Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Bildung kollektiver Identität und ihre Theorie 2
3. Die europäische Christenheit 4
4. Fazit 12
Literaturverzeichnis III
II NA
1. Einleitung
»ES WAREN SCHÖNE, GLÄNZENDE ZEITEN, wo Europa ein christ- liches Land war, wo e i n e Christenheit diesen menschlich gestalteten Weltteil bewohnte; e i n großes gemeinschaftliches Interesse verband die entlegensten Provinzen dieses weiten geistlichen Reichs.
Ohne große weltliche Besitztümer lenkte und vereinigte e i n Oberhaupt die großen politischen Kräfte«. 1
Mit diesen Worten beginnt der Dichter Novalis im Jahre 1799 seinen Aufsatz über die Christenheit und Europa, in welchem er Europa tief eingebettet in der Christen- heit romantisch beschreibt. Spätestens mit dem Beginn der Verhandlungen über die Aufnahme der Türkei in die Europäische Union ist die Diskussion über eine europäi- sche Identität, verankert im christlichen Abendland, wieder in aller Munde. Wie weit eine derartige Verankerung tatsächlich für eine europäische Identitätsbildung ent- scheidend ist, ist die Fragestellung, welche in dieser Arbeit behandelt wird.
Dabei soll zuerst der theoretische Rahmen der kollektiven Identitätsbildung darge- stellt werden, wobei der Fokus hauptsächlich auf Theorien gelegt wurde, welche sich zum einen generell mit kollektiver Identitätsbildung oder zum anderen mit einer von sich aus gewollten kollektiven Identitätsbildung beschäftigen, da die Mitglieder der Europäischen Union in ihrem Findungsprozess nicht eine Identität aufgezwungen bekommen, sondern dies aus freien Stücken beabsichtigen. Mittels dieser Erkennt- nisse soll dann anschließend der dargestellte Inhalt eines Textes mit dem Titel “Die europäische Christenheit” von Heinrich Scharp aus seinem Buch “Europäische Epo- chen” kritisch in Bezug auf eine europäische Identitätsbildung diskutiert werden. Über Heinrich Scharp ist nicht viel in Erfahrung zu bringen, außer dass er in der Weimarer Republik Mitredakteur der Rhein-Mainische-Volkszeitung, einem katholi- schen, dem linken Flügel der Partei “Zentrum” nahem Blatt, war. 2 Trotz der öffentli- chen und wissenschaftlichen Unbekanntheit des Autors sowie dem Alter seines Tex- tes, ist es möglich sich in einem angemessenen Umfang Erkenntnisse über den be- 1 Novalis: Die Christenheit oder Europa, S. 1, Hervorhebungen im Original enthalten. 2 Vgl. Ernst Pfeifer: Biographie. Friedrich Dessauer.
http://www.fdg.ab.by.schule.de/index.php?main=2&sub_1=9&PHPSESSID=d8e98531fd6808979449 c813d6b3b35b, 06.04.2008.
1
trachteten Begriff “Abendland”, seine Grenzen, seine Herrschafts-, Wirtschafts- und Gesellschaftsstrukturen sowie über die Kultur der damaligen Zeit, beginnend mit Karl dem Großen bis zum Ende des Spätmittelalters, zu verschaffen, wodurch sich die Wahl des Textes auch begründet.
2. Bildung kollektiver Identität und ihre Theorie
Bei der Suche nach einer europäischen Identität, in welcher sich eine europäische Gesellschaft finden und darstellen kann, muss erst geklärt werden, was sich hinter dieser Vorstellung verbirgt. Hierbei ist nicht die Rede einer einzelnen, individuellen Identität, welche sich aus persönlicher und sozialer Identität bildet, sondern von der Summe vieler Identitäten, die sich in der Identität einer Gruppe oder eines Kollektivs spiegeln und sich in der Theorie der kollektiven Identität wiederfinden. Diese defi- niert sich nach dem Wörterbuch der Soziologie von Karl-Heinz Hillmann als eine »soziale, kulturelle Identität, Wir-Identität, gefühlsgeladenes Empfinden oder Be- wusstsein von Individuen, gemeinsam einer bestimmten kollektiven Einheit oder sozialen Lebensgemeinschaft […] anzugehören, die in unverwechselbarer Weise durch bestimmte Merkmale (spezifische Kultur, Sprache, Geschichte, ggf. auch Reli- gion […]) gekennzeichnet ist und sich dadurch von anderen Kollektiven unterschei- det«. 3 Des Weiteren wird dort angeführt, dass dabei für die Bildung einer kollektiven Identität, von den Individuen eines Kollektivs anerkannte und gemeinsame Werte, Normen, Symbole, Verhaltensweisen sowie unter anderem ein bestehendes Zusam- mengehörigkeitsgefühl von besonderer Bedeutung sind. Diese müssen zudem über Sozialisation und Enkulturation von den Individuen einer Generation an jene der nächsten übergeben werden, um den Fortbestand der kollektiven Identität zu sichern, wobei vorausgesetzt werden muss, dass die Folgegeneration auch die Bereitschaft für eine Übernahme in sich trägt. Ohne eine solche, welche zudem durch soziales Han- deln reflektiert werden muss, würde die Weitergabe von Werten und Normen unter- brochen und die Reproduktion der kollektiven Identität verhindert werden. 4 Dabei befinden sich soziales Handeln und die kollektive Identität in einem auf sich gegen- seitig beziehenden Zusammenhang. Während, wie erwähnt, die kollektive Identität durch soziales Handeln bestätigt werden muss, um weiter bestehen zu können, bildet 3 Karl-Heinz Hillmann: Wörterbuch der Soziologie, S. 431.
4 Vgl. Ebd., S. 431ff.
2
die kollektive Identität einen Orientierungsrahmen für die Interaktion und dem damit verbundenen sozialen Handeln der daran teilnehmenden Individuen. 5
Zudem ist diese über die Sozialisation stattfindende Vermittlung von Werten, Nor- men und somit auch Sanktionen nicht als eine Entwicklung von kollektiven Identitä- ten, die eine starre oder fixe Übergabe der sie auszeichnenden Eigenschaften be- schreibt, sondern ein dynamischer Prozess, der mit einer historischen Dimension ausgestattet ist. Dieser Prozess nimmt in Form von Traditionen Bezug auf vergange- ne, für das Kollektiv bedeutende Ereignisse und Eindrücke. Das heißt, dass sich kol- lektive Identitäten und die sie auszeichnenden Eigenschaften immer wieder von neu- em beweisen müssen, um ihre Gültigkeit zu rechtfertigen. Gelingt ihnen das nicht, so verlieren sie an Bedeutung, und vielleicht sogar ihre Existenzberechtigung. 6 In mo- dernen Gesellschaften, wie sie in Europa zu finden sind, werden infolge höherer Bil- dung und erhöhter Individualisierung kollektiv geltende Werte und Normen weit »kritischer reflektiert« als in traditionellen Gesellschaften. Dies hat zur Folge, dass kollektive Identitäten vielfältigere Gestalten annehmen, wodurch sich wiederum ihre Reproduzierbarkeit erschwert und das Zusammengehörigkeitsgefühl abschwächt. 7
Aber nicht nur die Eigenwahrnehmung stellt für die Bildung einer kollektiven Identi- tät eine entscheidende Rolle dar. So muss eine Identitätsbildung auch eine Fremdbe- trachtung berücksichtigen. Eine Voraussetzung, die aus interaktionistischer Sicht ein Muss darstellt, da für Vertreter interaktionistischer Sozialisationstheorien Identitäts- bildung nur über Interaktion stattfinden kann, und diese wiederum nur dann, wenn der Interaktionspartner die eingebrachte Identität auch akzeptiert und bestätigt. Somit ist die Identität ein Produkt der Identität, welche eigen ersinnt wird, und jener, die vom Interaktionspartner zugedacht wird. 8 Dabei muss aber erwähnt werden, dass die zugedachte Identität erst dann an Gültigkeit gewinnt, wenn sie in der Identitätsbil- dung auch akzeptiert wird. 9 5 Vgl. Carolin Emcke: Kollektive Identitäten, S. 205ff.
6 Vgl. Ebd., S. 220ff.
7 Vgl. Karl-Heinz Hillmann: Wörterbuch der Soziologie, S. 432f.
8 Vgl. Klaus-Jügen Tillmann: Sozialisationstheorien, S. 138ff.
9 Vgl. Carolin Emcke: Kollektive Identitäten, S. 227ff.
3
Arbeit zitieren:
Wolfgang Müller, 2008, Europäische Identität, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Definition und Bedeutung von Mythen
Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde
Hauptseminararbeit, 17 Seiten
Die Europäische Identität - Grundlage für die Behebung des Demokratied...
Politik - Internationale Politik - Thema: Europäische Union
Hauptseminararbeit, 24 Seiten
Gibt es eine Europäische Gesellschaft?
Zwei-Faktoren-Analyse anhand d...
Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft
Hausarbeit, 21 Seiten
Die Beziehung zwischen Russland und der EU
Politik - Internationale Politik - Region: Russland, Länder der ehemal. Sowjetunion
Seminararbeit, 18 Seiten
Die Entwicklung und Bedeutung von Google
Darstellung der Auswirkungen a...
Medien / Kommunikation - Multimedia, Internet, neue Technologien
Hausarbeit, 18 Seiten
Kant über Skeptizismus und Objektivität in "Kritik der reinen Ver...
Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)
Referat (Ausarbeitung), 7 Seiten
Fallstudie über die 'Untersuchungs Sachen wider Johann Georg Sept ...
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Hauptseminararbeit, 24 Seiten
Der Wohlfahrtsstaat - Seine Entwicklung und der Weg vom Ansehen in die...
Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation
Seminararbeit, 14 Seiten
Form und Problematik der Integration in der modernen Gesellschaft
Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft
Hauptseminararbeit, 29 Seiten
Karl Marx: Die deutsche Ideologie
Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts / Gegenwart
Referat (Ausarbeitung), 9 Seiten
Die Verhandlungen zum Augsburger Religionsfrieden von 1555
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Seminararbeit, 17 Seiten
Die Beziehungen zwischen der Europäischen Union
Strategische Partnerschaft ode...
Politik - Internationale Politik - Thema: Europäische Union
Hauptseminararbeit, 16 Seiten
Ist die europäische Identität ...
Politik - Internationale Politik - Thema: Europäische Union
Hauptseminararbeit, 34 Seiten
Demokratie und Bürgerschaften in der Europäischen Union
Politik - Internationale Politik - Thema: Europäische Union
Hausarbeit, 27 Seiten
Europäische Identität - Wunsch oder Wirklichkeit?
Eine Untersuchung deutscher, ö...
Masterarbeit, 177 Seiten
Welche Auswirkungen hat die Erfindung der Fotografie auf die Kunst? (N...
Medien / Kommunikation - Journalismus, Publizistik
Seminararbeit, 16 Seiten
Wolfgang Müller's Text Europäische Identität ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Wolfgang Müller hat den Text Europäische Identität veröffentlicht
Wolfgang Müller hat einen neuen Text hochgeladen
Europäische Identitäten - Eine europäische Identität?
Simon Donig, Tobias Meyer, Christiane Winkler
Europäische Identität als Projekt
Innen- und Außensichten
Thomas Meyer, Johanna Eisenberg, Stiftung Genshagen
Europäische Identität: Voraussetzungen und Strategien
Julian Nida-Rümelin, Werner Weidenfeld
0 Kommentare