Philipps-Universität Marburg
Institut für Neuere deutsche Literatur
SoSe. 06
HS. Literatur des 21. Jahrhunderts
Erinnern und Erzählen
Zeitgeschichte als literarisches Ereignis im Krebsgang von Günter Grass
2
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Hauptteil 4
2.1
Zur Darstellung des geschichtlichen Ereignisses 4
2.1.1 Die Medialität der Geschichtserzählung 4
2.1.2 Geschichtskonzeptionen als narrative Prinzipien 6
2.2
Erzählte Geschichte und erlebte Gegenwart 8
2.2.1 Geschichtsbild und politisches Weltbild 8
2.2.2 Theorie und Politik des fatalistischen Geschichtsverständnisses 9
2.2.3 Der Erzähler. Die Kontingenz der Geschichte 10
2.3
Fakten der Zeitgeschichte und ihre Auswahl 12
2.4
Der unbekannte Anleiter 14
3. Fazit 18
3.1
Zusammenfassung 18
3.2
Ausblick 19
Literaturverzeichnis 20
3
1. Einleitung
Literatur, die von zeitgeschichtlichen Ereignissen handelt, thematisiert implizit
auch immer das Verhältnis von Fiktion und Zeitgeschichte, Literatur und
Geschichtsschreibung. Zweifelsohne werden in jedem literarischen Text Orte,
Handlungen und Personen (neu) erfunden. Daher sprechen wir von der Fiktionalität
des Textes als einem entscheidenden Kriterium seiner Literarizität. Diese ist
indessen keine absolute Eigenschaft sondern relativ zu eindeutig nicht fiktionalen
Texten graduierbar. Texte, deren Handlungen vor dem Hintergrund
zeitgeschichtlicher Ereignisse stattfinden, nehmen in diesem Schema eine
Sonderstellung ein. Denn anders als z.B. im Falle einer phantastischen Geschichte,
deren Fiktionalität jedem Leser schnell offensichtlich wird, kann bei einer Novelle, die
den Untergang der Willhelm Gustloff thematisiert, nicht sofort entschieden werden,
ob die Erinnerung einer Figur an das besagte zeitgeschichtliche Ereignis eine
literarische oder eine außerliterarische Angelegenheit ist. Während in der
literaturwissenschaftlichen Methodendebatte zu Recht vehement die Trennung
zwischen der werkimmanenten Fiktion des Textes und der realen Ebene der
Autorenproduktion und Textrezeption gefordert wird, kann bezogen auf das
zeitgeschichtlich relevante Ereignis diese Trennung nur mit Mühe aufrecht erhalten
werden. Denn eine literarische Figur, die sich an außerliterarische Ereignisse
erinnert, gefährdet die für die Literarizität von Texten konstitutive Fiktion anders als
die Literarisierung textextern existierender Entitäten der Gegenwart. Während
letztere sozusagen neben den Text gehalten und nach bestimmten Kriterien mit ihrer
Darstellung verglichen werden können, macht die literarische Verarbeitung
zeitgeschichtlicher Ereignisse die Narrativität von Geschichte1 überhaupt erst
sichtbar. Daher ist es nicht verwunderlich, dass insbesondere diejenigen literarischen
Texte den Zusammenhang zwischen Fiktion und Zeitgeschichte thematisieren, deren
Handlung von zeitgeschichtlichen Ereignissen dominiert wird. Besondere
Aufmerksamkeit gilt daher den Stellen, an denen die Erinnerung an außerliterarische
Ereignisse der Zeitgeschichte als Erinnerung reflektiert und in dem Spannungsfeld
zwischen Fiktion und Realität erzählter Geschichte verortet wird. In diesem
1 Das Wort Geschichte kann also in seiner Doppeldeutigkeit gelesen werden. Es bezeichnet sowohl die Geschichte im Sinne einer Zeitgeschichte als auch die Geschichte im Sinne einer literarischen Erzählung.
4
Zusammenhang ist insbesondere darauf zu achten, mit welchen literarischen
Strategien Zeitgeschichte von erdachten Figuren in die fiktionale Handlung integriert
wird. Die Gegenwartsliteratur wird sich dabei nämlich immer wieder gegen die
Behauptung zu verteidigen haben, dass eine literarisch vermittelte Thematisierung
der Zeitgeschichte der unmittelbaren Beschäftigung mit der historischen
Vergangenheit vorzuziehen sei. Eine mögliche Strategie, diesem Einwand
zuvorzukommen, bestünde in dem Nachweis, dass Zeitgeschichte selber immer
narrativ vermittelt ist. Literatur ist damit nicht nur zur Darstellung von Zeitgeschichte
geeignet sondern markiert darüber hinaus ein bedeutsames Merkmal derselben.
Deswegen ist das, was in der Erzählung über Geschichte gesagt wird, von
derselben Bedeutung wie das, was durch die Erzählung über die Geschichte gesagt
wird. Ein gleich großer Teil der Arbeit widmet sich folglich den Figuren und deren
Geschichtsbildern. Dabei soll auch herausgefunden werden, warum aus bestimmten
Überzeugungen und Ansichten über die Geschichte bestimmte Handlungen oder
im Falle des Ich-Erzählers FErzählhaltungen resultieren.
2. Hauptteil
2.1
Zur Darstellung des geschichtlichen Ereignisses
2.1.1 Die Medialität der Geschichtserzählung
Geschichte stellt sich uns nie unmittelbar, als direkt erlebtes Ereignis, sondern
in der Form ihrer medialen Vermittlung dar. Selbst in Momenten, in denen wir das
Gefühl haben, einem besonders bedeutsamen, geschichtsträchtigen Ereignis
beizuwohnen, unterscheiden sich die retrospektiv angefertigten Chronologien und
Geschichtserzählungen von den Eindrücken, die wir im gegenwärtigen Moment des
Geschehens hatten. Neue Quellen werden erschlossen, interpretiert und sorgen für
die stete Reformulierung des geschichtlichen Ereignisses und seiner Kontexte. Die
so zustande gekommene Geschichte erscheint immer in der Gestalt ihrer medialen
Vermittlung: als Bild, Text, Graphik, im Dialog, in Film und Fernsehen oder im
mündlichen Vortrag
Im Krebsgang erzählt sieben solcher Geschichten von Menschen, deren
Biographien durch den Untergang des Flüchtlingsschiffes Wilhelm Gustloff
5
miteinander in Beziehung gestellt werden. Die Geschichte von Wilhelm Gustloff, die
des nach ihm benannten Schiffes, die von Marinesko und die von David Frankfurter
werden uns aber nicht von einem allwissenden Erzähler, im Präsens, mit
wechselnden Erzählern der ersten Person und in erlebter Rede oder einer anderen
Form der Unmittelbarkeit, sondern, bedingt durch die zeitliche Distanz des Ich-Erzählers zum historischen Gegenstand dieser Novelle, immer als mediale
Vermittlungen von Geschichte präsentiert. Die entscheidenden Ereignisse der
Handlungen um den Untergang der Wilhelm Gustloff sind somit nur thematisierbar
über den Umweg ihrer Darstellung im Film (S.113, S.115, S.136)2, im Internet (z.B.
S.35, S.134), in der Zeitung, in einem Vortrag (S.97), auf Fotos (S.109, S.125,
S.207), in einem Buch (S.129) oder in der mündlichen Erzählung meistens der
Mutter des Protagonisten. Dass medial vermittelte Geschichte hierbei nicht etwa als
Alternative zur eigentlichen Geschichte begriffen wird sondern durch die Form ihrer
Darstellung im Krebsgang sichtbar gemacht wird, dass sie qua medialer Vermittlung
existiert, macht die häufige Bezeichnung der Novelle als Bericht und die
eingeschobene Reflexion auf ihre Entstehung als Text bewusst (hierzu s.h. 2.4).
Häufiger als diese ist jedoch die direkte Kennzeichnung des Mediums, durch das der
Erzähler an die Ereignisse erinnert bzw. erinnert wird. Die beispielhafte Betrachtung
des sechsten Kapitels soll dies verdeutlichen.
Das sechste Kapitel z.B. beginnt mit einer gattungspoetologischen Überlegung.
,,Er sagt, mein Bericht habe das Zeug zur Novelle. Eine literarische Einschätzung, die
mich nicht kümmern kann. Ich berichte nur" (S.123). Nach einer dementsprechend
kurzen, protokollartigen Skizze der gesamthistorischen Situation im umkämpften
Europa, wendet sich der Erzähler den Passagieren der Gustloff zu, die er auf
Fotographien sieht oder aufgrund seiner Quellenkenntnis auf diesen Fotos vermisst.
,,Fotos liegen vor, die der überlebende Zahlmeisterassistent des Schiffes während
Jahrzehnten gesammelt hat" (S.125) Was hingegen auf dem U Boot Marineskos
geschah, kennzeichnet der Erzähler explizit als Mutmaßung (S. 128), beruft sich im
Weiteren aber auf die englischen Buchautoren Dobson, Miller und Payne. Die dichte
Folge verschiedener Medienzitate, die ausdrückliche Kennzeichnung übernommenen
Wissens (er soll, man berichtet) sowie die seiner Vermutungen erzeugen Distanz und
stören die Fiktion, indem sie auf die Konstruiertheit des Textes hindeuten. Auch der
vorläufige Höhepunkt der Novelle, der Untergang der Wilhelm Gustloff, wird medial
2 Alle Zitate ohne nähere Angaben aus Grass, 2004
Arbeit zitieren:
Malte Dreyer, 2006, Erinnern und Erzählen, München, GRIN Verlag GmbH
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