„Die Symbole des alten Deutschland - das kaiserliche Schloss in Berlin, das Hindenburg-Palais, Hitlers Reichskanzlei und das Polizeipräsidium - wurden im zweiten Weltkrieg zerstört. Die Frauen und Männer des neuen Deutschland räumen die Ruinen des alten imperialistischen Deutschland hinweg. Auf den Trümmern des alten entsteht ein neues Deutschland.“ 1
Zur Nachwendediskussion: Nationale Identitätsstiftung des Berliner Schlosses
Ein bedeutendes Argument im Plädoyer für den Wiederaufbau des Stadtschlosses im Herzen Berlins in der Nachwendediskussion war der Verweis auf die nationale Symbolhaftigkeit des Schlosses und die damit einhergehende nationale gesamtdeutsche Identitätsstiftung nach der Wiedervereinigung. Heute genauso wie Ende der 1940er/Anfang der 1950er Jahre wird die Stadtmitte oft auch als symbolische Staatsmitte angesehen. Vor dem Hintergrund, dass Berlin im vergangenen Jahrhundert den Niedergang von vier deutschen Staaten erlebte und dadurch Geschichtlichkeit in Berlin weniger in der Akkumulation historischer Bausubstanz lesbar ist als vielmehr in den Spuren ihrer permanenten Auslöschung wurden nach 1989 die Stimmen immer lauter, dass Schloss wiederaufzubauen und zu rekonstruieren: Günter Rexrodt, ehemaliger Bundeswirtschaftsminister, sprach beispielsweise bei der Frage der Neugestaltung des Schlossplatzes von einem Platz „der in besonderer Weise die Geschichte unseres Landes repräsentiert“, die historische Fassade entspreche nicht dem Geschmack einer Generation, sondern „den Erwartungen nachfolgender Generationen“ 2 . Das Kanzleramt teilte im Sommer 2000 mit: „Man brauch[e] das Schloss, weil es eine manifeste Sehnsucht nach einem historischen Identifikationspunkt“ 3 gebe. - Kaum ein Ort hat in Deutschland in den Nachwendejahren und bis heute ein größeres Interesse und stärkere Emotionen geweckt, mehr politische Aufmerksamkeit genossen als das Berliner Schlossareal. Der Deutsche Bundestag beschloss mit 384 gegen 133 Stimmen dann auch am 4. Juli 2002 den Palast der Republik abzureißen - im Übrigen obwohl sich 98% der Ostberliner im Jahre 1993 für dessen Erhalt ausgesprochen hatten (aber Symbole der DDR eignen sich eben weniger bis gar nicht zur Konstruktion einer gemeinsamen Identität) - und das heute vor fast 57 Jahren abgerissene Berliner Stadtschloss als Teilrekonstruktion wieder aufzubauen. Damit könne man sich wieder auf das Gemeinsame und positiv Kollektivierbare - also auf die Zeit vor dem ersten Weltkriegberufen, um die Vorstellung einer politischen Gemeinschaft, die Nation, zu unterstreichen und diesbezüglich Identität zu stiften.
1 Ulbricht anlässlich seiner Rede zur Gründung der Deutschen Bauakademie am 08.12.1951, zitiert nach Ulbricht, Walter: Das nationale Aufbauwerk und die Aufgaben der deutschen Architektur. Rede des Stellvertreters des
Ministerpräsidenten Walter Ulbricht beim Festakt anläßlich der Gründung der Deutschen Bauakademie am
8.12.1951, 1952, S. 17.
2 Rexrodt, zitiert nach: Brodowski, Nina: Geschichts(ab)riss. In: Misselwitz, Philipp/ Obrist, Hans Ulrich/ Oswalt, Philipp (Hg.): Fun Palace 200X. Der Berliner Schlossplatz. Abriss, Neubau oder grüne Wiese? Die Vernichtung des
Berliner Stadtschlosses, Berlin 2005, S. 51.
3 Zitiert nach: Brodowski, S. 51.
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Abrisswelle 1945 bis 1950
Ein Jahr nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, 1946, begann das Auslöschen von Erinnerungszeichen, von Abzeichen und Emblemen des Nationalsozialismus und des preußischdeutschen Militarismus. So gab es beispielsweise Gerüchte, „‚man’ wolle das Brandenburger Tor beseitigen, weil man die ein Viergespann lenkende Göttin […] für eine Siegesgöttin hielt [und die Intention] Langhans, dem Erbauer des Tores, als ‚Triumph des Friedens’“ 4 verkannte. Die durch den einsetzenden Elan entstehende Dynamik ging selbst der SMAD zu weit. Sie verwies darauf, dass alle Denkmäler, die eben keine dieser nationalsozialistischen oder militaristischen Symbole trug, aus Rücksicht vor den Gefühlen der Deutschen erhalten bleiben müssten. 1948 wurden u. a. Anträge gestellt, die Neue Wache Unter den Linden, als ein herausragendes Merkzeichen des Militarismus, oder auch die eingestürzte Nikolaikirche zu sprengen. Diese Anträge wurden von der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland abgelehnt. Aus diesen Beispielen wird jedoch das Drängen der Politik evident, die Reste der ungeliebten Geschichte zu beseitigen und damit zu verdrängen. Laurenz Demps spricht von der „Abrißbirne als ‚Helfer’ beim Umgang mit der Geschichte“. 5 Zu diesem Zeitpunkt stand hierbei das Berliner Schloss noch nicht im Fokus des Abrissinteresses. Dies sollte sich mit dem Jahre 1950 ändern. Aus stadtplanerischer Hinsicht wurde sich die Frage gestellt, ob Berlin einen Raum zur Manifestation politischer Willensbildung bräuchte. Ein solcher Ort könne sich dann jedoch nur im Mittelpunkt der Stadt erstrecken, im Bereich des Lustgartens und Berliner Schlosses.
Beseitigung des Doms oder des Berliner Schlosses?
Zur Realisierung des Aufmarschplatzes störten jedoch zwei Bauwerke. Der Dom und das Schloss. Das Berliner Schloss wurde insbesondere durch den schwersten Bombenangriff auf die Stadt am 3. Februar 1945 durch eine Vielzahl von Spreng- und Brandbomben zerstört. Das Schloss brannte knapp vier Tage lang aus. Löschversuche wurden seinerzeit nicht unternommen, die Berliner Bevölkerung hatte nach den anhaltenden Bombardierungen 1944/1945 resigniert. Was nützte es, zu löschen, wenn am nächsten Tag Brandbomben wieder herabfallen? Aber auch der Dom war im Krieg zerstört worden, lag in Ruinen und war offensichtlich auch in der Architekturkritik negativ besetzt. So wurde unter anderem vorgeschlagen, „ihn abzutragen und einer ‚Negerrepublik’ zu schenken“. 6 Eine Beseitigung des Doms hätte jedoch einerseits religiöse Gefühle der Bevölkerung verletzen können, andererseits politisch-administrative Probleme mit sich bringen können, hatte das britische Königshaus doch
4 Gall, zitiert nach: Rollka, Bodo/ Wille, Klaus-Dieter: Das Berliner Stadtschloss. Geschichte und Zerstörung, Berlin 1993, S. 30.
5 Demps, Laurenz: Schloß versus sozialistische Stadtmitte. In: Ribbe, Wolfgang: Schloß und Schloßbezirk in der Mitte Berlins. Das Zentrum der Stadt als politischer und gesellschaftlicher Ort, Berlin 2005, S. 161.
6 Hegemann, zitiert nach Demps, S. 163.
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Verfügungsrechte über den Dom. Wilhelm Girnus, späterer Staatssekretär für Fach- und Hochschulwesen der DDR, fasste 1951 die damaligen Überlegungen so zusammen: „Wir hatten die Wahl - Schloss oder Dom. Hätten wir den Dom abgerissen, dann hätte der Westen für einige Jahre Wasser auf der Mühle gehabt und von ‚Kirchenstürmerei’ gesprochen. Dann lieber das Schloss. Mit den Kunsthistorikern werden wir schon fertig!“ 7
Der Weg zum und die Gründe für den Abriss des Berliner Stadtschlosses 1950
Aber das riesige Schlossbauwerk war im Zweiten Weltkrieg weniger zerstört als beispielsweise das Charlottenburger Schloss. In seinen Mauern stand es zwar ausgebrannt, dennoch, so schrieb im Herbst 1950 Ernst Gall, lange Zeit Direktor der staatlichen Schlösser in Berlin und München, war das Berliner Schloss „keine gefahrdrohende Ruine, die aus Sicherheitsgründen niederzulegen wäre“ 8 . Und tatsächlich ein durch einen Bausachverständigen erstelltes Gutachten belegte schon 1948, dass der Wiederaufbau im Bereich des Möglichen gewesen wäre.
Im Mai 1949 verdichteten sich die Gerüchte, wonach die von den Sowjets eingesetzte Verwaltung der Ostzone und der Magistrat die Absicht hätten, das Berliner Stadtschloss abzureißen. Die Presse in den Westsektoren bekam von diesen Gerüchten Wind und brachte das Thema in den Fokus einer breiten Öffentlichkeit. Wahrscheinlich deshalb nahm die SED zunächst Abstand von dem Abrissvorhaben und dementierte im Juni 1949 offiziell, das Schloss abreißen zu wollen. Vielmehr kamen im August und September 1949 Pläne auf, den östlichen Teil des Schlosses, den so genannten Schlüterhof in seiner Form zu erhalten und lediglich die westliche Hälfte des Schlosses wegen Baufälligkeit abzureißen. Hier wird schon der politische Opportunismus der SED-Führung sichtbar, war doch gerade der Westteil des Schlosses am Besten erhalten - immerhin wurde dieser ja auch noch als Museum und Ausstellungsort genutzt. Eindeutig spielten politische und nicht baubedingte Gründe für diese Pläne eine Rolle: „Eine Erhaltung des Schlüterbaues wäre nicht nur aus architektonischen und städtebaulichen, sondern auch aus historischen Gründen zu rechtfertigen. Dieser Teil des Schlosses erinnert an die brandenburgisch-preußischen Vergangenheit um 1700. Damals wurde der Versucht gemacht, einen Kulturstaat zu begründen […]. Preußen war damals durchaus noch reichstreu, der Militarismus späterer Zeit war noch nicht geboren. […] Gerade deswegen sind wir geneigt, die Erinnerungen an eine Zeit zu pflegen, in der Berlin in städtebaulicher Beziehung Wien und Dresden nacheiferte […] und man noch nicht von einem militaristischen, antideutschen, preußischen Staate träumte. Die anderen Teile des Schlosses erinnern an Friedrich Wilhelm IV., den erbitterten Gegner der 48er Revolution und den imperialistischen Wilhelm II. Es
7 Girnus, zitiert nach: von Boddien, Wilhelm: Die Gegenstände: Schloss und Palast. Eine Beschreibung des Themas, in: von Boddien, Wilhelm/ Engel, Helmut (Hg.): Die Berliner Schlossdebatte - Pro und Contra, Berlin 2000, S. 11.
8 Gall, zitiert nach: Rodemann, Karl: Das Berliner Schloss und sein Untergang, Berlin 1951, S. 7.
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Arbeit zitieren:
Marc Castillon, 2007, Die Zerstörung nationalen Erbes: Das Berliner Stadtschloss, München, GRIN Verlag GmbH
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