2
1. FRAGESTELLUNG UND VORGANGSWEISE. 3
2. MIGRATIONSFORSCHUNG UND GESCHLECHT. 3
2.1. WEIBLICHE ABSENZ IN MIGRATIONSSTUDIEN. 3
2.2. WEIBLICHE IMMOBILITÄT? 6
2.3. FRAUEN ALS MITGENOMMENE ODER ZURÜCKBLEIBENDE. 8
2.4. FEMINISTISCHE MIGRATIONSFORSCHUNG 10
3. MIGRATIONSVERHALTEN VON FRAUEN. 13
3.1. GESCHLECHTERVERTEILUNG IN DER INTERNATIONALEN MIGRATION. 13
3.2. PATRIARCHALE STRUKTUREN IN DER INTERNATIONALEN MIGRATION 14
3.2.1. Frauen als Billigarbeitskräfte. 15
3.2.2. Differente Geschlechterbeziehungen an Herkunfts- und Zielorten. 15
3.2.3. Spezifische Migrationsbedingungen für Frauen. 17
4. SCHLUSSBEMERKUNGEN 18
5. LITERATUR 20
3
1. Fragestellung und Vorgangsweise
Das Thema „weibliche Migration“ scheint mir deshalb interessant, weil Frauen in diesem Zusammenhang meist nur als Mitziehende oder Zurückbleibende wahrgenommen werden, nicht als selbständig Wandernde.
„Zusammengefasst ist zu sagen, dass Frauen in der Literatur zur internationalen Migration lange Zeit entweder gar nicht, nur schemenhaft oder zu Objekten verzerrt auftauchen. Tatsächlich spielen Frauen in der internationalen Migration jedoch eine sehr aktive Rolle.“ 1
Ich möchte versuchen, einen Überblick über die Problematik der weiblichen Migrationsforschung zu geben. Dabei werde ich vor allem darauf eingehen, warum bis vor kurzem Frauen als Wandernde in der Literatur kaum vorgekommen sind. Dann werde ich die Entstehung einer feministischen Migrationsforschung nachzeichnen. Anschließend werde ich kurz die wichtigsten Themenfelder feministischer Migrationsforschung der Gegenwart zusammenfassen.
2. Migrationsforschung und Geschlecht
2.1. Weibliche Absenz in Migrationsstudien
„Seit Anfang der 1980er Jahre wird in der Migrationsforschung von Wissenschafterinnen immer wieder darauf aufmerksam gemacht, dass Frauen in Migrationsstudien nicht vorkommen [...] Gleichzeitig haben diese Forscherinnen eingefordert, den Blick auf weibliche Wanderungswege, auf die spezifischen Lebens-und Arbeitsbedingungen von Frauen in deren Herkunftsgebieten ebenso wie in [sic!] ihren Ankunftsorten zu lenken, oder, allgemeiner formuliert, neben den Aspekten der
1 Aus: Aufhauser, Elisabeth: Migration und Geschlecht: Zur Konstruktion und Rekonstruktion von Weiblichkeit und Männlichkeit in der internationalen Migration, in: Husa, Karl; Parnreiter, Christof; Stacher, Irene (Hg.): Internationale Migration. Die globale Herausforderung des 21. Jahrhunderts?, Brandes & Apsel/Südwind, Frankfurt am Main/Wien, 2000, S. 99
4
Klasse und Ethnizität auch das Geschlecht in die Migrationsforschung mit einzubeziehen.“ 2
Dabei ist es tatsächlich so, dass im Verlauf der Nachkriegszeit knapp die Hälfte aller legalen und illegalen MigrantInnen Frauen sind (United Nations, 1995). In mehr als hundert Jahren Migrationsforschung kommen Frauen aber nur selten als Untersuchungsobjekte vor. Und wenn, dann nur als Abhängige in Zusammenhang mit männlicher Wanderung. Die Gründe dafür sind vielfältig.
Die wichtigsten Quellen der Migrationsforschung sind staatliche Statistiken und Meldedaten. Diese Statistiken wurden lange Zeit als objektiv gesehen und nicht weiter hinterfragt. Dabei wurde übersehen, dass Melderegister und Wanderungsstatistiken immer aus spezifischen politischen und subjektiven Interessen und Absichten heraus entstehen. Was und wer als „erfassenswert“ definiert wird, hängt vom spezifischen Selbstbild einer Gesellschaft zu einer bestimmten Zeit ab. 3
So diente das Konskriptionswesen in der Habsburgermonarchie im ausgehenden 18. und der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor allem militärischen Zwecken. Es sollte männliche, militärpflichtige Personen erfassen. Darum kamen weibliche sowie zum Militärdienst von vornherein ungeeignete Personen (z.B. „Ausländer“) kaum darin vor. „Wird von internationaler Migration gesprochen, so tauchen Bilder von jungen Männern auf, die sich, getrieben von ungünstigen Erwerbschancen und Abenteuerlust und unter Berufung auf die männliche Clique, alleine auf den Weg in Richtung
2 Aus: Hahn, Sylvia: Wie Frauen in der Migrationsgeschichte verloren gingen, in: Husa, Karl; Parnreiter, Christof; Stacher, Irene (Hg.): Internationale Migration. Die globale Herausforderung des 21. Jahrhunderts?, Brandes & Apsel/Südwind, Frankfurt am Main/Wien, 2000, S. 77
3 „Diese Klassifikationskriterien waren [...] das Resultat politischer Ansichten und subjektiver Interessen und spiegeln damit indirekt das Bild wider, das die jeweiligen Zeitgenossen von ihrer eigenen Gesellschaft hatten. Dadurch kam es zu Aussparungen und Ausblendungen von ganzen Teilen dieser Gesellschaft. Um dies mit einem markanten Beispiel zu illustrieren: Obwohl es in Paris eine große Zahl von Frauen gab, die sich als Prostituierte ihren Erwerb sichern mussten, scheint dieser Erwerbszweig in den überlieferten Statistiken nicht auf. Gerade Prostitution war und ist (teilweise bis heute) ein Erwerbsbereich, den es zwar de facto gibt, der jedoch in den amtlichen Statistiken ausgeblendet wird. Da diese Frauen und ihre Erwerbstätigkeit nicht in das „Gesamtkonzept“ der Gesellschaft passen (und passten), fanden und finden sie nicht einmal als Zahlen einen Niederschlag.“, aus: Hahn: Wie Frauen in der Migrationsgeschichte verloren gingen, S. 79
5
besseres Leben machen. So oder so ähnlich sieht jenes Bild aus, das in den Forschungen zur internationalen Migration explizit oder implizit gezeichnet wird.“ 4 Rudolf Heberle erstellte in den 1950er Jahren erstmals eine „Typologie der Wanderungen“. Dabei untersuchte er zusätzlich zu den „üblichen“ Kriterien der Richtung, der Entfernung und der Aufenthaltsdauer auch die Unterschiede der sozio-kulturellen Systeme der Herkunfts- und der Zielgesellschaften sowie die sozialen Beziehungen der Wandernden. Sein Ziel war es, Migranten (die männliche Form ist Absicht) in ihrer Eingebundenheit in verschiedene Sozialsysteme und nicht als „isolierte Atome“ zu betrachten.
Doch dabei bleibt die jeweilige soziale Umgebung der Wandernden eine fast ausschließlich männliche. Als Beispiele führt Heberle die saisonwandernden Hirten, die Angelsachsen und Wikinger, die Kaufleute des Mittelalters und die wandernden Gesellen an. Frauen werden ausschließlich als Ehefrauen erwähnt.
In den 1970er Jahren sieht Wolfgang Köllmann Migration als Versuch des wirtschaftlichen Ausgleichs. Danach ist für Wanderungen die Aussicht auf eine bessere wirtschaftliche Lage am Zielort ausschlaggebend. Auch bei Köllmann werden Frauen einzig als „mitziehende Ehefrauen“ oder „zwecks Heirat nachgeholte Bräute“ genannt. Negiert werden dabei wiederum einerseits die alleine wandernden Frauen als auch deren Mitwirkung an der Entscheidung zur Familienwanderung.
Ebenso verhält es sich 1972 bei Frank Thistlethwaites Studien zur europäischen Überseewanderung des 19. und 20. Jahrhunderts und in den 1980er Jahren bei D. Langewiesche und F. Lenger. Und das, obwohl es seit den 1970er Jahren mehrere ausführliche Studien zu den weiblichen Dienstboten und deren Herkunft gibt. 5 „Ausgehend von Heberle über Köllmann bis hin zu „jüngeren“ Autoren wird, ganz in Anlehnung an die patriarchalisch geprägten (Familien-) Bilder, der Mann als der für Nahrung sorgende definiert, wofür er bereit ist, die Heimat zu verlassen und in die
4 Aus: Aufhauser: Migration und Geschlecht: Zur Konstruktion und Rekonstruktion von Weiblichkeit und Männlichkeit in der internationalen Migration, S. 97
5 Vgl.: Engelsing 1973, Ottmüller 1978, Walser 1986, Wierling 1987, Higgs 1987; in: Hahn: Wie Frauen in der Migrationsgeschichte verloren gingen, S. 92 ff.
6
Fremde zu ziehen. Im Gegensatz dazu wird die Frau als das immobile, passive, zu Hause auf den männlichen Familienernährer wartende Individuum beschrieben. Von beiden Autoren werden traditionelle geschlechtsspezifische Dichotomien 6 und rollenspezifische Stereotype reproduziert, und das, obwohl die zu diesem Zeitpunkt bereits zahlreich vorhandenen Daten eine deutlich andere Schlussfolgerung und Interpretation zulassen würden. [...] Frauen scheinen zwar zahlenmäßig als Migrantinnen in einem großen Ausmaß auf, trotz allem bleibt der [Hervorhebung von der Autorin selbst] Wanderer der Mann.“ 7
2.2. Weibliche Immobilität?
Das generiert den Eindruck, dass Frauen generell immobil seien.
„So stellte Gustav Schimmer [im Jahre 1872; Anmerkung von mir] fest, „dass die [in der Beweglichkeit der männlichen einheimischen Bevölkerung
Habsburgermonarchie; Anmerkung von mir] schon früher eine stärkere war, während das weibliche Geschlecht mehr in der Heimat verweilte“ (Schimmer 1872: 70) 8 . Und: „Nach Geschlechtern ist die Beweglichkeit der einheimischen Bevölkerung nicht gleich, sondern das männliche seiner Natur nach weit mehr geneigt, die Heimat zu verlassen und anderwärts Erwerb zu suchen, als das weibliche,“ (ebd.: 69) Betrachtet man allerdings die beigefügten statistischen Tabellen, so zeigt sich, dass zwischen Männern und Frauen nur ein ganz geringer prozentualer Unterschied auszumachen ist [...] Die prozentual höchsten Unterschiede betrugen drei bzw. vier Prozentpunkte.“ 9
6 Die Dichotomie Öffentlichkeit/Privatheit hat lange Tradition. Die soziale Spaltung der Gesellschaft in Öffentlich und Privat weist der Frau den „unsichtbaren“ Bereich der Privatheit zu und dem Mann den prestigeträchtigen öffentlichen Bereich. Aktiv handeln kann nach diesem Verständnis nur der Mann in seiner öffentlichen Rolle, die Frau hat „nur“ bewahrende, passive Aufgaben.
7 Aus: Hahn: Wie Frauen in der Migrationsgeschichte verloren gingen, S. 89
8 Vgl.: Schimmer, Gustav Adolf (1872): Bevölkerung der im Reichsrathe [sic!] vertretenen Königreiche und Länder nach der Zählung vom 31. December [sic!] 1869, bearbeitet und herausgegeben von der k.k. statistischen Central-Commission [sic!], V. Heft. Erläuterungen zu den Bevölkerungs-Ergebnissen mit 4 Karten. Wien: V-XIV, in: Hahn: Wie Frauen in der Migrationsgeschichte verloren gingen, S. 95
9 Aus: Hahn: Wie Frauen in der Migrationsgeschichte verloren gingen, S. 81
Arbeit zitieren:
Mag. Andrea Schikowitz, 2005, Migrationsforschung und Geschlecht, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Warum der Konflikt in Mazedonien nicht eskalierte, 1998-20 01
Soziologie - Politische Soziologie, Majoritäten, Minoritäten
Seminararbeit, 19 Seiten
Soziologie - Politische Soziologie, Majoritäten, Minoritäten
Seminararbeit, 16 Seiten
Einwanderungsland Deutschland - Probleme und Perspektiven?
Politik - Politische Systeme - Politisches System Deutschlands
Hausarbeit, 20 Seiten
Habitus und Kapitalien - Bourdieus Konzepte zu Kapital, Habitus, und F...
Kulturwissenschaften - Allgemeines und Begriffe
Hausarbeit, 25 Seiten
Geschlossene Gesellschaft?! Eine empirische Untersuchung zu "ille...
Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung
Magisterarbeit, 145 Seiten
Gender - Migration - Flucht - Theoretische Analysen und ausgewählte Fa...
Diplomarbeit, 118 Seiten
Wozu Erziehung? Über die Theorie der Erziehung bei Kant und Rousseau
Pädagogik - Wissenschaft, Theorie, Anthropologie
Zwischenprüfungsarbeit, 16 Seiten
Multiperspektivische Fallarbeit in der Hilfeplanung
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Hausarbeit, 25 Seiten
Der klientenzentrierte Ansatz in der sozialpädagogischen Beratung - Ch...
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Diplomarbeit, 150 Seiten
Ökonomisierung der Jugendhilfe - Die Finanzierunginstrumente der Jugen...
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Hausarbeit, 29 Seiten
Problemfelder und Konflikte von Kindern ausländischer Migranten in der...
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Hausarbeit, 12 Seiten
Die Bewältigung von Entwicklungsaufgaben im Jugendalter
Psychologie - Entwicklungspsychologie
Seminararbeit, 45 Seiten
Bildung in Deutschland und Abhängigkeit vom Migrationshintergrund
Seminararbeit, 21 Seiten
Konsquenzen des Demografischen Wandels für die personalentwicklung und...
Anknüpfungspunkte und Wege zur...
Pädagogik - Berufserziehung, Berufsbildung, Weiterbildung
Magisterarbeit, 170 Seiten
Andrea Schikowitz hat den Text Migrationsforschung und Geschlecht veröffentlicht
Andrea Schikowitz hat einen neuen Text hochgeladen
International Handbook of Migration, Minorities and Education
Understanding Cultural and Soc...
Zvi Bekerman, Thomas Geisen
Jugend, Partizipation und Migration
Orientierungen im Kontext von ...
Thomas Geisen, Christine Riegel
Jugend, Zugehörigkeit und Migration
Subjektpositionierung im Konte...
Christine Riegel, Thomas Geisen
Migrationsforschung und Interkulturelle Pädagogik
Aktuelle Entwicklungen in Theo...
Yasemin Karakasoglu, Julian Lüddecke
Migration, Ethnie und Geschlecht
Theorieansätze - Forschungssta...
Iris Bednarz-Braun, Ulrike Heß-Meining
0 Kommentare