Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 3
2. Definition Rechtsextremismus 4
2.1 Ideologie der Ungleichheit. 4
2.2 Gewaltbereitschaft und -akzeptanz. 5
3. Die momentane Situation in der BRD. 5
4. Erklärungsansätze. 6
4.1 Autoritarismus. 7
4.1.1 Das Konzept des Autoritarismus 7
4.1.2 Entstehung einer autoritären Persönlichkeit 8
4.1.3 Erklärungskraft für den jugendlichen Rechtsextremismus. 8
4.2 Deprivationstheorie 9
4.2.1 Das Konzept der Deprivation und seine Weiterentwicklung 9
4.2.2 Erklärungskraft für den jugendlichen Rechtsextremismus. 10
4.3 Anomietheorie. 11
4.3.1 Die Anomietheorien von Durkheim und Merton 11
4.3.2 Erklärungskraft für den jugendlichen Rechtsextremismus. 12
4.4 Das Desintegrations-Verunsicherungs-Theorem 13
4.4.1 Individualisierungsprozesse 13
4.4.2 Desintegrationsprozesse und Verunsicherung 15
4.4.3 Das Identitätskonzept 17
4.4.4 Zusammenfassung der Theorie und ihre Erklärungskraft für den
jugendlichen Rechtsextremismus. 20
5. Empirische Vergleichsstudie der Erklärungsansätze. 21
5.1 Methode 21
5.2 Ergebnisse 22
5.2.1 Ausprägung des Rechtsextremismus 22
5.2.2 Zusammenhang zwischen den theoretischen Konzepten und der
Auspr ägung des Rechtsextremismus 23
5.3 Kritik 24
6. Fazit. 26
7. Literaturverzeichnis 27
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1. Einleitung
Mölln, Hoyerswerda, Rostock, Solingen, und seit 2007 auch Mügeln - diese Ortsnamen haben aus dem selben Grund eine traurige Bekanntheit in Deutschland erhalten. Sie stehen für fremdenfeindliche Gewalt in ihrem extremsten Ausmaß und für das Ausbreiten des Rechtsextremismus in der deutschen Gesellschaft. Die Medien stellten meist Jugendliche als Täter dar, die Gründe, warum sie diesen Weg eingeschlagen, scheinen auf der Hand zu liegen: Perspektivlosigkeit, Zukunftsangst, frühe Gewalterfahrung im Alltag, Arbeitslosigkeit, mangelnde Unterstützung aus der Familie. Doch wie sieht die Wirklichkeit aus? Hier ist sich die Forschung uneins. Es stehen sich Ansätze gegenüber, die entweder die Persönlichkeit der Täter oder deren Sozialisation für ausschlaggebend halten, andere machen die ökonomische Lage der Familien verantwortlich, wieder andere die politische Kultur. Sicher ist jedoch, dass der neue Rechtsextremismus nicht aus dem “Nichts” entstanden sein kann, sondern in der Gesellschaft tief verwurzelt ist. Das zeigt nicht zuletzt die große Anzahl Schaulustiger und Sympathisanten bei den oben genannten Vorfällen. Insofern halte ich es für sehr wichtig, die jugendlichen Rechtsextremisten nicht zu pathologisieren, sondern sie als Teil der Gesellschaft zu betrachten, in der sie aufgewachsen sind.
Zu Beginn werde ich den Begriff Rechtsextremismus für den restlichen Teil meiner Arbeit definieren und danach anhand des Verfassungsschutzberichtes 2006 die Brisanz des Themas darstellen. Anschließend werde ich verschiedene ausgewählte Erklärungsansätze für den jugendlichen Rechtsextremismus darstellen, wobei mein Schwerpunkt auf dem sozialisationstheoretischen Ansatz von Wilhelm Heitmeyer liegen wird. An dieser Stelle hätte man sicher weitere Theorien aufführen und erläutern können, doch dazu war im Rahmen dieser Arbeit leider der Raum nicht mehr gegeben. Die hier behandelten Konzepte habe ich deswegen ausgewählt, weil sie in einer Fragebogen-Studie von Fuchs (Fuchs 2003) miteinander verglichen werden und ich neben der theoretischen Wirklichkeit des Phänomens Rechtsextremismus unter Jugendlichen auch einen Einblick in die empirische Wirklichkeit geben möchte. Diese Studie bildet den Abschluss meiner Arbeit.
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2. Definition Rechtsextremismus
In Bezug auf die Begrifflichkeiten zum Thema Rechtsextremismus gibt es eine “heillose Sprach- und Begriffsverwirrung” (Neureiter 1996, S. 7), nicht nur im Alltag, sondern auch in der Wissenschaft. Die Termini Rechtsextremismus und Rechtsradikalismus werden weitgehend synonym verwendet, “selbst in offiziellen Mitteilungen werden die Begriffe uneinheitlich gebraucht.” (Merten & Otto 1993, S. 17) Allen Definitionen gemein ist aber die Tatsache, dass sich der Rechtsextremismus gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung der BRD richtet, vor allem gegen den Pluralismus und die damit verbundene Gleichberechtigung aller Bürger sowie die Demokratie als Staatsform. Ich möchte mich im Folgenden an der Definition von Wilhelm Heitmeyer orientieren. Zum einen, weil seine Theorie zur Erklärung rechtsextremistischer Orientierungsmuster der Schwerpunkt meiner Arbeit ist, zum anderen, weil sie sehr einleuchtend und übersichtlich ist. Heitmeyer unterscheidet zwischen zwei verschiedenen Bereichen, die zusammenfließen müssen, damit von
rechtsextremistischen Orientierungen gesprochen werden kann. Das ist zum einen die Ideologie der Ungleichheit, zum anderen die Gewaltbereitschaft und -akzeptanz.
2.1 Ideologie der Ungleichheit
Zur Ideologie der Ungleichheit gehören die nationalistische Überhöhung, die die eigene Nation als Elite erscheinen lässt, und eine rassistische Sichtweise, bei der die eigene Kultur und Moralvorstellungen als überlegen und andere Kulturen als minderwertig angesehen werden. Außerdem beinhaltet sie ein totalitäres Normverständnis. Das heißt, es wird die Ausgrenzung von Nicht-Mitgliedern der Eigengruppe gefordert, die sowohl biologisch andere Merkmale aufweisen, als auch andere kulturelle und moralische Werte vertreten. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Betonung des Rechts des Stärkeren, um durch sozialdarwinistische Auslese im Konkurrenzkampf mit anderen Völkern ein gesundes Volk zu schaffen. Darin enthalten ist auch die Idee der Eugenik, also die Unterscheidung zwischen lebenswertem und unwertem Leben sowie der Glaube an natürliche Hierarchien, wie sie auch im Tierreich vorhanden sind. (vgl. Heitmeyer 1992a, S. 16; sowie Wenzel 2001, S. 193)
Die Ideologie der Ungleichheit ist in unserer Gesellschaft nach Heitmeyer weit
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verbreitet. Um dies zu verdeutlichen, entwickelte er die Kristallationsthese, in der er davon ausgeht, “dass die in manchen Orientierungsmustern von Jugendlichen aufscheinenden Affinitäten oder Zustimmungen gegenüber rechtsextremistischen Ideologemen als Kristallisationen von Gesellschaftsbildern aufzufassen sind, die in zentralen politischen und sozialen Bereichen der Gesellschaft entstehen und nicht an ihren 'Rändern'.” (Heitmeyer 1992a, S. 10)
2.2 Gewaltbereitschaft und -akzeptanz
Zur Gewaltperspektive gehören neben der Ablehnung von rationalen Diskursen und demokratischen Regelungsformen von politischen und sozialen Konflikten auch das Vorhandensein von gültigen Feinbildern und eine Bündelung der Aktivitäten in diese Richtung. Darüber hinaus werden autoritäre und militaristische Umgangsformen gepflegt, und personelle Gewalt als normale Aktionsform zur Regelung von Konflikten angesehen, da das tägliche Leben für Rechtsextremisten unweigerlich mit den alltäglichen Kampf ums Dasein verknüpft ist.
Die Gewaltakzeptanz ist nicht so weit verbreitet wie die Ideologie der Ungleichheit, sie nimmt aber auf Grund gesellschaftlicher Umwälzungen immer stärker zu.
3. Die momentane Situation in der BRD
Im Folgenden möchte ich anhand des Verfassungsschutzbericht 2006 kurz die momentane Situation des Rechtsextremismus in der BRD schildern. Dabei muss beachtet werden, dass die dem Verfassungs-schutzbericht zugrunde liegende Definition des Rechtsextremismus von der Heitmeyers (vgl. Abschnitt 2) abweicht. Während bei Heitmeyer die Gewaltperspektive bzw. Gewaltakzeptanz eines der zwei Grundelemente von rechtsextremistischen Orientierungsmustern ist (vgl. Heitmeyer 1992), verzichtet die Definition des Verfassungsschutzes auf diese Komponente und bezieht sich lediglich auf Menschen, die ein autoritäres Staatsverständnis haben, fremdenfeindliche Züge aufweisen und antipluralistisch eingestellt sind (vgl. Verfassungsschutzbericht 2006, S. 356). Die Gewaltakzeptanz wird explizit nur rechtsextremistischen Skinheads zugeschrieben, die hingegen meist über kein gefestigtes rechtsextremistisches Weltbild verfügen. Im Jahr 2006 gab es in der BRD insgesamt 17.597 politisch rechts motivierte Straftaten, die zur Anzeige gekommen sind, 2005 waren es noch 15.361. Bei der
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überwiegenden Mehrheit dieser Straftaten handelt es sich um sogenannte Propagandadelikte, die rechtsextremistisch motivierten Gewalttaten scheinen mit 1.047 erfassten nicht so stark ins Gewicht zu fallen, aber auch diese sind im Vergleich zum Vorjahr um 9,3 Prozent angestiegen. Die Zahl der gewaltbereiten Rechtsextremisten ist hingegen mit 10.400 geich geblieben, die aller Rechtsextremisten mit 38.600 sogar leicht zurückgegangen. Es bleibt allerdings die Frage, wie genau diese Daten sind, da eine exakte Erhebung vor allem der nicht organisierten Rechtsextremisten kaum möglich ist und sicherlich ein weit größerer Teil der Bevölkerung rechtsextremistische Einstellungen aufweist. Der Großteil der gewaltbereiten Rechtsextremisten findet sich nach wie vor in Ostdeutschland, wo zwar nur ein Fünftel der Gesamtbevölkerung, jedoch ca. die Hälfte der gewaltbereiten Rechtsextremisten lebt. Die Zahl der Mitglieder der NPD, der bedeutendsten rechten Partei Deutschlands, ist 2006 erneut rasant angestiegen, von 6.000 Mitgliedern im Jahr 2005 auf 7.000. Besonders interessant ist auch der Anteil der Jungwähler, der bei den Landtagswahlen 2006 in Mecklenburg-Vorpommern bei 17 Prozent lag. Damit war die NPD in dieser Wähler-gruppe die drittstärkste Partei nach der SPD und der CDU.
All diese Zahlen zeigen deutlich, dass die Rechtsextremismusforschung dringend vorangetrieben werden muss, da nur eine Kenntnis der Ursachen auch Möglichkeiten zur Prävention und Intervention eröffnet.
4. Erklärungsansätze
Die Auswahl der hier behandelten Erklärungsansätze mag auf den ersten Blick willkürlich erscheinen, da ich aber auch vergleichende empirische Ergebnisse mit in meine Arbeit einbeziehen möchte, habe ich mich auf die Konzepte Autoritarismus, Deprivation, Anomie und die Desintegrations-Verunsicherungs-Theorie beschränkt, weil diese in der Studie von Fuchs (Fuchs 2003, siehe Abschnitt 5) miteinander verglichen werden.
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4.1 Autoritarismus
4.1.1 Das Konzept des Autoritarismus
Der Begriff des Autoritarismus bzw. der Autoritären Persönlichkeit geht ursprünglich auf Erich Fromm zurück, wurde aber vor allem von Theodor Adorno (Adorno et al., 1950) geprägt und bezeichnet eine Reihe von Persönlichkeitseigenschaften und Charaktermerkmalen, die faschistische Einstellungen begünstigen können. Im Rahmen einer Studie an der University of Berkeley, in den Jahren 1945/46, in der die psychologischen Auslöser antisemitischer Vorurteile überprüft werden sollten, entstand kurz nach dem zweiten Weltkrieg die Theorie der Autoritären Persönlichkeit. Sie sucht eine persönlichkeitspsychologische Erklärung, wie sich der Faschismus so weit ausbreiten konnte und was begünstigende Faktoren sein könnten. Als Erhebungsinstrument der zugrunde liegenden Persönlichkeitsstruktur wurde die sogenannte F-Skala entwickelt, die aus neun Subskalen entsteht. Diese Subskalen erfassen jeweils eine Kategorie der autoritären Denkmuster und bilden zusammen genommen ein kohärentes System von gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Einstellungen:
Conventionalism - Festhalten an Hergebrachtem Authoritarian Submission - Autoritätshörigkeit/-unterwürfigkeit Authoritarian Aggression - Tendenz, Verstöße gegen hergebrachte Werte ahnden zu wollen
Anti-Intraception - Ablehnung des Subjektiven, Imaginativen und Schöngeistigen
Superstition and Stereotype - Aberglaube, Klischee, Katego-risierung und Schicksalsdeterminismus
Power and Toughness - Identifikation mit Machthabern, Über-betonung der gesellschaftlich befürworteten Eigenschaften des Ego Destructiveness and Cynicism - Allgemeine Feindseligkeit, Ernie-drigung anderer Menschen
Projectivity - Veranlagung, an die Existenz des Bösen in der Welt zu glauben und unbewusste emotionale Impulse nach außen zu projizieren Sex - Übertriebener Bezug auf sexuelle Geschehnisse
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4.1.2 Entstehung einer autoritären Persönlichkeit
Wie andere Persönlichkeitsstrukturen auch, entsteht die autoritäre Charakterstruktur aus spezifischen Verarbeitungsmustern prägender emotionaler Erlebnisse in Kindheit und Jugendalter. Eine besondere Bedeutung kommt hierbei der Struktur und der Umgang innerhalb der Familie zu. Förderlich für die Ausprägung einer autoritären Persönlichkeit sind eine hierarchische Eltern-Kind-Beziehung mit klaren Rollenverteilungen, in der das Kind früh die Unterdrückung von Impulsen, die nicht im Sinne der Autoritätspersonen, also der Eltern, liegen, lernt, und so eine ängstliche Unterwürfigkeit ausbildet. Die Beziehung kann auch als ausbeuterisch charakterisiert werden, da die Eltern sich selbst erhöhen indem sie das Kind unterdrücken und ihm so einen Teil seiner Entfaltungsmöglichkeiten nehmen. Häufig sprachen die Studenten der Studie, die hoch auf der F-Skala scorten, auch von einer strengen aber distanzierten Vaterfigur (vgl. Adorno et al., 1950, S. 385). Christel Hopf band bei den Erklärungsansätzen die Attachment-Theorie nach Mary Ainsworth mit ein und entwickelte die These, dass “ins-besondere gewaltförmige Erziehungspraktiken [...] zu einer nicht sicheren Bindung der Kinder an die Bezugsperson führen und dass sich dies - bei dauerhafter Gewaltbelastung [...] - zu einer problematischen kognitiven Repräsentation von Bindungserfahrungen verfestigt.” (Fuchs, 2003, S. 656f)
4.1.3 Erklärungskraft für den jugendlichen Rechtsextremismus
Da die wegweisende Studie Adornos bereits vor dem Hintergrund des zweiten Weltkriegs und des Holocausts entstand, liegt eine enge Verbindung zur Erklärung rechtsextremistischer Einstellungen bei Jugendlichen nahe. So schreibt Adorno, dass “die moralische Entrüstung, die zuerst in der Haltung der eigenen Eltern gegenüber der eigenen Person erfahren wurde, gegen schwächere Außengruppen gerichtet wird” (Adorno, 1950, S. 385, Übersetzung L.D.) und erklärt so die Entstehung der Ideologie der Ungleichheit (siehe Abschnitt 1.1). Außerdem wird besonders in Krisensituationen auf Klischées und stereotypische Denkweisen, die von den Eltern übernommen wurden, zurückgegriffen. Die aufgrund der Abneigung der Eltern eher oberflächliche Identifikation mit ihnen spiegelt sich außerdem in der Haltung gegenüber anderen Autoritäten, denen der Jugendliche später im Leben begegnet, und den mit ihnen verbundenen Institutionen wider. So identifizieren sich die
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Jugendlichen zwar überdurchschnittlich stark mit Autoritäten, bringen aber auch eine gewisse Zerstörungswut gegenüber diesen mit. Diese Ambivalenz kann ausgenutzt werden, indem die Jugendlichen einerseits stark an die Autorität einer Führungsperson gebunden werden, ihre Zerstörungswut andererseits auf andere Autoritäten gelenkt wird. Adorno geht sogar so weit, dass er annimmt, dass die erstgenannte Autorität die Funktion des Über-Ichs oder gar des Ichs ersetzen kann (vgl. Adorno, 1950, S. 386).
4.2 Deprivationstheorie
4.2.1 Das Konzept der Deprivation und seine Weiterentwicklung
Ein weiterer Erklärungsansatz für den jugendlichen Rechtsextremismus ist die relative, also wahrgenommene Deprivation. Diese „entsteht aus einer wahrgenommenen Diskrepanz zwischen dem, was man hat, und dem, wozu man sich berechtigt fühlt.“ (Stroebe, 2003, S. 569) Runciman unterscheidet zwischen egoistischer und brüderlicher relativer Deprivation (Runciman, 1966). Bei der egoistischen relativen Deprivation vergleicht sich ein Mitglied einer sozialen Gruppe mit einem anderen Mitglied der selben Gruppe, das sozial besser gestellt ist, und fühlt sich dadurch benachteiligt, während die brüderliche relative Deprivation aus einem Vergleich der eigenen Gruppe mit einer anderen Gruppe resultiert. Nur in diesem Fall kann die wahrgenommene Deprivation zu einem Motor sozialer Unruhen werden und die Motivation für das Herbeiführen eines sozialen Wandels verstärken, da ansonsten zu wenig Personen betroffen sind. Auch der Vergleich des eigenen Zustandes heute mit dem in der Vergangenheit kann dies auslösen. Silbereisen und Walper (1987) verknüpfen das Konzept der relativen Deprivation mit dem der Transgressionsbereitschaft von Jugendlichen, also der Bereitschaft, soziale Normen zu übertreten. Anhand einer Studie mit 101 Jugendlichen und deren Eltern stellten sie Zusammenhänge zwischen der ökonomischen Deprivation einer Familie, der Familienintegration, des Selbstwertgefühls der Jugendlichen und letztlich ihrer Transgressionsbereitschaft heraus. Zusätzlich brachten sie noch die Bildung der Eltern „als Indikator für sowohl die sozioökonomischen Lebensumstände als auch die Problemlöse-Fähigkeiten“ (Silbereisen & Walper, 1987) mit ein. Die Ergebnisse zeigten, dass das Selbstwertgefühl der Jugendlichen die bedeutendste
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Mediatorvariable zwischen der sozioökonomischen Lage der Familie und der Transgressionsbereitschaft ist. (vgl. Abb. 1)
Abb. 1: Prädiktoren der Transgressionsbereitschaft (vgl. Silbereisen & Walper 1987, S. 240)
Eine niedrige Bildung der Eltern wirkt verstärkend, weil deren Kinder „in ihrer Bereitschaft zu normverletzenden Verhalten überhaupt stärker auf
Beeinträchtigungen der Familienbeziehungen reagieren.“ (Silbereisen & Walper, 1987)
4.2.2 Erklärungskraft für den jugendlichen Rechtsextremismus
Der zentrale Ansatzpunkt für den Rechtsextremismus in Bezug auf die relative Deprivation in ihrer ursprünglichen Fassung liegt in der Konstruktion von verschiedenen - biologisch und wertorientiert definierten - Gruppen und der Tatsache, dass der eigenen Gruppe, also in diesem Fall dem “deutschen Volk”, mehr Rechte eingeräumt werden als den anderen Gruppen. Davon ausgehend wird ihnen sozusagen die Schuld an der eigenen, nicht zufriedenstellenden Statuslage, zugeschoben. Eine rechtsextreme Parole, die hier ansetzt wäre zum Beispiel “Die Ausländer nehmen uns Deutschen die Arbeitsplätze weg!”.
Wichtig zu beachten ist dabei, dass hier die relative, also subjektive, Deprivation eine Rolle spielt, nicht die objektiv messbare. Die Theorie deutet deshalb nicht an, dass Jugendliche aus niedrigen sozialen Schichten unbedingt anfälliger für die Übernahme rechtsextremer Ideologien sind, sondern vielmehr diejenigen, die ihren
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derzeitigen Status gefährdet sehen. Die Transgressionsbereitschaft greift als Erklärungskonzept besonders deswegen, weil stark ausgeprägte
rechtsextremistische Einstellungen vom Großteil der Gesellschaft nicht akzeptiert werden und sich so die Möglichkeit für normverletzendes Verhalten bietet. Vor allem die Gewaltbereitschaft kann auf diese Weile erklärt werden, da diese von noch mehr Leuten abgelehnt wird als die rechtsextreme Ideologie an sich. Keiner der beiden Ansätze erklärt jedoch, warum Jugendliche ihre Unzufriedenheit in einer rechtsextremen Einstellung ausdrücken und nicht in einer linksextremen, da auch diese vom breiten Teil der Gesellschaft nicht akzeptiert und mit Gewaltbereitschaft verknüpft ist. Ebenso lässt die Deprivationstheorie individuelle Unterschiede trotz ähnlicher Umwelt-situationen missen.
4.3 Anomietheorie
4.3.1 Die Anomietheorien von Durkheim und Merton
Die Anomietheorie wurde bereits vor über hundert Jahren vom französischen Soziologen Émile Durkheim vor dem Hintergrund der Industrialisierung und der zunehmenden Arbeitsteilung in ihren Grundzügen veröffentlicht. In seinem Werk “Der Selbstmord” (Durkheim, 1897) sucht er nach den Ursachen für die unterschiedliche hohen Selbstmordraten in verschiedenen sozialen Schichten und zu unterschiedlichen Zeitpunkten. Dazu geht er davon aus, dass ein Mensch zum Selbstmörder wird, wenn er bestimmte Bedürfnisse hat, die er mit seinen Mitteln nicht erreichen kann. Grundsätzlich lebt nach Durkheim jeder Mensch im Einklang mit seinen Zielen und den Möglichkeiten sie zu erfüllen. Dieses Gleichgewicht ist jedoch nicht angeboren, sondern erlernt. Beim Erlernen spielt der Staat eine zentrale Rolle, denn er bindet den Einzelnen durch seine moralische Autorität in die Gesellschaft mit ein und verhindert so, dass die Bedürfnisse der Bürger Überhand nehmen. Das ist jedoch nur möglich, wenn die Mitglieder der Gesellschaft diese moralische Autorität anerkennen, was bei plötzlichen Änderungen der ökonomischen Verhältnisse häufig nicht mehr der Fall ist. Dann kommt es zur sogenannten Anomie, also einem Zustand, bei dem die vorherrschenden sozialen Normen in Frage gestellt, ignoriert oder abgelehnt werden.
Robert Merton hat den Begriff von Durkheim übernommen und präzisiert. Er erklärt
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mit seiner Theorie abweichendes Verhalten und nicht - wie Durkheim - die gesellschaftlichen Voraussetzungen für menschliches Glück und Unglück. Auch bei Merton fallen den Wünschen, Bedürfnissen und Zielen der Menschen eine zentrale Bedeutung zu. Besonders wichtig sind für ihn die sozialen Bedürfnisse. Diese sozialen Ziele sind durch die kulturelle Struktur vorgegeben, die Merton als “Komplex gemeinsamer Wertvorstellungen, die das Verhalten der Mitglieder einer gegebenen Gesellschaft oder Gruppe regeln” (Merton, 1974, S. 292) definiert. Die kulturelle Struktur gibt außerdem die legitimen Wege und Mittel vor, mit denen diese Ziele erreicht werden dürfen. Schließlich ist auch noch die soziale Struktur, “der Komplex sozialer Beziehungen [...], in die die Mitglieder der Gesellschaft oder Gruppe unterschiedlich einbezogen sind” (Merton, 1974, S. 292) wichtig. Die soziale Struktur bedingt die Zugangschancen zu den legitimen Wegen um die kulturell vorgegebenen Ziele zu erreichen, da diese auf die verschiedenen Bevölkerungsschichten unterschiedlich verteilt sind. So entsteht ein “Druck” auf die unteren Schichten, welche nur bedingt auf die legitimen Mittel zur Erfüllung ihrer Ziele zugreifen können, der in der Suche nach alternativen Wegen resultiert. Diese können dann unter Umständen nicht mehr den kulturellen Normen entsprechen. “Der stärkere 'Druck' ist danach also Ausdruck und Folge einer ungleichgewichtigen, desintegrierten Beziehung zwischen kultureller Struktur und sozialer Struktur für die unteren sozialen Schichten: Die schichtabhängige Intensität der Blockade legitimer Zugangswege (Zielblockade) zu den durch die kulturelle Struktur vorgegebenen Zielen, führe zu einem Zusammenbruch der Normen, zu 'Anomie' und zu abweichendem Verhalten.” (Ortman, 2000, S. 78)
4.3.2 Erklärungskraft für den jugendlichen Rechtsextremismus
Die Erklärungskraft der Anomietheorie für den jugendlichen Rechtsextremismus scheint relativ gering. Sie deutet zwar an, dass Jugendliche aus unterpriveligierten Schichten eher zu illegitimen Mitteln greifen, um ihre Ziele zu verwirklichen, als bessergestellte Jugendliche, warum dies aber ausgerechnet der Weg des Rechtsextremismus ist, wird nicht deutlich. Auch linksextreme Strömungen könnten so erklärt werden. Außerdem ist der Rechtsextremismus bei weitem nicht ausschließlich ein Phänomen der unteren Schichten. Auch Jugendliche aus dem bürgerlichen Milieu sind davon betroffen, obwohl sie, nach Merton, einem sehr viel
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geringeren “Druck” ausgesetzt sind. Seine Stärke hat der Ansatz allerdings in der Erklärung von Gewaltbereitschaft, da dies eindeutig ein sozial nicht anerkannter Weg zur Zielverwirklichung ist. Allerdings fehlt vor allem eine Erläuterung, warum manche Jugendliche dem obengenannten “Druck” eher nachgeben als andere. Diese Lücke versucht Heitmeyer mit seiner Desintegrations-Verunsicherungs-Theorie zu schließen, indem er auf die individuell divergierende Verarbeitung des “Drucks” eingeht.
4.4 Das Desintegrations-Verunsicherungs-Theorem
Der sozialisationstheoretische Erklärungsansatz des Bielefelder Pädagogik-Professors Wilhelm Heitmeyer bildet den Schwerpunkt meiner Arbeit. Das sozialisationstheoretische Konzept stellt den Einzelnen als aktiven Gestalter seiner Umwelt dar und geht so „von einer dialektischen Beziehung zwischen Subjekt und gesellschaftlich vermittelter Umwelt aus“ (Heitmeyer 1992a, S. 77). „Das Subjekt verhält sich gegenüber der Realität teils aktiv gestaltend, teils ausweichen bzw. selektiv suchend, teils auch passiv hinnehmend. Als Folge dieser Tätigkeit verändert sich [...] das Subjekt selber, dies ist seine Sozialisation.“ (Geulen 1981, S. 553)
4.4.1 Individualisierungsprozesse
Die Grundlage von Heitmeyers Theorie bildet der Ansatz von Beck, der von einer zunehmenden Individualisierung von Lebenslagen und -wegen ausgeht. „Individualisierung bedeutet in diesem Sinne, dass die Biographie der Menschen aus vorgegebenen Fixierungen herausgelöst, offen, entscheidungsabhängig und als Aufgabe in das individuelle Handeln jedes einzelnen gelegt wird. [...] Sozial vorgegebene Biographie wird in selbst hergestellte und herzustellende transformiert, und zwar so, dass der einzelne selbst zum 'Gestalter seines eigenen Lebens' wird und damit auch zum 'Auslöffler der Suppe, die er sich selbst eingebrockt hat'“ (Beck 1983, S. 58f).
Ausgelöst wird die Individualisierung durch Modernisierungsprozesse in verschiedenen Bereichen:
Zunahme der sozialen und geographischen Mobilität, wodurch Menschen aus ihrem ursprünglichen sozialen Netzwerk heraus-gelöst werden und sich selbstständig neue Beziehungspersonen suchen müssen, führt außerdem zur
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Bildung von Kleinfamilien
Ausweitung sozialstaatlicher Sicherungs- und Steuerungssysteme, die einerseits Existenzängste mindern, andererseits aber Solidarität zum Großteil überflüssig machen
Verstärkung der Konkurrenzbeziehungen, die sowohl früher im Leben als auch in mehr sozialen Bereichen an Wichtigkeit gewinnen Erbauung neuer Großstadtsiedlungen, in denen eher lockere und oberflächliche Bekanntschaften vorherrschen Zunahme der Arbeitsmarktdynamik, die soziale Sicherheit nimmt und ihrerseits die Konkurrenzbeziehungen verstärkt (vgl. Heitmeyer 1992a, S. 65f)
Expansion der Bildung, die einerseits immer mehr Möglichkeiten zur Gestaltung des eigenen Lebens eröffnet, andererseits aber auch Entscheidungsschwierigkeiten mit sich bringt und Bildung außerdem für den beruflichen Erfolg notwendig macht
Wie bereits gezeigt, hat die Individualisierung also sowohl Sonnen- als auch Schattenseiten. Zu ihren Vorteilen gehört mit Sicherheit die Tatsache, dass zur Abnahme der Verbindlichkeit sozialer Kontakte auch weniger Verpflichtungen gehören und es dem Einzelnen so möglich ist sich freier zu entfalten, da er sich weniger oft rechtfertigen muss. Außerdem eröffnet ein dynamischerer Arbeitsmarkt mehr persönliche Chancen. Allerdings überwiegen für Heitmeyer die Schattenseiten, da vor allem aus der zunehmenden Mobilität und dem stärkeren Konkurrenz-druck Vereinzelung resultiert. Diese Vereinzelung führt auch zum Verlust von Sicherheiten religiöser, weltanschaulicher, politischer und biographischer Art, da diese durch die “Erosion interpersonaler Beziehungen im Milieu- und Familienbereich” (Coester & Gossner 2002, S. 137) weitestgehend wegfallen. Des weiteren verweist Heitmeyer in Bezug auf Beck auf zahlreiche Widersprüche, die sich durch die Individualisierung ergeben, wie zum Beispiel die Tatsache, dass Lebens-läufe und Personen zum einen immer individueller werden, zum anderen aber auf Grund der steigenden Konkurrenzbeziehungen weitestgehend ersetzbar sind, da in diesen nur Leistung und die Erfüllung von Aufgaben eine Rolle spielt, der Mensch also vom Subjekt zum Objekt reduziert wird. Hinzu kommt, dass durch die Ausweitung des Sozialstaates auch die Institutionalisierung und Standardisierung des täglichen Lebens zunimmt
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und sich der Einzelne so immer häufiger mit gesellschaftlichen Institutionen konfrontiert sieht, die er jedoch nicht oder nur indirekt beeinflussen kann. Diese Institutionen ersetzen die ehemals vorhandene Milieu- und Klassensolidarität, ohne jedoch die gleichen Identifikationsmöglichkeiten zu bieten. Außerdem wird besonders von der Jugend eine erhöhte Eigenaktivität gefordert, während der Staat ihr gleichzeitig durch Kürzungen in der Jugendarbeit die Möglichkeit nimmt, diese zu erlernen und auszubilden.
4.4.2 Desintegrationsprozesse und Verunsicherung
Aus diesen Widersprüchen und Vereinzelungstendenzen entstehen verschiedene Desorganisationsprozesse, die Heitmeyer folgendermaßen definiert: “Auflösung von Beziehungen zu anderen Personen o Auflösungsprozesse der faktischen Teilnahme an gesellschaftlichen Institutionen
Auflösung gemeinsam geteilter Wert- und Normvorstellungen” (Heitmeyer u.a. 1995, S.141)
Die Auflösung von sozialen Beziehungen und geteilten Werten und Normen führt zu einer kulturellen und emotionalen Desorientierung, also dem Verlust von sozialen Orientierungspunkten. Die Auflösung von geteilten Werten und Normen resultiert zusammen mit der Auflösung der
Teilnahme an gesellschaftlichen Institutionen (auf Grund der Zunahme von bürokratischen Organisationen) in struktureller Desorganisation beziehungsweise im Verlust sozialer Integration (siehe Abb. 2).
Nach Heitmeyer ist die gesamte Gesellschaft, nicht nur einzelne Teilgruppen, von den Desintegrationsprozessen betroffen. Entscheidend ist nun, wie das Individuum diese verarbeitet. Eine positive Verarbeitung ist dann möglich, wenn auf der kulturellemotionalen Ebene trotz Vereinzelungserfahrungen eine stabile Basis vorhanden ist, auf die zurückgegriffen werden kann, und die Anerkennung für den persönlichen Lebensentwurf vermittelt. Auf der strukturellen Ebene ist es wichtig, dass die Teilhabe am Wohn-, Arbeits- und Konsummarkt gesichert ist.
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Abb. 2: Desintegration (Quelle: Heitmeyer u.a. 1995, S. 57) Ein weiterer substanzieller Faktor für eine positive Verarbeitung ist eine autonome Identität. Auf die Entwicklung derselben und die Auswirkungen der Individualisierung auf diesen Prozess werde ich im folgenden Abschnitt detailliert eingehen. Ist die Verarbeitung der Desintegrationserfahrungen defizitär, ergibt sich das Gefühl der Verunsicherung. Dieses ist gekennzeichnet durch Zukunftsangst, ein schwaches Selbstwertgefühl und dem generellen Gefühl der Unsicherheit, zusammenfassend als Emotionalität bezeichnet, auf der einen und Handlungsunsicherheit auf der anderen Seite. Handlungsunsicherheit setzt sich zusammen aus der Unfähigkeit, sich in wichtigen Situationen zu entscheiden und eine persönliche Orientierung in der Umwelt zu finden. Außerdem fehlt Fähigkeit oder die Möglichkeit, sich selbst und sein eigenes Handeln als wirksam zu erfahren. Diese Anzeichen sind zwar bei jedem Menschen im Ansatz vorhanden, können sich aber durch folgende “Risikofaktoren” potenzieren:
Konfrontation mit scheinbar unlösbaren Problemen unberechenbare Zukunftsaussichten
Gefährdung des persönlichen Status durch Nicht-Anerkennung oder Ablehnung von anderen
starke Unterschiede zwischen dem gewünschten und dem möglichen bzw. von den Eltern erwarteten Lebensverlauf
Unfähigkeit, selbst erfahrene soziale Ausgrenzung nachzuvoll-ziehen Erklären verfehlter Ziele und persönlicher Defizite durch Individual-versagen (vgl. Coester & Gossner 2002, S. 155)
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Die Ausprägung der Verunsicherung ist also sowohl abhängig von der internen Verarbeitung der Desintegrationsprozesse, als auch von den externen Faktoren, wie die soziale Anerkennung, die auf das Individuum einwirken. Die Konsequenz einer “überwältigenden Verunsicherung” liegt darin, “dass keine Reaktionsschemata zu einer Sozialintegration von Bewältigung der Verunsicherung als sinnhaft und verfügbar angesehen werden, so dass sich überwältigende Verunsicherung vielmehr in oft hilflosen und für Außenstehende 'sinnlos' scheinenden Handlungen und Lebenshaltungen niederschlagen” (Heitmeyer & Sander 1992, S. 52). Dazu gehört auch die Ausübung von Gewalt. Da die betroffenen Jugendlichen meist wenig soziale Einbindung und Rücksichtnahme auf sich selbst und ihre Zielvorstellungen erlebt haben, sind sie nicht in der Lage, Rücksicht auf andere zu nehmen, um ihre Ziele durchzusetzen. Außerdem entfällt mit der sozialen Einbindung das Erlernen anderer, konstruktiver
Kommunikationsformen und Gewalt scheint die einzige Lösung zu sein.
4.4.3 Das Identitätskonzept
Dass die Individualisierung einen Einfluss auf die Identitätsentwicklung ausübt wird deutlich, wenn man davon ausgeht, dass Identität jene Struktur des Menschen ist, “durch die das psychische mit dem gesellschaftlichen und das gesellschaftliche mit dem psychischen Leben vermittelt wird.” (Kilian 1971, S. 17). Jugendliche sind so von der Individualisierung in doppeltem Maße betroffen, da sie neben dem Strukturwandel in der Gesellschaft auch noch den “grundlegenden Strukturwandel” (Heitmeyer 1992a, S. 74) ihrer momentanen Lebens-phase bewältigen müssen. Heitmeyer bezieht sich in seinen Arbeiten auf das interaktionistische Identitätskonzept des Soziologen Goffman (Goffman 1967), der die Identität des Menschen in drei Kategorien einteilt, die miteinander interagieren. Die soziale Identität “meint die eingenommenen sozialen Positionen und die gesellschaftlichen Anforderungen und Erwartungen an das Handeln in interaktiven Kontexten, die die Grundlagen des Gesellschaftsbildes abgeben.” (Heitmeyer 1992b, S. 29) “In der personalen Identität dokumentieren sich [...] die im bisherigen Lebenslauf aufsummierten Erfahrungen des einzigartigen Individuums, die die Grundlagen des Selbstbildes abgeben.” (Heitmeyer 1992b, S. 28) Zusammen stellen diese die soziologische Dimension der Identität dar, die von anderen festgelegt und
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vorgegeben wird. Die soziale Identität beispielsweise dadurch, dass einen Mensch nicht zu allen sozialen Positionen, die er gerne einnehmen würde, auch Zugang hat, die persönliche Identität eher durch die Herkunft aus einem bestimmten Milieu und den damit verbundenen typischen Erfahrungen. Beide sind somit abhängig von den aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen. Die dritte Kategorie nach Goffman ist die eigenständige Identität, also “das, was das Individuum selbst als seine Identität entwickelt und empfindet.” (Heitmeyer 1992a, S. 80) Dieser Teilbereich muss ständig zwischen der sozialen und der persönlichen Identität ausgehandelt werden und unterliegt so auch den Veränderungen im sozialen Umfeld. Nur wenn dieses Aushandeln in zufriedenstellendem Maße gelingt, besitzt der Mensch eine autonome Identität, die zum einen das Selbst-Bewusstsein und ein realistisches Selbstwertgefühl beinhaltet, zum anderen die autonome Handlungs-fähigkeit undsicherheit. Für ein erfolgreiches Aushandeln müssen drei Fähigkeiten ausgebildet sein. Erstens die Distanzierungsfähigkeit, die Fähigkeit, sich von vorherrschenden Strukturen und Machtverhältnissen zu distanzieren und so ein “kritisches Gesellschaftsbild” (Heitmeyer 1992a, S. 85) zu entwickeln. Dazu müssen die individuellen Erfahrungen jeweils aus einem politischen, sozialen, ökonomischen, psychischen und letztlich auch historischen Blickwinkel betrachtet und eingeordnet werden. Zweitens die Ambiguitätstoleranz, also das “Aushalten von unklaren, mehrdeutigen, unentschiedenen Situationen, die sich nicht klar und eindeutig klassifizieren lassen” (Heitmeyer 1992a, S. 89) und drittens die Ambivalenztoleranz, die sich eher darauf bezieht, dass man verschiede-nen Rollenerwartungen von außen in einer Situation standhalten kann, wobei die letzten beiden Punkte nach Heitmeyer ineinander übergehen.
4.4.3.1 Probleme bei der Identitätsentwicklung und Angriffspunkte für den Rechtsextremismus
Bei der Entwicklung einer autonomen Identität können zahlreiche Probleme auftreten, die durch die Individualisierung heutzutage von den Jugendlichen mehr oder weniger allein gelöst werden müssen, da sie sich nicht mehr auf ein stabiles, traditionales Umfeld stützen können und außerdem auf Grund der Bildungsexpansion und den so mehr und mehr verschwindenden
generationsübergreifenden Erfahrungen weniger Vorbilder haben, die diesen
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Lebensabschnitt bereits erfolgreich abgeschlossen haben. Diese Probleme ergeben sich etwa durch die zunehmende Jugendarbeitslosigkeit, da Berufe den “persönlichen Bildungsprozess und [...] Lebenslauf in wesentlichen Abschnitten prägen.” (Beck u.a. 1980, S. 233, nach Heitmeyer 1992a, S. 82). Somit fehlen
sowohl der persönlichen als auch der sozialen Identität wichtige Gesichtspunkte, die sie gewissermaßen abrunden würden. Außerdem sieht Heitmeyer jegliche Formen von Herrschaft als hinderlich an: “Herrschaft ist eher an heteronomen denn an autonomen Identitäten interessiert, da Heteronomität die 'Zugangsmöglichkeiten' im Sinne eigener Interessen eröffnet, während Autonomie diesen im Wege steht.” (Heitmeyer 1992a, S. 84) So erfahren die Jugendlichen auch keine Hilfe durch die zunehmende Institutionalisierung, obwohl diese die zuvor vorhandenen Milieus beinahe abgelöst hat.
Die drei Kategorien nach Goffman zu vereinen wird also immer schwieriger. Wenn ein Jugendlicher damit überfordert ist, hat er die Möglichkeit, einen Teil seiner Identität zu Gunsten eines anderen aufzugeben. Wird die soziale Identität vernachlässigt, führt dies zu Apathie und weniger bis gar keinem Interesse an gesellschaftlichen Problemen. Wird dagegen die persönliche Identität aufgegeben, bietet sich eine Angriffsfläche für die Übernahme rechtsextremer Ideologien und Gewaltbereitschaft, da das Individuum so auf seine Einzigartigkeit verzichtet und die Konformitätserwartungen mit Normen und Rollenverteilungen einer sozialen Gruppe nicht nur erfüllen kann, sondern auch muss, da es nun völlig auf seine soziale Identität angewiesen ist. So finden sich diese Jugendlichen im Rechtsextremismus verstärkt wieder, weil dieser keine autonomen Identitäten bevorzugt, sondern sie im Gegenteil eher ablehnt, da die neuen, individuellen Handlungs-möglichkeiten gewissermaßen das Wohl des Volkes untergraben und sich der Einzelne der Gemeinschaft unterzuordnen hat. Dazu kommt, dass die “Sündenbocktheorie” des Rechtsextremismus das Unbehagen über die innerliche Zerrissenheit, die durch eine unvollständige Identitäts-entwicklung entsteht, auf Fremde, denen zum Beispiel die Schuld an der Arbeitslosigkeit oder der Wertepluralisierung gegeben wird, sowie auf das System zu lenken versteht, das zwar einerseits Solidarität und Gewalt-losigkeit vertritt, sie aber andererseits selbst nicht einzuhalten scheint. Zuletzt bleibt außerdem noch, dass die letzte Gewissheit, “Deutscher” zu sein, nicht genommen
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werden kann, wie stark sich die Gesellschaft auch ändert, und so das Tor zu nationalistischen Sichtweisen öffnet.
4.4.4 Zusammenfassung der Theorie und ihre Erklärungskraft für den
jugendlichen Rechtsextremismus
Zusammenfassend kann also gesagt werden, dass der Auslöser für die Übernahme rechtsextremer Ideologien und von Gewaltakzeptanz und -bereitschaft auf der gesellschaftlichen Ebene zu suchen ist. Die dort wirkende Individualisierung führt durch die Auflösung traditionaler Milieus und der Zunahme von
Konkurrenzbeziehungen zu Desintegration auf der interpsychischen Ebene, die sich unter anderem im Verlust gemeinsamer Werte niederschlägt.
Abb. 3: Das Vier-Ebenen-Modell
Diese Desintegrationsprozesse resultieren je nach individueller Verar-beitung derselben auf intrapsychischer beziehungsweise identitäts-stiftender Ebene zu Verunsicherung, die ihrerseits auf die Handlungs-ebene einwirkt und dort bei negativer Verarbeitung der Verunsicherung zu rechtsextremen Orientierungsmustern führen kann. (siehe Abb. 3)
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An welchen Stellen sich genau Ansatzpunkte für den Rechtsextremismus finden, möchte ich im Folgenden noch einmal kurz aufzählen: “Aufhebung der Lähmung [auf Grund der Entscheidungsprobleme] durch Taten, Aktionen, Erleben; [...]
Auflösung von Vereinzelung durch Kameradschaft ('Sich im anderen umstandslos wiedererkennen')
Lösung von Orientierungsdilemmata durch klar strukturierte Prinzipien” (Heitmeyer 1992a, S. 93f)
Identifikationsmöglichkeiten durch Rückgriff auf Naturkategorien, zeitlich konstant und konkret wahrnehmbar sind Integration durch Traditionen und Rituale Anerkennung von Gewalt als legitime Umgangsform
5. Empirische Vergleichsstudie der Erklärungsansätze
5.1 Methode
Ausgehend von den Daten der Studie “Querschläger - Jugendliche zwischen rechter Ideologie und Gewalt” (Fuchs u.a. 2003), die im März und April 2001 an 4.367 deutschen Schülern und Schülerinnen zwischen 14 und 21 Jahren an bayrischen allgemein bildenden und beruflichen Schulen mit Fragebögen erhoben wurden, hat Fuchs (Fuchs 2003) eine Pfadanalyse durchgeführt, um zu testen, welches der oben genannten theoretischen Konzepte die größte empirische Erklärungskraft besitzt. Dazu wurden zum einen die Einstellungsdimension des jugendlichen Rechtsextremismus und die der Gewaltaffinität erhoben. Die rechtsextremen Orientierung wurde mit Hilfe von bekannten Itembatterien operationalisiert. Sie enthält Skalen zum Ethnozentrismus, zur emotio-nalen und pseudorationalen Fremdenfeindlichkeit, zur Verharmlosung der NS-Zeit, zum Antisemitismus, zum Geschlechterverhältnis beziehungs-weise der Ausprägung des Sexismus sowie zur Ideologie der Ungleich-heit nach Heitmeyer. Die Dimension der Gewaltaffinität wurde unterteilt in Gewaltakzeptanz und Gewalttätigkeit. Die Items hatten einen Wertebereich von 5 (trifft völlig zu) bis 1 (trifft überhaupt nicht zu). Die einzelnen Skalen enthielten je 5 bis 8 Items und wurden - innerhalb der beiden genannten Dimensionen - addiert und auf einen Wertebereich von 0 bis 10 standardisiert.
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Die theoretischen Konzepte wurden nach Angabe des Autors “nicht so umfassend operationalisiert” (Fuchs 2003, S. 660). Das Autoritarismus-Konzept wurde anhand der Variablen “Autoritarismus” und “Gewalt-erfahrung in der Familie” operationalisiert, die Deprivation und ihre Auswirkungen durch “Subjektive Deprivation”, “Sozio-ökonomischer Status” und “Transgressionsbereitschaft”, das anomische Weltbild nur durch die Variable “Anomie” und der Desintegrations-Verunsicherungs-Ansatz durch die Variablen “Desintegration”,
“Handlungsunsicherheit” sowie “Selbstwertgefühl”. Die Items wurden fast ausschließlich aus Originalinstrumenten übernommen und nur geringfügig abgewandelt, um sie auf die Sprache und das Umfeld der Jugendlichen anzupassen. (Die Items finden sich bei Fuchs 2003, S. 671-675)
5.2 Ergebnisse
5.2.1 Ausprägung des Rechtsextremismus
Bei der Auswertung der Daten wurde Heitmeyers Kristallationsthese (vgl. Abschnitt 2.1) bestätigt. “Nur wenige Schüler haben keinerlei rechtsextreme Einstellungen, und nur sehr wenige Schüler erreichen Punktwerte nahe dem Maximalwert.” (Fuchs 2003, S. 661) Der Mittelwert lag bei 3,7 Punkten. Ein ausgeprägtes rechtsextremes Weltbild wurde den Jugendlichen dann zugeschrieben, wenn sie in mehr als der Hälfte der Skalen zur rechtsextremen Einstellung mehr als 7 von 10 Punkten erreicht hatten. Das war nur bei 2,8 Prozent der Fall. Bei der Gewaltaffinität war eine starke Ausprägung noch seltener vorhanden, sie betrifft 2,4 Prozent der Jugendlichen. Der Prozentsatz der Jugendlichen, die sowohl über ein ausgeprägtes rechtsextremes Weltbild als auch über starke Gewaltaffinität verfügen, lag bei nur 1,6 Prozent. Ausgehend von der geringen Anzahl der Jugendlichen, die sowohl ein geschlossenes rechtsextremes Weltbild wie eine ausgeprägte Gewaltaffinität besitzen, schlägt Fuchs vor, die zugrundeliegende Definition, die sowohl rechtsextreme Ideologie wie auch Gewaltaffinität verknüpft, zu überdenken, da auch die Korrelationen der Erklärungsansätze zwischen den beiden Dimensionen erheblich variieren (siehe Abb. 4 und 5).
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5.2.2 Zusammenhang zwischen den theoretischen Konzepten und der Ausprägung des Rechtsextremismus
Bei der Betrachtung der bivariaten Zusammenhänge zwischen der Ausprägung der rechtsextremen Einstellungen beziehungsweise der Gewaltaffinität und den theoretischen Konzepten wird deutlich, dass keiner der Ansätze eine zufriedenstellende Erklärungskraft besitzt.
Am besten hat sich der Autoritarismus-Ansatz bewährt, er zeigt mit beiden Dimensionen eine durchgängig relativ hohe Korrelation, besonders bei den rechtsextremen Einstellungen, ebenso das Desintegrations-Verunsicherungs-Theorem sowie die Anomie-Theorie, wenn auch auf einem niedrigeren Niveau. Die Überlegungen zur Deprivation und dem Einfluss der sozioökonomischen Lage haben hingegen keine sichtbare Wirkung auf die zu erklärenden Variablen. Allerdings wirkt die Transgressionsbereitschaft verstärkend auf die Ausprägung der rechtsextremen Einstellungen und besonders auf die der Gewaltaffinität ein, ohne selbst von der subjektiven Deprivation oder der Schicht der Herkunftsfamilie nennenswert beeinflusst zu werden.
Abb. 4: Pfadmodell “rechtsextreme Einstellungen” (vgl. Fuchs 2003 S. 666)
Betrachtet man Transgressionsbereitschaft als jugendspezifisches Verhalten, stellt sich die Frage, unter welchen Bedingungen diese Bereitschaft zur Übernahme
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rechtsextremer Einstellungen führt und wann anderes abweichendes Verhalten gezeigt wird. Der Autor vermutet hier vor allem eine Beeinflussung durch das Elternhaus. Überraschend ist auch der Effekt des Selbstwertgefühls. Den Erwartungen zu folge hätte sich ein positives Selbstwertgefühl negativ auswirken müssen, die Ergebnisse zeigen jedoch das Gegenteil. Diese Umkehrung interpretiert Fuchs folgendermaßen: Bei manchen Jugendlichen werden
Desintegrationserfahrungen dahingehend verarbeitet, dass sie ein übersteigertes Selbstwertgefühl ausbilden, um sich in der für sie wandelnden Welt quasi selbst ein fester Orientierungspunkt zu sein. Dieses Selbstwertgefühl entsteht jedoch auf Grund fehlender Handlungskompetenzen eher in der Abwertung anderer als in der aufwändigeren Aufwertung der eigenen Person.
Abb. 5: Pfadmodell “Gewaltaffinität” (vgl. Fuchs 2003, S. 667)
5.3 Kritik
Der Ansatz, mit einer vergleichenden Studie Licht ins Dunkel der verschiedenen Theorien zu bringen und ihre Erklärungskraft gegeneinander abzugleichen, ist meiner Meinung nach eine vielversprechende Möglichkeit, aufzudecken, welche Theorie für welchen Teilaspekt am aussagekräftigsten ist. Denkbar ist dann auch ein Ansatz, der die Theorien miteinander vereint und so in der Lage ist, einen noch größeren Teil der Varianz aufzuklären.
Allerdings wurden bei der Umsetzung meiner Meinung nach vor allem die
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umfassende Operationalisierung einzelner Variablen vernachlässigt. So wurde zum Beispiel die Skala der Transgressionsbereitschaft aus lediglich drei Items gebildet. Es ist fraglich, ob die Konzepte so in ihrer ganzen Breite mit in die Untersuchung einfließen. Außerdem ist die Beschränkung auf bayrische Schulen zu kritisieren, da ein einziges Bundesland nicht für die ganze BRD stehen kann und so die externe Validität gefährdet ist.
Ein generelles Problem der Rechtsextremismusforschung ist sicherlich die Tatsache, dass rechtsextreme Einstellungen und Gewalt zumindest in der Öffentlichkeit und vor allem im Umfeld Schule eher sozial unerwünscht sind. Es besteht also die Gefahr, dass bei der Erfassung der Dimensionen die Wirklichkeit nicht abgebildet wurde, da auch keine Skala zur sozialen Erwünschtheit in den Fragebogen mit einbezogen wurde.
Dennoch bietet die Studie einen guten Ausgangspunkt für die Weiterentwicklung der Theoriewelt des jugendlichen Rechtsextremismus.
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6. Fazit
Zusammenfassend betrachtet wird deutlich, dass keiner der genannten Ansätze den jugendlichen Rechtsextremismus in seiner ganzen Breite erfassen kann. Es bleibt unklar, was genau die Jugendlichen auszeichnet, die für ein derartiges Weltbild besonders disponiert sind. Auch Heitmeyers Theorie erklärt meines Erachtens eher dass Jugendliche empfänglich sind für rechtsextreme Ideologien als genau herauszuarbeiten, wo ein besonderes Gefährdungspotential besteht. Zwar bezieht er sich auch auf die unterschiedlichen Herkunftsmilieus der Jugendlichen - worauf ich aufgrund der soziologischen Ausrichtung dieses Aspektes nicht eingegangen binaber andere Studien zeigen, dass auch Jugendliche aus den oberen Schichten nicht immun gegen die Übernahme rechtsextremer Ideologien sind (vgl. Coester & Gossner 2002, S. 98f und Wahl u.a. 2003, S. 214 ff). Auch die anderen Theorien sowie weitere, die hier nicht dargestellt wurden, schaffen dies nicht. Der richtige Schritt wäre meiner Meinung nach der Versuch, all diese Konzepte in einem einzigen übergreifenden Erklärungsansatz zu vereinen, und so die Defizite der einzelnen Bestandteile auszugleichen. Die Studie von Fuchs (Fuchs 2003) belegen, dass ein solcher Ansatz einen erheblich geringeren Anteil unerklärter Varianz hätte. Allerdings darf dabei die praktische Anwendbarkeit der Forschungsergebnisse nicht aus den Augen gelassen werden. Gerade die aktuellen Bemühungen der Rechten, weitere Jugendliche durch entsprechende Schülerzeitungen zu “rekrutieren” (vgl. Fröhlich 2007), zeigen, dass diese sich ihrer Anziehungskraft durchaus bewusst sind und dies auch ausnutzen. Deshalb sollte vor allem vor dem Hintergrund der Prä- und Intervention weiter geforscht werden.
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Lena Damrau, 2008, Erklärungsansätze für den jugendlichen Rechtsextremismus, München, GRIN Verlag GmbH
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