Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Die betrachteten Personen 4
2.1. Thomas Platter (1499?-1582) 4
2.2. Felix Platter (1536-1614) 6
3. Gewalterfahrungen im Kindesalter 6
3.1. Verwahrlosung und mangelnde Betreuung 7
3.2. Arbeit 9
4. Gewalterfahrungen im Jugendalter 11
5. Beziehung zu den Eltern 14
6. Physische vs. psychische Gewalt 19
7. Emotionaler Umgang mit erlebter Gewalt in den
beiden Lebensbeschreibungen 20
8. Schlusswort 23
9. Literaturverzeichnis 25
2
1. Einleitung
„Der schlug mich grusam übell, nam mich vill malen by den oren und zoch mich vom herd uff, das ich schrei, wie ein geiss am messer stäket ...“ 1 Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem Umgang mit Gewalt in der Familie Platter. Es wird nicht die ganze Familie betrachtet, sondern nur die beiden Familienmitglieder, die eine umfassende Lebensbeschreibung verfasst haben: Thomas Platter und sein Sohn Felix.
Thomas Platters Lebensbeschreibung, 1572 verfasst, gilt als eine der bekanntesten und am häufigsten gedruckten Autobiographien des 16. Jahrhunderts. 2 Sie erschien in Dutzenden von Ausgaben und wurde in fünf Sprachen übersetzt. Sie gehört zu den wichtigsten Dokumenten über die ländliche Kindheit, die Zustände an Schulen und die Begleitumstände der Reformation. 3 Sie ist bekannt für ihren bildhaften 4 und realistischen Erzählstil und die Dynamik des Lebensverlaufs und gilt als eine der vitalsten und interessantesten Autobiographien der Frühen Neuzeit. 5 Felix Platter will es dem Vater gleichtun und verfasst ebenfalls eine Lebensbeschreibung. Die beiden Autobiographien sollen in dieser Arbeit auf Elemente der Gewalt untersucht werden. Dabei werden sowohl die körperliche als auch die psychische Gewalt betrachtet. Zunächst werden das Kindes- und das Jugendalter von Thomas und Felix Platter untersucht. Dabei wird auf Aspekte der Verwahrlosung und auf Gewalterfahrungen bei der Arbeit und innerhalb der Familie eingegangen. Des Weiteren soll die Beziehung der beiden Protagonisten zu ihren Eltern betrachtet und auf Aspekte der Gewalt untersucht werden. Im sechsten Kapitel wird dann explizit zwischen physischer und psychischer Gewalt unterschieden: Die einzelnen Gewalterfahrungen werden nochmals zusammengefasst und der physischen bzw. der psychischen Gewalt
1 Vgl. Hartmann, S. 35
2 Vgl. Velten 1995, S. 103
3 Vgl. Bellwald, S. 180
4 Vgl. Müller 1995, S. 51
5 Vgl. Velten 2001, S.136
3
zugeordnet. Abschliessend wird auf die Sprache eingegangen die in den beiden Lebensbeschreibungen verwendet wird. Es wird untersucht, wie erlebte Gewalt von den beiden Autoren beschrieben wird.
Diese Arbeit soll sich vor allem der Frage widmen, unter welchen Umständen welche Gewalterfahrungen gemacht werden, wie damit umgegangen bzw. darüber geschrieben wird und inwiefern sich die unterschiedlichen Lebensräume bzw. Lebensumstände der beiden Autoren im Hinblick auf Gewaltausübung unterscheiden.
2. Die betrachteten Personen
Nicht die ganze Familie Platter wird in dieser Arbeit betrachtet, sondern nur die beiden Mitglieder der Familie, die eine umfassende Lebensbeschreibung verfasst haben. Im Folgenden werden die beiden etwas ausführlicher vorgestellt.
2.1. Thomas Platter (1499?-1582)
Nach eigenen Angaben wird Thomas Platter an der Herrenfasnacht 10. Februar) im Jahre 1499 in Grächen geboren. 6 Der Vater Anthoni Platter
6 In diversen Sekundärtexten wird dieses Datum als zu früh angesetzt betrachtet. Hartmann schlägt 1507
als Geburtsdatum vor (vgl. S. 153). Auch für Meyer ist 1499 als Geburtsdatum eindeutig zu früh angesetzt.
Er schlägt 1504 vor (vgl. S. 18).
4
stirbt kurz nach Thomas’ Geburt und Thomas lebt, nach der zweiten Heirat der Mutter Amilli Summermatter, bis zu seinem sechsten Lebensjahr bei Schwestern seines Vaters. Thomas hat mindestens fünf ältere Geschwister und mehrere jüngere Halbgeschwister aus der zweiten und dritten Ehe seiner Mutter. Im siebten und achten Lebensjahr muss Thomas als Verdingkind bei diversen Bauern Kühe und Ziegen hüten. Im Alter von etwa zehn Jahren schliesst er sich seinem Vetter Paulus Summermatter und dessen Gruppe fahrender Schüler an, um mit diesen für etwa zehn Jahre von Schule zu Schule zu reisen, ohne viel zu lernen. 1523 tritt er in Zürich in die Schule von Myconius 7 ein. In der Schule lernt er Latein und eignet sich zusätzlich im Selbststudium die griechische und die hebräische Sprache an. Eine Predigt Ulrich Zwinglis überzeugt ihn vom reformierten Glauben. 1527 zieht Thomas nach Basel, wo er beim Seiler Hans Stähelin arbeitet. Nach dem ersten Kappeler Krieg (1529) setzt er in Zürich bei Myconius seine Studien fort und heiratet dessen Magd Anna Dietschi. Mit ihr lebt er zunächst in Visp, zieht später nach Basel, wo er sich 1531 endgültig niederlässt. Die beiden ersten Töchter (Margaretha und Margaretha), 1531 und 1533 geboren, sterben beide im Kindesalter an der Pest. Die dritte Tochter (Ursula) wird 1534 geboren. 1536 kommt der Sohn Felix zur Welt. 1544 wird Thomas Schulmeister an der Münsterschule „auf Burg“. 1551 stirbt Ursula an der Pest. Am 20. Februar 1572, kurz nachdem Thomas seine Lebensbeschreibung vollendet hat, stirbt auch seine Frau Anna, worauf er, zwei Monate nach Annas Tod, die junge Esther Gross heiratet. Mit ihr hat er noch sechs Kinder. Am 26. Januar 1582 stirbt Thomas Platter im Alter von 82 Jahren in Basel. 8
7 Oswald Myconius, eigentlich Geißhüsler. Geboren1488, gestorben 1552.
8 Wenn davon ausgegangen wird, dass Thomas Platter tatsächlich 1499 geboren wurde.
5
2.2.Felix Platter (1536-1614)
Felix Platter, Sohn des Thomas Platter und der Anna Dietschi, wird am
28. Oktober 1536 in Basel geboren. Seine Kindheit verbringt er in Basel mit seinen Eltern und seiner Schwester Ursula. Schon von klein auf muss er in der Druckerei seines Vaters mithelfen. Auch wird er von seinem Vater intensiv unterrichtet und gefördert. Schon bald wird klar, dass Felix den Arztberuf ergreifen wird. Für sein Medizinstudium reist er im Jahre 1552 nach Montpellier. Im Jahre 1557 heiratet er die Basler Schererstochter Margarete Jeckelmann. Die Ehe bleibt kinderlos. 1571 wird Felix Stadtarzt und Professor für praktische Medizin in Basel. Er ist sechsmal Rektor der Universität und gründet ein anatomisches Theater und den botanischen Garten in Basel. Er stirbt am 28.7.1614 in Basel.
3. Gewalterfahrungen im Kindesalter
Der Schwerpunkt dieses Kapitels soll bei den Gewalterfahrungen liegen, die die beiden Platter vor ihrem zehnten Lebensjahr gemacht haben. Bei Thomas finden wir mehr dieser Erfahrungen als bei Felix, weswegen Felix in diesem Kapitel etwas vernachlässigt wird. In diesem und in den beiden folgenden Kapiteln wird noch nicht explizit zwischen physischer und psychischer Gewalt unterschieden.
6
Gewalt wird allgemein als verletzende Zwangseinwirkung auf eine andere Person definiert. Diese Zwangseinwirkung kann körperlicher oder psychischer Art sein. 9 Als psychische Gewalt gilt unter anderem die Drohung mit körperlicher Gewalt und die Androhung bzw. der Vollzug eines Entzugs von Liebe und Aufmerksamkeit. Physische sowie psychische Gewalt können schwerwiegende Folgen im seelischen Bereich nach sich ziehen. 10
3.1. Verwahrlosung und mangelnde Betreuung
Wenige Tage nach seiner Geburt wird Thomas von der Mutter weggegeben und wächst bei Verwandten des Vaters auf, wo er, aus heutiger Sicht, oft zu wenig betreut wird und so mehrfach in Lebensgefahr gerät. Frenken sieht in diesem Weggabeerlebnis und auch in der Tatsache, dass Thomas nie gestillt wurde, eine erste Erfahrung von psychischer Gewalt. 11 Er begründet dies mit folgender Aussage Thomas Platters in dessen Lebensbeschreibung: „Als sy minen gnäsen was, hand iren die brist we than, das sy mich nit hat mögen seigen; han ouch sunst nie kein frowen milch gsogen, wie mier min mutter sälig selber gsagt hatt; das was mins ellentz ein anfang.“ 12 Frenken sieht in der frühen Weggabe von Thomas und auch in der Verweigerung oder Unmöglichkeit des Stillens eine emotionale Ablehnung des Kindes durch die Mutter. 13 Dem ist entgegenzusetzen, dass im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit das Weggeben der Kinder in andere Familien, besonders für Bauernfamilien, nichts Ungewöhnliches war. Nur so war die ausreichende Versorgung und Ernährung aller Kinder gewährleistet. 14 Dennoch muss die Frage gestellt werden, warum ausgerechnet Thomas weggegeben wird: Kurz nach dem Tod von Thomas’ Vater, also auch kurz nach der Weggabe des kleinen Thomas, heiratet die Mutter erneut. Mit ihrem Ehemann, Heintzman am
9 Vgl. Brockhaus Psychologie, S. 220
10 Vgl. Wenniger, S. 150
11 Vgl. Frenken, S. 197 ff.
12 Vgl. Hartmann, S. 25
13 Vgl. Frenken, S. 200
14 Vgl. Van Dülmen 1999, S. 110
7
Arbeit zitieren:
Alma Lanz, 2006, Vom Umgang mit Gewalt in der Familie Platter, München, GRIN Verlag GmbH
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