INHALT:
1. Einleitung S.3
2. Sisyphos, „der schlaueste unter den Männern“ S.4
2.1 Bestrafung der Sünder oder Sinnbild
des Lebens? Aspekte des Sisyphos in der Antike S.5
3. „Das Leid bin ich, und ich bin Leid,“ Sisyphos
im Mittelalter S.6
4. Sisyphos vor Camus (18. bis 20. Jhd.) S.7
5. Camus - Einordnung des Sisyphos in sein Werk S.8
5.1 Das Absurde -
Bindeglied zwischen Mensch und Welt S.9
5.2 Der abs urde Mensch S.11
5.3 Sisyphos- der Held des Absurden S.12
6. Abschließende Betrachtungen S.15
7. Wenn der Stein einmal liegen bleibt. S.16
8. Literaturverzeichnis 19
2
1.Einleitung
„Auch den Sisyphos sah ich, von schrecklicher Müh gefoltert, Einen schweren Marmor mit großer Gewalt fortheben. Angestemmt, arbeitet er stark mit Händen und Füßen, Ihn von der Au aufwälzend zum Berge. Doch glaubt er ihn jetzo Auf den Gipfel zu drehn, da mit einmal stürzte die Last um; Hurtig mit Donnergepolter entrollte der tückische Marmor. Und von vorn arbeitet er, angestemmt, dass der Angstschweiß Seinen Gliedern entfloss und Staub sein Antlitz umwölkte.“ 1
Sisyphos 2 , der Büßer, der in der Unterwelt seinen Kampf gegen den Stein führt, das ist das Bild, das uns vor Augen steht, wenn sein Name fällt. Wie fast alle mythischen Gestalten erfuhr auch Sisyphos über die Jahrhunderte eine Wandlung in der europäischen Rezeption. Sind auch die Autoren und Philosophen, die sich mit der Geschichte des Königs von Korinth auseinander setzten nicht so zahlreich, wie etwa die Odysseus-Rezeptionen, so finden sich doch in allen Jahrhunderten Beispiele für eine Beschäftigung mit Sisyphos. Sah man im Sisyphos in der Antike 3 überwiegend ein Beispiel für die harten Strafen der Götter, so wandelte sich sein Dasein im Hades später zu einem Sinnbild für das Leben an sich. Doch schließlich behauptet Camus, dass wir uns diesen Menschen glücklich vorzustellen haben. 4 Ziel soll es sein, ausgehend vom Originalmythos 5 der Antike, den Weg zu Camus zu zeichnen. Anhand einiger Beispiele aus dem Mittelalter und der Neuzeit soll gezeigt werden, wie Sisyphos immer wieder umgewertet wurde, seine Geschichte stets neuen Deutungen unterlag, bis Camus eine völlige Neubewertung des Sisyphos-Mythos vornahm. Seiner Auseinandersetzung mit Sisyphos, eingebettet in die Philosophie des Absurden, gilt hier das Hauptinteresse. Ein kurzer Ausblick in die Sisyphos-Rezeption nach Camus dient noch einmal der Hervorhebung seiner Bedeutung, denn gerade nach Camus machten sich Autoren zunehmend daran, sich mit diesem Mythos auseinandersetzen, die Rezeptionen wurden zahlreicher und vielfältiger. Camus öffnete den Weg für einen freieren, fast spielerischen
1 Homer, Odyssee, XI. Gesang, Z. 593-600 (aus: Homer, Ilias. Odyssee. Insel Taschenbuch Verlag, Frankfurt a.M. 1990, S.659)
2 Aus den vielen möglichen Schreibweisen wurde diese genutzt, da sie sich im Grossteil der Literatur findet. Andere Schreibweisen innerhalb von Quellen wurden aber beibehalten
3 als Antike wird hier die Zeit v. 6.Jhd. v.Chr. bis zum 6.Jhd.n.Chr. bezeichnet, eine weitere Unterscheidung in römische und griechische Antike ist für das Thema irrelevant
4 Albert Camus, Der Mythos des Sisyphos, S.16o, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2001
5 vgl. Brockhaus: griech. Mythos: Wort Rede, Erzählung, Fabel, die Erzählung von Göttern, Heroen u.a. Gestalten und Geschehnissen aus vorgeschichtlicher Zeit
3
Umgang mit dem Mythos. Erst nach Camus kam die Frage auf, was geschähe, wenn Sisyphos` Stein eines Tages liegenbliebe... 2. Sisyphos, „de r schlaueste unter den Männern“ 6
Viele Geschichten ranken sich um das Leben des Königs von Korinth, als der Sisyphos in der Antike zunächst bekannt war. Gerade seine Schlauheit und Lebenslust wurde von Geschichtsschreibern anhand zahlreicher Beispiele betont. Eine Beschreibung des Charakters des Königs finden wir in den Genealogien Pherekydes, 7 der von seiner zweimaligen Überlistung des Todes berichtet. Zeus entführt Aigina, die Tochter des Flussgottes Asopos. Sisyphos beobachtet den Raub, verrät Zeus, und erhält als Belohnung Wasser für seine Stadt. Der erzürnte Zeus schickt Thanatos, den Tod. Sisyphos „aber merkte, dass der Tod herankam und band ihn mit starken Fesseln. So kam es, dass niemand mehr starb auf der Erde.“ 8 Schließlich entsendet Zeus Ares, um Thanatos zu befreien und den aufmüpfigen Sisyphos in die Unterwelt zu bringen. Dieser folgt scheinbar willig, doch trägt er seiner Frau auf, die geforderten Grabspenden zu unterlassen. Nach einiger Zeit hört Hades von diesem Frevel und schickt Sisyphos erneut nach Korinth, um seine Frau zurechtzuweisen. Einmal wieder unter den Lebenden, weigert sich Sisyphos beharrlich in die Unterwelt zurückzukehren, bis er schließlich im hohen Alter stirbt. „Aus diesem Grund zwang ihn Hades dazu, einen Felsblock zu rollen, damit er nicht noch einmal weglaufen könne.“ 9 Pherekydes sieht den Grund für die Bestrafung durch die Götter in Sisyphos` Weigerung, ihrem Willen zu folgen und zu sterben. Auch stellt er eine Verbindung zwischen der Tat und der Strafe her, Sisyphos wird durch den Stein am Weglaufen gehindert, sein Wunsch nach einem Wiederaufstieg in die Welt der Lebenden muss er so in alle Ewigkeiten symbolisch wiederholen, doch den Gipfel, das ewige Leben, wird für ihn unerreichbar bleiben. Auch wenn antike Geschichtsschreiber noch andere Gründe für die Strafe des Sisyphos nennen 10 , überzeugt Pherekydes Begründung, da sie eine direkte Verbindung zwischen Sünde und
6 Homer, Ilias, XI.Gesang, Z.53-54, S.119 („Ephyra heißt die Stadt in der rossenährenden Argos,/Wo einst Sisyphos war, der schlaueste unter den Männern, Sisyphos, Äolos` Sohn.“), aus: Homer, Ilias. Odyssee, Insel Taschenbuch Verlag, Frankfurt a.M. 1990
7 griechischer Geschichtsschreiber u. Philosoph, um 500 v.Chr.
8 Pherekydes, Genealogien, Fragment 118, zitiert aus: Bernd Seidensticker, Antje Wessels, Mythos Sisyphos, Reclam Verlag Leipzig, 2001, S.17
9 Pherekydes, Genealogien, Fragment 118, in: Mythos Sisyphos, S.17
10 Sergius berichtet, dass Sisyphos die Pläne der Götter ausplauderte, andere sehen den Grund für seine Bestrafung in einem Mord
4
Strafe herstellt. Sisyphos Weigerung, die Endlichkeit des Lebens zu akzeptieren, stellt eine Vergehen direkt gegen die Götter dar.
Noch in einem anderen Zusammenhang findet Sisyphos Erwähnung: Orpheus, der in die Unterwelt hinabgestiegen ist, begegnet Sisyphos. Ovid berichtet in seinen Metamorphosen von der Wirkung von Orpheus` Gesang auf die Geschöpfe der Unterwelt: „Also rief der Sänger und schlug zum Gesange die Saiten; Blutlos horchten die Seelen und weineten. Tantalus haschte Nicht die entschlüpfende Flut; und es stutze das Rad des Ixion; (...) Und Sisyphos saß auf dem Marmor.“ 11
Sisyphos befindet sich also in Gesellschaft all der anderen Büßer, Tantalus, der für seinen unstillbaren Hunger nach sinnlichem Genuss bestraft wurde und Ixion für einen Verwandtenmord. 12 Die Musik des Orpheus ist in der Lage, das ewige Leiden zu durchbrechen.
2.1 Bestrafung der Sünder oder Sinnbild des Lebens? Aspekte des Sisyphos in der Antike
Das Moment der Bestrafung stand im Vordergrund des Sisyphos Mythos. Er galt als Beispiel für die Folgen, die ein Verstoß gegen den Willen der Götter haben kann. Dies liegt vor allem in der A rt und Weise der Weitergabe von Mythen, häufig erzählt, meistens schon den Kindern, galten sie immer wieder als Beispiele und Anweisungen für das Leben. Auch wenn es natürlich heute fast unmöglich ist, zu rekonstruieren, was „der Grieche“ mit dem Bild des Sisyphos verband, kann man davon ausgehen, dass die Bestrafung akzeptiert wurde, zunächst war Sisyphos eine existierende Gestalt, eingebunden in die Geschichten der Götter und Helden, erst langsam wurde er zur Metapher, die über sich hinaus deutet. Doch n och in der Antike begann man, sich auch mit der symbolischen Komponente der Bestrafung Sisyphos zu beschäftigen. Properz 13 verband sein Leiden im Hades mit dem Los des Liebenden auf der Erde: „...magst du über die Mühen des Sisyphos staunen, wie er den ganzen Berg hinauf die schwere Last wälzt- kein Los ist härter auf Erden als das, ein Verliebter zu sein, und keines, das ein vernünftiger Mensch sich weniger wünsche.“ 14
11 Ovid, Metamorphosen, X. Buch, S.240,Insel Taschenbuch Verlag, Frankfurt a.M., 1990
12 Vgl. Helden und Gottheiten der Antike, S.527ff, Rowohlts Enzyklopädie, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2002
13 47-2 v. Chr., röm. Philosoph
14 Properz, Elegien, zitiert aus: Mythos Sisyphos, S.44
5
Und schließlich sieht Phaedrus 15 in Sisyphos einen Beweis dafür „(...),dass der Menschen Elend endlos ist“. 16
Man kann also noch während der Antike eine allmähliche Ablösung des Sisyphos aus seinem Kontext beobachten, er ist nicht mehr nur der aufsässige König, der von den Göttern bestraft wurde, sondern sein endloser Kampf gegen den Stein gewinnt zunehmend metaphorische Wirkung, wird zum Symbol für das Leiden des Menschen an sich, oder das des Liebenden im speziellen. Diese ersten Ansätze eines anderen Umgangs mit dem Mythos ebneten den Weg für eine neue Sisyphosrezeption im Mittelalter und der Neuzeit.
Im folgenden seien einige Beispiele aus dieser Rezeptionsgeschichte genannt, wobei sie nicht dazu dienen sollen, eine vollständige Übersicht zu geben, sondern vor allem den Zweck erfüllen, die Umwertung durch Camus zu verdeutlichen. 3. „Das Leid bin ich, und ich bin Leid,“ 17 Sisyphos im Mittelalter Im Mittelalter traten die Mythen und Geschichten der Antike aufgrund des sich ausbreitenden Christentums in den Hintergrund. Eine Beschäftigung mit Sisyphos findet sich in den byzantinischen Metropolen des Ostens, wo man sich im Rahmen der allegorischen Schriftauslegung auch intensiv mit Homer beschäftigte. Im lateinischen Osten fand eine ausgedehnte Rezeption allein aufgrund der Sprachprobleme zunächst nicht statt, in häufig vereinfachter Form fanden s päter die Mythen aber dennoch Einzug in die Kultur des Mittelalter.
Von einer breiten Sisyphosrezeption kann man im Bezug auf das Mittelalter nicht sprechen. Im Allgemeinen rückte Sisyphos` Dasein in der Unterwelt in den Vordergrund, erscheint abgelöst vom Rest der Geschichte und verliert somit auch allmählich den Aspekt der Bestrafung.
Als Beispiel sei hierbei Anulus Barptolomaeus genannt, der Sisyphos als Sinnbild für das Leid des sterblichen Menschen sieht, den, „zurückgleitenden Stein“ als „die ewig dauernde, ewig harte Mühe.“ 18 Das Schleppen des Felsen ist keine Strafe für ein Vergehen mehr, sondern ein jedem Menschen auferlegtes Leid. Sich selbst als Sisyphos zu bezeichnen, war ein Ausdruck für den kaum zu ertragenden Schmerz der Sinnlosigkeit, „was bin ich müd davon, zu viel zu fühlen/ Und Sisyphos und Tantal gleich zu sein“, fasst Pierre de Ronsard
15 ca. 1.Jhd.n. Chr.
16 Phaedrus, Fabeln, zitiert aus: Mythos Sisyphos, S.34
17 Geoffrey Chaucer, Das Buch der Herzogin, zitiert aus: Mythos Sisyphos S. 49
18 Anulus Barptolomaeus (1552), zitiert aus: Mythos Sisyphos, S. 47
6
Arbeit zitieren:
Gesine Aufdermauer, 2002, Der glückliche Sünder: Albert Camus - Der Mythos des Sisyphos - als Wende in der Rezeptionsgeschichte, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Albert Camus: Der Mythos des Sisyphos - theoretische Betrachtungen übe...
Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts / Gegenwart
Seminararbeit, 18 Seiten
Sayyid Qutb - an Islamic fundamentalist
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Hausarbeit (Hauptseminar), 18 Seiten
Wir bauen ein Modell vom Hauke-Haien-Deich - produktionsorientierter U...
Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Unterrichtsentwurf, 14 Seiten
Homo Faber - Ein Vergleich von Max Frischs Roman und Volker Schlöndorf...
Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft
Hausarbeit (Hauptseminar), 37 Seiten
Kritik europäischer Länder in Montesquieus 'Lettres Persanes'
Romanistik - Französisch - Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 24 Seiten
Zu: Janusz Korczak - "Das Kind im Internat"
Pädagogik - Geschichte der Päd.
Referat (Ausarbeitung), 12 Seiten
Die Weiterbildungsschere: Entwickelt sich die deutsche Gesellschaft zu...
Vordiplomarbeit, 23 Seiten
Vergleichende Rezension: Internationale Beziehungen (Hartmann) im Verg...
Politik - Internationale Politik - Allgemeines und Theorien
Rezension / Literaturbericht, 22 Seiten
Rollentheoretische Aspekte in der Sozialisationstheorie
Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft
Zwischenprüfungsarbeit, 36 Seiten
Hartmanns von Aue "Iwein" - eine Untersuchung des Prologs un...
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Hausarbeit, 27 Seiten
Unterrichtsstunde: Die Symbolik in Max Frischs Homo Faber
Unterrichtsentwurf, 15 Seiten
Pierre Bourdieu: Die feinen Unterschiede
Soziologie - Politische Soziologie, Majoritäten, Minoritäten
Hausarbeit, 22 Seiten
Muhammad und der Heilige Krieg
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Seminararbeit, 28 Seiten
Massenmedien als Tragödie der Kultur - Eine vergleichende Analyse der ...
Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen
Hausarbeit, 20 Seiten
Höfische Freundschaft: Der Löwe im "Iwein" von Hartmann von ...
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Seminararbeit, 19 Seiten
Max Frisch: Homo Faber - Das literarische Verfahren zur Darstellung de...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 15 Seiten
Zur Effizienz des Menschenrechtsschutzes durch die UN am Beispiel Ruan...
Politik - Internationale Politik - Thema: Völkerrecht und Menschenrechte
Hausarbeit (Hauptseminar), 33 Seiten
Gesine Aufdermauer hat den Text Der glückliche Sünder: Albert Camus - Der Mythos des Sisyphos - als Wende in der Rezeptionsgeschichte veröffentlicht
Gesine Aufdermauer hat einen neuen Text hochgeladen
Lektürehilfen Albert Camus: L'Etranger
Texte et documents
Albert Camus, Nicole Maritzen, Norbert Maritzen
Albert Camus - Sein Leben in Bildern und Dokumenten
Unter Mitarbeit von Marcelle M...
Catherine Camus, Alwin Letzkus, Marcelle Mahasela
Albert Camus in the 21st Century: A Reassessment of His Thinking at th...
Mark Orme, Lissa Lincoln, Christine Margerrison
0 Kommentare