INHALTSVERZEICHNIS
1. Einleitung. 1
2. Wahrnehmung 4
2.1 Bedeutung der Wahrnehmung. 4
2.2 Neurophysiologische Grundlagen 4
2.3 Der Prozess der Wahrnehmung 6
2.4 Die Sensorische Integration. 8
2.5 Die für die Wahrnehmung bedeutsamen Sinnessysteme und ihre
Bedeutung für schulisches Lernen. 10
2.5.1 Der taktile Analysator. 10
2.5.2 Der kinästhetische Analysator 11
2.5.3 Der vestibuläre Analysator 12
2.5.4 Der visuelle Analysator 13
2.5.5 Der auditive Analysator. 14
2.6 Die Entwicklung der Wahrnehmung 15
2.7 Der Zusammenhang von Wahrnehmung und Bewegung. 17
2.8 Resümee 18
3. Lese-Rechtschreibschwäche (LRS) 20
3.1 Begriffbestimmung. 20
3.2 Erklärungsansätze zur Ursachenforschung der LRS 21
3.2.1 Medizinischer Ansatz 21
3.2.2 Psychologischer Ansatz. 22
3.2.3 Soziologischer Ansatz 22
3.2.4 Pädagogischer Ansatz. 23
3.2.5 Das Teilleistungskonzept. 24
3.2.6 Stufenmodell der Schriftsprachentwicklung 27
3.2.7 Praxisrelevanz der Ansätze. 30
3.3 Symptomatik und Erscheinungsbilder. 32
3.3.1 Probleme des Lesens 33
3.3.2 Probleme des Rechtschreibens 33
3.3.3 Probleme der Motorik 34
3.3.4 Probleme des Verhaltens 35
3.4 Diagnose 36
3.4.1 Die Differenzierungsprobe für Sechs- bis Siebenjährige 38
3.4.2 Die Funktionsprobe für Lese- und Schreiblernvoraussetzungen
nach SOMMER-STUMPENHORST 40
3.5 Resümee 41
4. Die Situation von Kindern mit LRS in der Grundschule. 43
4.1 Der LRS-Erlass NRW 43
4.2 Der Lehrplan Sprache. 45
4.3 Die psycho-soziale Lage 48
4.3.1 Die gegenwärtige Situation von Schülern mit LRS. 48
4.3.2 Die Situation in der Familie. 49
4.3.3 Die soziale Eingliederung in der Klasse. 51
4.3.4 Die Einstellung des betroffenen Kindes zu sich selbst. 52
4.3.5 Psychosomatische Beschwerden 53
4.4 Resümee 53
5. Wahrnehmungsförderung im Schulalltag bei Kindern mit LRS 55
5.1 Wahrnehmungsförderprogramme 56
5.1.1 Der Kieler Lese- und Schreibaufbau 56
5.1.2 Die Sinnesschulung von MONTESSORI 57
5.1.3 Die Förderung nach BREUER/WEUFFEN 59
5.1.4 Das Förderprogramm nach SOMMER-STUMPENHORST 61
5.2 Förderung im Sportunterricht 63
5.2.1 Wahrnehmungsförderung in der Psychomotorik. 64
5.2.2 Praxisbeispiele aus der Psychomotorik 66
5.3 Förderung im Elternhaus 68
5.4 Der Einsatz von Computern in der Wahrnehmungsförderung 70
5.5 Grenzen der Wahrnehmungsförderung 73
5.6 Resümee 74
6. Schlussbetrachtung. 75
7. Literaturverzeichnis 78
TABELLENVERZEICHNIS
Tab. 1: Grundwahrnehmungsbereiche 10
Tab 2: Unterschiedliche Lerngeschwindigkeit von Kindern 27
ABBILDUNGSVERZEICHNIS
Abb. 1: „Verzweifelter Junge“
Abb. 2: Schematische Darstellung des ZNS
Abb. 3: Verlauf des Wahrnehmungsprozesses
Abb. 4: Regelkreis von Handlung und Wahrnehmung
Abb. 5: Die Welt der Tassen und Buchstaben’
Abb 6: Störenfriede’
Einleitung 1
1. Einleitung
„Viele verurteilen lautstark,
mit gewichtiger Miene, Menschen in Situationen, in denen sie selbst noch nie handeln mussten.“ (ALLERT-WYBRANIETZ, 1993, 34)
„Streng dich an!“, „Konzentriere dich!“, „Pass besser auf!“... all diese Kommentare bekommen viele Kinder in der Grundschule zu hören. Doch stimmt es, dass diese Kinder sich nicht anstrengen, sich nicht konzentrieren oder nicht aufpassen, wenn sie Probleme beim Lesen und Schreiben lernen haben? In der Schule werden bestimmte Anforderungen an Kinder gestellt, die jedoch nicht von allen erfüllt werden können. Die betroffenen Kinder fallen meistens durch Konzentrationsschwierigkeiten auf, können sich nur schwer Buchstaben einprägen, vertauschen beim Schreiben ähnlich aussehende Buchstaben und lassen sich - scheinbar unbegründet - im Unterricht schnell ablenken (vgl. GÜNTHER 1998, 4). Oft werden diese Symptome als ‚Wahrnehmungsauffälligkeiten’ b eschrieben. Sie werden unter anderem als Ursache dafür gesehen, warum Kinder unter erschwerten Bedingungen lesen und schreiben lernen. Im Rahmen dieser Arbeit werde ich auf das Thema der Wahrnehmungsförderung bei Kindern mit Lese-Rechtschreibschwäche (LRS) in der Grundschule eingehen. Fakt ist, dass viel mehr Kinder Schwierigkeiten mit dem Erlernen des Lesens und Rechtschreibens haben, als häufig angenommen. Als angehende Grundschullehrerin sehe ich hier ein schwerwiegendes Problem, da es die Aufgabe der Grundschule ist, allen Kindern die grundlegenden Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben und Rechnen nahe zu bringen. Viele Lehrer/innen wissen jedoch nicht, wie sie mit diesen Kindern umgehen sollen, und wie sie ihnen helfen können. Ziel meiner Arbeit ist es daher, die Relevanz der Wahrnehmung für das Lesen und Schreiben lernen zu prüfen. Die Bedeutung der Wahrnehmungsförderung soll
Einleitung 2
hervorgehoben werden und der Leser Anregungen für die praktische Umsetzung im Schulalltag bekommen. Untersuchen werde ich vor allem, auf welcher theoretischen Grundlage die Wahrnehmungsförderung basieren sollte und ob eine Förderung der Wahrnehmung im Hinblick auf LRS Sinn macht. Mir ist wichtig, dass Kinder mit LRS besser verstanden werden, dass ihnen Hilfen gegeben werden können und Vorurteile den Kindern gegenüber abgebaut werden. Die Funktion der Wahrnehmung bildet neben grundlegenden neurophysiologischen Aspekten die Grundlage der vorliegenden Arbeit. Auch die für die Wahrnehmung wichtigen Sinnessysteme sind von Bedeutung. Einen weiteren Faktor der Wahrnehmung bildet die Bewegung. Lernen ohne bewegen ist nicht möglich. Daher ist die Wahrnehmung stets im Zusammenhang mit Bewegung und aktivem Handeln zu sehen (Kap. 2).
Die Lese-Rechtschreibschwäche ist sehr vielschichtig. Daher ist es zunächst nötig, den Begriff der Lese-Rechtschreibschwäche genauer zu bestimmen und herauszuarbeiten. Die verschiedenen, in der Literatur vorherrschenden, Theorieansätze zur Ursachenklärung werden dargestellt, um die Komplexität des Themas aufzuzeigen. Um das Problem genauer zu illustrieren werde ich auf die Symptomatik und Erscheinungsbilder einer LRS eingehen sowie Diagnosemöglichkeiten aufzeigen. Der Zusammenhang von LRS und Wahrnehmung soll hier an mehreren Stellen deutlich werden (Kap. 3).
Weiterhin wird die aktuelle Situation von Kindern mit Lese-Rechtschreibschwäche und deren Schwierigkeiten in der Schule thematisiert. Wichtig ist hierbei die Berücksichtigung des LRS-Erlasses NRW von 1991, sowie der Lehrplan Sprache des Landes NRW. Kinder mit LRS befinden sich in einer veränderten psycho-sozialen Situation, die besondere Beachtung finden sollte (Kap. 4).
Im Anschluss an den theoretischen Teil meiner Arbeit ist mir das Thema ‚Wahrnehmungsförderung im Schulalltag bei Kindern mit LRS’ ein Anli egen. Nach der Darstellung verschiedener Fördermöglichkeiten in Schule und Elternhaus und am Computer schließt sich die Ausführung unterrichtspraktischer Beispiele an. Diese beziehen sich unter anderem auf den Sportunterricht, da im vorangegangenen Teil die Bedeutung von Bewegung und Wahrnehmung deutlich gemacht wurde (Kap. 5).
Einleitung 3
Durch das Bearbeiten der o. g. Themen soll deutlich werden, dass es Menschen mit einer gut funktionierenden Wahrnehmung oft schwer fällt, sich in die Lage der Kinder mit Schwächen in diesem Bereich hineinzuversetzen. Die Kinder mit einer eingeschränkten Wahrnehmung, die Probleme beim Lesen und Schreiben lernen haben, wollen es lernen, können es jedoch manchmal nicht. Wir als Pädagogen haben die Aufgabe, den Kindern verständnisvoll zur Seite zu stehen und ihnen zu helfen, dass sie lernen können,was siewollen.
Wahrnehmung 4
2. Wahrnehmung
„Unter Wahrnehmung versteht man den Prozess der Informationsaufnahme aus Umwelt- und Körperreizen (äußere und innere Wahrnehmung) und der Weiterleitung, Koordination und Verarbeitung dieser Reize im Gehirn.“( ZIMMER 1995a, 31). Die Wahrnehmung ist ein aktiver Prozess, bei dem der Mensch sich mit seiner Umwelt und deren Gegebenheiten auseinandersetzt (vgl. ZIMMER, 1995a, 31).
2.1 Bedeutung der Wahrnehmung
Die Wahrnehmung ist für uns ein selbstverständlicher Teil des alltäglichen Lebens. Sie ist stets an die Interaktion mit der Umwelt gebunden und bestimmt unser tägliches Handeln. Die einfließenden Sinnesreize müssen verarbeitet und differenziert werden, d. h., dass wichtige von unwichtigen Informationen getrennt werden. Das Sinnessystem hat die Aufgabe, aus einer Fülle von Reizen die Information auszuwählen, die für die momentane Situation von Bedeutung ist. Um dieser hohen Anforderung gerecht zu werden, muss das Kind stets die Möglichkeit bekommen, sich aktiv mit seiner Umwelt auseinander zu setzen, um das Wahrnehmungssystem zu schulen und zu fördern. Durch eine gute Wahrnehmung werden Kinder sicherer in ihren Bewegungen und in den Anforderungen, die an sie gestellt werden. Dies bezieht sich auf alle Bereiche des Lernens und in der Welt seins (vgl. ZIMMER 1995a, 65).
2.2 Neurophysiologische Grundlagen 1
Das zentrale Nervensystem ist der Ort der Reizverarbeitung und Koordination der Sinne. Es stellt somit das Steuerungs- und Überwachungssystem für unser gesam-
1 Indiesem Kapitel soll vornehmlich ein kurzer Überblick über die für die Wahrnehmung bedeutsamen neurologischen Zusammenhänge gegeben werden. Für den interessierten Leser finden sich weitere, detailliertere Informationen in:
FRÖHLICH, Andreas D (Hrsg.): Wahrnehmungsstörungen und Wahrnehmungsförderung. 9. vollst. überarb. Aufl., Heidelberg, Winter, Programm Ed, Schindele, 1996
ZIMMER, Renate: Handbuch der Sinneswahrnehmung, 3. Aufl., Herder, Freiburg, 1995 BRAND,I n g e l i d ,B REITENBACH,E r w i n ,M AISEL, Vera: Integrationsstörungen. Diagnose und Therapie im Erstunterricht, 6. Aufl., Ed. Bentheim, 1997 Diesen Publikationen sind auch die Informationen für dieses Kapitel entnommen.
Wahrnehmung 5
tes Lernen und Verhalten dar. Zum Zentralnervensystem gehören das Gehirn und das Rückenmark.
Das Gehirn umfasst das Großhirn mit seinen beiden Großhirnhemisphären und dem Hirnstamm, der es mit dem verlängerten Rückenmark, der Medulla oblongata verbindet. Im Rückenmark werden die Nervenbahnen zusammengefasst. Informationen aus der Umwelt werden über die sensorischen, aufsteigenden Nervenbahnen zum Gehirn geleitet, wo sie weiterverarbeitet, und als motorische, absteigende Nervenbahnen zu den Muskeln in die Peripherie geleitet werden. Auch einfache Reflexe fallen in den Aufgabenbereich des Rückenmarks (vgl. FRÖHLICH 1996, 18).
Der Hirnstamm enthält die Formatio reticularis. Dies ist eine netzförmige Nervenmasse, die sich vom verlängerten Mark bis zum Zwischenhirn zieht. Hier werden alle sensorischen Informationen miteinander verknüpft. Der Hirnstamm ist somit ein wichtiger Bestandteil zur Verarbeitung und Integration aller eingehenden Informationen (vgl. ZIMMER 1995a, 34).
In der Hinterkopfregion befindet sich das Kleinhirn. Es koordiniert alle Bewegungen des Menschen, indem es eingehende Nachrichten aus den Sinnesorganen und Instruktionen der Großhirnrinde zuordnet und aufeinander abstimmt. Das Zwischenhirn ist eine Verbindung zwischen Großhirn und Hirnstamm. In ihm liegen der Thalamus, der Hypothalmus und das Limbische System. Alle Sinne (mit Ausnahme des Riechsinns) senden ihre Informationen über den Thalamus zum Großhirn. Er stellt somit den wichtigsten Teil der bewussten Wahrnehmung
Wahrnehmung 6
hirn. Er stellt somit den wichtigsten Teil der bewussten Wahrnehmung dar (vgl. FRÖHLICH 1996, 21). Der Hypothalamus reguliert das Hormonsystem. Wichtig für die Entstehung von Gefühlen ist das Limbische System. Sinneswahrnehmungen werden mit Gefühlen verbunden und mit früheren Erfahrungen zusammengeschlossen. Eine bedeutende Funktion kommt dem Limbischen System bei der Gedächtnisspeicherung und beim Lernen zu. 2
Die Großhirnrinde ist die äußere Schicht der beiden Großhirnhemisphären. Sie ist eine dünne, stark gefaltete Nervengewebsschicht. Hier werden das Denken, das Bewusstsein, die Sprache, die Motorik und das Körpergefühl gesteuert. Diesen Leistungen können bestimmte Rindenareale zugeordnet werden. Weiterhin hat jede Hemisphäre hat einen speziellen Aufgabenbereich. So schreibt man der linken Hälfte die Sprachproduktion und Spracherkennung zu, während die rechte Hälfte für nicht-verbale Leistungen und die räumliche Wahrnehmung zuständig ist (vgl. ZIMMER 1995a, 35). Die linke und die rechte Gehirnhälfte werden durch den sog. Balken miteinander verbunden. Das bedeutet, das beide nicht unabhängig voneinander arbeiten und gleichermaßen angesprochen werden müssen. 3 Neben diesem makrophysiologischen Aufbau des Zentralnervensystems existiert ein mikrophysiologischer Aufbau. 4 Hierunter fasst man die kleinsten Bausteine des Nervensystems, die Nervenzellen. Die Nervenzellen nehmen Reize auf und leiten sie unter Einbezug von Synapsen weiter. Durch Übung und häufige Benutzung werden die Synapsen stetig verändert und schneller in ihrer Tätigkeit. Die Informationsverarbeitung erfolgt dann ökonomischer.
2.3 Der Prozess der Wahrnehmung
Um den Prozess der Wahrnehmung zu beschreiben, ist es notwendig, einige Grundbegriffe der Sinneswahrnehmung zu erläutern. Die sensorischen Reize werden von den Sinnesorganen durch Analysatoren aufgenommen, zum Gehirn weitergeleitet und dort verarbeitet.
2 Das Limbische System ist z. B. für die Motivation eines Menschen von Bedeutung und damit für das schulische Lernen von Belang.
3 Diese Kenntnis ist für die pädagogische Praxis von Bedeutung, da der Unterrichtsstoff so dargestellt werden sollte, dass beide Gehirnhälften angesprochen werden.
4 Eine detaillierte Beschreibung soll an dieser Stelle nicht erfolgen. Weiterführende Hinweise finden sich in den o. g. Publikationen.
Wahrnehmung 7
Ein Analysator ist eine sensorische Funktionseinheit zur Aufnahme, Weiterleitung und Verarbeitung eines Reizes. Der Analysator besteht aus Rezeptor, afferenter Nervenbahn und entsprechendem Anteil der Hirnrinde. Man unterscheidet u. a. den optischen, akustischen, vestibulären, taktilen und kinästhetischen Analysator (vgl. ROTHING 1992, 33; vgl. Kap. 2.5).
Rezeptor bedeutet ‚Empfänger’, d. h. es handelt sich um eine physiologische Ei nrichtung an Zellen, Organen oder ganzen Systemen, die bestimmte physikalische und/oder chemische Gegebenheiten registriert. Die Rezeptoren spielen u. a. bei der Aufnahme der Umweltinformation und der ‚Übersetzung’ in den Org anismus eine entscheidende Rolle. So messen z. B. Dehnungsrezeptoren den Längenzu-stand in der Muskulatur. Der Rezeptor ist ein wichtiger Teil einer sensorischen Funktionseinheit, dem sog. Analysator (vgl. ROTHING 1992, 382). Jeder Rezeptor ist für einen bestimmten Reiz empfindlich. Er liegt an für ihre spezifischen Reize besonders exponierten Stellen.
Nervenleitungen, die Informationen vom Sinnesorgan zum Gehirn senden, bezeichnet man als aufsteigende (afferente) Bahnen. Vom Gehirn zu den ausführenden Organen verlaufende Impulse nennt man absteigende (efferente) Nervenfasern (vgl. ZIMMER 1995a, 42). Die Summe aller Sinneseindrücke nennt man Sinnesempfindung. Zu dieser kommt noch eine individuelle Deutung, die durch Erfahrungen und bereits vorhandenes Wissen entsteht. Dieser Vorgang wird als Wahrnehmung bezeichnet (vgl. ZIMMER 1995a, 43). Im Folgenden beschreibe ich den Weg vom ankommenden Reiz zur Reaktion. Abbildung 3 verdeutlicht diese Erläuterung. Die Aufnahme des Reizes erfolgt durch den entsprechenden Rezeptor des Sinnesorgans. Von dort wird er durch aufsteigende Nervenfasern in die entsprechenden sensorischen Zentren der Großhirnhälfte weitergeleitet.
Im Gehirn wird das Wahrgenommene gespeichert und der neue Reiz wird mit bereits Vorhandenem verglichen. Anschließend werden die Informationen aus den Sinnesorganen ausgewählt und bewertet. Im Gehirn erfolgt dann die Koordination der Einzelreize der verschiedenen sensorischen Zentren. Der Reiz wird verarbeitet und in die bisherigen Erfahrungen eingeordnet. Nach dieses Prozessen kommt es zur Reaktion. Diese erfolgt dadurch, dass die absteigenden Nervenfasern den Im- puls des Gehirns zum ausführenden Organ leiten. Dies sind z. B. die Muskeln und
Wahrnehmung 8
Sehnen des Körpers. Durch die ausgelöste Reaktion werden wiederum weitere Wahrnehmungen ausgelöst und der o. g. Prozess beginnt erneut. Daher ist der Prozess der Wahrnehmung auch als immer wiederkehrender Regelkreis zu verstehen und nicht als abgeschlossene Handlung (vgl. ZIMMER 1995a, 45).
2.4 Die Sensorische Integration
Der Begriff der sensorischen Integration geht auf die Ergotherapeutin Jean AYRES zurück. Nach AYRES beinhaltet die sensorische Integration das Ordnen der Empfindungen und Sinneseindrücke, damit diese richtig gebraucht werden können. Die Autorin geht davon aus, dass eingehende Impulse durch das Gehirn sortiert, geordnet und in einen zweckmäßigen Zusammenhang gebracht werden, damit das Individuum entsprechend mit der Umwelt interagieren kann. Sensorische Integration stellt ihrer Ansicht nach die wichtigste Form sinnlicher Verarbeitung dar (vgl. AYRES 1998, 7). Daraus lässt sich schließen, dass die sensorische Integration ein Teil des Wahrnehmungsprozesses ist, der unter 2.3 erläutert wurde. Durch die Integration werden Empfindungen in Wahrnehmung übergeführt. Durch alltägliche Tätigkeiten wie z. B. bewegen, sprechen und spielen vollzieht sich die sensorische Integration. Sie ist die notwendige Voraussetzung für kom-
Wahrnehmung 9
plexere Vorgänge wie z. B. Lernprozesse im Lesen, Schreiben und Rechnen. Bei gut geordneten sinnlichen Integrationsprozessen wird es dem Kind leichter fallen, kognitive und soziale Fähigkeiten zu erlernen. Die Lernprozesse eines Kindes werden durch eine beständige Auseinandersetzung mit der Umwelt erreicht. Durch die sogenannte Anpassungsreaktion erfährt das Kind den umfassendsten geistigen und körperlichen Adaptationsfortschritt. Die Anpassungsreaktion ist die sinnvolle und zielgerichtete Antwort auf einen sensorischen Reiz. Das Gehirn entwickelt sich hierdurch weiter, um ein ganzheitliches System zu schaffen (vgl. AYRES 1998, 11.).
Eine schlechte sensorische Integration kann zu den verschiedensten Schwierigkeiten der betroffenen Kinder führen. Sie müssen sich mehr anstrengen und haben trotz aller Mühen meist weniger Erfolg und Befriedigung (vgl. AYRES 1998, 12). Probleme der sensorischen Integration sind jedoch nicht gleichzusetzen mit geistiger Entwicklungsverzögerung, denn viele Kinder mit Mühen in diesem Bereich haben meist eine normale bis überdurchschnittliche Intelligenz (vgl. ebd.). Schon zu Beginn der Schulzeit kann ein Kind mit einer gestörten sensorischen Integration große Schwierigkeiten bekommen, da es intensiver arbeiten muss als seine Klassenkameraden, und sich dadurch hilflos und ängstlich fühlt. Es gibt einige spezifische Symptome, die Kinder mit einer schlechten sensorischen Integration aufzeigen. Dennoch müssen nicht alle Betroffenen, die diese Merkmale zeigen, zwangsläufig an einer gestörten sensorischen Integration leiden. Im Folgenden soll auf diese möglichen Anzeichen kurz eingegangen werden. Viele Kinder zeigen motorische Auffälligkeiten. Sie bewegen sich tollpatschig und können sich nicht so elegant und leicht bewegen wie die anderen. Auch beim Spielen ist eine Ungeschicklichkeit im Umgang mit den Materialien zu sehen. Z. B. beim Umgang mit Bausteinen fällt es den Kindern häufig schwer, diese zusammen zu führen und ihre Hände scheinen anders zu handeln, als das Kind es vorsieht. Häufig wird eine Entwicklungsverzögerung der Sprache bemerkt. Dies ist in vielen Fällen ein Hinweis auf die mangelnde Funktion des Gehirns. Das Kind scheint alle Dinge schlechter ausführen zu können als Gleichaltrige. Dadurch, dass es einströmende Sinneseindrücke nicht richtig verarbeiten kann, reagiert es mit vermeintlich falschem Verhalten auf Situationen. Das Kind zeigt häu- fig aggressives und wütendes Verhalten (vgl. AYRES 1998, 14).
Wahrnehmung 10
Bei diesen Kindern reicht es nicht aus, dass man ihnen sagt, dass sie nicht dumm oder schlecht sind, da nur erlebte Empfindungen und Anpassungsreaktionen die Selbstachtung wieder aufbauen können. Diese gilt es zu stärken. AYRES stellt mit Recht fest:
„Eine Störung der Integration sinnlicher Wahrnehmung ist eine schwere Last für j edermann, der sie zu tragen hat.“( AYRES 1998, 17).
2.5 Die für die Wahrnehmung bedeutsamen Sinnessysteme und ihre Bedeutung für schulisches Lernen
Zunächst sei gesagt, dass eine genaue Trennung der einzelnen Sinnessysteme nicht möglich ist, da die Informationen aus der Umwelt stets über mehrere Sinneskanäle wahrgenommen werden. Dennoch ist eine isolierte Darstellung der Sinnesbereiche zweckmäßig, um einen Überblick zu erhalten und das Verständnis zu erleichtern. Folgende Tabelle soll zunächst eine Übersicht über die Grundwahrnehmungsbereiche geben:
2.5.1 Der taktile Analysator
Besonders wichtig für die taktile Sinneswahrnehmung ist die Haut. Sie ist das größte Organ des menschlichen Körpers und regelt die Beziehungen zwischen Körpergeschehen und Umwelt. Die Haut ist für das Überleben bedeutender als die anderen Sinnesorgane. Unter der Haut befinden sich die sog. Tastkörperchen. Bei einem Reiz erzeugen sie ein elektrisches Signal, das zum Gehirn geleitet wird.
Wahrnehmung 11
Das Gehirn gibt dann die Information weiter, welche Berührung man fühlt und wie stark diese ist. Pro Quadratzentimeter gibt es ca. 7 bis 135 Tastkörperchen, wobei sich die meisten dieser Tastkörperchen an Handtellern und Fußsohlen befinden. Auch wenn nur die Haarspitzen berührt werden, wird durch Hebelwirkung der Reiz übertragen. Über das taktile System können Informationen von verschiedenen Wahrnehmungsbereichen aufgenommen werden.
Wir können passiv (Berührungswahrnehmung) als auch aktiv (Erkundungswahrnehmung) ein Objekt wahrnehmen und erkunden. Dabei können Größe, Form, Oberflächenbeschaffenheit sowie die Konsistenz erkannt werden. Die Temperaturwahrnehmung als auch die Schmerzwahrnehmung erfolgt ebenso über die taktile Wahrnehmung (vgl. ZIMMER 1995a, 100f).
In der Schule kommt diesem Analysator große Bedeutung zu, da er z. B. für die Kontrolle des Stiftes beim Schreiben wichtig ist. Das Kind muss spüren, mit welchem Druck eine Stiftführung am besten gelingt. Durch aktives Handeln mit Materialien wird das Kind angeregt, Buchstaben und Zahlen zu unterscheiden. Dies geschieht dadurch, dass das Kind die Verschiedenheiten selbst erkennt und wahrnimmt. Durch die taktile Information kann sich der Schüler besser orientieren und das Gelernte bleibt ihm deutlicher im Gedächtnis (vgl. BALSTER 5 2000b, 56ff).
2.5.2 Der kinästhetische Analysator
Dieses Wahrnehmungssystem wird auch Stellungs- oder Muskelsinn genannt. Die Rezeptoren, die Empfänger der Reize, befinden sich in den Muskeln, Bändern und Gelenken. Dort werden sie aufgenommen, weitergeleitet und im Gehirn verarbeitet. Für motorische Aktionen spielt dieser Analysator eine große Rolle, da der Mensch sich durch seine Bewegungen an die Umgebung anpasst. Man lernt, Tätigkeiten mit der richtigen Kraft und dem nötigen Muskeleinsatz auszuführen. Dies ist auch beim Schreiben von Belang.
Die Kinästhesie ist für die Bildung des Körperschemas von Bedeutung. Dies ist die differenzierte Vorstellung des eigenen Körpers. So ist es möglich, ohne dar-
5 DurchBriefkontakt mit Herrn Balster ist es mir möglich, mit einem von ihm gehaltenen Referat zu arbeiten (vgl. BALSTER 2002). Herr Balster befasst sich aktiv und intensiv mit Wahrnehmung im Zusammenhang mit Bewegung und schulischem Lernen.
Wahrnehmung 12
über nachzudenken, Bewegungen auszuführen, wie z. B. das Führen eines Apfels an den Mund (vgl. WÜBBE 1998, 237).
Auch bei diesem Analysator ist es sinnvoll, eine Einteilung in die verschiedenen Wahrnehmungsbereiche vorzunehmen, um die differenzierte Arbeitsleistung dieses Sinnes darzustellen.
Der Stellungssinn ermöglicht das Wahrnehmen der Stellung der Glieder und Gelenke zueinander, ohne einen weiteren Analysator, z. B. den visuellen, zu Hilfe zu nehmen. Durch den Bewegungssinn können Bewegungen der Körperteile ausgemacht werden. Der wichtige Kraftsinn ermöglicht eine Dosierung der für eine Aktion einzusetzenden Kraft. Obwohl die kinästhetische Wahrnehmung meist unbewusst abläuft, ist durch den Spannungssinn eine willentliche Wahrnehmung über den Spannungszustand der Muskulatur möglich. Wichtig ist diese aktive Haltung beim Lesen und Schreiben, wenn man einen bestimmten Spannungsgrad aufrecht erhalten muss (vgl. BALSTER 2000b, 72). Auch bei der Durchführung von Entspannungsübungen ist es von großer Bedeutung, die Muskulatur unterschiedlich stimulieren zu können.
Bewegungen laufen meist unbewusst ab. Nur bei neuen Bewegungen denken wir über die Ausführung dieser Handlung nach, bis die bewusste Kontrolle ausfällt und die Bewegung automatisiert abläuft.
2.5.3 Der vestibuläre Analysator
Das Organ der verstibulären Wahrnehmung befindet sich im Innenohr und ist für das Gleichgewicht eines Menschen von großer Wichtigkeit. Das Gleichgewichts-organ reagiert vor allem auf Lage- und Haltungsveränderungen. Der Mensch wäre ohne diesen Sinnesbereich nicht in der Lage, aufrecht zu stehen und zu gehen. Er könnte sich ohne den Gleichgewichtssinn nicht in einem Raum orientieren. Häufig unterschätzen wir die Notwendigkeit dieses Systems, da uns viele seiner Funktionen nicht bewusst werden. 6
6 Dieses unterbewusste Arbeiten des vestibulären Systems lässt sich in der Schule positiv nutzen. Sitzen Kinder statt auf Stühlen beispielweise auf Sitzbällen, muss ständig das Gleichgewicht ausbalanciert werden. Dies beansprucht nicht nur die Muskulatur, sondern unterstützt auch die Auf- merksamkeit.
Arbeit zitieren:
Astrid van Reine, 2002, Wahrnehmungsförderung bei Kindern mit Lese-Rechtschreibschwäche in der Grundschule, München, GRIN Verlag GmbH
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