Inhaltverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Das deutsche Bildungsbürgertum 4
3. Der Kulturelle Krieg 5
3.1 Die geistige Mobilmachung 5
3.2. Ursache und Motivation 8
4. Schlussbetrachtung 9
Literaturverzeichnis 10
2
1. Einleitung
„…Seid Ihr die Enkel Goethes oder die Attilas?“ 1 So lautete die Frage des französischen Schriftstellers Rolland Romain an seinen deutschen Kollegen Gerhart Hauptmann, welche in einem offen Brief in der französischen Presse zu lesen war, nachdem die Deutschen zu Beginn des Ersten Weltkrieges das neutrale Belgien überfallen hatten. Die Frage und ihre implizierte Provokation zeigen, dass der Erste Weltkrieg nicht nur an der militärischen, sondern auch an einer geistigen und kulturellen Front geführt wurde. Schon am Tag des Kriegsausbruches wurden auf Seiten aller Kriegsparteien zahlreiche Schriften, Reden und Gedichte veröffentlicht, welche dem Krieg positiv gesinnt waren und deren Menge mit jedem weitern Kriegstag anstieg. Ihre Inhalte und Autoren, sowie deren Beweggründe bilden die Basis dieser Arbeit, welche aus deutscher Perspektive einen Einblick in die Thematik der kulturellen Auseinandersetzung geben soll. In diesem Zusammenhang wird das deutsche Bildungsbürgertum eine zentrale Rolle einnehmen, da hier ein wesentlicher Anteil der beteiligten Autoren vermutet wird.
Strukturell scheint es angebracht zunächst eine Definition dessen zu geben, was der Begriff deutsches Bildungsbürgertum meint beziehungsweise was er nicht meint. Anschließend wird die These des Bildungsbürgertums als Hauptproduzent geprüft. Unter Einbeziehung der damaligen Ereignisse werden dann Motivationen sowie Werke und Reaktionen damaliger Autoren exemplarisch untersucht, um schließlich eine Bewertung der damaligen Situation geben zu können. Die literarische Grundlage liegt zum einen in den Arbeiten zum Bildungsbürgertum des Arbeitskreises der modernen Sozialgeschichte von 1980 bis 1987, sowie auf den Untersuchungen von Helmut Fries in seinem Werk „Die Große Katharsis“ und den Ausführungen Jürgens und Wolfgangs von Ungern-Starnberg bezüglich des Aufrufs an die Kulturwelt.
Die Ausweitung der Untersuchung auf alle teilnehmenden Kriegsparteien muss formatbedingt ebenso geschuldet bleiben, wie eine stark detaillierte Erforschung der folgenden Sachverhalte. Die hier angestellten Überlegungen können deswegen nur einen eingeschränkten Zugang leisten.
1 Roman, Rolland, Frankreich 29.08.1914, zitiert nach: http://images.zeit.de/text/2001/36/Ich_moechte_tot_sein;
zuletzt gesehen: 28.06.08.
3
2. Das deutsche Bildungsbürgertum
Soll das deutsche Bildungsbürgertum als Akteur bezeichnet werden, so muss es als erstes näher spezifiziert werden. Dies liegt nicht zu letzt daran, dass dieser Begriff keineswegs so eindeutig allgemein gültig ist, wie es zunächst erscheinen mag. Es geht hierbei nicht darum die Existenz beziehungsweise das Handeln der Leute in Frage zu stellen, die dieser Gruppe angehören sollen, sondern um die Nennung und Überprüfung der Zuordnungskriterien. Eine solche Überprüfung wurde in den achtziger Jahren von dem Arbeitskreis moderne Sozialgeschichte unternommen. Dieser Stellte die Hypothese in den Vordergrund, dass es sich bei dem deutschen Bildungsbürgertum um eine soziale Gruppierung handle, welche auf deutscher Seite seit Beginn des 18. Jahrhunderts in Erscheinung getreten sei. Diese Gruppierung zeichne sich dadurch aus, dass sie aus Menschen verschiedener Klassen mit unterschiedlichen Berufen zusammengesetzt sei, weshalb auch unterschiedliche Besitz, Finanz und Lohnverhältnisse innerhalb der Gruppierung existierten. Der Schlüssel zur Gemeinsamkeit sei die anerkannte Bildung und deren Gebrauch. Hierbei seien diejenigen gebildeten Bürger ausgeschlossen, welche die Bildung und ihre Verwertung nicht als Lebensziel beziehungsweise Lebensgrundlage nutzten. Leute, die als Bildungsbürger bezeichnet werden können seien demnach zum Beispiel: akademische Beamte, Richter, Pfarrer, Professoren, Lehrer, Ingenieure etc. 2 . Diese Hypothese konnte von den Teilnehmern des Arbeitskreises mit Hilfe einer Klassenanalyse der damaligen Gesellschaft von den Anfängen des 18. Jahrhunderts bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts empirisch bestätigt werden. 3 Es konnte demnach bewiesen werden, dass die vermuteten Zusammenhänge existieren, was hier genügen soll, um den Begriff als für diese Arbeit ausreichend definiert zu betrachten. Die internationale Unterscheidung ergibt sich nicht aus der Definition, welche in dieser allgemeinen Haltung größten Teils auch auf Bildungsbürger aus Frankreich oder England zutrifft, sondern durch die staatsspezifischen Unterschiede der Definierten selbst. Ein Beispiel wären hier die Unterschiede in Ausbildung und Ausübung der akademischen Beamtenlaufbahn zwischen Frankreich und dem Kaiserreich. 4
Zeitlich relevant für diese Untersuchung ist die Situation des späten wilhelminischen Bürgertums bis zum Ende des Ersten Weltkrieges. Der Sozialhistoriker Konrad H. Jarausch sieht das Bildungsbürgertum zu Beginn des 20. Jahrhunderts in einer Krise bedingt durch sein
2 Kocka, Jürgen, Bildungsbürgertum. Gesellschaftliche Formation oder Historikerkonstruckt? In: Kocka J.
(Hrsg): Bildungsbürgertum im 19. Jahrhundert Teil IV, Band 48, Stuttgart 1989, S. 9.
3 Die ausführliche Begründung findet sich bei Kocka s.o.
4 Für eine vertiefende Diskussion der Definition siehe: Vondung, Klaus (Hrsg.), Das wilhelminische
Bildungsbürgertum. Zur Sozialgeschichte seiner Ideen, Göttingen 1976.
4
rasches Wachstum in jenen Jahren. 5 Diese Krise wog besonders schwer auf Seiten der Geisteswissenschaften, da die späte aber dafür umso rasantere Wandlung in einen Industriestaat die neunen Naturwissenschaften stärker denn je in den Vordergrund rückte. 6 Diese Krise führte laut Jarausch zu einem Zersetzen in die eigentlichen Berufsgruppen. Dieses endete abrupt mit dem Beginn des Krieges, welcher sie wieder näher zusammenrücken lässt. 7 Definition und Situationsbeschreibung lassen nun folgenden Schluss zu, es ist nicht möglich, das deutsche Bildungsbürgertum als einen einzelnen Akteur darzustellen. Hierfür ist die Diversifikation innerhalb dieser Schicht viel zu groß, um zu einer gesamt kollektiven Handlung führen zu können. Das bedeutet aber nicht, dass sich einzelne Akteure nicht in diese Schicht zurückverfolgen lassen. Es ist deswegen durchaus möglich Aussagen über eventuelle Strömungen innerhalb der Schicht zu machen, oder in manchen Fällen prozentuale Beteiligungsmessungen durchzuführen. Für den Fall, dass es möglich ist relevante Beteiligungen, Aktionen etc. nachzuweisen, ermöglichen diese sozialhistorische oder soziologische Schlussfolgerungen.
Die zu Beginn aufgestellte These von einer großen Beteiligung der deutschen Bildungsbürger kann eindeutig bestätigt werden, da von militärischen Propagandaschriften einmal abgesehen, die Urheber fast aller dieser Werke in den Bereich der zuvor als Bildungsbürgertum definierten Intellektuellen fallen. 8 Die Möglichkeit etwaiger prozentualer Angaben bleibt jedoch auf Grund des enormen Umfangs von Schriften und Autoren nur theoretisch möglich. Ergänzend sei betont, dass diese These keine allgemeinen Schlussfolgerungen über die Gesinnung der Schichtzugehörigen ermöglicht.
3. Der Kulturelle Krieg
3.1 Die geistige Mobilmachung
Mit dem ersten Tag des Krieges setzte eine Welle von Reden, Schriften und Gedichten ein, welche das ganze Reich überflutete. Sie hoben den deutschen Heldenmut sowie die die angebliche kulturelle Überlegenheit des Reiches hervor, kritisierten und verspotten den Feind
5 Jarausch, Konrad H., Die Kriese des deutschen Bildungsbürgertums im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts, in:
Kocka J. (Hrsg): Bildungsbürgertum im 19. Jahrhundert Teil IV, Band 48, Stuttgart 1989, S. 180-205, hier: S.
180ff.
6 Vgl. Fries, Helmut, die große Katharsis. Der Erste Weltkrieg in der Sicht deutscher Dichter und Gelehrter,
Konstanz 1994, Band1, S. 31.
7 Jarausch, Konrad H., Die Kriese des deutschen Bildungsbürgertums im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts, in:
Kocka J. (Hrsg): Bildungsbürgertum im 19. Jahrhundert Teil IV, Band 48, Stuttgart 1989, S. 180-205.
8 Ungern-Sternberg von, Jürgen und Wolfgang, Der Aufruf an die Kulturwelt. Das Manifest der 93 und die
Anfänge der Kriegspropaganda im Ersten Weltkrieg, Stuttgart 1996, S. 13. 5
auf jede erdenkliche Art und Weise. 9 Professoren hielten Vorträge und Reden über den ausgezeichneten deutschen Geist und dessen Fähigkeiten. Der deutsche Philosophie Professor und Nobelpreisträger Rudolf Eucken hielt beispielsweise gleich zu Anfang in der Universität Jena in Thüringen eine Rede in einem völlig überfüllten Hörsaal über die „sittlichen Kräfte des Krieges“ 10 . Ihr Inhalt war im Kern folgendes: ‚Der Krieg sei ein schweres Übel, falls er aus niederen Beweggründen geführt werde, aber als "Quelle sittlicher Stärkung" dagegen bewähre sich "der Kampf eines ganzen Volkes für seine Selbsterhaltung und für die Wahrung seiner heiligsten Güter". Dass Deutschlands Krieg von ebendieser Art sei, also einer gerechten Sache diene, das zeige "die durchgreifende Läuterung und Erhebung", die er an "unserer Seele" bewirke.“ 11 Diese Aussagen beweisen das Einverständnis Euckens mit diesem Krieg und lassen gleichzeitig erkennen, dass die gegebene Legitimation durch die Notwendigkeit der Selbsterhaltung, also der Verteidigung beruht. Die Wahrung der heiligsten Güter meint die Verteidigung der deutschen Existenz unter Einbeziehung der Kultur. Redner wie Eucken fanden zu Beginn des Krieges einen besonders großen Zuspruch unter der Bevölkerung. Bei einer weiteren Rede, welche er in Nürnberg hielt, war der Andrang von Bürgen und Studenten so groß, dass er sie sogar zweimal halten musste. 12
Der Schriftsteller Thomas Mann äußert sich noch im August in einem Brief an seinen Bruder Heinrich wie folgt: „Welch eine Heimsuchung! […] Muß man nicht dankbar sein für das vollkommene Unerwartete, so große Dinge erleben zu dürfen?“ 13 Eine ganze Reihe von Intellektuell und Schriftstellern meldete sich freiwillig für den Fronteinsatz. All dies sind unverkennbare Beweise dafür, dass die Kriegsanfangszeit gerade unter den Bildungsbürgern eine Welle der Begeisterung und Euphorie auslöste. Der Krieg wurde von Dichtern und Künstlern unterschiedlichster Herkunft freudig begrüßt und bereitwillig unterstützt und gerechtfertigt. Die Krise der Geisteswissenschaftler schien mit einem mal vorüber. Schulter an Schulter fanden sie sich mit kriegsbejahenden Reaktionen an der literarischen Front wieder. 14
Bevor die Gründe für diese Begeisterung untersucht werden, soll exemplarisch die zweite Strophe aus einem der populärsten deutsche Gedicht der ersten Kriegszeit kurz analysiert werden. Der „Haßgesang gegen England“ wurde von Ernst Lissauer ebenfalls zu Beginn des
9 Vgl. Welch David, German, Propaganda and Total War, 1914-1918. The Sins of Omission, London 2000, S.
17.
10 Vgl. Flasch, Kurt, Die geistige Mobilmachung, Berlin 2000, S. 18.
11 Ebd. S. 18 ff. Die vollständige Rede findet sich in: „Daheim Jahrgang 50, Heft 52“.
12 Eucken, Rudolf, Lebenserinnerungen. Ein Stück des Lebens, Leipzig 1921, S. 99.
13 Mann, Thomas, Briefwechsel. 1900-1949, Frankfurt a. M. 1984, S. 108.
14 Fries, Helmut, die große Katharsis. Der Erste Weltkrieg in der Sicht deutscher Dichter und Gelehrter,
Konstanz 1994, Band 2, S. 18. 6
Krieges verfasst. Dieser war ein preußischer Jude, wessen freiwilliges Meldungsgesuch von den Musterungsstellen, wegen körperlicher Untüchtigkeit abgelehnt wurde. Daraufhin begann er Kriegslyrik zu verfassen, um auf diese Weise seinen Beitrag zu leisten. 15
Lissauer verwendet in diesem Gedicht ein einfaches Versmaß, AABB, die Reime sind zum Teil unrein und insgesamt recht simpel konstruiert. Form und Aufbau sind somit keines Falls die eines lyrischen Meisterwerks und so wird klar, dass es hauptsächlich darum ging eine Botschaft zu verbreiten. In dieser Strophe wird nur von England als Feind gesprochen, die anderen Kriegsgegner werden ignoriert, zwar spricht er sie in der ersten Strophe an, weist ihnen dabei aber nur eine unwichtige Randposition zu. Das Motiv für den Text dieses Gesangs wird im weiteren Verlauf der Arbeit deutlich.
Bisher hat sich gezeigt, dass es im Reich eine Kriegsbegeisterung gab, welche durch Gedichte, Reden und Schriften deutscher Bildungsbürger mit großer Zustimmung beziehungsweise sogar Begeisterung unterstütz wurde. Hervorzuheben ist hier noch die eindeutige Tendenz den Krieg als gerecht zu bezeichnen und besonders ihn als Verteidigung der eigenen Kultur zu begreifen. Die Gründe für dieses Verständnis der Situation liegen in der Motivation der Autoren, welche im Folgenden genauer betrachtet wird.
15 http://www.spiegel.de/spiegelspecial/0,1518,295458-2,00.html, zuletzt gesehen: 01.07.08.
16 http://www.hschamberlain.net/kriegsaufsaetze/hassgesang.html, zuletzt gesehen: 02.07.08.
7
3.2. Ursache und Motivation
Mit Ausbruch des Krieges gelang es den deutschen Soldaten schnell an der Front die ersten Erfolge zu vermelden. Das Reich führte einen erfolgreichen offensiven Krieg an Ost- und Westfront, welchen die militärisch politische Propaganda dem Volk sehr gekonnt als Verteidigungskrieg verkaufte. Die Parteien hatten sich auf einen politischen Waffenstillstand während des Kriegs, den so genannten Burgfrieden, geeinigt, was bedeutete, dass es keine politische Oppositionsmeinung mehr gab. 17 Die gekonnte Suggestion eines Verteidigungskrieges kann als Teilerklärung für die Auffassung der Autoren gesehen werden, sich in einer nicht selbst verschuldeten Krisenposition zu sehen, deren erfolgreiche Verteidigung kollektive Anstrengungen erforderte. Allerdings kann dieses nicht für die gesamte Kriegszeit, sondern nur für die Anfangsmonate gelten. Danach sang dann ja auch die anfängliche Begeisterung, die Auffassung „des Krieges als eines großartigen Mittels zur Reinigung der Kunst“ 18 und der Glaube der Kulturverteidigung blieben jedoch fest bestehen. Der Gedanke, dass mit zunehmender Kriegsdauer sich doch ein realeres Bild bei den Autoren hätte herausbilden müssen lässt sich hier nun nicht zurückweisen. Die Erklärung dafür, dass dies nicht geschah findet sich zu einem wesentlichen Teil in den Aktionen und Reaktionen des Auslands. Die Propaganda der Entente hatte sich zum Ziel gesetzt die Deutschen als kulturlose Barbaren darzustellen und war damit bei den eigenen so wie bei vielen neutralen Ländern sehr erfolgreich. Anka Mann fasst die Aussagen zweier erfolgreicher englischer Propagandisten im dänischen Kopenhagen im Berliner Tageblatt so zusammen: „So aber ist und bleibt Deutschland zu Kriegszeiten ein ‚Barbarenstaat‘, im Frieden aber ein wenig kultiviertes Land, wo Fleiß und guter Wille und Disziplin - vor allem Disziplin - jeden höheren Schliff ersetzen“ 19 . Diese Art der Propaganda führte zu Auffuhr unter der gebildet Bevölkerung, welche sich an dieser neu eröffneten kulturellen Front sowohl in der Realität als auch im eigentlichen Bewusstsein in einer Defensive sah. So war sie ein Grund für die Entstehung der wohl bekanntesten deutschen Reaktion, die durch Teile des Bildungsbürgertums angeleitet und von 93 der bekanntesten seiner Vertreter offiziell getragen wurde. Der Aufruf ‚An die Kulturwelt‘, welcher am 4. Oktober 1914 veröffentlicht wurde. Er ist ein Manifest in welchem mit der Hilfe von sechs Thesen versucht wird die deutsche Kultur
17 Vgl. Welch David, German, Propaganda and Total War, 1914-1918. The Sins of Omission, London 2000, S.
10.
18 Fries, Helmut, die große Katharsis. Der Erste Weltkrieg in der Sicht deutscher Dichter und Gelehrter,
Konstanz 1994, Band 2, S. 25.
19 Mann, Anka, Berliner Tageblatt vom 09.09.1914. zitiert nach: Ungern-Sternber von, Jürgen und Wolfgang,
Der Aufruf an die Kulturwelt, Stuttgart 1996, S. 17. 8
und das deutsche Handeln ins Recht Licht zurücken beziehungsweise zu legitimieren. 20 Auf Grund seiner populistischen Form und seines Inhalts wird dieser Aufruf zu Recht mit zur deutschen Kriegspropaganda gezählt, auch wenn dies nicht die Intention des eigentlichen Urhebern Fritz von Fulda war, wurde er doch durch eine Überarbeitung dazu gemacht. Es ist insofern nicht verwunderlich, dass der Aufruf sein Ziel verfehlte und es sogar ins Gegenteil umkehrte. Das Ausland sah in diesem Aufruf eine erbärmliche, den deutschen Geist bloßstellende zur Schaustellung von deutscher Überheblichkeit. 21 In der so erfolgreich von England geführten Propaganda ist nun auch der Grund für den außerordentlichen Hass zu finden, welchen Lissauer in seinem Gesang formulierte. Die Motivation der kriegsbefürwortenden Position vieler Autoren lässt sich demnach in dem Glauben finden für eine gerechte Sache einzutreten.
4. Schlussbetrachtung
Die Untersuchung hat gezeigt, dass das deutsche Bildungsbürgertum maßgeblich für die Verbreitung von kriegsbefürwortendem Gedankengut und Literatur verantwortlich war. Die zu Beginn auf gestellte Vermutung konnte somit verifiziert werden. Gleichzeitig hat sich jedoch gezeigt, dass diese Verantwortung nicht ausreicht, um das Bildungsbürgertum als einzelnen Akteur einer Masse mit kollektivem Handeln darzustellen. Das bedeutet, dass die getroffenen Schlussfolgerungen sich lediglich auf Strömungen innerhalb dieser Schicht beziehen können. Für eine präzise Zuordnung müsste eine Untersuchung nicht nur die kriegsbefürwortende, sonder die gesamte Bandbreite der damaligen Literatur prüfen. Die Kriegsbefürwortenden konnten als Bildungsbürger ausgemacht werden, unter welchen sich Menschen befanden die zum Teil zu den Obersten der intellektuellen Elite zählten. Ihre Motivation rührte im Allgemeinen nicht auf dem Wunsch nach Krieg und Unterdrückung, sonder auf dem Wunsch die eigene Kultur zu verteidigen und sich außerdem international führend zu präsentieren.
Abschließend lässt sich sagen, dass das wilhelminische Bildungsbürgertum in dem Zusammenhang mit der Literatur des Ersten Weltkrieges einen attraktiven Forschungsgegenstand darstellt, welcher besonders vor dem Hintergrund der Arbeit von Helmut Fries für eine weitere ausführliche Analyse interessant ist.
20 Ungern-Sternber von, Jürgen und Wolfgang, Der Aufruf an die Kulturwelt. Das Manifest der 93 und die
Anfänge der Kriegspropaganda im Ersten Weltkrieg, Stuttgart 1996, S. 154.
21 Ebd., S. 52ff. 9
Literaturverzeichnis
Forschungsliteratur
Eucken, Rudolf, Lebenserinnerungen. Ein Stück des Lebens, Leipzig 1921.
Flasch, Kurt, Die geistige Mobilmachung, Berlin 2000, S. 18.
Fries, Helmut, die große Katharsis. Der Erste Weltkrieg in der Sicht deutscher Dichter und Gelehrter, Konstanz 1994, Band1 und Band 2.
Jarausch, Konrad H., Die Kriese des deutschen Bildungsbürgertums im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts, in: Kocka J. (Hrsg): Bildungsbürgertum im 19. Jahrhundert Teil IV, Band 48, Stuttgart 1989, S. 180-205.
Kocka, Jürgen, Bildungsbürgertum. Gesellschaftliche Formation oder Historikerkonstruckt? In: Kocka J. (Hrsg): Bildungsbürgertum im 19. Jahrhundert Teil IV, Band 48, Stuttgart 1989.
Mann, Anka, Berliner Tageblatt vom 09.09.1914. zitiert nach: Ungern-Sternber von, Jürgen und Wolfgang, Der Aufruf an die Kulturwelt, Stuttgart 1996.
Mann, Thomas, Briefwechsel. 1900-1949, Frankfurt a. M. 1984, S. 108.
Ungern-Sternber von, Jürgen und Wolfgang, Der Aufruf an die Kulturwelt. Das Manifest der 93 und die Anfänge der Kriegspropaganda im Ersten Weltkrieg, Stuttgart 1996, S. 154.
Vondung, Klaus (Hrsg.), Das wilhelminische Bildungsbürgertum. Zur Sozialgeschichte seiner Ideen, Göttingen 1976.
Welch David, German, Propaganda and Total War, 1914-1918. The Sins of Omission, London 2000.
10
Internetressourcen
Romain, Rolland, Frankreich 29.08.1914, zitiert nach:
http://images.zeit.de/text/2001/36/Ich_moechte_tot_sein; zuletzt gesehen: 28.06.08.
http://www.hschamberlain.net/kriegsaufsaetze/hassgesang.html, zuletzt gesehen: 02.07.08.
http://www.spiegel.de/spiegelspecial/0,1518,295458-2,00.html, zuletzt gesehen: 01.07.08.
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Benjamin Hinsch, 2008, Dichter Denker und Barbaren - Reden, Schriften und Gedichte: Die kulturelle Front des Ersten Weltkrieges, München, GRIN Verlag GmbH
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