Inhalt
1. Einleitung 3
1.1. Gegenstand der Arbeit 3
1.2. Fragestellung und Thesen 3
1.3. Methode und Vorgehensweise 4
1.4. Abgrenzung des Themas 5
1.5. Stand der Forschung und Quellenlage 5
1.6. Grundsätzliches zum Mythos und zur Revolution. 6
1.6.1. Definitionen. 6
1.6.2. Funktion und Bedeutung für die Nationenbildung. 7
2. Kontext 8
2.1. Von Römern zu Habsburgern: Kurzer Überblick über die Geschichte
Belgiens bis zum Wiener Kongress von 1814 8
2.2. "La Belgique est une colonie meilleur à exploiter que Java":
Belgien als Teil der Vereinigten Niederlande 1815 - 1830 10
2.3. „Laufet zur Rache Die Waffen, das Feuer": Eskalation 1830 12
2.4. "Vive le Roi": Anerkennung durch Europa und Königsfindung 1831 16
3. Bildung der nationalen Mythen in Belgien 18
3.1. Mythenbildung im Belgischen Nationalstaat nach 1830 18
3.2. Die Belgische Revolution von 1830 als bedeutendster nationaler Mythos 19
3.3. Brillant 1880: Das Cinquantenaire. 21
3.3.1. Mit Hang zum Grössenwahn: Baudenkmäler werden errichtet 21
3.3.2. Hauptsächliche Aktivitäten im Jubiläumsjahr. 25
3.3.3. Die Jubiläumsfeierlichkeiten im Spiegel der Presse 25
4. Fazit. 26
4.1. Auswirkungen bis auf den heutigen Tag. 26
4.2. Zusammenfassung der Erkenntnisse. 28
4.3. Schlussbemerkungen. 28
Anhang
Verzeichnis der Bildquellen 29
Bibliografie. 31
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1. Einleitung
1.1. Gegenstand der Arbeit
Die vorliegende Arbeit wurde im Rahmen des Proseminars Nationale Mythen in Europa am Seminar für Zeitgeschichte der Universität Freiburg verfasst. Sie hat die Belgische Revolution von 1830 sowie deren Mythisierung und Bedeutung für die Belgische Nationalstaatenbildung zum Thema.
Die wesentlichen Akteure in den Tagen von August 1830 bis Juli 1831 waren das Vereinigte Königreich der Niederlande unter seinem König Wilhelm I, dessen im Süden ungeliebter Justizminister van Maanen, die unzufriedenen Bürgerinnen und Bürger in den südlichen, industrialisierten und katholischen Provinzen, hier hauptsächlich mangels Beschäftigung in der niederländisch dominierten Justiz als Journalisten tätige liberale Juristen, erstmals in grossem Umfang die Presse sowie die europäischen Grossmächte, vor allem England und Frankreich, am Rande aber auch Österreich-Ungarn, Preussen und Russland.
1.2. Fragestellung und Thesen
Die Arbeit versucht der Frage nachzugehen, wie es zur Revolution kommen konnte, wer wesentlichen Einfluss darauf nahm und wie sie schliesslich zu einem wichtigen, wenn nicht dem wichtigsten nationalen Mythos wurde. Dies führt zur Formulierung folgender Thesen: These 1: Die Belgische Revolution von 1830 und als deren Folge der unabhängige Natio-
These 2: Die Belgische Revolution von 1830 wurde deshalb von den Grossmächten ak-
These 3: Die Belgische Revolution von 1830 wurde deshalb zum wichtigsten nationalen
1.3. Methode und Vorgehensweise
Mangels Vertrautheit mit der Belgischen Geschichte war zuerst ein genereller Überblick zwingend. Das Studium der in der Schweiz verfügbaren Sekundärliteratur zu nationalen Mythen und insbesondere zur Geschichte der Belgischen Revolution führte dazu, entweder der Frage nachzugehen, wie das Thema in belgischen Schulbüchern, insbesondere in den verschiedenen Sprachregionen und in der erst später dazu gestossenen deutschsprachigen Region, behandelt wurde und wird oder dann zu analysieren, wie der Mythos der Revolution anlässlich einer Jubiläumsfeier, zum Beispiel des Cinquantenaire, dargestellt wurde. Da belgische Schulbücher in der Schweiz nicht vorhanden sind und Zeitungsartikel von 1880 zu den Jubiläumsfeierlichkeiten von der Bibliothèque royale de Belgique beschafft werden können, war die Fokussierung auf die Jubiläumsfeierlichkeiten, nicht zuletzt auch auf Grund des begrenzten Umfangs der Arbeit, nahezu gegeben. Es hätte den Rahmen dieser Arbeit gesprengt und wäre aus der Ferne auch kaum möglich gewesen, mehr als nur die am folgenden Tag der Jubiläumsfeierlichkeiten erschienenen Artikel der Tagespresse, auch solche der niederländischsprachigen Presse, auszuwerten. So erfolgte eine Beschränkung auf die gemäss Marc d'Hoore, Bibliothèque royale de Belgique, Section des Journeaux, wichtigsten damaligen französischsprachigen Blätter.
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1.4. Abgrenzung des Themas
Der vorgegebene Umfang der Arbeit lässt es leider nicht zu, einige ganz wesentliche Aspekte des umfangreichen Themas näher auszuleuchten. Nebst der bereits erwähnten Darstellung in Schulbüchern und ihrer Veränderung im Zeitverlauf wäre es sicherlich interessant, sich näher mit den Persönlichkeiten und Biografien der Protagonisten und Antagonisten zu befassen. Ebenfalls interessant wäre eine vertiefte Analyse der wirtschaftlichen Verhältnisse der damaligen Zeit im Norden und im Süden der Vereinigten Niederlande oder die bildliche Darstellung in Symbolen wie Denkmälern oder repräsentativen Gebäuden. Und schliesslich wäre der Prozess der Konstituierung des neuen Staates eine eigene Arbeit wert.
1.5. Stand der Forschung und Quellenlage
Die Themen der Mythen und der Nationalstaatenbildung sind sehr gut und unter den verschiedensten Aspekten erforscht und dokumentiert.
Quellen und Sekundärliteratur zur Belgischen Geschichte und zur Revolution von 1830 gibt es reichlich, allerdings nur verhältnismässig wenig Sekundärliteratur in Deutsch. Sehr nützlich sind die Werke von Koll (in Deutsch) und Witte (in Französisch). Zur eigentlichen Mythisierung der Revolution gibt es kaum Literatur.
Bei den meisten Quellen und einem Grossteil der Sekundärliteratur stellt sich das Sprachproblem. Etwa die Hälfte ist in Flämisch verfasst und daher dem Autor nicht zugänglich, das Studium der anderen Hälfte, in Französisch geschrieben, bedingt einen entsprechenden Aufwand. In der Schweiz sind keine Quellen und nur wenig Sekundärliteratur zugänglich. Die Beschaffung aus dem Ausland, vor allem von der Bibliothèque royale de Belgique, ist zwar möglich, aber zeitaufwändig.
Belgische Schulbücher sind in der Schweiz kaum vorhanden. Sie wären über den Online-Katalog des Georg Eckert Instituts in Braunschweig zugänglich, allerdings wäre für eine systematische Auswertung ein Besuch vor Ort zwingend.
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1.6. Grundsätzliches zum Mythos und zur Revolution
1.6.1. Definitionen
Als Mythos (griechisch für Wort, Rede, Erzählung, Fabel) bezeichnet man Erzählungen von Göttern, Heroen, Gestalten und Geschehnissen aus vorgeschichtlicher Zeit und die darin enthaltene Weltdeutung für die heutige Zeit. 1 Gemäss Becker 2 ist der klassische Gegenbegriff zum Mythos der Logos. Eine solche Gegenüberstellung würde bedeuten, dass der Mythos das Gegenteil der Wahrheit darstellt. In der Tat hört man häufig, dass Mythen einer kritischen Überprüfung kaum standhalten. 3 Auch besteht ein Spannungsfeld zwischen Mythos und Vernunft. Dies ist aber an sich gar nicht so wesentlich, denn viel bedeutungsvoller als sein Wahrheitsgehalt ist die Wirkmächtigkeit des Mythos in der Gesellschaft und in der Geschichte. Der französische Schriftsteller und Kulturphilosophen Sorel 4 schrieb: "Die Wahrheit des Mythos ist der Vernunft entzogen, in ihm sind Wissen und Wollen eins." 5 Mythen bilden das emotionale Fundament vieler Nationen. Sie dienen dazu, Identität, Geschichte und Kontinuität zu vermitteln. "In vielen Fällen erfolgt die Identifikation über die Person des Herrschers, der zu gleich als Vater und als Verkörperung der Nation dargestellt wird" 6 . Dies zeigt sich am Beispiel von Leopold I, dem ersten König der Belgier, deutlich. Mythen lassen sich grob in Personenmythen, Volks- und Nationalmythen, religiöse Mythen, kulturelle Mythen, Institutionenmythen, Ortsmythen, Gründungsmythen und Schlachtenmythen (wobei sowohl Siege wie auch Niederlagen mythifiziert werden) einteilen. Häufig kommen Mischformen vor. 7 So steht zum Beispiel der Personenmythos Tell in engem Bezug mit den Ortsmythen Rütli, Tellsplatte und Hohle Gasse.
Mythen sind klar zu unterscheiden von Legenden, Sagen und Märchen. Allerdings sind die Bereiche in einigen Fällen durchlässig. So war zum Beispiel Jeanne d'Arc anfänglich eher eine Legende, wurde aber dann später zum Mythos.
1 vgl. Brockhaus: Mythos.
2 Becker, Begriff und Bedeutung des politischen Mythos, Seite 130.
3 vgl. ebd., Seite 129.
4 Georges Eugène Sorel, * 2. November 1847; † 29. August 1922.
5 zit. nach Nipperdey, der Mythos im Zeitalter der Revolutionen.
6 zit. nach François und Schulze in Flacke Monika, Mythen der Nationen, Seite 20.
7 vgl. Becker, Begriff des politischen Mythos, Seite 131.
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In den Geschichtlichen Grundbegriffen 8 wird das Thema Revolution auf 135 Seiten umschrieben. Zum Stichwort Mythen ist nichts zu finden. Die Autoren betonen die Einzigartigkeit jeder Revolution. Revolution wird definiert als "die mit Gewalt verbundenen Unruhen eines Aufstandes, der sich zum Bürgerkrieg steigern kann, jedenfalls einen Wechsel der Verfassung herbeiführt" 9 .
1.6.2. Funktion und Bedeutung für die Nationenbildung
Eine Blütezeit erlebten Mythen im Zeitalter der Romantik, wo sie eine "Art der rationalistischen Entlarvung" 10 und damit ein Gegengewicht zur Aufklärung bildeten. Gleichzeitig dienten sie den entstehenden Nationalstaaten bei deren Identitätsfindung und Legitimierung. Mythen sprechen gleichzeitig den Verstand und das Gefühl an 11 und sind daher bestens geeignet, Emotionen zu wecken und zwischen Eliten und Massen zu vermitteln. Becker nennt drei wesentliche Funktionen von Mythen im Rahmen der Nationalstaatenbildung 12 : Erstens die sich auf mehrere Zeitdimensionen beziehende Deutungsleistung, die durchaus in der Lage ist, Widersprüche zu integrieren, zweitens die Möglichkeit, schwierige, komplexe Zusammenhänge auf einfache Grundmuster zurückzuführen und drittens die Herstellung von Legitimität der Herrschenden durch demonstrative Anknüpfung an den Mythos oder die Mythen. So werden Mythen Objekte von Politik und dienen nicht nur zur Kommunikation politischen Handelns, sondern konstituieren dieses Handeln überhaupt erst. 13
Gemäss Renan 14 ist eine Nation "ein geistiges Prinzip" mit "einer Seele", für die der gemeinsame Besitz eines Erbes an Erinnerungen Grundvoraussetzung ist. Daher ist es durchaus verständlich, dass François und Schulze ihrem Aufsatz zum Thema den Titel "Das emotionale Fundament der Nationen" 15 geben. Hobsbawm 16 beschreibt den Prozess der "invention of tradition" und Anderson 17 spricht in diesem Zusammenhang von "imagined communities". Gemeinsam betonen alle drei die Wichtigkeit und die zentrale Bedeutung von Mythen für das Selbstverständnis der Nationalstaaten.
8 Brunner, Conzet, Koselleck, Geschichtliche Grundbegriffe, Band 5, Seite 653ff.
9 ebd. Seite 653.
10 Brockhaus: Mythos.
11 vgl. Becker, Begriff des politischen Mythos, Seite 137.
12 vgl. ebd., Seite 138ff.
13 vgl. ebd., Seite 133 und 141.
14 Ernest Renan, * 27. Februar 1823, † 2. Oktober 1892, französischer Schriftsteller, Religionswissenschaftler,
Historiker.
15 François und Schulze in Flacke Monika, Mythen der Nationen, Seite 17ff.
16 Eric Hobsbawm, * 9. Juni 1917, englischer Historiker und Sozialwissenschaftler.
17 Benedict Anderson, * 26. August 1936, US-amerikanischer Politikwissenschaftler. 7 / 32
Weichlein legt dar, dass "moderne Gesellschaften der historischen Rückversicherung bedurften" 18 . Er zitiert dabei den Ägyptologen Jan Assman, welcher die "Allianz zwischen Herrschaft und Gedächtnis" auf die Formel "Herrschaft braucht Herkunft" bringt. Und Nipperdey hält fest, dass sich von Condorcet bis Marx alle einig waren, dass "jede liberale, nationale, soziale Reformpolitik Rückversicherung in der Geschichte brauche" 19 . Es ist daher nicht weiter verwunderlich, dass die im 19. Jahrhundert entstehenden Nationalstaaten viel Aufwand betrieben, die Herrschaft in der Geschichte zu verankern, zu legitimieren und Bezug auf Helden und/oder Ereignisse der Vergangenheit herzustellen, wobei es galt, dies nicht nur den Eliten, sondern vor allem auch breiten Bevölkerungskreisen ins Bewusstsein zu rufen.
2. Kontext
2.1. Von Römern zu Habsburgern: Kurzer Überblick über die Geschichte Belgiens bis zum Wiener Kongress von 1814 20
Zur Zeit der Antike war die Provinz Belgica (zwischen Rhein und Seine), erobert durch Julius Cäsar im Rahmen der Gallischen Kriege, Teil des Römischen Reiches. Nach dessen Zerfall wurde das Land Teil des Fränkischen Reiches und fiel nach dessen Teilung - mit Ausnahme Flanderns - an das Ostfränkische Reich. 1099 tat sich ein späterer Nationalheld, Gottfried von Bouillon (Godefroy de Bouillon) als Anführer des ersten Kreuzzuges, Eroberer Jerusalems und Beschützer des Heiligen Grabes hervor. 1384 fiel das Gebiet - inklusive Flandern - an das Herzogtum Burgund und nach dessen Untergang 1477 an den spanischen Zweig des Hauses Habsburg. In dieser Zeit wurde der Landstrich, vor allem Flandern, zu einer der reichsten Gegenden Europas. Die Städte erlangten als Zentren der Textilmanufaktur und des Handels aus-serordentlich hohen Wohlstand, was sich unter anderem noch heute in Brügge, Gent und Ypern, zeigt (Bilder 1 und 2).
18 Weichlein, Nationalbewegungen und Nationalismus in Europa, Seite 112.
19 zit. nach Nipperdey, Der Mythos im Zeitalter der Revolution, Seite 101.
20 vgl. Koll, Belgien: Geschichte, Politik, Kultur, Wirtschaft und Brockhaus, Stichwort: Belgien. 8 / 32
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Bruno Wägli, 2007, Die Belgische Revolution 1830, München, GRIN Verlag GmbH
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