i
Abstract
Mit dem Boom von Therapie- und Encountergruppen in den 70er Jahren gewannen auch theoretische Kommunikations - Modelle zur Lösung von Verhaltensproblemen eine neue Bedeutung. Nachdem das gesellschaftliche Selbstverständnis sich wandelte, bedurfte es auch entsprechender kommunikationstheoretischer Ansätze, um dem veränderten Verständnis zwischenmenschlicher Prozesse Rechnung zu tragen. Im Zuge der Ausbildung einer humanistischen Psychologie und der Entwicklung der Systemtheorie wurden schließlich auch neue Ansätze hinsichtlich eines Verständnisses von Kommunikation formuliert. Die hier dargestellten Modelle von Ruth Cohn und Watzlawick, Beavin & Jackson repräsentieren somit auch den damals vorherrschenden Zeitgeist, der durch die Kommunikationsmodelle nach Schulz von Thun in gewisser Weise eine pragmatische Fortführung erfährt.
ii
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Das themenzentrierte interaktionelle System 3
2.1 Einleitung 3
2.2 Axiome 4
2.3 Postulate 4
2.3.1 Sei deine eigene Chairperson 5
2.3.2 Störungen haben Vorrang. 6
2.4 Hilfsregeln. 7
2.5 Zusammenfassung. 10
3. Kommunikationstheorie nach Watzlawick, Beavin Jackson 11
3.1 Einführung. 11
3.2 Grundbegriffe 11
3.3 Axiome 13
3.4 Folgerungen für einen therapeutischen Ansatz 15
4 Kommunikations-Modell nach Schulz von Thun. 17
4.1 Das Kommunikationsquadrat (Vier-Ohren-Modell) 17
4.2 Das Innere Team 21
4.2.1 Die innere Pluralität des Menschen. 22
4.2.2 Die innere Führung. 25
4.2.3 Innere Teamkonflikte und inneres Konfliktmanagement. 26
4.2.4 Aufbau der Persönlichkeit. 27
4.2.5 Variation innerer Aufstellungen. 28
4.2.6 Gehalt einer Situation. 29
5 Zusammenschau 31
Literaturverzeichnis 34
1
1. Einleitung
Um die Kommunikations-Modelle von Friedemann Schulz von Thun in seinen diversen Aspekten zu verstehen, möchte ich die wesentlichen Einflüsse für sein Kommunikationsverständnis aufzeigen. Dabei nennt er selber Ruth Cohns themenzentriertes interaktionelles System (TZI) und Paul Watzlawicks systemische Kommunikations-Theorie als entscheidende Faktoren, die ihm halfen, sein eigenes Modell von Kommunikation zu entwickeln (Schulz von Thun, 2000, 2004).
Dabei bestand zu Ruth Cohn noch über das „Fachliche“ hinaus eine persönliche Beziehung, die von besonderer Hochachtung für die Arbeitsweise und das Werk der Psychotherapeutin geprägt war. So verlieh die Fachschaft Psychologie der Universität Hamburg Ruth Cohn am 30. November 1979 die Ehrendoktorwürde (wobei Friedemann Schulz von Thun die Laudatio hielt), um damit das hervorragende Lebenswerk von ihr auszuzeichnen. Ursprünglich Psychoanalytikerin, kam sie mit den (damals) neuen Erlebnistherapien und mit der Gestalttherapie (v.a. Fritz Perls) in Berührung, nachdem sie 1933 Berlin verlassen musste und über die Schweiz nach New York emigriert war. Dort entwickelte sie schließlich im Schmelztiegel der verschiedenen therapeutischen Richtungen ihre eigene Methode des gruppendynamischen Lernens (Schulz von Thun 2004).
Der Einfluss von Paul Watzlawick auf Friedemann Schulz von Thun mag auf den ersten Blick überraschen, da die theoretischen Ausgangspunkte recht verschieden zu sein scheinen. Seine wesentlichen Einsichten gewann Paul Watzlawick in seiner psychotherapeutischen Arbeit (u.a. mit schizophrenen Patienten), darüber hinaus lieferte er einige bedeutende Beiträge zum radikalen Konstruktivismus und zur Systemtheorie (wenngleich er mehr durch seine leicht lesbaren Veröffentlichungen von Vorlesungen wie z.B. „Vom Unsinn des Sinns oder vom Sinn des Unsinns“ bekannt wurde). Sobald man aber insbesondere die Bestseller „Miteinander reden“ (1,2,3) von Friedemann Schulz von Thun eingehender studiert, fällt einem der relativ häufige Verweis auf Paul Watzlawick deutlich auf. Im ersten Band von „Miteinander reden“ hebt Friedemann Schulz von Thun auch gleich zu Anfang hervor, dass sein Modell vor allem durch Karl Bühlers und Paul Watzlawicks sprach- und kommunikationstheoretische Vorstellungen inspiriert sei (Schulz von Thun, 2000). In der vorliegenden Seminararbeit möchte ich den eigentlichen Gehalt und Ursprung seines pragmatischen Kommunikations-Modells etwas umfassender analysieren. Dazu werde ich zunächst die themenzentrierte Interaktion von Ruth Cohn und die systemische
2
Kommunikations -Theorie von Paul Watzlawick vorstellen, bevor ich deren Bedeutung für das
Kommunikations -Modell von Friedemann Schulz von Thun aufzeigen möchte
3
2. Das themenzentrierte interaktionelle System
2.1 Einleitung
Die Idee zur themenzentrierten Interaktion entwickelte sich bei Ruth Cohn während ihrer Arbeit als Lehranalytikern (Psychoanalyse), als sie den Bedarf für „Gegenübertragungs-Workshops“ erkannte und im Verlauf dieser damals innovativen Seminare zu völlig neuen Einsichten hinsichtlich gruppendynamischer Arbeit kam. Selbst überrascht über den ungewöhnlichen Zuspruch und Erfolg ihrer sich gerade entwickelnden Vorgehensweise, versuchte sie sich über die Grundlagen ihres eigenen Arbeitens klar zu werden. Im Rückblick schreibt sie dazu: „Ich setze ein Thema oder deduziere es aus dem Gruppenprozeß. Ich beachte, was die Einzelnen sagen, und versuche dabei auch zu erfühlen, wie den Einzelnen zumute ist. Ich beschäftige mich selbst mit dem Thema, und manchmal erzähle ich den anderen, was ich darüber denke und weiß. Ich warte, ob und wie die TeilnehmerInnen dafür Interesse zeigen. Ich fördere Meinungs- und Gefühlsäußerungen, ähnlich wie in Therapie-Gruppen, nur gehe ich in diesen Themengruppen auf persönliche Probleme nicht länger ein, als es für die Einzelnen und für die Interaktion notwendig ist, um sich am Thema zu beteiligen. Wenn Störungen und starke Betroffenheiten jemanden behindern, sich auf die Gruppe und das Thema einzulassen, gebe ich diesen den Vorrang. Ich bin ein Mitglied wie alle anderen mit der zusätzlichen Funktion, die Arbeit, die Interaktion in der Gruppe und die Betroffenheiten und Störungen wahrzunehmen und mich einzusetzen, nach meinem Urteil oder meiner Intuition (Cohn, 1994, S. 352/53).
Wesentlich ist insbesondere eine ausbalancierte Gesamtkonstellation innerhalb der Gruppe zu erreichen. Dazu bedarf es eines gleichgewichtigen Aufeinander-Bezogen-Seins von Ich (Person) - Wir (Gruppe) - Es (Thema), die ihrerseits in den Globe (Umgebung) eingebettet sind. Das dynamische Gleichgewicht der Ich-Wir-Es-Faktoren zu fördern, lässt sich als Voraussetzung für eine erfolgreiche Interaktion in der Gruppe und optimalen Lösung des vorgegebenen Themas ansehen.
Ausgehend von dieser Gleichgewichtshypothese gründet sich die themenzentrierte Interaktion auf einigen grundlegenden Axiomen, Postulaten und Hilfsregeln, die den theoretischen Rahmen für dieses systemische Kommunikations-Modell darstellen. Dabei geht Ruth Cohn davon aus, dass ihre Axiome und Postulate „Klarstellungen existenzieller Phänomene sind und nicht auswechselbare Spielregeln” (Cohn, 1994, S. 356). Die Axiome bilden gewissermaßen das ethische Fundament für die spezifischen Kommunikationstechniken. Zwar könnten theoretisch die TZI-Techniken, Postulate und Hilfsregeln auch unabhängig von den
4
Axiomen angewandt werden. Jedoch widerspräche eine manipulative oder gar demagogische Anwendung völlig der Intention von Ruth Cohn. Ihre persönliche Lebensgeschichte als jüdische Emigrantin während der NS-Zeit motivierte sie ja gerade dazu einen pädagogischen und politischen Ansatz zu wählen, der nicht wertneutral ist /Cohn, 1992……….
2.2 Axiome
Folgende drei Axiome liegen einer themenzentrierten Interaktion zu Grunde: 1. Der Mensch als psycho-biologische Einheit und Teil des Universums. Autonomie durch Bewusstsein der Interdependenz.
Das bedeutet: Je mehr ich mir meiner Umwelt (Interaktionspartner) bewusst bin, desto eher kann ich auch meinen eigenen Standpunkt dazu entwickeln und zur Anwendung bringen. Personale und soziale Kompetenz beruht auf einem Wechselspiel zwischen mir und meinem Umfeld.
2. Ehrfurcht vor allem Lebendigen und seinem Wachstum. Respekt vor dem Wachstum bedarf persönlicher Bewertung und Entscheidung. Das Humane steht im Zentrum. Diese Leitsätze dienen als ethischer Kompass um grundlegende Werte für ein humanes Leben zu gewährleisten.
3. Freie Entscheidung geschieht innerhalb innerer und äußerer Grenzen; Erweiterung dieser Grenzen ist möglich.
Entscheidungsfreiheit ist umso eher gegeben, je gesünder und intelligenter wir sind. Auch materielle Sicherheit und geistige Reife tragen dazu bei, dass wir unabhängig wählen und entscheiden. Meine geistige und physische Gesundheit führt somit zu einem erweiterten Handlungsspielraum und zu einem Bewusstsein unserer universellen Interdependenz, welche die Basis humaner Verantwortung ist (Cohn, 1974, 1994).
2.3 Postulate
Aus den Axiomen leitet Ruth Cohn noch zwei entsprechende Postulate ab, die sie als „Daseins-Postulate“ (Cohn, 1974, S.155) bezeichnet. Diese fordern die Realität als einzige Autorität anzuerkennen, während jegliche sonstigen Abhängigkeitsverhältnisse (Lehrer, Vorgesetzte, Gruppenleiter…) ihren absoluten Anspruch einbüßen. Dies betrifft aber nicht
5
unbedingt die Autorität von Erwachsenen gegenüber Kindern. Selbstverständlich ist es unerlässlich, dass ein Erwachsener ein Kind vor dem Feuer und seinen Gefahren warnt und notfalls auch einschreitet (Cohn & Farau, 1984).
Im Vordergrund steht das Bewusstsein für die eigene Autonomie in Interdependenz zu meiner Umgebung. (Cohn, 1974).
1. Sei deine eigene Chairperson (Anm. d. A.: Neologismus von Ruth Cohn in Anlehnung an Chairman)
a) Sei Dir und Deinen inneren Gegebenheiten und Deiner Umwelt bewusst b) Nimm jede Situation als Angebot für Deine Entscheidungen. Nimm und gib, wie Du es verantwortlich für Dich selbst und andere willst.
Meine eigene Chairperson zu sein bedeutet, dass ich mir meiner inneren Ambivalenz und Vielfalt bewusst bin. Ich sehe meine eigenen Möglichkeiten und Fähigkeiten und setze mich für meine Ziele ein, ohne mich anderen gegenüber rücksichtslos zu verhalten. 2. Störungen haben Vorrang.
Probleme sollten nicht verdrängt oder aufgeschoben werden. Ohne ihre Lösung wird der Wachstumsprozess gehemmt.
2.3.1 Sei deine eigene Chairperson
Zu Anfang einer interaktionellen Gruppenarbeit empfiehlt Ruth Cohn die Bedeutung von „Sei deine eigene Chairperson“ kurz allen Teilnehmern zu veranschaulichen. Es bedeutet für sie eine eigenverantwortliche Position innerhalb der gegebenen Gruppe einzunehmen. Sich zu dem anstehenden Thema mit seinem persönlichen Erleben und Empfinden einzubringen und gegebenenfalls auch etwas Nebensächliches, Beiläufiges und scheinbar nicht zum Thema Passendes - für einen selbst aber Relevantes - zur Sprache zu bringen. Wenn jeder Teilnehmer einer Gruppe dies beherzige, sei eine authentische Atmosphäre möglich. Es gehe darum körperliches, soziales und psychisches Geschehen
Arbeit zitieren:
M.A. Axel Pathe, 2004, Der Einfluss des systemischen Kommunikations-Modells nach Watzlawick, Beavin & Jackson und Ruth Cohns themenzentrierter Interaktion auf das pragmatische Kommunikations-Modell nach Schulz von Thun, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Bildungsungleichheit: Gleiche Bildungschancen für alle?
Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung
Hausarbeit, 23 Seiten
Bildungsungleichheit bei Migranten:Institutionalisierte Diskriminieru...
Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Hausarbeit, 21 Seiten
Pädagogik - Pädagogische Psychologie: Der Einfluss des systemischen Kommunikations-Modells nach Watzlawick, Beavin & Jackson und Ruth Cohns themenzentrierter Interaktion auf das pragmatische Kommunikations-Modell nach Schulz von Thun ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Axel Pathe hat den Text Der Einfluss des systemischen Kommunikations-Modells nach Watzlawick, Beavin & Jackson und Ruth Cohns themenzentrierter Interaktion auf das pragmatische Kommunikations-Modell nach Schulz von Thun veröffentlicht
Axel Pathe hat einen neuen Text hochgeladen
White Shop Manual: Models 2-70, 2-85, 2-105/Models 2-135, 2-155/Models...
Intertec Publishing Corporation
Approaches to Modeling of Friction and Wear: Proceedings of the Worksh...
Frederick F. Ling, C. H. Pan
Interpreting Probability Models: Logit, Probit, and Other Generalized ...
Tim Futing Liao, Tim F. Liao, Futing Tim Liao
0 Kommentare