Inhaltsverzeichnis
1 E i n l e i t u n g 3
2. Interpretation der Fabeln und Vergleich mit den Abhandlungen 4
2.1 „Der Hamster und die Ameise“: Ein Beispiel für die
K ürze der Fabeln Lessings 4
2.2 „Der Fuchs und der Storch“: Das Problem der
anschauenden Erkenntnis 7
2.3 „Der Dornstrauch“: eine Pflanze als Protagonist 10
3. Schluss 12
4. Literaturangaben 13
4.1 Quellen 13
4.2 Sekundärliteratur 13
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1. Einleitung
Lessing hat stets versucht, seine Fabeln von denen anderer Dichter, speziell den französischen, wie Charles Batteux oder Antoine Houdart de La Motte abzugrenzen. 1 Dies geschah nicht durch die Auswahl der Erzählstoffe, sondern auf formaler Ebene. Er distanziert sich in seiner theoretischen Schrift „ Abhandlungen über die Fabel“ von der damaligen Mode, Fabeln auszuschmücken und kunstreich zu gestalten. 2 Ein herausragender Vertreter dieses Stils ist Jean de La Fontaine, der nicht nur in Frankreich zahlreiche Nachahmer fand. Gegen ihn und v. a. gegen seine Imitatoren richtet sich Lessings Kritik in den „ Abhandlungen über die Fabel“. Hier fasst er seine Fabeltheorien zusammen und steckt die Grenzen zu benachbarten Gattungen ab.
Diese Arbeit hat das Ziel, ausgewählte Fabeln Lessings zu interpretieren und zu prüfen, ob sie die in den „Abhandlungen“ erstellten Kriterien erfüllen. Dabei sollen aber nicht Ähnlichkeiten oder Abweichungen von Fabeln anderer Autoren gezeigt werden, obwohl die Bewertung von Kollegen einen beträchtlichen Teil der genannten theoretischen Texte ausmacht. Das Herausstellen von epochentypischen Elementen oder die Einordnung in das Lessingsche Gesamtwerk gehört ebenfalls nicht zum Thema der Arbeit. Anstatt umfassender Interpretationen soll das Wichtigste der jeweiligen Fabeln herausgearbeitet werden. Ist jedoch ein Element der „Abhandlungen“ in mehreren Fabeln hervorstechend, muss es dementsprechend mehrmals ausführlich dargestellt werden. Andererseits können auch manche Aspekte zu kurz kommen, weil sie eine vergleichsweise geringe Rolle spielen.
1 Lessing, Abhandlungen, S. 70 ff.
2 Ders., ebd., S. 70 ff.
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2. Interpretation der Fabeln und Vergleich mit den „Abhandlungen
über die Fabel“
2.1 „Der Hamster und die Ameise“: Ein Beispiel für die Kürze der Fabeln Lessings
Die Fabel „Der Hamster und die Ameise“ besteht aus einem kurzen Dialog, in dem ein Hamster über den großen, aber letztlich kaum erträglichen Fleiß der Ameise spottet und mit seinem Nahrungsvorrat prahlt. Doch eine Ameise bezeichnet dieses übermäßige Horten von Futter und rechtfertigt die Plünderung der Reserven und seine anschließende Tötung durch die Menschen. 3
Auf der Ebene des discours fällt die Kürze der Fabel und die optimale Zweckmäßigkeit der Sätze auf. Orts- und Zeitangaben werden ausgespart, da sie für den Ablauf und das Verständnis der histoire unnötig sind. Durch das Weglassen von erklärenden Einschüben wird eine Übersichtlichkeit erreicht, die Lessing zufolge das Verständnis erleichtern soll. 4 Der erste Satz im Dialogteil des Hamsters nennt den Angesprochenen. Das Attribut „armselig“ allein bezeichnet schon die Einstellung des Hamsters gegenüber den Ameisen. 5 Dies verleiht dem Tier einen hochmütigen Charakterzug , der über das rein Prahlerische hinausgeht.
Die Länge des nächsten Satzes erklärt sich aus der Motivierung, die Bewertung der Ameisen durch den Hamster zu zeigen. Hier wird die rhetorische Frage gestellt, ob sich deren Mühe lohnt, wenn man die mageren Ergebnisse betrachtet, während der nachfolgende Satz sowohl inhaltlich, als auch formal das Gegenteil darstellt. Dem „Wenige(n)“ der Ameisen stellt der Hamster seinen Vorrat entgegen und verwendet dabei lediglich einen Ausruf. Eine korrekte grammatikalische Struktur wird in der Äußerung nicht benötigt. „Wenn ihr meinen Vorrat sehen solltet!“ 6 , impliziert bereits die Größe der Nahrungsreserven. Hier wird das Bild von einem Tier gezeichnet, das zwar von Natur aus fleißig, aber mit einem hochmütigen Charakter ausgestattet ist.
3 Lessing, Fabeln, 1. Buch 2. Fabel, S. 12.
4 „Wenn ich mir einer moralischen Wahrheit durch die Fabel bewusst werden soll, so muß ich die Fabel auf
einmal übersehen können, und um sie auf einmal übersehen zu können, muß sie so kurz sein als möglich (…)
folglich streiten alle Zieraten, insofern sie leere Verlängerung sind, mit der Absicht der Fabel.“
Ders., Abhandlungen, S. 135.
5 Eine Verdeutlichung der Beziehung der beiden Tiere zueinander ist notwendig, da sie, zumindest nach dem
vorliegenden Material, in kaum einer Fabel gemeinsam auftreten oder in einer realen Feindschaft zueinander
stehen.
6 Lessing, Fabeln, S. 12.
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Als Antwort wird ein langer Satz formuliert, der mehrere Nebensätze aufweist. Die Ameise bedient sich einer Sprache, die ein höheres Niveau aufweist. Ihre überlegene Position ist nicht nur moralischer Natur, sie entsteht auch aus der Tatsache, dass sie nicht wegen ihrer Nahrungsvorräte verfolgt wird. Sprachlich gesehen kann die Ameise ihre relativ ruhige Reaktion auf die Beleidigung nicht aufrechterhalten. Beginnt die Erwiderung noch mit einem höflichen „Höre, (…)“, so fährt sie mit einer Erinnerung an die gerechtfertigte Verfolgung des Anderen fort und steigert sich am Ende mit der Zuweisung einer unangenehmen Eigenschaft, des Geizes, dem ein trügerischer Wohlstand entspringt, der nicht lange währt. Eine regelrechte Vergeltung erfolgt durch die Tötung des Hamsters. Das Adjektiv „räubrisch“ suggeriert eine kriminelle Komponente, weil das überschüssige Futter in den Hamsterlagern anderen Tieren zum Überleben fehlt, und er es ihnen somit gestohlen hat. Als Angehörige eines Insektenstaates, in dem offenbar kein Überfluss herrscht, kann sich die Ameise somit auch als Opfer fühlen. Sie hat damit eine gewisse Berechtigung, diesen Satz, der das Morale der Fabel darstellt, auszusprechen.
Die Figurenkonzeption ist eher ungewöhnlich. Zwei Tiere, die traditionell als Sinnbilder für Fleiß gelten, werden als Gegner dargestellt. Die Ameise behält ihre positive Rolle, die sie für gewöhnlich spielt. Ihre Funktion in vielen Fabeln ist es, Anderen Fleiß und Arbeit im richtigen Maß beizubringen. 7 Doch hier ist der Dialogpartner vom Erkenntnisprozess ausgeschlossen. Sie Äußerung ist mehr eine Anklage, als eine Belehrung. Sich damit an den Hamster zu richten, wäre wohl nutzlos, denn trotz der verliehenen Vernunft bleibt der Protagonist an seine natürliche Verhaltensweise gebunden. 8 Der Hamster wird als der negative Ausdruck des Fleißes, der Geiz, dargestellt, der hier mit Prahlsucht gepaart ist. Inwiefern diese Charakterisierung vom traditionellen Hamsterbild in der Fabelabweicht, konnte in dieser Arbeit nicht ermittelt werden. 9 Die Beschuldigung, der Hamster sammle mehr an, als er verbrauche, hängt vermutlich mit seiner Angewohnheit zusammen, in langen Tunnelsystemen so viele Voratsspeicher anzulegen, dass es verwundert, dass ein derart kleines Wesen dies alles zum Überleben braucht. Eine solche Beobachtung führte wohl zu
7 Althaus, Das Uneigentliche, S. 53 f.
8 Natürliches Verhalten ist entscheidend für den typischen Charakter einer tierischen Figur, die als allgemein
bekannt vorausgesetzt werden kann. Charakterisierungen sind deswegen unnötig. Durch die Verleihung
menschlicher Intelligenz wird lediglich der Handlungsspielraum erweitert. Das Arbeiten mit Typisierungen dient
der Erhaltung der Fabelkürze: „ Die umständliche Charakterisierung (…) zu vermeiden, bei welcher es doch
immer zweifelhaft ist, ob sie bei allen die nämlichen Ideen hervorbringt, war man gezwungen, sich lieber in die
kleine Sphäre derjenigen Wesen einzuschränken, von denen man es zuverlässig weiß, dass auch bei den
Unwissendsten ihre Benennung diese und keine andere Idee entspricht.“
Lessing, Abhandlungen, S. 110.
9 In den für dieses Thema geprüften Fabeln der Antike und der Neuzeit taucht kein Hamster auf. Er wird zwar
bis heute allgemein mit Fleiß in Verbindung gebracht, doch verkörpert die Ameise seit der biblischen Zeit diese
Ideal in der Literatur. Althaus, Das Uneigentliche, S. 115.
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dem Vergleich mit einem bestimmten Menschentyp, der Besitz anhäuft, ohne nennenswerte Ausgaben zu haben oder seine Mitmenschen am Reichtum teilhaben zu lassen. Damit die Figur des Geizigen keine Gefühle weckt, die die anschauende Erkenntnis des Morale stören könnten, wurden tierische Protagonisten ausgewählt. Für sie empfinden die Leser weniger, als für menschliche Personen, weswegen sie die Aussage der Fabel eventuell objektiver aufnehmen. 10 Die Verfolgung und Tötung des Hamsters stellt sich als Naturnotwendigkeit dar.
Lessings angestrebter Minimalismus findet sich sowohl in der Form, als auch in der Gestaltung des Schlusses. Sämtliche Aussagen und Ereignisse werden lediglich in einen Dialog eingebaut, in dem jede der beiden Figuren einmal ihre Argumente einwirft. Die Frage ist, ob man den Hergang der Fabel als Handlung bezeichnen kann. „Eine Handlung nenne ich eine Folge von Veränderungen, die zusammen ein Ganzes ausmachen.“ 11 Problematisch wird diese sehr allgemeine Definition, wenn nur zwei Sprechakte vorliegen. Eine Handlung ist für die Fabel aber unerlässlich, der Text würde nach Lessings Theorie sonst einer anderen Gattung zugerechnet werden müssen. 12 Eine Erweiterung der Regel besagt, dass „(…) jede Folge von verschiedenen Gedanken, wo eine die andere aufhebt, eine Handlung sei (…).“ 13 In dieser Fabel wird die Idee des Hamsters, er wäre in einer beneidenswerten Situation durch die Ameise widerlegt. Damit ist die Forderung erfüllt.
Eine derartige Vorstellung von einem Handlungsverlauf ermöglicht es letztlich, die Fabel in wenigen Sätzen zu erzählen. Das Ende wird dabei ausgespart, denn die Erwiderung des Hamsters ist für das Morale irrelevant. Sobald die Leser in der Lage sein müssten, den Lehrsatz zu erkennen, hat der Text seinen Zweck erfüllt. 14
Diese Fabel ist ein gutes Beispiel für die von Lessing geforderte Kürze der histoire , denn sowohl die Einführung in die Situation und die Figurencharakterisierung als auch die Handlung und der ausgesparte Schluss des Dialogs erfüllen diese Kriterien.
10 Lessing, Abhandlungen, S. 115.
11 Ders., ebd., S. 81.
12 „Ein jedes Gleichnis, ein jedes Emblema würde eine Fabel sein, (…) wenn sie (…) nicht das notwendig
erforderte, was wir durch das Wort Handlung ausdrücken.“
Ders. ebd., S. 81.
13 Ders., ebd., S. 89.
14 „Er (der Fabulist) will uns von irgendeiner einzeln moralischen Wahrheit überzeugen (…). Sobald er sie
erhalten hat, ist es ihm gleichviel, ob die von ihm erdichtete Handlung ihre innere Endschaft erreicht hat oder
nicht.“
Ders., ebd., S. 93.
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2.2 „Der Fuchs und der Storch“: Das Problem der anschauenden Erkenntnis
Ein Storch wird von dem Fuchs über seine Reiseerfahrungen befragt, worauf dieser von feuchten Wiesen, Tümpeln und den schmackhaften Fröschen und Würmern schwärmt, die er im Ausland verspeist hat. Im Anschluß werden an einen imaginierten Leser zahlreiche Fragen über das Essen und den Wein in Paris gestellt. 15
Der Text gliedert sich als zusammengesetzte Fabel in zwei Teile, die einfache Fabel und eine vergleichbare realistische Situation.
Im ersten Teil ist die histoire der gewohnten Darstellungskürze unterworfen. 16 Einleitungen werden ausgespart; die Bitte des Fuchses um einen Reisebericht bildet den Beginn. Dabei bewegt er sich aus seiner gewohnten Rolle hinaus. Sonst ist er der in Wissensdingen Überlegene. Er bescheidet sich mit der Position des Zuhörers. Im Vergleich mit anderen Fabeln scheint der Fuchs auch keine feindlichen Absichten zu hegen bzw. den Storch kritisieren zu wollen. 17 Die Frage ist höflich vorgetragen und das Wort „doch“ stellt zusätzlich eine bittende Formulierung dar, die keine Falschheit vermuten lässt. „Weltgereist“ charakterisiert den Storch nur als den Vielreisenden, der er wegen seiner Bedürfnisse von Natur aus ist. Das Attribut verleiht ihm auch den Anschein von Bildung, die durch die Begegnung mit fremden Kulturen erworben wird. 18 Doch die bei den Lesern geweckte Erwartung erfüllt sich nicht, weil die Protagonisten nicht in demselben Maße vermenschlicht sind. Der Storch verweist auf seine natürliche Lebensweise, wo Landschafts-und Kulturschilderungen erwartet werden. Anstatt der Sehenswürdigkeiten besucht er Lachen und feuchte Wiesen und beschreibt Frösche und Würmer als kulinarische Köstlichkeiten. Unterstrichen wird dieser Eindruck durch Attribute, wie „schmackhaft“, die im Superlativ verwendet werden. Hier spielt Lessing mit der Vorstellung der Leser bezüglich tierischer Protagonisten. Den meisten Fabelrezipienten ist die Methode, Tiere nach bestimmten Verhaltensweisen zu charakterisieren und einen Menschentyp darstellen zu lassen bekannt. 19 Wie bereits erwähnt, weckt die Bitte des Fuchses Assoziationen. Der Storch wird mit einem Reiselustigen gleichgesetzt, doch seine Vermenschlichung beschränkt sich auf die
15 Lessing, Fabeln, 1. Buch 21. Fabel, S. 21.
16 Genaueres dazu in Punkt 2.1.
17 Die List des Fuchses, Beutetiere leichter zu erlegen, indem er ihnen z. B. Freundlichkeit vorspielt ist ein
bekanntes Motiv. Als Beispiel sei La Fontaines „Das Huhn und der Fuchs“ genannt. Siehe La Fontaine, Fabeln,
S. 358.
18 Näheres zur Charakterisierung von Tierfiguren in den Lessingschen Fabeln in Punkt 2.1.
19 In den „Abhandlungen über die Fabel“ bestätigt Lessing diesen Vorgang zur Bildung der „allgemein
bekannte(n) Bestand der Charaktere“ als wichtiges Element der Fabel. Siehe Lessing, Abhandlungen, S. 110 f.
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Ausstattung mit Sprache und Intelligenz. Das menschliche Bedürfnis, sich die Andersartigkeiten anderer Länder anzusehen, ist ihm fremd. Da der Fuchs aber genau darauf anspielt, und so unserem Wesen ähnlicher ist bzw. eine größere Vermenschlichung erfährt, erscheint er dem Leser nun doch als der Gebildetere. Der erste Eindruck, der am Anfang vom Storch gewonnen wurde, ist hiermit revidiert. Wahrscheinlich wird hier ein bestimmter Typ von Reisendem karikiert, der sich in anderen Ländern nur für seine Bedürfnisse interessiert und das wahrnimmt, das ihm vertraut erscheint. Das intellektuelle Ziel des Reisens bleibt ihm fremd.
Die Beschreibung der Reiseaufenthalte wird vom Erzähler. Indem er die wahrscheinlich sehr langen Schilderungen des Storchs zusammenfasst, und nur das Wichtigste darstellt, sichert er die Kürze des Textes. Der Erzähler taucht ebenfalls im zweiten Teil der zusammengesetzten Fabel auf, wobei beim ersten Lesen unklar ist, wer die Fragen über den Parisaufenthalt stellt. Es könnte der Fuchs sein, der genauer nachfragt, doch es existiert kein Hinweis darauf. Der Leser als imaginierter Ansprechpartner wird in der 2. Person Plural angeredet und mit „mein Herr“ tituliert, während der Fuchs seine Bitte in der 2. Person Singular stellt. Zwischen beiden Tieren ist nicht die Distanz spürbar, die bei Erzähler und Angesprochenem herrscht. Nicht nur im Wahrnehmen des Erzählers durch den Rezipienten, sondern auch im Erfassen der Moral liegt die Problematik des letzten Abschnitts. Da der Erzähler sich an einen imaginierten Leser in der Gegenwart richtet, und hier ein inhaltlicher Bruch zu der einfachen Fabel erkennbar ist, handelt es sich um eine zusammengesetzte Fabel. 20 Das Morale des einen Teils kann auf den des anderen übertragen werden. Filtert man den Lehrsatz der einfachen Fabel heraus, ergibt sich auch der Sinn des anderen Abschnitts. 21 Doch der Lehrsatz, auf den die Handlung zustreben sollte, ist in der einfachen Fabel um Fuchs und Storch ebenfalls weder formuliert, noch klar erkennbar. Eine Interpretation muss hier spekulativ erscheinen. Obwohl Lessing einräumt, dass in einer zusammengesetzten Fabel die anschauende Erkenntnis, die dem Verständnis der Moral zugrunde liegt, ein wenig verkleidet sein darf, ist eben dieses Verständnis nicht unbedingt gegeben. 22 Der Lehrsatz hält sich eher versteckt,
20 „Zusammengesetzt (…) ist die Fabel, wenn die Wahrheit, die sie uns anschauend zu erkennen gibt, auf einen
wirklich geschehenen oder doch als wirklich angesehenen Fall weiter angewendet wird.“ Lessing,
Abhandlungen, S. 68.
21 „(…) sie besteht (…) gleichsam aus zwei Fabeln, aus zwei einzeln Fällen, in welchen beiden ich die Wahrheit
ebendesselben Lehrsatzes bestätiget finde.“ Ders., ebd., S. 68.
22 „Aufs höchste würde sich dieses verkleidet nur in Ansehung der zusammengesetzten Fabel entschuldigen
lassen.“ Ders., ebd., S. 85 f.
Die Schwierigkeit dürfte darin liegen, die einfache Fabel in Bezug zum realistischen Teil zu setzen. Für sie sollte
die Regel der einfach erkennbaren Moral gelten, auch wenn sie Teil eines größeren Textes ist. Nicht selten
wurde eine ursprünglich als einfache Fabel konzipierte Geschichte in eine zusammengesetzte Fabel
eingebunden. Die Anforderungen, denen sie unterworfen war, werden dann auch miteingebracht.
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obwohl Lessing dies für keinen vorteilhaften Umstand hält. 23 Schließlich bedeutet die anschauende Erkenntnis, egal ob sie mit einem kurzen oder etwas längeren Denkprozess verbunden ist, die Gewissheit, die richtige Lehre gezogen zu haben. Lessing selbst legt sehr viel Wert auf die Belehrung des Menschen durch die Fabel. Das Verständnis derselben ist die Voraussetzung dafür. 24
Den bereits genannten Lessingschen Fabelreglements 25 nach, ist die beste Methode, eine akzeptable Moral zu ermitteln, Gemeinsamkeiten in den Abschnitten der Fabel zu finden. In beiden wird jemand über eine Reise befragt. Der Storch berichtet von Erlebnissen und Köstlichkeiten, die typisch für seine Lebensart sind. Ein Schlüsselwort zur Deutung des Sinns ist der persönliche „Geschmack“ nach dem der imaginierte Leser befragt wird. Der Lehrsatz besteht letztlich wahrscheinlich in der Erfahrung, dass, ob aufgefordert oder nicht, jeder seine Aussagen nach dem subjektiven Erleben gestaltet. Dabei spielen Lebensweise und Neigungen eine besondere Rolle.
Besteht der erste Eindruck vom Erzähler darin, dass er von seiner informierenden Rolle in der einfachen Fabel in eine nicht so eindeutige wechselt, erscheint seine Haltung nach der Analyse als eine Mischung von beidem. Er deckt die Moral nicht auf, liefert aber den Hinweis zur Deutung des Textes.
Obwohl die Interpretation eine Lösung aufgezeigt hat, bleibt die Frage, wieso die anschauende Erkenntnis erschwert wurde. Eine Möglichkeit wäre nach Peter Hasubek, dass dies ein didaktischer Versuch ist, in welchem der einfache Leser zum Nachdenken gezwungen wird. Die Entstehung anspruchsvoller Fabeln verdankt man aber auch der Tatsache, dass seit der Aufwertung der Gattung durch La Fontaine, vermehrt gebildete Kreise als Rezipienten hinzustiessen. 26 „ Der Fuchs und der Storch“ ist, egal ob Lessing ein gebildetes Publikum im Sin hatte, eine Fabel, die sich nicht auf den ersten Blick erschließt. Der Text ist ein gutes Beispiel dafür, dass eine einfach formulierte Theorie, wie die von der Klarheit des Lehrsatzes, in der Praxis nicht immer umgesetzt wird.
23 „Die Klarheit, die Lebhaftigkeit, mit welcher die Lehre aus allen Teilen einer guten Fabel auf einmal
hervorstrahlet, hätte durch ein ander Wort als durch das ganz widersprechende versteckt ausgedrückt zu werden
verdienet.“ Lessing, Abhandlungen, S. 85.
24 Siehe ders., ebd., S. 86.
25 Obwohl Lessing sich gegen die Bezeichnungen „Regel“ und „Vorschrift“ wehrt, weil die Fabel nur der Moral
untersteht, werden diese Begriffe in der Arbeit verwandt, denn ein Text muss bestimmte Voraussetzungen
erfüllen, um als Fabel definiert zu werden. Demnach untersteht eine Fabel Regeln. Doch wurde in dieser Arbeit
schon darauf hingewiesen, dass alle Vorschriften im Dienste der Moral und ihrer problemlosen Erkennung
stehen. Die Verwendung der Begriffe ist somit legitim. Vgl. ders., ebd., S. 79 f.
26 Hasubek, Erzähler, S. 370 ff.
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2.3 „Der Dornstrauch“: Eine Pflanze als Protagonist
Der Dornstrauch wird von einer Weide gefragt, warum er begierig nach den Kleidern der Vorbeigehenden ist. Seine Antwort lautet, er wolle sie nur zerreissen. 27 Wie die meisten Lessingschen Fabeln ist „Der Dornstrauch“ ein gutes Beispiel dafür, wie mit wenigen Sätzen Ausgangssituation, Konflikt und Aussagegehalt der Fabel dargestellt werden können. 28 Zeitpunkt und Ort der Handlung sind irrelevant. Dieser Umstand deutet auch auf die Zeitlosigkeit der Aussage hin.
Als Dialogpartner treten zwei Pflanzen auf. 29 Die Weide sagt sehr viel mehr als der Dornstrauch. Ihr Aussagesatz ist der Länge nach angemessen, wenn man bedenkt, dass er den Anlass des Gesprächs thematisiert. Jedoch dient das vorangestellte „Aber sage mir doch (…)“ lediglich dazu, eine alltägliche Konversation zu imitieren, denn der Rest des Satzes könnte ohne Probleme allein stehen und dieselbe Aussagekraft besitzen. Ebenfalls unnötig ist es, in zwei Fragen die Absichten des Dornstrauchs zu erkunden. In dieser Fabel wird die Weide demnach als Wesen gezeigt, dass sich im Gespräch nicht gern auf das Nötigste beschränkt. 30 Im Gegensatz zu ihr fasst sich der Dornstrauch kurz. Er tritt als Verkörperung der Bosheit auf. 31 Unumwunden gibt er sein unbegründet aggressives Verhalten zu. Da er auch Vorbeigehende belästigt, kann er nicht einmal Selbstverteidigung geltend machen, und will es offensichtlich auch nicht. Interessant ist die von der Weide angesprochene Begierde, Schaden anzurichten. Der Dornstrauch steht für einen der unangenehmsten Menschentypen. Ohne eine Motivation zu haben, richtet er Schaden an und tut dies mit einer fast erschreckenden Ehrlichkeit, wobei ihn fast eine Art innerer Drang zu treiben scheint. Doch verursacht der dargestellte Charakter nie etwas allzu Schlimmes, denn er zerreißt in der Fabel nur Kleider, verletzt die Menschen aber nicht.
Ein Grund, weshalb der Dornstrauch leichter in einen Fabelprotagonisten zu verwandeln ist, sind seine Dornen. Die Tatsache, dass man leicht von ihnen erfasst wird, obwohl man nur vorbeigeht, löst beim Gedanken an die Pflanze eher negative Gefühle aus. Hier liegt der
27 Lessing, Fabeln, 2. Buch 27. Fabel, S. 41.
28 Da bereits in den vorangegangenen Kapiteln das Element der Kürze, dessen Zweck und Effekt auf die
narrative Struktur behandelt wurde, soll dieses Thema nur noch in Verbindung mit anderen wichtigen Aspekten
der Fabel angesprochen werden. Um Wiederholungen zu vermeiden, widmet sich die Analyse hauptsächlich den
Protagonisten und dem Morale.
29 Der Anteil an Fabeln mit Pflanzen als Handlungsträgern ist in der Fabelliteratur sehr gering.
30 Die Charakterisierung einer Pflanze, wie der Weide ist nicht leicht. Ihr Name lässt sich mit keiner Eigenschaft
direkt verbinden, weil sie kein aktives Leben führt. Besonders schwierig ist es, wenn der Hauptakzent der Fabel
nicht auf ihr liegt. Trotz der nicht unwesentlichen Beteiligung am Geschehen, wird mehr Wert auf den
Dornstrauch gelegt. Vgl. Lessing, Abhandlungen, S. 114.
31 Da der Dornstrauch nicht nach dem Besitz der Kleider strebt oder irgendeine Motivation, außer
Zerstörungssucht zeigt, soll er wohl keinen Neider darstellen.
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seltene Fall vor, in dem eine Pflanze eine Eigenart besitzt, das man mit etwas Phantasie dem Verhalten eines Tieres gleichsetzen kann.
Eine wichtige Voraussetzung erfüllt „Der Dornstrauch“ aber nicht. Die bereits gezeigten Kriterien für eine Handlung sind hier nicht zu finden. Es tauchen weder eine Folge von Veränderungen auf, noch setzt ein Gedanke den anderen außer Kraft. 32 Stattdessen wird versucht, den Grund für das Verhalten des Protagonisten zu finden, wobei seine Persönlichkeit definiert wird. Aber der Text entspricht auch nicht den Definitionen der verwandten Gattungen, die Lessing aufzählt. 33 Das Morale befindet sich in der Selbsterklärung, die der Dornstrauch abgibt. In ihr wird auf eine Personengruppe hingewiesen, deren Beschreibung auf Erfahrung beruht. Man kann sehen, wie ein Menschentyp durch einen Vertreter vollständig charakterisiert wird. Selbst wenn die Frage nach der Handlung zweifelhaft bleibt, so kann die Moral mit anderen Mitteln gezeigt werden. 34
Die Verwendung des Dornstrauchs als Figur kann aus zwei Gründen erfolgt sein. Zum Einen mag diese Pflanze für Lessing eine treffendere Verkörperung einer boshaften Person gewesen sein, als die ihm bekannten Tiere. Hinzu kommt sicherlich, dass eine Pflanze in den Lesern weniger Emotionen weckt, als dies Tiere tun. Damit soll die objektivere Beurteilung eines Personentyps gewährleistet werden, an den sich wegen seiner extremen Eigenschaften bereits Emotionen knüpfen.
32 Siehe Lessing, Abhandlungen, S. 81 und 89.
33 Ders., ebd., S. 82 ff.
34 „Ich will nicht sagen, die moralische Lehre werde in der Fabel durch die Handlung ausgedrückt, sondern (…)
der allgemeine Satz werde durch die Fabel auf einen einzeln Fall zurückgeführet.“ Ders., ebd., S. 95.
11
3. Schluss
In dieser Arbeit wurden drei Fabeln Lessings im Vergleich zu seinen Fabelabhandlungen interpretiert. Die Auswahl wurde subjektiv getroffen und es wird nicht geleugnet, dass die vorgestellten Beispiele nicht alle Aspekte des Lessingschen Fabelgesamtwerks widerspiegeln. Allerdings wurden die wichtigsten Anforderungen an die Gattung in den Interpretationen dargestellt.
Eine Gemeinsamkeit der drei vorgestellten Fabeln besteht in der Kürze der Handlung, die Einfluss auf alle Elemente des Textes hat. Es ist ein Zeichen dafür, wie sehr sich Lessing der antiken Fabel, besonders der Äsopischen, verpflichtet fühlt. In den Dienst der Kürze wird auch die Figurenkonzeption gestellt. Bekannte Tiere übernehmen ohne lange Vorstellung ihrer Person die ihnen zugedachten Rollen, die jeder Fabelleser kennt. Trotzdem begegnet einem in der Beziehung auch Unerwartetes, wie im Falle des Storches, dessen Figur mit den Erwartungen der Rezipienten spielt. Pflanzen als intelligente Wesen auftreten zu lassen, mag relativ ungewöhnlich sein, doch wie man gesehen hat, ist ihre Position mit der der Tiere vergleichbar.
In Bezug auf das Erkennen der Moral gibt es verschiedene Schwierigkeitsstufen. Von dem klar ausgesprochenen Lehrsatz in „Der Hamster und die Ameise“, bis hin zum versteckten Morale in „Der Fuchs und der Storch“ das man erst nach genauer Betrachtung errät und gegen die Forderung nach der anschauenden Erkenntnis verstößt, erstreckt sich die Skala. Sowohl der einfache Leser, der gerne Fabeln mit eindeutiger Aussage liest, als auch der gebildete Rezipient, der seine Freude an spitzfindigen und anspruchsvollen geschichten hat, werden angesprochen. Insgesamt gesehen befolgt Lessing die Regeln, die er in den Abhandlungen aufstellt. Doch in einigen Punkten, wie der Klarheit der anschauenden Erkenntnis, weicht er von der Theorie ab.
Doch dies soll nicht negativ bewertet werden, da jeder Dichter ein Recht auf eine gewisse künstlerische Freiheit besitzt.
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4. Literaturangaben
4.1 Quellen
La Fontaine, Jean de, Die Fabeln, hg. v. Jürgen Grimm, übers. v. Johanna Wege, Reclam Nr. 1719, Stuttgart 1991.
Lessing, Gotthold Ephraim, Fabeln / Abhandlungen über die Fabel, hg. v. Heinz Rölleke,
4.2 Sekundärliteratur
Althaus, Thomas, Das Uneigentliche ist das Eigentliche. Metaphorische Darstellung in der
Hasubek, Peter, Der Erzähler in den Fabeln Lessings (Originalbeitrag 1980), in:
Arbeit zitieren:
Magister Artium Manuella Wangert, 2005, Lessings Fabeln im Vergleich mit seinen "Abhandlungen über die Fabel", München, GRIN Verlag GmbH
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