Die Abkürzungen der Substantive gelten in allen Fällen (Nominativ, Genitiv, Dativ, Akkusativ). Anm. Anmerkung B Berater/-in (Singular, in allen Fällen) BB Berater/-innen (Plural, in allen Fällen) bes. besonders BKA Bundeskriminalamt BRD Bundesrepublik Deutschland bzgl. bezüglich bzw. beziehungsweise DGS Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention evtl. eventuell f. folgende ggf. gegebenenfalls i. A. im Allgemeinen i. d. R. in der Regel J Jugendliche/r/n (Singular) JJ Jugendliche/n (Plural) LKH Landeskrankenhaus o. A. ohne Angabe o. g. oben genannt/e/en/er S Suizid/s (Singular) s. siehe S. Seite sog. sogenannt/e/er/es/em Ss Suizide/n (Plural) s. u. siehe unten u. a. und andere usw. und so weiter vgl. vergleiche WHO World Health Organization/Weltgesundheitsorganisation z. B. zum Beispiel
2
In der Schule - ich bin Lehrerin an einem Gymnasium - vergeht kein Monat, in dem mir nicht ein/e Schüler/in in den Blick gerät, bei dem/der ich mehr oder minder akute Suizidalität vermute: in Gedichten mit extremen Todesfantasien, wenn je-mand über Wochen hinweg den inneren und äußeren Rückzug vollzieht und kein Lachen mehr über das Gesicht huscht, in Bildern, z. B. mit einer Trauerweide und einem Kreuz, wenn ich höre, dass sich eine Schülerin täglich stundenlang Gothicsongs „reinzieht“ mit extrem düsteren, depressiven Texten, von Hinweisen auf psychische Erkrankungen ganz abgesehen. Und jedes Mal, beim Versuch „aufsuchender Seelsorge“, bei ersten Beratungsgesprächen, bei Begleitungen, die teilweise bis zu drei Jahren dauern, stellen sich mir Fragen. Auf diese Fragen versuche ich, mit dieser Arbeit eine Antwort zu bekommen, und vielleicht auch anderen zu geben:
Was schleppen Kinder oder JJ (Jugendliche), die am Anfang ihres Lebens stehen, mit sich herum, dass ihre Lebensflamme zu erlöschen droht, bevor die Kerze abgebrannt ist? Was sind das für Bürden, für Hypotheken, die so schwer wiegen, dass sie sie nicht mehr tragen können?
Wie gehe ich mit meinen eigenen Werten - es kaum ertragen zu können, dass je-mand (so früh) aufgibt, ohne viele mögliche Wege überhaupt ausprobiert zu haben, mit gleichzeitigem Respekt vor der individuellen, subjektiven Sichtweise jedes/r Einzelnen, seines/ihres Lebensentwurfs - im Gespräch um? Das beginnt schon bei der Frage: Benutze ich den von mir präferierten Begriff des S (Suizids), den ich als wertneutral empfinde, bei dem ich aber auch feststelle, dass Schüler/ -innen manchmal aufhorchen, weil sie den Begriff zwar passiv kennen, aber nicht aktiv gebrauchen? Oder übernehme ich ihren Sprachjargon, in dem es fast immer „Selbstmord“, “mich umbringen“ heißt?
Ist es „normal“, dass ich es als beratende Lehrerin mit so vielen suizidalen JJ zu tun bekomme - ein typisches Phänomen? Trend der heutigen Jugend mit ihren vielfältigen gesellschaftlichen Anforderungen - und manchmal auch Überforderungen?
Gibt es so etwas wie einen schleichenden S, z. B. wenn eine Schülerin als Diabetikerin ihre Werte immer zu manipulieren versucht oder als Magersüchtige immer
3
wieder mit der Gewichtsgrenze „spielt“, die der/die behandelnde Arzt/Ärztin als Grenze für eine Klinikeinweisung vorgab?
Es kommt vor, dass nach wochenlangem Klinikaufenthalt die ersten und einzigen Suizidversuche unternommen werden. Warum helfen die Therapien und Klinikaufenthalte manchmal nicht weiter bezüglich einer Stärkung des Lebenswillens und sonstiger Symptomatik? Welchen Einfluss haben psychische Erkrankungen auf die Suizidalität? Ist eine psychosomatische Symptomatik (z. B. Übergeben) oder ein Ritzen vielleicht sogar als (Über-)Lebenswille zu deuten (Ausagieren eines Kampfes gegen das, was im Leben schief läuft, was nicht auszuhalten ist)? Wie kann ich den Druck, unter dem Suizidale stehen, verringern helfen, und vor allem nicht verstärken? Ist es richtig, die JJ immer mit „Glacéhandschuhen“ anzufassen? Hat die Möglichkeit, jederzeit per Mail und/oder Telefon erreichbar zu sein, effektiv die ihr von mir zugeschriebene Ventilfunktion? Überfordere ich manchmal JJ mit meinen Fragen oder Aussagen? Gehe ich verantwortlich genug mit meinen eigenen Grenzen und Bedürfnissen um? Wenn sich ein/e J im Kontext einer Beratung von mir tatsächlich einmal das Leben nehmen würde, was bräuchte ich dann noch mehr an Rückendeckung, um mir gegenüber zu „bestehen“, und wie sähe dann die juristische Situation aus? Welche Funktion hat meine Beratung im Kontext fehlender oder vorhandener therapeutischer Begleitung und anstehender, bestehender oder erfolgter Klinikaufenthalte? Kann ich die Belastung und Verantwortung, die ich jedes Mal spüre, wenn ich jemand begleite, minimieren durch besseres theoretisches Knowhow?
Aus der Vielzahl dieser offenen Fragen müsste die Arbeit auf viele Themenbereiche fundamental eingehen: S, JJ und deren Entwicklungsaufgaben, Schule, Krise, Krisenintervention, Prävention. Es ist offensichtlich, dass vieles nur angerissen werden kann, viele Einschränkungen vorgenommen werden müssen. Folgende Inhalte überschneiden sich mit Aspekten des Themas und werden, auch auf Grund des gebotenen Rahmens, ausgeschlossen:
Suizidarten, die in ihrer Definition, Abgrenzung und Eigenart im Jugendalter kaum vorkommen und daher für das Verständnis der Suizidalität JJ und den Umgang damit kaum relevant sein dürften (Doppelsuizid, Massensuizid, erweiterter Suizid, Opfersuizid, Bilanzsuizid) 1 ,
4
eine Vertiefung von Erklärungsmodellen der Suizidalität, da diese vor allem für therapeutisches Handeln wichtig sind (hier werden nur Elemente extrahiert, die für einen sensiblen Umgang mit suizidalen JJ von Bedeutung sein könnten), die Kindheitsphase 2 ,
die Jugendphase 3 außerhalb des schulischen Bereichs der weiterführenden Schulen (also z. B. im Ausbildungsbereich mit beruflichen Anforderungen), eine Reflexion der medialen Einflussfaktoren im Allgemeinen und der Kommunikationsstrukturen und Werte, die sich daraus für die Entwicklungsphase der Adoleszenz ergeben,
der Zusammenhang zwischen psychischen Störungen oder anderen Auffälligkeiten wie z. B. das in der Praxis vermehrt auftauchende Selbstverletzende Verhalten 4 und Suizidalität,
der Umgang mit JJ, die bereits einen Suizidversuch unternahmen, der Umgang mit JJ, in deren Umfeld jemand einen Suizid oder Suizidversuch unternahm,
die therapeutische und ärztliche Krisenintervention (da sie außerhalb der Beratungsfunktion anzusiedeln ist),
allgemein präventive Aufgaben einer Schule - auch in anderen Bereichen, die sich mit dem Thema Suizidalität überschneiden (z. B. Wiedereingliederung bei psychischer Erkrankung und längeren Fehlzeiten),
die Anforderungen an die Aus-, Weiterbildung und Supervision von BB, die sich aus den konzeptionellen Bausteinen einer Suizidprävention ergeben.
5
Zunächst möchte ich aber - unkommentiert - betroffene JJ, die ich über Jahre hinweg begleitete, sprechen lassen 5 . [An dieser Stelle wurden dem Original der Hausarbeit nur drei Zitate entnommen, um die betroffenen Jugendlichen im Rahmen einer breiteren Publikation nicht auf Grund stilistisch für sie typischer Formulierungen und Schreibweisen erkennbar zu machen.] Diesen [Jugendlichen] widme ich diese Arbeit.
Inhaltsverzeichnis
Seiten
1 Einleitung 10
2 Begriffliche Abgrenzungen 11
2.1 Der Suizid und begriffliche Alternativen 11
2.2 Begrifflichkeiten rund um den Suizid 12
2.3 Arten suizidaler Handlungen 13
3 Epidemiologie 14
3.1 Die Situation in Deutschland 14
3.2 Risikofaktoren - Risikogruppen 15
3.3 Suizidmethoden 16
3.4 Die Situation der Jugendlichen 17
3.5 Geschlechtsspezifische Unterschiede 18
4 Theoretische Ansätze zur Erklärung, Erkennung und
Einsch ätzung der Suizidalität 19
4.1 Erklärungsansätze von Suizidalität 19
4.1.1 Praxisrelevante Elemente aus Entstehungstheorien zur Suizidalität 20
4.1.2 Zusammenhang zwischen psychischen Störungen und Suizidalität 21
4.2 Erkennen und Einschätzen der Suizidalität/des Suizidrisikos 21
4.2.1 Die suizidale Entwicklung 22
4.2.2 Das Präsuizidale Syndrom (Ringel) 23
4.2.3 Suizidmotive 25
4.2.4 Symptome/Warnhinweise 26
5 Psychosoziale Krisen im Jugendalter 27
5.1 Krisenbegriff: Die psychosoziale Krise und die suizidale Krise 27
5.2 Krisenarten: Veränderungskrisen, traumatische Krisen und
chronifizierte Krisen 28
5.3 Entwicklungsbedingte Krisen bei Jugendlichen 30
5.4 Familiär bedingte Krisen 32
5.5 Peergroupbedingte Krisen 33
5.6 Schulisch bedingte Krisen 33
5.7 Medial bedingte Krisen am Beispiel Suizidforen im Internet 34
7
Folgende Fragestellungen versucht die vorliegende Arbeit zu beantworten: 1. Welches sind die Konnotationen der unterschiedlichen Begriffe um den S herum und was wird durch deren Gebrauch jeweils ausgelöst? ( Kapitel 2) 2. Gibt es einen qualitativen Unterschied zwischen einem Suizidversuch und einem S (Suizid) bezüglich der Beweggründe und der Problemlage des/der J? ( Kapitel 2 & 3)
3. Wie oft kommt ein S in Deutschland vor, insbesondere bei Jugendlichen? ( Kapitel 3)
4. Gibt es hinsichtlich der Suizidursachen und -methoden Unterschiede zwischen Frauen/Mädchen und Männern/Jungen und zwischen Erwachsenen und JJ? ( Kapitel 3)
( Kapitel 7)
9. Wie ist mit suizidal gefährdeten JJ umzugehen, welche Fragen sind sinnvoll, welches Verhalten sollte absolut vermieden werden? ( Kapitel 7)
tel 7)
13. Wie kann Suizidprävention an Schulen aussehen? ( Kapitel 8)
In dieser Arbeit werden mehrere Bereiche berührt, die in der Fachwelt erst seit einigen Jahren verstärkte Aufmerksamkeit erfahren, ohne dass fachlich fundierte, in der Praxis erprobte und durch Studien überprüfte Konzepte vorliegen: eine kritische Sichtung der Medienlandschaft am Beispiel Suizidforen im Internet (die Universität Köln machte eine Umfrage zu einem Suizidforum, die Universität Bremen arbeitet seit 2002 an einer umfassenderen Studie 6 ),
10
geeignete Konzepte für die Suizidprävention an der Schule (Suizidprävention in anderen Bereichen - z. B. Kriseninterventionsteams, Beratungsstellen wie auch Schulpsychologische Dienste - hat sich in den letzten beiden Jahrzehnten sehr entwickelt. Für die Schule sollen Bausteine für die Erstellung eines Konzepts das Resultat der Arbeit sein.),
die Frage einer möglichen Übertragung von Selbsthilfegruppen auf Suizidale in Deutschland, und noch mehr auf den schulischen Bereich.
Ziel der Arbeit soll es sein, einen Überblick über die in der Psychologie vorliegenden Erkenntnisse zur Suizidalität JJ zu verschaffen, BB eine Reflexionsfolie für den Umgang mit suizidalen JJ zu bieten und Bausteine für eine adäquate Suizidprävention an Schulen zu entwickeln.
Im Volksmund stehen die Begriffe Suizid, Selbsttötung und Selbstmord oft undifferenziert nebeneinander. Da für den Umgang mit JJ ein reflektierter Umgang mit den Begriffen von Bedeutung ist - sie haben ja auch ihre Wirkung -, soll hier zunächst eine Definition des S in Abgrenzung zu alternativen Begriffen vorangestellt werden.
Suizid als Begriff romanischen Ursprungs kommt aus dem Lateinischen („suicidium“ = Selbsttötung, bekannt ist auch die Ableitung von „sua manu caedere“ = sich mit eigener Hand fällen) und ist als Begriff wertneutral 7 . Folgende Begriffsdefinition soll für die Verwendung des Begriffs innerhalb dieser Arbeit die Grundlage bilden:
Selbsttötung als Begriff germanischen Ursprungs wird synonym verwendet und ist der Terminus, der im Strafgesetzbuch der BRD verwendet wird. Die Tötung wird - allgemein verständlich - mit benannt, aber ohne (Ab-)Wertung, während beim Begriff Selbstmord eine moralische Bewertung vorgenommen wird, da der Zusammenhang zu Mord hergestellt wird 9 .
11
An der Frage, ob es eine „freie“ Willensentscheidung zum S geben kann, entfachen sich sehr kontrovers geführte Diskussionen; Befürworter schließen sich z. T. der Begrifflichkeit Jean Amérys 10 an, der von Freitod sprach im Sinne eines frei gewählten S als freier menschlicher Wahlmöglichkeit zwischen Leben und Tod, als höchster Form menschlichen Seins, als Ausdruck sogar der absoluten Individualität und Identität 11 . Da diese Freiheit in den meisten Fällen eingeschränkt ist - die Ressourcen (z. B. Gesundheit und soziale Eingebundenheit, Freiheit) sind verloren gegangen -, wird diese Form der Beschreibung des S von den meisten Wissenschaftlern/-innen abgelehnt 12 . Das trifft auch auf den Bilanzsuizid zu, bei dem jemand ein Fazit aus seinem gesamten Leben bzw. seiner als ausweglos erscheinenden Situation zieht und sich auf Grund dessen für einen S entscheidet. 13
Während in Bezug auf den S noch Einigkeit bezüglich der begrifflichen Abgrenzungen besteht, gibt es hinsichtlich des Zustands vor dem Ausführen des S - der Suizidalität - sehr unterschiedliche Konnotationen. Daher ist eine genaue Definition unumgänglich.
Das Adjektiv bzw. Adverb suizidal und das Substantiv der/die Suizidale (als Akteur des Geschehens) sind entsprechend abgeleitete Begriffe. Inwieweit es zu einer suizidalen Handlung kommt, spielt also für die hier vorgenommene Definition keine Rolle. Alternativ wird auch der Begriff Suizidant bzw. Suizident verwandt, wobei dieser oft (aber nicht immer) eingegrenzt wird auf den-/diejenige/n, der/die tatsächlich eine suizidale Handlung begeht. Im Folgenden gilt die Begriffsdefinition:
Als suizidal gilt für Suizidologen nicht nur derjenige, der seinem Leben wissentlich und bewusst, z. B. durch Tabletteneinnahme oder Erschießen, ein Ende setzen will (aktiv), sondern auch jemand, der sich schleichend das Leben nimmt, z. B. die Diabetikerin, die es mit dem Insulin nicht so genau nimmt und sich über Diätvorschriften immer wieder hinweg setzt oder der Alkoholiker, der keine Hilfe sucht (passiv). Es handelt sich um einen „unterschwellig intendierten Tod“ 15 .
Bei JJ kommen folgende Arten suizidalen Handlungen vor:
der Imitationssuizid, eine suizidale Nachfolgehandlung (S auf Grund einesggf. idealisierten - Vorbilds), 17
der Kurzschlusssuizid, der spätestens sechs Stunden nach einer akuten Krise begangen wird,
der chronische Suizid in Form eines lang anhaltenden selbstschädigenden Verhaltens 18 , oder (hier gibt es unterschiedliche Konnotationen) in Form des Auftretens zweier oder mehrerer suizidaler Krisen (Ankündigungen, Suizidversuche) in engem zeitlichem Zusammenhang 19 .
Beim Suizidversuch ist der tödliche Ausgang zwar nicht gegeben, dasselbe Ziel wurde allerdings verfolgt:
Nicht immer ist zu unterscheiden, ob der/die Suizident/-in seine/ihre Tat „nur“ als Suizidversuch geplant hatte oder ob der S ungeplant nicht vollendet wurde, z. B. weil er zu früh gefunden wurde, weil die Suizidmethode für das Erreichen des Tötungsziels nicht adäquat war oder weil der Suizidversuch unvorhergesehen abgebrochen wurde. 21
Der Begriff des Parasuizids wird in Abgrenzung zum Suizidversuch sehr unterschiedlich gebraucht. In der Regel unterscheiden sich die Definitionen danach, ob Tötungsabsicht vorlag oder nicht 22 . Manche unterscheiden aber auf Grund des
13
Appellcharakters (Hilferuf, Kommunikationsappell), wiederum andere verwenden die Begriffe synonym 23 .
Da Parasuizidalität (Suizidalität ohne tödliche Absicht) letztlich von Suizidalität nicht verlässlich unterschieden werden kann 25 , wird im Folgenden grundsätzlich der Begriff der Suizidalität verwendet.
Für die Beratungspraxis und einen menschenwürdigen Umgang mit dem/der Betroffenen ist die Fragestellung der Intensität der Tötungsabsicht irrelevant, denn für ihn/sie ist die Sache „tod-ernst“ und jeder noch so unernst wirkende Suizidversuch kann mit einem vollendeten S enden. 26 Campbell betont:
In Deutschland begingen 2006 nach Angabe des Statistischen Bundesamtes (s. Skizze im Anhang I) 9.765 Menschen (2.540 Frauen, 7.225 Männer) S. 28 Diese Zahlen sind deutlich höher als die der Verkehrstoten (2006: 5174) 29 .
Ca. 50 % derer, die S begehen, haben vorher einen Suizidversuch unternommen 30 .
Zahlen sind relativ. Die Schätzung der Ss hängt vor allem ab von zwei Faktoren: amtliche Zertifikate (Leichenschauscheine): Ca. 75 bis 90 % der als „unbestimmte Todesursache“ deklarierten Fälle dürften Ss sein, und auch hinter Unfällen oder anderen Todesfällen verbergen sich oft Ss; bei genauerer Klärung der Todesursachen würde die Suizidrate wahrscheinlich um das Doppelte steigen 31 ,
14
Weitergabe der Daten: Oft wird der S vertuscht - aus Scham, wegen Schuldgefühlen, Verdrängung, z. T. auch aus versicherungstechnischen Gründen oder zur Vermeidung einer Stigmatisierung durch andere 32 . Entsprechend gibt es eine große Dunkelziffer. Bei Suizidversuchen ist das noch schwieriger, da eine Weitergabe der Daten - auch nur zu statistischen Zweckenaus datenschutzrechtlichen Gründen nicht mehr möglich ist und Schätzungen auf wissenschaftlichen Studien beruhen. 33
Erstaunlich ist im internationalen Vergleich 35 , dass die quantitativen Verhältnissez. B. zwischen den Geschlechtern, zwischen bestimmten Krankheiten und S, zwischen dem Verhältnis der Ss zu den Suizidversuchen, relativ konstant sind 36 .
Die WHO geht davon aus, dass 2005 allein in Deutschland 600.000 bis 1,2 Millionen Menschen (insbesondere Eltern, Groß-, Geschwister, Freunde/-innen) direkt oder indirekt von einem S oder einem Suizidversuch „in höchstem Maße“ betroffen waren. 37
Aus den statistischen Daten und den jeweils bekannten äußerlich feststellbaren Faktoren, die suizidalen Handlungen vorausgingen, werden weltweit Risikofaktoren und entsprechende Risikogruppen abgeleitet: Männer bezüglich eines S (zwei- bis dreimal so häufig wie Frauen) 38 , Frauen bezüglich eines Suizidversuchs (zwei- bis dreimal so häufig wie Männer) 39 , ältere Menschen 40 ,
jüngere Menschen (unter 35 Jahren) bezüglich eines Suizidversuchs 41 , Menschen mit mangelnder sozialer Einbindung (Alleinstehende, Vereinsamte, Flüchtlinge, Umzug) 42 ,
Menschen mit einem kürzlich zurückliegenden Verlusterlebnis (z. B. Tod einer geliebten Person) 43 ,
Menschen in sozialer Notlage (z. B. Arbeitslosigkeit) 44 , Vorhandensein von Schusswaffen im Haushalt (in den USA in 60% der Fälle) 45 ,
15
Ss oder Suizidversuche im Umfeld, z. B. in der Familie, Ss oder Suizidversuche in der eigenen Vorgeschichte 46 , Menschen mit körperlichen Erkrankungen (z. B. Aids, MS), besonders wenn sie chronisch, schmerzvoll oder mit Insomnie verbunden sind, wenn keine Heilungschancen bestehen und die Erkrankung im Endstadium ist 47 , Menschen mit psychopathologischen Symptomen wie gestörte Impulskontrolle, gestörter Realitätssinn, Selbstwertkrisen, paranoide Verfolgungsgefühle oder z. B. imperative Stimmen zum Vollzug suizidaler Handlungen, und Erkrankungen 48 (vgl. Kapitel 4.3),
Menschen in emotionalen Krisen, in traumatisierenden Situationen und Veränderungskrisen 49 (s. Kapitel 6),
Menschen mit suizidalem Verhalten, z. B. entsprechenden Plänen und Vorkehrungen, oder wenn plötzlich ein Testament oder Abschiedsbrief(e) geschrieben werden 50 .
Bezüglich der Jahreszeit, des Wohnorts, der Religionszugehörigkeit und der sozialen Schicht gibt es unterschiedliche Studienergebnisse. 51 Eine Kombination mehrerer Faktoren (Beispiel: soziale Isolation, Tod eines/r Nahestehenden, chronische Krankheit) erhöht entsprechend das Suizidrisiko. Wichtig ist aber:
Es wird in der Literatur nach „harten und „weichen“ Methoden unterschieden, je nachdem wie gefährlich die Suizidmethode ist, wobei die objektive Gefährlichkeit nicht mit der subjektiven übereinstimmen muss 52 . Z. T. ist eine Einordnung schwierig, z. B. hängt beim Ertrinken die Einordnung davon ab, ob jemand von sich aus ins Wasser geht oder sich mit einem beschwerenden Gegenstand in einen tiefen Fluss stürzt. Genauso kann eine Überdosis an Tabletten lebensbedrohlich sein oder nicht.
16
Eine Häufung von sog. harten Methoden ist bei suizidalen Handlungen mit Todesfolge festzustellen; „weiche“ Methoden überwiegen bei den Suizidversuchen. Erhängen ist in Deutschland die am häufigsten angewandte Suizidmethode (2006 mehr als 50 % der Männer und fast 30 % der Frauen) 53 . Bei den Suizidversuchen überwiegt als Methode die Vergiftung durch Überdosis unterschiedlicher Medikamente: 2005 griffen nach Schätzungen 78 % der Frauen und 61 % der Männer, die einen Suizidversuch unternahm, zu Tabletten. 54 Bei Parasuiziden wird die Zahl von Wedler sogar auf 90 % geschätzt 55 . Als Tabletten werden laut Poustka Schlaf-, Beruhigungs- und Schmerzmittel eingenommen 56 . Als Chemikalien werden zur Intoxikation z.B. Nagellackentferner, Shampoo, Putzmittel und Pestizide benutzt 57 . Schwere Alkoholintoxikationen können bei dem z. Z. bei JJ zunehmenden „Koma-Saufen“ eintreten.
Nach Angabe des Statistischen Bundesamtes in Deutschland unternahmen 2006 229 Jugendliche zwischen 10 und unter 20 Jahren (Alter der weiterführenden Schulen) einen S (53 Mädchen/junge Frauen, 176 Jungen/junge Männer). Auch hier war Erhängen/Strangulieren die häufigste Todesursache, aber auffällig ist, dass an zweiter Stelle das Sich-Werfen vor ein sich bewegendes Objekt steht (13
17
Mädchen, 35 Jungen sind so gestorben), und dass sich auch viele in die Tiefe stürzten (6 Mädchen, 25 Jungen). 59
S ist (genauso wie bei Erwachsenen) die zweithäufigste Todesursache in der frühen und späten Adoleszenz bei beiden Geschlechtern 60 . Wedler geht davon aus, dass es in der Altersgruppe der Kinder und JJ eine noch größere Verschleierungstendenz von suizidalen Handlungen gibt als in der Allgemeinbevölkerung 61 . Suizidversuche sind um ein Mehrfaches häufiger als bei Erwachsenen 62 . Etwa 7 bis 8 % der Jungen, 10 bis 13 % der Mädchen unternehmen in dieser Lebensphase einen Suizidversuch - Tendenz steigend 63 -, die Pubertät stellt damit einen „lebenszeitlichen Gipfel“ des Suizidversuchs dar 64 . Eine Zunahme suizidaler Fantasien und Gedanken (ca. 30 bis 40 %) bei JJ wird ebenfalls angenommen 65 .
Homosexuelle haben eine zwei- bis sechsmal höhere Suizidrate, besonders in der Adoleszenz 66 . Ursache ist dann oft, dass zur Homosexualität ein Mangel an Konformität, ein frühes Bewusstwerden der Homosexualität, Stress, Gewalterfahrungen, mangelnde Unterstützung, Schulverweis, Familienprobleme, „broken home“, Drogenmissbrauch und/oder weitere Risikofaktoren hinzukommen 67 .
Manche erklären sich die höhere Suizidrate bei Männern dadurch, dass diese meistens zu den harten Methoden greifen, bei denen eine Überlebenschance praktisch ausgeschlossen ist, während viele Mädchen Tabletten einnehmen, bei denen die suizidale Handlung oft nicht tödlich ausgeht 68 . Berger führt in Bezug auf männliche JJ zusätzlich die Erklärung an, dass sie eher dazu neigen, innere Verwirrung und Verzweiflung geheim zu halten, aus Scham, und selten das Bedürfnis nach Ruhe äußern 69 .
Das Verhältnis von S zu Suizidversuch beträgt nach Berger bei männlichen JJ ca. 1:10, bei weiblichen dagegen liegt es mit 1:40 doppelt so hoch wie in der Allgemeinbevölkerung 70 .
Arbeit zitieren:
Chantal Cordier, 2008, Umgang mit Jugendlichen bei Verdacht auf Suizidalität im Kontext schulischer Beratung, München, GRIN Verlag GmbH
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