ÿIch [Kurt Hahn] bin überzeugt, daß der Glaube an das eigene Schicksal nicht von einem glücklichen Zufall im späteren Leben abhängen sollte, sondern daß wir diesen Glauben in den uns anvertrauten Kinder wecken müssen. Wir kön- nendas durch Befriedigung der grande passion erreichen. Jedesmal, wenn ich vor Erziehern in Deutschland oder im Ausland spreche erheben sich zwei Einwände: Der erste Nur wenige Kinder haben ein ÿgroße Leidenschaftþ. Ich glaube, fast jedes normale Kind - ob Junge oder Mädchen - hat eine grande passion, die oftmals verborgen und bis ans Lebensende unverwirklicht bleibt. Allerdings behaupte ich nicht, daß Salem sie immer Aufdecken konnte, aber wir haben genügend Beweise, daß sie fast immer vorhanden war; wenn sie unerkannt bliebt, hatten wir versagt. Der zweite Einwand ist folgender: Wo eine echte und wertvolle Leidenschaft vorhanden ist, findet sie immer von selbst ihren Weg. Ich halte dieses Einstellung für gefährlich, obgleich sie Eltern und Lehrern ein wohlverdientes schlechtes Gewissen erspart. Lassen sie mich den Einwand mit einer Geschichte aus meiner Studienzeit widerlegen. Es gab einmal einen amerikanischen Rhodes-Stipentiaten. Er war bei uns als Hochspringer bekannt, als faul und intelligent. Seine Leistungen waren nur ausreichend, er heiratete und wurde ein zweitklassiger Anwalt im Mittleren Westen. Während des Krieges dient er bei der Küstenwacht, wo er oft nachts die Sterne beobachtete, die ihn - außer in seiner frühen Kindheit - nie mehr interessiert hatten. Heue ist er einer der führenden Astronomen der Welt. Müssen wir auf einen Weltkrieg warten, damit 2 Professor X und andere wie er zu sich selbst finden?þ
Im Mittelpunkt dieser Arbeit steht für mich Kurt Hahns Beziehung zur modernen Erlebnispädagogik. Er wird von verschiedenen Vertretern der Erlebnispädagogik als der Vater der Erlebnispädagogik bezeichnet, weshalb möchte ich hier ergründen. Um Kurt Hahn gerecht zu werden, versuche ich zunächst ihn Darzustellen (Kapitel 1-4) und erst später seine Gedanken zeitkritisch zu hinterfragen (Kapitel 5). Zum Schluß möchte ich noch feststellen was von ihm und seiner Erlebnistherapie überhaupt noch übrig geblieben ist (Kapitel 6). Das Gedicht zur Einleitung, das Vor- und auch das Nachwort sollen eigentlich nur ein gewissen Rahmen schaffen, in dem diese Arbeit zu sehen ist: Ein aktuelles Bild von Kurt Hahn in der heutigen Zeit. Schließlich wirkt der 111-jährige in der Erlebnispädagogik mit seinen Kurzschulen immernoch mit. In Anbetracht des kurzen Zeitraumes ist es mir nicht gelungen die neueste Literatur zu Kurt Hahn und zu diesem Thema zu besorgen. Ich verweise nur auf die nicht verwendete Literatur: Rolf Ahrens-Philipzen: Die Erlebnispädagogik Kurt Hahns, Diplomarbeit Duisburg 1993; und Dagmar Andreas: Die Kurzschulen Kurt Hahns - Idee und Wirklichkeit, Diplomarbeit Köln 1985.
Was die Perspektive dieser Arbeit angeht, so sollte noch festgehalten sein, es geht damals wie heute um Erlebnisse und deren Prägung in unserem Gedächtniszentrum. Egal wie man es formuliert das ist das was die Erlebnistherapie aus- II3 gemacht hat und was die Erlebnispädagogik auszudrücken versucht.
II Armin-Mueller Stahl hat in einem Artikel so ausgedrückt: ÿSein Gedanke [A.M.-S.] war, das Leben zu verlängern, indem man sich Erlebnisse schafft. `Die Länge des Lebens findet in der Vorstellung in der Vergangenheit statt.´Starke Erlebnisse pflanzen Pflöcle in den Boden, verlängern die Erinnerung.þ
In hal t sve rze i chn i s
1. das Leben von Kurt Hahn
2. die Pädagogik von Kurt Hahn 2.1. von Plato, Lietz und anderen zu Hahns Pädagogik 2.1.1. Plato und Hahn und die sittliche Erziehung des Menschen 2.1.1.1. pleoexia (Habsucht) 2.1.1.2. energische Teilnahme
2.1.1.3. suggn ´ wmh (der Störenfried der Reue und Scham) 2.1.2. die pädagogische Provinz Kurt Hahns 2.1.3. das moralische Äquivalenz zum Krieg 2.2. Ziel, Möglichkeiten und Grenzen der Pädagogik von Hahn 2.3. Besonderheiten der Pädagogik Hahn´s 2.3.1. grande passion 2.3.2. Pubertät 2.3.3. Hahn und die Demokratie 2.3.4. Geschlechterspezifik
3. Die Erlebnistherapie von Kurt Hahn 3.1. körperliches Training 3.1.1. Die Bedeutung des Sports 3.2. handwerkliche Tätigkeit 3.3. Expedition 3.4. Projektarbeit 3.5. Rettungsdienst 3.6. Trainingsplan
4. ÿErziehung zur Verantwortungþ 4.1. Hahn und seine Einstellung zur Schule unter der Lupe 4.2. Die Demokratie Hahns im der Kritik 4.3. Verallgemeinerung von Hahn schlechten Erfahrungen mit der Pubertät 4.4. Hahn und sein Mißverständnis von Plato (nach Hartmut von Hentig) 4.5. Kurt Hahn und der Sport, oder das 6. Salemer Gesetz
5. Von der Erlebnistherapie zur Erlebnispädagogik
6. Die moderne Erlebnispädagogik 6.1. Die Definition von Erlebnispädagogik 6.2. Ziele der Erlebnispädagogik 6.3. Methoden der Erlebnispädagogik 6.4. Didaktik der Erlebnispädagogik 6.5. Grenzen der Erlebnispädagogik
7. Nachwort
8. Literaturverzeichnis Primärquellen / Sekundärquellen 8.1. Primärliteratur 8.2. Sekundärliteratur
Das L e b e n vo n K u rt H ahn (1 8 8 6 - 1 9 7 4 ) 1.
Über Kurt Hahn gibt es viel Sekundärliteratur: Hermann Röhrs III4 , Hartmut von Hentig IV5 , Golo Mann V6 , Hildegard Hamm-Brücher VI7 , Hans-Michael Elzer VII8 , VIII9 und viele viele mehr habe sich mit ihm beschäftigt. Von Jörg Ziegenspeck
Ihm selber gibt es nur bedingt theoretisches Schrifttum IX10 .
X gefunden, die ihn sein Leben lang Schon früh (1904) hat er seine Erfüllung
nicht mehr losgelassen hat: ÿIch habe mich viel mit der Erziehungsfrage be- schäftigt,halte die Schulreform für die nötigste Reform im Lande: [...]ÿ 11
ÿFür Kurt Hahn war die Erziehung nicht eine Sache der Politik, vielmehr umge- 12 DieseVerbindung von Politik und kehrt die Politik eine Sache der Erziehung.ÿ Erziehung zog sich durch das ganze Leben von Kurt Hahn.
Nachdem er 1914 für Kriegsdienstuntauglich erklärt wurde, versuchte er seinem Vaterland trotzdem zu dienen und wurde England-Experte in der ÿZentrale für Auslandsdienstþ, um dort die Presse und die politische Stimmung im Lager der Gegner zu diagnostizieren. Hier versuchte er, gemäß dem selbst definierten Motto ÿHeute gilt mehr den je Platos Forderung: Wer seinem Volke helfen will, muß die Kraft des Denkens mit dem Willen der Tat vereinigen.ÿ 13 , Taten folgen zu lassen: ÿPolitik, kurzum, ist im Krieg noch viel notwendiger als im Frie- 14 den.þ .
Nach und nach wurden seine profunden Kenntnisse (über und von England) geschätzt und er begann bedeutende Freundschaften zu entwickeln, z. B. zu Prinz Max von Baden. Doch leider konnte er, obwohl er mittlerweile auch an
III ÿWenn ndessen der Kreis auf die reformpädagogische Linie begrenzt bleibt, so kann neben Grundtvig, Lichtwark, Lietz und Geheeb auch Kurt Hahn einen Platz beanspruchen. Unter diesem Gesichtswinkel betrachtet, erscheint Kurt Hahn als einer der bedeutenden Mahner und Ahnreger, der aus einer tiefen Verantwortung vor dem geistig-seelischen Verfall breiter Kreise des Volkes eine wirksame Lebensreform einzuleiten versucht.þ
IV ÿDie Geschichte der Pädagogik ist reich an pädagogische Leistungen, deren große und menschenfreundliche Wirkung nicht aus der sie begleitenden Theorie, sondern in erster Linie aus der sie vollbringenden Person zu erklären ist. Das Werk Kurt Hahns gehört dazu: Es heißt: Salem, Gordonstoun, Kurz-Schulen, Atlantic College, Einrichtungen von festen Bestand, mit großen Namen, mit unverwechselbaren Profil.þ
V ÿEr war der hilfreichste, generöseste Mensch, den ich je kannte; reich an Ideen, reich an Energien und List, um die Wirklichkeit zu bringen. Er hatte es nicht leicht: als Jude in einer zuerst diskret, dann immer brutaler antisemitischen Gesellschaft; als einer, der von Natur aus kränkelte, auch psychische Depressionen kannte, aber die Gesundheit liebte und andere zur Gesundheit führen wollte: als christian gentleman unter Heiden. Seinen guten Willen konnten auch die bittersten Erfahrungen nicht brechen.þ
VI ÿ Und was noch wichtiger ist: Hahn hat die Kraft des ÿGuten im Menschen nicht nur beschworen, sondern durch sein persönliches Beispiel vorgelebt - allen entgegenlaufenden Stimmungen, Entartungen, Unmenschlichkeiten zum Trotz.þ VII ÿHahn, Kurt (geb.1886), ist einer der international bedeutendsten Pädagogen, der durch das Landerziehungsheim Schloß Salem am Bodensee [...], nach seine Emigration durch die Schule von Gordonstoun in Schottland (gegr. 1934), besonders aber durch die von ihm begründeten ÿKurzschulenþ [...] bekannt geworden ist.þ
VIII ÿKurt Hahn war ein Mensch, der das Gute förderte, gegen das Schlechte stritt. Beseelt von relativ simplen Ideen, weniger durch Schrift, mehr durch permanente Kommunikation in der Form von Gesprächen, Vorträgen und Diskussionen, gab er seinen Überlegungen Nachdruck. Eine unglaubliche Hartnäckigkeit zeichnete ihn bis aus - bis ins hohe Alter hinein.þ
IX ÿDas (Evre von Kurt Hahn umfaßt Schriften unterschiedlichster Art. Die politischen Memoranden und Redemanuskripe sind nur zum Teil bekannt, sie tragen zumeist nicht seinen Namen und liegen verstreut in den Archiven zwischen Potsdam und Washington. Der Nachlaß, der wichtigen Briefe und Literarisches enthielt, gilt als verschollen; hingegen sind die Schriften zur Erziehung fast vollständig überliefert.þ
X Diese Erfüllung nennt er später grande passion (vgl. 2.3.1.)
den richtigen Türen þanklopfteÿ, seine Vorschläge nicht an den Mann bringen und so gut wie nichts für den Frieden in Deutschland tun.
Dieselbe Problematik trat auch im zweiten Weltkrieg auf, nur daß er sie aus der Sicht der Engländer erlebte, dort konnte er erst Recht nichts in Bewegung bringen. Dieses Dilemma beschrieb Golo Mann mit folgenden Worten: þDamals war er Deutscher gewesen, zugleich ein Kenner und betrübter Liebhaber Englands. Jetzt war er Engländer, zugleich ein noch besserer Kenner, ein noch betrübterer Liebhaber Deutschlands.ÿ 15
Sich von der Politik, zumindest von Weimar distanzierend 16 , pädagogisch um so mehr aktiv XI , schrieb Kurt Hahn 1921: þ..., daß ohne eine moralische Gesundung der Sitten auch an eine politische Wiederaufrichtung nicht zu denken ist. Nur darin gehen wir auseinander: Sie glauben, daß der heute erwachsene Deutsche noch zu retten ist. Ich glaube, wir müssen bei den Kindern anfangen, und glaube, daß kein Bund der Erwachsenen, der sich moralische-pädagogische Ziele stellt, heute wirken oder auch nur zusammenbleiben kann.þ 17
Von diesem Zeitpunkt an versuchte Kurt Hahn bis zu seinem Tod, sein Gedankengut sogar darüber hinaus, ein entsprechendes Netz von Schulen, und Ausbildungsmöglichkeiten nicht nur über Deutschland und England zu spannen, sondern über die ganze Welt, nicht nur länderverbindend, sondern auch schichtenverbindend (siehe nachfolgende Abbildung XII18 ).
XI Gründung der Schule Schloß Salem mit Prinz Max von Baden im August 1920, Der erste Studienleiter war Karl Reinhardt, der Begründer des Frankfurter Reformgymnasium.
XII Zur Erläuterung der Abbildung: Kurt Hahn begann mit der Schule Schloß Salem. Diesem erstem Landerziehungsheim folge Gordonstoun und weitere. Hahn sich schnell im Bilde mit seinen Landerziehungsheimen nur geringe Schüler mit seiner Pädagogik zu erreichen, öffnete die Landerziehungsheime auch für das Umfeld der Schulen (Tagesheimschulen). 1941 folgten die Teilnehmer der Kurse der Outward-Bound-Schulen, und wenig später wurde das Herzog von Edinburgh Abzeichen eingeführt. Die Alt-Salemer sollten ihren Kontakt mit Salem nicht verlieren, deshalb wurden Studentenhäuser für sie gefördert, mit bestimmten Bedingungen, wie Alkohol und Nikotinverbot und einmonatige Fabrikarbeit. Die United World Oberstufenkollegs sollten auch die Schüler landerübergreifend verbinden. Besondere Stipendiaten für Oxford und Cambridge wurden auch eingeführt (Trevelyan Universitäts-Stipendien).
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Volker Weißbach, 1997, Die Erlebnistherapie von Kurt Hahn als Vorreiter der Erlebnispädagogik, München, GRIN Verlag GmbH
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