T e c h n i s c h e U n i v e r s i t ä t D r e s d e n
Fakultät Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaften
Institut für Germanistik
Hauptseminar: ,,Filmgeschichte im Nachkriegsdeutschland"
(Sommersemester 2006)
Geschichte im Prozess.
Filmische Fiktion als Spiegel der Realität: Alexander
Kluges DIE ARTISTEN IN DER ZIRKUSKUPPEL:
RATLOS.
eingereicht von Steffi Lehmann
Dresden, 06. August 2007
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
S. 2
2. Ausgangspunkt Vergangenheit: Bewältigung durch Trauerarbeit
S. 3
2.1.
Vergegenwärtigung der kollektiven NS-Vergangenheit
S. 3
2.2.
Filmische Fiktion: Leni Peickerts individuelle Trauerarbeit
S. 4
3. Statusder Realität zur Zeit der Filmentstehung im Spiegel der Fiktion
S. 6
3.1.
Reflexion des Film-Artistens Alexander Kluge in der
Zirkusreformerin Leni Peickert
S. 6
3.1.1. Gescheiterte Reformversuche der Vergangenheit
S. 6
3.1.2. Neuer Anlauf mit Schwierigkeiten
S. 8
3.2.
Zirkus als Kunst
S. 9
3.2.1. Das künstlerische Konzept Alexander Kluges im Spiegel des
Filmzirkus
S. 9
3.2.2. Kritik an der Kulturindustrie mittels der Fiktion des Mediums Film
S. 12
3.3.
Kunst in einer kapitalistischen Gesellschaft: kulturelles Produkt
S. 14
4. Zukunftsentwurf
S. 16
4.1.
Scheitern der Reform-Utopie?
S. 16
4.2.
Versuch eines Lösungswegs
S. 18
5. Schlussbetrachtung
S. 19
6. Filmdaten
S. 21
7. Bibliografie
S. 21
2
1. Einleitung
Geschichtsbetrachtung mittels künstlerischer Darstellung zählt zu den Hauptaufgaben der
Werke des 1932 geborenen Regisseurs und Schriftstellers Alexander Kluge.1 So setzt er sich
in seinem Essayfilm2 DIE ARTISTEN IN DER ZIRKUSKUPPEL: RATLOS fiktional mit den
drei Abschnitten des Zeitkontinuums der Realität auseinander, deren Ablauf die Historie der
Welt bedingt. Mit der Reflexion der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zielt der
Regisseur darauf, das Faktum der Prozesshaftigkeit persönlicher oder gesellchaftlicher
Umstände aufzuzeigen, wodurch er den Absolutheitsanspruch vermeintlich feststehender
Resultate negiert, da diese sich in der historischen Genese immer weiterentwickeln.
Geht man von einem modernen Verständnis von Geschichtlichkeit aus, welches auf das
Bewusstsein gründet, der Mensch sei der die Historie bestimmende Hauptfaktor, und von der
Überzeugung der ,,Differenz historischer Epochen" geprägt ist, sind Geschehnisse der
Vergangenheit nicht nur Vorgeschichte, sondern auch Bedingung für die Gegenwart und
somit auch für die Zukunft.3 ,,Das Vergangene kann als Vergangenes nur erkannt werden
durch seinen wesentlichen Unterschied zur Gegenwart. Diese hat das Vergangene zur
Voraussetzung, ist mit ihm aber nicht identisch und nicht einmal kompatibel."4 Nur im Jetzt
kann die der Gegenwart vorangegangene Zeit von einem sich erinnernden Subjekt, das nicht
nur aus persönlichen, sondern auch gesellschaftlichen Gründen an die eigene Vorgeschichte
gekoppelt ist, anerkannt werden, um einen Platz in einer abgeschlossenen Epoche
einzunehmen. ,,Mit der Definition der Vergangenheit als überwunden und fremd wird sie zum
Erkenntnisgegenstand, der an sich belanglos ist [...]",5 durch den es einem Mensch
1 Vgl. Rother 1990, S. 68. Neben Alexander Kluges Werken zeugt auch das zusammen mit Oskar Negt
geschriebene Buch ,,Geschichte und Eigensinn" (1981), Fortsetzung von ,,Öffentlichkeit und Erfahrung" (1972), von seiner Geschichtsbetrachtung. Die beiden Autoren betonen den prozesshaften Charakter von Geschichte und wenden sich gegen die Auffassung, einzig die Resultate historischer Entwicklungen müssten betrachtet und gewertet werden. Rainer Rother begründet ihre Anschauung: ,,Daß die Genese im Resultat erlischt, bedeutet nicht immer, daß sie in ihm zur Ruhe kommt; wenn sie jedoch im Resultat nicht ruht, weil dort die Intentionen nicht verwirklicht wurden, verschwindet sie in ihm, geht im Resultat und durch es unter." Ebd., S. 66.
2 Eine Definition des Essayfilms findet man bei Knut Hickethier: ,,Betont wird bei ihm [dem Essayfilm] das
analytische und reflexive Moment in der Darstellung, auch ist vielen Essayfilmen [...] durch eine Form assoziativer Verknüpfung und elliptischer Argumentationsform eine poetische Struktur eigen [...] Eine gelegentlich verrätselnd wirkende Darstellung [...] dient häufig dazu, im Betrachter ein Nachdenken über bislang nicht erkannte Zusammenhänge in Gang zu setzen." Hickethier 2001, S. 203 f.
3 Rother 2001, S. 1. Weiterhin bemerkt Rainer Rother mit dem Hinweis auf die Untersuchungen Erwin
Panofskys, dass sich das moderne Geschichtsbewusstsein mit den epochalen Trennungen wohl in der Renaissance entwickelte, als man zwischen der Kunst der Antike und der damaliger Gegenwart einen Unterschied ausmachte. Folge: Indem Künstler antike Werke nachahmten, versuchten sie ,,eine historisch gewordene Differenz aufzuheben [...] Mit der Entdeckung, daß es die Verfassung der Vergangenheit war, die vollkommene Werke ermöglichte, entsteht die Einsicht, diese Vollkommenheit nicht erreichen zu können, weil deren Grundlage nicht länger gültig ist. [...] aus dem Versuch, die in der Zeit gewordene Differenz auf dem Gebiet des Ästhetischen aufzuheben, entspringt die Einsicht in ihre Unaufhebbarkeit schlechthin." Ebd., S. 3 f. Somit entwickelte sich zumindest in der Kunst eine Distanz zur Vergangenheit, die Teil der vom Bürgertum entworfenen ,,Konzeption eines automatischen, unaufhaltsamen Fortschritts" Grundlage der Geschichtstheorie der Aufklärung wurde. Ebd., S. 5.
4 Ebd., S. 1.
5 Ebd., S. 5.
3
allerdings möglich sein kann, ,,auf dem Wege einer erinnernden Rückkehr"6 also aus der
Distanz sein Selbstbild zu konstruieren, das niemals festgelegt ist, sondern immer einer
bestimmten Entwicklung und den damit verbundenen Änderungen unterliegt.
Das Ziel der vorliegenden Untersuchung ist eine Annäherung an die Reflexion der
Prozesshaftigkeit von Geschichte in Kluges DIE ARTISTEN IN DER ZIRKUSKUPPEL:
RATLOS. In der Genese der Produktionsphase des 1967/1968 entstandenen Films übertrug
der Regisseur seine persönliche Wahrnehmung der Realität auf die Ebene der Fiktion. Nach
Olaf Grüneis ,,handelt[e] es sich [...] um den Versuch, Geschichtsphilosophie [...] in
Filmtheorie hineinzutragen."7 Die Aufgabe in der Rezeptionsphase wurde es danach
wiederum erleichtert durch das künstlerische Konzept des ,Kinos der Erfahrung′ den
Verweis der dargestellten Fiktion auf die Wirklichkeit zu erkennen: Die Situation der
Protagonistin Leni Peickert kann mit jener des Filmemachers und -reformers Kluge
verglichen werden; beide haben ähnliche Intentionen. Darüber hinaus werden durch die
Metapher des Zirkus Kunst und die Möglichkeiten ihrer Produktion in einer kapitalistischen
Gesellschaft reflektiert.8
2. Au s g a n g s p u n k t V e r g a n g e n h e i t : Bewältigung durch Trauerarbeit
2.1. Vergegenwärtigung der kollektiven NS-Vergangenheit
Der Film beginnt nach der Einblendung des Titels, dessen Aussage die bereits im Vorspann
konstatierte Orientierungslosigkeit der Artisten bestätigt9 und damit die Voraussetzung für
das im Film nachfolgend Gezeigte darstellt, mit der Vergegenwärtigung der jüngsten
Vergangenheit: Alexander Kluge setzt einen Ausschnitt der deutschen Wochenschau an den
Anfang, mit dem er den Zuschauer auffordert, den Blick auf die Zeit des NS-Regimes zu
richten, deren Verarbeitung durch die deutsche Bevölkerung bis in die 1960er Jahre auf sich
warten ließ.10 Zu sehen sind die Schwarz-Weiß-Aufnahmen (der Hakenkreuzfahne, Himmlers
und des zuerst die Ehrengarde inspizierenden und später am Haus der deutschen Kunst
6 Zit. nach ebd. Hannelore und Heinz Schlaffer konstatieren den Hang zur Selbsterkenntnis im Besonderen
beim Bürgertum, das sich durch seine Vorgeschichte also durch den Kampf gegen den Feudalismus und die absolutistische Gesellschaftsordnung bestätigt sieht, an der Gültigkeit der in der Vergangenheit errungenen Veränderungen nicht zu zweifeln. Dadurch, dass das Bürgertum ,,die Gegenwart [...] von der Vergangenheit her konzipiert" und jene damit legitimiert sieht, können Vergangenheit und Gegenwart nicht getrennt voneinander betrachtet werden. Ebd., S. 5 f.
7 Grüneis 1994, S. 61.
8 Vgl. Lewandowski 1980, S. 74.
9 Im Vorspann wird folgender Text eingeblendet: ,,Sie haben sich bis hier oben vorgearbeitet. Jetzt wissen sie nicht was
weiter. Sich Mühe al ein geben nützt garnichts." Alle aus dem Film entnommenen Zitate werden im Folgenden durch Anführungsstriche und eine schmalere Laufweite der Schrift kenntlich gemacht.
10 ,,Anstatt sich der Vergangenheit zu stellen, zogen es die Deutschen vor, sie zu begraben." Elsaesser 1994,
S. 325.
In den 1960er und 1970er Jahren war die kollektive Vergangenheit des Nationalsozialismus Thema in vielen Filmen deutscher Regisseure. Vgl. ebd., S. 321370.
4
eine Rede haltenden Hitlers), deren musikalische Unterlegung mit einer spanischen Version
des Beatles-Klassikers ,,Yesterday" die im Film dokumentierte Realität des Tags der
deutschen Kunst 1939 zu einer Farce werden lässt. Die Vergangenheit der Diktatur,
insbesondere die damalige Wirklichkeit des Kunstbetriebs, wird durch den ironischen Einsatz
der Musik ad absurdum geführt. Der Regisseur deckt damit auf, dass der von den
Nationalsozialisten protegierten Kunst ,,eine Schlüsselrolle in der Verbreitung der Ideologie
und der zum Massenspektakel verkommenen Politik des Dritten Reiches zugewiesen"11
wurde und sie nichts weiter als ,,dekorative Fassade",12 somit kultischen und repräsentativen
Zwecken unterworfen war. Nach der Text-Einblendung ,,1. Trauerarbeit: Tag der deutschen Kunst
1939", die darauf hinweist, dass man sich nur durch Verarbeitung von einer aussichtslosen
Lage lossagen kann, folgen mit der tragischen Musik von Verdis ,,Il Trovatore" unterlegt13
Szenen des Festumzugs, der sich ,,zweitausend Jahre Deutscher Kultur" gewidmet hatte.14
Die Änderung der Musik führt zu einer anderen Voraussetzung für die Wirkung der Bilder
und die emotionale Reaktion des Rezipienten, der nun nicht mehr über die Verbindung
Wochenschau Beatles-Song lächeln kann, sondern betroffen über die nahe Vergangenheit
nachdenkt oder viel eicht sogar Schuldgefühle entwickelt. Nach der Sequenz zieht eine
kommentierende Stimme aus dem Off ein passendes Fazit: ,,Er hat so vielen Spaß gemacht, den
Großen und den Kleinen. Millionen haben ihn belacht, wer wird ihn jetzt beweinen?" Der Zuschauer befindet
sich an diesem frühen Punkt im Film im Status eines nicht mehr lachenden, aber dafür
reflektierenden, also sich schon im Prozess der Bewältigung befindenden Trauernden.
2.2. Filmische Fiktion: Leni Peickerts individuelle Trauerarbeit
Nachdem der Film die Beschäftigung mit der NS-Vergangenheit durch die Bilder der
Wochenschau initiiert, wird eine fiktive Erzählebene eröffnet, auf die der Zuschauer mit der
Texteinblendung ,,2. Trauerarbeit: Manfred Peickert" hingewiesen wird. Gezeigt wird nun die mit der
realen Vergangenheit verbundene Vorgeschichte des Vaters der erst später auftretenden
Protagonistin Leni Peickert. Er wird als Artist vorgestellt, der den Plan hat, den traditionellen
Zirkus durch Anstrengung zu reformieren und zu verbessern. Eine Stimme aus dem Off
kommentiert: ,,Genie ist die Kraft, um sich endlich Mühe zu geben." Indem Manfred Peickert etwas
,,völlig Neues" schaffen möchte, zielt er beim Betrachter auf die Induzierung eines ,,starke[n]
Gefühl[s]". Wie in einer Interviewsituation dem Zuschauer gegenübergestellt berichtet er von
einem Gespräch zwischen ihm und einem Zirkusdirektor, in dem er seine Idee, Elefanten in
die Zirkuskuppel zu hieven, geäußert hat. An seinen Visionen erkennt man, dass er nicht
daran interessiert ist, den Zirkus grundsätzlich zu ändern und alte, tradierte Muster
[...]
11 Wistrich 1996, S. 18.
12 Ebd., S. 19.
13 Vgl. Hansen 1984, S. 185.
14 Vgl. Wistrich 1996, S. 130 f.
Quote paper:
Steffi Lehmann, 2007, Geschichte im Prozess - Filmische Fiktion als Spiegel der Realität: Alexander Kluges 'Die Artisten in der Zirkuskuppel: Ratlos', Munich, GRIN Publishing GmbH
This text can be quoted and accessed from this url:
Embed
DOI
Original und Fälschung? - Hitchcocks Psycho und das Remake von Gus van...
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 27 Pages
Genreentwicklung am Beispiel des Western - Vergleich Stagecoach / The ...
Scholary Paper (Seminar), 14 Pages
Spiel oder Realität? - Samuel Becketts "Warten auf Godot"
German Studies - Modern German Literature
Scholary Paper (Seminar), 15 Pages
Wir sind die informierteste und doch ahnungsloseste Gesellschaft, die ...
German - Discussion and Essays
Presentation / Essay (Pre-University), 3 Pages
Das Politische im "unpolitischen" NS-Spielfilm
History Europe - Germany - National Socialism, World War II
Termpaper, 14 Pages
Die Front im Kino: Ernst Lubitschs Anti-Nazi-Satire To Be Or Not To Be
Termpaper, 19 Pages
Die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit i...
Ein historischer Vergleich unt...
Scholary Paper (Seminar), 42 Pages
Philosophy - Practical (Ethics, Aesthetics, Culture, Nature, Right, ...)
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 31 Pages
Steffi Lehmann's text Geschichte im Prozess - Filmische Fiktion als Spiegel der Realität: Alexander Kluges 'Die Artisten in der Zirkuskuppel: Ratlos' is now available as a printed book
Steffi Lehmann has published the text Geschichte im Prozess - Filmische Fiktion als Spiegel der Realität: Alexander Kluges 'Die Artisten in der Zirkuskuppel: Ratlos'
Steffi Lehmann has uploaded a new text
Mädchen und Frauen in der deutschen Jugendbewegung im Spiegel der hist...
Christiane Kliemannel
Kirmes, Jahrmarkt und Volksfest im Spiegel historischer Postkarten
Ein kulturgeschichtlicher Stre...
Sacha Szabo
Der Wiener Hof im Spiegel der Zeremonialprotokolle
Eine Annäherung
Martin Scheutz, Irmgard Pangerl, Thomas Winkelbauer
Deutsche Pilger des Mittelalters im Spiegel ihrer Berichte und der mit...
Berliner Historische Studien
Carmen von Samson-Himmelstjerna
Grundschule im historischen Prozess
Zur Entwicklung von Bildungspr...
Wolfgang Einsiedler, Margarete Götz, Christian Ritzi, Ulrich Wiegmann
0 comments