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Einführung in die praktische Philosophie
In Platons „Politeia“ behauptet Sokrates´ Gesprächspartner Glaukon, dass der Gerechte, der nicht gerecht scheinen, sondern sein will, anderen ungerecht erscheint und sogar gekreuzigt würde. Der Ungerechte hingegen will demnach gerecht scheinen aber ungerecht sein. Seine Ungerechtigkeiten verschleiert er und kann die Vorzüge des Lebens, in einem gerechtem Rufe stehend, genießen. Diese Annahme mag zunächst widersprüchlich sein, denn die meisten von uns haben schon von klein auf gelernt, was gut und was böse ist. Ziemlich schnell lernten wir auch den Unterschied zwischen Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit kennen und im Einklang mit unserer moralischen Erziehung war es uns schließlich möglich die Gerechtigkeit dem Guten und die Ungerechtigkeit dem Bösen und Schlechten zuzuordnen. Warum also sollte der Gerechte letztlich gestraft werden, wohingegen dem Ungerechten ein besseres Los bestimmt ist? Aus der Konsequenz dieser Annahme entspringt folgende Vermutung: der Ungerechte ist glücklicher (eudaimoner) als der Gerechte.
Sokrates jedoch will diese Vermutung widerlegen. Aber wenn er oder auch Glaukon von Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit sprechen, so dürfen wir nicht mit naiver Leseart herangehen und beide Begriffe vorbehaltlos mit unserem heutigem Verständnis gleichsetzten. Nein, wir müssen unser wachsames Auge für Sokrates´ Begriffsbestimmung erst schärfen.
Wichtig ist, sich hier noch einmal seine Methode vor Augen zu führen. Zunächst beabsichtigt er die Gerechtigkeit im Staat zu definieren und anschließend die Gerechtigkeit im Menschen selbst. Er bestimmt die Gerechtigkeit im Staat als ein, in drei Stände gegliedertes System, in welchem jeder seine Aufgabe erfüllt. Jedem der drei Stände kann man eine von Platons Tugenden zuordnen: dem 1. die Weisheit, dem 2. die Tapferkeit und dem 3. die Besonnenheit. Die vierte Tugend Platons ist Tugend des Staates, sprich die Gerechtigkeit. „Also auch ein gerechter Mann wird von einem Staat in Beziehung auf eben diesen Begriff der Gerechtigkeit nicht verschieden, sondern ihm ähnlich sein.“ 1 Hiermit legt Sokrates eine Analogie von der Gerechtigkeit im Staat zu der Gerechtigkeit im Menschen fest. Wenn die Gerechtigkeit im Staat so zu verstehen ist, dass jeder einzelne seine Aufgabe hat und diese auch verrichtet, so muss Sokrates
1 Platon: Politeia, Seite 329; 435b
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also annehmen, dass es in jedem Menschen ebenso einzelne Teile gibt, die ihre Aufgabe haben und verrichten. Dabei zielt er auf die Seele des Menschen ab. Der Analogie zum Staat entsprechend, müssen es also drei Seelenteile sein, welche eben den Tugenden der verschiedenen Stände entsprechen: „es steht uns nun zur Genüge fest, dass dieselben Verschiedenheiten wie in der Stadt auch in eines jeden Einzelnen Seele sich zeigen und gleich an Zahl.“ 2 Folgen wir nun weiter der
Analogie so muss ein Mensch ein gerechter Mensch sein, wenn eben diese drei Teile der Seele (der weise, der tapfere und der besonnene Teil) ihre Aufgabe erledigen. Jeder Seelenteil hat seine eigene Aufgabe und darf nichts Fremdes verrichten; so herrscht Ordnung und Harmonie dreier Teile. Entgegen setzt Sokrates schließlich den Zwiespalt und die Unordnung der Seelenteile eines ungerechten Menschen. Wie wir sehen, stimmt Sokrates Verständnis von Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit nicht mit unseren heutigen Vorstellungen überein. Deshalb sollte nun anstelle der Verwirrung zu Beginn Klarheit getreten sein. Der gerechte Mensch unterscheidet sich nicht nur in seiner Harmonie der drei Seelenteile vom ungerechten Menschen, sondern auch darin, dass er nur um der Gerechtigkeit selbst Willen, gerecht ist. Der ungerechte Mensch hingegen, wie bereits erwähnt wurde, bewahrt den Schein der Gerechtigkeit aufgrund von Vorzügen. Aber ist dies schon Grund allein zu sagen, der Ungerechte führe ein glücklicheres Leben, als der Gerechte? Glaukon gibt Sokrates zu Recht die Möglichkeit das Glück des Gerechten zu retten. Folgt man Glaukon, so bezeiht sich das Glück des Menschen auf sein Ansehen, seine Taten und auf die Behandlung, welche er von seinen Mitmenschen erfährt. Letztlich ist dies eine, auf die äußeren Einflüsse bezogene Betrachtungsweise. Müsste Sokrates auf derselben Ebene diskutieren, so fiele es ihm sicherlich schwer, Glaukon zu widerlegen. Außerdem ist hier zu bedenken, welcher Begriff von Glück oder Glückseligkeit (Eudaimonie) verwendet wird. Sicher können wir das Bild von Glück, welches sich auf zufällige Begünstigung bezieht, ausschließen. Auch müssen wir Glaukons Vorschlag verwerfen. Wenn wir Sokrates Beweisführung zu stützen gedenken, sollten wir den Begriff des Glücks immer gemeinsam mit dem Begriff der Gerechtigkeit betrachten.
Denn bei Sokrates scheint Glück unabweisbar mit Gerechtigkeit verflochten zu sein. Aus seiner Definition eines gerechten Menschen erschließt sich nämlich, wenn wir Sokrates folgen, welcher von beiden (der gerechte und der ungerechte) wirklich der
2 Platon: Politeia, Seite 349, 441a
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Glücklichere ist. Da sich die Gerechtigkeit immer auf „innere Tätigkeiten in Absicht auf sich selbst und das Seinige“ 3 bezieht, können wir davon ausgehen, dass auch das Glück nicht an äußere Einflüsse gebunden ist.
Erinnern wir uns: ein gerechter Mensch hält seine Seelenteile in Einklang und Ordnung. Kann dies nicht auch auf den glücklichen Menschen übertragen werden? Schon allein Sokrates Formulierung lässt diese Vermutung zu. Wenn der Mensch „die drei [gemeint sind die drei Seelenteile] in Zusammenstimmung bringt, ordentlich wie die drei Hauptglieder jedes Wohlklangs“ 4 , so handelt er schließlich gerecht. Man kann wohl sagen, in ihm herrscht nun eine Art von innerer Harmonie. Alle drei Seelenteile sind aufeinander abgestimmt, erledigen ihre Aufgabe und mischen sich nicht in diejenigen des anderen Teils ein. Setzt man nun jene innere Harmonie mit Glück (Eudaimonie) gleich, so ist es Sokrates gelungen, Glaukon zu widerlegen. Denn nun ist verständlich, dass der gerechte Mensch auch der glücklichere ist. Der ungerechte Mensch, so wie Glaukon anfangs behauptet, kann so gar nicht glücklicher als der Gerechte sein, da seine Seelenteile weder Harmonie noch Ordnung aufweisen. Wenn Glaukon auf dieses Verständnis des Glücksbegiffes eingeht, kann er Sokrates nur zustimmen.
Eine Seele, welche mit sich selbst uneins ist und Zwiespalt statt Einklang aufweist, kann keine glückliche Seele und somit auch kein glücklicher Mensch sein. Eine innere Bedrängnis müsste ihn ständig heimsuchen. Sein eigener Zwist müsste ihn geradezu ewig plagen. Vielleicht, wenn wir den schlimmsten Fall annehmen, sogar zu Grunde richten. Wie also könnte ein unglücklicher Mensch je gerecht handeln? Sollte Glaukon jedoch weiterhin darauf bestehen, dass der ungerechte Mensch glücklicher ist, weil er in seinem Leben mehr Vorzüge und Ansehen genießt, als der Gerechte, so kann Sokrates, gerade weil er Glück und Gerechtigkeit ineinander verwoben hat, immer noch nachweisen, dass Glaukon im Unrecht ist und ihn letztlich entkräften. Auch wenn Glaukon damit Recht haben mag, dass der Gerechte so behandelt werden würde, wie oben beschrieben, so bleibt er trotzdem noch der glücklichere. Denn die Gerechtigkeit bezieht sich auf das Innere und da die Glückseligkeit mit ihr verbunden ist, kann sie nicht auf Äußeres bezogen werden. Ganz gleich welch ein scheinbar glückliches Leben der Ungerechte auch führen mag oder wie viele Vorzüge er auch genießen darf, all das kann nicht sein inneres Unglück wett machen. Die einzige Möglichkeit bestünde darin, seine Seelenteile zu
3 Platon: Politeia, Seite 357; 443d
4 Platon, Politeia, Seite 357. 443d
Arbeit zitieren:
Mendina Morgenthal, 2008, Platon Politeia: Ist der Ungerechte glücklicher als der Gerechte?, München, GRIN Verlag GmbH
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