Diplomarbeit : Das polnische Städtesystem im europäischen Kontext Seite I
Inhaltsverzeichnis
Zusammenfassung 1
1. Einleitung 1
1.1. Fragestellung 2
1.2. Methodik und Struktur der Studie 3
1.2.1. Quellenlage und Methodik 3
1.2.2. Struktur der Arbeit 3
2. Das polnische Städtesystem als Ergebnis komplexer historischer Prozesse 4
2.1. Einflüsse auf die Raumstrukturen des polnischen Raumes vom Mittelalter bis
zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges 4
2.2. Zusammenwachsen des Städtesystems unter kommunistischer Herrschaft 6
3. Das polnische Städtesystem seit 1989 - Analyse der aktuellen Strukturen 8
3.1. Der nachholende Strukturwandel der polnischen Städte als Folge der seit der
Öffnung des Landes wirksamen marktwirtschaftlichen Prozesse 8
3.2. Die aktuellen Strukturen des polnischen Städtesystems 10
3.2.1. Zur Charakterisierung der größten polnischen Städte 15
3.2.2. Der Wandel regionaler Differenzen innerhalb Polens 23
4. Das polnische Städtesystem im europäischen Kontext 26
4.1. Polens Integration in die Strukturen der Europäischen Union 26
4.1.1. Die Geschichte des europäischen Einigungsprozesses und der Beitritt
Polens zur Europäischen Union 26
4.1.2. Wirtschaftliche Effekte des Beitritts Polens in die EU 27
4.1.3. Die neue polnische Verwaltungsgliederung und die polnischen
Sonderwirtschaftszonen im Zusammenspiel mit der EU-Regionalpolitik 28
4.2. Die Bedeutung des Europäischen Raumentwicklungskonzeptes für die polnische
Raumentwicklungspolitik 31
4.2.1. Entwicklung und rechtlicher Status des Europäischen Raumentwicklungs-
konzeptes 31
4.2.2. Die Entwicklungsziele des Europäischen Raumentwicklungskonzeptes als
Vorgaben für die zukünftige räumliche Entwicklung in den Ländern der
Europ äischen Union 32
4.2.3. Polyzentralität als Schlüsselbegriff für eine zukunftsfähige Entwicklung 33
4.2.4. Verschiedene Maßstabsebenen und der daraus abzuleitende Zielkonflikt 34
Diplomarbeit : Das polnische Städtesystem im europäischen Kontext Seite II
4.2.5. Die Konsequenzen der europäischen Raumentwicklungsziele für Polen 36
4.2.6. Raumentwicklungspolitische Instrumente der Europäischen Union 37
4.2.7. Das „Nationale Konzept zur räumlichen Entwicklung“ als
raumentwicklungspolitisches Instrument in Polen 40
4.2.8. Zu erwartende räumliche Entwicklungstrends mit dem Beitritt Polens zur
Europ äischen Union 43
4.3. Die Integration Polens in die Transeuropäischen Netze 46
4.3.1. Die Konzeption der Transeuropäischen Netze 46
4.3.2. Der Aufbau des TINA-Netzwerkes zur Überarbeitung der TEN 48
4.3.3. Finanzierung und Zeitplan der TEN-T 50
4.3.4. Die Lage und Bedeutung der Transeuropäischen Netze in Polen 51
4.3.5. Durch den Ausbau der TEN-T besonders begünstigte Regionen innerhalb
Polens 55
4.4. Das polnische Städtesystem in der Diskussion um „europäische
Metropolregionen “ 57
4.4.1. Die am Ende der 1980er Jahre aufkommende „Weltstadtforschung“ als
Ausgangspunkt für die Metropolendiskussion in Europa 57
4.4.2. Das „europäische“ Verständnis einer „Metropole“ 58
4.4.3. Vertreter der Raumforschung aus verschiedenen Ländern definieren den
Begriff „Metropole“ 60
4.4.4. Der Zusammenschluss zur Metropolregion eröffnet neue
Entwicklungschancen 64
4.4.5. Die Diskussion um die Erweiterung des Städtesystem-Ansatzes 65
4.4.6. Spezialisierungen ermöglichen auch kleineren Städten die Entwicklung
metropolitaner Funktionen 68
4.4.7. Im Zuge der Systemtransformation erreicht der
Metropolenbildungsprozess Polen 69
4.5. Die Entwicklung von Raumbildern zur Veranschaulichung räumlich-funktionaler
Zusammenh änge 78
4.5.1. Das Städtesystem in Europa - erste europäische Raumbilder 78
4.5.2. Die Integration des polnischen Städtesystems in einen
grenz überschreitenden europäischen Zusammenhang 81
5. Schlussbetrachtung 87
Quellenverzeichnis 93
Diplomarbeit : Das polnische Städtesystem im europäischen Kontext Seite
Abbildungsverzeichnis :
Abb. 1: Das Eisenbahnnetz auf dem Territorium des heutigen Polen im Jahre 1914
Abb. 2: Polens Westverschiebung nach dem Zweiten Weltkrieg
Abb. 3: Die städtischen Zentren der polnischen Woiwodschaf ten und Bezirke und
ihre Bevölkerungsgröße im Jahr 2002
Abb. 4: Die Bevölkerungsdichte in Polen im Jahre 1992
Abb. 5: Unterschiedliche Polarisierungsgrade von Städtesystemen
Abb. 6: Rang-Größen Verteilung polnischer Städte, 1950 und 1998
Abb. 7: Geplante Autobahnen und Schnellstraßen in Polen
Abb. 8: Regionales BIP pro Kopf in Polen im Jahre 1997 (EU-15 100, in
Kaufkraftparit äten)
Abb. 9: Regionale Verteilung und Entwicklung der Arbeitslosigkeit in Polen (Stand:
1996)
Abb. 10: Polens größte Städte und die 16 neuen polnischen Regionen nach der
Verwaltungsreform im Jahre 1999
Abb. 11: Modell einer ausgeglichen räumlichen Entwicklung in Polen
Abb. 12: Die 10 paneuropäischen Korridore in Mittel- und Osteuropa (Straßennetz)
Abb. 13: Die 10 paneuropäischen Korridore in Mittel- und Osteuropa (Schienennetz)
Abb. 14: Die TINA-Korridore in Mittel- und Osteuropa (Straßennetz)
Abb. 15: Die TINA-Korridore in Mittel- und Osteuropa (Schienennetz)
Abb. 16: Planungen für ein zukünftiges Autobahnnetz in Polen
Abb. 17: Die europäischen Verkehrskorridore in Polen
Abb. 18: Die polnischen Flughäfen im Jahre 1996 (zur geographischen Einordnung)
Abb. 19: Dienstleistungsspezialisierung im Rahmen der Produktzyklustheorie
Abb. 20: Die Metropolregion Warschau im räumlichen Kontext
Abb. 21: Kategorisierung von Metropolen in Mittel- und Westeuropa durch Parysek
Abb. 22: Klassifikation der MEGAs in Europa
Abb. 23: Metropolen im heutigen Polen
Abb. 24: Die Hierarchie der Weltstädte
Abb. 25: Die „Blaue Banane“ von Brunet
Abb. 26: Das „20-40-50-Pentagon“
Abb. 27: Der mediterrane „Sunbelt“ im Rahmen weiterer europäischer Raumbilder
Abb. 28: „The European Grape“ („die europäische Traube“)
Abb. 29: Der zentraleuropäische „Boomerang“
Abb. 30: Kooperation in einer Großregion - das „deutsch-polnische Haus“
Abb. 31: Das europäische „Pentagon“ im Rahmen der MEGA-Typologie
Abb. 32: Das europäische „Pentagon“ und die mitteleuropäische „Triangel“
Abb. 33: Potentielle globale Integrationszonen in Europa
Abb. 34: Regionaler Entwicklungsstand polnischer Regionen nach einer Analyse von
Landwirtschaft , Industrie und Handel
Diplomarbeit: Das polnische Städtesystem im europäischen Kontext Seite IV
Verzeichnis häufig verwendeter Abkürzungen:
BIP
COMECON EU
EUREK ESPON FUA MCR
MEGA NUTS SWZ -Sonderwirtschaftszone TEN
TEN-T TINA
Verzeichnis verwendeter Städtenamen in Deutsch (links) und Polnisch (rechts)
Allenstein
Gdingen Gleiwitz Kattowitz -Katowice Krakau -Kraków Liegnitz
Lodz Lublin -Lublin Posen -Pozna -
Swinemünde Thorn Warschau -Warszawa Zopot -Sopot Zur flüssigeren Lesbarkeit des Textes werden in dieser Arbeit die deutschen Ortsbezeichnungen verwendet. Wenn keine deutsche Bezeichnung existiert, wird die polnische Bezeichnung verwendet. Durch die Verwendung der deutschen Ortsnamen sollen keine politischen Aussagen getroffen werden.
Diplomarbeit: Das polnische Städtesystem im europäischen Kontext Seite 1
Zusammenfassung
Diese Arbeit betrachtet die historischen Hintergründe der Entwicklung des polnischen Städtesystems sowie die aktuellen Prozesse und Strukturen im polnischen Raumgefüge. Mit Blick auf die Prozesse der Globalisierung und der europäischen Integration werden die Potentiale im polnischen Städtesystem für die Ausbildung metropolitaner Funktionen eingeschätzt sowie die Möglichkeiten für die Herausbildung eines neuen europäischen Kernraumes unter Beteiligung polnischer Agglomerationen betrachtet. Im Ergebnis lässt sich festhalten, dass die polnische Hauptstadt Warschau eindeutig als europäische Metropole eingestuft werden kann. Eine Reihe weiterer bedeutender polnischer Städte ist zudem auf einem viel versprechenden Weg, ebenfalls an internationaler Bedeutung zu gewinnen und in den „Rankings“ der europäischen Stadtregionen aufzusteigen. In Bezug auf die Ausbildung eines zweiten bzw. dritten europäischen Kernraumes (neben dem europäischen „Pentagon“ und dem „europäischen Sunbelt“) sind sehr viele potentielle Raumbilder denkbar. Letztlich scheint jedoch eine Verflechtung unter den bedeutendsten mitteleuropäischen Hauptstädten (Budapest, Bratislava, Wien, Prag, Berlin und Warschau) in Form einer so genannten „Triangel“ wahrscheinlich.
1. Einleitung
Die Republik Polen liegt geographisch im Herzen des Europäischen Kontinents. Mit einer Fläche von 312.685 qkm und einer Bevölkerung von über 38 Millionen Menschen ist Polen einer der größeren Staaten in Europa. Aufgrund historischer Prozesse, wie etwa der deutschen Ostsiedlung im Mittelalter und der preußischen Besetzung polnischer Gebiete im 19. Jahrhundert, sind große Teile Polens eng mit dem Westen verbunden. Nach einer längeren Phase der Nicht-Existenz und den Wirren der beiden Weltkriege kam der junge polnische Staat unter sowjetische Herrschaft, womit die Verbindungen nach Westeuropa zwischenzeitlich unterbrochen wurden. Mit dem Systemwechsel in den mittel- und osteuropäischen Staaten und der Öffnung des „Ostblocks“ gegenüber dem Westen im Jahre 1989 erlebte die polnische Gesellschaft jedoch einen radikalen Wandel in allen Lebensbereichen. Seitdem wurde das Land zunehmend in den europäischen Integrationsprozess eingebunden, was schließlich im Mai des Jahres 2004 in dem Beitritt Polens in die Europäi sche Union gipfelte.
Diplomarbeit: Das polnische Städtesystem im europäischen Kontext Seite 2
1.1. Fragestellung
Mit der Öffnung Polens gegenüber dem „Westen“ und mit der Integration in die Strukturen der Europäischen Union wirken sich globale und insbesondere europäische Prozesse immer stärker auf die räumliche Entwicklung des polnischen Staatsterritoriums aus. Aufbauend auf der Darstellung der wechselvollen Geschichte Polens widmet sich diese Arbeit der Analyse der aktuellen Strukturen des polnischen Städtesystems - also der hierarchischen Ordnung und funktionalen Verflechtung des Systems von Städten innerhalb Polens - und der sie beeinflussenden Faktoren. Es wird der Frage nachgegangen, welche Einflüsse die Öffnung und die Integration Polens in die Europäische Union auf das polnische Städtesystem ausüben 1 . Der Fokus wird dabei auf die potentielle Ausbildung metropolitaner Funktionen in den größten polnischen Agglomerationen 2 und ihre potentiellen internationalen Verflechtungen gelegt. Der europäische Kontext ist dabei durch gravierende territoriale Ungleichgewichte gekennzeichnet, deren Bedeutung für die verschiedenen räumlichen Ebenen in dieser Arbeit ebenfalls nachgegangen werden soll. Die zentralen Fragestellungen der Arbeit lauten wie folgt:
- Welche Strukturen lassen sich im aktuellen polnischen Städtesystem erkennen und welche Rolle spielen historische Faktoren bei deren Genese?
- Wie wirken sich die Öffnung Polens und die Integration Polens in die Europäische Union auf das polnische Städtesystem aus? Lässt sich in diesem Zusammenhang die Ausbildung von metropolitanen Funktionen im polnischen Städtesystem beobachten?
- Kann man im Zuge der Systemtransformation von einem Wandel im polnischen Raumgefüge bis hin zu der Ausbildung eines neuen wirtschaftlichen Schwerpunktraumes innerhalb des polnischen Staatsterritoriums sprechen?
- Ergeben sich räumlich-funktionale Verflechtungen mit dem Ausland, die dazu führen könnten, dass ein neuer transnationaler Integrationsraum, wie er vom Europäischen Raumentwicklungskonzept (EUREK) gefordert wird, entsteht?
Aufgrund der vielfältigen Aspekte und der hohen Komplexität der Einflüsse der europäischen Ebene auf die polnische Stadt- und Raumentwicklung wird sich diese Arbeit im Wesentlichen auf die Betrachtung der räumlich-funktionalen Bedeutung der größten polnischen Städte beschrän ken. Auf andere europäische Aspekte wie etwa die umfangreiche Förderkulisse der
1 Unter „europäischem Kontext“ wird in dieser Arbeit sowohl der Ausbau der raumstrukturellen Beziehungen zu den umgebenden Staaten auf dem europäischen Kontinent als auch die Integration Polens in die raumentwicklungspolitischen Strukturen der Europäischen Union verstanden (vgl. Stöber, 2002, S.19).
2 Eine Agglomeration ist eine „räumliche Ballung und/oder Verdichtung von Bevölkerung, Wirtschaft (besonders Industrie und Gewerbe) sowie technischer Infrastruktur in regionaler bis lokaler Größenordnung“ (Leser, 2001, S.17).
Diplomarbeit: Das polnische Städtesystem im europäischen Kontext Seite 3
Europäischen Union, worunter auch der Bereich der „sozialen Stadtentwicklung“ fällt, wird aufgrund des geringen direkten Einflusses auf die Ausbildung metropolitan-funktionaler Verflechtungen eben so wenig eingegangen, wie etwa auf die Bedeutung der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit im Rahmen der so genannten Euroregionen.
1.2. Methodik und Struktur der Studie
1.2.1. Quellenlage und Methodik
Die Forschungsarbeit baut auf einem Literaturstudium auf, wobei überwiegend aktuelle Literatur (ab dem Jahr 2000) aus den Beständen der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung (BBR) in Bonn-Mehlem, des Leibniz-Instituts für Länderkunde (IfL) in Leipzig sowie Publikationen aus dem Internet in deutscher, englischer und vereinzelt auch in französischer und polnischer Sprache berücksichtigt wurden. Die polnischsprachige Fachliteratur kann nur in Einzelfällen berücksichtigt werden, da dem Autor diese Sprache bisher noch unzulänglich bekannt ist. Über ihre englischsprachigen Publikationen werden allerdings auch die Positionen und Forschungsergebnisse polnischer Autoren berücksichtigt. Der Verzicht auf eigene empirische Erhebungen ergibt sich aus der hohen Komplexität des Themas und der großmaßstäblichen Diskussionsebene, aufgrund derer sie kaum einen Beitrag zum Erreichen des Forschungszieles leisten könnten.
1.2.2. Struktur der Arbeit
Die Arbeit ist wie folgt aufgebaut: In Kapitel 2 wird zunächst der nötige Hintergrund über die historischen Voraussetzungen für die räumliche Entwicklung Polens gegeben. Im Anschluss daran werden in Kapitel 3 die Entwicklungstrends polnischer Großstädte seit der Wende (Abschnitt 3.1.) und die aktuellen Strukturen des polnischen Städtesystems vorgestellt (Abschnitt 3.2.), wobei der Fokus auf den Funktionsbereichen der wichtigsten Zentren des Landes liegt. Auch die regionalen Differenzen werden in diesem Kapitel angesprochen. Darauf aufbauend soll in Kapitel 4 der eigentliche Diskurs über die Positionierung der polnischen Städte im europäischen Zusammenhang dargestellt und diskutiert werden. Nach der Darstellung der Einbindung Polens in die Europäische Union (Abschnitt 4.1.) wird dabei auf zentrale Aspekte wie die Entstehung und den rechtlichen Status des EUREK (Abschnitt 4.2.) und der TEN (Abschnitt 4.3.) sowie ihre Bedeutung für Polen eingegangen. Zudem folgt eine Übersicht über die aktuelle Diskussion über europäische Metropolen bzw. Metropol-
Diplomarbeit: Das polnische Städtesystem im europäischen Kontext Seite 4
regionen (Abschnitt 4.4.) und europäische Raumbilder (Abschnitt 4.5.). Abschließend sollen in Kapitel 5 die wesentlichen Aspekte zusammengefasst und die Fragen aus Kapitel 1 beant-wortet werden.
2. Das polnische Städtesystem als Er -
gebnis komplexer historischer Prozesse
2.1. Einflüsse auf die Raumstrukturen des polnischen
Raumes vom Mittelalter bis zum Ausbruch des Zweiten
Weltkrieges
Die Geschichte der polnischen Identität beginnt mit der Besiedlung des Raumes Großpolen 3 durch den westslawischen Stamm der Polanen im 5. Jahrhundert nach Christus. Im 10. Jahr-hundert entsteht in diesem Gebiet das Herzogtum Polen, welches in den folgenden Jahr-hunderten in Verbindung mit Litauen zu einem der bedeutendsten europäischen Großmächte seiner Zeit wird (Esser, 1998, S.12; vgl. Pelzer 1991, S.104f.; vgl. auch Droth, Grimm u. Haase, 2000, S.17f.). Die urbane Entwicklung (bspw. die Entwicklung des freien Bürgertums) des polnischen Raumes zu jener Zeit verlief entlang eines Gradienten von Südwest nach Nordost, ausgehend vom Rheintal als traditionellem wirtschaftlichen Kernraum Europas. Des Weiteren führten fruchtbarere Böden und höhere Vorkommen an Bodenschätzen im Süden des heutigen Staates Polen zu einer fortschrittlicheren Entwicklung in jenen Gebieten. Bis heute wirken sich diese Faktoren in einem höheren Urbanisierungsgrad und einer fortschrittlicheren wirtschaftlichen Entwicklung in den südwestlichen Landesteilen aus (Jadewska u. Rykiel, 2002, S.281).
Durch innenpolitische Streitigkeiten kam die Adelsrepublik Polen im 18. Jahrhundert unter den Einfluss ausländischer Mächte und wurde - in den Jahren 1772, 1793 und 1795 - unter den drei Großmächten Preußen, Russland und Österreich-Ungarn aufgeteilt (Esser, 1998, S.13ff.; vgl. auch Droth, Grimm u. Haase, 2000, S.18ff.). Während der Besatzung galt es, die polnische Kultur (insbesondere die Sprache und den katholischen Glauben) zu erhalten,
3 Der Raum „Großpolen“ bezieht sich in diesem Zusammenhang in etwa auf die heutige westpolnische Region „Großpolen“ mit deren größter Stadt Posen.
Diplomarbeit: Das polnische Städtesystem im europäischen Kontext Seite 5
während die drei verschiedenen Landesteile wirtschaftlich und infrastrukturell auf die jeweiligen Großreiche ausgerichtet wurden. In dieser Zeit erlangten die westlichen Gebiete aufgrund ihrer Zugehörigkeit zum preußischen Territorium einen zusätzlichen Entwicklungsvorsprung - insbesondere gegenüber den 1795 bis 1917 russisch besetzten Gebieten in Ost- und Zentralpolen - in den Bereichen Wirtschaft und Infrastruktur (vgl. Abb. 1) (Korcelli, 2005, S.133; Jordan, 2005, S.166; Grimm, 1998, S.138f.). Die großen
polnischen Städte bildeten in dieser Zeit lediglich geringe zentrale Funktionen aus, da sieam Rande der jeweiligen Großreiche gelegen - vor allem als militärische Stützpunkte und weniger als wirtschaftliche Bezugspunkte dienten. Im Ersten Weltkrieg kämpften Polen auf allen Seiten für einen ihnen jeweils zugesicherten eigenständigen souveränen Staat, den sie im Sommer 1918, unmittelbar nach der Beendigung des Krieges , nach 123 Jahren der Fremdbestimmung endlich erlangten (Poul u. Zimmermann 2007, S.30; Esser, 1998, S.15; vgl. Davies, 1985).
In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg sollte das neue polnische Territorium zusammenwachsen. Jedoch verhinderten die deutlichen Unterschiede in Verwaltung, Bildung und Infrastruktur, die Orientierung der verschiedenen Landesteile insbesondere auf den deutschen bzw. russischen Absatzmarkt und die ständige Bedrohung durch die beiden übermächtigen Nachbarstaaten Deutschland und Russland die wirtschaftliche Entwicklung in Polen. Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges 1939 bedeutete das jähe Ende des jungen souveränen polnischen Staates (Poul u. Zimmermann 2007, S.30).
Diplomarbeit: Das polnische Städtesystem im europäischen Kontext Seite 6
2.2. Zusammenwachsen des Städtesystems unter kom-
munistischer Herrschaft
Noch während der Kriegshandlungen wurden die Grenzen Polens für die Zeit nach dem Krieg durch die Alliierten verhandelt. Stalin bestand auf die Umsetzung des nach dem Ersten Weltkrieg ausgehandelten Grenzverlaufes zwischen Polen und der UdSSR entlang der so genannten Curzon-Linie (vgl. Esser, 1998, S.15; Alscher, 2004, S.216), die dem Verlauf des Bug
Industriebetriebe wurden verstaatlicht, die Landwirtschaft wurde teilweise zwangskollektiviert. Anstelle der Ziele des Zusammenwachsens und Ausgleichs der polnischen Gebiete trat das Ziel, eine sozialistische Gesellschaftsordnung aufzubauen (Esser, 1998, S.16; v. Zon, 1995, S.166) 6 . Um die regionalen Anteile der Arbeiterklasse an der Bevölkerung zu erhöhen und damit den politischen Einfluss in den betreffenden Gebieten zu verstärken wurden neue Industrieansiedlungen stark gefördert. Die Ansiedlungspolitik neuer Fabriken schwankte zwischen Groß- und Mittelstädten, wie auch zwischen alten Industriezentren und bisher ge-
4 Beispielsweisewurde die polnische Bevölkerung Lembergs, heute im Westen der Ukraine gelegen, im Jahre 1945 größtenteils in die ehemals deutsche, und von da an westpolnische Stadt Breslau, umgesiedelt (Alscher, 2004, S.219).
5 Vor dem Beginn des Ersten Weltkrieges lebten Deutsche und Polen noch alltäglich-normal nebeneinander. Die ethnische Vermischung war wesentlich stärker als etwa im deutsch-französischen Grenzraum und auch die Zweisprachigkeit war sehr verbreitet (Droth, Grimm u. Haase, 2000, S.16).
6 Blazyca, Heffner u. Heliska-Hughes (2002) nennen hingegen das Ziel des regionalen Ausgleichs im kommunistischen Polen durch Investitionen in sogenannte „single-plant towns“, wie etwa Nowa Huta bei Krakau (Blazyca, Heffner u. Heliska-Hughes, 2002, S.268).
Diplomarbeit: Das polnische Städtesystem im europäischen Kontext Seite 7
ring industrialisierten Gebieten. Polyzentrale Ansiedlungsstrategien scheiterten häufig an der geringen Verfügbarkeit finanzieller Mittel. So war etwa die Förderung von kleineren Städten nicht möglich. Administrative Kontrollen zur Begrenzung des Bevölkerungswachstums der größten Zentren, wie etwa in Warschau, Krakau, Posen, Lodz und Danzig, die unter akutem Wohnraummangel zu leiden hatten 7 , waren nur von kurzer Dauer (1965-1970), da sie unwirtschaftlich und damit langfristig nicht finanzierbar waren. Etablierte Industrieregionen, wie etwa das oberschlesische Ballungsgebiet, konnten durch ihren Schwerpunkt auf die Schwerindustrie entgegen den Zielen einer polyzentralen Entwicklung weiter anwachsen (Korcelli, 2005, S.135f.; Korcelli, 1998, S.157; vgl. Kotus u. Parysek, 1995, S.92; vgl. Jadewska u. Rykiel, 2002, S.277; vgl. auch Slaby, 2007, S.41f.)
Durch die Westverschiebung des polnischen Territoriums kam es zu einem plötzlichen Anstieg des städtischen Bevölkerungsanteils in Polen. Im Gegensatz zu den eher ländlich geprägten, verlorenen Gebieten in der heutigen Ukraine, waren die ehemals preußischen Gebiete im Westen wesentlich weiter entwickelt und stärker urbanisiert. Auch zog es die junge Landbevölkerung aufgrund der Zwangskollektivierungen in die nach den Kriegszerstörungen wieder aufgebauten und von Industrieansiedlungen bevorzugten Städte (vgl. Kotus u. Parysek, 1995, S.92f.). In den folgenden Jahren erhöhte sich der Anteil der urbanen Bevölkerung in Polen dramatisch. Besonders profitieren konnten die großen Städte mit einer Bevölkerung von über 200.000 Einwohnern (vgl. Matczak u. Szymaska, 2002, S.39f.; Jadewska u. Rykiel, 2002, S.281ff.), wohingegen die kleinen Städte mit einer Bevölkerung von unter 5.000 Einwohnern seit 1945 aufgrund fehlender Industrieinvestitionen mit nahezu kontinuierlichen Bevölkerungsverlusten zu kämpfen hatten (Kotus u. Parysek, 1995, S.109). Lediglich die kurze Phase der ökonomischen Krise und sozialen Unruhen durch den Wider-stand der Gewerkschaft Solidarno zu Beginn der 1980er Jahre führte zu einer deutlichen Verlangsamung des Wachstums der Groß- und Mittelstädte und zu einer Bevölkerungszunahme in den Kleinstädten (Jadewska u. Rykiel, 2002, S.286) 8 . In der Folge der landesweit einsetzenden Streiks der 1980er Jahre und im Zuge des ab 1985 eingeschlagenen Reformkurses der Sowjetunion unter Michail Gorbatschow kam es im Jahre 1989 zum Zusammenbruch des Sozialismus und damit zu einer Öffnung Polens gegenüber dem Westen (Esser, 1998, S.16).
7 Die Konzentration der Entwicklung auf die Schwerindustrie und die damit verbundene Vernachlässigung der technischen und sozialen Infrastruktur führte zu einem Wohnraummangel in den prosperierenden Zentren (vgl. Matczak u. Szymaska, 2002, S.43; Jadewska u. Rykiel, 2002, S.278).
8 Dabei waren die großen Städte die Hauptquelle einer umfangreichen Auswanderungswelle von über einer Mil- lion Polen nach Westeuropa und Nordamerika in den Jahren 1981 bis 1990 (Korcelli, 2005, S.136).
Diplomarbeit: Das polnische Städtesystem im europäischen Kontext Seite 8
Von der Entwicklung eines zusammenhängenden polnischen Städtesystems kann erst seit der sowjetisch dominierten Phase gesprochen werden. Die Periode der nationalen Selbstbestimmung zwischen den beiden Weltkriegen war hierfür zu kurz. Die zentralistisch und totalitär geführte Regierungsweise der Volkrepublik Polen und die damit verbundene hermetische Abriegelung der polnischen Grenzen während der Zeit der sowjetischen Besetzung führte jedoch schnell zu der Herausbildung eines geschlossenen und intern verknüpften nationalen Städtesystems (Grimm, 1998, S.139f.). Die jeweiligen Bevölkerungszugewinne durch die massive Industrialisierung und Verstädterung des polnischen Raumes in jener Zeit konzentrierten sich nahezu ausschließlich auf die mittelgroßen bis großen Städte. Diese konnten jedoch aufgrund des erst allmählichen Zusammenwachsens der über ein Jahrhundert lang geteilten Gebiete sowie der Westverschiebung des polnischen Territoriums lange Zeit keine dominanten Positionen mit den sonst üblichen primären Funktionen ausbilden. Daher entwickelte das zusammenwachsende polnische Städtesystem trotz des politischen Zentralstaates relativ polyzentrale Strukturen (Jadewska u. Rykiel, 2002, S.272ff.).
3. Das polnische Städtesystem seit 1989
- Analyse der aktuellen Strukturen
3.1. Der nachholende Strukturwandel der polnischen
Städte als Folge der seit der Öffnung des Landes wirk-
samen marktwirtschaftlichen Prozesse
Mit der Wende des Jahres 1989 und der damit verbundenen Öffnung Polens kam es zu einem Umbau der politischen und wirtschaftlichen Systeme in Polen
9
. Wichtige Aspekte dabei waren die Wiedereinführung lokaler politischer Strukturen
10
und die umfassende Privatisierung im Sinne eines freien wettbewerbsorientierten Unternehmertums. Nach dem jahrzehntelangen Zusammenwachsen des polnischen Städtesystems unter planwirtschaftlichen Bedin-
9 InPolen ist der wirtschaftliche Umstrukturierungsprozess eng mit dem sogenannten Balcerowicz-Plan verknüpft (vgl. Ochmann, 2002, S.241; Czyewski et al., 2001, S.79-87). Zur Entwicklung des wirtschaftlichen Umstrukturierungsprozesses vergleiche auch Gorzelak, 2001, S.311ff.
10 Durch ein Gesetz vom 8. März des Jahres 1990 wurde die lokale politische Ebene wieder eingeführt (Parysek, 2004, S.110).
Diplomarbeit: Das polnische Städtesystem im europäischen Kontext Seite 9
gungen mit einer Priorität auf dem industriellen Bereich und einem schwach ausgeprägtenals unproduktiv angesehenen - Dienstleistungssektor, war das Städtesystem von nun an marktwirtschaftlichen Prozessen und internationaler Konkurrenz ausgesetzt. Die polnische Regierung folgte damals dem Rat zahlreicher Wissenschaftler und Berater, den marktwirtschaftlichen Kräften freien Lauf zu lassen. Nach einer Phase der Depression und des wirtschaftlichen Niedergangs in der ersten Hälfte der 1990er Jahre kam es zu einer rasanten „nachholenden“ Entwicklung in Polen, die vor allem durch den markanten Prozess der Tertiärisierung in den polnischen Städten geprägt war 11 . Heute zählt Polen, auch aufgrund jener durchgreifenden Reformen, zu den wirtschaftlich erfolgreichsten Transformationsstaaten Mittel- und Osteuropas (Hardy, 2007, S.761; vgl. Parysek, 2004, S.113; Matczak u. Szymaska, 2002, S.45; vgl. auch Abraham u. Eser, 1999, S.93f.). Durch den Prozess der Öffnung und Liberalisierung der polnischen Wirtschaft konnten sich umfassende zentral-örtliche städtische Funktionen entwickeln. Diese führten zu der Ausbildung hierarchischer Ordnungsprinzipien im polnisc hen Städtesystem (Jadewska u. Rykiel, 2002, S.275).
Nach mehr als drei Jahrzehnten der Tertiärisierung im Europäischen Kernraum, mit heute etwa 80-90 Prozent der Beschäftigten im Dienstleistungssektor, gewannen seit dem Jahr 1989 auch in den großen polnischen Städten - die die Vorreiter der wirtschaftlichen Umstrukturierungsprozesse in Polen waren - die Dienstleistungen gegenüber der Landwirtschaft und vor allem gegenüber der in Polen technologisch veralteten Industrie, immer mehr an Bedeutung. Besondere Wachstumsraten waren in Bereichen zu verzeichnen, die zuvor im sozialistischen Wirtschaftssystem noch kaum entwickelt waren, so etwa im Bereich der Finanzdienstleistungen (Banken, Versicherungen etc.). Ausländische Direktinvestitionen in neue private Unternehmensbereiche spielen dabei eine große Rolle (Parysek, 2004, S.112; Parysek, 2005, S.109). Heute liegt der Anteil der Beschäftigten im Dienstleistungssektor in polnischen Agglomerationen bei Werten um 60 Prozent, Tendenz steigend (Paal, 2005a, S.44f.). Lediglich Warschau erreicht mit einem Anteil von 80 Prozent der Beschäftigten im Dienstleistungs-sektor im Jahr 2004 bereits Werte, die denen westeuropäischer Metropolregionen entsprechen (vgl. Grochowski, Pieniazek u. Wilk, 2006, S.226f.).
Als negativer Begleiteffekt dieser Entwicklungen ist eine rasant gestiegene Arbeitslosigkeit festzustellen, die vor 1989 kaum eine Rolle spielte 12 . Dabei variiert die Arbeitslosenquote in
11 Der schnelle, unregulierte Umstrukturierungsprozess in Polen hatte zur Folge, dass innerhalb kurzer Zeit Restrukturierungsprozesse (Rationalisierungen) nachgeholt werden mussten, die im westlichen Europa bereits etwa 20 Jahre zuvor vollzogen worden waren (Hardy, 2007, S.765).
12 Als Gründe für die rasant gestiegene Arbeitslosigkeit seit 1989 sind unter anderem der Zusammenbruch des osteuropäischen Wirtschaftsverbundes COMECON und damit des Absatzmarktes für polnische Industrieprodukte mit der Wende, ein rationellerer Einsatz von Arbeitskräften sowie der einsetzende technologische Fort- schritt, der ebenfalls zu einem Arbeitsplatzabbau beitrug, zu nennen (vgl. Parysek, 2004, S.113; vgl. Churski,
Diplomarbeit: Das polnische Städtesystem im europäischen Kontext Seite 10
den polnischen Städten in Abhängigkeit von ihrer Größe und ihrer jeweiligen ökonomischen Struktur zwischen 5 und 40 Prozent. Besonders kleine und mittelgroße Städte, die in der Transformationsphase ihre wirtschaftliche Basis (insbesondere Industrieunternehmen) ver-loren, sind stark betroffen. In größeren Städten mit einer diversifizierteren Wirtschaftsstruktur sind dagegen tendenziell eher geringere Arbeitslosenquoten zu verzeichnen (Parysek, 2004, S.112f.; Parysek, 2005, S.100ff.).
Zu den Städten, die als Gewinner des Transformationsprozesses gezählt werden können, zählen laut Parysek die multifunktionalen Städte Warschau, Posen, Breslau, Krakau, Danzig und Gdingen (Parysek, 2004, S.112). Sie sind Zentren von Infrastruktur, Dienstleistungen, Wissenschaft und Forschung, Kultur, Handel sowie Knoten internationaler Verkehrswege (Parysek, 2005, S.108). Städte mit monofunktionaler Ausrichtung hingegen verlieren auf-grund des Bedeutungsverlustes der alten Industriestrukturen zunehmend an wirtschaftlicher Bedeutung (Droth, Grimm u. Haase, 2000, S.43f.).
3.2. Die aktuellen Strukturen des polnischen Städte-
systems
Das Grundgerüst des polnischen Städtesystems, welches zu einem Großteil bereits im Mittel-
Czyu. Hauke, 2000; vgl. Kühne, 2000). Die höchsten Arbeitsplatzverluste waren in den beiden Sektoren
Diplomarbeit: Das polnische Städtesystem im europäischen Kontext Seite 11
als achthundert Städten 13 besteht, in den südlichen und westlichen Landesteilen, im Vergleich zu den Gebieten der nördlichen Tiefebene, ist auf die bereits im vorangehenden Kapitel dargestellten historischen Ursachen zurückzuführen (vgl. Abb. 3) (Jadewska u. Rykiel, 2002, S.281; vgl. auch Droth, Grimm u. Haase, 2000, S.48f.; Markowski u. Stawasz, 2003, S.40).
Polen ist seit dem Jahr 1990 durch einen relativ konstanten Urbanisierungsgrad von nahezu 62
Trotz der höheren Städtedichte im Südwesten Polens, lässt sich das polnische Städtesystem aufgrund der regelmäßigen Verteilung von Städten der verschiedenen Größenordnungen dennoch als ausgesprochen polyzentral beschreiben. Die bedeutendsten Agglomerationsräume des Landes (Oberschlesien, Warschau, Lodz, Krakau, Breslau, Posen, Danzig, Stettin, Lublin und Biaystok) liegen außerordentlich gleichmäßig im Raum verteilt und ermöglichen dadurch die Erschließung des gesamten polnischen Territoriums. Zudem sind sie nahezu alle
Landwirtschaft und Bergbau zu verzeichnen (vgl. Hardy, 2007, S.765).
13 Zur Bestimmung des rechtlichen Titels „Stadt“ als rein administrative Definition in Polen mit einem ungefähren unteren Schwellenwert von etwa 1.000 Einwohnern vergleiche Jadewska u. Rykiel, 2002, S.273 sowie Parysek, 2005, S.101.
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Hauptknotenpunkte des nationalen und internationalen Verkehrs (Droth, Grimm u. Haase, 2000, S.31f.).
Die „Rang-Größen-Verteilung“ (rank-size-rule) eines Städtesystems geht bei einem „reifen“
Wie auf der Abbildung 6 zu sehen ist, kann das polnische Städtesystem als vergleichsweise ausgeglichen bezeichnet werden. Die demo-
graphische und funktionale Primatstruktur („Primacy“) der Hauptstadt ist aufgrund der bereits geschilderten geschichtlichen Entwicklung sehr gering (Korcelli, 2005, S.133f.; Kemper, 2006, S.3). Ähnlich wie im Falle Berlins in Deutschland ist die Vorrangstellung der Agglomeration Warschau mit einem Bevölkerungsanteil von nur etwa 6 Prozent (2002: 2,4 Millionen Einwohner) an der Gesamtbevölkerung Polens eher gering. Das oberschlesische Ballungsgebiet mit insgesamt 14 Großstädten. und etwa 3,8 Millionen Einwohnern ist sogar wesentlich bevölkerungsreicher als die Hauptstadtregion. Hinzu kommen noch eine Reihe weiterer bedeutender städtischer Agglomerationsräume,
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nämlich Lodz, Krakau, die „Dreistadt“ (bestehend aus dem Agglomerationsraum Danzig-Gdingen-Zopot), Posen und Breslau, die alle Bevölkerungszahlen zwischen 1 und 1,5 Millionen Einwohnern aufweisen und wichtige wirtschaftliche und kulturelle Funktionen mit nationaler Reichweite haben (vgl. Buchhofer, 1981, S.107ff.; Korcelli, 2005, S.133f.; vgl. Korcelli, 1997b, S.47). Die Agglomerationen von Stettin, Lublin und Biaystok sind in Bezug auf die Bevölkerungsgröße etwas kleiner und wirtschaftlich weniger bedeutsam. Der Bevölkerungsanteil der genannten Agglomerationsräume beträgt etwa 40 Prozent der Gesamtbevölkerung Polens. Da sich auch das wirtschaftliche Potential des Landes stark auf diese städtischen Zentren konzentriert, ist davon auszugehen, dass die weitere wirtschaftliche Entwicklung Polens insgesamt stark von den Entwicklungen in diesen Agglomerationsräumen abhängig ist (Markowski u. Stawasz, 2003, S.40). Die Position Warschaus im polnischen Städtesystem ist mit der Berlins im deutschen Städtesystem vergleichbar. Die polnische Hauptstadt teilt hochrangige Handelsfunktionen mit den Städten Posen und Danzig, in Bezug auf kulturelle Aspekte ist die Bedeutung Krakaus sehr hoch und in Bezug auf das Bevölkerungspotential liegt Warschau hinter dem oberschlesischen Ballungsgebiet lediglich an zweiter Stelle (Korcelli, 1995, S.11). Damit steht das polnische Städtesystem im starken Kontrast zu eher monozentrischen Städtesystemen wie denen von Großbritannien und Frankreich, da dort die jeweiligen Hauptstädte eine wesentlich größere Dominanz über die nationalen Städtesysteme ausüben.
In der jeweiligen Struktur der einzelnen Agglomerationsräume sind große Unterschiede festzustellen. Die meisten polnischen Agglomerationen, darunter Warschau, Lodz und Posen, sind durch monozentrische Raumstrukturen charakterisiert. Im Falle der Dreistadt ist ein bibis trizentrisches Stadtgefüge zu erkennen (Danzig-Gdingen bzw. Danzig-Gdingen-Zopot) wohingegen der oberschlesische Ballungsraum 14 eine ausgeprägt polyzentrale Raumstruktur aufweist (vgl. Buchhofer, 1981, S.108).
Die besonderen Strukturen in Oberschlesien und der Agglomeration Danzig-Gdingen-Zopot lassen sich auf historische Gegebenheiten zurückführen. So führte die Konzentration des Kohlebergbaus in Oberschlesien zu der Herausbildung eines stark urbanisierten industriellen Ballungsgebietes mit einem Gefüge von Mittel - und Großstädten (Slaby, 2007, S.42). Die bibis trizentrische Entwicklung der Dreistadt hingegen lässt sich auf die historische Trennung Danzigs vom polnischen Staatsterritorium in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen zurückführen. Aus diesem Anlass ließ die damalige polnische Regierung den Hafen von Gdingen zum wichtigsten Hafen Polens ausbauen, was die demographische und wirtschaft-
14 „EinBallungsraum ist ein siedlungsgeographischer Begriff für ein größeres Gebiet, in dem Menschen, Gebäude, wirtschaftliche Tätigkeit und technische Infrastruktur konzentriert sind“ (Leser, 2001, S.63). Der Begriff wird auch synonym für Agglomeration, Ballungsgebiet und Verdichtungsraum verwendet.
Diplomarbeit: Das polnische Städtesystem im europäischen Kontext Seite 14
liche Entwicklung der Stadt vorantrieb (Droth, Grimm u. Haase, 2000, S.20; Grimm, 1998, S.139). Die spätere Eingliederung Danzigs in den polnischen Staat hatte dann die beschriebene polyzentrale Struktur in diesem Gebiet zur Folge.
Auch wenn die fünf größten Agglomerationsräume des Landes (Warschau, Lodz, Krakau, Kattowitz, Danzig) sowie andere Großstädte (wie zum Beispiel Breslau und Posen) zurzeit mit leichten Bevölkerungsabnahmen zu kämpfen haben (vgl. Droth, Grimm u. Haase, 2000, S.43f.), ist diese Entwicklung nicht einer erlahmenden Wirtschaftstätigkeit dieser wichtigsten Zentren zuzuschreiben, sondern vielmehr den allgemein ablaufenden Prozessen von Dezentralisierung und Suburbanisierung. Nach Gewerbe und Einzelhandel sowie einer erhöhten Dynamik im privatwirtschaftlichen Wohnungsbau, zieht es nun auch die Wohnbevölkerung in die suburbane Zone. Die daraus resultierende Intensivierung der Pendlerbeziehungen hängt auch unmittelbar mit der positiven Einkommensentwicklung und dem steigenden Motorisierungsgrad der polnischen Bevölkerung zusammen (Fassmann u. Matznetter, 2005, S.55ff.; vgl. Parysek, 2005, S.111). Obwohl diese Trends in der nahen Zukunft wahrscheinlich andauern werden, scheinen sie nicht zu einer weit reichenden Reorganisation des polnischen Städte systems zu führen. Das System ist stattdessen durch eine starke Trägheit gekennzeichnet, greifbar in einer geringen Wanderungsintensität zwischen den Städten und zwischen Land und Stadt (Korcelli, 2005, S.140f.; Gorzelak, 1996, S.119).
Die geringen Veränderungen für das generelle Muster der Bevölkerungsverteilung in Polen seit der Wende werden allgemein begrüßt, da die polyzentrale Struktur des polnischen Städtesystems als Vorteil gewertet wird und auch in Zukunft erhalten bleiben soll (Korcelli, 2005, S.133ff.; Korcelli, 1998, S.158) 15 .
Dennoch ist festzustellen, dass sich bestimmte Wachstumspole innerhalb des Städtesystems herauskristallisieren. Dazu zählt vor allem die Hauptstadt Warschau, die in zahlreichen Bereichen eine Führungsrolle innerhalb Polens eingenommen hat. Zum anderen entwickeln sich die Städte im Westen Polens (insbesondere Posen und Breslau) sehr dynamisch. Hier spielt sicherlich die Nähe zur sozioökonomischen Kernregion der Europäischen Union eine große Rolle (Korcelli, 2005, S.141). Auch Parysek nennt die Agglomerationen Breslau, Krakau, Posen, die Dreistadt und allen voran Warschau als die führenden Stadtregionen 16
15 Zur demographischen Entwicklung der polnischen Städte seit dem Zweiten Weltkrieg vergleiche Parysek, 2005, S.100ff.; Jadewska u. Rykiel, 2002, S.287; Matczak u. Szymaska, 2002; Korcelli, 1998.
16 Unter einer Stadtregion versteht man ein Strukturmodell, welches der Erfassung sozioökonomischer Raumeinheiten dient. Stadtregionen bestehen aus einer Großstadt oder mehreren eng benachbarten Städten und ihrem Umlandbereich. Merkmale wie die Bevölkerungsdichte, die Einwohner-Arbeitsplatz-Dichte etc. dienen der Gliederung in bestimmte Zonen (Leser, 2001, S.816). In dieser Arbeit soll der Begriff jedoch vorwiegend in einem einfacheren Sinne, als Stadt mit ihrem umgebenden Umland, verwendet werden.
Diplomarbeit: Das polnische Städtesystem im europäischen Kontext Seite 15
Polens und erkennt ihnen die fortgeschrittenste Entwicklung in den Bereichen des ökonomischen, sozialen und kulturellen Lebens innerhalb Polens zu (Parysek, 2005, S.113).
3.2.1. Zur Charakterisierung der größten polnischen Städte
Wie bereits angesprochen, entwickelten sich die größten polnischen Städte mit einer diversifizierten ökonomischen Struktur und einer wettbewerbsfähigen Infrastrukturausstattung seit der Systemtransformation in Polen am dynamischten. Sie wurden zu Zielgebieten in- und ausländischer Investitionen und es kam dort zu einer deutlichen Verbesserung der Lebensbedingungen. Diese Städte üben heute wichtige Funktionen nationaler Reichweite in den Bereichen Wirtschaft, Transport, Kultur und Fremdenverkehr aus. Industrielle Monostrukturen (Bergbau, Textilindustrie, Werftindustrie) und erhebliche Umweltschäden wirken sich dagegen nachteilig auf die städtischen Entwicklungschancen und auf den regionalen Arbeitsmarkt aus (Pütz, 1998, S.10f.; Parysek, 2004, S.109; Korcelli, 1997a, S.52) 17 .
Forschungsarbeiten über die Entwicklungsprozesse in den polnischen Agglomerationen kommen meist zu folgender Wachstums- oder Entwicklungshierarchie: Warschau, Posen, Krakau, Danzig (Dreistadt), Kattowitz, Lodz, Breslau, Stettin, Lublin, Biaystok (Markowski u. Stawasz, 2003, S.40; vgl. Parysek, 2005, S.104; vgl. auch Gorzelak, 1996, S.121). Diese Städte üben meist wichtige überregionale Funktionen aus, sind verkehrsinfrastrukturell gut angebunden und verfügen über ein bedeutendes Bevölkerungspotential. Im Folgenden sollen diese Agglomerationen entlang der hierarchischen Reihenfolge näher vorgestellt werden 18 .
Warschau
Wichtige Wachstumsfaktoren für die Stadt Warschau ergeben sich aus ihrem Status als einzige Millionenstadt Polens mit über 1,6 Millionen Einwohnern, woraus sich besondere Agglomerationsvorteile 19 ableiten lassen, aus ihrer Funktion als nationale Hauptstadt sowie aufgrund ihrer günstigen geographischen Lage, was sie zu einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt innerhalb Polens macht (Grochowski, Pienia zek u. Wilk, 2006, S.225).
17 Die beste Arbeitsmarktsituation herrscht in den großen städtischen Zentren vor, schlechte Aussichten bestehen dagegen in den nördlichen und westlichen ländlichen Regionen sowie in einigen überbevölkerten landwirtschaftlichen Regionen im Südosten (Gorzelak, 2001, S.320).
18 Zu den Stärken und Schwächen der polnischen Regionalhauptstädte vergleiche auch Gorzelak, 2001, S.326ff.. Zum Bevölkerungspotential und zu den regionalen Verflechtungsräumen der größten polnischen Städte vergleiche Czy (1995).
19 In Agglomerationen können durch geringe Transportkosten, bessere Absatzchancen, ein differenziertes Arbeitskräfteangebot etc. Kostenvorteile für die Produktion und die Vermarktung von Produkten entstehen. Jedoch können sich durch die Überschreitung bestimmter Optimalwerte auch Agglomerationsnachteile bilden (bspw. überhöhte Bodenpreise, Umweltbelastungen, Verkehrsprobleme) (Leser, 2001, S.17; vgl. auch Hall, 2004, S.36).
Arbeit zitieren:
Lueder Thienken, 2008, Das polnische Städtesystem im europäischen Kontext, München, GRIN Verlag GmbH
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