Inhaltsverzeichnis
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1. Einleitung 3
2. Die Gattung Fastnachtspiel 4
3. Die Situation der Juden im Nürnberg um 1500 6
4. Textanalyse 8
4.1. Die „topischen Verbrechen“ und ihre Strafen 8
4.2. Die Judensau 15
4.3. Diffamierung in der Aufführungspraxis 17
5. Schluss 18
6. Literaturverzeichnis 20
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1. Einleitung
Nicht erst die Geschichte der letzten einhundert Jahre war geprägt von Hochs und Tiefs für die religiöse Gemeinschaft der Juden. Die letzten fünfzig Jahre des 20. Jahrhunderts zeigten beispielsweise unzählige Auseinandersetzungen der Israelis mit verschiedenen Völkern, so z.B. den Ägyptern. Auch der andauernde Konflikt mit den Palästinensern sowie die in letzter Zeit vermehrt vorkommenden Agitationen seitens des Irans gegen die Israelis zeugen von einer sehr bewegten Geschichte der Juden. Das wohl tragischste und hoffentlich am längsten erinnerte Moment jüdischer Geschichte stellt hingegen der Holocaust des 2. Weltkrieges dar, aufgrund dessen weit mehr als fünf Millionen Juden ihr Leben verloren. Es ist aber wichtig zu erkennen, dass die antijüdischen und antisemitischen Einstellungen der Nationalsozialisten keine „Erfindung“ eben dieser Ideologieträger sind: Vorurteile und Ressentiments gegen die jüdische Religion und gegen die jüdische Gemeinschaft im Allgemeinen haben leider eine jahrhundertealte Tradition, die sich vom frühen Mittelalter bis, wie gesagt, in die neueste Geschichte hineinzieht. Und so wie sich das späte Mittelalter und die frühe Neuzeit generell durch eine Fülle von gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Veränderungen auszeichnen, so verändern sich auch die Darstellungen von und Einstellungen zu Juden: Diese Epochen bilden einen Übergang vom religiös begründeten Antijudaismus zum rassisch fundierten Antisemitismus. Selbstverständlich schlägt sich diese neue Mentalität auch in der deutschsprachigen Literatur als Ausdruck deutscher Kultur nieder, ganz besonders in dem vielfältigen und umfangreichen Oeuvre des Nürnberger Meistersängers und Fastnachtspieldichters Hans Folz. In dieser Arbeit werde ich mich daher mit einem sehr interessanten Fastnachtspiel Folz’ beschäftigen - Der Juden Messias oder auch Ein spil von dem herzogen von Burgund genannt -, das um das Jahr 1500, also in einer Zeit politischer und gesellschaftlicher Krisen, in Nürnberg entstanden ist, und untersuchen, inwiefern und wie die Juden negativ dargestellt werden, und ob und worauf Folz bei seiner Darstellung zurückgreift.
Zuerst werde ich jedoch kurz auf die Gattung des Fastnachtspiels - speziell auf die Nürnberger Tradition - selbst eingehen und schauen, welche Möglichkeiten dieses Genre für die Verbreitung eines speziellen Judenbildes bot und bietet. Im Anschluss daran werde ich überblicksartig die Geschichte der Juden im Mittelalter umreißen und auch auf die Stellung der Juden im Nürnberg um 1500 eingehen, um verdeutlichen zu können, in welchem zeitgeschichtlichen Kontext das Spiel entstanden ist. Daran anschließen wird sich eine genaue Analyse des Textes, bei der gezeigt werden wird, mit Hilfe welcher Mittel die Juden diffamiert werden.
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Was das Fastnachtspiel selbst anbetrifft, so folgen nun einige kurze Anmerkungen editionsphilologischer Art: Der Text, den ich verwende, stützt sich auf die Ausgabe aus dem Werk Frühe Nürnberger Fastnachtspiele. 1 Hier wird das Stück Der Juden Messias genannt. Dies ist darauf zurückzuführen, dass die Autoren selbst ihren Spielen nur selten eigene Titel gaben, die Titel, die wir haben, somit von der Forschung gegebene Konstrukte sind. Ich werde im Folgenden allerdings den Titel Ein spil von dem herzogen von Burgund verwenden, einen Titel also, den der Großteil der Forschung verwendet, um sich auf dieses Spiel zu beziehen, weil es ansonsten zu Verwechslungen kommen könnte, da es neben dem hier als Der Juden Messias bezeichneten Fastnachtspiel auch noch eine Reimpaardichtung von Hans Folz gibt, die den gleichen Namen trägt. Das Spiel ist in der Zeit zwischen 1486 und 1493 entstanden. Dies lässt sich damit erklären, dass schon in Zeile 9 Kaiser Maximilian I. als römischer König bezeichnet wird - ein Titel, den er erst im Jahre 1486 erhielt. Der terminus ante quem lässt sich mit der frühesten Handschrift erklären, die das Stück beinhaltete, und die als Schlussdatum das Jahr 1493 trägt.
2. Die Gattung Fastnachtspiel
Das Fastnachtspiel ist der dominierende „Typ des weltlichen Spiels im ausgehenden Mittelalter, der wesentlich bestimmt ist durch die Bindung an die Situation Fastnacht im städtischen Kontext“ (s. Ragotzky : 568), und stellt demzufolge die umfangreichste Gattung des 15. und 16. Jahrhunderts. Diese Spiele wurden in Reimen abgefasst und hauptsächlich von Handwerkern, zum Teil aber auch von Söhnen der Patrizier, in der Fastnacht, also kurz vor Beginn der Fastenzeit, in einer Zeit städtischer Fest- und karnevalesker Lachkultur, üblicherweise in Wirtshäusern, aber manchmal auch auf öffentlichen Plätzen aufgeführt. Ausgeprägte Spieltraditionen gab es in Lübeck, in Tirol, im alemannischen wie im böhmischen Raum und in Nürnberg, wobei gerade Nürnberg die umfangreichste und thematisch wie poetologisch ausdifferenzierteste Spieltradition stellt. Diese ist es auch, die hier von Bedeutung ist.
Anders als in anderen Spieltraditionen gab es in Nürnberg von Anfang an sowohl Reihenals auch Handlungsspiele. Erstere sind gekennzeichnet durch eine Reihung von Auftritten einzelner Personen, die jeweils nur einen Redebeitrag haben, sich aber gegenseitig überbieten wollen, wohingegen letztere der modernen Konzeption eines Dramas ähneln - mit miteinander interagierenden Figuren und zum Teil sogar sehr komplexen
1 Przybilski, Martin: „Hans Folz: Der Juden Messias“. In: Ridder, Klaus / Steinhoff, Hans Hugo (Hrsg.): Frühe Nürnberger Fastnachtspiele. Paderborn u. a. S. 85-108
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Handlungsstrukturen. Thematisch lässt sich eine breite Vielfalt beobachten: Von Texten mit dem Thema Fastnacht selbst, über Texte, die sich in ihrer Minnethematik stärker an dem Mittelalter orientieren, bis hin zu Texten mit moralisch-didaktischen Zügen lässt sich in dieser Gattung sehr viel finden.
Was diese Texte allerdings sowohl literaturwissenschaftlich als auch historischanthropologisch interessant macht, ist ihre „Sinnreduktion auf die Ebene direkter Körperlichkeit“: „das Vergnügen an Geschlechtlichkeit und Exkrementen aller Art beherrscht weitgehend die Szene“ (s. Ragotzky : 570). Und genau diese „Sinnreduktion“ ist es auch, die Folz zu einer spezifischen Darstellung der Juden in seinem Spiel verhilft. Der Miteinbezug der sexuellen und skatologischen Sphäre, ebenso wie der derbe, fast schon makabre Humor erlauben eine klar negative, diffamierende Illustration. Da entsprechende Begrifflichkeiten zum Fastnachtspiel gehören, gelten sie auch nicht als Tabubrüche. Ein weiteres Moment, das zur Verbreitung dieses Judenbildes beiträgt, ist der Rezeptionshintergrund der Fastnachtspiele. Zur Zeit der Fastnacht waren die entsprechenden weltlichen Spiele vergleichbar mit den modernen Massenmedien: Man erreichte sowohl die ärmeren Schichten als auch die wohlhabenden Oberschichten, z.B. die Ratsmitglieder. Dies hatte meiner Ansicht nach auch sozial verbindende Funktion: Man drückte beider Gruppen Meinungen aus und brachte somit zusammen, was sich häufig nicht mal annäherte. Mit Bezug auf die Juden kann das heißen: Man drückte zum einen den Frust der unteren Schichten über sie aus, und zum anderen vielleicht auch die latenten Meinungen der oberen Schichten. Zudem konnte man sozusagen als Sprachrohr der breiten Massen fungieren und den Verwaltungsmächten der Stadt die Ansichten der Unter- und Mittelschicht vermitteln und gleichzeitig Lösungsvorschläge aufzeigen. Fest steht: Man konnte mit Fastnachtspielen etwas bewegen, und vielleicht war auch das die Intention Folz’. Wollte er politisches Fastnachtspiel dichten?
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3. Die Situation der Juden im Nürnberg um 1500
Die Fixierung auf Religion und Volk prägte das geistige Leben der Juden bis ins 18. Jahrhundert. Bis dahin führte der größte Teil der jüdischen Bevölkerung in Deutschland eine religiös-kulturelle Sonderexistenz mit besonderer Sprache und Kleidung, eigenen Riten und Lebensgewohnheiten. Die Juden waren eine Minderheit, die in Armut lebte und von den anderen Bevölkerungsgruppen verachtet wurde. Ihre Lage war prekär und nur für eine geringe Anzahl von Privilegierten erträglich. (s. Schütz 1992: 29)
Die Geschichte der Juden war seit jeher geprägt von zum großen Teil haltlosen Vorwürfen, erbarmungslosen Verfolgungen, Vertreibungen und Pogromen. Die Vorwürfe, die den Juden als beinahe schon topologische Verbrechen angehängt wurden, reichten von satanischen Ritualen und Morden bis hin zu Wucher und Brunnenvergiftungen, und ergaben sich hautsächlich aus der Vorstellung, die Juden würden die Christen hassen und alles, was mit dem Christentum verbunden ist verabscheuen.
Die Rituale bestanden christlichem Aberglauben zufolge aus Teufelsanbetungen und ähnlichem, bei denen häufig auch christliche Kinder entführt und umgebracht wurden, um deren Blut bei kultischen Praktiken zu verwenden. Dieses Vorurteil speiste sich zu einem Teil auch aus der Stellung der Juden als Ärzte und Wundheiler bei Hofe und in Städten: Es hieß, jüdische Ärzte würden christliche Patienten aus Hass absichtlich falsch behandeln, um ihnen so den falschen Glauben auszutreiben und sich für die gesellschaftliche Ungerechtigkeit, die ihnen konstant widerfuhr, zu rächen. Darüber hinaus glaubte man, Juden würden die einzigen Frischwasserquellen, Brunnen, vergiften, um in Zeiten der Not das sowieso schon geplagte Volk der Christen noch zusätzlich zu belasten. Sie hingegen, die Juden, überlebten trotz mangelndem Wassers, was schnell dazu führte, die Juden mit dem Teufel in Verbindung zu bringen, mit dem sie angeblich ein Bündnis geschlossen hätten, um die Christen zu vernichten. Gerade während und kurz nach der Zeit des schwarzen Todes 1348/49 waren Juden daher in ungeheurem Maße der Verachtung des Volkes und entsprechend einhergehender Sanktionen durch die Christen ausgeliefert. Ein außergewöhnlich paradoxer Vorwurf ist der, Juden würden Hostien freveln, indem sie diese stehlen und während einem ihrer Rituale mit Dolchen aufspießen würden, bis dieses blute. Die Paradoxität besteht darin, dass Juden stets vorgeworfen wurde, dem falschen Glauben anzuhängen - wenn sie allerdings nicht dem christlichen Glauben folgen, gäbe es für sie keinen Grund, Hostien schänden zu wollen, denn für sie haben Hostien schließlich keinen spirituellen Wert. Die Hostienfrevellegende behauptet also, die Juden würden trotz ihres „falschen Glaubens“ an die
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Mate Madunic, 2005, "Ey, hat dich der teufel herein getragen?" Untersuchungen zum Antijudaismus in Hans Folz "Ein spil von dem herzogen von Burgund", Munich, GRIN Publishing GmbH
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