1
E I N L E I T U N G
Was soll ich tun? Der kantische Ausruf klingt fast schon banal und gewinnt eigentlich immer mehr an Bedeutung. Man kann heute annehmen, dass wir Menschen hier in einer sich immer stärker ausdifferenzierenden Gesellschaft leben, die auch mit einer Individualisierungstendenz des einzelnen Menschen einhergeht und nicht zuletzt durch den stetigen Erkenntniszuwachs der Menschheit immer umfangreicher werden wird. Der Blick auf die Welt in der wir leben, stellt auch historisch gesehen eine sich verändernde und wachsende Anzahl von individuellen und gesellschaftlichen Handlungsmöglichkeiten fest. Der Soziologe Beck diagnostiziert die moderne Gesellschaft als eine „Risikogesellschaft“ die den Menschen keine Sicherheiten mehr garantieren kann 1
Wir finden heute beispielsweise kaum noch eine „Normalfamilie“, welche mehrere hundert Jahre als quasi einzige gesellschaftlich legitimierte Lebensform galt. Ehemals typische Geschlechterrollen und Klassenzugehörigkeiten die vielleicht manchen Menschen sogar eine gewisse Sicherheit boten, lösen sich auf. Auch verändern sich Familienformen seit über 200 Jahren, mit einer Funktionsabgabe an Institutionen wie Schule und Arbeitsplätze mit neuen Anforderungen wie die Zunahme des Wunsches nach Harmonie und Befriedigung der emotionalen Bedürfnisse innerhalb der Familie. 2 Es eröffnen sich andere Möglichkeiten der Lebens und Handlungsformen die vorher nicht denkbar gewesen wären. Tradierte Gewohnheiten der Menschen verändern sich oder sind plötzlich nicht mehr notwendig. Neue Anforderungen an Begriffe wie Moral, Werte und Normen entstehen. Somit lassen sich auch nicht mehr so einfach aus der Bibel, von Traditionen oder etwa aus den Theoriegeschichten für diese, teils neuen, vielfältigen Bedingungen und Wahlmöglichkeiten direkte Handlungsanweisungen ableiten. Viele der sich uns heute eröffnenden Möglichkeiten konnten damals nicht bedacht werden oder wurden anders beantwortet. Wir werden durch diese Prozesse automatisch viel stärker dazu verpflichtet ein eigenes Leben zu führen und selbstständig aus den uns gegebenen Möglichkeiten auszuwählen. Wir haben, wenn man den Erklärungen der Soziologin BeckGernsheimer folgt, die Möglichkeit unsere Identität selbst zu basteln. 3 Daraus ergibt sich für den Einzelnen eine größere Verantwortung für sich selbst und für die Gesellschaft, mit seinen Möglichkeiten adäquat umzugehen. Doch fehlen häufig Orientierungsmöglichkeiten für uns Menschen, die ein Urteil ermöglichen um eine Position beziehen zu können.
Die (Ethische) Reflexion über Bedingungen, Prinzipien und Ziele menschlichgesellschaftlichen Handelns, hat angesichts des für die Spätmoderne charakteristischen Zusammenbruchs nahezu aller Orientierungsselbstverständlichkeiten seit den späten 80’er Jahren des 20. Jhd., immer mehr an Bedeutung für die Individuen und für die gesellschaftlichen Systeme insgesamt gewonnen. 4
Diese radikalen Veränderungen wirken sich auch auf Soziale Arbeit aus, denn sie hat direkt mit dem Einzelnen innerhalb einer Gesellschaft zu tun und wird dadurch ständig vor neue Anforderungen gestellt.
1 Vgl. Beck, U. (1986) „Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne“ Suhrkamp; Frankfurt a. M.
2 Vgl. Gestrich, A./Krause, JU/Mitterauer, M. (2003) „Geschichte der Familie“ S.388392 Alfred Kröner; Stuttgart
3 Beck, U./ BeckGernsheimer, E. (2005) „Das ganz normale Chaos der Liebe“ Suhrkamp; Frankfurt a. M.
4 Pätzold, H. (2003) Art. „Ethik“ in: Rehfus, W.D. (Hrsg.) „Handwörterbuch Philosophie“ Vandenhoeck&Ruprecht,
Göttingen
2
1 Begriffserläuterungen zur Sozialen Arbeit
Die Soziale Arbeit ist durch eine unheimliche Heterogenität in ihren Theorieansätzen und Definitionen gekennzeichnet. Die verschiedenen Bestimmungsversuche um die Begrifflichkeiten, Soziale Arbeit oder auch Sozialarbeitswissenschaft mit ihren SozialarbeiterInnen und SozialpädagogInnen im Feld der sozialen Arbeit, sind bis heute nicht abgeschlossen und daher in der Literatur auch nicht einheitlich. 5 Eine allgemeine Differenzierung der Sozialen Arbeit im Theoriediskurs ist bei Werner Thole 6 und Hans Thiersch 7 zu finden: Soziale Arbeit als Disziplin
• ist das gesamte Feld der wissenschaftlichen Theoriebildung und Forschung, sowie auch das Handlungsfeld (...) in dem sich die Forschungs und Theoriebildungsprozesse realisieren (Thole)
• steht beobachtend und erörternd in Distanz zu den unmittelbaren Erfordernissen der Praxis und nutzt den Freiraum zur Klärung von Vorraussetzungen und Strukturen im Gegenstandsfeld (Thiersch)
Soziale Arbeit als Profession
• bezieht sich auf das (…) Praxissystem, folglich demnach die Realität der hier beruflich engagierten Personen, sowie die von ihnen offerierten Hilfe, Beratungs und Bildungsleistungen auf der Basis der von der Gesellschaft an sie adressierten Ansprüche und Wünsche (Thole)
• ist gebunden an Aufgaben der Praxis, an die Lebensbewältigungsaufgaben der Individuen in der heutigen gesellschaftlichen Realität, gefragt bei der Unterstützung, Beratung und Klärung von Lebensgestaltungsaufgaben und der Inszenierung veränderter sozialer Realität (Thiersch)
Die Disziplin der Sozialen Arbeit generiert Wissen und Theorie. Soziale Arbeit als Profession hingegen handelt in Form von Institutionen oder im persönlichen Kontakt mit dem Individuum.
1.1 Gemeinsame Wurzeln der Sozialarbeit/Sozialpädagogik
Mit dem aufkommen des Christentum wird das Verhältnis von Armut und Reichtum neu bewertet. Die Maxime „Selig sind die Armen“ lässt Armut in einem neuen Licht erscheinen. 8 Reichtum wird im Christentum als Hindernis auf dem Weg ins Paradies gesehen (eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, denn der Reiche in den Himmel). 9 Klösterliche Gemeinschaften wurden dann ab dem 6. Jahrhundert oft durch die Ordensregeln des Benediktus von Nursia geprägt. Der Grundgedanke war, dass nur im Kloster das rechte Leben in Dürftigkeit und Liebe in Eintracht seiner Mitglieder geführt werden konnte. Weltlicher Besitz wurde strikt abgelehnt.
5 z.B. Mollenhauer 1964, 2001 S.13; Scheipel 1997 S.2; Thole 2002 S.26; ...
6 Thole, W. (2005) „Grundriss Soziale Arbeit. Ein einführendes Handbuch“ 2.Auflage S.17 VS; Wiesbaden
7 Thiersch, H./Füssenhäuser, C. (2005) „Theorien der Sozialen Arbeit“ Art. in: Otto, H.U./Thiersch, H. „Handbuch
Sozialarbeit/Sozialpädagogik“ 3.Auflage S.1877f. Reinhardt; München
8 Lk. 6, 20 ff., vgl. auch 2 Ko. 9, 7
9 Mt. 19, 24; Mk. 10, 25; Lk. 18, 25
3
Der 1224/25 geborene Sohn des Grafen von Aquino, Thomas der zum hohenstaufischen Kaisergeschlecht gehörte verbreitete eine Lehre (thomistische Almosenlehre) die seiner Zeit heftig umstritten war. Die Armen galten als ein eigener Stand. Die Reichen konnten sich durch Almosen geben den „Himmel verdienen“. 10 Den Armen gegenüber galt zu dieser Zeit das Gebot, Barmherzigkeit durch geistige und leibliche Taten zu üben: Unwissende belehren, Zweifelnden raten, Trauernde trösten, Sünder zurechtweisen, Beleidigern verzeihen, Unrecht ertragen, für Lebende und Tote beten. Aber auch: Hungrige speisen, Durstige tränken, Nackte kleiden, Fremde beherbergen, Kranke pflegen, Gefangene besuchen, Tote begraben. 11 Schilling unterscheidet in seinem Buch zwei Formen der Hilfeleistung im Mittelalter: 1. die spontane und persönliche Hilfe durch Almosen und 2. eine organisierte Hilfe für diejenigen die nicht von ihrer Familie oder Verwandtschaft unterhalten werden konnten (Alte, Sieche, Kranke, Irre, hilflose Kinder wie Findlinge oder Waisen). Für diese Gruppen gab es eine organisierte Hilfeinstitution: das Hospital.
Als die Hospitäler im ausgehenden Mittelalter zu Elendsherbergen wurden, fand eine Trennung von Erwachsenen und Kindern statt. Kinder die ausgesetzt wurden, kamen nun in besondere Findel und Waisenhäuser die meist unter der
Sorge von Orden standen (in Deutschland insb. Orden zum Heiligen Geist). Hier trifft Schilling (1997; ) eine grundlegende Unterscheidung von Erwachsenenfürsorge als Sozialarbeit und Jugendfürsorge als Sozialpädagogik.
1.2 Sozialarbeit
Mit beginn der Neuzeit (14.16. Jhdt.) wird die Almosenlehre des Thomas von Aquin deutlich überarbeitet. Arbeit wird zur Gottespflicht und Betteln verboten. Dem Arbeitslosen soll Arbeit vermittelt werden und durch die Hilfeleistung zu einem guten Christen und Bürger erzogen werden. Bis zum Zeitalter der Industrialisierung wird planmäßige, vom Staat garantierte Armenpflege abgelehnt. Erst durch die Sozialgesetzgebung von Bismarck entstanden zwei Hilfebereiche: die Sozialpolitik und die Armenfürsorge. Er ist maßgeblich an der Krankenversicherung, Unfallversicherung und Invaliditäts sowie Altersversicherung beteiligt. Kurz das System der Sozialversicherungen und die Rente wurde eingeführt. 12 Hauptberufliche und ehrenamtliche Armenpfleger sorgen sich um die Armen und versuchen vor allem durch Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen der Armut zu begegnen (Schilling 1997; 27f.). Durch die Notstände im Kriegsverlauf des 1. Weltkrieges eröffneten sich neue Handlungsnotwendigkeiten in bisher unbekanntem Ausmaß. Die Unterstützung der „Kriegerfamilien“ wurde zur zentralen Aufgabe der Fürsorgemaßnahmen. Die Kriegsfürsorge war eine öffentliche Aufgabe. Das Buch „Soziale Diagnosen“ (1926), von Alice Salomon folgt den Vorarbeiten von Mary Richmond's „Social Diagnosis“ aus den USA, die auf das aus England stammende Konzept der „Charity Organisation Societies“ (COS) zurückgreift. Diese Vereinigungen ermittelten beim Hilfebedürftigen zunächst den individuellen Hilfebedarf, und koordinierten danach die jeweiligen Hilfen. Für Salomon mussten die Beobachtungen über Tatsachen und dann die enthaltenen Aussagen geprüft, verglichen und bewertet werden. Aus dem sich so ergebenden Gesamtbild der sozialen Schwierigkeiten eines Menschen oder einer Familie wurden die notwendigen Hilfsmaßnahmen gefolgert
10
Schilling, J. (1997) „Soziale Arbeit. Entwicklungslinien der Sozialpädagogik/Sozialarbeit“ S.18ff. Luchterhand; Neuwied,
Kriftel, Berlin
11 Müller, C.W. (2006) „Wie helfen zum Beruf wurde. Eine Methodengeschichte der Sozialen Arbeit“ 4.Auflage Juventa;
Weinheim, München
12 Engelke, E. (2002) „Theorien der Sozialen Arbeit“ S.109f. - Lambertus Verlag
Arbeit zitieren:
Steffen Ernst, 2008, Ethik und Soziale Arbeit: Was soll ich tun als Sozialpädagoge / Sozialarbeiter?, München, GRIN Verlag GmbH
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