Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 2
2. Traditionskritik - Vorstellung der Methode 5
3. Zur Perikope Lk 1 ,26 38 8
3.1. Das Verkündigungsschema 9
3.2 . traditionelle Motive in der Perikope Lk 1 ,26 38 11
3.2.1. Der Gruß des Engels 11
3.2.2. Die Jungfrauengeburt 13
3.2.3. Die geistgewirkte Empfängnis 15
3.2.4. Der Stamm Davids 16
3.2.5. „Ich bin die Magd des Herrn“ 17
4. Schluss 19
5. Literaturverzeichnis 23
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1. Einleitung
Bis heute besteht ein Streit über diverse Glaubensauffassungen zwischen evangelischen und römisch-katholischen Christen. Eine der Hauptstreitfragen dreht sich um die Mariologie. In der römisch-katholischen Kirche herrscht eine rege Marienfrömmigkeit, die sich in Festen wie „Maria Himmelfahrt“, Marien-Wallfahrtsorten, speziellen Gebeten wie das „Ave Maria“ und ganz allgemein im Glauben an Maria als „Mittlerin der Gnaden“ äußert. Marienfrömmigkeit ist hingegen in der evangelischen Kirche nicht anzutreffen.
Die katholische Kirche beruft sich in ihrer mariologischen Dogmatik mitunter auf Bibelstellen aus den Evangelien nach Lukas und Matthäus. Lukas und Matthäus sind die einzigen Evangelisten, die Maria besonders hervorheben. Beide schreiben erstmals über die Kindheit Jesu und in diesem Zusammenhang berichten sie von der Jungfrauengeburt, die zu einer wichtigen Basis der Mariologie wurde. 1 In dieser Arbeit soll die Perikope Lk 1,26-38 im Mittelpunkt stehen. Aufgrund ihrer reichhaltigen Aussagen über Maria ist sie immer wieder Forschungsgegen-stand der Exegeten. Das zugrunde liegende Problem, dass sich beim Lesen dieser Stelle auftut, ist das angemessene Textverständnis. Da die Bibeltexte nahezu 2000 Jahre alt sind und auf uns unbekannten Traditionen beruhen, müssen diese in angemessener Weise interpretiert werden. Hier können Exegeten nun auf die historisch-kritische Methode zurückgreifen, deren Ursprung im 18. Jahrhundert liegt. Die vernunftgeleitete Weltanschauung der Aufklärer führte dazu, dass die Aussagen der Bibel nach und nach kritisch hinterfragt wurden. So ist man bis heute bemüht, nach der Bedeutung der Schriften zu suchen, unabhängig von heutigen Traditionen und Bekenntnissen. Es geht darum, die ursprüngliche Aussage des Autors zu erfassen. 2
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit einem Arbeitsfeld der historischkritischen Methode: der Traditionskritik. Diese Methode wird unter Punkt 2 vorgestellt. Die Vorstellung der Methode beruht auf den Ausführungen des Buches „Exegese des neuen Testaments“ von Martin Ebner und Bernhard Heininger. Ergänzt wird diese durch Aspekte aus Wolfgang Fenskes „Arbeitsbuch zur Exegese des neuen Testaments“.
1 Vgl. Becker, J.: Maria. Mutter Jesu und erwählte Jungfrau, Leipzig 2001, S. 85
2 Vgl. Fenske, W.: Arbeitsbuch zur Exegese des Neuen Testaments, Gütersloh 1999, S.14-17
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Darauffolgend wird unter Punkt 3 die Perikope auf traditionelle Formen und Begriffe hin untersucht. Sowohl das entdeckte Verkündigungsschema, als auch Gruß-formeln und einzelne Begriffe sollen näher erläutert werden. Dies geschieht unter Einbeziehung der Literatur verschiedener Exegeten, die sich mit Lk 1,26-38 näher befasst haben. Diese legen ihre Schwerpunkte recht unterschiedlich, worauf im Folgenden kurz hingewiesen werden soll.
Ulrich Wilckens nennt bei seiner exegetischen Arbeit an dieser Perikope 3 Aufgaben, die er zu bewältigen hat. Ihm geht es vor allem darum, die Eigenaussage des Textes unvoreingenommen zu erfassen. Ein zweiter Schritt besteht für ihn aus dem Gespräch mit Fundamentaltheologie und Dogmatik, das auf den Geschichtswert des Textes abzielt. Aufgrund der Mariologie der kath. Kirche und der damit verbundenen Dogmatik hat die Frage nach dem Geschichtswert für Katholiken weitaus mehr Bedeutung. Für ihn als evangelischer Exeget hingegen ist die Jungfrauengeburt nicht von essentieller Bedeutung. Sein Hauptinteresse liegt auf den beiden Motiven „empfangen vom heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria.“ Drittens beschäftigt er sich mit der Bedeutung, die diese Perikope für die katholische Marienfrömmigkeit hat. 3
Raymond E. Brown und seiner Arbeitsgruppe von protestantischen und römischkatholischen Gelehrten geht es darum, herauszufinden, inwiefern historische Fakten von den Autoren ausgestaltet worden sind. Denn historische Fakten wurden von gläubigen Christen verfasst, die diese aufgrund von herausgebildeten Traditionen für sich interpretiert und verfasst haben. Die vermittelte Tradition im Hinblick auf Maria stellt sich für ihn problematisch dar, da mariologische Auffassungen in nachreformatorischer Zeit sehr verschieden waren. Er nennt 3 Schichten der Evangelienbildung, die es zu erforschen gilt:
1. In der tiefsten Schicht verbergen sich die historischen Taten und Worte.
2. Durch deren mündliche Überlieferungen haben sich Traditionen herausgebildet und wurden im Glauben interpretiert.
3. Der Evangelist sammelt diese, interpretiert sie für sich selbst und schreibt seinen Text. Dabei fließt sein eignes theologisches Bild mit in die Komposition ein. 4
3 Vgl. Wilckens, U.: „Empfangen vom heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, Lk 1,26-38“, in: R. Pesch (Hg), Zur Theologie der Kindheitsgeschichten, ebd., S. 49 - 74, S. 49-51
4 Vgl. Brown, R.E. (Hg): Maria im Neuen Testament. Eine ökumenische Untersuchung, Stuttgart 1981, S.19-21
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Jürgen Becker legt sein Hauptgewicht der Untersuchung auf zwei christologische Aussagen, die Lukas seiner Meinung nach hervorhebt und die für ihn einzig relevant sind: Marias Jungfräulichkeit in ihrem Verlobtenstand und die Abstammung Josefs aus dem Hause Davids. 5 Da wie bereits erwähnt bis heute der Streit um das rechte Verständnis der Perikope zwischen evangelischen und römischkatholischen Exegeten existiert, untersucht er diese christologischen Aussagen auf ihren theologischen Gehalt hin. Über die Aussagen der Perikope bestehe zwischen Protestanten und Katholiken insofern Einigkeit, dass die Aussagen über Maria den christologischen untergeordnet seien. 6
Franz Mußner verfolgt ein ganz anderes Interesse. Er will mit seinem Aufsatz „Das ‚semantische Universum’ der Verkündigungsperikope (Lk 1,26-38)“ gegen jene vorgehen, die in der Verkündigungsperikope nur tiefenpsychologische Archetypen erkennen oder diese mit religionsgeschichtlichen Analogien in Beziehung setzen. Dabei untersucht er die traditionellen Begriffe auf ihre Herkunft. 7
Nach diesen Untersuchungen folgt eine Schlussbetrachtung, die die wichtigsten Aussagen nochmals zusammenfasst. Dazu wird eine persönliche Stellungnahme zur Perikope erfolgen. Weiterhin soll der Versuch unternommen werden, zu einigen Thesen zur historisch-kritischen Methode Stellung zu beziehen. Schließen wird die Arbeit mit einer persönlichen Ansicht zur heutigen Mariologie.
5 Vgl. Becker, J.: Maria. Mutter Jesu und erwählte Jungfrau, S. 167
6 Vgl. Ebd., S. 147-148
7 Vgl. Mußner, F.: Das „semantische Universum“ der Verkündigungsperikope (Lk 1,26-38), in: Catholica 46 (1992), S. 227-239
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2. Traditionskritik - Vorstellung der Methode
Die Traditionskritik ist ein Arbeitsschritt der ursprünglich historisch-kritischen Methode und soll ebenso wie die übrigen Arbeitsschritte dazu dienen, die Bedeutung der biblischen Texte zu erfassen. Der traditionskritische Ansatz dient dazu, die Herkunft einzelner Begriffe und komplexer inhaltlicher Vorlagen des neuen Testaments zu untersuchen.
Das zugrundeliegende Textverständnis der Traditionskritik ist, dass ein Autor seinen Text unter Aufnahme von Traditionen schreibt. Somit hat die Lebenswelt des Autors und auch die der Adressaten Einfluss auf den Text. Traditionen können auf unterschiedliche Weise in den Text aufgenommen werden. Zum einen durch Zitate, zum anderen durch spezielle Wortbedeutungen, die in einem einzelnen Begriff oder in Wortkombinationen gebündelt sind. Ebner und Heininger sprechen von sogenannten „Topoi“. 8
Das auftretende Problem besteht darin, dass der biblische Autor und seine Adressaten aus einem Traditionsfundus schöpfen, der uns heute aufgrund des großen zeitlichen Abstandes und der veränderten Sozialisation unbekannt ist. Dies hat zur Folge, dass uns neutestamentliche Texte Verständnisprobleme bereiten können. 9
Da das Interesse der Traditionskritik eher der damaligen Umwelt der textlichen Vorlagen als dem eigentlichen Text gilt, ist die Lesart diachron. Dennoch ist die Traditionskritik auf die semantische Analyse angewiesen, die auf synchroner Ebene die genaue Bedeutung bestimmter Wörter ermittelt. Die Traditionskritik geht aber noch einen Schritt weiter, indem sie darüber hinaus die Bedeutung für die ersten Adressaten zu ermitteln versucht. 10
Die leitende Fragestellung lautet daher: Welche zeitgenössischen Faktoren haben den Autor beeinflusst? Woher stammen die im Text enthaltenen Traditionen? Welche Bedeutung hatten bestimmte Redewendungen für die damaligen Adressaten?
Die Traditionskritik fragt also danach, an welchen Stellen der Autor in seinem Text traditionelle Formen, Gattungen, Zitate und Topoi verwendet. Weiterhin fragt sie nach der ursprünglichen Wortbedeutung.
8 Vgl. Ebner, M., Heininger, B.: Exegese des Neuen Testaments, Paderborn 2005, S. 238
9 Vgl. Ebd., S. 239-240
10 Vgl. Fenske, W.: Arbeitsbuch zur Exegese des Neuen Testaments, S. 41
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Arbeit zitieren:
Stefan Jost, 2007, Exegese zu Lk 1,26-38, München, GRIN Verlag GmbH
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