Inhaltsverzeichnis
Vorwort 3
I. Das Werk und sein Publikum 4
I. 1 Das Werk „Parzival“ und seine Einordnung in der mittelalterlichen Literatur 4
I. 2 Das höfische Publikum und der geistlichen Leser 5
I. 3 Der reale und der fiktive Zuhörer. 6
I. 4 Die Erzählerinstanz 7
I. 5 Die Vortragssituation um 1200. 8
II. Verweise, Einschübe, Sentenzen und Anspielungen im „Parzival“, sowie die damit
verbundene Funktion für den mittelalterlichen Zuhörer 8
II. 1 Direkt den Vortrag und die Zuhörer betreffende Verweise 9
II. 1. A Erzähler-Reden und Hörer-Anreden. 9
II. 2 Indirekt den Zuhörer betreffende Verweise 12
II. 2. A Sachliche Erläuterungen und Sentenzen 12
II. 2. B Literarische Anspielungen. 14
II. 2. C Historische Verweise und politische Zusammenhänge. 18
II. 2. D „Fachexpertenexkurse“ und magische Motive 20
II. 2. E Geographische Bezüge und Orient-Belege 21
III. Der gewollte Umgang des Erzählers mit den Zuhörern der „Parzival“-Erzählung, sowie
seine Ziele und Zwecke. 22
Literaturverzeichnis : 24
2
Vorwort
Im folgenden Teil meiner Hauptseminarsarbeit möchte ich gern die Funktionen der mittelalterlichen Literatur und ihre Wirkung auf den Zuschauer am Beispiel des Wolframschen „Parzival“ analysieren und erläutern.
Dem realen, sowie auch dem fiktiven Zuschauer soll hierbei eine besondere Aufmerksamkeit zugesprochen werden, da sich erst aus seiner Wissens- und Handlungsperspektive die Absichten, die der Autor bezweckt, entfalten können. Der Zuschauer gilt folglich als Adressat der zweckgebundenen Literatur.
Gern möchte ich die Termini Zuhörer und Leser synonym verwenden, da, wie in Kapitel I. 2 beschrieben werden soll, die Leserschaft nur einen sehr geringen Prozentsatz darstellt und die Zuhörerschaft folglich vordergründig behandelt werden muss - die Funktionen der Literatur aber gleichermaßen auf das entsprechende Auditorium wirken. 1
Ziel meiner Arbeit ist es, nachzuweisen, dass mittelalterliche Literatur immer an einen Zweck gebunden war und intertextuelle Verweise und Sentenzen, sowie Belege und Einschübe, zur Gemeinschaftsstiftung notwendig und dienlich waren.
Mein Interesse gilt hier dem „Parzival“, weil ich bei meinem ersten Lesen dieses mittelalterlichen Romans sehr bewusst und eindeutig feststellen konnte, dass Wolfram ein Spiel mit seinen Zuschauern anstrebt und sie ins Handlungsgeschehen einbindet. Sie werden zu Mitspielern auf einer Basis der Gemeinsamkeit; sie erfüllen in der Handlung eine sinnstiftende Funktion.
Wolfram strebt in seinem Werk deutlich die Bildung einer Zuhörergemeinschaft an, um in diesem Bunde miteinander agieren zu können. Dieses Vorgehen hat mir imponiert, so wie auch die zeitliche Einordnung, denn bereits um 1200 wurde folglich improvisierend Literatur vorgetragen. Nicht der sture Psalm- oder Bibelvortrag war am mittelalterlichen Hof vordergründig, wie oft vermutet wird, sondern das gemeinsame Literaturspektakel. Hier sehe ich einen aktuellen Bezug zur Gegenwart der mich erstaunt. Auch heute wird der Improvisation viel Aufmerksamkeit zugemessen. In diversen Fernsehsendungen und Lesungen ist sie nämlich genau das, was angestrebt wird und was das Publikum erwartet. Das dieses auch im Mittelalter der Fall war, beeindruckt mich und deshalb möchte ich mein Interesse auf den folgenden Seiten genau dieser Situation widmen. Ich beziehe mich im Folgenden auf die überarbeitete Lachmann-Übersetzung sowie auf seine 16teilige Gliederung der Handlung. _____________________________
1 Vgl. Joachim Bumke: Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter. 10. Auflage, Dtv,
München 2002, S. 607
3
I. Das Werk und sein Publikum
I. 1 Das Werk „Parzival“ und seine Einordnung in der mittelalterlichen Literatur Der Dichter Wolfram von Eschenbach ist nirgendwo urkundlich erwähnt, daher müssen Lebenszeiten und Datierungen aus Andeutungen und Anspielungen seiner Texte erschlossen werden. Der „Parzival“ enthält Verweise auf Ereignisse der Jahre 1203 und 1204, was
vermuten lässt, dass dieser folglich im ersten Jahrzehntel des 13. Jahrhunderts entstanden ist. Genauer datierbar sind Wolframs Werke jedoch nicht. 2
In seiner Schaffenszeit erarbeitete Wolfram von Eschenbach 9 Lieder (höfische Tage- und Minnelieder) sowie 3 epische Werke („Parzival“, „Titurel“, „Willehalm“), wobei der „Willehalm“ später datierbar ist als der „Parzival“, da im Willehalmschen Prolog auf das ältere Werk Bezug genommen wird. Die zeitliche Einordnung des „Titurel“ ist in der Forschung noch immer umstritten. Karl Lachmann stellte ihn zwischen die beiden großen Epen. 3 „Heute überwiegt die Ansicht, dass der ,Titurel’ am Ende Wolframs Schaffenszeit entstanden ist.“ 4
Bei dem 24819 Verse umfassenden „Parzival“ handelt es sich um einen Artus-Gral-Roman aus dem Stoffkreis der keltischen Sagen um König Artus und die Rittern der Tafelrunde. Mit fast 25000 Versen war der Roman der bei weitem längste, den man bis dahin auf deutsch kannte. Unter welchen Umständen und in wessen Auftrag Wolfram den „Parzival“ schrieb, ist unbekannt; ein oder auch mehrere Gönner waren aber bei Werken diesen Umfangs unbedingt nötig.
Als Vorlage diente Wolfram höchstwahrscheinlich der „Conte du Gral“ (ca. 9200 Verse) des Chrétien de Troyes. Sicherlich hatte Wolfram jedoch auch weitere Nebenquellen, die er schöpferisch verarbeitete und in unterschiedlichen Transformationen in seinen Roman einarbeitete. Auch hier kann die Forschung noch zu keinem endgültigen Ergebnis kommen. Das Besondere an Wolframs „Parzival“ ist, dass zwei Haupthandlungen parallel verlaufen, sowie 2 Haupthelden, nämlich Parzival und Gawan, im Zentrum des Geschehens wirken. Der Roman umfasst ganze drei Generationen und erweckt zuweilen den Eindruck, als würden unzählige Personen darin vorkommen, von denen sehr viele eine mehr oder minder ausgeprägte Individualität besitzen. 5 __________________________
2 Vgl. Rolf Bräuer (Hrsg.): Dichtung des europäischen Mittelalters. Ein Führer durch die erzählende Literatur.
C.H. Beck, München, 1990, S. 333
3 Vgl. Joachim Bumke: Wolfram von Eschenbach. 8. Auflage, Verlag J.B. Metzler, Weimar / Stuttgart, 2004, S.
19- 21
4 Joachim Bumke: Wolfram von Eschenbach. 8. Auflage, Verlag J.B. Metzler, Weimar / Stuttgart, 2004, S. 20
5 Vgl. Rolf Bräuer (Hrsg.): Dichtung des europäischen Mittelalters. Ein Führer durch die erzählende Literatur.
C.H. Beck, München, 1990, S. 333 - 335
4
Von vergleichbarer Kompliziertheit und Raffiniertheit ist auch die Erzählweise Wolframs: „Der Erzähler berichtet nicht direkt und ohne Distanzierung, sondern er mischt sich ständig kommentierend, reflektierend und ironisierend in die Geschichte ein und unterhält sich mit dem Publikum über das Erzählte.“. 6
All die Besonderheiten des „Parzivals“ schienen auch schon im Mittelalter Gefallen gefunden zu haben. So ist der Roman in 16 vollständigen Handschriften sowie knapp 70 Fragmenten überliefert.
I. 2 Das höfische Publikum und der geistlichen Leser
Der „Parzival“ erfreute sich seinerzeit großer Beliebtheit - heute bezeugt durch die enorme Überlieferung des Romans, was vermuten lässt, dass auch die Rezitation vor Publikum um 1200 in umfassender Weise erfolgte, da viele unterschiedliche Abschriften an unterschiedlichen Orten vorhanden waren.
Die denkbare Wirkungsstätte für diesen jenen Vortrag war um 1200 der mittelalterlich Hof. Dort gab es nur eine kleine Anzahl von Personen, die kontinuierlich am Literaturgeschehen teilhaben konnten: die fürstlichen Gönner selbst und ihre Familie, die Hofgeistlichkeit, die Verwalter der obersten Hofämter und ihre Angehörigen. Annehmbar sind circa 20 - 25 Personen, die dem literarischen Geschehen folgen konnten.
Beträchtlich war mitunter der erstaunlich hohe Frauenanteil und der damit verbundene Einfluss auf die literarische Urteilsbildung, der unbedingt Erwähnung finden muss, da sich durch den ganzen „Parzival“ Spuren der Auseinandersetzung des Dichters mit einer einflussreichen Dame oder einer Gruppe von Damen, deren Wohlwollen für das Gelingen des Werken von Nöten war, zieht. 7
Das höfische Auditorium spielte in dem Vortrag eine große Rolle. So wurde es als Mitspieler in den Romanvortrag mit einbezogen - Gespräche wurden aufgenommen, die sich durch das ganze Werk hindurch fortsetzen, in Form von direkten Anreden, rhetorischen Fragen, Zwischenbemerkungen und Kommentaren, Scherzen und Anspielungen auf Lokalitäten und Ereignisse, deren Kenntnis der Dichter voraussetzen konnte.
Doch auch auf die Mönche im Kloster haben die Geschichten rund um König Artus und seine Tafelrunde elektrisierend gewirkt, wie eine Anekdote aus dem „Dialogus miraculorum“ von Caesarius von Heisterbach († nach 1240) berichtet: Der Abt Gevard bemerkte, dass viele der __________________________
6 Rolf Bräuer (Hrsg.): Dichtung des europäischen Mittelalters. Ein Führer durch die erzählende Literatur.
C.H. Beck, München, 1990, S. 335
7 Vgl. Joachim Bumke: Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter. 10. Auflage, Dtv,
München 2002, S. 700 - 709
5
Mönche, vor allem Novizen, schliefen, als er Worte der Mahnung im Kapitelsaal verlas, und so rief er plöztlich aus: „Hört Brüder, hört, ich berichte euch Neues und Großartiges. Es war einmal ein König, der hieß Artus.“. Die Mönche erwachten und lauschten mit angespannten Sinnen, was den Abt verärgerte, da sie nur dann wachten, wenn er die Worte der Leichtfertigkeit sprach. 8
Interessant ist hierbei, dass Parzival und andere Artusritter im Mittelalter ein großes Aufsehen erregten und Zuhörer und Leser an den Geschichten und Fährnissen, denen die höfischen Ritter in den Artusromanen ausgesetzt waren, in einer ganz besonderen Weise Anteil nahmen.
I. 3 Der reale und der fiktive Zuhörer
Im Wolframschen „Parzival“ gibt es viele Bezüge zum Publikum, welches in dem Roman als Mitspieler fungiert. Anreden, Bezüge, Sentenzen und Kritiken werden direkt an das Auditorium gerichtet. Nun stellt sich jedoch die Frage, inwiefern das angesprochene Publikum überhaupt existent ist. Eberhard Nellmann hat hierzu einige interessante Thesen aufgestellt. Laut seinen Untersuchungen kann das im Roman vorgestellte Publikum nicht ohne weiteres mit dem realen Publikum gleichgesetzt werden, da „es zunächst nichts anderes als der Partner des Erzählers, geschaffen - ebenso wie dieser - vom Autor Wolfram, und in seinen positiven Zügen sicher eher Wunschbild als Abbild einer uns nicht mehr greifbaren Wirklichkeit“ ist. 9
Nicht der real existierende Hörer wird vom Autor des Romans angeredet, vielmehr ist in den Roman eine fiktive Vortragssituation hineingedichtet worden.
Das fiktive Auditorium erhält durch die Erzählung eine Idealität, die der Idealität der Romanhelden nahe kommt, dadurch, dass es soweit es positiv gezeichnet wird, durch eine besondere Affinität zu den Protagonisten der Erzählung charakterisiert wird. Durch seinen Erzähler schmeichelt Wolfram den realen Hörern, die sich bemühen, den fiktiven ähnlich zu werden, und gewinnt sie so für sich. Er lässt sie des Öfteren den Abstand, der sie von den Protagonisten trennt für einige Momente vergessen und hebt sie auf die selbe Ebene, auf der die Hauptcharaktere agieren. Mit dieser Form der Publikumsbeeinflussung durch die Schaffung eines Idealpublikums ist Wolfram innerhalb der erzählenden deutschen Dichtung bahnbrechend. 10 ___________________________
8 Vgl. Joachim Bumke: Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter. 10. Auflage, Dtv, München 2002, S. 709 - 718
9 Eberhard Nellmann: Wolframs Erzähltechnik. Untersuchungen zur Funktion des Erzählers. Franz Steiner
Verlag, Wiesbaden 1974, S. 1
10 Eberhard Nellmann: Wolframs Erzähltechnik. Untersuchungen zur Funktion des Erzählers. Franz Steiner Verlag, Wiesbaden 1974, S. 1 - 2
6
Arbeit zitieren:
Katharina Giers, 2006, Die Funktion intertextueller Verweise, Sentenzen und Belege für den mittelalterlichen Zuhörer im Wolframschen „Parzival“, München, GRIN Verlag GmbH
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