AUGUST SCHLEICHER UND DIE IDG. URSPRACHE – EINE BETRACHTUNG SEINER ANSICHTEN UND ERKENNTNISSE 135 JAHRE NACH VERÖFFENTLICHUNG SEINER VIELDISKUTIERTEN 'FABEL IN IDG. URSPRACHE'
Christiane Gante, 2003 (Abgabedatum 01.12.2003) eine Hausarbeit im Rahmen der Vorlesung 07.021 EINFÜHRUNG
IN DIE
INDOGERMANISTIK
SS 2003
Institut für Allgemeine und Angewandte Sprachwissenschaft ( IAAS) Abteilung für Phonetik, Allgemeine Sprachwissenschaft und Indogermanistik ( PhASI) der Universität Hamburg
Inhalt
Abkürzungen i NA
I Vorbemerkungen 1
1. Die Sprachwissenschaft im 19 Jahrhundert 1
1.1. August Schleicher 2
2. Schleicher und die rekonstruierte idg Ursprache 3
2.1. Die Notwendigkeit von Rekonstruktion und deren Kennzeichnung 3
2.2. Die Fabel in indogermanischer Ursprache 6
2.2.1. Schleichers Originalversion der Fabel von 1868 7
2.2.2. Delbrücks Korrekturen von 1880......................................................................9
2.2.3. Hirts Version von 1939 9
2.2.4. Lehmann und Zgustas Version von 1979 11
2.2.5. Peters Version von 1980..................................................................................13
2.3. Schrieb Schleicher seinen Rekonstrukten Realitätswert zu 14
2.4. Schleicher und die Unversehrtheit der Ursprache 16
3. Die Schleichersche Stammbaumtheorie und das Leben von Sprache 17
4. Abschließende Bemerkungen 22
Appendix A Abbildungen 24
Appendix B Quellen 26
Appendix C Sekundärquellen 28
I. Vorbemerkungen
Eine der vielleicht wichtigsten Persönlichkeiten der indogermanistischen
Sprachwissenschaft ist August Schleicher. Sein Name taucht in Zusammenhang mit vielen methodischen Neuerungen auf, die aus der Linguistik nicht mehr wegzudenken sind, wie z.B. der Rekonstruktion von Grundformen. In etwa ebenso häufig findet sein Name allerdings auch in Verbindung mit Irrtümern der früheren Linguistik Erwähnung. Die vorliegende Arbeit wird sich nun damit beschäftigen, wie viel von dem, was August Schleicher – im positiven oder negativen Sinn – zugeschrieben wird, tatsächlich der Realität entspricht.
Zu diesem Zweck ist die Arbeit wie folgt gegliedert:
Einleitend wird ein kurzer Überblick über die Sprachwissenschaft des 19. Jahrhunderts gegeben, es folgt eine kurze Biographie August Schleichers. Anschließend wird das wohl meistdiskutierte seiner Werke, nämlich seine Fabel in idg. Grundsprache, mitsamt einigen neueren Versionen betrachtet. Im Anschluß daran wird der Fragestellung nachgegangen, welche der Schleicher zugeschriebenen Errungenschaften oder Irrtümer tatsächlich auf ihn zurückgehen.
1. Die Sprachwissenschaft im 19. Jahrhundert
Das 19. Jahrhundert war für die Linguistik im allgemeinen ein sehr produktives, für die Indogermanistik im speziellen vergleichbar mit einer zweiten Geburtsstunde, nachdem im vorangehenden Jahrhundert von Sir William Jones die Verwandtschaft des Sanskrit mit einigen europäischen Sprachen erkannt worden war. Vor allem im Bereich der Methodik brachte das 19. Jahrhundert viele Neuerungen für Linguistik und Indogermanistik. Im Jahr 1816 versuchte Franz Bopp 1 (1791-1867) den wissenschaftlichen Beweis einer Verwandtschaft der sog. idg. Sprachen untereinander zu erbringen, indem er ihre Grammatiken vergleichend nebeneinanderstellte.
Den Grundstein für die moderne Art diachroner Sprachbetrachtungen legte Jakob Grimm (1785-1863) mit seiner Deutschen Grammatik, die 1819 und in den darauffolgenden Jahren entstand.
VEDA'S , Frankfurt 1816.
- 1 -
Die erste Professur, die sich mit den idg. Sprachen beschäftigte, wurde 1821 in Berlin eingerichtet und mit Franz Bopp besetzt. Sie war als Professur für „Orientalische Litteratur und Allgemeine Sprachkunde“ ausgeschrieben und noch v.a. auf Sanskrit spezialisiert. A.F. Pott führte mit seinen Etymologischen Forschungen von 1833-36 eine neue, wissenschaftlichere Methode der Etymologie ein, die v.a. streng den Lautwandel der Sprachen beachtete.
In seinem Compendium von 1861 führte August Schleicher die Rekonstruktion und die Stammbaumtheorie in die Sprachwissenschaft ein.
Sein Schüler Johannes Schmidt entwickelte aus dieser schließlich die sogenannte Wellendarstellung 2 .
Und das sind nur einige der wichtigsten Neuerungen in der Sprachwissenschaft, die aus diesem Jahrhundert stammen. Sie alle aufzuzählen würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen, doch mag ersichtlich geworden sein, wie kreativ und ergiebig diese Zeit war und in welchem Rahmen Schleichers ebenfalls sehr produktives Schaffen zu betrachten ist. Um einen besseren Eindruck von seiner Persönlichkeit zu erhalten, folgt hier eine Kurzbiographie Schleichers.
1.1. August Schleicher
August Schleicher wurde am 19. Februar 1821 als Sohn
des Arztes Johann Gottlieb Schleicher und dessen Frau Henriette in Meiningen geboren. Bereits ein Jahr später zog die Familie nach Sonneberg bei Coburg, wo Schleicher aufwuchs.
In seiner Jugend befaßte er sich u.a. mit Musik und Naturbeobachtungen.
Von Ostern 1835 bis zum Herbst 1840 besuchte er das Gymnasium in Coburg und erhielt dort u.a. von Direktor Forberg Privatunterricht in der arabischen Sprache.
Vom Herbst 1840 bis Ostern 1841 studierte er in Leipzig Theologie, wechselte dann aber nach Tübingen, wo er sich allerdings immer mehr von diesem Fach entfremdete und sich statt dessen mit Hegelscher Philosophie, Sanskrit, Persisch und semitischen Sprachen beschäftigte. Er studierte bei
SPRACHEN , Weimar 1872.
- 2 -
dem Sanskritisten Lassen, dem Romanisten Diez und dem klassischen Philologen Friedrich Ritschl.
Seit 1846 war er als Dozent an der Universität Bonn tätig, wo er allerdings nur wenige Vorlesungen hielt, sondern vielmehr eifrig seine eigenen Kenntnisse zu erweitern suchte. Im Jahr 1850 trat Schleicher eine Professur in Prag an, wo er allerdings nicht recht glücklich wurde. Daher folgte er gerne einer Einladung nach Jena im Jahr 1857, wo ihm eine Stelle an der Universität in Aussicht gestellt wurde. Allerdings kam es nie zu einer Universitätsanstellung Schleichers in Jena.
Seit 1858 war er korrespondierendes Mitglied der russischen Akademie der Wissenschaften, eine Berufung nach Petersburg lehnte er jedoch ab, vielleicht aufgrund der schlechten Erfahrungen, die er in Prag gemacht hatte.
In den Jahren 1856 bis 1868 gab er gemeinsam mit Adalbert Kuhn die Beiträge zur vergleichenden Sprachforschung auf dem Gebieteder arischen, celtischen und slawischen Sprachen heraus.
Am 6. Dezember 1868 erlag er – wohl aufgrund seines äußerst intensiven Arbeitens geschwächt – einer Lungenentzündung.
Zu seinen wichtigsten Werken zählen Die Formenlehre der kirchenslavischen Sprache von 1852, das Handbuch der litauischen Sprache von 1856/57 und das Compendium der vergleichenden Grammatik der indogermanischen Sprachen von 1861.
2. Schleicher und die rekonstruierte idg. Ursprache
2.1. Die Notwendigkeit von Rekonstruktion und deren Kennzeichnung
Im Zusammenhang mit Schleichers Rekonstrukten trifft man gelegentlich auf die Aussage, Schleicher habe nicht nur als erster aktiv Rekonstruktion sprachlicher Formen betrieben, sondern auch als erster die Notwendigkeit von Rekonstruktion erkannt. Dabei wird gerne auf sein Compendium verwiesen 3 oder auf seine Formenlehre der kirchenslavischen Sprache von 1852, in deren Vorrede er schreibt:
„Bei dem vergleichen von sprachformen zweier verwanten sprachen suche ich vor allem die verglichenen formen beide auf ire mutmaszliche grundform, d.i. die gestalt, die sie abgesehen von den späteren lautgesetzen haben müssen, zurückzufüren oder doch überhaupt auf eine gleiche stufe der lautverhältnisse zu bringen.[...]“ 4
von 1876, die in unserer Bibliothek vorliegt.) 4 Delbrück 1880, S. 47/48.
- 3 -
Doch laut Holger Pedersen 5 wurde bereits vor Schleicher auf diese Notwendigkeit hingewiesen, und zwar bereits im Jahre 1837 durch Theodor Benfey. In dessen Rezension von Potts Etymologischen Forschungen bemängelt er, daß Pott die Formen der idg. Sprachen mit denen des Sanskrits vergleicht. Benfey ist der Ansicht, das Sanskrit möge zwar als bis dahin älteste bekannte idg. Sprache dem ursprünglichen Zustand am nächsten stehen, doch habe es trotzdem „in vielen einzelnen Punkten eigentümliche Abschwächungen oder Übergänge, durch welche es ursprüngliches eingebüsst hat“ 6 . Zudem gibt er einige Beispiele, welche „die Nothwendigkeit, bei der Lautvergleichung über den vorliegenden Zustand des Sanskrits hinauszugehen“, hervorheben sollen. 7 Demnach fordert er, daß zumindest Vorstufen des Sanskrits rekonstruiert werden sollen. Einige Seiten später fordert er sogar, nicht das Sanskrit – oder Vorstufen desselben – als Referenzpunkt beim Vergleichen zu nutzen, sondern anhand aller vorhandenen Sprachzeugnisse durch Vergleich eine Grundform zu rekonstruieren:
„[...] Bei weitem klarer würde uns das lautliche Verhältnis dieser Sprachen entgegentreten, wenn der Verfasser [Pott] nicht den Zustand des Sanskrits, wie wir es kennen, zum Regulativ genommen hätte, sondern diese Sprachen sich gegenseitig regulierten.[...]“ 8
Demnach war August Schleicher tatsächlich nicht der erste, der die Notwendigkeit von Rekonstruktion erkannte und darauf hinwies. Ihm gebührt dagegen der Verdienst, als erster diese Methode konsequent angewendet und sie dadurch als neue Technik in die Sprachwissenschaft eingeführt zu haben.
Desweiteren wird Schleicher gerne die Einführung des Asteriskus < * > zur Kennzeichnung rekonstruierter Formen zugeschrieben. So sprach laut Koerner 1976 Otto Jespersen 1921 vom „ingenious device, due to Schleicher, of denoting such [reconstructed] forms by means of a preposed asterisk to distinguish them from forms actually found“ 9 und W. Keith Percival habe 1969 daran erinnert, „that Schleicher introduced the use of starred forms into Indo-European linguistics“ 10 . Auch Koerner selbst gesteht, diese Meinung noch in einem Aufsatz von 1972 vertreten zu haben. Zweifelsfrei benutzt Schleicher in seinem Compendium einen Asteriskus zur Kennzeichnung rekonstruierter Formen – mit Ausnahme der durch „idg.“ oder „ur-idg.“ als
5 Pedersen 1931, S. 267.
6 Benfey 1837, S. 5.
7 ibidem, S. 7.
8 ibidem, S. 9/10.
9 Jespersen 1921, S. 81 (vgl. Koerner 1976, S. 185).
10 Percival 1969, S. 417/18.
- 4 -
Quote paper:
Christiane Gante, 2003, August Schleicher und die indogermanische Ursprache, Munich, GRIN Publishing GmbH
This text can be quoted and accessed from this url:
Embed
DOI
Didaktische Modelle: Bildungstheoretische und Lerntheoretische Didakti...
Pedagogy - Science, Theory, Anthropology
Intermediate Examination Paper, 33 Pages
Warum brauchen Non-Profit-Organisationen überhaupt Marketing?
Nursing / Foster Care Management / Social Services
Termpaper, 22 Pages
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Elaboration, 25 Pages
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Elaboration, 35 Pages
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Elaboration, 15 Pages
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Elaboration, 25 Pages
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Elaboration, 20 Pages
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Termpaper, 14 Pages
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Script, 46 Pages
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Elaboration, 39 Pages
Christiane Gante's text August Schleicher und die indogermanische Ursprache is now available as a printed book
Christiane Gante has published the text August Schleicher und die indogermanische Ursprache
Christiane Gante has uploaded a new text
La Langue Poetique Indo-Europeenene: Actes Du Colloque de Travail E La...
Gj Pinault, D. Petit
0 comments