1
Vorwort
In dieser Arbeit soll einerseits ein bestimmtes Krankheitsmodell, welches unter dem Namen „Burnout“ seit den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts vor allem in hoch entwickelten westlichen Ländern eine zunehmend dynamische Verbreitung erlebt, in ausreichend differenzierter Weise vorgestellt werden. Andererseits soll ein Einblick in ein bestimmtes, im Hinblick auf Vermeidung bzw. Heilung von „Burnout“ Erfolg versprechendes Energiegenerierungs- und -pflegesystem aus dem Bereich der Traditionellen Chinesischen Medizin gegeben werden, nämlich in „Qi Gong“, im vorliegenden Fall in jene Variante, welche von den Mönchen des Shaolin-Klosters in China tradiert und als „Shaolin-Qi Gong“ bekannt wurde.
Für die Idee, dass unter Umständen mittels Shaolin-Qi Gong gegen Burnout vorgebeugt oder es sogar therapiert werden kann, danke ich dem Leiter der Diplomausbildung zum/zur Shaolin-Qi Gong-Lehrer/-in und Vorstandsvorsitzenden von Shaolin Österreich, DI Robert Egger. Ob und wie jemand mit Shaolin-Qi Gong Kraft und Energie tanken kann, um dadurch für die Belastungen des ganz gewöhnlichen Lebensalltags so gewappnet zu sein, dass es nicht zum Ausbrennen der Arbeits-, Liebes- und Lebenslust kommt, und ob und wie sich jemand, der sich schon im abwärts gerichteten Sog des Ausbrennens befindet, aus diesem mittels Shaolin-Qi Gong befreien kann, schien mir eine durchaus sehr reizvolle Thematik zu sein.
Danken möchte ich auch allen meinen Kolleginnen und Kollegen vom ersten Ausbildungskurs zum/zur Shaolin-Qi Gong-Lehrer/-in in Wien, der im Jahr 2006 in der Vitalakademie stattfand, für die anregenden und bereichernden Kontakte.
Besonders möchte ich mich aber auch bei meiner lieben Frau bedanken, die einerseits die vorliegende Arbeit mit kritischem Blick durchsah und mir viele Verbesserungshinweise lieferte und andererseits viel Verständnis für ein vorübergehend doch ein wenig eingeschränktes Privatleben hatte.
Widmen möchte ich die Arbeit all jenen Menschen, die in Würde altern und nicht ausbrennen wollen, auf dass die Glut ihrer Lebensbegeisterung erhalten bleibe: „KEEP BURNING!“
Hadersdorf am Kamp, im November 2007 Dr. Johann Urach
Inhaltsverzeichnis 2
Inhaltsverzeichnis
Vorwort 1
Inhaltsverzeichnis 2
Einleitung 6
1. Was ist „Burnout“? 10
1.1 Zur Logik der Burnoutforschung - Entdeckung und Begründung 10
1.1.1 Trennung zwischen Entdeckungs- und Begründungszusammenhang 10
1.1.2 Kritik an der Auffassung von strikter Trennung zwischen Entdeckungs- und
Begr ündungszusammenhang 11
1.1.3 Entdeckung und Begründung 11
1.1.4 Produktperspektive - Prozedurperspektive - Prozessperspektive 12
1.2 Probleme beim Definieren und Abgrenzen 13
1.2.1 Der Begriff „Burnout“ ist vieldeutig und vage 13
1.2.2 Zur alltagssprachlichen und bildhaften Bedeutung des Wortes „Burnout“ 13
1.2.2.1 Burnout als „Durchbrennen“ und als „Ausbrennen“ 14
1.2.2.2 „Ausbrennen“ meint kein völliges „Verbrennen“ 15
1.2.3 „Feuer“ als „Energie“, aber im rechten Maß - nicht zu wenig und nicht zu viel 15
1.2.4 „Flammende“ Begeisterung als Voraussetzung für Burnout? 16
1.2.5 Produktdefinitionen - Prozessdefinitionen - Prozedurdefinitionen 17
1.2.5.1 Beispiele für Produkt- oder Zustandsdefinitionen 18
1.2.5.2 Beispiele für Prozessdefinitionen 20
1.2.5.3 Schwachpunkte der Produkt- oder Zustandsdefinitionen 20
1.2.5.4 Beispiele für Prozedur- oder Messverfahrensdefinitionen 21
1.2.6 Versuch einer umfassenden Arbeitsdefinition 23
Inhaltsverzeichnis 3
1.3 Verbreitung und Erkennen
(Symptomatologie, Zustands- und Verlaufsdiagnostik) 25
1.3.1 Bei welchen Personen wurde das Burnout-Syndrom bereits festgestellt? 25
1.3.2 Was ist es nun, was als „Burnout“ die Menschen in den diversen
Lebensbereichen quält? (Zustandsdiagnostik) 27
1.3.2.1 Burnout-Symptomatik nach Burisch 28
1.3.2.2 Interpretation von Burnout-Symptomen 31
1.3.3 Wie verläuft die Abwärtsspirale des Burnouts? (Verlaufsdiagnostik) 32
1.3.3.1 Burnout-Verlauf nach Schröder 32
1.3.3.2 Burnout-Verlauf nach Goiser 34
1.4 Erklärungsmodelle (Ätiologie) 36
1.4.1 Persönlichkeitszentrierte Erklärungsansätze 37
1.4.1.1 Erklärungsansatz nach Edelwich Brodsky 37
1.4.1.2 Erklärungsansatz nach Freudenberger 39
1.4.2 Sozial-, arbeits- und organisationspsychologische Erklärungsansätze 40
1.4.2.1 Erklärungsansatz nach Maslach Jackson 40
1.4.2.2 Erklärungsansatz nach Pines, Aronson Kafry 42
1.4.3 Integrative Erklärungsansätze 45
1.4.3.1 Erklärungsansatz nach Cherniss 45
1.4.3.2 Erklärungsansatz nach Burisch 47
1.5 Instrumente zum Erfassen von Burnout (Diagnostik) 49
1.5.1 Maslach Burnout Inventory (MBI) 49
1.5.2 Tedium Measure von Pines, Aronson Kafry (TM) 53
1.5.3 Staff Burnout Scale for Health Professionals von Jones (SBS-HP) 55
1.5.4 Burnout-Indikator nach Schröder (BI) 57
1.5.5 Niederösterreichischer Selbsttest Burnout (Nö-SB) 60
1.5.6 Differentielles Burnout-Diagnoseinstrument (DBDI) 61
1.6 Krankheitsstatus 64
Inhaltsverzeichnis 4
2. Was ist Qi Gong bzw. Shaolin-Qi Gong? 67
2.1 Was bedeutet „Qi Gong“? 67
2.1.1 Unübersetzbarkeit von „Qi“ 67
2.1.2 Beschreibung und Einteilung von „Qi Gong“ 68
2.2 Geschichte des Qi Gong 69
2.3 Die Stile des Qi Gong 70
2.4 Gründung und Geschichte des Shaolin-Klosters und des Chan-Buddhismus 71
2.5 Shaolin-Qi Gong im Überblick 77
2.5.1 Yi-jin-jing-Qi Gong - Transformation der Muskeln, Sehnen und Bänder 77
2.5.2 Xi-sui-jing-Qi Gong - Knochenmarkswäsche 77
2.5.3 Gong Fu / Kung Fu - Kampfkunst, praktizierter Chan-Buddhismus und Medizin 78
2.5.3.1 Gong Fu / Kung Fu als Kampfkunst 78
2.5.3.2 Gong Fu / Kung Fu als praktizierter Chan-Buddhismus 79
2.5.3.3 Gong Fu / Kung Fu als medizinische Form 79
2.6 Das Shaolin-Qi Gong-Programm 80
2.6.1 Das Öffnen der Energietore 81
2.6.2 Die Ba jins als spezifisch vorbereitende Bewegungen 82
2.6.3 Das Yi-jin-jing-Qi Gong als Herzstück des Shaolin-Qi Gong-Programms 84
2.6.4 Die Energiemassage als Energiepflegesystem 87
2.6.5 Shaolin-Nordic Walking als cardio-pulmonale Energiearbeit 89
2.6.6 Sitzende Meditation (Tso-ch’an/Zazen) zur mentalen und spirituellen Fundierung 94
2.6.6.1 Warum und wozu Tso-ch’an/Zazen/sitzende Meditation? 94
2.6.6.2 Wie können wir Tso-ch’an/Zazen/sitzende Meditation praktisch realisieren? 95
2.6.6.3 Was passiert nun während der sitzenden Meditation? 97
2.6.6.4 Wie lange, wie oft und wo soll Tso-ch’an/Zazen/sitzende Meditation praktiziert
werden ? 97
2.6.7 Richtige Haltung 98
2.6.7.1 Richtige innere Haltung 98
2.6.7.2 Richtige äußere Haltung 100
Inhaltsverzeichnis 5
2.6.8 Natürliches Atmen 101
2.7 Zur medizinischen Wirkung von Shaolin-Qi Gong 103
2.7.1 Wirkung von Shaolin-Qi Gong aus westlicher Sicht 103
2.7.2 Wirkung von Shaolin-Qi Gong aus der Sicht der
Traditionellen Chinesischen Medizin 104
2.7.2.1 Yin-Yang 104
2.7.2.2 Fünf Elemente/Wandlungsphasen (Wu xing) 108
2.7.2.3 Qi 110
3. Burnout-Prophylaxe und -Therapie durch Shaolin-Qi Gong 116
3.1 Burnout aus dem Blickwinkel Traditioneller Chinesischer Medizin 116
3.2 Wodurch kann Shaolin-Qi Gong gegen Burnout vorbeugen bzw.
es therapieren? 121
3.3 Leitfaden zur Implementierung von Shaolin-Qi Gong in die Burnout-Therapie
und -Prophylaxe 128
3.3.1 Implementierung von Shaolin-Qi Gong in Schröders Sechs-Phasen-Modell des
pers önlichen Turnarounds 128
3.3.2 Gestaltung einer Burnout-Firewall zur Prävention und Gesundheitsförderung
mittels Shaolin-Qi Gong 135
Schlussbemerkungen 139
Literatur 141
Bildquellenverzeichnis 146
Zum Autor 148
Einleitung
„Wer je ein ausgebranntes Gebäude gesehen hat, der weiß, wie verheerend so etwas aussieht. Ein Bauwerk, eben noch von pulsierendem Leben erfüllt, ist nun verwüstet. Wo früher Geschäftstätigkeit herrschte, finden sich jetzt nur noch verkohlte Überreste von Kraft und Leben. Ein paar Ziegel und Zementbrocken mögen stehen geblieben sein, ein paar leere Fensterrahmen. Vielleicht ist sogar die äußere Hülle des Gebäudes noch erhalten. Wer sich jedoch hineinwagt in die Ruine, wird erschüttert vor dem Werk der Vernichtung stehen.“ (Freudenberger, 1980, S. 13).
Mit diesem Vergleich verweist Herbert Freudenberger auf einen bestimmten Zustandes von Menschen, welcher im Jahr 1974 den Namen „Burnout“ erhielt.
Forney et al. meinen:
„Burnout ist wie Pornographie - ich bin nicht sicher, ob ich es definieren kann, aber wenn ich es sehe, weiß ich, was es ist“ (1982, S. 436, zit. in Burisch, 2006, S. 15).
In der Tageszeitung DER STANDARD vom Samstag, dem 1. Juli 2006 findet man in der Beilage ALBUM ein ganzes Dossier zum Thema Burnout. Einleitend wird dazu bemerkt: „Aufmerksamkeit bekommt das Phänomen immer dann, wenn Prominente betroffen sind. Aber vom ‚Zustand totaler Erschöpfung’ sind längst nicht mehr nur Spitzenmanager und Profisportler betroffen. Gesichertes Datenmaterial ist noch immer rar.“ (DER STANDARD, 01.07.2006, S. A1)
Und Stefan Löffler meint in der Folge unter dem Titel „Verlorene Seelen“: „Burnout ist ein Krankheitsmodell, in dem sich immer mehr wieder finden, ein umstrittenes Forschungsfeld und ein Wachstumsmarkt.“ (DER STANDARD, 01.07.2006, S. A1)
Am 24. April 2007 erscheint auf Seite 1 der Tageszeitung KURIER unter der Headline „Überlastet - 70 Prozent der Ärzte fühlen sich ausgebrannt“ folgende Feststellung: „Jene, die heilen sollten, steuern selbst auf den Zusammenbruch zu. Eine Umfrage unter 1300 Ärzten in Niederösterreich kam zu dem alarmierenden Ergebnis, dass 70 Prozent der Mediziner auf dem besten Weg sind, am Burnout-Syndrom zu erkranken. Die Befragten fühlen sich ausgebrannt. Experten beklagen die Arbeitsbelastung der Mediziner“ (KURIER, 24.04.2007, S. 1)
Der Arzt und Unternehmensberater Jörg-Peter Schröder schildert die Burnout-Geschichte eines seiner Klienten folgendermaßen:
„… [Er] wollte schon seit er sich erinnern konnte gern Arzt werden. Er half bereits als Kind kleinen Tieren, hatte ein ausgeprägtes Mitleidsgefühl und setzte sich für Schwächere ein. Mit absolutem Enthusiasmus absolvierte er sein Medizin-
studium und arbeitete mehr als engagiert auf der Inneren Station eines Kreiskrankenhauses in Norddeutschland.
Er versuchte sich für die Patienten einzusetzen und sie nicht nur mit drei Minuten während der täglichen Visite abzuspeisen. Seinem glühenden Enthusiasmus folgend setzte er sich speziell für chronisch Erkrankte und Tumorkranke ein, arbeitete ehrenamtlich in einer Diabetes-Selbsthilfegruppe und setzte all seine Energie für seine Patienten, das Verdrängen der seelischen Belastungen und für die Strapazen des Krankenhaus-Stations-Alltags ein.
Seine damalige Freundin hatte anfangs noch Verständnis dafür, dass er auch am Wochenende im Krankenhaus Visite machte und bis spät abends die Entlassungs- und Verlegungsbriefe seiner Patienten schrieb. Die spätere Arbeit auf einer Tumorstation ging ihm sehr nahe. Permanent musste er mitleiden, wenn ein Mensch das Ringen mit dem Überleben verloren hatte. Von seinen älteren Kollegen erfuhr er sehr viel Zynismus. Seine Vorgesetzten wiesen ihn permanent auf notwendige organisatorische Arbeiten hin, die ihn jedoch davon abhielten, für seine Patienten da sein zu können.
Permanent nörgelnde Patienten brachten ihn ins Grübeln. Seine Freundin hatte sich inzwischen von ihm getrennt. Die acht Nachtdienste im Monat und die häufigen Wochenend-Dienste gingen nicht spurlos an ihm vorbei. Obwohl er die immer häufigeren Nasennebenhöhleninfektionen und seine Magenschmerzen schulmedizinisch behandelte, ignorierte er diese Warnsignale seines Körpers, die ihn auf seine Erschöpfung und (die Notwendigkeit) zur Änderung seines Verhaltens hinweisen wollten.
Nach außen erhielt er die Fassade des immer strahlenden und gut gelaunten Doktors aufrecht, der immer erreichbar für seine Patienten ist. Doch ihm fiel es von Tag zu Tag schwerer, in der Klinik zu arbeiten. Die Bedingungen machten ihm keinen Spaß mehr.“ (Schröder, 2006, S. 10f.)
Aber nicht nur im medizinischen Bereich gibt es drastische Burnout-Geschichten, wie das folgende Beispiel eines 41-jährigen Managers verdeutlichen soll:
anstrengend, dass er sich aufraffen müsste, um zur Toilette zu gehen. Jede Tätigkeit war ihm zu viel, egal ob es das Einkaufen oder das Beantworten eines Anrufs von der Schwiegermutter war oder nur das Abräumen des Geschirrs vom Frühstückstisch. Er hatte einfach keine Kraft, Energie und Lust mehr.“ (Schröder, 2006, S. 19)
Wir haben zwei von unzähligen Burnout-Geschichten vor uns liegen und fragen uns nun, wie denn wohl diesen armen Menschen geholfen werden kann.
Der schon ziemlich ausgebrannte Arzt hatte Glück:
„… [Er] lernte ... eine neue Freundin kennen, die ihm als Yoga-Lehrerin eine andere Art des Hinschauens auf das eigene Leben ermöglichte. Nach guten Gesprächen mit einem Coach konnte er seine eigene Einstellung besser einschätzen und seine eigenen Verhaltensmuster verstehen und dadurch den Prozess des Ausbrennens stoppen. Heute hat … [er] wieder Spaß an seiner Arbeit und kann gelassen mit Ansprüchen und mit sich selbst umgehen. Weil es für ihn einen guten Ausgleich zu seiner Arbeit gibt, braucht er sich nicht mehr länger primär über seine Arbeit zu definieren.“ (Schröder, 2006, S. 11)
Und der ziemlich daniederliegende Manager fand auch einen Weg: „Nach einer Auszeit von sechs Wochen und einer intensiven professionellen Begleitung konnte er seine Energieressourcen neu aufbauen und einen Neuanfang starten. Nach einer Inventur seines bisherigen Lebens und einer Neuorientierung an seinen eigenen Visionen und Werten und der Nutzung seiner Potenziale konnte er sich von überzogenen Leistungsidealen verabschieden. Sein bis zur Selbstaufopferung zelebriertes Feuer-und-Flamme-Engagement ist einer realistischen Arbeitsauffassung gewichen. Täglich achtet er auf seinen Körper und sorgt durch autogenes Training und Qigong für Entspannung. Inzwischen macht er nur noch sehr selten Überstunden und hat mehr Zeit für seine Familie, seine Hobbys und sich selbst. Seine Kollegen und Mitarbeiter erleben ihn als viel ausgeglichener und lebensfroher.“ (Schröder, 2006, S. 19f.)
Unseres Erachtens ist „Burnout“ ein typisches Phänomen westlicher Kultur, westlicher Lebens- und westlicher Forschungsweise. Es ist nicht zufällig, dass der „»Gründungsvater« der Burnoutforschung“ (Burisch, 2006, S. 51), Herbert Freudenberger, ein amerikanischer Psychoanalytiker deutscher Abstammung war, der einen bestimmten selbst erlebten Leidensweg in seiner Sprache beschrieb und einen bestimmten Leidenszustand als „Burnout“ bezeichnete. Daraus wurde ein noch immer nicht unumstrittenes Krankheitsmodell, welches aber heute trotz seiner offensichtlichen Mehrdeutigkeit in stark zunehmendem Maße Anerkennung findet.
In den beiden Burnout-Geschichten scheint der zentrale Begriff, wenn auch im ersten Fall unausgesprochen, „Energie“ bzw „Lebensenergie“ zu sein. Sie kann durch eine bestimmte Lebensweise stark verringert werden, was mit einer drastischen Beeinträchtigung der Lebensqualität einhergeht. Ihr Schwinden kann aber, wie die Verläufe der beiden Geschichten zeigen, durch eine Umstellung der Einstellung und des verzehrenden Lebenswandels ge-
stoppt, ja sogar in günstigen Fällen zu einer Ansammlung neuer Lebensenergie umgekehrt werden.
Typisch westlich ist aber in diesen Schilderungen die Einschätzung des indischen Yoga oder des chinesischen Qi Gong, nämlich vorrangig als Mittel zum Zwecke der Bewältigung von Problemen. Die Freundin, welche dem Arzt als Yoga-Lehrerin eine andere Art des Hinschauens auf das eigene Leben ermöglichte, machte dies möglicherweise nicht vorrangig, weil Yoga eben als Yoga so und nicht anders ist, sondern weil sie ihrem Freund bei der Bewältigung seiner Probleme helfen wollte. Ein legitimes und hehres Ziel, welches aber in seinem Kern nicht mehr Yoga ist. Bei der Schilderung von Qi Gong als achtsames Entspannungsverfahren wird einerseits völlig übersehen, dass es beim Praktizieren von Qi
Aus diesen Überlegungen heraus ergibt sich nun die
Gliederung der weiteren Arbeit: Im 1. großen Kapitel geht es um die Klärung, was denn mit „Burnout“ überhaupt gemeint sein kann, wie dieses erfasst werden kann, wie es entstehen und fortschreiten kann und welcher Krankheitswert ihm beigemessen werden kann. Im 2. großen Kapitel geht es um „Qi Gong“ bzw. „Shaolin-Qi Gong“, was es ist, worin es wurzelt, wie es entstand, welche Arten es gibt, wie es zu einem medizinisch wirksamen Programm gestaltet werden kann und worin die medizinische Wirkung liegt. Im 3. großen Kapitel wird dann versucht, auszuloten, wie und wodurch Shaolin-Qi Gong auf Burnout stoppend, bessernd, im Idealfall
ausheilend und, wenn das Problem noch nicht aufgetreten ist, vorbeugend wirken kann. Die Arbeit schließt mit zusammenfassenden Bemerkungen.
1. Was ist „Burnout“?
1. 1 Zur Logik der Burnout-Forschung - Entdeckung und Begründung
1.1.1 Trennung zwischen Entdeckungs- und Begründungszusammenhang
Reichenbach („Experience and Prediction“, 1938) hat aus wissenschaftsphilosophischer Sicht „eine Unterscheidung zwischen einem Entdeckungszusammenhang (context of discovery) und einem Rechtfertigungszusammenhang (context of justification) von Theorien vorgeschlagen.
Nach … [seiner] Auffassung … bedarf die Rekonstruktion der Entdeckung von Theorien anderer Kriterien als die Begründung von Theorien. Da die tatsächlichen kognitiven Vorgänge, die zur Formulierung einer Theorie geführt haben, unbestimmt und schwankend seien, sich nicht an eine logische Abfolge halten, oftmals viele Schritte der Argumentation überspringen (vgl. Reichenbach, 1983) können sie nicht ‚rational rekonstruiert werden’, sind von daher nicht Gegenstand der Erkenntnistheorie, sondern der Psychologie.“ (Rook, 1998, S. 11)
Und auch Popper („Logik der Forschung“, 1935) „tritt … in den Wissenschaften für eine strikte Unterscheidung zwischen dem Entstehungskontext (dem Zustandekommen von Einfällen) und dem Begründungskontext (den Methoden der Überprüfung dieser Einfälle) ein“ (Rook, 1998, S. 11):
„Die erste Hälfte dieser Tätigkeit, das Aufstellen der Theorien, scheint uns einer logischen Analyse weder fähig noch bedürftig zu sein: An der Frage, wie es vor sich geht, dass jemandem etwas Neues einfällt - sei es nun ein musikalisches Thema, ein dramatischer Konflikt oder eine wissenschaftliche Theorie -, hat wohl die empirische Psychologie Interesse, nicht aber die Erkenntnislogik. Diese interessiert sich nicht für Tatsachenfragen (Kant: ‚quid facti’), sondern nur für Geltungsfragen (‚quid juris’) - das heißt für Fragen von der Art: ob und wie ein Satz begründet werden kann; ob er nachprüfbar ist; ob er von gewissen anderen Sätzen logisch abhängt oder mit ihnen in Widerspruch steht usw.“ (Popper, 1984, S. 6)
Umgelegt auf das hier im Titel dieses Kapitels in Frage stehende „Burnout“-Phänomen hieße das, dass es bei der Tätigkeit psychologischer Forschung sowohl um das Entdecken und Erkennen bestimmter psychologischer Tatsachen, welche in der Folge als „Burnout“ oder „Burnout-Syndrom“ bezeichnet werden, als auch um die begründete Fundierung des so Entdeckten und Erkannten geht. Die bei Reichenbach vorgeschlagene Unterscheidung von Entdeckungs- und Rechtfertigungszusammenhang („context of discovery“ und „context of justification“) bedeutet unserer Ansicht nach absolut nicht, dass jetzt systematisch in zwei einander konkurrierenden Forschungsparadigmen Ergebnisse zum Burnout-Thema geliefert werden sollen, sondern dass jede Art von Forschung aus sich heraus immer schon in einem Entdeckungs- u n d Rechtfertigungszusammenhang steht.
Die Beschäftigung mit nur einem der beiden Zusammenhänge hieße, sich eben mit nur einem Teilaspekt des Forschens zu befassen. Dies dürfte ja auch Popper im Auge gehabt haben, wenn er meint, dass die erste Hälfte der (forschenden) Tätigkeit das Aufstellen der Theorien sei. Dass der Vorgang des Entdeckens von Neuem für die „empirische Psychologie“, nicht aber für die „Erkenntnislogik“ von Interesse sei, da jene sich für „Tatsachenfragen“ (Was ist gegeben? Was existiert? …), diese aber nur für „Geltungsfragen“ (Was wird wie behauptet? Ist das Behauptete nachprüfbar? Von welchen Aussagen hängt die Behauptung logisch ab? Zu welchen steht sie in Widerspruch? …) interessiere, können wir nur in der eingeschränkten Perspektive eines kritisch analysierenden (zerteilend unterscheidenden) Rationalismus nachvollziehen.
1.1.2 Kritik an der Auffassung von strikter Trennung zwischen Entdeckungs- und Begründungszusammenhang
Unschwer erkennt man die Frage, wie es denn mit der „Erkenntnislogik“ (Begriffsbildung, Urteilsbildung, Bildung von Schlussfolgerungen) der „empirischen Psychologie“ wohl stehen mag. Es ist ja kaum anzunehmen, dass die Forschungsmethoden der „empirischen Psychologie“ keiner „Erkenntnislogik“ folgten, denn wenn dem so wäre, könnte man annehmen, dass Forschung in diesem Bereich ein ziemlich willkürlicher, auf Zufall und irrationaler Macht beruhender Prozess sei (welcher dann ja mehr zu Konfusion als zur Klärung beitragen würde).
1.1.3 Entdeckung und Begründung
Wir behaupten, dass es kein Forschungsganzes gibt, welches lediglich in einem der beiden Zusammenhänge bestünde.
Zunächst möchten wir feststellen, dass Entdecken immer mit Erkennen einhergeht, denn in diesem zeigt sich jenes, was vorher eben, gleichsam unter einer Decke, im Verborgenen lag. Dieses Erkennen mag zwar mehr oder weniger differenziert und von verschiedenen Perspektiven aus erfolgen, aber es geht unmittelbar mit Entdecken einher.
Dann möchten wir betonen, dass Entdecktes in seinem Erkennen immer schon auch in einem Begründungsanspruch steht, mag dieser in der Folge mehr oder weniger reflektiert werden oder unreflektiert bleiben. Der Prozess des Entdeckens und Erkennens hängt ja weder sprachlogisch, noch geschichtlich, sozial und kulturell im „leeren Raum“. Und die Frage, was denn überhaupt und nach welchen Kriterien etwas als entdeckt bzw. erkannt gelten kann, lässt sich vom Entdecken und Erkennen gar nicht lösen, will man nicht wissenschaftlich gleichsam „blind“ herumtappen.
1.1.4 Produktperspektive - Prozedurperspektive - Prozessperspektive
Das wissenschaftlich Entdeckte und Erkannte ist das Ergebnis (Produkt) eines bestimmten konkreten menschlichen Handelns (Prozess), welches sich in bestimmter sozialer und kultureller Tradition und Organisation mehr oder weniger planvoll, systematisch und methodisch vollzieht (Prozeduraspekt). Keine der drei Perspektiven kann für sich alleine wissenschaftliche Forschung konstituieren (s. Abb. 5). Dies muss deshalb hervorgehoben werden, da für das Definieren und Abgrenzen von „Burnout“ maßgebliche (und für das nachfolgende Kapitel als Vorbild dienende) Burnout-Forscher und -Forscherinnen, wie z. B. Matthias Burisch und Marion Rook, offensichtlich glauben, Entdeckungs- und Begründungszusammenhänge und Prozess-, Prozedur- und Produktperspektive in getrennten Burnout-Forschungsparadigmen miteinander in Konkurrenz treten lassen zu müssen (vgl. Burisch 2006 und Rook 1998). Bei allem Respekt vor den etablierten Autoren/-innen wollen wir hier das (mehr oder weniger willkürlich) Auseinandergeführte eher wieder zusammengeführt sehen.
1. 2 Probleme beim Definieren und Abgrenzen
1.2.1 Der Begriff „Burnout“ ist vieldeutig und vage
Die Klärung der Frage „Was ist ›Burnout‹?“ ist Voraussetzung für die Klärung der Fragen „Wer leidet an Burnout?, „Wie entsteht Burnout?“, „Wie kann man Burnout vermeiden?“ und „Wie kann man Burnout wieder los werden?“ Wenn wir uns nun in die bereits sehr umfassende Burnout-Literatur vertiefen, gelangen wir rasch zu dem Ergebnis, dass eine allgemein verbindliche und eindeutige Festlegung des Burnout-Begriffs praktisch nicht gelingen kann. Rook stellte in diesem Zusammenhang fest:
„Der Begriff ‚Burnout’ ändert seine Bedeutung, je nachdem in welchem der vielen vertretenen theoretischen Kontexte er integriert ist. Auch ist eine fehlende Genauigkeit (Vagheit) hinsichtlich der Bedeutungszuschreibungen innerhalb verschiedener Theoriezusammenhänge zu beklagen.
In Folge dieser begrifflichen Unklarheiten ist auch eine klare Abgrenzung zu den gleichermaßen vieldeutig auftretenden Nachbarkonzepten ‚Stress’,
‚Arbeitsunzufriedenheit’, ‚Depression’ oder ‚Bewältigung’ nicht leistbar. Die Bedeutungsvielfalt und -vagheit sorgt für eine gewisse begriffliche Verwirrung und steht dem methodologisch angestrebten Ziel einer größtmöglichen intersubjektiven Verständlichkeit der wissenschaftlichen Rede entgegen. Wenn Menschen miteinander über ‚Burnout’ sprechen oder wenn verschiedene Theorien über Burnout miteinander verglichen werden sollen, dann muss in einem ersten Schritt immer erst geklärt werden, ob die Gesprächspartner über dasselbe reden, wenn sie das Wort ‚Burnout’ benutzen oder ob sich die Aussagen in den zu einem Vergleich herangezogenen Burnouttheorien überhaupt auf miteinander vergleichbare Sachverhalte beziehen.“ (1998, S. 99)
1.2.2 Zur alltagssprachlichen und bildhaften Bedeutung des Wortes „Burnout“
Wir wollen nun versuchen, den alltagssprachlichen und bildhaften Gehalt des Wortes Burnout zu verdeutlichen, um in der Folge für den Begriff „Burnout“ einigermaßen eine Verständigungsbasis zu entwickeln.
Rook (1998) geht dabei von folgender Recherche aus: „Das Wortzeichen ‚burnout’ ist zunächst aus der US-amerikanischen Umgangssprache und aus bestimmten Arbeits- und Sprachwelten in die Wissenschaftssprache übernommen worden und dann mit einem fachwissenschaftlichen Bedeutungsgehalt wieder in die amerikanische (aber auch in die deutsche) Umgangssprache eingegangen.“ (ebd. S. 100)
Bei Enzmann & Kleiber wird die sprachliche Bedeutung des Verbs „to burn out“ ziemlich vielschichtig dargestellt: „Im allgemeinen Sprachgebrauch wird ‚burn out’ meistens in direkter Weise verstanden, beispielsweise im Zusammenhang eines ausgebrannten Hauses, von dem nur noch die Mauern stehengeblieben sind“ (1989, S. 18). Im technischen Bereich beschreibt man mit „burn out“ u. a. das Durchbrennen von Sicherungen oder die Überbelichtung eines Negativs. „To burn“ hat auch die Bedeutung des Wünschens, voller Leidenschaft oder Gefühl,
begierig oder feurig zu sein, z. B. „he burns to do great things“ oder sexuell erregt zu werden (‚better to marry than to burn’). Die Autoren fanden den Gebrauch von ‚to burn out’ schon 1599 bei Shakespeare in seinem Werk „The Passionate Pilgrim“ im Zusammenhang mit psychischer und körperlicher Erschöpfung. Um 1900 geht „to burn out“ in der Bedeutung „Überarbeitung und früher Tod“ ins Standardenglisch über. Weiters bezeichnet nach einem Underground Dictionary „burned out“ 1. den Zustand einer sklerotischen, perforierten Vene und 2. das Nachlassen der gewünschten Drogenwirkung infolge chronischen Gebrauchs (vgl. Enzmann & Kleiber, 1989, S. 18; Rook, 1998, S. 100f.; Burisch, 2006, S. 6).
Durch die starke Bildhaftigkeit des Wortes „burnout“ bzw. „ausgebrannt“ besteht eine hohe intuitive Verständlichkeit, welche seit den 80er Jahren des 20. Jh. zu einer raschen Popularisierung und Verbreitung der Burnout-Thematik beitrug (vgl. Rook, 1998, S. 101). „Nach Lakoff & Johnson (1980) stammen sprachliche Bilder (Metaphern) meist aus Bereichen der Erfahrung, die eine prägnante Gestalt haben und leicht benennbar sind. Über den Einsatz von Metaphern werden Erfahrungen, Wahrnehmungen, Wissen und Handlungsdispositionen aus einem Bereich erlebter Wirklichkeit auf einen anderen übertragen, z. B. wenn es um die Erleichterung einer Einführung von neuen und abstrakten Begriffen geht. Der Burnoutbegriff bezieht sich mit seiner Bildhaftigkeit (auch in den deutschen Übersetzungsformen) vor allem auf zwei vertraute Erfahrungsbereiche in der Lebenswelt: einen technischen (im Sinne von ‚durch-brennen’) und einen bezüglich des Umganges mit Feuer (im Sinne von ‚aus-brennen’).“ (Rook 1998, S. 101)
1.2.2.1 Burnout als „Durchbrennen“ und als „Ausbrennen“
Im technischen Erfahrungsbereich beschreiben Freudenberger & Richelson (1980b) folgende Bilder: „Wenn unser Rasenmäher im Garten plötzlich unter einem Funkenregen seinen Geist aufgibt, dann wissen wir, der Motor ist durchgebrannt. Das gleiche gilt für die Glühbirne, die aufzischt und uns dann im Dunkel zurücklässt“ (ebd. S. 27). Enzmann & Kleiber wiederum verstehen unter „burn out“, wenn eine Sicherung durchgebrannt oder wenn ein Motor infolge restlosen Brennstoffverbrauchs zum Stillstand gekommen oder wenn eine Raketenstufe völlig ausgebrannt ist oder wenn ein Fotofilm stark überbelichtet oder wenn die Fruchtbarkeit eines Bodens völlig erschöpft wurde (1989, S. 18). Burisch weist allerdings darauf hin, dass sich einige dieser mitschwingenden Bedeutungen als nicht sehr zutreffend für das erweisen, was nach seiner Auffassung mit „Burnout“ gemeint wird: „Durchbrennen können Sicherungen oder Stromleitungen, aber beides geschieht abrupt, und der Effekt ist sofortiger Stillstand, nicht die oft jahrelange Quälerei des Burnout“ (2006, S. 7).
Die bildhaften Übertragungen aus dem Erfahrungsbereich Umgang mit „Feuer“ muten noch dramatischer an. So meint z. B. Maslach: „Burnout. The word evokes images of a final flickering flame, of a charred and empty shell, of dying embers and cold, gray ashes“ (1982a,
S. 3, zit. in Rook, 1998, S. 102). Nach Freudenberger „[können] auch Menschen […] ausbrennen wie Gebäude“. „Der Kraftaufwand, den das Leben in unserer komplexen Welt erfordert, verzehrt - dem Feuer gleich - die inneren Reserven eines Menschen. Zurück bleibt, selbst wenn die äußere Hülle noch mehr oder weniger unversehrt erscheinen mag, eine große Leere“ (Freudenberger & Richelson, 1983, S. 13).
In diesem Bild geht Freudenberger von einem Behälter-Schema aus, welches nach Lakoff & Johnson (1980) tief in uns verwurzelt ist und auf unsere Erfahrungen einer abgeschlossenen Körperganzheit zurückgreift. Wir unterscheiden demnach ein Inneres, ein Äußeres und eine Grenze bzw. einen „inneren Raum“, einen „äußeren Bereich“ und eben eine „Grenze“ (vgl. Rook, 1998, S. 102f.).
Das „… Wort ‚ausgebrannt’ … impliziert die Vorstellung eines abgelaufenen (zerstörerischen) Veränderungsvorganges im ‚Innenbereich’ des Menschen, wobei ‚der begrenzende Bereich nach außen’ noch erhalten geblieben ist. Freudenberger spricht von einer ‚äußeren, mehr oder weniger unversehrten Hülle’, während es innen ‚leer’ ist. Die oft benutzte Charakterisierung von Burnout als einer ‚inneren Erschöpfung’ geht von dem Bild aus, dass zunächst ‚ganz viel da war’, ‚es im Innern voll war’ und dann ‚zu viel aus dem Inneren geschöpft’ wurde und zu wenig von außen ‚hinein-gekommen’ oder im Innern ‚nach-entstanden/nach-gewachsen’ ist.“ (Rook, 1998, S. 103)
Diese Vorstellung ist eine jener, die für uns im Rahmen des Ermessens von Möglichkeiten der Prophylaxe und Therapie von Burnout, so auch jener durch Shaolin-Qi Gong, eine zentrale Bedeutung spielen kann. Darauf wollen wir aber erst später genauer eingehen (s. 3. Kapitel).
1.2.2.2 „Ausbrennen“ meint kein völliges „Verbrennen“
Büssing weist darauf hin, dass die Vorstellung „eines vollkommen abgebrannten, offensichtlich vollkommen zerstörten und damit nicht mehr funktionsfähigen Raumes“ nicht das ausdrückt, was mit Burnout gemeint wird. Demnach ist „zu unterscheiden zwischen einem Verbrennen, mit dem der Verlust der gesamten Substanz assoziiert werden muss, und dem Ausbrennen, bei dem die Fassade in der Regel erhalten bleibt“ (1992b, S. 42).
1.2.3 „Feuer“ als „Energie“, aber im rechten Maß - nicht zu wenig und nicht zu viel
„In einer metaphorischen Sichtweise setzt das Feuer Energie in Form von Wärme und Licht sowohl für das Individuum als auch für Mitmenschen frei. Gleichzeitig stellt ein solches Feuer eine widersprüchliche Realität dar, es muss etwas verbrennen, um zu existieren, und es kann sowohl für das Individuum als auch für seine Umwelt zerstörend wirken, wenn es zu stark und vor allem unkontrolliert brennt.“ (Büssing, 1992b, S. 42)
Auch die hier angesprochene energetische Bedeutung von Feuer spielt im Hinblick auf prophylaktische und therapeutische Energiearbeit mittels Shaolin-Qi Gong eine wesentliche Rolle. Wir können ja „Qi“ als Begriff für das im metaphorischen Sinn gemeinte „Feuer des
Lebens“ auffassen. „Feuer“ bezeichnet u. a. auch eine der fünf Wandlungsphasen in der Chinesischen Philosophie und Medizin, die dem gesundheitserhaltenden bzw. -fördernden und dem heilenden Shaolin-Qi Gong zugrunde liegen. Es wird demnach deutlich, dass über den Umgang mit „Feuer“ als Symbol für eine allgemeine Umwandlungs-, Entwicklungs- und Lebensenergie westliches und östliches Denken und Handeln einander berühren.
Wie man der Sichtweise von Büssing leicht entnehmen kann, ist das richtige Maß entscheidend für menschliches Gedeihen. Dieses bezieht sich aber in der präventiven und therapeutischen Energiearbeit, wie wir sie hier in dieser Arbeit verstehen, nicht lediglich auf die Stärke bzw. Quantität (Wie viel Energie?), sondern auch auf die Kategorien Qualität (Was für eine Energie?), Relation (Energiegefälle/-anstieg?), Ort (Wo?), Zeit (Wann?), Lage (Welche energetische Befindlichkeit?), Haben (Welcher energetischer Informationsgehalt?), Wirken (Welche energetische Wirkung?) und Leiden (Welche energetische Belastbarkeit?). Darauf wollen wir ebenfalls später genauer eingehen (s. 3. Kapitel).
1.2.4 „Flammende“ Begeisterung als Voraussetzung für Burnout?
Aronson, Pines und Kafry (1983a, S. 13) meinen, dass ein Mensch einmal „entflammt“ gewesen sein muss, um ausbrennen zu können und Maslach beschreibt besonders gefährdete Personen folgendermaßen: „All of them were once fired up about their involvement with other people - excited, full of energy, dedicated, willing to give tremendously of themselves for others. And they did give … and give, and give until finally there was nothing left to give anymore … they had burned out” (1982a S. 3, zit. in Rook, 1998, S. 104).
Dem möge hier hinzugefügt werden, dass im Grunde zunächst jeder Mensch für sein Dasein gleichsam „entflammt“ wurde. Diese „Daseinsentflammung“ findet praktisch immer schon im mehr oder weniger optimalen Sinn im Akt der Zeugung statt, auch wenn viele meinen, dass die Flamme des Lebens erst bei der Geburt leuchten würde - aber das ist ein anderes Thema. Hier interessiert eher, wie stark, wann, wo und wofür diese „Lebensflamme“ lodert, leuchtet und wärmt, wie sie sich im Laufe des Lebens entwickelt und verändert und warum sie sich bei vielen Menschen aus dem Bereich ihres Berufes und ihres Arbeitsfeldes gleichsam bis zum Erlöschen zurückzieht.
Rook bemerkt (unter verkürztem Blickwinkel), dass „… entsprechend dieser metaphorischen Sprachweise [offen bleibt], was genau man sich unter dieser ‚inneren Substanz’, welche sich zuerst entflammt und dann brennt bzw. verbrennt, … vorstellen soll“, und fragt, ob „… damit in einem metaphorischen Sinn bestimmte Emotionen, innere Bereitschaften oder bestimmte Fähigkeiten gemeint“ sind oder ob „[...] es eher um Motivationen, Ideale, Ziele, Erwartungen [geht]“ (1998, S. 104). Büssing beurteilt die einschlägige Burnout-Literatur als sehr allgemein
und vage, wenn er meint, dass „[…] sich eine Fülle psychologisch mehr oder weniger unscharfer Begriffe wie Optimismus, Überidentifikation, Selbstüberschätzung, idealistische Begeisterung, Überengagement, Illusionen usw. [finden]“ (1992b, S. 42, zit. in Rook 1998, S. 104).
Das Argumentieren mit allgemeinen, unscharfen und vagen Begriffen ohne den Versuch der Konkretisierung, Schärfung und Klärung können wir leider als gängiges Stilmittel medial populistisch aufbereiteter, emotional sowohl einlullender als auch aufreizender Alltagspsychologie häufig beobachten. Auch wenn der Versuch sauberer Begriffsklärung und -schärfung nicht zu einem wirklich optimalen Ziel führen sollte, so erhöht er doch die wissenschaftliche Seriosität einer psychologischen Abhandlung wesentlich.
1.2.5 Produktdefinitionen - Prozessdefinitionen - Prozedurdefinitionen
Es wird hier die Ansicht vertreten, dass „Burnout“ in der Psychologie bzw. in der psychosomatischen Medizin zunächst ein Begriff ist, welcher die Angabe einer Reihe bestimmter negativ bewerteter Zeichen (Symptome) des funktionalen und emotionalen Erlebens und Verhaltens einer Person zu einem bestimmten Zeitpunkt umfasst. Der so gebildete Burnout-Begriff versteht sich als punktuelles Ergebnis (Produkt) eines Prozesses, dem im Zuge dieser Form der Begriffbildung keine zentrale Betrachtungsbedeutung zukommt bzw. der möglicherweise so gar nicht in Sicht kommt. Begriffsbildungsvorgangsweisen dieser Art führen demnach zu so genannten Produkt- oder Zustands- oder Symptomdefinitionen.
Wenn es nun darum geht, anzugeben, welche inneren und äußeren Ereignisse und Vorgänge zu diesem Bündel von negativen Zeichen des funktionalen und emotionalen Erlebens und Verhaltens (dem Burnout-Syndrom) geführt haben, dann entstehen so genannte Prozessdefinitionen. Und wenn es darum geht, mit bestimmten Messverfahren die funktionalen und emotionalen Erlebnis-
und Verhaltensmängel oder -leiden sichtbar zu machen, dann entstehen so genannte Prozedurdefinitionen.
Alle drei Definitionstypen beruhen auf der Akzentuierung des jeweils ausgewiesenen Definitionsaspektes, stehen jedoch in einem existenziellen Zusammenhang. Eine seriöse Zustandsdefinition gelingt nur auf der Basis einer validen und zuverlässigen Zustandser-
hebung, welche wiederum ein Mindestmaß an Zustandsgenese mitberücksichtigen müsste. Ein Mindestmaß an Zustandsentwicklung lässt sich wiederum nur durch mehrere vergleichbare valide und zuverlässige Zustandserhebungen zu verschiedenen Zeitpunkten seriös verdeutlichen. Valide Zustandserhebungsverfahren sind nur auf der Basis von Ladung mit den einen bestimmten Zustand charakterisierenden Zeichen möglich.
Zur Disposition bleibt zunächst in allen drei Definitionstypen die personelle Diagnosekompetenz bezüglich Charakterisierung und Bewertung erhebungswürdiger Zeichen (Validitätsdiagnostik), Tauglichkeit bzw. Akzeptanz des Erhebungsverfahrens zu einem bestimmten Zeitpunkt (Querschnittdiagnostik) und zeitlicher Abfolge der Erhebungen (Längsschnittdiagnostik). Subjektiv wäre dem Klient oder Leidenden, objektiv psychologischem, psychotherapeutischem oder psychosomatischem Fachpersonal der Vorrang zu geben. Beide Möglichkeiten erscheinen aber nicht wirklich zielführend. Es wird deshalb das einvernehmliche Zusammenspiel von subjektiven und objektiven Instanzen, d. h. von Klienten und Fachkräften bei der Burnout-Bestimmung, -Diagnostik und -Therapie dringend empfohlen.
1.2.5.1 Beispiele für Produkt- oder Zustandsdefinitionen
► Kahn (1978) definierte Burnout als „ein Syndrom unangemessener Einstellungen gegenüber Klienten und sich selbst, oft in Verbindung mit unangenehmen physischen und emotionalen Symptomen“ (zit. in Burisch, 2006, S. 17).
► Maslach (1982a) definierte Burnout als „ein Syndrom emotionaler Erschöpfung, Depersonalisation und persönlicher Leistungseinbußen, das bei Individuen auftreten kann, die in irgendeiner Art mit Menschen arbeiten. Es ist eine Reaktion auf die chronische emotionale Belastung, sich andauernd mit Menschen zu beschäftigen, besonders wenn diese in Not sind oder Probleme haben“ (zit. in Burisch, 2006, S. 17).
Beide Definitionen beziehen sich auf das Arbeitsfeld, und hier wieder speziell auf das Arbeiten mit Menschen. Im zweiten Beispiel wird ziemlich stark auf die helfende Arbeit mit Menschen eingeschränkt. Worin nun genau diese Arbeit bzw. helfende Arbeit mit Menschen besteht, darüber geben beide Aussagen keine Auskunft. Es ist auch oft nicht genau festzulegen, ob eine Arbeit eine helfende ist oder nicht. Ist z. B. die Arbeit eines Friseurs, der einem Kunden die Haare schneidet, eine helfende oder nicht? Oder ist die Arbeit eines Seelsorgers im Beichtzimmer eine helfende oder nicht? Man kann nun vertreten, dass beide Arbeiten sowohl helfend als auch nicht helfend sein können. Wer von den beiden Professionisten würde wohl eher darunter leiden, wenn seine Arbeit als nicht helfend eingeschätzt wird?
Wir gehen im Rahmen dieser Arbeit ausdrücklich nicht von einigen früheren Burnout-Ansichten aus, die den „Burnout“-Begriff für Helferberufe reservieren (wie z. B. die Berkeley- Gruppe um Aronson 1983). Ausbrennen kann jeder, z. B. auch ein Lastkraftwagenfahrer, eine
Fließbandarbeiterin oder eine Raumreinigungskraft. Niemand agiert beruflich in einem sozial leeren Raum, ob er nun an der Spitze oder am unteren Ende der beruflichen Sozialhierarchie seine Arbeit verrichtet. Jeder, der nicht kriminell arbeitet, hilft in seinem Rahmen das Gemeinwohl zu erhalten und zu fördern und kann über seine Arbeit ausbrennen.
Pines, noch 1983 gemeinsam mit Aronson den „Burnout“-Begriff auf den Bereich der helfenden Berufe einschränkend, veröffentlichte schon 1988 (dt.1989) ein Buch über Burnout in Partnerbeziehungen, welches die Thematik also auch weit außerhalb des Arbeitskontextes ansiedelt (vgl. Burisch, 2006, S. 17). Burnout ist demnach nicht nur ein berufs- bzw. arbeitsbezogenes Phänomen, sondern kann offensichtlich in allen Lebensbereichen angetroffen werden.
Maslach weist darauf hin, dass Burnout bei Individuen bestimmte Reaktionsweisen hervorruft, wie sie auch durch Stress verursacht werden, glaubt aber „… eine sehr spezifische und abgegrenzte Art emotionaler Erschöpfung entdeckt [zu haben], und zwar den Verlust positiver Empfindungen, den Verlust von Sympathie oder Achtung für Klienten oder Patienten beim professionellen Helfer“ (1978, S. 56, zit. in Burisch, 2006, S.17). Hier scheinen sich sowohl die Burnout- und die Stress-Konzeption, als auch die Erscheinungsbereiche Helferberufe, Berufe allgemein und außerberufliche Lebensfelder zu überschneiden, was aber nicht zur Deckung führt. Das heißt, dass Burnout und Stress mit jenen Symptomen, die einander sehr ähnlich sind, überall, aber auch mit jenen Symptomen, die einander nicht ähnlich sind, sehr spezifisch auftreten können, z. B. Burnout mit und Burnout ohne Stress in den verschiedensten Rollenkonzeptionen des Lebens.
Weiters wurde Burnout definiert als:
► „»ein Zustand physischer, emotionaler und mentaler Erschöpfung aufgrund langanhaltender Einbindung in emotional belastende Situationen«“ (Ayala Pines & Elliott Aronson, 1988, zit. in Burisch, 2006, S.18); ► „»ein Zustand der Ermüdung oder Frustration, herbeigeführt durch eine Sache, einen Lebensstil oder eine Beziehung, die nicht die erwartete Belohnung mit sich brachte«“ (Freudenberger & Richelson, 1980a, zit. in Burisch, 2006, S.18);
► »ein über Erwartungen vermittelter, arbeitsbezogener, dysphorischer und disfunktionaler Zustand eines Individuums ohne stärkere psychopathologische Beeinträchtigungen, welches (1) schon eine Weile lang angemessene Leistungen und affektive Reaktionen in derselben Arbeitssituation gezeigt hat, und das (2) ohne Hilfe von außen oder Veränderung seiner Umweltbedingungen nicht wieder zu seinen früheren Standards zurückfinden wird«“ (Brill, 1984, zit. in Burisch, 2006, S. 18).
Alle drei Definitionen beschreiben zunächst einen Zustand, „in dem man also sein kann oder nicht; etwa so wie Schwangerschaft. Das wirft unvermeidlich das … Problem der Abgrenzung auf: Wo fängt die Sache an, ernst zu werden? Gemeint ist offenbar der Endzustand eines
Prozesses; aber auch der müsste ja markiert werden“ (Burisch, 2007, S. 18). Außerdem äußern sich vor allem die ersten beiden Aussagen eindeutig zur Verursachung (Ätiologie), was insofern problematisch ist, als dies eher auf Vermutungen als auf seriösen Forschungsprozessen beruht. „Aus gutem Grund nehmen die beiden großen medizinischen Klassifikationssysteme, die International Classification of Diseases (ICD-10) der Weltgesund-heitsorganisation [WHO, Anm. H. U.] und das Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders DSM-IV der American Psychiatric Association, fast durchgängig von Ursachenzuschreibungen Abstand; sie wären zu wenig konsensfähig gewesen.“ (Burisch, 2007, S. 18f.)
1.2.5.2 Beispiele für Prozessdefinitionen
► Cary Cherniss (1980) definierte Burnout als einen „Prozess, in dem sich ein ursprünglich engagierter Mitarbeiter von seiner Arbeit zurückzieht, als Reaktion auf Beanspruchung und Belastung im Beruf“ (zit. in Burisch, 2006, S. 19).
► Edelwich & Brodsky (1980) definieren Burnout als „ein fortschreitender Abbau von Idealismus, Energie, Zielstrebigkeit und Anteilnahme als Resultat der Arbeitsbedingungen“ (zit. in Burisch, 2006, S. 19)
Beide Definitionen beschreiben Burnout als Prozess „ - was der Sache sicher näher kommt, will man nicht mit der Möglichkeit rechnen, dass Menschen ausgebrannt auf die Welt kommen oder über Nacht ausbrennen.“ Es tauchen aber auch bei ihnen „Ursachenbehauptungen auf, noch dazu ausschließlich berufs- bzw. arbeitsbezogene. Und die Symptomatik erscheint … doch ein wenig dürftig.“ (Burisch, 2006, S. 19)
1.2.5.3 Schwachpunkte der Produkt- oder Zustandsdefinitionen
Bei den Produkt- oder Zustandsdefinitionen stellte sich natürlich die Frage, woher man den weiß, ob jemand ausgebrannt ist oder nicht. In der frühen Phase der Burnoutforschung (vor den 80er Jahren des 20. Jh.) ging man von Fall-
schilderungen und -beobachtungen aus und versuchte daraus gleichsam „Regeln“ zu abstrahieren. Die gewonnenen Regeln wurden dann wieder mit entsprechenden „Fallstudien“ illustriert und bestätigt. Diese kasuistische Vorgangsweise, ein/mehrere Phänomen/-e einzufangen und zu definieren, entbehrt nicht der Gefahr der Zirkularität im Münchhausen-Stil.
Burisch meint zu dieser Vorgangsweise:
„Natürlich war die Zirkularität nicht gebannt, wenn Definitionen »anhand konkreter Fälle« versucht wurden. … Bevor man den persönlichen Hintergrund,
die Lebensumstände, die Reaktionen im akuten Stadium und schließlich die längerfristige Entwicklung eines von Burnout betroffenen Individuums studieren könnte, um es mit anderen, gegensätzlichen, zu vergleichen, wäre ja eine trennscharfe Regel vonnöten, die es gestatten würde, den einen Fall unter Burnout einzuordnen, den anderen nicht. Abgesehen davon, dass die [in Fachkreisen, Anm. H. U.] vorgeschlagenen »Regeln« alles andere als trennscharf waren - sie beruhten auf eben den Fällen, die nun wiederum zur Illustration herangezogen wurden! Man hob sich sozusagen an den eigenen Haaren aus dem Sumpf, an den eigenen Schnürsenkeln vom Boden ab. Wahrscheinlich ist aber eine solche »Bootstrapping«-Phase, in der man sich in Zyklen vom Standpunkt bloßer Intuition allmählich zu objektivierbaren Einteilungen hocharbeitet, am Anfang einer Forschungsentwicklung nicht zu überspringen. Zugegeben, es handelt sich um ein langwieriges Unterfangen ohne Erfolgsgarantie.“ (Burisch, 2006, S. 14)
Dazu wollen wir hier Folgendes bemerken: Es muss wissenschaftstheoretisch generell ernsthaft in Frage gestellt werden,
1. wenn aus einigen wenigen Fällen im Rahmen so genannter „Fallstudien“ Regeln mit allgemeinem Anspruch abgeleitet werden,
2. wenn man den „Münchhausen-Stil“ bzw. »Bootstrapping« und „bloße Intuition“ als nicht zu überspringende Forschungsnotwendigkeit proklamiert,
3. wenn man glaubt, dass jemand, wenn er nur lange genug »bootstrappt«, sich allmählich aus seiner Subjektivität zu objektivierbaren Einteilungen hocharbeiten kann, und 4. wenn man ein „langwieriges Unterfangen ohne Erfolgsgarantie“ proklamiert, ohne eben jene Kriterien zu kennen oder anzugeben, an welchen man jenen Erfolg erkennen kann, der in diesem langwierigen Unterfangen eben nicht garantiert werden kann.
„Fallstudien“ mögen ein guter und wahrscheinlich notwendiger Einstieg in wissenschaftliche Forschung sein, sie aber für diese als hinreichend zu erachten und unter dem Etikett „qualitative Forschung“ im Zeichen eben von qualitativer Forschung „quantitative Forschung“ zu pejorativieren, wird hier sowohl vom wissenschaftstheoretischen als auch vom wissenschaftsethischen Standpunkt bedauert. Es wird dies deshalb erwähnt, weil exzellente Bunout-Forscher/-innen, wie eben Matthias Burisch (2006) oder Marion Rook (1998), (hoffentlich nur) fallweise auch seltsam anmutende Ansichten entwickeln, wie das Zitat in folgendem Unterkapitel verdeutlicht.
1.2.5.4 Beispiele für Prozedur- oder Messverfahrensdefinitionen
„Zurück zu den frühen Stadien der Burnout-Forschung. Der kasuistische Zugang war der Gestaltqualität des Phänomens vermutlich angemessener als der, der ihn ablöste. Ab Anfang der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts nämlich etablierte sich ein einziges Messinstrument als Maß aller Dinge (das Maslach Burnout Inventory, bei nur schwacher Konkurrenz von Ayala Pines’ Tedium Measure …). Mit diesen Fragebögen bewaffnet, konnte nun jede und jeder nach Herzenslust herumforschen, ohne sich über Natur und Definition von Burnout auch nur einen einzigen Gedanken gemacht zu haben. Je höher die Punktewerte, desto »ausgebrannter« der Proband, ganz einfach. … [Eine] Schwemme von
Examensarbeiten und Dissertationen wäre ohne diesen Zugang nicht denkbar gewesen. Freilich, das sei nicht bestritten: Empirische Forschung an größeren Gruppen von Individuen ist ohne ökonomische Instrumente kaum möglich. Bis heute existieren beide Zugänge nebeneinander: Der qualitative, an Fällen orientierte, ganzheitlich-verbale dominiert die eher klinisch ausgerichtete Ratgeber-Literatur, der quantitative die Forschung. Beide haben ihre Schwächen.“ (Burisch, 2006, S. 15)
Burisch erscheint also das kasuistisch-induktive Vorgehen in der Burnout-Forschung im Hinblick auf die Gestaltqualität angemessener als ein gleichsam axiomatisch-deduktives über bestimmte Messinstrumente. Wir könnten aber genau so gut behaupten, dass die Gestaltqualität des Burnout-Phänomens durch ein wirklich gutes Messinstrument ebenso angemessen abgebildet wird, auch wenn das die Frage aufwirft, woher wir denn die „Axiome“ kennen, die wir über dieses Messinstrument (z. B. das Maslach Burnout Inventory oder das Tedium Measure von Pines oder die Staff Burnout Scale for Health Professionals von Jones) in die Realität tragen. „Axiome“ sind aber per definitionem von selbst einleuchtend und insofern nicht hinterfragbar. Wir verlassen uns in diesem Fall darauf, dass die Güte eines qualitativ hochwertigen Messinstrumentes im Hinblick auf seine Validität, seine Reliabilität und seine Objektivität über eine repräsentative Stichprobe sorgfältig geprüft wurde. Das einmal erfundene Rad muss also nicht unbedingt hinterfragt und neu erfunden werden. Eine sorgfältige Entwicklung und Prüfung von Erhebungsinstrumenten ist bei der Erhebung und Auswertung von Fallschilderungen kaum beobachtbar, sodass reine Fallstudien zu relativ willkürlichen Gestaltqualitäten führen, welche deshalb den Namen „qualitative Forschung“ kaum verdienen.
Es ist auch nicht einsichtig, warum ein nur an einzelnen Fällen orientierter Forschungseinstieg „ganzheitlich“ genannt werden soll, und ein Fragebogenmessinstrument wird auch nicht nonverbal kommuniziert.
Wir vertreten hier die Ansicht, dass keine zwei Zugänge nebeneinander existieren, sondern dass es nur einen Zugang zum Phänomen Burnout gibt, der sowohl qualitativer als auch quantitativer Natur ist. Was salopp als „qualitative Forschung“ und „quantitative Forschung“ einander konkurrierend gegenübergestellt wird, ist in Wirklichkeit ein Ganzes, eine Einheit. Mängel und Schwächen ergeben sich durch die Trennung des Zusammengehörigen. Ganzheitliche Forschung ist demnach qualitativ-quantitative Forschung.
In diesem Sinne ist „Burnout“ das, was ein hochwertiges Burnout-Messinstrument misst.
In Kapitel 1.5 sollen das Maslach Burnout Inventory (1.5.1 MBI), das Tedium Measure von Pines (1.5.2 TM), die Staff Burnout Scale for Health Professionals von Jones (1.5.3 SBS-HP), der Burnout-Indikator von Schröder (1.5.4 BI) und ein im Gesundheitsmagazin des Landes Niederösterreich im Jänner 2007 von Roland Goiser in einem Artikel unter der Überschrift
„Diagnose: Ausgebrannt“ als „Selbsttest Burnout“ beschriebener Schnelltest (unter 1.5.5 als Nö-SB bezeichnet) überblicksmäßig vorgestellt werden. Und um sich nicht dem Vorwurf auszusetzen, „sich über Natur und Definition von Burnout [niemals] auch nur einen einzigen Gedanken gemacht zu haben“, soll unter der Überschrift „Differentielles Burnout-Diagnoseinstrument“ ein eigener Entwurf entwickelt werden (1.5.6 DBDI), welcher allerdings den oben erwähnten hohen Anforderungen an die Überprüfung der Güte leider noch nicht entsprechen kann. Wir müssen eingestehen, dass uns hier Burischs Kritik nur zwischen zwei gleich großen Übeln wählen lässt: Übernehmen wir ein etabliertes Messinstrument, dann hätten wir selbst nicht nachgedacht; übernehmen wir keines und entwickeln wir ein eigenes, dann befindet sich dieses Messinstrument zunächst in einem ungeprüften Frühstadium.
1.2.6 Versuch einer umfassenden Arbeitsdefinition
Schaufeli und Enzmann schlugen 1998 folgende Arbeitsdefinition vor: „Burnout ist ein dauerhafter, negativer, arbeitsbezogener Seelenzustand »normaler« Individuen. Er ist in erster Linie von Erschöpfung gekennzeichnet, begleitet von Unruhe und Anspannung (distress), einem Gefühl verringerter Effektivität, gesunkener Motivation und der Entwicklung disfunktionaler Einstellungen und Verhaltensweisen bei der Arbeit. Diese psychische Verfassung entwickelt sich nach und nach, kann dem betroffenen Menschen aber lange unbemerkt bleiben. Sie resultiert aus einer Fehlanpassung von Intentionen und Berufsrealität. Burnout erhält sich wegen ungünstiger Bewältigungsstrategien, die mit dem Syndrom zusammenhängen, oft selbst aufrecht“ (Schaufeli & Enzmann, 1998, S. 36, zit. in Burisch, 2006, S.19)
In Übereinstimmung mit Burisch sehen wir, dass diese Definition ebenfalls eine Reihe von Fragen aufwirft: Was wird unter „Seelenzustand“ verstanden? „Reicht das Kernsymptom Erschöpfung für die Diagnose aus oder müssen auch die Begleitsymptome vorhanden sein? Alle? Wie stark oder wie lange? Ist die Ursachenerklärung durch Forschung hinreichend gedeckt? Warum werden nur schlecht passende »Intentionen« erwähnt, nicht aber mangelnde Kompetenzen oder ungewöhnliche Werte- oder Verhaltensmuster? Warum nur »Berufsrealität«, wenn sich dasselbe offenbar auch bei Arbeitslosen beobachten lässt? Sind die ungünstigen Bewältigungsstrategien Ursache oder Folge? Vor allem aber: Ließe sich aufgrund dieser Definition eine saubere Differentialdiagnostik vornehmen?“ (2006, S. 19)
Burisch kommt zu dem Schluss, dass es wahrscheinlich an der Zeit ist, „die Erwartungen an die Trennschärfe verbaler Definitionen zu senken“ und neigt aus persönlicher Betroffenheit zu folgender, ziemlich emotionsgeladenen Aussage:
„Obwohl rein metaphorisch und von jeder Trennschärfe weit entfernt - sie [die nachfolgende Definition von Maslach & Leitner; H. U.] ließe sich z. B. ohne weiteres auch auf die Folgen fortgeschrittenen Alkoholismus anwenden -, gefällt sie mir persönlich gut, weil sie die dramatischen Veränderungen kennzeichnet, die ich selbst in den vergangenen Jahren an einigen Menschen meines engsten
Bekanntenkreises beobachten musste. Hilflos übrigens, was ich nicht gerne einräume.
Er meint auch, dass es keine allgemein akzeptierte Burnout-Definition gibt und „dass Burnout beinahe alles und damit nichts ist“. Vor allem fällt die Abgrenzung „zu Nachbarbegriffen wie Belastung, Depression oder Konfliktreaktion (ihrerseits randunscharfe Einheiten) schwer“ und „so entspringt denn die stillschweigend operationale Definition »Burnout ist, was das MBI misst« im besten Fall einer gewissen Ratlosigkeit.“ (Burisch, 2006, S. 20)
Wir finden die bereits oben angeführte operationale Definition „»Burnout« ist das, was ein hochwertiges Burnout-Messinstrument misst“ keineswegs als ratlos, muss doch zunächst ein solches Qualitätsinstrument geschaffen und wissenschaftskritisch ausgiebig geprüft werden. Wir betonen, dass man beim wissenschaftlich seriösen Definieren der Rationalität gegenüber der Emotionalität den Vorzug geben sollte, und glauben, dass es eigentlich für die ganze Psychologie hoch an der Zeit wäre, sich wieder philosophisch-wissenschaftstheoretisch und philosophisch-wissenschaftsethisch abzusichern, um nicht Gefahr zu laufen, in beliebige, unverbindliche Boulevarddeuterei abzugleiten.
Dieses schwierige Kapitel des Definierens und Abgrenzens von „Burnout“ abschließend, erachten wir den Vorschlag von Paine (1982b), fünf Bedeutungsgruppen zu unterscheiden, als durchaus sinnvoll:
„ - Das Burnout-Stresssyndrom als Cluster emotional-verhaltensmäßiger Symptome,
- Burnout als mentale Störung - den Endzustand eines Burnout-Prozesses, - Burnout als Prozess mit regelhaften Phasen, - Burnout-Faktoren, d. h. alles, was zu Burnout beiträgt, - Burnout als Folgewirkung auf der Organisationsebene.“ (zit. in Burisch 2006, S. 20)
1.3 Verbreitung und Erkennen
(Symptomatologie, Zustands- und Verlaufsdiagnostik)
1.3.1 Bei welchen Personen wurde das Burnout-Syndrom bereits festgestellt?
Das Burnout-Syndrom wurde „mittlerweile bei rund 60 Berufen und Personengruppen beschrieben … . Das Burnout-Alphabet reicht von A wie Anwälte bis Z wie Zahnärzte“ (Burisch, 2006, S. 21). Folgende Aufstellung, gegliedert in grobe Oberkategorien, soll einen exemplarischen Einblick in jene Lebensbereiche bieten, in denen bereits mehr oder weniger häufig Burnout festgestellt wurde (vgl. Burisch, 2006, S. 21ff.):
► Beratung
► Dienstleistungsberufe (7):
► Hoheitsdienste (13):
► Medienberufe (3):
► Medizinische Versorgung (17):
► Nichtmedizinische Therapie (11):
- Beschäftigungstherapeuten (1)
► Pflege (22):
► Privatleben (3):
► Rettungspersonal (2):
► Seelsorge (7):
► Sozialarbeit im weiteren Sinne (22):
► Unterricht und Lehre (40):
► Verwaltung (9):
► Wirtschaft (15):
► Sonstiges (11):
Burisch bemerkt dazu, dass „mit Ausnahme einiger weniger Kategorien, vornehmlich der letztgenannten, […] es sich überwiegend um Berufe oder Rollen [handelt], von denen nicht nur Hilfe im technischen Sinne erwartet wird, sondern auch emotionale Zuwendung (also Versorgen, Beraten, Anleiten, Heilen, Schützen) die, weil professioneller Natur, beim Ausbleiben von Gegenseitigkeit nicht versiegen darf“ (2006, S. 24).
Wenn nun Burnout in vielen Berufen und Lebensbereichen vorkommen kann, so scheint es hier doch so, als ob sich zumindest das Forschungsinteresse in einigen Bereichen häuft: Nach oben angeführter Aufstellung führt bei den Veröffentlichungsnennungen der Bereich „Unterricht und Lehre“ (mit 40 Nennungen) vor „Pflege“ und „Sozialarbeit im weiteren Sinne“ (mit jeweils 22 Nennungen), gefolgt von „Beratung“ (20), „Medizinische Versorgung“ (17) und „Wirtschaft“ (15). Geht man von der Vorstellung aus, dass vor allem dort geforscht wird, wo ein Phänomen am ehesten oder am deutlichsten zu Tage tritt und/oder wo auf Grund eines weit verbreiteten, mehr oder weniger klaren oder diffusen Bedürfnisses oder Leidensdruckes ein objektiver Forschungsbedarf entsteht, dann kann man sagen: Burnout kann zwar überall auftreten und jeden betreffen, kommt aber in bestimmten, zumeist berufsbezogenen Lebensbereichen mit größerer Wahrscheinlichkeit vor.
1.3.2 Was ist es nun, was als „Burnout“ die Menschen in den diversen Lebensbereichen quält? (Zustandsdiagnostik)
Burisch meint dazu, dass das Symptombild in den von ihm angeführten Studien „[…] sehr vielschichtig, andererseits aber von Studie zu Studie überraschend einheitlich [ist].“ Aufgrund der in der Fachliteratur häufig genannten Symptome listet er sieben Oberkategorien von Burnout-Symptomen auf, die ihrerseits noch einmal in Unterkategorien aufgeteilt sind. Er sieht den Sinn einer solchen Zusammenstellung in der Schaffung eines ersten umfassenden Überblicks, „der sowohl »Wald« als auch »Bäume« erkennen lässt“, wobei allerdings „[…] sprachliche Unschärfen in Kauf zu nehmen [sind]“ und „[…] Symptome [teilweise] auch auf unterschiedlichen Abstraktionsebenen [liegen]“ (2006, S. 24f.).
Arbeit zitieren:
Hans Urach, 2007, Keep burning - BURNING - Burnout-Prophylaxe und -Therapie durch Shaolin-Qi Gong, München, GRIN Verlag GmbH
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