Inhaltsverzeichnis
Seite
1. Einleitung. 3
2. Blaue Hortensie - Analyse Interpretation 4
2.1. Formale Analyse 4
2.2. Inhaltliche und thematische Interpretation 7
2.3. Blaue Hortensie - Ein Dinggedicht 13
3. Rilke und der Symbolismus 16
4. Schlussbemerkung 18
5. Literaturverzeichnis 20
2
1. Einleitung
„Diese ideale Poesie erschafft ein Eden, vorgestellt als ein Blumengarten im poetischen Zustand, ein wiedererschaffener Garten. Eden ist die Schöpfung des Dichters, er gibt den Blumen das zweite Leben, indem er sie benennt.“ 1
Diese Forderung nach einer ‚poésie pure‘ wurde einst vom großen Symbolisten Stéphane Mallarmé (1842-1898) an die Dichtkunst gestellt. Schon durch diese Forderung wird klar, dass die Blume wohl ein wichtiger Aspekt perfekter symbolistischer Dichtung ist.
Ist es vielleicht kein Zufall, dass der symbolistische Dichter Rainer Maria Rilke (1875-1926) einem seiner bekanntesten und exemplarischsten Gedichte, welches das Hauptthema dieser Arbeit sein wird, den Namen einer schönen Blume gegeben hat?
Blaue Hortensie gehört zu Rilkes Neue Gedichte, die im Dezember 1907 im Insel-Verlag in Leipzig erschienen 2 und in einer Zeit entstanden sind, in der ihr Autor von 1902 bis 1908 in Paris lebte. Wie der Titel indiziert, stellen die Neuen Gedichte einen grundsätzlichen Neuanfang in der Entwicklung des Dichters dar. 3 „Unter dem Einfluß Rodins, bei dem er vom September 1905 bis Mai 1906 als Sekretär tätig war“ 4 , entwickelte Rilke, durch die Werke des Bildhauers inspiriert, eine neue eigene Vorstellung von ‚Kunst-Dingen‘. So entstand das Phänomen ‚Dinggedicht‘, welches Rilke und gerade seine Neuen Gedichte sehr geprägt hat. In den folgenden Kapiteln soll anhand des Gedichts Blaue Hortensie von Rilke erarbeitet werden, was genau unter dem Begriff Dinggedicht zu verstehen ist und ob Blaue Hortensie dieser Gattung angehört. Dazu werden zuerst formale und inhaltliche Eigenschaften und Themen des Gedichts ausführlich analysiert. Im 3. Kapitel soll anschließend noch die Frage beantwortet werden, inwieweit Rilkes Blaue Hortensie den Symbolismus vertritt und welche Besonderheiten dieser Tradition er dazu in seinem Gedicht verwendet hat.
1 Losereit (1968), S. 65.
2 Rilke-Handbuch (2004), S. 296.
3 Ebd.
4 Ebd., S. 297
3
2. Blaue Hortensie - Analyse und Interpretation
2.1 Formale Analyse
Bevor Inhalt und Thematik genauer interpretiert werden, wenden wir uns zunächst den formalen Gegebenheiten, wie Metrum, Versmaß, Reimschema sowie Vers- und Gedichtform des Gedichtes zu. Um das ganze besser zu visualisieren, wurden Metrum (xX), Kadenzen (♀♂), Reimschema (abba, bccb, ded, fef), Zäsuren (||) und Enjambements ( ) direkt am Gedicht farblich sichtbar gemacht:
5 Rilke (1955), S. 519.
4
Schon rein äußerlich verraten die 14 Verszeilen, aufgeteilt in 2 vierzeilige Quartette und 2 dreizeilige Terzette, auf den ersten Blick, dass es sich bei der Gedichtform um ein klassisches Sonett handelt.
Die umarmenden Reime des vorliegenden Reimschemas abba / bccb / ded / fef erinnern zwar an die Form des italienischen Petrarca-Sonetts (mit zwei umschlingenden Quartetten und zwei Terzetten: abba / abba / cdc / dcd), jedoch lassen sich besonders die Reime der Terzette oft auf vielfache Weise, nicht nur im Symbolismus, abwandeln. Viel interessanter als die Bedeutung des Reimschemas sind „der [syntaktische] Bau und die innere Struktur“ 6 des Sonetts:
„[…] sie sind durch einen dialekt[ischen] Ablauf gekennzeichnet. Die Quartette stellen in These und Antithese die Themen des Gedichtes auf; die Terzette führen diese Themen in konzentriertester Form durch und bringen die Gegensätze abschließend zur Synthese. Quartette und Terzette stehen sich im Verhältnis von Erwartung und Erfüllung, von Spannung und Entspannung gegenüber, syntakt[isch] oft in Form von Voraussetzung und Folgerung, Behauptung und Beweis.“ 7
Ob diese Struktur von These, Antithese und Synthese auch in Rilkes Gedicht formtypisch umgesetzt wurde, soll weiter unten noch genauer untersucht werden. Fest steht dennoch: Dass die Wahl Rilkes bei der Gedichtform auf ein Sonett fiel, fand wohl keineswegs zufällig statt, da das Sonett bereits „im 19. [Jahrhundert] von den Parnassiens und Symbolisten […] wieder aufgegriffen [wird], allerdings mit zahlreichen formalen Freiheiten. […] Auch die [deutsche] Lyrik der Jahrhundertwende und des frühen 20. [Jahrhunderts] wendet sich, v.a. vom [französischen] Symbolismus angeregt, dem [Sonett] zu […]; Formstrenge […] und freie Variation des [Sonnet]schemas […] stehen sich dabei gegenüber.“ 8 Obwohl das Sonett nicht auf eine bestimmte Versart festgelegt ist, bevorzugt es jedoch jambische Versmaße, wie den in diesem Gedicht angewandten Endecasillabo. Bei genauerer Betrachtung des Metrums in Blaue Hortensie stellt man fest, dass das Sonett durchgehend aus 5-hebigen Jamben besteht, was dem Gedicht, entgegen der Vorliebe der Symbolisten, gerne frei und gegen übliche
6 Metzler (1990), S. 432; Hervorhbg. i. O.
7 Ebd.
8 Ebd., S. 433.
5
strenge Traditionen in Verslehre und Lyrik zu agieren, einen verhältnismäßig gleichmäßigen Rhythmus verleiht.
Obwohl der romanische Endecasillabo, also der Elfsilber, in strenger Form 11 Silben und stets weibliche Kadenz bevorzugt, hat Rilke etwas freier gearbeitet und ebenso 10-silbige Verse mit männlichem Versausgang eingebaut, was aber generell in der deutschen Lyrik nicht unbedingt ungewöhnlich ist; dennoch überwiegen mit 8 Versen (Vers 1, 4, 6, 7, 9, 11, 12, 14) zu 6 (Vers 2, 3, 5, 8, 10, 13) die 11-Silber mit weiblichen Kadenzen.
Auch wenn der Endecasillabo in der Regel nicht auf einer festen Zäsur besteht, sind dennoch meist Einschnitte nach der 4. oder 6. Silbe möglich. In diesem Fall finden wir jedoch Zäsuren immer entweder nach der 5. (Vers 2, 4, 8, 10) oder der 7. Silbe (Vers 3, 13) vor, doch auch dieses Phänomen ist bei einem symbolistischen Gedicht nichts Ungewöhnliches.
Zu guter Letzt wäre noch auf die insgesamt 5 Enjambements hinzuweisen: In jeder Strophe, außer dem 1. Terzett, arbeitete Rilke mit Zeilensprüngen. Damit wirkt er dem auf Dauer eintönig wirkenden Zeilenstil, der durch die sehr regelmäßigen Jamben entsteht, entgegen und erreicht eine gleitende Struktur mit ungewöhnlichen Akzenten; das Gedicht lässt sich somit lockerer und prosanäher lesen. Dass, wie bereits erwähnt, in der 3. Strophe kein Enjambement hinzugefügt wurde, ist wohl ebenfalls nicht zufällig geschehen. Wenn man sich das Terzett anschaut, sieht und merkt man ziemlich schnell, dass ein Wechsel in der Thematik stattgefunden hat. Es ist die einzige Strophe, in der scheinbar nicht einmal von einer Hortensie bzw. Pflanze im Allgemeinen, ihren Farben oder Eigenschaften gesprochen wird, wie in den übrigen Strophen. Die Thematik scheint sich hier eher mit humanen (wie in Vers 9: „Verwaschnes“ 9 , „Kinderschürze“ 10 ) als mit botanischen Dingen (Vers 2: „Blätter“ 11 , Vers 13: „Dolden“ 12 ) zu beschäftigen. Man spürt den Einschnitt, den dieser thematische und auch der Tonwechsel bewirken, sehr deutlich. Doch auch damit wollen wir uns im nächsten Kapitel noch ausführlicher beschäftigen. Alles in Allem konnte verdeutlicht werden, dass es sich bei Blaue Hortensie um ein klassisches Sonett handelt, das mit seinem jambischen Metrum, dem umarmenden
9 Rilke (1955), S. 519.
10 Ebd.
11 Ebd.
12 Ebd.
6
Arbeit zitieren:
Eva K. Sammel, 2008, Rainer Maria Rilkes "Blaue Hortensie", München, GRIN Verlag GmbH
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