Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 3
2 Was ist eine Institution? 3
2.1 Hinweise aus der Alltagssprache 4
2.2 Hinweise aus der Wissenschaftssprache 5
2.3 Arbeitsdefinition 6
2.4 Probleme der Arbeitsdefinition 7
3 Searles Institutionentheorie 8
3.1 Realitätskonzept 8
3.2 Funktionen 9
3.3 Kollektive Intentionalität 10
3.4 Konstitutive Regeln 11
3.5 Kollektives Zusprechen von Funktionen und institutionelle Tatsachen 11
3.6 Entstehen und Bestehen von Institutionen und institutionellen Tatsachen 13
3.7 Searles Definition und die Arbeitsdefinition 15
3.8 Probleme 17
3.8.1 Zeitlichkeit 17
3.8.2 Verhandeltheit von Intentionen 17
4 Die Pflege von Institutionen als ontologisches Geschäft 20
4.1 Warum Ontologie und welche? 20
4.2 Ontologie als alltägliches Fachgeschäft und Karl Mannheims Begriff der
Weltdeutung 22
4.3 Ontologie von Institutionen und Ontologie von Stoffdingen 25
5 Zusammenfassung 28
2
1 Einleitung
Es heißt zuweilen, die Welt, in der wir leben, bestehe aus einzelnen Sachen, die sich in zwei Sorten einteilen lassen - in solche, die einfach und unmittelbar vorhanden sind, und in solche, die zum Vorhandensein eine Art sozialer Übereinkunft benötigen:
»[T]here are portions of the real world, objective facts in the world, that are only facts by human agreement. In a sense there are things that exist only because we believe them to exist. I am thinking of things like money, property, governments, and marriages.« 1
Ich möchte die These hinterfragen, dass diese Unterscheidung ohne große Schwierigkeiten möglich ist, und daher versuchen, für die Gegenhypothese zu argumentieren. Ein Wort, das häufig im Zusammenhang mit der genannten Einteilung fällt, ist »Institution«, und das gerne in der Weise, dass Gegenstände wie die genannten (Geld, Besitz, Regierungen, Ehen) als Institutionen oder institutionelle Gegenstände den anderen, »realen« Gegenständen gegenübergestellt werden. Meine Ausgangshypothese lautet also, in diesen Termini formuliert:
Es gibt keine einfache, unproblematische Unterscheidung zwischen institutionellen und nicht-institutionellen Gegenständen.
Ich werde dazu folgendermaßen verfahren: In einem ersten Schritt versuche ich, eine vorläufige Definition von »Institution« zu erarbeiten. Danach werde ich die Institutionen-theorie von John R. Searle referieren und dessen Institutionsbegriff zur Arbeitsdefinition in Beziehung setzen. Dies wird hoffentlich einige ihrer Probleme lösen, aber zweifellos auch neue aufwerfen.
Im Anschluss möchte ich an verschiedenen Punkten des bisher Erarbeiteten und an Hand weiterer Literatur zeigen, inwiefern ein bestimmtes Ontologieverständnis zwar helfen kann, die Schwierigkeiten von Searles Institutionentheorie zu bewältigen, dabei aber zwangsläufig die Unterschiede zwischen Institutionen und anderen Gegenständen verschwimmen lässt, also die Ausgangshypothese bestätigen hilft. 2
2 Was ist eine Institution?
Meine Untersuchung soll damit beginnen, eine vorläufige Definition des Ausdrucks »Institution« zu erarbeiten. Hierzu möchte ich mich zunächst mit seinem alltagssprachlichen
1 Searle, John Rogers, The Construction of Social Reality. New York: The Free Press, 1995, S. 1.
2 Wertvolle Anregungen für diese Arbeit habe ich von Maren Behrensen, M. A., Michael Hebenstreit und Eva Christina Scharbatke erhalten. Ihnen allen gilt mein herzlicher Dank.
3
Gebrauch beschäftigen und in einem weiteren Schritt mit seiner wissenschaftlichen Verwendung. Am Ende dieses Kapitels soll die gewonnene Arbeitsdefinition ausformuliert und sich daraus ergebende Probleme benannt werden.
2.1 Hinweise aus der Alltagssprache
Ludger Jansen nennt in seinem Aufsatz »Institutionen in der kategorialen Ontologie« zwei Beispiele für die alltägliche Verwendung von »Institution«:
»Das Weinfest ist eine feste Institution.«
»Unser Spaziergang am Samstagnachmittag ist schon fast eine feste Institution.« 3
Ich möchte noch weitere Beispiele hinzufügen:
Das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker ist eine Institution. Der Brezelstand auf dem Bahnhofsvorplatz ist eine Institution. Lehrveranstaltungen an deutschen Universitäten beginnen eine Viertelstunde nach der vollen Stunde; dieses sogenannte »akademische Viertel« ist eine Institution.
Hieran lässt sich eine erste Beobachtung anstellen:
Der Satz »Das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker am 1. Januar ist eine Institution.« stellt keine Schwierigkeit dar; der Satz »Das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker am 1. Januar 1996 war eine Institution.« lässt aufmerken. Anscheinend ist das, was die Institution Neujahrskonzert genannt wird, nicht selbst ein Neujahrskonzert. Auf der anderen Seite ist der Satz »Der Brezelstand auf dem Bahnhofsvorplatz ist eine Institution.« unproblematisch. Die Institution Brezelstand auf dem Bahnhofsvorplatz ist anscheinend selbst ein Brezelstand. Mit der Hinzunahme einer punktuellen Zeitangabe entsteht allerdings wieder ein problematischer Satz: »Der Brezelstand auf dem Bahnhofs-vorplatz war gestern eine Institution.« funktioniert nicht; die Angabe einer Zeitdauer ist allerdings machbar: »Der Brezelstand auf dem Bahnhofsvorplatz war von 1985 bis 2006 eine Institution.« funktioniert sehr wohl.
Es lässt sich also vermuten, dass jede Institution eine gewisse Dauer in der Zeit haben muss. Dies erklärt auch, warum die Institution Neujahrskonzert selber kein Neujahrskonzert zu sein scheint, die Institution Brezelstand jedoch sehr wohl ein Brezelstand: Der
3 Jansen, Ludger, Institutionen in der kategorialen Ontologie. In Schönrich, Institutionen und ihre Ontologie, S. 45.
4
Stand hat im Gegensatz zum als punktuellem Ereignis verstandenen Konzert eine Dauer in der Zeit.
Dass der Brezelstand selbst jedoch durch einen anderen ersetzt werden kann, wie im Falle eines Betreiberwechsels, und dabei vielleicht sogar eine kurze Zeit lang gar kein Bre-zelstand auf dem Bahnhofsvorplatz steht, ohne dass die Institution dadurch ins Wanken geriete, weist darauf hin, dass auch in diesem Falle mit der Institution etwas anderes gemeint ist als ein bestimmter Gegenstand. Jansen spricht hier vom Unterschied zwischen Regel und Geregeltem 4 : Die Regel, dass ein Neujahrskonzert am 1. Januar stattfindet, und die Konzerte selbst sind ebenso voneinander unterschieden wie die Regel, dass auf dem Bahnhofsvorplatz ein Brezelstand steht, und dieser selbst. Noch konkreter wird dieser Regelungscharakter der Institution in der Alltagssprache am letzten Beispiel, das die Regel selbst enthält. Es ist Institution, dass Lehrveranstaltungen nach einem akademischen Viertel beginnen. Es ist gar nicht möglich, hier einen Einzelgegenstand beziehungsweise ein Einzelereignis nennen zu wollen, der mit der Institution identisch sein könnte, es sei denn der Zustand des Geregeltseins des Veranstaltungsbeginns selber. Regelndes und Geregeltes wären dann dieselbe Regel, einmal normativ und einmal deskriptiv formuliert.
Die Alltagssprache gibt somit den Hinweis, dass eine Institution dauerhaft ist und damit zu tun hat, dass etwas geregelt wird, mit dem sie selbst nicht identisch ist.
2.2 Hinweise aus der Wissenschaftssprache
Durch wissenschaftliche Versuche, zu umreißen, was eine Institution sei, finde ich mich in dieser Vermutung bestärkt:
Ein gängiges Philosophie-Lexikon beschreibt »Institution« einmal als sozialwissenschaftlichen Ausdruck für »alle auf Dauer gestellten, der direkten Disposition durch einzelne entzogenen Organisationsformen einer Gesellschaft«, die »Verhaltens-, Handlungs-und Denkmuster [vorgeben], die auf die Individuen einen rechtlich, moralisch oder religiös sanktionierten Druck ausüben«, zum anderen als handlungstheoretischen Ausdruck für »[Handlungsregeln], die den Rahmen von Handlungsweisen abstecken, zur Richtschnur eigenen Handelns werden können und deren Übertretung verurteilt wird«. 5 Lorenz B. Puntel wiederum nennt gleich drei mögliche Antworten Dritter auf die Frage, was eine Institution sei; einmal »einem bestimmten Aufgabenfeld zugeordnete öffentliche (staatliche oder kirchliche) Einrichtungen«, zum anderen »rechtlich geformte Ein-
4 Vgl. Jansen, S.47.
5 Prechtl, Peter, Institution. In Derselbe und Franz-Peter Burkard (Hrsg.), Metzler-Philosophie-Lexikon. Stuttgart/Weimar: Metzler, 2 1999.
5
richtungen« oder aber »soziale Gebilde, Organisationen und Prinzipien, die als Träger gesellschaftlicher Ordnung öffentlich anerkannt und garantiert sind«. 6 Noch weniger festlegen möchte sich das Helmut Dubiel im Historischen Wörterbuch der Philosophie, der dem Ausdruck eine »kaum präzisierbare Allgemeinheit« auf Grund seiner zahlreichen Verwendungen auch und gerade außerhalb der Sozialwissenschaften, in Theologie, Ökonomie, Rechtstheorie und Anthropologie, attestiert. 7 Zwischen den verschiedenen Erläuterungen lassen sich jedoch Schnittmengen ausmachen: So ist die Rede von der »institutionellen Autorität« in der theologischen Exegese; davon, dass »das Wirtschaftsverhältnis des Menschen [...] durch I[nstitutionen] gelenkt« werde; von Institutionen als »sozialen Tatbeständen«, die »Rechtsregeln machen«, in der Rechtstheorie; und von »Disziplinierung« als institutionellem Effekt in der gehlenschen Anthropologie. 8 Man sieht, dass trotz aller terminologischer Schwammigkeit Institutionen doch überall einigermaßen das gleiche Spektrum von Eigenschaften zugeschrieben wird. Einigkeit besteht vor allem darüber, dass jede wie auch immer geartete Institution normative Wirkungen ausübt oder zumindest ausüben kann, wozu sie Anerkennung genießen muss und einer gewissen Dauerhaftigkeit bedarf.
Weitere Anforderungen an eine Definition von »Institution« scheinen schließlich in der großen Diversität dessen zu bestehen, was unter diesem Oberausdruck versammelt wird. Quer durch die von mir verwendete Literatur findet man als Beispiele für Institutionen neben den bereits genannten unter anderem Geld, Besitz, Regierungen, Ehen, Vereine, Stiftungen, Staaten, Betriebe, Kapitalgesellschaften, Familienehre, die Armee und den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, Fußballspiele, Kirchen, Institute, Damentoiletten, die Europäische Union und Bankkonten. Die Definition muss also entweder in der Lage sein, eine sehr breite Klasse von Gegenständen abzudecken, oder aber es muss begründbar sein, warum sie sich auf eine Teilmenge beschränkt und sich damit in einen Gegensatz zu eingeführten Verwendungen des Ausdrucks stellt.
2.3 Arbeitsdefinition
Die vorläufige Definition von »Institution«, die sich aus den oben aufgeführten Hinweisen ergibt, muss also als Eigenschaften einschließen: Dauerhaftigkeit; Anerkanntheit; Regelungscharakter (Normativität); und die Nichtidentität von Regelndem und Geregeltem.
6 Puntel, Lorenz Bruno, Was ist eine Institution in ontologischer Hinsicht? In Schönrich, Institutionen und ihre Ontologie, S. 27.
7 Vgl. Dubiel, Helmut, Institution. In Joachim Ritter und Karlfried Gründer (Hrsg.), Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 4, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1977, Sp. 418.
8 Ebd., Spp. 418f. u. 423.
6
Ich formuliere die Arbeitsdefinition daher wie folgt:
Eine Institution ist eine dauerhafte, anerkannte Regelung von etwas außer ihrer selbst.
2.4 Probleme der Arbeitsdefinition
Die Frage, »was für ein Seiendes eine Institution ist und welche Formen diese Seinsart hat« 9 , beantwortet diese Formel höchstens oberflächlich. Man kann sogar sagen, dass ich eine Antwort auf die Frage durch meine Wortwahl umgangen habe: Eine Institution ist demnach eine Regelung; darunter wiederum lässt sich aber umgangssprachlich Verschiedenes verstehen. Gesetzliche Regelung nennt man beispielsweise eine Menge von Rechtssätzen, also einen Text; als Temperatur- oder Druckregelung bezeichnet man ein oder mehrere technische Geräte, also leblose Objekte; und eine Verkehrsregelung durch die Polizei oder Feuerwehr, zum Beispiel bei einer Großveranstaltung, nennt man das Tun und Lassen bestimmter Personen.
Insofern ist die Antwort der Arbeitsdefinition eine halbe Antwort: Was Institutionen eigentlich sind, ist nicht gesagt, und das auch noch absichtlich! Doch das ist nicht das einzige Problem. Verschiedenes Geregeltes, was zumindest auf den ersten Blick beziehungsweise nach üblichem Verständnis nicht institutionell ist, lässt sich eventuell auch unter die Definition fassen. Die Regel »Divisionen durch null sind unzulässig« ist dauerhaft, anerkannt, normativ und regelt etwas außer ihrer selbst, doch ist die Unzulässigkeit der Division durch Null nichts, was man gemeinhin als Institution bezeichnen würde. Vielleicht bietet die Mathematik nicht die unverfänglichsten Beispiele; aber in der Lebenswelt finden sich andere. Dass Radmuttern an Autos in einer bestimmten Reihenfolge und mit einem Drehmomentschlüssel festgezogen werden, wäre zum Beispiel nach der Definition auch eine Institution: Die Praxis besteht seit vielen Jahrzehnten, sie ist anerkannt von allen oder zumindest fast allen, die Räder montieren, und das Regelnde lässt sich vielfältig beschreiben, ist aber bestimmt nicht das jeweilige Rad selber. Offenbar besteht die Gefahr, dass eine so kompakte und abstrakte Institutionendefinition, wie ich sie versucht habe, einen ungeheuren Gegenstandsbereich abdeckt, der mit dem Alltagsverständnis von »Institution« nichts mehr zu tun hat - es ist zum Beispiel zu befürchten, dass alle technischen Handlungsregeln und alle naturwissenschaftlichen Gesetze vereinnahmt werden. Andererseits sind Technik und Naturwissenschaft ja vielleicht auch nur institutionelle Veranstaltungen?
9 Puntel, S. 32.
7
3 Searles Institutionentheorie
In The Construction of Social Reality entwickelt John Searle eine Theorie von Institutionen und institutionellen Tatsachen (»institutional facts«). Ich werde sie darlegen, um dann darauf einzugehen, wie sie sich zur Arbeitsdefinition verhält.
3.1 Realitätskonzept
Nach Searle besteht die Welt zur Gänze aus Teilchen in Kraftfeldern, die zum Teil in Systemen organisiert sind. Zu solchen Systemen oder Objekten gehören »Berge, Planeten, H 2 O-Moleküle, Flüsse, Kristalle und Babys«. Einige Systeme davon leben und einige lebende Systeme haben evolutionär die Fähigkeit entwickelt, Bewusstsein und Intentionalität, das heißt, die Fähigkeit, Objekte und Tatsachen zu repräsentieren, zu haben. 10 Später gebraucht Searle noch das Wort »Phänomen«, um zeitliche Vorgänge an oder in solchen Teilchensystemen zu bezeichnen. Hierzu wird einiges in späteren Ausführungen erklärt:
Die Existenz bestimmter Objekte ist für Searle beobachterunabhängig: »Mount Everest exists independently of how or whether I or anyone else ever represented it or anything else.« 11 Trotzdem gibt es für ihn keine ausgezeichnete Weise, die Teilchen und Kraftfelder, aus denen die Welt besteht, zu Objekten zusammenzuordnen, also kein privilegiertes Vokabular korrekter Realitätsbeschreibung. Wie die Grenzen der willkürlichen Untereinheiten namens »Berge«, in die die Topografie gewisse, gleichfalls mehr oder minder willkürlich ausgewählte, Teile der Erdkruste zerlegt, gezogen sind, hat seiner Ansicht nach keine Relevanz für die Diskussion über die Existenz des Mount Everest; in der Tat wendet er erheblichen Aufwand daran zu zeigen, dass sein erkenntnistheoretisches Paradigma -von ihm externer Realismus genannt- nicht davon beeinflusst wird, dass jede Beschreibung dessen, was er Realität nennt, eine willkürliche Zerlegung dieser Realität voraussetzt. 12
Des weiteren sind bei Searle auch sprachliche Äußerungen Objekte in diesem Sinne: Eine Äußerung hat, wenn sie gemacht wird, die Form einer Lautfolge, also eines Geräuschs, oder von Schrift, also bestimmter Markierungen auf Papier oder Vergleichbarem, und ist somit immer in einer bestimmten Anordnung von Teilchen und Kraftfeldern realisiert. 13 Implizit sagt Searle auch, dass Gedanken beziehungsweise Geisteszustände sich auf ebensolche Anordnungen herunterbrechen lassen, wenn er auch keine Angaben dazu macht,
10 Vgl. Searle, S. 6f.
11 Ebd., S. 153.
12 Vgl. ebd., S. 160-167.
13 Vgl. ebd., S. 35 u. 73f.
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Matthias Warkus, 2007, Institutionen als verfertigte Sachen, München, GRIN Verlag GmbH
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