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Verstehen-Erinnern-Schweigen: Aporien einer Erinnerung nach Auschwitz

Title: Verstehen-Erinnern-Schweigen: Aporien einer Erinnerung nach Auschwitz

Examination Thesis , 2003 , 118 Pages , Grade: 1,5 (sehr gut)

Autor:in: Frank Dreyer (Author)

Theology - Systematic Theology
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Über 50 Jahre sind seit der Befreiung der Konzentrations- und Vernichtungslager der Nationalsozialisten vergangen. Betrachtet man die Anzahl der errichteten Gedenkstätten und Mahnmale, die große Fülle an wissenschaftlichen und literarischen Publikationen so wie die unüberschaubare Menge an dokumentarischen Beiträgen im Fernsehen und cineastischen Thematisierungen, sollte man meinen, dass die Erinnerung an die 6 Millionen ermordeten Juden, Sinti und Roma, Homosexuellen, Kommunisten und Widerständler sowie anderer Opfergruppen nie zuvor so lebendig war.

Das wachsende Interesse an diesem Thema kann im Wesentlichen auf drei Gründe zurückgeführt werden. Zum einen erleben wir durch die Innovationen der elektronischen Medien externer Speicherung und damit des künstlichen Gedächtnisses eine kulturelle Revolution, die in ihrer Auswirkung mit der Erfindung der Schrift und des Buchdrucks vergleichbar ist.2 Zum anderen lässt die moderne Gesellschaft komplementär dazu die eigene kulturelle Tradition nur
noch als Gegenstand der Erinnerung und als kommentierende Aufarbeitung in den Blick treten. Viel persönlicher und existentieller betrifft uns aber das Sterben der letzten Zeitzeugen der schwersten Verbrechen der Menschheitsgeschichte. Darin liegt vielleicht das entscheidende Motiv für das Interesse. Assmann schreibt dazu:

„40 Jahre markieren eine Epochenschwelle in der kollektiven Erinnerung: wenn die lebendige Erinnerung vom Untergang bedroht und die Formen kultureller Erinnerung zum Problem werden. Auch wenn die Debatte um Geschichte und Gedächtnis, Memoria und Mnemotechnik teilweise höchst abstrakte und gelehrte Formen annimmt, scheint mir doch dies der existentielle Kern des Diskurses zu sein.“3

Dem kulturwissenschaftlichen Vokabulars Assmanns folgend besteht die besondere Situation unserer heutigen Zeit darin, wie das kommunikative Gedächtnis der Zeitzeugen Eingang in das kulturelle Gedächtnis der Nachgeborenen findet. Dass diese Frage mit viel Emotionalität und Brisanz geführt wird, zeigen die jüngsten Diskussionen über die Bedeutung des Holocaust. Als Beginn dieser Diskussionen können sicherlich der unglückliche Besuch Helmut Kohls und Ronald Reagans auf dem Soldatenfriedhof in Bitburg (1985) und insbesondere der Historikerstreit (1986/87) genannt werden. Die Frage nach der Singularität des Holocaust ist letztlich die Frage nach der Bedeutung der Shoa für die kommenden Generationen. Die Friedenspreisrede von [...]

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

Kapitel I: Die „zweite Geschichte“ des Nationalsozialismus

2 Ein Rückblick auf die Geschichte der „Vergangenheitsbewältigung“ in Deutschland

2.1 Die Instrumentalisierung der Erinnerung im innerdeutschen Systemkonflikt

2.1.1 „Politik mit der Erinnerung“ in der DDR

2.1.2 „Politik mit der Erinnerung“ in der alten Bundesrepublik nach 1945

2.2 Erinnerung zwischen Beschweigen, juristischer Aufarbeitung und moralischer Distanzierung

2.3 Erinnerung zwischen Historisierung und Singularität

2.4 Resümee

Kapitel II: Grundlagen der individuellen und kulturellen Erinnerung

3 Psychologische Aspekte der Erinnerung

3.1 Die Kodierung eines Ereignisses

3.2 Der Abruf von Erinnerungen

3.3 Erinnerungen konstruieren

3.4 Zeit und Autobiographie

3.4.1 Das Vergessen – eine adaptive Eigenschaft des Gedächtnisses

3.4.2 Die Konsolidierung von Erinnerungen

3.5 Die Erinnerung einer Lebensgeschichte

3.6 Emotionale Erinnerungen

3.7 Zusammenfassung der wesentlichen Merkmale des individuellen Gedächtnisses

4 Kulturelle Aspekte der Erinnerung

4.1 Individuelles und kollektives Gedächtnis

4.2 Die Außendimensionen des menschlichen Gedächtnisses

4.2.1 Das kommunikative Gedächtnis

4.2.2 Das kulturelle Gedächtnis

4.3 Der Übergang vom kommunikativen zum kulturellen Gedächtnis

4.4 Medien des Gedächtnisses – Sprache, Schrift, Bild

4.5 Zusammenfassung der wesentlichen Merkmale des kollektiven Gedächtnisses

4.6 Charakteristika moderner Erinnerungskulturen

4.6.1 Säkularisierung, technische Modernisierung und Politisierung der Erinnerungskultur

4.6.2 Demokratisierung und Materialisierung der Erinnerung

4.6.3 Globalisierung der Erinnerung

Kapitel III: Erinnerung nach Auschwitz

5 „Erinnern einer Wunde“ – Erinnerung der Überlebenden nach Auschwitz

5.1 Die Perspektive der Überlebenden

5.2 Die Scham der Überlebenden

5.2.1 Die Scham der Erinnerung

5.2.2 Die Scham, überlebt zu haben

5.2.3 Die Scham der Welt

5.3 Die Singularität der Katastrophe

5.4 Moralische Erinnerung

5.5 Resümee

6 Formen der Repräsentation von Erinnerung nach Auschwitz

6.1 Gedenkstätten, Denkmäler und Museen – Die Perspektive der Erinnerung

6.1.1 Die ersten Museen – ein Beweis der vollbrachten Vernichtung

6.1.2 Die Museen der Überlebenden – das Beweisen des Verbrechens

6.1.3 Die Nachkommen der Überlebenden – dem Schweigen eine Stimme geben

6.1.4 Yad Vashem und die Erinnerungskultur im Staat Israel

6.1.5 Dachau - Eine Gedenkstätte der Täter

6.1.6 Versöhnliche Erinnerung

6.2 Postmoderne Ästhetik des Holocaust

6.2.1 Vergangenheit aus zweiter Hand

6.2.2 Anti-erlöserische Erinnerung

6.2.3 Anti-erlöserische Erinnerung in Deutschland

6.3 Wie der Leere eine Form geben? - Das neue Jüdische Museum in Berlin

6.3.1 Eine Verortung

6.3.1.1 Das Jüdische Museum und das Berlin Museum

6.3.1.2 „Erweiterung des Berlin Museums mit Abteilung Jüdisches Museum“

6.3.2 „Between the Lines“ - Der Entwurf von Daniel Libeskind

6.3.2.1 Die vierdimensionale geistige Struktur des Gebäudes

6.3.2.2 „Zwischen den Linien“

6.3.2.3 „Void“

6.3.2.4 Die unterirdische Verbindung zwischen dem Berlin Museum und dem Erweiterungsbau Jüdisches Museum

6.3.3 Architektonische Skulptur versus Ausstellung

6.3.4 Resümee

6.4 Irritationen

7 Perspektiven: Verstehen – Erinnern – Schweigen

Zielsetzung und thematische Schwerpunkte

Die Arbeit untersucht die komplexe Funktion und Bedeutung der Erinnerung für das Individuum und die Gesellschaft, insbesondere im Kontext des Holocaust. Dabei wird die zentrale Forschungsfrage gestellt, wie eine Erinnerung an Auschwitz in das kulturelle Gedächtnis integriert werden kann, ohne das Ereignis zu banalisieren oder der Unmöglichkeit des Erinnerns zu unterliegen.

  • Theoretische Grundlagen des individuellen und kollektiven Gedächtnisses.
  • Die "zweite Geschichte" des Nationalsozialismus und die Entwicklung der deutschen Erinnerungskultur.
  • Die Perspektive der Überlebenden sowie die Rolle von Scham und Trauma bei der Erinnerung.
  • Formen der Repräsentation, insbesondere Gedenkstätten, Museen und postmoderne architektonische Ansätze wie das Jüdische Museum in Berlin.
  • Die moralische Verantwortung der Nachgeborenen im Spannungsfeld zwischen Erinnerung, Schweigen und Verstehen.

Auszug aus dem Buch

Die Scham der Welt

Schließlich gib es noch eine dritte Form von Scham, die abstrakteste, „(...)die Scham der Welt“. Diese Scham betrifft nicht einzelne Menschen, sondern sie betrifft die Spezies Mensch allgemein. Auschwitz hat gezeigt, zu was der Mensch fähig ist. Gemeint sind nicht nur die monströsen und wahnsinnigen Vertreter dieser Gattung, sondern, wie die Unmenschlichkeiten in Auschwitz unmissverständlich verdeutlicht haben, sind alle Mensch potentiell vom selben Schlag.

„Die Gerechten unter uns, weder größer noch geringer an der Zahl als in jeder anderen menschlichen Gemeinschaft, haben Gewissensqualen und Scham, kurz gesagt: Leiden für eine Schuld ertragen, die nicht sie, sondern andere verursacht hatten, in die sie sich aber dennoch verstrickt fühlten, weil ihnen bewusst war, daß das, was um sie herum vorging – sowohl in ihrem Beisein als auch in ihnen selbst – unwiderruflich war. Niemals mehr würde das abgewaschen werden können. Es hatte gezeigt, daß der Mensch, das menschliche Geschlecht, also kurz gesagt: wir, potentiell in der Lage sind, unendliches Leid hervorzurufen; und daß das Leid die einzige Kraft ist, die man aus dem Nichts erzeugt, ohne Kosten, ohne Mühen. Es reicht, wenn man nichts sieht, nichts hört, nichts unternimmt.“

Das Menschengeschlecht ist nach Auschwitz ein anderes, es ist die Gattung, die Auschwitz hervorgebracht hat.

Zusammenfassung der Kapitel

1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet das wachsende Interesse an der Aufarbeitung des Nationalsozialismus und führt in die existenzielle Bedeutung der Theologie "nach Auschwitz" ein.

2 Ein Rückblick auf die Geschichte der „Vergangenheitsbewältigung“ in Deutschland: Dieses Kapitel analysiert die politische Instrumentalisierung der Erinnerung in der DDR und der alten Bundesrepublik sowie die Phasen der Auseinandersetzung.

3 Psychologische Aspekte der Erinnerung: Es werden die Grundlagen individueller Erinnerungsprozesse wie Kodierung, Abruf und Konstruktion beschrieben und deren Bedeutung für die Identität erläutert.

4 Kulturelle Aspekte der Erinnerung: Hier wird das soziale Gedächtnis untersucht und die Bedeutung von Medien wie Sprache, Schrift und Bild für die kulturelle Formung von Erinnerung dargelegt.

5 „Erinnern einer Wunde“ – Erinnerung der Überlebenden nach Auschwitz: Das Kapitel befasst sich mit der spezifischen Perspektive der Überlebenden, dem Phänomen der Scham und der Unverstehbarkeit des Holocaust.

6 Formen der Repräsentation von Erinnerung nach Auschwitz: Eine Analyse verschiedener Gedenkstätten und Museen sowie architektonischer Ansätze wie des Jüdischen Museums in Berlin zur Repräsentation des Unvorstellbaren.

7 Perspektiven: Verstehen – Erinnern – Schweigen: Das Fazit fasst die Aporie der Erinnerung nach Auschwitz zusammen und betont die Notwendigkeit, das Wissen um den Verlust wachzuhalten.

Schlüsselwörter

Auschwitz, Erinnerungskultur, Kollektives Gedächtnis, Holocaust, Vergangenheitsbewältigung, Identität, Überlebende, Scham, Gedenkstätten, Jüdisches Museum Berlin, Anamnetische Kultur, Moralische Erinnerung, Repräsentation, Singularität, Postmoderne Ästhetik

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit befasst sich mit der theoretischen und praktischen Auseinandersetzung mit der Erinnerung an den Holocaust ("Erinnerung nach Auschwitz") in Deutschland und deren Bedeutung für die heutige Identität.

Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?

Zentrale Themen sind die psychologischen Grundlagen des Gedächtnisses, die kulturelle Formung von Erinnerung sowie die verschiedenen Formen der Repräsentation des Holocaust in Museen, Denkmälern und Literatur.

Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?

Ziel ist es zu klären, wie das traumaerfüllte und unvorstellbare Ereignis Auschwitz in das kollektive Gedächtnis integriert werden kann, ohne dessen Einzigartigkeit und den damit verbundenen Schrecken zu verfälschen.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Es handelt sich um eine interdisziplinäre kulturwissenschaftliche und theologische Analyse, die auf der Auswertung von Fachliteratur sowie zeitgenössischen philosophischen und psychologischen Theorien basiert.

Was behandelt der Hauptteil?

Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung individueller Erinnerungsprozesse, die Analyse politischer Debatten in Deutschland sowie die kritische Betrachtung von Gedenkstätten und der architektonischen Repräsentation durch Daniel Libeskind.

Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?

Wichtige Begriffe sind unter anderem die „anamnetische Kultur“, die „Singularität von Auschwitz“, das „kollektive Gedächtnis“ sowie die „Aporie des Erinnerns“.

Welche Rolle spielt die Scham in der Erinnerung der Überlebenden?

Scham ist laut Primo Levi ein zentrales, komplexes Gefühl bei Überlebenden, unterteilt in die Scham der Erinnerung, die Scham überlebt zu haben und die abstrakte Scham der Welt.

Warum wird das Jüdische Museum in Berlin als "negatives Museum" bezeichnet?

Es wird so genannt, da sein architektonisches Konzept nicht auf die Präsentation vorhandener Exponate zielt, sondern das Verschwundene und die Abwesenheit der vernichteten jüdischen Kultur zum eigentlichen Inhalt macht.

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Details

Title
Verstehen-Erinnern-Schweigen: Aporien einer Erinnerung nach Auschwitz
College
University of Münster  (Katholisch-Theologische Fakultät)
Grade
1,5 (sehr gut)
Author
Frank Dreyer (Author)
Publication Year
2003
Pages
118
Catalog Number
V11479
ISBN (eBook)
9783638176323
Language
German
Tags
Verstehen-Erinnern-Schweigen Aporien Erinnerung Auschwitz
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Frank Dreyer (Author), 2003, Verstehen-Erinnern-Schweigen: Aporien einer Erinnerung nach Auschwitz, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/11479
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