verteidiger der christlichen Situation. Das hatte einen konkreten Hintergrund: Franco suchte nach der Anerkennung Spaniens durch den Vatikan und am 27. August 1953 kam es zu einem neuen Konkordat. In diesem wurde u.a. festgehalten, dass ein Großteil der kirchlichen Kosten den Staat übernommen wurde und die Kirche Zensurrecht auf alle Schriften besaß, die sich gegen katholische Moral und Dogma richteten. Vor allen Dingen wurde das Erziehungswesen in kirchlicher Hand gelassen und eine eigene Gerichtsbarkeit und eigene Gefängnisse gewährt. Franco erhielt das
67 Vgl. Hommel: Spanien und die EWG, S. 34 u. S. 44.
68 Vgl. Lehmann: BRD & Franco-Spanien, S. 11; Hommel: Spanien und die EWG, S. 34 u. 42f.
69 Vgl. Lehmann: BRD & Franco-Spanien, S. 12; Bernecker: Isolation, S. 151; Hommel: Spanien und die EWG,
S. 32f.
70 Hommel: Spanien und die EWG, S. 33.
71 Vgl. Lehmann: BRD & Franco-Spanien, S. 13; Hommel: Spanien und die EWG, S. 44.
72 Die Diktatur wurde heruntergespielt und als antikommunistischer Vorposten und Verteidiger der ewigen
Werte des Abendlandes gepriesen. Vgl. Bernecker: Isolation, S. 153; Lehmann: BRD & Franco-Spanien, S. 15.
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Vorschlagsrecht zur Besetzung der Erzbischofs- und Bischofsstühle. 73 Der Papst und die katholische Kirche sowie die USA waren die ersten - wenn auch inoffiziell - die das Regime anerkannten. 1955 erfolgte auf Druck der USA die Aufnahme Spaniens in die Vereinten Nationen, da die USA schon angefangen hatten, mit Spanien wirtschaftliche Hilfe gegen Militärstützpunkte auszutauschen. 74
Die Aufweichung der internationalen Isolierung im politischen Bereich verhalf aber trotzdem zu keinem wirtschaftlichen Aufschwung. Lange schon war deutlich geworden, dass die autarke Politik, die durch die Isolierung des Landes notwendig geworden war, nicht länger haltbar war. Die außenpolitische Öffnung war bisher nur auf politisch-diplomatischer Ebene und in Form von Krediten erfolgt. Franco musste sich entscheiden, ob er dem ideologischen Wirtschaftsplan der Falange weiter folgen wollte oder eine andere Alternative in Betracht zog.
4.2.2. Opus Dei und die wirtschaftsliberale Öffnung - Neubeginn des Wandels im wirtschaftlich-sozialen Bereich
In der zweiten Phase der Diktatur, Ende der 50er Jahre, kam es zu einem radikalen Ministeraustausch in der Regierung, bei dem die Falangisten die maßgeblichen Verlierer waren. Die Technokraten des Opus Dei hatten Franco überzeugt, dass ein Wandel in der Wirtschaft und damit nach sich ziehender Wohlstand, das Regime legitimieren würde. Der Plan de Estabilización wurde von Wirtschaftsexperten wie z.B. López Ródo und López Bravo entworfen, die wirtschaftstheoretisch einen Neoliberalismus Spaniens verfolgten. Dabei wollten sie gleichzeitig den politisch-ideologischen Kurs beibehalten. Die Vertreter des Opus Dei verband ein ausgeprägtes Arbeits- und Pflichtethos, das auffällig viele Gemeinsamkeiten mit dem puritanisch-calvinistischem Geist auswies und das Effizienz, Kompetenz, Produktivität und moderne Technik betonte.75
Spaniens wirtschaftliche Entwicklung schritt schnell voran, als es sich dem europäischen Markt anschloss, allerdings ging diese Entwicklung anfangs auf Kosten der sozial schwächeren Bevölkerung. Trotzdem profitierten immer mehr Personen von dem wirtschaftlichen Wandel, der schließlich eine enorme Veränderung der
Gesellschaftsstrukturen zur Folge haben sollte. Das Pro-Kopf-Einkommen verfünffachte sich von 1960-1975, die Wachstumsrate des BIP stieg um 7%. 76 Außerdem häuften sich die
73 Vgl. Hommel: Spanien und die EWG, S. 46.
74 Vgl. ebd.; Lindau: España y Europa, S. 109.
75 Vgl. Bernecker: Isolation, S. 154; Lindau: España y Europa, S. 110; Bernecker: Geschichte, S. 105.
76 Kohler, Beate: Politischer Umbruch in Südeuropa. Portugal, Griechenland, Spanien auf dem Weg zur
Demokratie, Bonn, 1981, S. 256.
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ausländischen Investitionen immer mehr und die Bauwirtschaft boomte. Es kam zu einer sektoralen Verschiebung der erwerbstätigen Bevölkerung, die eine Abwanderung vom Land in die entstehenden Industriezentren zur Folge hatte (1966 arbeiteten nur noch 32% der Erwerbstätigen auf dem Land). 77
Durch den ökonomischen Wandel erfolgte auch ein demographischer: Erhöhung der Lebenserwartung, Nachlassen der Geburtenhäufigkeit, Anwachsen der älteren Bevölkerung, etc. Dieser demographische Wandel zeigt immer mehr das Muster einer Demographie der entwickelten Industrienationen. Im sozialen und gesellschaftlichen Bereich zeigte sich beispielsweise, dass die Rate der erwerbstätigen Frauen zugenommen hatte und die Konzentration weg von der Großfamilie hin zur Kernfamilie erfolgte. 78 Eine entscheidende Öffnung zu Europa sollten der Tourismus und der Austausch von Gastarbeitern darstellen. Spanien öffnete seine Grenzen somit auch den Menschen und den damit einhergehenden Ideen des europäischen Festlandes. Es kam zu immer mehr Studentendemonstrationen und Streiks. 79 Die ETA formierte sich und ihre Attentate sollten im Laufe der Jahre immer größere Ausmaße annehmen. Doch mehr als das Aufkommen dieser terroristischen Aktivitäten traf Franco anfangs der Wandel der katholischen Kirche. 1971 entschuldigte sich die katholische Kirche beim spanischen Volk für die Parteinahme während des Bürgerkriegs. Eine der wichtigsten Legitimierungsinstanzen fehlte plötzlich dem franquistischen Regime. 80 Franco versuchte sich mehr auf das Überleben seines Regimes nach seinem Tod zu konzentrieren, indem er Luis Carrero Blanco und den spanischen Thronfolger auf sein Regierungskonzept einzuschwören versuchte. Das scheiterte, da einerseits 1973 seine rechte Hand Luis Carrero Blanco durch die ETA ermordet wurde und andererseits gerade Juan Carlos zur herausragenden leitenden Figur für die Transición werden sollte. 81 „Am Ende der Franco-Herrschaft war die spanische Gesellschaft politisierter, urbanisierter und
säkularisierter denn je, die Arbeiter und Studenten waren so aufsässig wie noch nie, die
Autonomie- und Selbstständigkeitsbewegungen der Regionen ausgeprägter als zu jedem anderen
Zeitpunkt der neueren spanischen Geschichte, Sozialisten und Kommunisten bei den ersten Wahlen
nach Francos Tod so erfolgreich wie nie zuvor, die spanische Wirtschaft finanziell und
technologische vom internationalen Kapitalismus in geradezu beängstigendem Ausmaß abhängig.
Nie zuvor in seiner Geschichte dürfte Spanien wirtschaftlich und sozial so [west-] 'europäisch'
gewesen sein wie im Übergang zur Demokratie nach dem Ende des autoritären Regimes.“ 82 So positiv wie Bernecker die Situation von 1975 schildert, war sie wohl nicht, jedoch hatte der wirtschaftliche und gesellschaftliche Wandel einen entscheidenden Wandel mitbewirkt:
77 Siehe Kohler: Politischer Umbruch, S. 255: rund 50% arbeitete demnach noch 1950 auf dem Land, 1977
waren es nur noch 20,7%.
78 Vgl. Lindau: España y Europa, S. 110; Bernecker: Isolation, S. 155; Bernecker: Geschichte, S. 107-109.
79 Vgl. Lindau: España y Europa, S. 110.
80 Vgl. Kohler: Politischer Umbruch, S. 260.
81 Vgl. Lindau: España y Europa, S. 111.
82 Bernecker: Isolation, S. 156.
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die Haltung der Traditionalisten war eine andere geworden. Zwar war immer noch eine große Oberschicht vorhanden, aber die Trennung der Klassen innerhalb der Bevölkerung war verwischter und hatte nicht mehr die feudalen Strukturen, wie sie noch 1932 vorzufinden waren. "Die verminderte Bedeutung des Agrarsektors hatte ferner die politische Basis der traditionellen Rechtskräfte verschmälert [...]". 83 Durch die Diskussion über die Zukunft des Regimes nach Franco hatte sich auch ein Elitenpluralismus herausgebildet, der auch eine demokratische Fraktion mit sich trug. 84 Mit dem Tod Francos 1975 war zwar das franquistische System noch nicht am Ende, aber dieses Ereignis sollte der Katalysator der danach folgenden Reformen werden.
4.3. Die Transición - der Vollzug des nationalen Wandels im politischen Bereich
Die Veränderungen, die in dieser letzten Phase der Diktatur stattgefunden hatten, lassen sich besonders an der herausragenden Figur des Monarchen Juan Carlos I aufzeigen. Er stellt in seiner Person den Aufbruch und Vollzug des nationalen Wandels dar. Zum einen stand er durch seine Funktion als König an der Spitze der 'traditionellen Ordnung' und war das Oberhaupt der Armee. Zum anderen sollte er als Nachfolger Francos das Regime weiterführen. Viele Kritiker sowohl aus dem rechten, wie aus dem linken Block erwarteten nicht viel von dem zukünftigen Staatsoberhaupt. Die traditionellen Strömungen dachten, er wäre den Anforderungen nicht gewachsen und die linken Kräfte standen ihm als traditionellem Oberhaupt skeptisch gegenüber, da sie noch der Republik anhingen. Er sollte sie allerdings alle überraschen und zeigen, dass er der treibende Motor des Wandels sein würde.
4.3.1. Der Monarch Juan Carlos I als treibender Motor der Transición
Juan Carlos I war auf Wunsch Francos und seines Vaters, der im Schweizer Exil lebte, in Spanien erzogen worden. Franco nahm die Ausbildung sehr ernst und hatte diese detailliert festgelegt, wie am folgenden Brief an Don Juan, den Vater des Prinzen, zu erkennen ist: "Nichts ist patriotischer, pädagogischer und vorbildhafter als seine Ausbildung als Soldat in
militärischen Zentren [...] Daher erscheint seine zweijährige Teilnahme am Ausbildungs-Programm
der Militärakademie von Zaragoza außerordentlich angemessen. Dort wird er sich zum Mann
entwickeln, er wird im Geist von Befehl und Gehorsam ausgebildet, er wird den Wert von Disziplin
und militärischen Tugenden schätzen lernen, er wird das Band von Kameradschaft und
Kollegialität in einer Gemeinschaft fühlen und erfahren und die Probleme der Ehre empfinden.
Nach Abschluß dieser zweijährigen Ausbildung wird er [...] einen Einführungskurs als Fähnrich in
der Flottenschule und einen weiteren in Luftwaffenakademie durchlaufen [...]. Er wird dann eine
zweijährige Ausbildung an der Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät absolvieren;
83 Kohler: Politischer Umbruch, S. 258.
84 Vgl. Nohlen, Dieter/Hildenbrand, Andreas: Spanien. Wirtschaft-Gesellschaft-Politik, Opladen, 1992, S. 276.
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[...] Diese zwei Universitätsjahre bringen ihn [...] in Kontakt mit der spanischen Intelligenz. [...] Ich
halte es für wichtig, dass das Volk sich daran gewöhnt, den Prinzen beim Caudillo zu sehen [..]." 85 Trotz dieser Erziehung hatte sich der zukünftige König Spaniens mit den europäischen Ideen identifiziert und wollte diese nach Francos Tod umsetzen.
Am 30. Oktober 1975 wurde Juan Carlos zum amtierenden Staatschef ernannt und begann die Transición einzuleiten. Dabei kamen ihm mehrere Faktoren zu Hilfe. Zum einen war durch den Tod Carrero Blancos (Francos rechte Hand) die Stelle des Ministerpräsidenten durch die schwache Figur Carlos Arias Navarro besetzt worden. Zum anderen endete die Amtszeit des Cortes-Präsidenten und Vorsitzenden Alejandro Rodríguez de Valcárcel, den der Prinz durch seinen früheren Lehrer und Vertrauten Torcuato Fernández Miranda ersetzte. Danach zwang er Arias Navarro zum Rücktritt und konnte Adolfo Suárez zum neuen Premier ernennen lassen. Dadurch besaß der König zwei geschickte reformwillige Politiker in wichtigen Positionen, die mit ihm zusammen den Demokratisierungsprozess voranbringen wollten. 86 Nachdem der König sich gegen das franquistische System ausgesprochen hatte, musste er sich zwischen zwei Möglichkeiten entscheiden: Entweder zum Bruch mit dem bisherigen Regime, der von der demokratischen Opposition gefordert wurde oder eine allmähliche Veränderung und Anpassung an die 'europäischen Vorbilder'. Die Originalität der Transición liegt vor allen Dingen in der Instrumentalisierung der vorgegebenen Mechanismen des franquistischen Systems zur Überwindung und Ersetzung desselben. Juan Carlos und die reformwilligen Kräfte des Regimes entschieden sich für den langsamen in der Legalität des Regimes vorgehenden Wandel. 87 Der Erfolg des Wandels gab ihnen Recht. Durch den nicht erfolgenden Bruch, gab es zum einen für das Militär keinen wirklichen Grund zum Eingreifen, auch wenn diese die Vorgehensweise nicht billigten und zum anderen wurde ein Klima des Konsens (Consenso) geschaffen.
Im November 1976 stimmten die Cortes dem 'Gesetz zur politischen Reform' zu, das die Volkssouveränität proklamierte, kompetitive Parlamentswahlen und die Möglichkeit von Verfassungsreformen durch Mehrheitsentscheidung der Cortes vorsah. Im Dezember 1976 stimmte die Bevölkerung mit 95 % dem Referendum zu und gab damit die demokratische Legitimierung zur Transición. Nach den ersten frei gewählten Cortes im Jahr 1977 begann die Ausarbeitung der neuen Verfassung. Der Verfassungsentwurf wurde in einem Referendum
85 Zitiert in Bernecker, Walter L.: Die Rolle von Juan Carlos, in: Bernecker, Walther L./Collado Seidel, Carlos:
Spanien nach Franco. Der Übergang von der Diktatur zu Demokratie, München, 1993, S. 150-170. S. 152-153.
86 Vgl. Bernecker: Rolle Juan Carlos, S. 156-161.
87 Vgl. Bernecker/Collado Seidel: Spanien nach Franco, München, 1993, S. 7-9; Kohler: Politischer Umbruch, S.
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am 06.12.1978 mit einer Mehrheit von 87,8% angenommen. Nach der Unterzeichnung durch den König trat die neue Verfassung am 29.13.1978 in Kraft. 88 "Betrachtet man die Rolle der Krone in den beiden Demokratieversuchen Spaniens im 20.
Jahrhundert, so wird deutlich: In den zwanziger und dreißiger Jahren waren die Zeitgenossen davon
überzeugt, dass die Etablierung einer Demokratie nur durch die Eliminierung der Monarchie
möglich sein würde; dementsprechend war auch der erste Versuch Spaniens, eine Demokratie zu
errichten republikanisch. Eine Generation später geschah genau das Entgegengesetzte: Es war die
Monarchie, die bei der Durchsetzung der Demokratie und ihrer Konsolidierung einen
entscheidenden Beitrag leistete." 89
Der König lieferte entscheidende Faktoren für den erfolgreichen Wandel. Zum einen waren ihm die traditionellen Eliten ergeben, so dass er sie zum Wandel überzeugen konnte. Zum anderen unterstand ihm die Armee, mit der ihn durch seine militärische Laufbahn viel verband und die er deshalb anfangs von einem direkten Eingreifen abhalten konnte. Ebendies half ihm auch in den schweren Stunden am 23. Februar 1981 beim Putschversuch Tejeros. Grundsätzliche Faktoren für den friedlichen Verlauf des Wandels waren einerseits die Mäßigung des Volkes insbesondere die Selbstverpflichtung der politischen Pole (sowohl der Rechten als auch der Linken Position) auf das demokratische Reformprogramm. Andererseits war eine moderne säkularisierte Gesellschaft entstanden, die noch durch die traumatischen Erfahrungen der Gewalt des Bürgerkriegs und der danach folgenden Repressionen geprägt war und eine Wiederholung dieser verhindern wollte. Auch der Druck des europäischen Auslands darf hier nicht unterschätzt werden.
Es gibt unterschiedliche Meinungen zum zeitlichen Abschluss der Transición. Während einige mit der Verabschiedung der Verfassung die Transición als abgeschlossen werten, sehen andere die Stabilisierung der Demokratie in der Überwindung des Tejero-Putsches. Die meisten Politikwissenschaftler werten die Demokratie mit dem friedlich alternierenden Wechsel der Parteien in der Regierung, also 1982, als die PSOE die Wahlen gewann und die Regierungsführung übernahm, als konsolidiert.
4.3.2. Spanien in Europa - Anerkennung des Wandels
1977 stellte das neue demokratische Spanien einen Beitrittsantrag um Mitglied der EG zu werden. Dieser Beitritt war ein politisch erwünschtes Ziel, das im Zusammenhang zum inneren Demokratisierungsprozess zu sehen war. Die innere Erneuerung sollte mit der außenpolitischen Öffnung einhergehen. Da wirtschaftliche Interessen der EG den Eintritt Spaniens verzögerten, wurde schnell deutlich, dass die EG nicht gleichzusetzen war mit dem freiheitlichen Gedankengut Europas. Ebenso war der Eintritt mit dem Verbleib in der NATO
88 Vgl. Barrios, Harald: Grundzüge des politischen Systems Spaniens, in: Bernecker, Walther L./Dirscherl, Klaus
(Hgg): Spanien Heute. Politik-Wirtschaft-Kultur, Frankfurt a.M., 2004 4 , S. 51-78, S. 52f.
89 Bernecker: Rolle Juan Carlos, S. 170.
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verbunden, den die meisten Spanier ablehnten. Die europäischen Mächte und die USA wollten aber aus geostrategischen Gründen den EG-Beitritt nicht vom NATO-Verbleib trennen. Die Sozialisten hatten die Wahlen mit dem Versprechen gewonnen, einem NATO-Verbleib nicht zuzustimmen, mussten dann aber erkennen, dass der Eintritt in die EG untrennbar damit verknüpft war. Durch den übergroßen Wunsch die außenpolitische Isolierung aufzubrechen, beugte sich Spanien letztlich dem Druck und entschied sich 1986 für den Beitritt zur EG und den Verbleib in der NATO. Trotz der Enttäuschung über diese Geschehnisse, ließ sich in Spanien ein grundsätzlich europhiles Klima feststellen, dass auch bei den Wahlen 1989 zum Europaparlament festzustellen war. Die Wahlbeteiligung lag mit 54,6% deutlich über der Frankreichs, Hollands, Dänemarks, Großbritanniens und Portugals. Der EG-Beitritt erfüllte nach Bernecker drei wichtige Funktionen: 1) im ökonomischen Bereich: die schnelle Außerkraftsetzung der traditionellen Funktionsprinzipien der spanischen Wirtschaft durch die Beteiligung an den ökonomischen Institutionen, 2) im politischen Bereich: die Integration Spaniens im Prozess der multilateralen Zusammenarbeit, die Spanien Mitwirkungsrecht an der Zukunft Europas gibt und 3) in der Identität: die Solidarisierung Spaniens mit den europäischen Geschicken.
Der Wandel Spaniens hin zu einer demokratisch-pluralistischen Gesellschaft hatte in der Aufnahme in die EG seine Anerkennung bekommen.
4.3.3. Nach der Konsolidierung der Demokratie - Ausblick
Nachdem die Partido Popular mit Aznar an die Macht kam, änderte sich besonders in der zweiten Legislaturperiode der Konservativen die Ausrichtung der spanischen Außenpolitik. Die Zusammenarbeit mit den USA und Großbritannien rückte in den Vordergrund, während die europäische Diplomatie mit der starren Ablehnung des europäischen Verfassungsvertrages durch Spanien zum Erliegen kam. Wiederum schien sich Spanien von Europa zu isolieren. Doch diesmal erteilte das Volk dieser Politik eine klare Absage, die auch mit der Beteiligung Spaniens am Irakkrieg in Zusammenhang stand. Die Partido Popular leitete seinen eigenen Untergang ein, als nach dem Terroranschlag in Madrid am 11.03.2004 die Medien durch die Regierung manipuliert wurden und man den Terroranschlag der ETA zuwies, obwohl die Ermittlungen schon aufgezeigt hatten, dass die Hintermänner des Anschlags im Umfeld Al-Qaidas zu suchen waren.
Mit 42,6% der Stimmen hielten die Sozialisten mit José Luis Rodríguez Zapatero an der Spitze am 15.03.2007 Einzug in die Regierung. Außenpolitisch kam es zu einer Wiederaufwertung der Beziehungen zu den europäischen Partnern Frankreich und Deutschland. Die Blockadehaltung gegenüber der europäischen Verfassung wurde
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aufgehoben. Es kam zu verschiedenen Reformen, die die Legalisierung der Homosexuellen-Ehe, die Liberalisierung des Scheidungsrechts und die Abschaffung des obligatorischen Religionsunterrichts beinhalteten. Dies führte zu Spannungen zwischen der Kirche und der Regierung. Ebenso wurden Reformen der Autonomiestatute durchgeführt, die auch weiterhin von Bedeutung sein werden. Spanien hat den Zentralismus überwunden, muss aber jetzt gegen einen fordernden Regionalismus der Basken und Katalanen kämpfen, beziehungsweise versuchen, das regionale Nationalitäten-Gefühl in das nationale Gefüge zu integrieren und einzuflechten.
Die Spannungen zwischen diesen Regionen und der Einheit der Nation Spaniens wird auch in Zukunft ein innenpolitisches Problem darstellen. 90 Es kann nur darüber spekuliert werden, wie ein weiterer Wandel in dieser Hinsicht aussehen wird. Der Slogan „ein Europa der Regionen“, der jetzt oftmals die europäische Politik bestimmt hatte, ist hier schon richtungsweisend zu sehend. Allerdings steht durch die neue Problematik der Verfassungsverabschiedung Europas dieser Punkt noch im Hintergrund. Vielleicht ist aber in einem geeinten Europa eine Möglichkeit gegeben, den einzelnen Bestrebungen in friedlicher Hinsicht nachkommen zu können.
5. Schlussbetrachtung
Zusammenfassend wird hier nochmals auf die in Kapitel eins aufgeführte Definition Mayers verwiesen und auf die folgende Ergänzung:
„Nationaler Wandel ist die nationale Erneuerungsfähigkeit (endogener Wandel) und die nationale
Anpassung an äußere Entwicklungen (exogener Wandel). Im endogenen Prozess nationalen
Wandels wird durch nationale Fragen oder durch den Vergleich mit internationalen Entwicklungen
oder vorbildlichen Bezugsgesellschaften eine politische Dynamik stimuliert, die als
Innovationswille mobilisierend wirkt und entsprechende soziale, politische, ökonomische u.a.
Aktivitäten auslöst.“ 91
Grundsätzlich lässt sich festhalten, dass der nationale Wandel Spaniens endogener Art ist, der natürlich von vielen exogenen Impulsen durchzogen wird. Die Europazugehörigkeit ist dabei als entscheidender exogener Faktor zu sehen. Jedoch sind die Veränderungen Ende des 19. Jahrhunderts im Land selbst im wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bereich endogen. Diese versuchen sich in den unterschiedlichen Formen der Herrschaft - sei es in der Diktatur Primo de Riveras, sei es in der II. Republik - zu manifestieren. Sie bewirken eine Mobilisierung sowohl der erneuernden als auch der traditionellen Kräfte. Durch die ausführlich in Kapitel zwei und drei dargestellten Entwicklungen in Spanien ist die Kluft, aber auch die Anhängerschaft, dieser beiden Kräfte viel stärker, als in den meisten
90 Vgl. Bernecker, Walter L: Spanien-Handbuch. Geschichte und Gegenwart, Tübingen, 2006, S. 58-59.
91 Mayer, Prinzip Nation, S. 213.
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anderen europäischen Ländern der damaligen Zeit, so dass es zum Bürgerkrieg kommt. Der Bürgerkrieg endet mit dem Sieg Francos, aber es bleibt fraglich, ob dieser Sieg, ohne die massive externe Unterstützung Italiens und Deutschlands möglich gewesen wäre. Trotzdem lässt sich nach dem Bürgerkrieg ein Wandel feststellen, der aber nicht aus einer Dynamik resultiert, sondern aus der Erschöpfung und dem Überlebenstrieb der Nation. Das heißt, der vorherige endogene nationale Wandel kam zum Erliegen, da seine motivierenden Kräfte ausgebrannt waren. Für die Zeit nach dem Bürgerkrieg lässt sich erstens ein Herrschaftswandel feststellen, der in dieser Form in der spanischen Geschichte ein Novum darstellte, und zweitens ein Wandel der soziodemographischen und gesellschaftlichen Verhältnisse, insofern, dass der Bürgerkrieg ein ausgeblutetes Land zurückgelassen hatten. Ob hier von einem nationalen Wandel gesprochen werden kann, bleibt damit problematisch, weil der Wandel im politischen und soziodemographisch-gesellschaftlichen Bereich sich nur durch eine Zeitgleichheit auszeichnet. Deutlich wird dies im Vergleich zu Deutschland. Betrachtet man die beiden Diktaturen (auch Francos Diktatur war anfänglich faschistisch ausgerichtet), so zeigt sich, dass der Großteil der Nation in Deutschland den Wandel zu einem faschistischen Regime gewollt hatte, während in Spanien erst durch den Krieg Franco an die Macht kommen konnte.
So ist in Spanien zwar ein Wandel vollzogen worden, allerdings zeigt sich durch die später folgende Transición, dass dieser Wandel sich nicht vollständig konsolidiert hatte. Dabei ist natürlich zu beachten, dass die Bezugsgesellschaften des Franco Regimes, nämlich der deutsche und italienische Faschismus, wegfielen.
Die neuen Bezugsgesellschaften waren die demokratisch-pluralistischen Gesellschaften, die durch ihre wirtschaftliche Kraft immer mehr Ansehen gewannen. Das franquistische Regime konnte sich dem nicht entziehen und versuchte der wirtschaftlichen Modernisierung nachzukommen. Der nationale Wandel trat erneut hervor, motiviert durch den erst wirtschaftlichen, dann gesellschaftlichen Wandel und wirkte schließlich mobilisierend für den politischen Wandel.
Problematisch bleibt bei dieser bisherigen Untersuchung, ob man von einem einzigen nationalen Wandel sprechen sollte oder von zweien. Die Autorin dieser Arbeit ist der Meinung, dass der politischen Mobilisierung sowohl am Ende des 19. Jahrhunderts als auch 1975 eine Modernisierung entscheidend voranging, die zum Wandel beitrug. Deswegen wurde hier von einem einzigen nationalen Wandel ausgegangen, der von Franco unterbrochen wurde, aber unter ihm wieder hervorbrach. In dieser Arbeit wird pauschal das Moment der Modernisierung als das entscheidende historische Ereignis des 20. Jahrhunderts angesehen,
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ähnlich wie die Reformation für das 16. Jahrhundert und die französische Revolution für das 18./19. Jahrhundert.
Die demokratisch-pluralistische Gesellschaft hat sich in Spanien konsolidiert. Der dazugehörige nationale Wandel scheint damit seinen Abschluss gefunden zu haben. Zur Zeit liegt die Problematik Spaniens in der Frage, wie sie den regionalen Unabhängigkeitsbestrebungen der Katalanen und Basken entgegentreten soll. Das 21. Jahrhundert scheint gekennzeichnet zu sein, durch die Problematik des Terrorismus von dem auch Spanien einerseits durch den Anschlag in Madrid, andererseits durch die ETA besonders betroffen wurde und ist. Die neueren Entwicklungen bleiben dabei abzuwarten.
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