„Autarkie“ ist heutzutage ein alltäglicher Begriff, welchem im deutschen Sprachraum und dementsprechend auch in den Medien eine inflationäre Verwendung widerfährt. Das Anwen- dungsspektrum erstreckt sich hierbei z.B. von der Diskussion um die Frage, inwieweit China noch autark ist 1 , bis hin zur lyrischen Beschreibung städtischer Architektur als „eine autarke
Verbindung zwischen verschiedenen Faktoren, die in symbiotischer Abhängigkeit voneinan- der existieren" 2 . Dem Gros der Anwender dürften jedoch die ursprünglichen Bedeutungen des
Wortes, oder zumindest jene, die Platon und Aristoteles ihm verliehen haben, unbekannt sein. Diese Arbeit soll jedoch nicht einfach nur „Autarkie“ definieren, sondern ebenfalls die spe- zielle Bedeutung in Bezug auf die Struktur der Polis in „Staat“ und „Politik“ in ihren gröbsten Umrissen erläutern, sowie einen knappen Überblick über den philosophischen Kontext geben, was notwendig für die Erschließung des Autarkiebegriffes ist. Neben der Aufführung basaler Gemeinsamkeiten der platonischen und aristotelischen Staatsphilosophie sollen aber auch einige Begriffe und Erklärungen zum jeweiligen Polis- und Autarkiegedanken entwickelt werden, welche eine Unterscheidung vereinfachen und somit einen Kontrast bilden können. Aufgrund des beschränkten Umfanges dieser Arbeit muss jedoch auch gesagt werden, dass eine detaillierte Darstellung einzelner Aspekt unzweckmäßig wäre, weshalb eine hohe Abs- traktionsebene gewählt wurde, um eine schlüssige Darstellung zu erleichtern.
Die Frage um "Autarkie" (hier im "modernen" Wortsinn) nährt sogar eine wissenschaftliche Debatte, soll aber hier nur kurz Erwähnung finden. Strittig ist hierbei, ob die platonischen Dialoge autark sind, d.h. inwieweit sie sich selbst erklären. Die alternative Sichtweise, vertre- ten durch die sog. "Tübinger Schule" konstatierte nämlich eine Nichtautarkie der Schriften, gegründet auf diverse Selbstzeugnisse Platons, in welchen er behauptete, dass der Philosoph nicht über jene Dinge schreibt, die für ihn den höchsten Wert haben. Hieraus entwickelten Anhänger der "Tübinger Schule" die These, dass Platon seinen Zeitgenossen verschiedene Sachverhalte zwar explizit mitteilte, aber jene Dinge von wirklicher persönlicher Relevanz nur andeutete und somit für ein exklusives Publikum reservierte 3 . Ein weiterer Streitpunkt ist
auch immer noch die Frage, ob man Platons „Staat“ einer literarischen Kategorie zuordnen
2 Angl, Christian (2. November 2007): Die unsichtbare Stadt. Herausgegeben von Die Zeit. Online verfügbar unter http://www.zeit.de/online/2007/45/bg-unsichtbar-stadt, zuletzt aktualisiert am 2. November 2007 3 Reale, Giovanni (1996): Platons protologische Begründung des Kosmos und der idealen Polis, S. 5-7. In: Ru- dolph, Enno (Hg.): Polis und Kosmos. Naturphilosophie und politische Philosophie bei Platon. Darmstadt: Wiss. Buchges., S. 3–25
kann, wobei auch konkret einige Zuordnungen getroffen werden 4 . Nicht unproblematisch ist dagegen die Einschätzung der Literaturlage zu den Quellwerken. Man behauptet wohl nicht zuviel, wenn man sagt dass die Rezeptions- und Interpretationsgeschichte von Platon und A- ristoteles eine der umfangreichsten überhaupt ist, wobei gerade der „Staat“ und die „Politik“ in den letzten Dekaden zunehmend ins Interessensfeld von Politikwissenschaftlern gerückt sind, weshalb diese neben jenen Wissenschaften, die sich „klassischerweise“ mit der Materie beschäftigen, insbesondere der Philosophie, Philologie und den Geschichtswissenschaften, eine Fülle hochwertiger Literatur produzieren. Ein Werk, welches als Erstlektüre zur Einfüh- rung wohl einen Standardcharakter erreicht hat, ist die mehrbändige Reihe „Geschichte des politischen Denkens“ des Münchner Professors für Politische Wissenschaft, Henning Ott- mann aus dem Jahre 2001 5 . Allerdings sollen neben dieser Publikation auch einige aktuelle Dissertationen mit in die Arbeit einfließen, wobei man aber auch vermuten muss, das die In- terpretation von Platon und Aristoteles nur noch wenig Raum für „revolutionäre“ Neuinter- pretationen bietet, trotzdem kann die Lektüre eines weiteren Werkes zur Materie wohl nie schaden, da der Inhalt nicht nur äußerst komplex ist und dessen Verstehen einen tief greifen- den Einblick in die Geschichte des Selbstverständnisses der griechischen Zeitgenossen von Platon und Aristoteles bietet, sondern auch in unseren Tagen trotzdem noch genug „Zünd- stoff“ für Debatten zu bieten scheint. Dies zeigten besonders deutlich im letzten Jahrhundert Hans-Georg Gadamer 6 oder auch Karl Popper 7 .
Neben einer kurzen Vorstellung grundlegender Gemeinsamkeiten in den Staatsphilosophien Platons und Aristoteles’ wird in Kapitel II auch eine kurze, allgemeine Definition von „Au- tarkie“ geboten, zudem werden im Hinblick auf die Arbeit problematische Begriffe knapp erläutert. Das Kapitel III widmet sich schließlich explizit dem Autarkiegedanken von Platon und Aristoteles in Bezug auf die Polis, allerdings bildet dessen Erläuterung auch den Schwer- punkt, weshalb nur jene Grundzüge des Werkes genannt und belegt werden, welche von be- deutender Relevanz sind, d.h. eine umfassende Darstellung wird nicht geboten. Im Schluss wird schließlich der Versuch unternommen, die einzelnen Autarkiebegriffe prägnant zusam- menzufassen, wodurch deren Autoren- und Kontextbedingte Differenz ersichtlich werden soll.
4
Siehe hierzu Kapitel III. 1
5
Ottmann, Henning (2001): Geschichte des politischen Denkens. Von den Anfängen bei den Griechen bis auf unsere Zeit. Stuttgart: Metzler.
6 Zu diesem Thema: Wischke, Mirko: Platon und die Ethik der Interpretation. Tendenzen neuerer Forschungsli- teratur zur philosophischen Hermeneutik Hans-Georg Gadamers. Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 2 (2001), Heft 5. Online verfügbar unter: http://www.philosophia-online.de/mafo/heft2001- 05/wischke_platon.htm, zuletzt geprüft am 02.04.2008.
7 Eine kurze Problembenennung findet sich in Kapitel III. 1.
Staatsphilosophie bei Platon und Aristoteles: Gemeinsamkeiten, Begriffs- und Positi-
Zunächst sollte man sich bewusst werden, dass die Begriffe "Ethik" und "Politik" im heutigen "kollektiven" Bewusstsein voneinander getrennt stehen. "Ethik" wird zumeist als ein Teil oder eine Disziplin der Philosophie verstanden, welche versucht, allgemeine Verhaltensnormen, primär für den Menschen, aufzustellen. "Politik" wird dagegen als ein zielgerichtetes Vorge- hen im Kontext politischer Zusammenhänge und Zielsetzungen, sowie als eine Art Wissen- schaft um die Verhältnisse in Herrschaftssystemen verstanden. Im philosophischen Bewusst- sein im Griechenland der Klassik gab es diese strikte Begriffs- und Inhaltstrennung nicht. Walter Patt definierte die Ethik als "das grundsätzliche Wissen vom glücklichen Leben und den Tugenden des Menschen (…)" und die Politik als das "grundsätzliche Wissen vom Leben im Staat, insbesondere der Polis." 8 Der „Staat“ und die „Politik“ weisen beide eine unüber-
sehbare Distanz zu den Poleis ihrer Entstehungszeit auf. Insbesondere galt es Platon und Aris- toteles jedoch, einen Gegenentwurf zur spartanischen Kriegergesellschaft und dem nach au- ßen auf Hegemonie und nach innen auf Freizügigkeit fixierten Athen zu entwerfen. Trotzdem lag beiden Konzepten wie selbstverständlich der Gedanke an die eigentümlich griechische Polis, wenn auch in anderen Formen als bisher, zugrunde, weshalb man den Begriff der Staatsphilosophie spezifizieren kann, nämlich als eine Philosophie der Polis 9 .
Bei den „Gemeinsamkeiten“ soll nun auch eine vorläufige Definition des Begriffs „Autarkie“ wiedergegeben werden, denn obwohl Platon und Aristoteles das Wort verwandten, um unter- schiedliche Sinnzusammenhänge zu umschreiben, so war ihr Grundverständnis davon wohl zunächst gleich. „Autarkie“ kann sich zunächst auf leblose Gegenstände, aber auch auf Perso- nen oder Gemeinschaften, insbesondere die Polis, beziehen. Der Gegensatz von „Autarkie“ wäre das Nichthaben von einer bestimmten Sache oder Eigenschaft, die eigentlich „automa- tisch“ zukommt. Den Gegenpol zur autarken Polis bildet also die nach außen von Anderen abhängige und nach innen despotische Polis 10 .
Die Glückseligkeit ist für Platon und Aristoteles das Beste, was dem Menschen widerfahren kann. Sie ist nicht genau definierbar, vereint aber, vereinfacht ausgedrückt, seelisches und leibliches Wohlbefinden, sowie günstige Rahmenbedingungen oder Umwelt. Sie sollte das Endziel menschlichen Wünschen, Planens und Handelns sein. Beide Philosophen vertraten auch die Ansicht, dass die gewissenhafte und konstante Ausübung der Tauglichkeit oder Tu-
8
Patt, Walter (2002): Grundzüge der Staatsphilosophie im klassischen Griechentum. Würzburg: Königshausen & Neumann, S. 35–36
9
Patt 2002, S. 13–14
10
Ritter, Joachim (Hg. ,1971): Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 1: A-C. Darmstadt: Wissen- schaftliche Buchgesellschaft, S. 686
gend der sicherste Weg ist, die Glückseligkeit zu erlangen. Aus diesem Grunde fragt die anti- ke Staatenphilosophie auch, wie der Staat diese Glückseligkeit herbeiführen und bewahren kann. Das Gute ist für ein Individuum das, was es sich jeweils wünscht oder wonach es strebt. Letztlich verbinden sich aber die Wünsche des einzelnen Menschen und führen zum Endziel, der Eudämonie (Glückseligkeit im Leben, in der Lebensführung) 11 . Als ein Mittel, welches
das Nahekommen an die Glückseligkeit erleichtert, steht bei Platon und Aristoteles die Arete. Für Platon gehört die Arete fast untrennbar zur Glückseligkeit, welche neben der Tugend auch die "Tauglichkeit", "Tüchtigkeit" oder "Trefflichkeit" sein kann, wohingegen die Arete bei Aristoteles eher als Kombination aus "Qualität" (welche, bezogen auf den Menschen, leicht veränderlich ist) und "Disposition" (dauerhaft) umschrieben werden kann. Trotzdem findet das Deutsche keine adäquate Umschreibung für Arete, denn auch "Tugend" hat keine allge- mein ontologische Bedeutung, sondern ist als menschliche Eigenschaft vorhanden oder nicht vorhanden, zudem beschreibt sie eine positive Charaktereigenschaft, und nicht die Vorzüg- lichkeit des Verstandes 12 .
1. Der Autarkiegedanke bei Platon, Staat
Platon, den man wohl als Sokrates' Meisterschüler bezeichnen könnte, veröffentlichte sein Werk "Der Staat" wohl in den 370er Jahren v.C., zu einem Zeitpunkt, an dem sein Meister schon um die 20 Jahre tot war. Trotzdem ließ Platon in der "Politeia" Sokrates auferstehen und sprechen. Sokrates vertrat Zeit seines Lebens die Auffassung, dass sich Menschen durch eine Erziehung, welche die Weisheit zum Ziel hat, bessern. Jedoch müsse auf dem Weg zur Weisheit auch die Selbsterkenntnis erreicht werden, nur so könne sich auch das Gemeinwesen in der Polis zum Positiven hin verändern 13 .
Platon legte die Zurückhaltung Sokrates' ab, entwickelte ein eigenes Polisprogramm und mischte sich in staatliche Debatten von Athen und Syrakus ein. Er wählte also den Betrach- tungswinkel von oben, jenen als aktiver Gestalter in der Nachfolge Solons und verließ somit den Boden der sokratischen Gesprächs- und Überzeugungskultur. Laut Karl Popper war dies Platons Sünde, denn er hätte Philosophie nutzen wollen, um daraus eine Staatslehre zu konzi- pieren. Da Platon also die unschuldigen Sphären des sokratischen Dialoges verlassen hätte,
11
Patt 2002, S. 15–16
12
Patt 2002, S. 30–32 Brenner, Xaver (1996): Platon und der Staat. Herausgegeben von Xaver Brenner. Online verfügbar unter http://www.xaverbrenner.de/assets/pdf/platon_staat1996.pdf, zuletzt geprüft am 03.04.2008, S. 1
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Christian Hauck, 2008, Die Polis als abgeschlossene Einheit - Der Autarkiegedanke bei Platon, Staat und Aristoteles, Politik, Munich, GRIN Publishing GmbH
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