Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 3
2. Rückblick: Pädagogik in der Weimarer Republik 4
2.1. Schulpolitische Neuerungen 4
2.2. Entwicklung und Etablierung der Reformpädagogik 6
2.2.1. Arbeitsschule 7
2.2.2. Landerziehungsheim 7
2.2.3. Kunsterziehungsbewegung 8
2.2.4. Freie Waldorfschule. 9
2.4. Reformpädagogische Versuchsschulen. 9
3. Entwicklung der Pädagogik ab 1933 10
3.1. Neue pädagogische Leitbilder. 11
3.1.1. Körper, Charakter und Geist. 11
3.1.2. Gleichschaltung, Gemeinschaftsgefühl und Unterordnung. 12
3.1.3. Rassegedanke. 14
3.2. Die Wichtigkeit der Jugend 15
3.3. Umgestaltung des Schulwesens 16
3.3.1. Richtlinien für die Volksschule (Dezember 1939) 16
3.3.2 Vereinheitlichung und Neuordnung des mittleren Schulwesens. (Dezember
1939) 18
3.3.3. Erziehung und Unterricht in der höheren Schule. (Januar 1938) 19
3.3.4. Weitere Änderungen. 20
4. Reformpädagogik: Kritik und Überbleibsel. 22
5. Adolf Reichweins Schulmodell „Tiefensee“ 24
5.1. Biographisches 24
5.2. Das Alternativschulmodell „Tiefensee“ 25
5.2.1. Allgemeines. 26
5.2.2. Lehrplan 27
5.2.3. Methodik. 29
5.3. Reichweins „pädagogischer Widerstand“ 30
5.4. Gründe für die Duldung von Reichweins Alternativschulmodell im
nationalsozialistischen Deutschland 31
6. Abschliessende Bemerkungen und offene Fragen 33
7. Literaturverzeichnis 35
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1. Einleitung
Diese Arbeit soll sich in erster Linie mit der nationalsozialistischen Pädagogik in Deutschland beschäftigen. Dazu wird zunächst ein Überblick über die wichtigsten pädagogischen Konzepte der Weimarer Republik gegeben. Da es im zweiten Teil der Arbeit um ein reformpädagogisches Alternativschulmodell geht, werde ich mich hier ausschliesslich auf die Reformpädagogik beziehen, die sich während der Weimarer Republik erstmals etablieren konnte. Die vorgestellten reformpädagogischen Konzepte sind auch für den zweiten Teil meiner Arbeit von Bedeutung, der sich Adolf Reichweins Alternativschulmodell „Tiefensee“ widmet.
Das dritte Kapitel beschäftigt sich mit der Darstellung der wichtigsten pädagogischen Konzepte ab 1933. Dabei werden einerseits Neuerungen beschrieben, die sich mit der national-sozialistischen Umgestaltung der Pädagogik ergaben, andererseits werden im vierten Kapitel Überbleibsel der reformpädagogischen Ausrichtung der Weimarer Republik hervorgehoben.
Auf Adolf Reichweins Alternativschulmodell „Tiefensee“ komme ich im zweiten Teil der Arbeit zu sprechen, der zum einen das Verhältnis von Nationalsozialismus und Reformpädagogik aufzeigen und zum anderen einen pädagogischen Widerstandskämpfer vorstellen soll.
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2. Rückblick: Pädagogik in der Weimarer Republik
Die Zeit der Weimarer Republik ist geprägt von der Etablierung der akademischen Erziehungswissenschaft, neuen Erziehungsambitionen und Schulreformen. Während vor 1918 die Erziehungswissenschaft an den Universitäten nur schwach vertreten war, gewinnt sie nun an Interesse und wird als Wissenschaft den anderen akademischen Disziplinen gleichgestellt. Ausserdem wird sie aus der Obhut der Kirche befreit, die davor sowohl im Bereich der Pädagogik als auch in der Schulpolitik eine tragende Rolle spielte.
Bildung und Erziehung nehmen in der Weimarer Republik eine bindende und festigende Rolle ein. Einheitliche gesellschaftliche Leitbilder - auch im Bereich der Pädagogik - sollen Sicherheit vermitteln und die Trauer über die Auflösung traditioneller Werte aufheben. Es soll eine „ganzheitliche“ Pädagogik geschaffen werden, die am Lernenden und nicht an methodischen Vorgaben orientiert ist und als geistiges Gesamtverhalten - als Lebensschule - verstanden wird. Die Aufwertung der Pädagogik wirkt sich auch auf das Schulsystem aus. So werden das Volksschulwesen ausgebaut, ein anerkanntes Mittelschulwesen aufgebaut und die höheren Schulen weiterentwickelt.
2.1. Schulpolitische Neuerungen
Bereits vor dem Ersten Weltkrieg wird das Schulsystem ausgebaut und systematisiert. Der Ausbau des Volksschulwesens und der höheren Lehranstalten hat eine Steigerung der Schülerzahl zur Folge. Die allgemein steigende Bildungsbeteiligung gibt jedoch auch Anlass zu Kritik über Massenandrang und sinkendes Niveau an den höheren Schulen. Dem soll ein einheitliches Mittelschulwesen Abhilfe schaffen. Schüler, die kein Abitur und Studium anstreben, sollen durch die Möglichkeit, eine Mittelschule zu besuchen, vom Eintritt in eine höhere Schule abgehalten werden. Auch die Vereinheitlichung anderer Schultypen wird angestrebt. Die „nationale Einheitsschule“ soll - den Schulreformforderungen des Deutschen Lehrervereins (DLV) gemäss - folgendermassen aussehen 1 : 1. Alle Bereiche des Bildungswesens (Kindergarten bis Hochschule) sollen zusammengefasst und organisch gegliedert werden. Dadurch soll der Schüler
1 Die Forderungen werden an der Deutschen Lehrerversammlung von 1912 ausgearbeitet. → Vgl.
Langewiesche/Tenorth, S. 160 f.
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die Möglichkeit erhalten, von seinem eingeschlagenen Schulweg auf einen anderen umzusteigen.
2. Der Besuch der ersten Volksschulklassen (vier Jahre) soll für alle Schüler verbindlich sein. Danach soll eine Verteilung der Schüler auf verschiedene weiterführende Schulen stattfinden. Auch minderbemittelte, aber befähigte Schüler sollen höhere Schulen besuchen können (Einführung von Schulgelderlass, Stipendien etc.).
3. Die Aufhebung der konfessionellen Trennungen im Schulwesen wird gefordert. Ausserdem die Schaffung einer weltanschaulich neutralen Gemeinschaftsschule.
4. Es sollen ein reichseinheitliches Schulwesen und eine Reichsschulbehörde geschaffen werden. Ebenso gefordert werden eine einheitliche staatliche Schulaufsicht und eine einheitliche Schulverwaltung für alle Bereiche des Schulwesens.
5. Es sollen pädagogische Akademien mit Hochschulstatus errichtet werden, was die Vereinheitlichung der Vorbildung und Besoldung der Lehrer bewirken soll.
In den Nachkriegsjahren wird ein grosser Teil der Forderungen des DLV umgesetzt. So werden weitreichende Schulreformen angekündigt. Alle Bildungsinstitutionen sollen ausgebaut und vernetzt, eine Einheitsschule soll geschaffen und die Schule von der kirchlichen Bevormundung befreit werden. Ausserdem wird die neue Regelung ausgearbeitet, dass auch Minderbemittelten der Zugang zu mittleren und höheren Schulen ermöglicht werden muss (Erziehungsbeihilfen). Der Besuch der vierjährigen Grundschule (Teil der Volksschule) wird für alle Kinder obligatorisch, wodurch die Privatschulen - die davor für die höheren sozialen Schichten die öffentliche Grundschule ersetzten - stark zurückgedrängt werden. Dadurch erhöht sich auch der gesellschaftliche Status der Volksschullehrer - sie sind nun nicht mehr „Lehrer der Unterschicht“.
Nach der vierjährigen Grundschule besteht die Möglichkeit, die restliche obligatorische Schulzeit (vier Jahre) in der Volksschule zu absolvieren, auf eine der zahlreichen Typen von Mittelschulen überzutreten (sechs Jahre) oder in einer
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höheren Schule das Abitur anzustreben (acht Jahre). Die Übertrittsbestimmungen auf mittlere und höhere Schulen werden neu und einheitlich geregelt. Da an den Schulen generell für mehr Eigenverantwortung und Selbsttätigkeit plädiert wird, werden keine einheitlich vorgeschriebenen Lehrpläne, sondern nur Richtlinien zur Aufstellung von Lehrplänen erstellt.
2.2. Entwicklung und Etablierung der Reformpädagogik
Um 1900 setzt in Deutschland ein ausgeprägtes Interesse an reformpädagogischen Ansätzen ein, die ab 1918 erstmals öffentlich anerkannt und v.a. im niederen Schulwesen (Grund- und Volksschule) umgesetzt werden. Der Kern der reformpädagogischen Bewegung liegt vor allem im Bereich der Didaktik und Methodik. Die „neue“ Schule soll „ganzheitlich“ und kindgemäss gestaltet werden. Neue didaktische Werte, wie Selbsttätigkeit und Selbsterziehung, Orientierung am Lernenden anstatt am Stoff, Arbeit in Gruppen anstatt Frontalunterricht, individuell aus-gerichtetes Lernen, Betonung der Gemeinschaft etc. gewinnen an Bedeutung. Charakteristikum aller Reformbewegungen ist die stark betonte Orientierung vom Kinde aus. So stützen sich viele reformpädagogische Ansätze auf Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) und sein Prinzip des „Wachsenlassens“ 2 . Demnach ist es die Aufgabe des Erziehers, sich dem Kind und seiner Entwicklung zu widmen, das Kind ernst zu nehmen, seine Individualität zu respektieren und seine freie Entfaltung zu unterstützen.
Auch propagieren die Reformpädagogen die Rückkehr zur Natur und betonen das Ideal des Bäuerlichen als echtes, unverfälschtes und ursprüngliches Prinzip. Aktivität, Handarbeit, Erleben und Selbsttätigkeit gewinnen an Bedeutung. Stark vergeistigte und intellektuelle Menschen werden als unnatürlich und gekünstelt angesehen. Wichtig für die Reformpädagogik ist auch das Prinzip der Gleichheit und Gemeinschaft, d.h. die Überbrückung von Klassengegensätzen.
2 Das Konzept des „Wachsenlassens“ wird in Rousseaus pädagogischem Hauptwerk „Emil oder über
die Erziehung“ (1762 erschienen) beschrieben. Das Kind erzieht und entfaltet sich selbst, so wie auch
Pflanzen von selbst wachsen, sofern sie genügend Nahrung erhalten. Jegliche Einflussnahme von
aussen soll unterlassen werden. Im Vordergrund stehen die Bedürfnisse des Kindes.
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Im Folgenden sollen die wichtigsten reformpädagogischen Ansätze, die während der Weimarer Republik realisiert wurden, kurz vorgestellt werden.
2.2.1. Arbeitsschule
Das Konzept der Arbeitsschule wird von Georg Michael Kerschensteiner (1854-1932) und Hugo Gaudig (1860-1923) entwickelt. Das Konzept orientiert sich nicht an Rousseau, sondern - zumindest teilweise - am von Johann Heinrich Pestalozzi (1746-1827) entwickelten Konzept vom Zusammenwirken von „Kopf, Herz und Hand“ 3 , wobei in den Arbeitsschulen das „Herz“ eine eher untergeordnete Rolle einnimmt. Grundlage aller kognitiven und moralischen Erziehung bildet die manuelle bzw. handwerkliche Arbeit als Gegensatz zum „öden Einpauken“ von Stoff. Gearbeitet wird an verschiedenen Projekten, wie Brieftaubenzucht, Gartenbau, Schulfeuerwehr, Wetterstation etc. Als wichtigste Erziehungsziele gelten die Fähigkeit zu gewissenhafter, fleissiger, gründlicher und sauberer Arbeit, die Verbindung von körperlicher und geistiger Tätigkeit, unbedingter Gehorsam, selbstloser Charakter und treue Pflichterfüllung. Der Unterricht ist hier nicht am Kind, sondern an der Sache (d.h. an der Arbeit) orientiert. Das Kind erzieht sich nicht selbst, sondern wird vom Lehrer „geführt“. Die Schule soll als Lebensgemeinschaft auf-gebaut und wenn möglich in ländlicher Umgebung stationiert sein. Die ländliche Abgeschieden-heit wird als Schutz vor familiärem Einfluss verstanden. Generell wird die Familie als Sozialisationsinstanz eher skeptisch betrachtet.
2.2.2. Landerziehungsheim
Die Landerziehungsheimbewegung beginnt 1989 mit Hermann Lietz (1868-1919). Spätere Vertreter der Bewegung sind Gustav Wyneken (1875-1964) und Paul Geheeb 4 (1870-1961). Auch Adolf Reichwein übernimmt Aspekte der Landerziehungsheimpädagogik (siehe Kapitel 5). Ähnlich wie die Arbeitsschule befindet sich das Landerziehungsheim in ländlicher Umgebung und wird als Lebensgemeinschaftsschule geführt - dies zum Zweck der Abgrenzung von den negativ eingeschätzten Einflüssen der Grossstadt und der Familie. Auch die
3 Pestalozzis Konzept verfolgt eine ganzheitliche Pädagogik, wobei intellektuelle, emotionale und
handwerkliche Kräfte des Kindes in ein harmonisches Gleichgewicht gebracht werden sollen. Das
Kind soll zu Selbsttätigkeit und Selbständigkeit erzogen werden. Die Erziehung beginnt bereits im
Elternhaus.
4 Gründer der Odenwaldschule, die er ab 1934, gemeinsam mit seiner Frau Edith, im Exil (Schweiz)
weiterführte.
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Arbeit zitieren:
Alma Lanz, 2007, Nationalsozialismus und Reformpädagogik, München, GRIN Verlag GmbH
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