1 Einleitung 1
2 Macht und Sexualität 1
2.1 Wissen 1
2.2 Macht 2
2.3 Sexualität 3
3 Sexualität und Produktion 5
3.1 Die Repressionshypothese 5
3.2 Es gab nie wirklich Sexualität 5
3.3 Die Ordnung der Simulakren 7
4 Produktion und Verführung 9
4.1 Wahrheit und Sexualität wurden produziert 9
4.2 Sexualität wird vorgeführt 10
4.3 Die Alternative der Verführung 10
5 Verführung und Macht 12
5.1 Verführung ist stärker als Macht 12
5.2 Die Frage nach dem Widerstand 14
5.3 Das Ende der Macht 16
6 Schlussbemerkung 18
7 Literatur 21
1 Einleitung
Als 1977 das kaum mehr als fünfzig Seiten umfassende Buch Oublier Foucault erscheint, wischt Foucault es mit einer souveränen Geste beiseite: „Mein Problem wäre es wohl eher, mich Baudrillards zu erinnern.“ 1 Er steht zu diesem Zeitpunkt auf dem Höhepunkt seiner Kar- riere, und der Gedanke liegt nahe, dass Baudrillard lediglich darauf aus ist, vom Verkaufser- folg des ein Jahr zuvor erschienen Foucault-Buches Der Wille zum Wissen zu profitieren. Baudrillards offensichtliche Kritik ist aber mehr als die Fahrt auf dem Trittbrett eines berühm- ten Denkers. In ihrer provokanten Art repräsentiert sie zum einen den Beginn einer intellektu- ellen Krise Foucaults. Keines der fünf geplanten Folgebände von Der Wille zum Wissen wird je erscheinen. Zum andern ist sie eine scharfsinnige Auseinandersetzung mit dessen neuarti- gem Machtmodell. Baudrillard weist an entscheidenden Stellen auf Schwächen der so akribi- schen Analytik Foucaults hin und setzt ihr – zumindest in Ansätzen – eine alternative Kon- zeption von Macht und Sexualität entgegen.
Es wird in dieser Arbeit versucht, zunächst in groben Zügen in Foucaults Machtanalyse einzuleiten. Daraufhin soll Baudrillards Kritik nachgezeichnet werden, was es nötig macht, in ebenso groben Zügen in Teile seines Denkens einzuführen. Dies wird in einem ständigen Hin und Her zwischen Kritik und Gegenentwurf geschehen, was insofern zu rechtfertigen wäre, als es Baudrillards eigenem Vorgehen entspricht. Insbesondere wird in seine vom Trugbild dominierte Zeichentheorie eingeführt, um verständlich zu machen, wieso seine Kritik stets auf einen ontologischen Zweifel hinausläuft. Zudem wird auf die Gegenkonzeption, die er unter den Begriffen der Verführung und der Herausforderung zusammenfasst, eingegangen werden. Am Ende sollen sich zwei theoretische Modelle gegenüberstehen, deren Stärken und Schwä- chen schon im Verlauf der Arbeit gegeneinander abgewogen worden sind und die abschlie- ßend noch einmal auf ihre Plausibilität und Konvergenz hin geprüft werden.
2 Macht und Sexualität
Vielleicht kann man die Frage, ob sich Foucaults Forschung kontinuierlich oder „seis- misch“ 2 entwickelt hat, so beantworten: So wie es nach einem Erdbeben noch Anknüpfpunkte
1 Eribon 1991: 394.
2 Deleuze 1991: 153. Vgl. dazu auch Kneer 1998: 240 u. Jäger 1994: 170.
1
an die Zeit vor der Erschütterung gibt, so gibt es in Foucaults Werk bei allen Brüchen durch- aus Kontinuität. Sein ungebremstes Interesse an der Macht ist mehr als ein Indiz dafür. Sie rückt in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts ins Zentrum seiner Forschung. Dabei löst sie sich aus der Partnerschaft mit dem Wissen, in die sie in den Arbeiten zuvor eingebunden war. In der Archäologie des Wissens (1969) fragt Foucault noch nach den Möglichkeitsbedin- gungen und Wirkungsmöglichkeiten des Wissens. Er versteht unter Wissen das breite Spekt- rum an Aussagen vom alltäglichen Satz über poetische Formulierung bis hin zur wissen- schaftlichen Proposition. Wissen und Macht sind insofern ineinander verschränkt, als Wissen einerseits machtvolle Wirkung in der Gesellschaft hat, andererseits aber auf Macht, die über Ein- und Ausschließung konstituiert wird, beruht. Zu diesem Zeitpunkt ist Foucaults Ver- ständnis von Macht noch „traditionell“. 3 Sie ist im wesentlichen ein untersagender Mecha- nismus in Form von Gesetzen. Das soll sich in Überwachen und Strafen (1975) ändern. Dort wird die gegenseitige Abhängigkeit von Wissen und Macht zunehmend aus dem Blickwinkel der Macht betrachtet. Das traditionelle Bild einer souveränen Staatsmacht tritt in den Hinter- grund und wird von einer neuen Machtform überlagert.
2.2 Macht
Anders als der Untertitel es vermuten lässt, beschreibt Überwachen und Strafen nicht nur die „Geburt des Gefängnisses“, sondern auch dessen Entwicklung hin zur privilegierten Form der Bestrafung. Das Gefängnis steht in paradigmatischer Weise für die modernen Disziplinar- technologien, innerhalb derer eine neue Macht zum Ausdruck kommt. Foucault nennt sie „Disziplinarmacht.“ 4 Im Kontext verschiedener Disziplinen (Familie, Schule, Fabrik, Kaser- ne, Gefängnis) etabliert Macht Disziplin in Form von Gewohnheiten (Normen) und Typisie- rungen. 5 Die Mehrdeutigkeit des Terminus’ „Disziplin“ verweist auf ein wichtiges Merkmal dieser Macht. Sie wirkt und entfaltet sich in Form von vielfältigen Singularitäten. Zersprengt in viele Mikropartikel durchdringt sie die Apparate und Institutionen der modernen Gesell- schaft. Ihr Adressat ist der Körper des modernen Individuums. Er wird von einem ausgeklü- gelten System aus Überwachung und Dressur vereinnahmt.
Die direkte Formung von außen erzeugt zusätzlich ein spezifisches Selbstverhältnis des Menschen. Durch Selbstprüfung und Selbstzwang wird auch der indirekte Zugriff auf den Körper möglich. Die Macht schafft sich mit der „Seele“ des modernen Menschen ein Instru- ment auch der internen Kontrolle. Macht definiert sich daher durch umfassende Produktivität,
3 Vgl. Foucault 1978: 104.
4 Foucault 1976b: 241.
5 Daher auch die Rede von der „Normalisierungsmacht“; Foucault 1976b: 397.
2
die nicht nur die Seele bzw. das Individuum, sondern Wirkliches und Wahres allgemein her- vorbringt. Wissen und Realität sind „Ergebnisse dieser Produktion.“ 6
2.3 Sexualität
Neben der partikularen Wirkungsweise ist der relationale Charakter der Macht von Be- deutung. Foucault versteht Macht als Kräfteverhältnis. Die Singularitäten, die wirkmächtig die Gesellschaft durchziehen, sind Kräfte. Sie treten aber nie singulär auf sondern immer in Beziehung zu anderen Kräften. Kraft steht dabei selbst in Relation zu Macht. Ein Kräftever- hältnis ist insofern mit einem „Machtverhältnis“ 7 zu vergleichen, als Macht die Relation der Kräfte bezeichnet, nicht aber die Kräfte selbst.
In dem physikalistischen Modell der Macht ist auch der Widerstand implementiert. Er ist formal von der Macht nicht zu unterscheiden. Beide sind „koextensiv“. 8 Widerstand ist zwar das, was sich gegen die Macht richtet, das notwendige Gegenüber einer jeden Machtbezie- hung. Der Widerstand hat dabei aber alle Merkmale, die schon der Macht eignen. Er kann daher jederzeit selbst zu Macht werden. Die gemeinsame kategoriale Ebene schafft eine Aus- gewogenheit zwischen diesen beiden Polen, durch die der Widerstand zu einem permanenten Potential wird.
Machtverhältnisse gibt es auf allen Ebenen des sozialen Spektrums, zwischen Individuen oder Gruppen oder jeweils in Relation zur gesamten Gesellschaft. Die Macht selbst bleibt dabei im Verborgenen. Sie operiert dezentral, gleichwohl aber intentional. Strategien und Taktiken lassen sich zwar beobachten, aber keinem Verantwortlichen zuschreiben. Im diffu- sen Gemisch der Kräfte bilden sich stets lokale und instabile Machtzustände. Es kommt aber auch zur Kristallisation von „großen, anonymen Strategien“ 9 . Für solcherlei heterogene Ge- bilde aus Diskursen, Institutionen, Gesetzen oder Architekturen reserviert Foucault den Aus- druck „Dispositiv“.
Das zentrale Dispositiv in Der Wille zum Wissen ist die Sexualität. Sie ist das entschei- dende Moment in dem auf das Leben ausgerichteten Machthaushalt der Moderne. Mit der Erfindung der Seele wurde der Körper geöffnet und der internen Kontrolle ausgesetzt. Ein weiterer Eingriff zielt nun auf die Implantation der Sexualität. Eltern, Pädagogen, Pfarrer und Psychiater führen diese Operation gleichsam unter Regie des Dispositivs durch. Mit Techni-
6 Foucault 1976b: 250.
7 Foucault 1977: 117.
8 Foucault 1978: 195.
9 Foucault 1977: 116.
3
ken der Befragung, der Untersuchung und der Statistik provozieren sie einen umfassenden Diskurs: die Wahrheit des Sexes.
Ging es der Macht in Überwachen und Strafen noch um den individuellen Körper, so wendet sie sich in Der Wille zum Wissen dem „Gattungskörper“ 10 zu. Die Körperkontrolle erreicht eine neue Dimension, wenn sie im 18. Jahrhundert vom Individuum auf die Gesell- schaft als Ganzes übergeht. Die Macht wird ein weiteres Mal produktiv, indem sie sich mit der Sexualität ein weiteres Instrument schafft. Die Sexualität nutzt die Infrastruktur der Dis- ziplinarmacht, um eine neue Form der Regulierung zu ermöglichen. Fortpflanzung, Gesund- heit, Lebensdauer und andere demoskopische Daten werden zum Gegenstand der regulieren- den Kontrolle der ganzen Bevölkerung. „Der Sex eröffnet den Zugang sowohl zum Leben des Körpers wie zum Leben der Gattung.“ 11
Mit jedem Modellwechsel ändert sich auch die Funktion der Macht. Das Modell der Sou- veränität legt einem absoluten Herrscher die Verwaltung des Todes in die Hände. Er hat das Recht sterben zu lassen. Die souveräne Macht wird ab dem 18. Jahrhundert von neuen Machtverfahren unterspült, die mit Normalisierung und Kontrolle statt mit Gesetz und Strafe arbeiteten. Es bricht die Zeit der Disziplinarmacht an, in der sich die Macht vom Töten ab- und dem Leben zuwendet. Mit der Entdeckung der Sexualität wird es schließlich möglich, die beiden Pole moderner Machtpraktiken zu verbinden. Mit dem Zusammenschluss von Körper- disziplinierung und Bevölkerungskontrolle entsteht eine Machtform, die vollständig am Le- ben und seiner Maximierung orientiert ist: die moderne „Bio-Macht“. 12 Sie ist das Ergebnis der umfassenden Macht-Forschung Foucaults. Am Ende der kontinuierlichen Arbeit steht das „Regime von Macht – Wissen – Lust“ 13 als ein ineinander verwobener Strang von Untersu- chungsgegenständen.
10 Foucault 1977: 166.
11 Foucault 1977: 174.
12 Foucault 1977: 167.
13 Foucault 1977: 21.
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Axel Schubert, 2003, Das Ende der Macht, Munich, GRIN Publishing GmbH
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