EINLEITUNG 4
1. DAS UNTERSUCHUNGSOBJEKT FUßBALL 5
1.1. Von der Entstehung des Fußball 5
1.2. Die Kommerzialisierung des Sports 7
1.2.1. Der Fußball aus vergangenen Zeiten 8
1.2.2. Der Weg der Kommerzialisierung 9
1.3. Die Fankultur 11
2. RECHTSEXTREMISMUS UND GEWALT IM FUßBALL 12
2.1. Rechtsextremismus 12
2.2. Gewalt 14
3. THEORIEN & ERKLÄRUNGSANSÄTZE 15
3.1. Die Entwertungsthese von Heitmeyer und Peter 16
3.2. Die Zivilisationstheorie von Elias und die Bedeutung von Freizeitbeschäftigungen 19 3.2.1. Die Zivilisationstheorie von Elias 19
3.2.2. Die Bedeutung von Freizeitbeschäftigungen im Kontext der Zivilisationstheorie 22
3.3 Das Schwellenmodell von Granovetter 23
4. DIE ZU BEGUTACHTENDEN FAKTOREN 27
4.1. Der Kern des Fußballs - Das Spiel 27
4.1.1. Die Relevanz des Sports in Bezug auf Gewalt 27
4.1.2. Die Relevanz des Sports in Bezug auf Rechtsextremismus 29
4.2. Der Aspekt der Fankultur 33
4.2.1. Die Fankultur und Gewalt - eine unzertrennliche Symbiose? 33
4.2.2. Die Bedeutung der Fankultur für Rechtsextremismus in den Stadien 37
4.3. Kommerzialisierung 41
4.3.1. Der Einfluss der Individualisierung auf Rechtsextremismus und Gewalt 41
4.3.2. Räume, Spieler und der Erfolg 45
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5. FAZIT 49
LITERATURVERZEICHNIS 55
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Einleitung
Keine andere Sportart hat es bisher geschafft, Deutschland vier Wochen lang so zu dominieren, wie es der Fußball bei der letzt jährigen Weltmeisterschaft getan hat. Es gab kaum einen gesellschaftlichen Bereich, der nicht von diesem Spektakel infiziert gewesen war. Auch wenn es sich bei der Weltmeisterschaft um einen zeitlich begrenzten Ausnahmezustand handelte, lässt sich daran dennoch ablesen, welche Begeisterung diesem Sport entgegen gebracht wird und welchen Stellenwert diesem in unserer Gesellschaft beigemessen wird. Auch außerhalb von Welt- und Europameisterschaften hat der Sport mangelnde gesellschaftliche Beachtung keineswegs zu beklagen. Woche für Woche strömen Hunderttausende in die Fußballarenen, um an diesem Ereignis teilzunehmen. Als der VFB Stuttgart in diesem Jahr Deutscher Meister wurde, legte der kollektive Freudentaumel die gesamte Innenstadt Stuttgarts für einen Nachmittag lahm. Es kann wohl unbestritten behauptet werden, dass Fußball der populärste Sport in diesem Lande ist. Wirft man einen nüchternen Blick auf den Fußball, so wird schnell deutlich, dass trotz der großen Begeisterung, dieser Sport auch seine Schattenseiten hat. Einige davon treten regelmäßig in den Medien in Erscheinung. Gewöhnlich handelt es sich hierbei um gewalttätige Ausschreitungen und rassistische, nationalistische und antisemitische Zuschauerhandlungen. Daher haftet den Fußballfans in der öffentlichen Wahrnehmung auch ein negativer Ruf an. Ob dieses Urteil in anbetracht einer solch heterogenen Masse berechtigt ist oder nicht, soll nicht Gegenstand dieser Arbeit sein. Das Untersuchungsinteresse beschäftigt sich vielmehr um die folgende Frage:
Der Frage wird mit nachfolgender Maßgabe nachzugehen sein: A) Der Untersuchungsgegenstand ist der Fußball als Zuschauersport. Darunter wird in dieser Arbeit der Profifußball verstanden. Zwar zielt die Fragestellung auf den Profifußball im Allgemeinen ab. Gleichwohl orientiert sich die Untersuchung überwiegend am deutschen Fußball-geschehen. Der Einfach halber wird der Begriff „Fußball“ einheitlich verwendet. B) Es würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen, alle in Frage kommenden Faktoren einzubeziehen. Zu begutachten sind die Faktoren „das Spiel“,
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„die organisierte Form der Fankultur“ und „die Kommerzialisierung“. Unter der organisierten Form der Fankultur soll die Kultur die in den Fanclubs existiert, verstanden werden.
C) Die Verwendung des Begriffs Rechtsextremismus muss an dieser Stelle kurz erläutert werden. Mit Stöss werden hierunter die Erscheinungs-formen Nationalismus, Antisemitismus, Sozialdarwinismus, Pro-Nazismus und Sexismus verstanden. (vgl. Stöss 2005, S.25) Der Rassismus ist dem Sozialdarwinismus zuzuordnen. (vgl. auch Stöss 2005, S.60) Die Debatte über die Begriffsdefinition in der Rechtsex-tremismusforschung wird hierbei nicht verkannt. Von Winkler wurde diese Art der Verwendung als zu unpräzise kritisiert. (vgl. Winkler 2001, S.48) Trotzdem wird Rechtsextremismus für diese Untersuchung als „Überbegriff“ der genannten Erscheindungsformen verwendet. Dies nicht zuletzt deshalb, weil aus der vorliegenden Literatur heraus oftmals nicht ersichtlich ist, um welche Art der Diskriminierung es sich handelt. Auch an Übersichtlichkeit und Lesbarkeit des Textes war zu denken.
Das erste Kapitel behandelt das Untersuchungsobjekt Fußball. Angefangen bei dessen Ursprung, und weiter über die Entwicklung des Sports bis in die Gegenwart. Zudem kommt es zu einer groben Charakterisierung der bestehen-den Fankultur. Anschließend wird im zweiten Kapitel ein Einblick gegeben, wie sich die untersuchungsrelevanten Phänomene im Fußballalltag äußern. Nachdem im dritten Kapitel drei Theorien vorgestellt werden, wird im vierten Kapitel auf die Untersuchung der genannten Faktoren einzugehen sein.
1. Das Untersuchungsobjekt Fußball
1.1. Von der Entstehung des Fußball
England gilt zu Recht als Mutterland des Fußballs. Wenn auch aus anderen Teilen der Welt und schon seit früher Zeit Spiele mit einem Ball bekannt sind, so sind die Wurzeln des Spiels, das wir heute Fußball nennen, doch in England zu finden. Die ersten Quellen über das Spiel Fußball datieren aus dem 14. Jahr-hundert. Dabei handelt es sich allerdings keinesfalls um historische Beschrei-
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bungen eines Spiels, sondern um Erlasse der damaligen Obrigkeit, welche versuchten dieses rohe Spiel zu verbieten. Bekannt ist etwa folgende, im Namen König Edwards II. erlassene Proklamation aus dem Jahre 1314: „Proklamation, verkündet zum Erhalt des Landfriedens […] alldiweil in der Stadt großer Aufruhr ist, durch gewisse Zusammenrottungen, die von großen Fußball-Spielen auf den öffentlichen Plätzen herrühren, wodurch viel Übels - was Gott verhüten möge - entstehen könnte, befehlen wir also und gebieten hiermit im Namen des Königs, daß, bei Strafe der Einkerkerung, dieses Spiel fürderhin nicht mehr innerhalb der Stadt gespielt werde…“ (zitiert nach Elias/Dunning 1983, S.85) Solche Verbote gab es im mittelalterlichen England zuhauf. Die Obrigkeit war wegen des wilden, ohne Regeln auskommenden Volksspiels um die öffentliche Sicherheit besorgt. Dies nicht ganz ohne Grund. So traten ganze Stadtviertel und sogar Dörfer gegeneinander an und versuchten einen Ball über mehrere Kilometer hinweg auf des Gegners Marktplatz zu platzieren oder durch deren Stadttor zu spielen. (vgl. König 2002, S.8) Das mehrstündige Spektakel, bei dem es keine Trennung zwischen Spieler und Zuschauer gab, verlief dabei für die Beteiligten selten ohne Schmerzen. Verletzungen und Knochenbrüche gehörten anscheinend genauso zu dem Spiel wie heute die Stadionwurst. Wenn das Spiel „…beendet ist, kann man sie nach Hause zurückgehen sehen wie von einer regelrechten Feldschlacht, mit blutigen Schädeln, mit gebroch-enen und verrenkten Knochen und solchen Quetschungen, wie sie ihnen das Leben zu kürzen geeignet sind. Dennoch ist alles gutes Spiel, und niemals wurde deswegen Anwalt oder Kronanwalt behelligt.“ (zitiert nach Dunning 1979, S.15) In der Folge von Industrialisierung, Urbanisierung und staatlicher Repression verschwand um 1800 das urtümliche Ballspiel langsam aus dem englischen Alltag. Lediglich in den Puplic Schools wurde das weitgehend regellose Spiel fortgesetzt, da man in diesem Rahmen keine Bedrohung für die öffentliche Ordnung sah. Der Rivalität zweier Puplic Schools ist es zu verdanken, dass es Mitte des 19. Jahrhunderts zu den ersten schriftlichen Regelfixierungen gekommen ist. Diese Reglementierung bezweckte zum einen die Zivilisierung des Spiels und legte zudem dessen allgemeine Organisation fest. Das erste schriftliche Regelwerk entstand 1845 an der Puplic School von Rugby, einer Schule, die sich der Bildung christlicher Gentelmen annahm. (vgl. Dunning 1979, S.49 ff) In dem Schriftstück mit dem Namen The Laws of Football as Played in Rug-
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by School waren neben der Regelung, wie mit dem Spielgerät umzugehen ist auch zahlreiche Verbote fixiert. So untersagte z.B. die „…Regel xxviii: Kein Spieler darf vorstehende Nägel oder Eisenplatten an den Sohlen oder Fersen seiner Schuhe oder Stiefel tragen.“ (zitiert nach Dunning 1979, S.51) Als der Ruhm des Fußballs von der Public School of Rugby in den folgenden Jahren sogar bis an den königlichen Hof drang, sah sich die Puplic School in Eton her-ausgefordert, eigene Regeln zu verfassen. Die Konkurrenz aus Eton, welche sich als die führende Schule des Landes verstand, formulierte 1849 ein eigenes Regelwerk, das zum Zweck der Abgrenzung, dem Bestehendem aus Rugby entgegengesetzt war. So wurde erstmalig in der Geschichte des englischen Fußballs das Spielen mit der Hand untersagt.
Die Weiterentwicklung und Trennung zweier weltweit populärer Sportarten ging somit aus einer Statusrivalität zwischen den Schulen von Eton und Rugby her-vor. (vgl. Dunning 1979, S.52) In den folgenden Jahrzehnten kam es zunächst zu der Gründung des ältesten Fußballverbandes der Welt, der Football Association (FA) in London und anschließend zu der Einführung des FA-Cups 1 . Wollten 1872 noch gerade mal 2000 Menschen das Finale des FA-Cups verfolgen, so drängten sich im Jahre 1901 110.000 Menschen in das Crystall Palace Stadion, um Zeuge dieses Spektakels zu sein. (vgl. König 2002, S.9) Nach Deutschland gelangte das Spiel zunächst über englische Kaufleute und Studenten, die hier-zulande auf der Suche nach Mitspielern und Gegnern waren. Nach einer zunächst schleppenden Verbreitung, gelang es dem Fußball ab den 20er Jahren auch in Deutschland die Massen anzuziehen.
1.2. Die Kommerzialisierung des Sports
Die größten Veränderungen im Fußball bezogen sich seit der Einführung des Platzverweises im Jahre 1909 (nach Pilz/Silberstein 1990, S.15) nicht so sehr auf das Spiel an sich, sondern vielmehr auf dessen Rahmenbedingungen. Vergleicht man die Bilder der Weltmeisterschaft 2006 mit Bildern von Weltmeisterschaften aus den 50er und 60er Jahren, ist festzustellen, dass die Veranstaltungen, abgesehen vom Spiel selbst, nicht mehr viel gemeinsam haben. Im nationalen Fußball sind aus den traditionellen Arbeiterclubs Fußballkonzerne ge-
1 DerFA-Cup ist damit der älteste und traditionsreichste Fußballpokalwettbewerb der Welt.
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worden, deren kickende Belegschaft sich aus Millionären zusammensetzt. Spieler wie Beckham und Ronaldo sind heutzutage weltweite Stars, deren Bekanntheitsgrad mit dem des US-amerikanischen Präsidenten vergleichbar sein dürfte. Die Skeptiker, die von Zeit zu Zeit auftauchen und seit Jahren ein Ende des Fußballbooms prophezeien, werden immer wieder eines Besseren belehrt. Eine Übersättigung an der Freizeitunterhaltung Fußball will und will nicht eintreten. So brach die Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland medial gesehen alle bisherigen Rekorde und stellte diesbezüglich die Olympischen Spiele von 2004 in Athen weit in den Schatten. Das Fußball-spektakel brachte es auf 73.072 Sendestunden, welche zusammengenommen von 36 Mrd. Menschen weltweit verfolgt wurden. (nach www.fifa.com) Im Vergleich dazu, brachten es die Olympischen Spiele von Athen auf insgesamt 4 Mrd. Fernsehzuschauer (nach www.dsm-olympia.de)
1.2.1. Der Fußball aus vergangenen Zeiten
Die Zeiten, als das Fernsehen noch schwarz-weiß und die monatlichen Gehaltsschecks der Spieler noch dreistellig waren, stellen was den Fußball angeht, einen enormen Gegensatz zu den heutigen Gegebenheiten dar. Der Sport, die Spieler und die Zuschauerstruktur waren in den 50er und 60er Jahren noch Teil der Arbeiterkultur. Die vereinstreuen Sportler „…waren „greifbare, subkulturelle Repräsentanten“ [Hervorhebung im Original], die sich ihrer kulturellen und ökonomische Nähe zu ihren Anhängern bewußt waren, welche ihrerseits ihre Rolle erfüllten und ihnen kulturelle und ökonomische Unter-stützung gaben.“ (Critcher 1979, S.152)
Die kulturelle Verwurzelung des Fußballs war unter anderem auch deshalb möglich, da es anstatt nur eines städtischen Großvereins, mehrere Stadtteilvereine auf vergleichbarem Niveau gab. Die Zuschauer trafen sich auf dem Platz, „…der im Zentrum des Wohnviertels liegt, mit seinen Kassenhäuschen und Buden, auf dem man sich trifft, wo man sich unterhält, an dem man womöglich mitgebaut hat…“. (Lindner/Breuer 1979, S.162) In der aus heutiger Sicht fast schon familiären Atmosphäre repräsentierten die Mannschaften Stadtviertel, zu denen die Spieler einen Bezug hatten. Selbstverständlich gab es auch schon in den 50er Idole wie beispielsweise den legendären Fritz Walter. Aber diese Idole, welche teilweise sogar die Bezeichnung Star vehement
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ablehnten (vgl. Lindner/Breuer 1979, S.165), gingen neben dem Sport einer geregelten Arbeit nach und kamen wie die Zuschauer größtenteils aus dem Arbeitermilieu.
Heute ist Fußball ohne Fernsehen und Werbung unvorstellbar. In den 50er und 60er Jahren stand vor allem das Fernsehen der sich abzeichnenden Symbiose zwischen Sport, Medien und Kommerz, äußert kritisch gegenüber. Zwar sendete das Fernsehen bereits einen Tag nach dessen Einführung am 25.12.1952 das erste Fußballspiel live über den Äther, jedoch sahen die Programmverant-wortlichen im Fernsehen ein Kulturinstrument, in dessen Rahmen der Fuß-ballsport als billiges Volksvergnügen nicht den Ansprüchen der Medienverant-wortlichen genügte. (vgl. König 2002, S.15) Ab 1953 wurde jeden Sonntag ein Spiel der damaligen Oberliga live gesendet. Die Vereine erhielten dafür einen Betrag zwischen 1000,- und 2500,- DM pro Spiel. Auf breiten Widerstand stießen die ersten zaghaften Versuche, Werbung in Übertragungen von Sportveranstaltungen zu platzieren. In den 60ern, als weder Trikot- noch Bandenwerbung erlaubt waren, setzten die Fernsehanstalten immer wieder kurzfristig Übertragungen ab, wenn Schleichwerbung während des Spiels befürchtet wurde. (vgl. König 2002, S.22) Aber bereits Ende der 60er Jahre zeichnete sich eine Wende in der Beziehung zwischen Fußball, Fernsehen und Werbung ab, welche die Tür zur Kommerzialisierung weit aufstieß.
1.2.2. Der Weg der Kommerzialisierung
Im Jahr 1974 traf der Deutsche Fußball Bund (DFB) zwei Entscheidungen, die das Bild und die Kultur des Fußballs nachhaltig verändern sollten. Mit der Einführung des Vollprofitums sowie der Entscheidung, Trikotwerbung zuzu-lassen, reagierte der DFB allerdings lediglich auf die damaligen Verhältnisse. Die Einnahmen der Spieler beschränkten sich schon damals lange nicht mehr allein auf das offiziell ausgezahlte Gehalt. Prämien und Handgeld waren keine Ausnahme. Die Spieler verlangten einen „gerechten“ Anteil an dem immer größer werdenden Bundesligageschäft, hatten aber aufgrund ihres Amateur-status keine Möglichkeit diesen auf legalem Weg zu bekommen. Als es Anfang der 70er Jahre zu einem großen Bestechungsskandal kam, realisierten die Verantwortlichen des DFBs, dass der Amateurstatus der Fußballspieler nicht mehr glaubwürdig aufrecht zu erhalten war. Aus den Amateuren wurden Profis und damit
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fielen jegliche Begrenzungen bezüglich Gehalt und Transfersummen. (vgl. König 2002, S.18 ff.) Infolge von Spielereinkäufen und Fusionen etablier-ten sich Großstadtvereine und die für die lokale Identifikation so bedeutenden Stadtteilclubs dienten mehr und mehr als „Zulieferbetriebe“ für die Großen. Die Mechanismen des freien Marktes begannen sich durchzusetzen. Spieler wurden zunehmend zur Ware, Vereinswechsel vor jeder neuen Saison zum Standard. Aus dem lokalen Held der Arbeiterklasse wurde zunehmend ein nicht mehr ortsge-bundener Dienstleister in Fachen Fußballkunst.
Auch die Einführung der Trikotwerbung im selben Jahr kam alles andere als überraschend. Ein Jahr zuvor ersetzte der Bundesligaverein Eintracht Braunschweig kurzerhand das einen Löwen abbildende Vereinsemblem durch das Logo des Sponsors Jägermeister, einem Hirsch. Daraufhin sah sich der DFB gezwungen, die Spielertrikots für die Werbung freizugeben. Das Fernsehen versuchte dem entgegenzuwirken, indem bei Interviews der Bildausschnitt verkleinert wurde, so dass der Brustkorb ausgespart blieb. Die Reaktion darauf ließ nicht lange auf sich warten und es wurden die Sponsorenlogos zusätzlich am Kragen aufgedruckt. (vgl. König 2002, S.22)
Es sollte aber noch ein Jahrzehnt dauern, bis aus den Vereinen millionenschwere Wirtschaftsunternehmen wurden. So blieben beispielsweise die Summen, welche die Fernsehanstalten für die Übertragungsrechte einer Fußballsaison ausgaben, von 1965 bis Anfang der 80er Jahre konstant bei 330.000 Euro. (nach www.bpb.de) In den darauf folgenden Jahren stiegen die Ausgaben der Fernsehanstalten für die Übertragungsrechte zunächst kontinuierlich an und explodierten Ende der 80er Jahre, nachdem die Privatsender den Fußball für sich entdeckten. Für die Saison 2006/07 gaben die Fernsehanstalten horrende 420 Millionen Euro aus. (nach www.bpb.de) Mit den steigenden Ausgaben der Fernsehanstalten vergrößerte sich jedoch auch deren Einfluss auf die Spieltagsgestaltung. War es lange Zeit üblich, dass alle Spiele eines Spieltages an ein und dem selben Tag durchgeführt wurden, wurde auf Druck des Kunden Fernsehen, dieser auf drei Tage ausgedehnt, um so für das bezahlte Geld mehr Spiele live übertragen zu können.
Heute ist der Profibetrieb ein Millionengeschäft. Immer wieder werden neue Wege gesucht und gefunden, um die Vermarktung weiter voranzutreiben. Hatten die Spielstätten früher noch Namen mit lokalem Bezug wie beispielsweise
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Frankenstadion, Sportpark Ronhof oder Westfalenstadion, so zieren den Großteil der heutigen Arenen Namenszüge von Sponsoren. Stadien, wie das easyCredit-Stadion, das Playmobil-Stadion oder der Signal Iduna Park lassen heute keinerlei Rückschlüsse mehr auf die Region zu und könnten im Grunde überall stehen. In Zukunft soll das Produkt Bundesliga auch auf dem boomenden asiatischen Markt vertrieben werden. Daher strebt die Deutsche Fußball Liga GmbH (DFL) eine Verlegung der Anstoßzeiten an, damit Chinesen, Japaner und Thailänder das deutsche Fußballprodukt zur besten Sendezeit konsumieren können.
1.3. Die Fankultur
In diesem Kapitel wird zunächst die Fankultur im Überblick dargestellt. Eingangs ist darauf hinzuweisen, dass die Gruppe der Fußballfans ein äußerst heterogenes Gebilde darstellen. Auch wenn es in der Öffentlichkeit ein gewisses, durch die Medien vermittelte „Bild“ des Fußballfans gibt, existiert weder ein Prototyp des Fußballfans, noch des eines Fanclubs. Die Bandbreite der Fans reicht von relativ losen Bündnissen wie Fancliquen bis hin zu straff organisierten Fanclubs. Auch wenn die Fanclubs innerhalb der jugendlichen Szene in den letzten Jahren etwas an Bedeutung eingebüßt haben, stellen die organisierten Fangruppierungen immer noch den relevanten Teil der Fanszene dar. (vgl. König 2002, S.47ff.)
Im weiteren Verlauf soll nun versucht werden, einige Charaktereigenschaften organisierter Fangruppen darzustellen. Für den Beobachter zeichnen sich Fans zunächst dadurch aus, „…daß sie rückhaltlos hinter „ihrer“ [Hervorhebung im Original] Mannschaft stehen, bestimmte Stehplatzkurven und Stadionblöcke als ihr festes Territorium betrachten und aufgrund ihrer gruppenspezifischen Normen, Symbole und Verhaltensrituale die optisch und akustisch auffälligste Zuschauergruppe ausmachen.“ (Schulz/Weber 1986, S.56) Bei diesen Fans handelt es sich zum größten Teil um männliche Jugendliche mit deutscher Herkunft, die ihr Fandasein nicht nur auf die 90 Minuten im Stadion reduziert sehen. Entgegen dem gängigen Vorurteil gehören die Fußballfans im Durchschnitt
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weder einer sozial deprivierten Unterschicht an (vgl. Schulz 1986, S.172), noch können sie als bildungsfern bezeichnet werden. 2 (vgl. Pilz/Wölki 2006, S.97) Im Rahmen des Stadionbesuchs wird neben dem Spiel selbst, auch der Atmosphäre und der Unterstützung des eigenen Vereins eine zentrale Bedeutung zugemessen. (vgl. Pilz/Silberstein 1990, S.31) Weiter besteht in Bezug auf die Gruppen eine Bedeutungsrelevanz hinsichtlich sozialer Anerkennung und Zugehörigkeit, was sich wiederum auf die soziale Identität auswirkt. Die Identifizierung mit der Fangruppe scheint unter Umständen ausgeprägter zu sein, als die mit den Spielern auf dem Platz oder dem Verein. (vgl. Pilz/Wölki 2006, S.71) Für die Mitglieder der Fanclubs haben die Werte Solidarität, Macht, Männlichkeit, Mut und Stärke eine große Bedeutung. Auffällig ist der besondere Bezug zu Territorien. Die Stadien gleichen Pilgerstätten. Der Block oder die Kurve, in der sie bei jedem Heimspiel genau an derselben Stelle stehen, ist ihr Hoheitsgebiet. Gesänge wie „hier regiert der FC X“ unterstreichen den Machtanspruch. Das Eindringen in den gegnerischen Block und das erbeuten eines Schals oder Fahne gilt als Mutprobe. Zwar sind die territorialen Machtansprüche besonders in den „eigenen vier Wänden“ ausgeprägt, aber deshalb noch lange nicht auf diese begrenzt. So tragen sie „…das soziale Umfeld des Fußballstadions mit seinen Bedeutungsinhalten und Verhaltensvalenzen, wohin immer sie wollen.“ (Weis 1982, S.301) Die Demonstration von Macht findet so auch in Zügen der Bahn, in den Innenstädten und in gegnerischen Stadien statt und wird unterstrichen durch provokative und zum Teil auch rechtsextreme Gesänge. Neben der Demonstration von Macht geht es dabei auch um die Stilisierung als gefährliche Fans. „Der […] Wunsch, andere […] von der eigenen Gefährlichkeit zu überzeugen ist Teil eines Fanverhaltens, in dem der Gegner […] beeindruckt oder provoziert werden soll.“ (Behn/Schwenzer 2006, S.354)
2. Rechtsextremismus und Gewalt im Fußball
2.1. Rechtsextremismus
Mit dieser Arbeit soll nicht der Eindruck vermitteln werden, als seien die Stadien voll von Rassisten, Antisemiten oder Nationalisten. Eine Pauschalverurteilung
2 In den von Pilz und Wölki untersuchten Fanclubs stellten die Gymnasiasten die größte Gruppe
unter den Schülern dar. (vgl. Pilz/Wölki 2006, S.97)
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Arbeit zitieren:
Uwe Albrecht, 2007, Fußball – Gewalt – Rechtsextremismus - Existieren im Fußball als Zuschauersport Faktoren, die Gewalt und Rechtsextremismus fördern? , München, GRIN Verlag GmbH
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