Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
4
2. Estuary English
6
2.1 Was ist Estuary English 6
2.2 Definitionsversuche von Estuary English 8
2.3 Das Kontinuum und damit verbundene Probleme 9
3. Linguistische Variablen
11
3.1 Die Referenzakzente RP und Cockney 11
3.1.1 RP 11
3.1.2 Cockney 12
3.2 Konsonantische Features von Estuary English 13
3.2.1 T-Glottaling 13
3.2.2 L-Vokalisierung 15
3.2.3 Yod-Coalescence und Yod-Dropping 16
3.2.4 Weitere Auffälligkeiten bei Konsonanten in Estuary
English 18
3.3 Vokalische Features von Estuary English 21
3.3.1 Happy-Tensing 21
3.3.2 Längung von - Abschwächung von u 22
3.3.3 TRAP-Vokal 22
3.3.4 Vokal-Fronting Phänomene 23
4. Die Soziolinguistik von Estuary English
26
4.1 Geografische und soziale Ausbreitung 26
4.2 Faktoren der geografischen und sozialen Ausbreitung 28
4.2.1 Der Faktor Mobilität 28
4.2.2 Comprehensive Schools 29
4.2.3 Die Medien 30
4.3 Akkommodation von Sprechern Akzentkonvergenz 31
4.4 Levelling 33
2
5. Studie: Beeinflusst Estuary English Cockney
34
5.1 Ziel der Studie 34
5.2 Material 35
5.3 Methode 36
5.4 Probleme 36
5.5 Ergebnisse 36
5.6 Schlussfolgerung 40
6. Abschließendes Weiterer Ausblick
41
Bibliographie
44
3
1. Einführung
In England scheint es zur Tradition zu gehören, immer wieder die eigene Sprache genauer unter die Lupe zu nehmen, Änderungen zu analysieren und sie in der Regel dann als fürchterliche Entwicklung abzutun die es zu vernichten gilt. Dabei agieren die Medien gerne als selbsternanntes Sprachrohr der Menschen, lässt sich doch bei diesem Thema das Interesse einer breiten Masse erwecken. Denn jeder ist ja schließlich Sprecher und hat seine eigene Meinung zum Thema. Gerne wird dabei die Ansicht vertreten, dass Sprachentwicklung gleichzusetzen ist mit dem Verfall der Sprache. Diese complaint tradition lässt sich zurückverfolgen bis ins
13. Jahrhundert. Die Sprache des Volkes war damals Anglo Norman English, das
sich aus Norman French herausbildete. Die upper classes in England sprachen zu der Zeit Französisch und ächteten die Sprache des Volkes als unkultiviert und unterlegen (Fischer 2003:54). Im 15. Jahrhundert beschwerte sich der Buchdrucker William Caxton über die Uneinheitlichkeit der englischen Sprache und trieb die Idee einer Standardisierung voran (Milroy & Milroy 1985:32f). Immer wieder kam es in der Geschichte dabei zu Konflikten zwischen präskriptivistischen Sprachpuristen und Deskriptivisten. Während einerseits das Bemühen „gute“ Sprache zu kultivieren und den Standard als einzig richtige Art der Ausdrucksweise anzusehen stand, gab es andererseits immer wieder gegenläufige Sprachentwicklungen, die sich an alles andere als den Standard hielten. Besonders die Artikulation betreffend kann eine solche Entwicklung auch heutzutage im Südosten Englands festgestellt werden; zum Leidwesen der Sprachpuristen. Die Vermengung von lokalen südostenglischen Merkmalen mit denen des Standards wurde 1984 von David Rosewarne Estuary English getauft. Schon bald erfreute sich diese „neue“ Varietät größter Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit; über England schwappte geradezu eine Welle von Berichten und Zeitungsartikeln, die alle versuchten, das Phänomen zu beschreiben, allerdings häufig in reißerischer Form. Schnell kam es hierbei zu einer Fortsetzung der complaint tradition und zu einer Furcht vor dem Verfall der englischen Sprache.
The spread of Estuary English can only be described as horrifying. We are plagued with idiots on radio and television who speak English like the dregs of humanity, to the detriment of our children. (Leserbrief aus Hilgers 2000:1)
4
It is slobspeak, limp and flaccid. The mouths uttering it deserve to be stuffed with broken glass. (Zeitungsartikel aus Maidment 1994)
Mit Estuary English selbst haben sich lange Zeit nur wenige Linguisten beschäftigt. Das Phänomen blieb in den Händen der Journalisten, die nach wie vor zu Übertreibungen neigten und Estuary English immer mehr prestigelose Merkmale des Englischen zuschrieben. Möglicherweise wurde erst dadurch das Interesse vieler Sprachwissenschaftler geweckt, die sich nun in einer wesentlich nüchterneren und theoretischen Herangehensweise Estuary English widmeten – auch um vieles klarzustellen, was durch die Medien ein verzerrtes Bild erzeugt hatte. Seitdem in den letzten Jahrzehnten Estuary English durch Linguisten zu einem greifbareren Konstrukt geformt wurde, konnte, zumindest in der akademischen Welt, revidiert werden, dass es sich bei dem auftretenden Phänomen um eine neue, innovative Entwicklung handelt, die womöglich die Standardsprache RP ersetzen wird. Vielmehr wurde begründet, dass es sich um einen schon länger andauernden Trend der Sprachentwicklung Südostenglands handelt und welche soziolinguistischen Faktoren die Ausbreitung von Merkmalen begünstigen.
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich zunächst mit dem Aufkeimen des ersten Bewusstseins laufender Änderungen, sowie mit den Kontroversen die infolgedessen auftraten (Kapitel 2). Erkenntnisse, die nach und nach bezüglich Phonologie und Phonetik gefunden wurden, werden aufgeteilt in konsonantische und vokalische Variablen dargelegt (Kapitel 3). Im Anschluss daran wird in Kapitel 4 auf soziolinguistische Aspekte eingegangen, die zu einer Ausbreitung der Features führten. Hierbei werden sowohl geografische als auch soziale Ausbreitung behandelt, sowie das Resultat dessen: Akkommodation der Sprecher und levelling. In einer Studie soll zudem die Rolle von Estuary English als Einfluss auf Cockney untersucht werden (Kapitel 5). Schließlich soll erläutert werden, wie das Konstrukt Estuary English am Ehesten zu verstehen ist und ob eine weitere Ausbreitung für vorstellbar gehalten werden kann.
5
2. Estuary English
2.1 Was ist Estuary English?
Der Begriff Estuary English wurde zum ersten Mal 1984 von David Rosewarne in einem Artikel des Times Educational Supplement verwendet. Rosewarne beschreibt dort eine Sprachentwicklung in England, bei der Formen von ‚London speech’ und General RP vermischt werden. Diese sich neu herausbildende Varietät würde in der nahen Zukunft den größten Einfluss auf die RP haben und ließe sich anhand eines Kontinuums veranschaulichen.
Estuary English is a variety of modified regional speech. It is a mixture of non- regional and local south-eastern English pronunciation and intonation. If one imagines a continuum with RP and London speech at either end, “Estuary English” speakers are to be found grouped in the middle ground. (Rosewarne 1984)
Somit käme es zu einer Vermengung von regionalen Akzenten und der überregionalen Aussprache der RP. Estuary English kann nach Rosewarne in verschiedenen Abstufungen vorkommen. So kann es Sprecher geben, deren Estuary English durch ihren regionalen Akzent stärker eingefärbt ist, aber auch Sprecher, deren Estuary English stark beeinflusst bis kaum unterscheidbar von RP ist. Undefiniert bleibt, was Rosewarne unter den Begriffen RP und ‚London Speech’ versteht. Wells (1994) merkt an, dass er unter London Speech Cockney oder ‚popular London’ versteht; den Dialekt, der hauptsächlich unter Londons working-class verbreitet ist.
Der Terminus Estuary English an sich geht nach Rosewarne (1984) auf die Themse-Mündung zurück:
The heartland of this variety lies by the banks of the Thames and its estuary, but it seems to be the most influential accent in the south-east of England.
Der Begriff an sich hat in der linguistischen Fachwelt immer wieder zu Konflikten geführt. So sei er nach Maidment (1994) eine unglückliche Bezeichnung, da Estuary English, sofern es überhaupt existiere, nicht nur in der Nähe der Themse- Mündung gesprochen werde und es keine Hinweise dafür gebe, dass die Varietät dort überhaupt entstanden sei. Battarbee (1996) spricht in Ryfa (2003:9) von
6
[…]regional arrogance of the SouthEast within the UK: it takes for granted that 'Estuary' means the Thames Estuary. There are many estuaries in Great Britain, and several of the emerging regional mega-accents are estuarially based.
Relativ einig ist man sich jedoch darüber, dass sich das Einzugsgebiet von Estuary English zumindest entlang der Themse und den an London angrenzenden Home Counties 1 erstreckt.
Bemerkenswert ist, dass bereits vor David Rosewarnes Aufsatz Entwicklungen festgestellt werden konnten, bei denen es zu einer Vermischung von typischen London-Features und RP kam. So beschreibt George Orwell bereits 1939:
In the Thames Valley the country accents were going out. Except for the farm lads, nearly everyone who was born later than 1890 talked Cockney. (Parsons 1998: i)
Auch merkt Haenni (1999:4) an, dass der Dialektologe Wakelin schon 1972 von „dialect-contact phenomena“ und daraus folgenden Veränderungen sprach, wobei dabei eher von einem Einfluss der Standardsprache auf die Dialekte ausgegangen wurde und somit typische Merkmale von Akzenten im südenglischen Raum zugunsten von standardsprachlichen Merkmalen verloren gingen. Bei Estuary English hingegen wird häufig davon ausgegangen, dass sich die lokalen Dialekte den Weg zum Standard bahnen und (stigmatisierte) Merkmale an Akzeptanz gewinnen. So prognostiziert Wells 1982:
By the end of the century everyone growing up in Britain may have some degree of local accent. Or, instead, some new non-localisable but more democratic standard may have arisen from the ashes of RP: if so, it seems likely to be based on popular London English. (aus Haenni 1999: 5)
Jedenfalls scheinen Beobachtungen von Wechselwirkungen zwischen lokalen Akzenten und Standardsprache in Südostengland nicht mehr ganz so neu zu sein wie sie oft dargestellt werden. Besonders Trudgill (2001) weist die Genese einer neuen Varietät, die sich in den letzten Jahrzehnten entwickelt haben soll, entschieden zurück.
[EE] is an inaccurate term which, however, has become widely accepted. It is inaccurate because it suggests that we are talking about a new variety, which we are 1 Also weite Teile von Essex, Kent, Surrey, Berkshire, Buckinghamshire, Hertfordshire und Middlesex. Nach Rosewarne (1994) in Hilgers (2000:44) habe sich Estuary English sogar „[…]stark in Richtung Norden bis nach Norwich und nach Westen bis nach Cornwall ausgedehnt[…]“
7
not; and because it suggests that it is a variety of English confined to the banks of the Thames Estuary, which it is not.
Der Begriff „Estuary English“ wurde trotz allem (meist verspätetem) Widerspruch anerkannt und dem Phänomen dadurch einen Namen gegeben. Besonders die Aufmerksamkeit, die diese angeblich neue Entwicklung Mitte der 1990iger in den Medien zu Teil wurde, ließ es kaum mehr zu, den Begriff anders zu formulieren. In der akademischen Welt wurde er darum auch, wenn auch oft zähneknirschend, adoptiert.
Nevertheless, it has to be acknowledged that the term 'Estuary English' has already achieved some degree of public recognition. As with the equally unsatisfactory term 'Received Pronunciation', we are forced to go along (Wells 1994).
Estuary English treffend zu definieren, scheint aber nach wie vor problematisch zu sein.
2.2 Definitionsversuche von Estuary English
Die Definition von David Rosewarne wurde bereits in 2.1 genannt. Sie wurde oft als unpräzise dargestellt, da Rosewarne seine Definitionen von RP und London Speech außen vor lässt, ebenso was genau er unter „mixture of non-regional and local south-eastern English pronunciation and intonation“ versteht. Crystal (2003:327) schließt sich Rosewarnes Beschreibung des Kontinuums an, allerdings geht er bei Estuary English von einem Dialekt und nicht von einem Akzent aus. Trudgill (2001) versteht unter dem Begriff einen “lower middle class accent” der Home Counties, die London umgeben. Wells (2004) spricht von „Standard English spoken with a non-RP, London influenced accent”, Przedlacka (2001:36) von “Speech of London and the Southeast”.
Einig ist man sich letztlich allerdings nur darüber, dass Estuary English in Teilen Südenglands verbreitet ist und Merkmale, die typisch für ‚popular London Speech’ sind, beinhaltet. Auf eine universell gültige Definition konnte man sich bisher nicht einigen. Auch bietet Rosewarnes Darstellung eines starren Kontinuums mit RP und Cockney als Extrempunkte und Estuary English in der mittleren Peripherie nachvollziehbare Angriffspunkte, was Raum für andere Interpretationen lässt.
8
2.3 Das Kontinuum und damit verbundene Probleme
Auch wenn Rosewarne nie explizit ein Schema seiner Kontinuumstheorie darstellt, lässt es sich etwa wie in (1) darstellen 2 .
(1) [ RP ] [ EE ] [Cockney]
Das Schema mag eine Interpretation dahingehend erlauben, dass Estuary English verschieden eingefärbt sein kann. So kann es beispielsweise Sprecher geben, die am rechten Teil des Estuary English Spektrums angesiedelt sind und sich demnach nicht allzu sehr von einem Cockneysprecher unterscheiden. Trotzdem bleibt das Kontinuum starr in dem Sinne, als dass man nicht mit absoluter Gewissheit bestimmen kann, wann ein Sprecher noch Cockney spricht und an welchem Punkt er als Sprecher des Estuary English einzustufen ist. Dies wird von Altendorf (1999) in einer Studie darüber, welche phonetischen Merkmale von Estuary English bzw. Cockney als so genannte boundary markers herangezogen werden können, untermauert. Zwar kann man potentielle boundary markers nachweisen, jedoch gilt dies nicht für alle Features. Vielmehr gibt es fließende Übergänge oder Features, die sowohl im Cockney als auch in Estuary English gebräuchlich sind, jedoch nicht in RP.
Maidment erscheint ein Kontinuum mit solch unflexiblen Grenzen zu naiv; es müsse genauso stilistische Variation und sprachliches Register berücksichtigen (1994:6). Er schlägt daher ein Modell vor, das formellen und informellen Sprachgebrauch beinhaltet:
(2) [I <---Cockney--->F] [I <---RP--->F] [I <---EE--->F]
Jeder Sprecher eines Akzentes bewegt sich demnach auf einem Kontinuum von informell (I) zu formell (F) und Überschneidungen können dargestellt werden. Die Sprecher passen sich also an die gegebene Situation an. Maidment nennt als Beispiel H-Dropping, ein stark stigmatisiertes Merkmal, das typisch für Cockney ist 3 . In formellen Situationen neigt ein Cockneysprecher eher dazu, H-Dropping zu 2 So geschehen auch in Maidment (1994) 3 Der Wegfall wortinitialer /h/s ist allerdings auch in anderen Gebieten Englands, hauptsächlich ländlichen, verbreitet. Verwendung von H-Dropping wird oft mit „uneducatedness“ gleich gesetzt, was bei den Akzentsprechern, die dieses Merkmal aufweisen, oft zu hypercorrection führt (vgl. 3.2.4).
9
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B.A. David Spitzl, 2008, Estuary English - Phonetik, Soziolinguistik und Einfluss auf Cockney, Munich, GRIN Publishing GmbH
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