II
Arnhold - Der Genrebegriff in der Journalistik der DDR
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis. II
Darstellungsverzeichnis IV
1. Einführung. 1
1.1 Gegenstand der Arbeit 1
1.2 Problemstellung und Aufbau der Arbeit. 2
1.3 Untersuchungsmethode 3
2. Leipziger Genretheorie. 6
2.1 Rahmenbedingungen des Genretheorie 6
2.1.1 Journalismus als Instrument von Ideologie und Politik 6
2.1.2 Grundprinzipien des sozialistischen Journalismus 8
2.2 Herausbildung der Genres 9
2.2.1 Exkurs: Historisch-dialektischer Materialismus. 10
2.2.2 Entstehung und Entwicklung der Genres 11
2.3 Wesen und Erscheinung 13
2.3.1 Wesensbestimmende Merkmale 13
2.3.2 Beziehung zwischen Genre und Beitrag. 16
2.4 Journalistischer Schaffensprozess. 17
2.4.1 Rolle des Subjekts im Schaffensprozess. 18
2.4.2 Thema, Absicht und Idee. 19
2.4.3 Schaffensprozess als Bindeglied zwischen Genre und Beitrag. 21
2.5 Systematik der Genres 23
2.5.1 Grundlegende journalistische Mitteilung- und Argumentationsweisen 23
2.5.2 Darstellungsarten. 27
2.5.3 Stilprinzipien der Genres 29
2.6 Zusammenfassung. 31
3. Vergleich des Genrebegriffs mit bundesdeutschen Ansätzen 32
3.1 Vergleich der Journalismus-Theorien. 32
3.1.1 Theoretische Konzepte des Journalismus 32
3.1.2 Materialistische Medientheorie 33
3.1.3 Analytischer Empirismus 34
3.2 Vergleich der Mediensysteme 37
3.2.1 Klassifikationen von Mediensystemen. 37
3.2.2 Geschlossenes versus offenes Mediensystem. 39
3.3 Vergleich der Schulen von Darstellungsformen 40
3.3.1 Historische Schule 41
3.3.2 Praktiker-Schule 43
3.3.3 Leipziger Konzept von HALLER 46
III
Arnhold - Der Genrebegriff in der Journalistik der DDR
3.4 Zusammenfassung. 53
4. Experten-Befragung 55
4.1 Ziele und Methoden der Untersuchung 55
4.1.1 Forschungsansatz 55
4.1.2 Vor- und Nachteile der Experten-Befragung. 56
4.2 Durchführung der Untersuchung 57
4.2.1 Auswahl der Experten. 57
4.2.2 Konzeption des Gesprächsleitfadens 58
4.2.3 Verzerrungsfaktoren 61
4.3 Ergebnisse der Untersuchung. 62
4.3.1 Zu Stellenwert, Einflussfaktoren und Wirksamkeit der Genretheorie. 63
4.3.2 Zum Vergleich der Genretheorie mit bundesdeutschen Ansätzen 65
4.3.3 Zur Allgemeingültigkeit der Genretheorie 67
4.3.4 Zur Transformation der Genretheorie 72
4.4 Zusammenfassung. 76
5. Transformation des Genrebegriffs 78
5.1 Bisherige Transformationen 78
5.1.1 Braun (1990) 78
5.1.2 Kurz et al. (2000) 80
5.2 Eigener Ansatz 84
5.2.1 Unzeitgemäße Aspekte der Genretheorie 84
5.2.2 Bewahrenswerte Aspekte der Genretheorie. 88
5.2.3 Abzuwandelnde Aspekte der Genretheorie 90
5.2.4 Zu ergänzende Aspekte. 94
5.3 Zusammenfassung. 96
6. Fazit und Ausblick 98
6.1 Ergebnisse der Arbeit. 98
6.2 Perspektiven. 100
Anhang 102
Literaturverzeichnis 173
IV
Arnhold - Der Genrebegriff in der Journalistik der DDR
Darstellungsverzeichnis
Darst. 1: Genre-Ensemble der Leipziger Schule. 12
Darst. 2: Einteilung der Genres nach Objektarten. 14
Darst. 3: Inhalt-Form-Beziehung zwischen Genre und Beitrag 17
Darst. 4: Stationen des journalistischen Schaffensprozesses. 19
Darst. 5: Einteilung der Genres nach Aspektarten 20
Darst. 6: Schaffensprozess als Brücke zwischen Genre und Beitrag 22
Darst. 7: Journalistische Schaffensprinzipien. 22
Darst. 8: Grundlegende journalistische Mitteilungsweisen. 25
Darst. 9: Grundtypen journalistischer Argumentation. 27
Darst. 10: Darstellungsarten. 28
Darst. 11: Beziehung zwischen Mitteilungsweisen, Darstellungsarten und Genres. 29
Darst. 12: Stilprinzipien der Genres 30
Darst. 13: Theoretische Konzepte des Journalismus. 33
Darst. 14: Kontexte des Journalismus-Systems. 36
Darst. 15: Klassifikationen des Mediensystems der Bundesrepublik und der DDR 38
Darst. 16: Systematiken der Historischen Schule 42
Darst. 17: Systematiken der Praktiker-Schule. 45
Darst. 18: Dimensionen der Darstellungsformen 48
Darst. 19: Historisch gewachsene Mitteilungsweisen 48
Darst. 20: Funktionssystem Darstellungsformen. 49
Darst. 21: Empirische Ebene. 50
Darst. 22: Kognitive Ebene. 50
Darst. 23: Einordnung der Darstellungsformen in das Funktionssystem 51
Darst. 24: Befragte Experten. 58
Darst 25: Behandelte Themenblöcke 61
Arnhold - Der Genrebegriff in der Journalistik der DDR
1. Einführung
„Es gibt keine Form, keine Nachricht, keinen Leitartikel, keine Reportage ,an sich‘. [...] Ihre grundlegenden Prinzipien wandeln sich, wenn sie von einer neuen Klasse oder einer neuen Gesellschaft übernommen werden.“ (SCHMIDT 1961: 10)
Dieses Zitat von Dietrich Schmidt, einem der Begründer der Leipziger Genretheorie, ist der Leitgedanke dieser Diplomarbeit. Im Zentrum der Betrachtung steht die Abhängigkeit der journalistischen Genres von den gesellschaftlichen Entwicklungen. In der sozialistischen DDR geschaffen, geriet die Leipziger Genretheorie im vereinten kapitalistischen Deutschland in Vergessenheit. Kann sie von der neuen Gesellschaft übernommen werden? Und inwieweit wandeln sich dabei ihre grundlegenden Prinzipien? Die vorliegende Arbeit will Antworten auf diese Fragen geben.
1.1 Gegenstand der Arbeit
Die vorliegende Diplomarbeit behandelt die an der Sektion Journalistik der Karl-Marx-Universität Leipzig 1 in der DDR erarbeitete Lehre der journalistischen Genres. Unter dem Begriff Genre (lat., franz. Art, Gattung, Wesen) verstehen die Leipziger Wissenschaftler allgemein eine „relativ stabile Grundform journalistischer Aussagengestaltung” (BÖTTGER 1981: 76), z. B. Nachricht, Kommentar und Reportage. Der Terminus Genre kann zwar synonym mit den in der Bundesrepublik geprägten Begriffen Darstellungs- und Stilform gebraucht werden, bezeichnet aber in dieser Arbeit speziell die journalistischen Aussageformen der Journalistik der DDR.
Während die westdeutsche Wissenschaft vom Journalismus an die Publizistik-Traditionen vor dem zweiten Weltkrieg anknüpfte, wurde die ostdeutsche Journalistik als ein Neuanfang im Sinne einer „Lehre für den Aufbau einer sozialistischen Presse neuen Typs“ (BUDZISLAWSKI 1962: 45) verstanden. So wurde auch die Pflege der journalistischen Genres nicht als „eine Art äußerlicher Zeitungskosmetik“ (SCHMIDT 1961: 1) aufgefasst, sondern als Teil der „organischen Erfordernisse einer massenwirksamen Journalistik“ (ebd.). Aufbauend auf den Agitations-und Propagandazielen des sozialistischen Journalismus entwickelten die Leipziger Wissenschaftler daher in drei Jahrzehnten eine auf Wirksamkeit ausgerichtete Genretheorie, die die journalistische Tätigkeit als ganzheitliches Modell wissenschaftlich betrachtet, aber zugleich stark didaktisch ausgelegt ist. Denn durch die Vermittlung der Genrelehre in der Ausbildung
1 Die Sektion Journalistik ging 1968 im Zuge einer Hochschulreform aus der 1954 gegründeten Fakultät
für Journalistik der Karl-Marx-Universität Leipzig hervor. Erfahrungen in der hochschulgebundenen
Journalistenausbildung gibt es in Leipzig bereits seit 1916, als Karl Bücher das „Institut für Zeitungskun-
de“ gründete, woraus später der erste zeitungswissenschaftliche Lehrstuhl Deutschlands hervorging
(vgl. PÖTSCHKE 1997: 139ff.).
sollten die Journalisten in der DDR befähigt werden, massenwirksame Beiträge im Sinne der politischen Linie herzustellen. Aufgrund der gesellschaftspolitischen Aufgabe wurde die Forschung und Lehre an der Sektion Journalistik durch die Abteilung Agitation und Propaganda beim Zentralkomitee der SED überwacht.
Die Genretheorie wurde im Wissenschaftsbereich Journalistische Methodik der Sektion 2 entwickelt - ein zentrales Lehrgebiet, das die Bedingungen und Gesetzmäßigkeiten der massenwirksamen Gestaltung journalistischer Beiträge und Gesamtprodukte unter dem politischideologischen Blickwinkel untersuchte. Die Methodiker hatten dabei den Anspruch, die Genre-theorie nicht auf einen „Katalog pragmatischer Tricks“ (BECKERT 1988: 178) zu reduzieren, sondern sie als Teil des journalistischen Arbeitsprozesses und Kommunikationsprozesses zu betrachten. Die ganzheitliche Erforschung umfasste auch Stilnormen der Genres, die der Wissenschaftsbereich Sprache und Stilistik erstellte.
Die Genretheorie ist das Produkt der Gemeinschaftsarbeit der Wissenschaftler an der Sektion Journalistik. Forschungsergebnisse Einzelner wurden in gemeinschaftlichen Lehrbüchern zusammengefasst und als Autorenkollektiv der Sektion veröffentlicht. Wegen der Konformität nach innen und der Spezifik nach außen kann daher von einer Leipziger Schule gesprochen werden.
1.2 Problemstellung und Aufbau der Arbeit
Der Titel der vorliegenden Diplomarbeit „Der Genrebegriff in der Journalistik der DDR. Eine kritische Bestandsaufnahme“ suggeriert zweierlei: Erstens soll der Bestand der Leipziger Genre-theorie bis 1990, dem Schlusspunkt der Genreforschung an der Sektion Journalistik 3 , aufgenommen werden. Zweitens ist dieser Bestand kritisch zu bewerten. Im Zentrum der Untersuchung steht dabei die Frage, ob die Leipziger Genretheorie als Modell in den veränderten gesellschaftlichen Bedingungen heute noch Gültigkeit besitzt. Ausgegangen wird dabei von folgenden Arbeitshypothesen:
Arbeitshypothese
1: Wegen ihrer ideologischen Durchdringung hat die Leipziger Gen-
retheorie in ihrer ursprünglichen Form in der Bundesrepublik Deutschland keinen Be-stand mehr.
2 Neben der Journalistischen Methodik umfasste die Sektion Journalistik in den achtziger Jahren vier
weitere Wissenschaftsbereiche: Theoretische Grundlagen und Geschichte des Journalismus, Journalis-
tischer Arbeitsprozess, Sprache und Stilistik und Journalistische Fachgebiete.
3 Nach der politischen Wende im Herbst 1989 befand sich der Studien- und Forschungsbetrieb der Sekti-
on Journalistik personell, inhaltlich und organisatorisch im Umbruch. Der sektionsinterne Neuanfang
wurde durch den Beschluss der Sächsischen Landesregierung zur Abwicklung der Sektion im Dezem-
ber 1990 gestoppt (vgl. STEPHAN 1991: 36ff.).
Arnhold - Der Genrebegriff in der Journalistik der DDR
Arbeitshypothese
2: Die Leipziger Genretheorie besitzt jedoch bewahrenswerte, origi-
nelle Elemente, die zu einer Transformation des Modells anregen.
Die Grundlage der Problemerörterung bildet die Bestandsaufnahme der Genretheorie im ersten Kapitel der Arbeit. Darin werden das ideologische und erkenntnistheoretische Fundament, die funktionale Ausrichtung und die Systematik der Genretheorie ausführlich dargestellt.
Die Beweisführung der Arbeitshypothesen erfolgt in drei Schritten. Zunächst wird die Genrethe-orie im zweiten Kapitel bundesdeutschen Ansätzen gegenübergestellt. Durch den Vergleich der Journalismustheorien, Mediensysteme und Schulen von Darstellungsformen sollen Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen der Genretheorie der DDR und den heute vorherrschenden Konzepten herausgefiltert werden.
Diese Analyse bildet den Grundstein für den zweiten Schritt der Problemerörterung: die Befragung von Experten. In explorativen Interviews sollen die Fachleute einschätzen, inwieweit die Leipziger Genretheorie einen über den Sozialismus hinaus bestehenden Kern besitzt und ob sie in die kapitalistische Gesellschaftsform transformiert werden kann. Durch diese qualitativ ausgerichtete Untersuchung soll ein möglichst großes Spektrum an relevanten Aspekten über die Fachliteratur hinaus erfasst werden.
Die Anregungen aus den Interviews und die Ergebnisse des Vergleichs fließen dann in einem dritten Schritt in Überlegungen über einen möglichen Ansatz einer Transformation der Genre-theorie ein. Ziel ist es, gemäß der Problemstellung zu erklären, welche Elemente der Genrethe-orie bewahrenswert sind und welche in Hinblick auf die veränderten gesellschaftlichen Bedingungen entfallen müssten.
1.3 Untersuchungsmethode
Die vorliegende Arbeit betritt ein journalistikwissenschaftliches Leerfeld. Es gibt weder Publikationen, die sich direkt mit der oben genannten Problemstellung befassen noch sind in der Fachliteratur konkrete Methoden für eine solche Fragestellung ausgewiesen. Die Arbeit bedient sich daher eines eigens zusammengestellten Methodenmixes aus hermeneutischen Verfahren und der empirischen Erhebungsmethode der Befragung.
Vor allem in den Kapiteln 2 und 3 dominiert die hermeneutische Vorgehensweise. Das heißt, die Fachtexte werden aus sich heraus gedeutet und in ihrem Sinn erschlossen. Die Bestandsaufnahme der Leipziger Genretheorie im ersten Kapitel wird dabei mittels einer systemimmanenten Analyse durchgeführt. Systemimmanent meint, dass der Genrebegriff der Sektion Journalistik
der DDR mit Hilfe der eigenen Theoreme auf Basis der in der DDR entstandenen Fachliteratur erklärt wird.
Die Quellen des ersten Kapitels bilden daher sektionsinterne Lehrbücher, Lehrhefte, Übungsbücher, Dissertationen sowie Publikationen in der sektionseigenen Fachzeitschrift „Theorie und Praxis des sozialistischen Journalismus“. Da der Bestand der Forschungsergebnisse von 1990 aufgenommen werden soll, greift die Arbeit vor allem auf wissenschaftliche Veröffentlichungen in der letzten Dekade der Sektion Journalistik zurück, wenngleich auch wegweisende Grundsatzwerke aus den sechziger und siebziger Jahren berücksichtigt werden. Abgesehen von in der Wendezeit aussortiertem Material, ist sämtliche vergriffene Originalliteratur in der Deutschen Bücherei Leipzig und der Bibliothek des Instituts für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig zugänglich.
Auf bundesdeutsche Publikationen über die Forschung an der Sektion Journalistik wird in diesem dokumentierenden Teil bewusst verzichtet, da diesen Ausführungen schon wegen der Herkunft und Sozialisation der Verfasser eine gewisse Wertung innewohnt. Ziel ist es aber, sich so vorurteilsfrei wie möglich an den Gegenstand anzunähern. Dabei wird in Kauf genommen, dass die - zunächst unkommentierte - Dokumentation ein heute mitunter nicht mehr tragbares Journalismus-Verständnis zum Ausdruck bringt. Zum besseren Verständnis wird der Bestandsaufnahme daher ein Abschnitt über die politisch-ideologischen Grundlagen und Prinzipien des sozialistischen Journalismus vorangestellt.
Eingeordnet und gewertet wird die Leipziger Genretheorie im dritten Kapitel durch einen Vergleich der ostdeutschen Lehre mit bundesdeutschen Ansätzen. In der kritischen Analyse werden dabei die beiden Journalismus-Theorien, Mediensysteme und die verschiedenen Schulen von Darstellungsformen gegenübergestellt. Gemäß der Fragestellung, ob die Leipziger Genretheorie heute noch Bestand hat, wird in diesem Teil vor allem bundesdeutsche Fachliteratur, d. h. Grundsatzwerke und Publikationen neueren Datums, verwendet. Der Vergleich stützt sich dabei sowohl auf die in der Fachliteratur ausgewiesenen Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den DDR- und bundesdeutschen Modellen als auch auf eigene Schlussfolgerungen.
Um die Problemstellung über die Fachliteratur hinaus zu erörtern, wird im vierten Kapitel eine empirische Untersuchung durchgeführt. Da die Fragestellung dieser Arbeit noch weitestgehend unerforscht ist, eignet sich eine qualitativ ausgerichtete Forschungsmethode, die die Komplexität des Themas auffängt und Interpretationen zulässt. Wesentlich sind nicht statistische Kennzahlen, sondern Sinndeutungen aus der Subjektperspektive. Deshalb wird in dieser Arbeit die Untersuchungsmethode der mündlichen Experten-Befragung angewandt.
Arnhold - Der Genrebegriff in der Journalistik der DDR
Ziel der explorativ ausgerichteten Interviews ist es, Argumente und Gegenargumente für die eingangs formulierte Problemstellung zu sammeln, ob die Genretheorie als Modell im neuen Gesellschafts- und Mediensystem noch Bestand hat. Der Forschungsansatz, die Auswahl der Experten, die Konzeption des Leitfadens sowie mögliche Verzerrungsfaktoren der Befragung werden im vierten Kapitel ausführlich dargestellt. Die Transkriptionen der Gespräche sind der Arbeit im Anhang angefügt.
Die Ergebnisse der Experten-Befragung und des Vergleichs gehen dann in Kapitel 5 in eigene Überlegungen der Autorin hinsichtlich einer Transformation der Genretheorie ein. Vorangestellt wird dem eigenen Ansatz eine kritische Analyse bisheriger Transformationen von Teilen der Genretheorie. Die Untersuchung dieser beiden publizierten Ansätze soll dabei weder einer Inhaltsanalyse noch einer Rezension genügen, sondern vor allem Vor- und Nachteile der Vorgehensweise der Forscher herausarbeiten, die bei einer Gesamttransformation der Genretheorie berücksichtigt werden müssten.
Diese und die bei der Problemerörterung zuvor gewonnenen Erkenntnisse münden in einem originären Kriterienkatalog, der nach Auffassung der Autorin die wichtigsten, bei einer Transformation der Genretheorie zu beachtenden Aspekte zusammenfasst. Die Arbeit will dabei keinen Fahrplan für eine Transformation vorgeben, sondern die einzelnen Bestandteile der Leipziger Genretheorie danach bewerten, ob sie rein sozialistisch bedingt sind oder überdauernden Charakter haben, ob sie also bei einer Transformation entfernt, übernommen oder abgewandelt werden müssten. Zudem beinhaltet der Kriterienkatalog Aspekte, die wegen der Entwicklungen in Technologie und Medienlandschaft erst in der Post-Genretheorie-Dekade an Bedeutung gewannen und daher ergänzt werden müssten.
Die vorliegende Diplomarbeit ist durch ein großes Interesse und Respekt vor den wissenschaftlichen Leistungen der Forscher der ehemaligen Sektion Journalistik motiviert. Dabei soll der Gegenstand weder aus einem Ostalgie-Gefühl heraus beschönigt noch aus heutiger westlicher Perspektive exotisch dargestellt werden. Vielmehr versteht sich diese Arbeit als Aufarbeitung eines Teils der fruchtbaren DDR-Journalistik, dem auch nach der politischen Wende eine - wenn auch kritische - Beschäftigung gebührt.
2. Leipziger Genretheorie
Welche Wesenszüge die Leipziger Genretheorie ausmachen, soll in der folgenden Be-standsaufnahme erklärt werden. Sie umfasst die Erkenntnisse der Wissenschaftler der Sektion Journalistik über die Herausbildung der Genres, ihre wesensbestimmenden Merkmale, ihre Rolle im journalistischen Schaffensprozess sowie ihre Systematisierung. Da eine Lehre stets auch ein Produkt der herrschenden Gesellschaftsordnung ist, werden zunächst die politischideologischen Rahmenbedingungen des Journalismus und der Journalistik in der DDR ausgeführt.
2.1 Rahmenbedingungen des Genretheorie
In der DDR waren die Journalistik und ihr Gegenstand, der Journalismus, politisch-ideologisch geprägt. Im Folgenden werden die Auswirkungen der marxistisch-leninistischen Ideologie auf das Journalismus-Verständnis und die journalistische Methodik der Leipziger Schule dargestellt.
2.1.1 Journalismus als Instrument von Ideologie und Politik
Das Verständnis von Journalismus und Journalistik in der DDR wurde durch den Marxismus-Leninismus bestimmt, der von Wladimir Iljitsch Lenin Anfang des 20. Jahrhunderts weiterentwickelten gesellschaftlich-politischen Theorie von Karl Marx und Friedrich Engels. Den Kern der an der Nationalökonomie ansetzenden Lehre bilden Materialismus, Dialektik und wissenschaftlicher Sozialismus.
So prophezeit der Marxismus-Leninismus, dass die unterdrückten Klassen nach einer Weltrevolution die politische Herrschaft übernehmen und in dem neuen Gesellschaftssystem, dem Sozialismus, das Privateigentum an Produktionsmitteln in eine gemeinschaftliche Produktionsweise überführen, bis der Sozialismus letztendlich in die klassenlose Gesellschaft des Kommunismus übergehe. Diese Sozialismus-Theorie prägte alle politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Bereiche der DDR - einschließlich Journalismus und Journalistik. Für die journalistische Methodik ist auch die marxistische Lehre vom historisch-dialektischen Materialismus (siehe 2.2.1) von Bedeutung.
Maßgeblich für die Journalismus-Auffassung in der DDR war die Pressetheorie von LENIN. Nach seinem Prinzip der Parteiliteratur bildet die „Presse neuen Typs“ einen Bestandteil der politisch-ideologischen Parteiarbeit. Der Journalismus sei somit Partei und Staat unterstellt und diene als „Instrument des politischen Überbaus der Gesellschaft“ (KARL-MARX-UNIVERSITÄT 1981: 109). Vom „kollektiven Standpunkt der Partei“ (AUTORENKOLLEKTIV 1983: 97; Her-
Arnhold - Der Genrebegriff in der Journalistik der DDR
vorheb. im Orig.) aus, hat der Journalismus laut LENIN drei Funktionen zu erfüllen (vgl. LENIN 1960: 129):
Als „kollektiver Propagandist“ sollen die Medien die marxistisch-leninistische Ideologie x
als Theorie und in Gestalt der Parteipolitik durch Argumentation vermitteln.
Als „kollektiver Agitator“ soll die Presse auf die Aktionsbereitschaft der Massen einwir- x
ken, indem sie das Volk durch politische Forderungen und Losungen aufrüttelt und an-spornt. Agitation und Propaganda schließen Polemik ein, d. h. den „Kampf gegen falsche, unter Umständen feindliche Anschauungen“ (AUTORENKOLLEKTIV 1988: 78). Hauptstoßrichtung ist dabei nach LENINs Imperialismustheorie 4 die bürgerliche Weltanschauung.
Als „kollektiver Organisator“ soll der Journalismus durch das Medium als Institution x
der Partei sowie durch die Vermittlung von handlungsbezogener Information wirken.
In der Praxis äußerte sich die vollständige Integration des Journalismus in die Parteiarbeit in politischer, institutioneller, ökonomischer und personeller Einheit: Programm, Statut und Beschlüsse der Partei bildeten die Leitlinien journalistischer Arbeit. Presseorgane waren als Be-standteile von Parteiorganisationen der jeweiligen Parteileitung unterstellt. Auch die an der Produktion und Verbreitung der Presse beteiligten Einrichtungen unterstanden der Partei. Die Journalisten wurden zur Parteimitgliedschaft angehalten; der Zugang zum Beruf wurde durch die zentralisierte Journalistenausbildung in Leipzig beschränkt (vgl. KARL-MARX-UNIVERSITÄT 1981: 151f.).
Kurz gesagt: Der Journalismus galt in der DDR als
„[...] Instrument der politischen Leitung der entwickelten sozialistischen Gesellschaft durch die marxistisch-leninistische Partei, als Waffe im ideologischen Klassenkampf gegen den Kapitalismus und wichtige[s] Mittel zur Befriedung der geistig-kulturellen Bedürfnisse der Werktätigen.” (ebd.: 112)
5 LENINs Imperialismustheorie weist dem Imperialismus, d. h. der Unterwerfung und Ausbeutung fremder
Völker durch die Kapitalisten, die Schuld am Ausbleiben der von Marx propagierten Weltrevolution zu.
Durch die imperialistisch erwirtschafteten Profite hätten die Kapitalisten die Arbeiterschaft Westeuropas
bestochen, die sich deshalb mit dem bürgerlichen System arrangierte, anstatt wie im armen Russland
die ,Feudalherren‘ zu stürzen.
2.1.2 Grundprinzipien des sozialistischen Journalismus
Ausgehend vom Marxismus-Leninismus, wurden Grundprinzipien für die gesamte Agitations-und Propagandaarbeit formuliert, denen der Journalismus zu genügen hat. Diese Prinzipien werden „[...] als Denk- und Handlungsaufforderungen verstanden, die eine feste Orientierung im täglichen Kampf ermöglichen“ (AUTORENKOLLEKTIV 1983: 101). Sie gelten als Leitbilder für die journalistische Methodik einschließlich der Genretheorie. Grundlegend für die journalistische Praxis sind dabei die Prinzipien Parteilichkeit, Wissenschaftlichkeit und Massenverbundenheit; ergänzend kommen Wahrheitstreue sowie das Prinzip der revolutionären Kritik und Selbstkritik dazu. Diese fünf Grundprinzipien werden als dialektische Einheit verstanden, wobei das Parteilichkeitsprinzip alle anderen durchdringt.
Parteilichkeit
Das Parteilichkeitsprinzip verlangt das „Vertreten von Klasseninteressen im Denken und Handeln“ (AUTORENKOLLEKTIV 1983: 103; Hervorheb. im Orig.) und wurde als „identisch mit Klassengebundenheit“ (STADER 1987: 72) verstanden.
„Das Prinzip der Parteilichkeit besteht in der bewußten und offenen Parteinahme für die Interessen und Ziele der Arbeiterklasse [...]“ (AUTORENKOLLEKTIV 1983: 103; Hervorheb. im Orig.)
Der Journalist ist demnach aufgefordert, sich die sozialistische Weltanschauung bewusst anzueignen und nach diesen Normen die Wirklichkeit zu bewerten. Das Parteilichkeitsprinzip bestimme dabei die Informationsauswahl, die journalistische Gestaltung (Details, Sprache) sowie die Vermittlung des Beitrags (Medium, Platzierung, Zeitpunkt). Nach der Leipziger Schule kann der Journalist also nur die Wahrheit erkennen, die richtige Sprache und die richtigen Methoden für einen Beitrag finden, wenn er den Standpunkt der Arbeiterklasse einnimmt. Kurz gesagt: Parteilichkeit ist die „[...]moralische Antriebshaltung, die im gesamten Prozeß des journalistischen Tätigseins wirkt und von dem alle anderen Prinzipien des journalistischen Handels abhängen.“ (RÖHR 1985: 146)
Wissenschaftlichkeit
Ausdruck und Bedingung des Parteilichkeitsprinzips sei das Prinzip der Wissenschaftlichkeit. Es fordere vom Journalismus „die Anwendung des Marxismus-Leninismus als wissenschaftliche Arbeitsmethode“ (AUTORENKOLLEKTIV 1983: 117; Hervorheb. im Orig.) und die Propagierung der Ideologie. Das heißt, der Marxismus-Leninismus soll in Form des historisch-dialektischen Materialismus (siehe 2.2.1) als Erkenntnismethode bei Themenauswahl, Recherche und Gestaltung verwendet und durch propagandistische Beiträge verbreitet werden. Wissenschaftlichkeit bedeutet demnach die Anerkennung des Marxismus-Leninismus.
Arnhold - Der Genrebegriff in der Journalistik der DDR
Nach dem Prinzip der Massenverbundenheit ist der Journalismus dazu da, „[...] die ständige Verbindung der Partei mit den Massen herzustellen und zu festigen“ (KARL-MARX-UNIVERSITÄT 1981: 139). Aus dem Kontakt zur Basis soll der Journalist dabei sein Wissen um deren Interessen, Bedürfnisse und Probleme gewinnen, was ihn befähige, „[...] sich differenziert an die verschiedenen Klassen und Schichten zu wenden, die Sprache des Volkes zu sprechen“ (AUTORENKOLLEKTIV 1988: 12) und die Werktätigen zur Mitarbeit an seinem Medium, z. B. als ehrenamtlicher ,Volkskorrespondent‘ oder durch das Schreiben von Leserbriefen, zu motivieren.
Wahrheitstreue
Das Prinzip der Wahrheitstreue (auch Wahrhaftigkeit) beinhaltet „[...] das notwendige Streben nach wahrer Erkenntnis im Interesse der Arbeiterklasse“ (AUTORENKOLLEKTIV 1983: 114; Hervorheb. im Orig.). Ausgangspunkt der Wahrheitsfindung durch den Journalisten sei der parteiliche Standpunkt der Arbeiterklasse. Verbreitet werden sollen dabei vor allem solche Wahrheiten, die zur Durchsetzung der politischen Linie der Partei beitragen. Hinsichtlich des methodischen Vorgehens fordert das Prinzip der Wahrheitstreue journalistische Sorgfaltspflicht, die sich in Gewissenhaftigkeit und der Überprüfung von Informationen und Quellen äußere.
Revolutionäre Kritik und Selbstkritik
Auf der Grundlage der Parteilichkeit ruft das Prinzip der revolutionären Kritik und Selbstkritik dazu auf, Widersprüche zwischen gesellschaftlichen Erfordernissen und subjektiven Einstellungen und Verhaltensweisen aufzudecken. Kritik gelte dem Klassengegner, aber auch den eigenen Reihen, wobei nicht das System an sich, sondern allein die Fehler bei der Realisierung der gesteckten Ziele für den sozialistischen Fortschritt angeprangert werden sollen - stets begleitet von Erfolgsmeldungen zur Selbstbestätigung und als Ansporn. Kritik und Selbstkritik sind demnach „[...] keine Methoden der Orientierung auf das Negative, sondern eine Kraft im Dienste des Positiven“ (AUTORENKOLLEKTIV 1983: 122).
2.2 Herausbildung der Genres
Die oben dargestellten ideologischen Grundlagen und daraus abgeleiteten Prinzipien des Journalismus wirken sich in vielerlei Art auf die Leipziger Genretheorie aus. So impliziert der Marxismus-Leninismus die historische Herleitung der Genres. Maßgeblich ist dafür die Sichtweise des historisch-dialektischen Materialismus, dessen Prinzipien im Folgenden in einem kurzen Exkurs erläutert werden.
2.2.1 Exkurs: Historisch-dialektischer Materialismus
Vereinfacht formuliert, stellt die materialistische Lehre im Marxismus-Leninismus den Sinn und Zweck der Forschung dar. Die Dialektik bezeichnet dagegen den Weg des Herangehens. Folgende Aspekte der Lehren sind für die Genretheorie relevant:
Im Gegensatz zum Idealismus, der den gesellschaftlichen Wandel mit der Entwicklung und Wirkung von Ideen (Geist, Begriffe) erklärt, hebt der Materialismus die Umweltabhängigkeit des Menschen hervor, insbesondere von der epochespezifischen Ökonomie, d. h. den Produktionsverhältnissen und den materiellen Interessen. Die Leipziger Schule übernimmt diese materialistische Grundposition und erklärt die Anerkennung der „vom Denken unabhängigen objektiven Realität” (WALTHER 1980: 28; Hervorheb. im Orig.) und der „Determiniertheit aller Natur- und Gesellschaftserscheinungen“ (ebd.; Hervorheb. Im Orig.) zur Voraussetzung wissenschaftlichen Forschens.
„Daraus folgt: nicht die Analyse der Anschauungen der Menschen über den Journalismus, über die journalistischen Genres (wie bei Groth, Haacke u. a.) kann Ausgangspunkt und Grundelement journalistischer Forschung sein, sondern vielmehr hat die marxistische Journalistikwissenschaft die objektive, durch die ,Produktionsweise des materiellen Lebens bedingte‘ Beschaffenheit des Journalismus und seiner Gattungen zu erforschen.” (ebd.; Hervorheb. im Orig.)
Laut WALTHER bedeute das für die Genretheorie, dass die einzelnen Genres nicht durch ,Somüsst-ihr-es-tun‘-Gesetze, sondern durch ihr Wesen, die außerhalb des Bewusstseins existente Realität, bestimmt werden. Entscheidend seien dabei die historischen Bedingungen der Entstehung der Genres.
Materialistische Dialektik
Während der Materialismus im Marxismus den Sinn und Zweck der Forschung darstellt, bestimmt die Dialektik den Weg des Herangehens. Dialektik bedeutet Logik des Widerspruchs bzw. Methode des Pro und Contra der Wahrheitsfindung. Demnach wird Fortschritt nicht im Verharren auf einer These erreicht, sondern im Übergang von der These zur Antithese und von da zur Synthese (vgl. SEIFFERT 1994: 33ff.). Die Leipziger Schule nimmt diese dialektischen Prinzipien als Maßstab, um journalistische Erscheinungen in ihrer objektiven Beschaffenheit, ihren Wechselbeziehungen, widerstrebenden Tendenzen und Übergängen zu erfassen.
Zudem lehnt sie am Entwicklungsgedanken der dialektisch-materialistischen Evolutionstheorie an, wonach sich die Natur von der toten Materie, der niedrigsten Form, über die lebende bis zur bewusstseinsfähigen Materie entwickelt, wobei der Übergang von einer Qualität in die andere
Arnhold - Der Genrebegriff in der Journalistik der DDR
sprunghaft beim Überschreiten eines gewissen Maßes erfolgt. Für die Genretheorie bedeutet das, dass sich die einzelnen Genres in den jeweiligen Entwicklungsphasen formen und weiterentwickeln und daher historisch konkret als Prozess studiert werden sollen.
2.2.2 Entstehung und Entwicklung der Genres
Wie oben dargelegt, fragt die Genretheorie ausgehend vom historisch-dialektischen Materialismus zuallererst nach der Herkunft, „der historisch gewordenen Beschaffenheit der journalistischen Genres“ (WALTHER 1980: 50; Hervorheb. im Orig.). Die Leipziger Schule geht davon aus, dass sich die Genres in der journalistischen Praxis in einem jahrhundertelangen Prozess herausgebildet haben.
Am Anfang habe dabei die „zeytung“, relatio“ oder „aviso“ genannte Mitteilung gestanden, eine Mischung aus den heutigen Genres Nachricht und Bericht. Prägende politisch-soziale Bedingungen, die die weitere Entwicklung der Genres beeinflussten, seien die Herausbildung politisch-ideologischer Organisationen und Parteien des Bürgertums und der Arbeiterklasse, die Entwicklung der periodischen Presse als Instrument dieser Richtungen und die damit verbundene Dynamik von Massenbewegungen und gesellschaftlichen Prozessen gewesen. Als journalistisch besonders schöpferisch habe sich dabei die Zeit der Revolution, der in der materialistischdialektischen Evolutionstheorie erwähnte Übergang von einer Qualität in eine andere, erwiesen.
„Die wichtigsten journalistischen Fortschritte wurden in Zeiten großer Massenbewegungen erzielt, im Kampf für das Neue, wenn die Publizisten sich mit Leidenschaft den brennenden Problemen des Lebens zuwendeten und ihnen Ausdruck geben wollten.” (SCHMIDT 1961: 10; Hervorheb. im Orig.)
So hätte das lange von den weltlichen und geistlichen Machthabern unterdrückte politische Räsonnement‘ erst im Zuge der französischen Revolution von 1789 und der Befreiungskriege einen Aufschwung erlebt und sich die kommentierenden Genres erst mit der Revolution von 1848/49 in der deutschen Presse endgültig durchgesetzt (vgl. AUTORENKOLLEKTIV 1988: 91ff.).
Diese im 19. Jahrhundert herausgebildeten journalistischen Genres fasst die Leipziger Schule als „verhältnismäßig beständige, charakteristische Gestaltungsformen im journalistischen Schaffen“ (SCHMIDT 1961: 5; Hervorheb. im Orig.) auf. Trotz einer relativ stabilen Grundform seien die Genres aber ständiger Veränderung und Weiterentwicklung unterworfen, vor allem wegen des Laufs der gesellschaftlichen Entwicklung, aber auch aufgrund kommunikationstechnischer Erneuerungen wie Fotografie, Hörfunk und Fernsehen im letzten Jahrhundert.
Die spezifische historische Situation begründe auch die nationalen Unterschiede in der Herausbildung und Verwendung der journalistischen Aussageformen. So seien in der sozialistischen DDR jene Genres bevorzugt worden, „[...] die am besten geeignet sind, die Funktionen der Presse neuen Typs als kollektiver Organisator, Agitator und Propagandist zu verwirklichen“ (BUDZISLAWSKI 1966: 164). Dazu zählten Formen der Agitation (z. B. Agitationskasten), der Polemik (Kurzkommentar, Glosse) sowie der Einbindung der Massen (Volkskorrespondenz, Diskussion). Prinzipiell unterscheidet die Leipziger Schule zehn Grundformen von Genres, denen weitere Typen und Arten untergeordnet sind (siehe Darst. 1).
Darst. 1: Genre-Ensemble der Leipziger Schule
Quelle: vgl. AUTORENKOLLEKTIV 1988: 94ff.
5 Die Leipziger Schule fasst das Gespräch als eigenständiges Genre auf, in dem anders als im Interview
das Thema gemeinsam durch Journalist und Gesprächspartner mittels Meinungsaustauschs erörtert
wird. (vgl. AUTORENKOLLEKTIV 1988: 197f.)
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2.3 Wesen und Erscheinung
Die Leipziger Schule betrachtet die Genres als hoch abstrahierte Grundformen, die sich in konkreten journalistischen Beiträgen mannigfaltig niederschlagen. Welche Merkmale ihr Wesen bestimmen und wie sie sich in der Erscheinung widerspiegeln sollen, wird im Folgenden erläutert.
2.3.1 Wesensbestimmende Merkmale
Die Leipziger Wissenschaftler bestimmen das Wesen eines Genres nach drei Kategorien: Ge-genstand, Funktion und Methode, die eine dialektische Einheit bilden.
Gegenstand
Die Leipziger Schule betrachtet den Gegenstand „als eine vornehmlich erkenntnistheoretische Kategorie“ (WALTHER 1980: 63). Bezugspunkt der Erkenntnistätigkeit des Journalisten sei die „objektive Realität“ (POERSCHKE 1987: 16). Sie bilde das unabhängig vom Subjekt existierende Sein, das Ding an sich, „das zu einem Ding für uns wird, indem wir es erkennen und auf dieses Ding einwirken“ (WALTHER 1980: 67). Erscheinungen der Wirklichkeit werden demnach erst zum Gegenstand journalistischer Widerspiegelung, wenn sie der Journalist erschließt und entsprechend der gesellschaftlichen Zielstellungen so umformt und bearbeitet, dass bestimmte menschliche Bedürfnisse und Erfordernisse erfüllt werden. Diese Auffassung der Wirklichkeitsaneignung beruht auf dem historischen Materialismus des Marxismus-Leninismus, wonach der Gegenstand „[...] in seiner dialektischen Wechselbeziehung mit den tätigen Menschen und ihren Bedürfnissen“ (POERSCHKE 1987: 18) aufgefasst wird.
Notwendiger Bestandteil der journalistischen Aneignung sei dabei die Wertung. Demnach werden die Erscheinungen der Wirklichkeit nach der Bedeutung „für die Realisierung der Gesellschaftsstrategie“ (ebd.: 52) ausgewählt. Wichtiges Kriterium ist die Aktualität, die sich jedoch nicht primär auf Gegenwärtigkeit und Zeitnähe beziehe, sondern als „von der Klassenlage abhängige Kategorie” (WALTHER 1980: 68; Hervorheb. im Orig.) begriffen wird. Hinsichtlich der politisch-ideologischen Zielstellung definiert die Leipziger Schule den journalistischen Gegen-stand wie folgt:
„Gegenstand des Journalismus, also das, was mit journalistischer Tätigkeit aus der Wirklichkeit erschlossen und menschlichen Bedürfnissen entsprechend verarbeitet wird, ist die unmittelbar gegenwärtige Situation einer sozialen Gemeinschaft (Klasse, Schicht, Nation, Gesellschaft) als eines politi- schen Subjekts im weltgeschichtlichen Prozeß.“ (POERSCHKE 1987: 43; Hervorheb. im Orig.)
Der allgemeine Gegenstand, die unmittelbar gegenwärtige Situation, wird Erkenntnisgegenstand genannt. Er realisiere sich in „unzähligen Darstellungsgegenständen“ (WALTHER 1980: 64), d. h. in konkreten Objekten. Denn die Wirklichkeit existiere zwar als Ganzheit, könne vom Journalisten aber nur in Teilen erkannt werden. Grundsätzlich unterscheidet die Leipziger Schule drei Arten von Wirklichkeitsausschnitten, die so genannten Objektarten.
x Bei einem Ereignis handele es sich um eine „Tatsache mit Vorgangscharakter, um einen räumlich-zeitlich genau fixierten Schritt im Gesellschaftsprozeß“ (AUTOREN-KOLLEKTIV 1988: 47). Dabei könne auch eine Meinungsäußerung ein Ereignis sein.
x Als Komplex von Ereignissen trete die Situation zu Tage, verstanden als gesellschaftlicher Prozess, Lage bzw. Entwicklungsstand. Sie werde erfasst, indem die im Moment ausschlaggebenden Faktoren vor dem Hintergrund relativ beständiger Faktoren betrachtet werden.
x Die Objektart Akteur bezeichne die Entwicklung von Individuen oder Kollektiven und beziehe sich somit auf Taten und Leistungen.
Die Genres sind nicht auf eine Objektart festgelegt, einige behandeln auch mehrere Arten von Wirklichkeitsausschnitten (siehe Darst. 2).
Darst. 2: Einteilung der Genres nach Objektarten
Quelle: abgewandelt nach BRAUN 1990: 37
Funktion
Untrennbar mit dem Gegenstand eines Genres sehen die Leipziger Wissenschaftler seine Funktion verbunden. Darunter wird „der mit seinem Einsatz angestrebte Zweck“ (HOFFMANN 1963: 68) verstanden. Wie unter 1.1.1 ausgeführt, sind die Genres grundsätzlich den Zielstellungen des sozialistischen Journalismus unterstellt: Hauptaufgabe ist die politisch-ideologische Erziehung, Unterhaltung ist untergeordnet. Nach der Leipziger Schule verfolgen die Genres aber je nach Erfordernis und Bedürfnis „unterschiedlich tief gehende Informationszwecke“
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(AUTORENKOLLEKTIV 1988: 87): Sie beantworteten informatorische Fragen nach dem Kern von Ereignissen, analytische nach Bedeutung und Zusammenhängen oder zeigten Denk- und Verhaltensweisen von Menschen auf (vgl. RÖHR 1977: 215). Diese funktionale Bestimmung findet sich auch in der Einteilung der Genres in grundlegende journalistische Mitteilungsweisen wieder (siehe 2.5.1).
Die unterschiedlichen Informationszwecke, die mit den Beiträgen der Genres zu lösen sind, gehen einher mit unterschiedlichen Wirkungen, die mit ihnen beabsichtigt sind. Als entscheidendes Motiv der Genreforschung sieht die Leipziger Schule daher die Wirksamkeit 7 an, d. h. die Überzeugungs- und Aktivierungskraft bei den Lesern, Hörern und Zuschauern. Dabei trage jedes Genre durch „sein spezifisches Wirken auf die Rezipienten“ (HOFFMANN 1983) auf andere Weise zur Erfüllung der Agitationsaufgabe bei. Nur wenn das besondere Einwirkungspotenzial jedes einzelnen Genres genutzt werde, könne die ideologische Wirkung vollkommen erreicht werden 8 . Die Wahl des Genres sei folglich vom Funktionellen abhängig.
Methode
Das dritte wesensbestimmende Merkmal der Leipziger Genretheorie ist die Methode. Während Gegenstand und Funktion Seiten des journalistischen Aufgabentyps seien, stelle sie den entsprechenden Lösungsweg dar, der zu einem bestimmten Texttyp führe. Insofern verstehen die Leipziger Wissenschaftler unter Methode also nicht eine einzelne Verfahrenstechnik oder spezifische Schrittfolge 9 , sondern die für das Genre kennzeichnende „Art der Informationsverarbeitung und -vermittlung [...], die zu charakteristischen Inhalt-Form-Beziehungen journalistischer Beiträge führt“ (BRAUN 1990: 37).
Das Gemeinsame von Inhalt und Form widerspiegele sich in der Art der dominierenden Aussagen, in den charakteristischen Strukturelementen und ihrer Verknüpfung sowie in Ordnungsprin-
6 Indieser und den folgenden Tabellen werden zur besseren Übersicht nur die Hauptgenres berücksich-
tigt.
7 „Der erste und grundlegende Gesichtspunkt für die Genrewahl, die Genrebestimmung und Genrebe-
herrschung ist der der Wirksamkeit.“ (RÖHR 1977: 188)
8 „Wer wollte bezweifeln, daß die Massenmedien ohne Berücksichtigung des Ensemble-Charakters der
journalistischen Genres ihre Aufgaben nur sehr ineffektiv und unvollkommen lösen könnten? Daß die
Vernachlässigung bestimmter Grundformen auch Hintanstellung bestimmter Inhalte bedeutet?“
(AUTORENKOLLEKTIV 1988: 90)
9 Der Begriff Methode wird in der Leipziger Methodik-Theorie auf unterschiedliche Sachverhalte bezogen:
Neben dem wesensbestimmenden Genremerkmal verstehen die Wissenschaftler darunter auch das
methodische Vorgehen, d. h. „[...] jene bewußt anzuwendenden Handlungen bzw. Handlungsfolgen, die
als geistig-praktische Tätigkeiten des Journalisten im Schaffensprozeß in Erscheinung treten“ (PUDER
1984: 288). Andererseits wurde Methode auch als „operativer Hinweis für das methodische Vorgehen“
(ebd.), d. h. als Aufforderung zur Ausübung jener Schrittfolgen, aufgefasst. Deshalb kritisierte Fritz
BECKERT: „In den derzeit vertretenen Lehrmeinungen über die journalistischen Arbeitsmethoden sind
Widersprüche schon im theoretischen Ansatz erkennbar“ (BECKERT 1988: 178). Vgl. detailliert zu Me-
thode ebd.: 177ff.
zipien, die die Textorganisation regeln. Die Struktur der Genres werde dabei von den grundlegenden journalistischen Mitteilungs- und Argumentationsweisen (siehe 2.5.1) geprägt, die sprachlich-stilistische Gestaltung von den Darstellungsarten (siehe 2.5.2) und Stilnormen (siehe 2.5.3).
2.3.2 Beziehung zwischen Genre und Beitrag
Die oben aufgezeigten Merkmale bestimmen das Genre, nicht aber direkt den journalistischen Beitrag. Denn die Leipziger Schule setzt Genre und Beitrag nicht gleich. Vielmehr verhielten sich beide wie das Allgemeine zum Besonderen, das Wesen zur Erscheinung.
Wesen und Erscheinung
Die Leipziger Forscher begreifen das Genre als abstrahierte Grundform, die bestimmte Merkmale des konkreten journalistischen Produkts zusammenfasst. Das Genre verkörpere somit das Wesen, den allgemeinen, innerlich notwendigen Zusammenhang einer Erscheinung - dem konkreten Beitrag. Es sei also „eine theoretische Abstraktion, nicht unbedingt ein in der Praxis anzustrebendes Ideal” (KARL-MARX-UNIVERSITÄT 1981: 77).
Genre und Beitrag, Wesen und Erscheinung, werden dabei als eine dialektische Einheit aufgefasst - nach dem Grundsatz: „Das Wesen erscheint, jede Erscheinung ist wesentlich“ (WALTHER 1980: 48). Demnach stellt das Genre also eine „verallgemeinerte historische, praktisch-journalistische Erfahrung“ (SCHMIDT 1961: 5) dar, die sich in jedem konkreten Fall wieder geltend macht, und zwar in einer Vielzahl mannigfaltiger Erscheinungsformen in der journalistischen Praxis:
„Die verschiedenen Genrebegriffe „Nachricht“, „Reportage“, „Kommentar“ existieren in der Wirklichkeit natürlich nur als Summe und in der Erscheinungsform jener zahllosen Nachrichten, Re-portagen und Kommentare, die in den Zeitungen zu lesen sind.“ (SCHMIDT 1961: 5)
Inhalt-Form-Dialektik
Als grundlegend für das Verständnis des Wesens des Genres sehen die Leipziger Forscher an, dass sich das Genre nicht auf eine Stilform reduzieren lässt. Vielmehr brächten die Genres ein spezifisches Inhalt-Form-Verhältnis zum Ausdruck und stellten somit „[...] ganz bestimmte Or-ganisationsformen ganz bestimmter Inhalte“ (WALTHER 1980: 81) dar. SCHMIDT betont ihre Funktion als „Gestaltungs- und als Kampfformen” (SCHMIDT 1961: 1), BUDZISLAWSKI spricht gar vom „Primat des Inhalts vor der Form“ (BUDZISLAWSKI 1966: 163).
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„Genretheorie ist keine, Formenkunde‘ im Elfenbeinturm, sondern Musterung und Vervollkommnung der Waffengattungen in der Schlacht um Herzen und Hirne.“ (AUTORENKOLLEKTIV 1988: 90)
Aufgrund der Unterscheidung von Wesen und Erscheinung existiert die Inhalt-Form-Dialektik auf zwei Ebenen: Differenziert wird zwischen allgemeinem Inhalt bzw. Form der Genres und konkretem Inhalt bzw. Form des Beitrags. Der Inhalt werde dabei durch den Gegenstand und die Funktion bestimmt. Dabei widerspiegele sich der Genregegenstand im Beitrag als „das materialisierte Abbild von einem gegebenen Wirklichkeitsausschnitt“ (RÖHR 1977: 200), als das „subjektive Abbild des objektiv Aktuellen“ (WALTHER 1980: 69). Die Genrefunktion erscheine als „realisier- tespezielle Absicht“ (RÖHR 1977: 201; Hervorheb. im Orig.). Insofern entstehe laut RÖHR reale Wirkungspotenz erst im Beitrag, nicht im abstrahierten Genre.
„[...] nur der Beitrag, nicht das Genre kann wirken“ (ebd.: 200).
Während Gegenstand und Funktion den Inhalt ausmachen, werde die Form durch die Methode bestimmt. Die Form bilde die Erscheinungsweise des Inhalts „in Gestalt ganz konkreter jeweiliger Strukturelemente, Kompositionsmittel, des konkreten gegebenen sprachlichen Ausdrucks (lexische, syntaktische Mittel usw.) [...]“ (ebd.: 201). Darstellung 3 fasst die Inhalt-Form-Dialektik zusammen.
Darst. 3: Inhalt-Form-Beziehung zwischen Genre und Beitrag
Quelle: abgewandelt nach RÖHR 1977: 200ff.
2.4 Journalistischer Schaffensprozess
Gegenstand, Funktion und Methode der Genres spiegeln sich nach dem Leipziger Konzept aber nicht von allein im Beitrag wider. Dazu bedürfe es des Journalisten. Erst durch seine Aktionen im journalistischen Schaffensprozess werde die Verbindung zwischen den Genreeigenschaften und den konkreten Merkmalen des Beitrags hergestellt.
2.4.1 Rolle des Subjekts im Schaffensprozess
Ohne das „Subjekt der Tätigkeit“, d. h. der Journalistenpersönlichkeit sowie der redaktionellen Kollektive, kann es nach RÖHR keine journalistische Widerspiegelung geben. Denn das Subjekt fungiere im journalistischen Informationsprozess als ,Erkenner‘ des Gegenstands, ,Verarbeiter‘ und ,Weitergeber‘ an den Rezipienten (vgl. RÖHR 1977: 141) und schaffe somit Wirkungspotenz.
„Vom Subjekt der journalistischen Tätigkeit, seinen Fähigkeiten, seiner professionellen Organisiertheit hängt letztlich ab, ob wirksame journalistische Produkte entstehen.“ (RÖHR 1989: 73)
Damit von den Beiträgen des einzelnen Journalisten auch genau die beabsichtigte Wirkung gemäß der Agitations- und Propagandafunktion ausgeht, stand die „Einflußnahme auf förderliche Persönlichkeitseigenschaften [...] im Zentrum der Ausbildung“ (ebd.). Voraussetzung zum Berufszugang war ein Studium an der Sektion Journalistik der Karl-Marx-Universität Leipzig bzw. an der Fachschule für Journalistik des Verbandes der Journalisten der DDR, das neben der Vermittlung von journalistischen Fertigkeiten auch „der Vertiefung von politischer und beruflichethischer Motivation“ (ebd.) diente. Denn in Hinblick auf die Wirksamkeit war journalistische Meisterschaft für die Leipziger Wissenschaftler „durchaus eine Sache der Parteilichkeit“ (STADER 1987: 88).
Um die Massenwirksamkeit zu optimieren, sollte die wissenschaftliche Untersuchung der Tätigkeit des Journalisten „[...] nicht auf das Verfassen von Beiträgen reduziert werden, sondern den ganzen Vorgang redaktioneller Arbeit erfassen“ (RÖHR 1989: 70). Alle Aktionen, die zur Her-vorbringung des journalistischen Gesamtprodukts nötigt sind - von der Festlegung des Profils des Mediums über die Auswahl und Kombination der Beiträge bis zur technischen Fertigung und Wirkungsforschung - bezeichnet die Leipziger Schule als Arbeitsprozess 10 . Die Phase der unmittelbaren Herstellung eines Einzelbeitrags wird journalistischer Schaffensprozess genannt. Nach RÖHR erfolgt darin nach Planung und Recherche auch die Wahl des Genres. BRAUN weist aber darauf hin, dass sich die Genretheorie nicht allein dem Schaffensprozess unterordne, da sie sich hinsichtlich der Unterscheidung von Wesen und Erscheinung nicht auf einen einzelnen, sondern Tausende von Beiträgen beziehe. Darstellung 4 gibt einen Überblick über die Phasen des Schaffensprozesses.
10 vgl. detailliert zum Arbeitsprozess KRONE 1989: 14ff.
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Darst. 4: Stationen des journalistischen Schaffensprozesses
Quelle: abgewandelt nach RÖHR 1977: 120
2.4.2 Thema, Absicht und Idee
Für die Beziehung zwischen Genre und Beitrag sind laut Genretheorie vor allem die methodischen Kategorien Thema, Absicht und Idee in der Vorbereitungsphase des Schaffensprozesses von Belang. Thema und Absicht bildeten dabei die Zielvorstellung für den einzelnen Beitrag, d. h. die „journalistische Aufgabe, von der die Suche nach der Grundidee des Beitrags ausgeht.“ (KARL-MARX-UNIVERSITÄT 1981: 7).
Thema
Die Leipziger Schule fasst das Thema als „ideelle Erfassung des abzubildenden Wirklichkeitsausschnitts“ (RÖHR 1977: 208) auf. Es sei nicht identisch mit der Thematik, d. h. dem gesamten Themenkomplex, sondern bezeichne den vom Journalisten erkannten Darstellungsgegenstand, wobei die geistige Verarbeitung des Stoffes Elemente der Erkenntnis und Wertung einschließe. Unter dem Thema eines journalistischen Beitrages versteht die Leipziger Schule daher „den Aspekt, unter dem ein bestimmter Wirklichkeitsausschnitt entsprechend der journalistischen Absicht für diesen Beitrag behandelt werden soll“ (AUTORENKOLLEKTIV 1988: 225). Der Journalist bestimme das Thema, indem er ein Objekt (siehe 2.3.1) erfasst und auf einen Aspekt eingrenzt, wodurch das Darstellungsobjekt als komplexer Gegenstand erscheine. Unterschieden werden dabei drei „Aspekte der Wirklichkeit, die in den konkreten Objekten vorhanden sind“ (RÖHR 1977: 211):
Die Erscheinung wird erfasst, wenn das Bedürfnis besteht, Kenntnis eines Wirklich- x
keitsausschnitts hinsichtlich seines Resultats oder Prozesses zu erhalten.
Das Wesen der Erscheinung wird behandelt, wenn es um das Begreifen der inneren x
Zusammenhänge, Probleme und Konflikte geht.
Der Aspekt Wesen in der Erscheinung wird angeeignet, wenn der Rezipient eine kon- x
krete, personalisierte Vorstellung vom Objekt in Form von Verhaltensnormen gewinnen soll. 11
Diese drei Verfahren der Wirklichkeitsaneignung durch den Journalisten widerspiegeln sich in den grundlegenden journalistischen Mitteilungsweisen (siehe 2.5.1). Darstellung 5 ordnet die Genres den entsprechenden Aspekten zu.
Darst. 5: Einteilung der Genres nach Aspektarten
Quelle: abgewandelt nach BRAUN 1990: 37, vgl. RÖHR 1977: 211
Absicht
Die journalistische Absicht untergliedern die Leipziger Wissenschaftler in die allgemeine und spezielle Absicht, die den Zielstellungen der Partei untergeordnet seien. Die allgemeine Absicht bezeichne die generellen Ziele für die journalistische Tätigkeit an einem gemeinschaftlichen Produkt, z. B. einer Zeitungsausgabe oder Sendung. Sie widerspiegele sich in der politischen Leitungsabsicht des Herausgebers sowie in der darauf aufbauenden Kompositionsabsicht, die für eine Ausgabe die Auswahl, Platzierung und Kombination von Einzelbeiträgen festlegt. 12
Für das Genre-Beitrag-Verhältnis sei die spezielle Absicht von Bedeutung, da sie die Zielvorstellung eines konkreten Beitrags bestimme. Sie sei auch als Fragestellung aufzufassen: Was soll der Beitrag beim Publikum erreichen? Welche emotionale Wirkung soll hervorgerufen werden? Die spezielle Absicht konkretisiere dabei die Wirkungsmöglichkeiten der eher summarischen Funktionsbestimmungen der Genres. Im Beitrag schlage sie sich als „die pragmatische Seite des Inhalts“ (RÖHR 1977: 203) nieder.
11 Diese Einteilung geht auf BRAUN (vgl. BRAUN 1990: 37) zurück. RÖHR unterscheidet vier Aspekte,
die sich aber in das Braun‘sche Schema einpassen lassen: Resultative und prozesshafte Gegenstände
(„Erscheinung“), komplexe („Wesen der Erscheinung“) und normative Gegenstände („Wesen in der Er-
scheinung“), vgl. RÖHR 1977: 211ff.
12 Vgl. detailliert zu Leitungs- und Kompositionsabsicht KARL-MARX-UNIVERSITÄT 1988: 39ff.
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Wie Gegenstand und Funktion eines Genres die Methode bestimmen, so legen Thema und Absicht die Darstellungsmittel eines Beitrags fest. Die Darstellungsmittel im Schaffensprozess seien als konkrete Erscheinung der Genremethode aufzufassen. Eine hohe Wirkungspotenz entstehe dadurch, „[...] daß die gewählten Darstellungsmittel optimal den verfolgten Absichten bei der Information und Argumentation über die jeweiligen Objekte entsprechen“ (ebd.).
Die Einheit von Thema, Absicht und Wahl der Darstellungsmittel werde im Schaffensprozess durch die journalistische Idee bewirkt. Sie sei die „schöpferische (originelle) Lösung einer journalistischen Aufgabe“ (HOYER 1987a: 356; Hervorheb. im Orig.) und kennzeichne den Ansatz, an dem das Thema entsprechend der Absicht „aufgehangen“ wird. Um die Wirksamkeit des Beitrags zu erhöhen, soll der Journalist dabei das Besondere, Einmalige des Wirklichkeitsausschnitts erfassen und eine neue Sicht auf den Darstellungsgegenstand entwickeln. Folglich stelle die Idee eine spezielle Form der Erkenntnis dar, d. h. ein Abbild der Wirklichkeit, das gedanklich so umgewandelt wird, dass ein neues gedankliches Gebilde - neue Wirklichkeit - entsteht 13 . Erkenntnis und Handlungsanweisung, Abbild und Plan bildeten in der Idee eine dialektische Einheit.
Die Ideensuche fasst die Leipziger Schule als Ausdruck von Kreativität und der „journalistischen Individualitätsentfaltung“ (RÖHR 1989: 74) auf. Der Prozess reduziere sich nicht nur auf die Vorbereitungs- und Recherchephase des Schaffensprozesses, sondern reiche auch in die konzeptionellen Phasen des Arbeitsprozesses hinein. Das Resultat der Idee, die den Keim für Inhalt und Form trage, erscheine im Beitrag als „das besondere oder originelle Gestaltungsprinzip“ (HOYER 1987a: 356; Hervorheb. im Orig.). Die Idee reflektiere erstens den Grundgedanken, zweitens das den Grundgedanken transportierende Struktur- und Ordnungsprinzip und drittens die sprachliche Lösung (vgl. HOYER 1987b:85). Den Rahmen für die gedankliche Entfaltung und Umsetzung der Idee bilden laut HOYER neben den Kategorien Thema und Absicht auch die Genres. Denn erst innerhalb des gewählten Genres könne die Idee zielgerichtet verwirklicht werden, wobei bei einzelnen Genres wie Bericht und Kommentar bestimmte Grundmuster journalistischer Ideen bereits existierten.
2.4.3 Schaffensprozess als Bindeglied zwischen Genre und Beitrag
Wie oben dargestellt, versteht die Leipziger Schule die methodischen Kategorien Thema, Absicht und Darstellungsmittel als Konkretisierung der genrebestimmenden Merkmale Gegens-
13 HOYER1987b: 84: „Drei Momente fallen also zusammen: das Abbilden, das gedankliche Bearbeiten
und das Herausarbeiten des Ansatzes zur praktischen Realisierung der Erkenntnis.“
tand, Funktion und Methode. Der Schaffensprozess stellt folglich das Bindeglied zwischen Genre und Beitrag dar.
„Inhalt und Form des journalistischen Beitrags werden in ihrer Qualität (als Wirkungsvoraussetzung) davon bestimmt, wie es dem Journalisten gelingt, die abstrahiert im Gegenstand, der Funktion und der Methode des Genres vorhandenen Wirkungspotenzen mit konkreten, geeigneten Themen, Absichten und Darstellungsmitteln im Schaffensprozeß zu realisieren.“ (RÖHR 1977: 203f., Hervorheb. im Orig.)
Darstellung 6 fasst die Beziehung zwischen den Genremerkmalen, den Aktionen des Schaffensprozesses und der Inhalt-Form-Dialektik des Beitrags zusammen.
Darst. 6: Schaffensprozess als Brücke zwischen Genre und Beitrag
Quelle: abgewandelt nach RÖHR 1977: 202
Neben Thema, Absicht und Gestaltungsmittel sieht PUDER noch eine vierte Bezugsgröße bei der Beitragsherstellung: den Partner, d. h. Rezipienten. Diese vier Kategorien bezeichnet er als journalistische Schaffensprinzipien, die dem Journalisten als „generalisierende Handlungsanleitungen“ (PUDER 1981: 225) für die unmittelbare Arbeit am Einzelbeitrag dienen sollen. Darstellung 7 zeigt die von den Schaffensprinzipien geforderten kommunikativen Eigenschaften, Fähigkeiten des Journalisten und Einzeltätigkeiten.
Darst. 7: Journalistische Schaffensprinzipien
Quelle: nach PUDER 1981: 227
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2.5 Systematik der Genres
Wie anhand des Schaffensprozesses dargestellt, betrachtet die Leipziger Schule die Herstellung journalistischer Beiträge als kommunikative Handlung, die auf einer spezifischen Wirkungsstrategie beruht. Diese Kommunikationsstrategie sei zwar für jeden Beitrag eine einmalige Leistung, stütze sich aber auf ein „historisch gewachsenes, gestaffeltes Instrumentarium von Strategiemustern“ (BRAUN 1990: 36). Als solche übergeordneten textprägenden Strategien weist die Leipziger Schule die grundlegenden journalistischen Mitteilungs- und Argumentationsweisen aus. Die sprachliche Gestaltung werde durch Darstellungsarten und Stilprinzipien bestimmt. Im Folgenden werden die verschiedenen genrebildenden Strategiemuster erläutert.
2.5.1 Grundlegende journalistische Mitteilung- und Argumentationsweisen
Den Brückenschlag zwischen dem journalistischen Kommunikations- und Schaffensprozess und der genrebezogenen Textforschung bilden laut BRAUN die grundlegenden journalistischen Mitteilungs- und Argumentationsweisen. Sie umrissen den Gesamtkomplex der Kommunikations-handlungen und Textstrategien und ermöglichten es so, Erkenntnisse über Genres zu verdichten und zu verknüpfen.
Journalistische Mitteilungsweisen
Bei den grundlegenden Mitteilungsweisen handelt es sich laut BRAUN um Erscheinungsformen der journalistischen Wirklichkeitsaneignung, die jeweils bestimmte Aspekte von Wirklichkeitsausschnitten erfassen und unterschiedlichen Informationsbedürfnissen und -erfordernissen entsprechen (siehe 2.3.1). Die Mitteilungsweise bezeichne daher die „jeweilige Art der Stoffbehandlung und Einwirkung auf den Rezipienten“ (AUTORENKOLLEKTIV 1988: 44); synonym werde deshalb auch von „Darstellungs- und Einwirkungsweise“ (ebd.) gesprochen. Die Mitteilungsweisen seien aus Kommunikationsverfahren entstanden, die sich im Laufe von Jahrtausenden in der Gesellschaft herausgebildet und durch gesellschaftliche Bedingungen gewandelt hätten (siehe 2.2.2). Durch die Anwendung der Mitteilungsweisen in Bezug auf die verschiedenen Objektarten, Darstellungshaltungen, Mediengattungen sowie monologische und dialogische Information entstehe ein relativ beständiges System von Genres (vgl. BRAUN 1990: 36f.).
„Betrachtet man also die Mitteilungsweisen als das Allgemeine, so sind ihnen gegenüber die Gen- res das Besondere und die Beiträge das Einzelne.“ (HOFFMANN 1983: 69)
Die Leipziger Schule unterscheidet drei journalistische Mitteilungsweisen 14 , die sich durch Ge-genstand, Funktion und Methode voneinander abheben.
Die informatorische Mitteilungsweise habe die Basisfunktion: Sie vermittele erste x
Kenntnisse über das aktuelle Geschehen. Aus Differenzierungen von Funktion und Ge-genstand ergäben sich zwei Grundvarianten: Die meldende Variante beziehe sich auf den Kern des Geschehens; die berichtende vermittele dagegen detaillierte Kenntnis über Ablauf und Faktoren des Geschehens. Methodisches Hauptmerkmal der informatorischen Mitteilungsweise sei die Wirklichkeitsaneignung mittels Tatsachenaussagen und Redewiedergabe.
Die analytische Mitteilungsweise ziele dagegen auf das Wesen der Erscheinung ab. x
Gegenstand seien die Bedeutung des Geschehens und die damit verbundenen Probleme, Bedingungen, Folgen, Tendenzen, Aufgaben. Ziel sei es, durch Interpretation, Diskussion und Polemik dem Rezipienten die Ereignisse zu erklären und ihn vom richtigen Standpunkt zu überzeugen. Analytische Wirklichkeitsaneignung fokussiere auf Zusammenhangsaussagen, die sich auf Tatsachenaussagen stützen. Dabei werde die Gedankenentwicklung, die Analyse und Synthese, im Beitrag sichtbar.
Gegenstand der bildhaft-konkreten Mitteilungsweise, auch narrative Mitteilungsweise x
genannt, seien das Handeln, Denken und Fühlen von Menschen in Wechselwirkung mit gesellschaftlichen Prozessen und Verhältnissen. Durch die Verschmelzung von Tatsachenaussagen und interpretierenden Aussagen und eine nacherlebbar-anschauliche Darstellung werde eine plastische Vorstellung von Zeitgenossen innerhalb eines bestimmten Geschehens vermittelt, so dass sich der Rezipient mit der Person identifizieren und sich an ihr ein Vorbild nehmen könne. Narrative Wirklichkeitsaneignung dringe von der Erscheinung zum Wesen vor und erfasse somit das Wesen in der Erscheinung (vgl. BRAUN 1990: 37ff. und AUTORENKOLLEKTIV 1988: 46ff.).
Die drei Mitteilungsweisen bilden nach der Genretheorie ein „arbeitsteiliges Ensemble“ (AUTORENKOLLEKTIV 1988: 62): Sie alle seien Erscheinungsformen der journalistischen Wirklichkeitsaneignung. Indem sie aber unterschiedliche Gegenstände und Funktionen abdeckten, ergänzten sie einander. Liege die Kommunikationsabsicht im Grenzbereich zweier Mitteilungsweisen, würden Synthesen der Verfahren angewandt. So vereinigten sich analytische und narrative Mitteilungsweise beispielsweise in den Genres Betrachtung und Feuilleton, informatori-
14 DieseSystematisierung geht auf BRAUN (vgl. BRAUN 1990: 35ff.) zurück. Vorher herrschte der Termi-
nus Genregruppe mit der Einteilung in informierende, argumentierende und menschendarstellende bzw.
künstlerisch-journalistische Genres in der DDR-Methodik vor.
Arnhold - Der Genrebegriff in der Journalistik der DDR
sche und narrative im Erlebnisbericht und informatorische und analytische in der Korrespondenz.
Alle drei Mitteilungsweisen verstehen die Leipziger Forscher zudem als „konkrete journalistische Erscheinungsformen von Propaganda, Agitation und Organisation“ (ebd.: 64): So agitiere die informatorische Mitteilungsweise durch Tatsachen, die analytische durch Argumentation und die narrative durch lebendige Bilder. Darstellung 8 fasst die Merkmale der Mitteilungsweisen noch einmal zusammen.
Darst. 8: Grundlegende journalistische Mitteilungsweisen
Quelle: abgewandelt nach BRAUN 1990: 37, vgl. BRAUN 1981: 293ff. und BEDNARSCH 1984:
305
Argumentationstypen
Nach BRAUN verhalten sich die Argumentationsweisen zu den Mitteilungsweisen wie das Besondere zum Allgemeinen. Als Grundlage sieht er das Gattung-Art-Verhältnis von Information 15 und Argumentation. Demnach wird die journalistische Information als Wesen, die Argumentation als Erscheinungsform der journalistischen Information aufgefasst, „und zwar als eine Information, die den Akzent auf Zusammenhangserkenntnis setzt“ (BRAUN 1988a: 20). Diese Herangehensweise fußt auf dem Verständnis der Leipziger Schule, dass die journalistische Information als Erscheinungsform der gesellschaftlichen Information eine „vorrangig politische Erscheinung“
15 Grundsätzlich bedeutet Information die Übertragung eines Signals über eine Zustandsänderung. Unter
journalistischer Information versteht die Leipziger Schule „eine von journalistischen Medien zweckbe-
stimmt übermittelte neue Erkenntnis über soziale Prozesse“ (AUTORENKOLLEKTIV 1988: 68).
(ebd.: 19) habe, die die politische Führung und die Massen miteinander verbinde. Insofern habe die Information „im Kernbereich ihres Wirkens grundsätzlich einen argumentativen Aspekt“ (ebd.: 21).
Deshalb trete Argumentation auch in allen Mitteilungsweisen auf. Nach den „Überzeugungsstra- tegien unddaraus resultierende[n] Textstrukturen“ (BRAUN 1990: 39; Hervorheb. im Orig.) unterscheidet die Leipziger Schule drei Grundtypen journalistischer Argumentation, deren Funktion primär mit der entsprechenden Mitteilungsweise übereinstimmt.
Die gemeldete/berichtende Argumentation gebe Standpunktäußerungen anderer Per- x
sonen wieder. Die Methode bestehe im Umwandeln des argumentierenden Originaltexts, z.B. Reden, Interviews und Erklärungen, in einen informatorischen Text. In Nachrichten-form würden die These und Hauptargumente der Vorlage zitiert, in Berichtform wesentliche Fragmente der Argumentation vermittelt.
Zweck der abhandelnd-untersuchenden Argumentation sei, neue Tatbestände ein- x
zuschätzen und aus der Ereignis-, Prozess- oder Situationsanalyse Schlüsse für das Handeln abzuleiten. Dem Wesen der Argumentation als Antwort auf eine Entscheidungsfrage entspreche eine dreiteilige Grundstruktur: 1. Anlass/Fragestellung/These, 2. argumentative Analyse, 3. Fazit/Schlussfolgerung.
Die berichtend-demonstrierende Argumentation nutze Tatbestände als Demonstrati- x
onsbeispiel, um einen Standpunkt zu einer Frage zu begründen. Ziel sei, die Wahrheit von Erkenntnissen am konkreten Fall aufzuzeigen. Angewandt werde eine zweiteilige Grundstruktur: 1. Vorgangs-/Tatbestandsdarstellung, 2. Autorgedanke (Schlussfolgerung, Pointe). Manchmal sei die Vorgangsdarstellung so zwingend, dass die Erkenntnis nicht ausgesprochen werden müsste, d. h. eine Ein-Schritt-Argumentation ausreiche (vgl. ebd. 40).
Nach der Genretheorie sind die meisten Genres eine Erscheinungsform der berichtend-demonstrierenden Argumentation. Das liege daran, dass dieser Argumentationstyp in allen drei Mitteilungsweisen auftrete. Der gemeldete/berichtete Typ sei dagegen stärker an die informatorische Mitteilungsweise, der abhandelnd-untersuchende an die analytische Mitteilungsweise gebunden. Dabei gebe es zwischen den Argumentationstypen auch Übergangsbereiche. Darstellung 9 macht die Beziehung zwischen den Argumentations- und Mitteilungsweisen und Hauptgenres deutlich.
Arnhold - Der Genrebegriff in der Journalistik der DDR
Darst. 9: Grundtypen journalistischer Argumentation
Quelle: vgl. BRAUN 1990: 40 und AUTORENKOLLEKTIV 1988: 71ff.
2.5.2 Darstellungsarten
Während die Mitteilungs- und Argumentationsweisen die Struktur des Genreensembles bestimmen, wird die sprachlich-stilistische Gestaltung nach der Genretheorie durch die Darstellungsarten bestimmt. Unter dem linguistischen Begriff werden „Verfahren zur gedanklich-sprachlichen Formung von Texten oder Teiltexten“ (KURZ 1985: 4) verstanden, die der Verwirklichung der Kommunikationsabsicht dienen. Nach Joseph KURZ haben die Darstellungsarten daher eine „textkonstituierende Funktion“ (KURZ 1985: 4), d. h. sie bestimmen den Aufbau des Textes mit.
Die Leipziger Schule unterscheidet sieben Darstellungsarten, die sich durch Gegenstand, Darstellungshaltung, Funktion und Methode voneinander abheben. Die Grunddarstellungsart sei das Melden, das durch knappe Information den Boden für die Erkenntnisvermittlung unddiskussion bereite. Zu den Verfahren des Informierens zählten ferner Beschreiben, Schildern, Berichten und Erzählen 16 ; zu den Verfahren des Argumentierens gehörten Darlegen und Erörtern. Darstellung 10 gibt einen Überblick über die Merkmale der Darstellungsarten.
16 Gemeint ist das journalistische Erzählen, das im Gegensatz zum literarisch-künstlerischen Erzählen auf
einem real existierenden Gegenstand beruht.
Darst. 10: Darstellungsarten
Quelle: vgl. KURZ 1985: 7ff. und BEDNARSCH 1984: 305ff.
Wie die Mitteilungs- und Argumentationsweisen werden auch die Darstellungsarten als arbeitsteiliges Ensemble aufgefasst. In Beiträgen erschienen sie - mit Ausnahme des Meldens - aber kaum in Reinkultur, sondern in der Regel seien mehrere Darstellungsarten in einem Text kombiniert. Beispielsweise kämen Beschreiben und Schildern sowie Darlegen und Erörtern häufig zusammen vor, wobei meist eine Darstellungsart überwiege.
Grundsätzlich werden die Darstellungsarten als „sprachliche Erscheinungsformen bestimmter journalistischen Mitteilungsweisen“ (HOFFMANN 1983:69) aufgefasst. Welche Mitteilungsweise welche Darstellungsart einschließt und welche Genres dazu gehören, zeigt Darstellung 11 17 . Die Leipziger Forscher räumen aber ein, dass die Darstellungsarten untergeordnet in verschiedenen Mitteilungsweisen vorkommen und die Systematik daher nicht als kategorisch aufzufassen ist.
17 BEDNARSCH vertritt eine andere Einteilung: Er ordnet Melden, Berichten und Beschreiben der infor-
matorischen, Darlegen und Erörtern der analytischen und Schildern und Erzählen der narrativen Mittei-
lungsweise zu (vgl. BEDNARSCH 1984: 304ff.).
Arnhold - Der Genrebegriff in der Journalistik der DDR
Darst. 11: Beziehung zwischen Mitteilungsweisen, Darstellungsarten und Genres
Quelle: vgl. AUTORENKOLLEKTIV 1988: 46ff.
Wie ausgeführt, werden die Darstellungsarten als Verfahren mit textkonstituierender Funktion aufgefasst. Ihnen werden dabei Verfahren mit textgestaltender Funktion untergeordnet, die so genannten Darstellungsmethoden bzw. kommunikative Teilverfahren. Dazu zählten beispielsweise Detaillieren, Verallgemeinern, Vergleichen, Zusammenfassen, Wiederholen, Fragen, Definieren, Konkretisieren, Pointieren und Widerlegen. Die einzelnen lexikalischen und syntaktischen Stilmittel wie Metapher, Antithese, Anapher und Parallelismus werden Darstellungsmittel genannt. 18
2.5.3 Stilprinzipien der Genres
Wie oben angedeutet, betrachtet die Leipziger Schule die Genres nicht nur aus der methodischen, sondern auch der stilistischen Perspektive. Ausgehend von Sprach-, Literaturwissenschaft und der antiken Rhetorik-Lehre wurde eine Stiltheorie entwickelt, die neben lexikalischen, phraseologischen und syntaktischen Problemen der Sprachgestaltung auch die Stilistik der Genres behandelt.
Kommunikative Bedingungen
Wie die Methodik untersucht auch die Stilistik die Genres funktionell im Rahmen des Kommunikationsprozesses. Unter Stil wird folglich „die historisch, funktionell, vermittlungsspezifisch und individuell bedingte gedanklich-sprachliche Aussageweise“ (KRAHL; KURZ 1977: 109) verstanden. Nach PÖTSCHKE ist die Sprachverwendung von drei kommunikativen Bedingungen abhängig, die auch Kriterien für die stilistische Bewertung von journalistischen Texten darstellen:
Die funktionellen Bedingungen seien der Maßstab für die sprachliche Gestaltung. x
Denn die Agitation- und Propaganda-Funktion des sozialistischen Journalismus widerspiegele sich in der „Ideologierelevanz des Textes“ (AUTORENKOLLEKTIV 1981: 21),
18 Vgl. detailliert zu Darstellungsmethoden und -mitteln MICHAELIS 1985: 24ff.
die sich in parteilicher Sprache, z. B. ideologiegebundenem Wortschatz, wertenden Adjektiven und polemischer Diktion, ausdrücke.
Die situativen Bedingungen umfassten die Tätigkeit des Journalisten und des Rezi- x
pienten, ihre Erwartungen und sozialen Beziehungen zueinander sowie die Umgebung. Demnach sollen journalistische Texte den Kriterien Allgemeinverständlichkeit, Sprachkultur, Ausdrucksökonomie und Rezeptionsanreiz genügen (vgl. PÖTSCHKE 1997: 155ff.).
Die textuellen Bedingungen resultierten aus der Kommunikationsstrategie des Journa- x
listen und beinhalteten themenbezogene, partnerbezogene und genrebedingte Kriterien. Dem Gegenstand solle durch Präzision des Ausdrucks, thematische Relevanz und gedankliche Folgerichtigkeit, dem Rezipienten durch Anschaulichkeit, Eindringlichkeit, Emotionalität und Originalität entsprochen werden. Einfluss auf die sprachliche Gestaltung habe dabei auch die Wahl des Genres. (AUTORENKOLLEKTIV 1981: 30ff.)
Stilnormen der Genres
Nach Auffassung der Leipziger Schule treffen auf jedes Genre bestimmte Stilnormen zu. Darunter versteht KURZ „gedanklich-sprachliche (formale) Regeln“ (KURZ 1979: 199), die den Stil eines Genres gemäß seiner Funktion bestimmen, aber hin und wieder zum Zwecke einer originellen Gestaltung durchbrochen werden können. Stilnormen erleichterten dabei das Aufnehmen von Texten, da sie beim Rezipienten bestimmte Erwartungswerte auslösen würden. Um die Stil-normen für einzelne Genres zu bestimmen, geht KURZ nach einem Katalog von Stilprinzipien vor, d. h. nach Kriterien, die der Gestaltung von Genres prinzipiell zugrunde liegen. Dabei unterscheidet er Kriterien des Denkstils und Kriterien des Sprachstils. Darstellung 12 listet die Stilprinzipien auf.
Darst. 12: Stilprinzipien der Genres
Quelle: vgl. AUTORENKOLLEKTIV 1981: 33f.; KRAHL/KURZ 1977: 30ff.; KURZ 1979: 199ff.
Arnhold - Der Genrebegriff in der Journalistik der DDR
Nach diesen Kriterien wurden von KURZ - auch unter Berücksichtigung der Mediengattung 19 -Stilnormen für die informatorischen Genres, d. h. Nachricht, Bericht und Interview, ausgearbeitet. Für die analytischen und bildhaft-konkreten Genres liegt eine solch umfassende Untersuchung nicht vor.
2.6 Zusammenfassung
Die in diesem Kapitel durchgeführte Bestandsaufnahme zeigt, dass die Leipziger Genretheorie auf der sozialistischen, materialistischen und dialektischen Lehre des Marxismus-Leninismus aufbaut und auf den politisch instrumentalisierten Journalismus der DDR ausgelegt ist. Die Hauptthesen der Genretheorie sind:
Oberstes Prinzip ist die Parteilichkeit: Der Genreforscher nähert sich dem Stoff aus poli- x
tisch-ideologischer Perspektive.
Genres sind historisch allmählich entstandene, relativ stabile Grundformen, die sich aber x
unter den jeweiligen gesellschaftlichen Bedingungen ständig weiterentwickeln.
Genres sind hoch abstrahierte Begriffe, die sich in journalistischen Beiträgen vielfältig x
niederschlagen. Das Genre bildet das Wesen, der Beitrag die Erscheinung.
Die Genres werden nach den Kategorien Gegenstand, Funktion und Methode bestimmt, x
deren dialektische Einheit zu einer charakteristischen Inhalt-Form-Beziehung führt. Ausschlaggebend bei der Genrewahl und -bestimmung ist das Funktionelle, d. h. die beabsichtigte Wirkung bei den Massen.
Das Bindeglied zwischen Genre und Beitrag ist das journalistische Subjekt. Durch Tätig- x
keiten im Schaffensprozess realisiert der Journalist die in Gegenstand, Funktion und Methode abstrakt vorliegenden Wirkungspotenzen mit konkreten Themen, Absichten und Darstellungsmitteln im Beitrag.
Die Genres sind Erscheinungsformen textprägender Strategiemuster. Ihre Struktur wird x
durch die übergeordneten Mitteilungs- und Argumentationsweisen bestimmt, ihre sprachlich-gedankliche Gestaltung durch die Darstellungsarten. Zudem ist jedes Genre durch Stilnormen gekennzeichnet.
Hinsichtlich Gegenstand und Funktion bilden die Genres ein arbeitsteiliges Ensemble. x
Sie sind nicht starr voneinander abgegrenzt; sondern treten in vielfältigen Variationen und Übergängen auf.
19 Medienspezifisch erarbeitete KURZ beispielsweise „Stilprinzipien für die Hörfunknachricht“ (KURZ
1978).
3. Vergleich des Genrebegriffs mit bundesdeutschen Ansätzen
Während im ersten Kapitel der Bestand der Leipziger Genretheorie dokumentiert wurde, soll die Theorie im Folgenden kritisch bewertet werden. Um die Problemstellung zu erörtern, ob die Leipziger Genretheorie heute noch Gültigkeit besitzt, wird in diesem Kapitel eine vergleichende Analyse des ostdeutschen Genrebegriffs mit westdeutschen Ansätzen durchgeführt. Da eine Genretheorie - wie in der Bestandsaufnahme gezeigt - von den gesellschaftlichen Bedingungen abhängig ist, werden zunächst die Journalismus-Theorie und das Mediensystem von DDR und Bundesrepublik gegenübergestellt. Anschließend wird die Leipziger Schule direkt mit bundesdeutschen Konzepten über Darstellungsformen verglichen.
3.1 Vergleich der Journalismus-Theorien
Wie kann Journalismus theoretisch beschrieben werden? Darüber gibt es in der bundesdeutschen Forschung unterschiedliche Ansätze. Vergleicht man jedoch die erkenntnistheoretische Herangehensweise der Leipziger Wissenschaftler mit der von westdeutschen Forschern, fällt auf, dass sich beide auf grundverschiedene Konzepte stützen: Während sich in der DDR der Materialismus durchgesetzt hatte, beruht die bundesdeutsche Journalismusforschung - heute und auch schon vor der Wende - auf dem analytischen Empirismus.
3.1.1 Theoretische Konzepte des Journalismus
Die Wirklichkeit des Journalismus wird mit Hilfe sozialwissenschaftlicher Theorien beschrieben. Seit den 70er Jahren, als sich in Westdeutschland die Wende von der normativsubjektivistischen zur empirisch-analytischen Journalismusforschung vollzog, zählen die Theorien des Journalismus zu den erfahrungswissenschaftlichen Theorien. Das heißt, sie beziehen sich auf einen empirisch erfassbaren Objektbereich und enthalten Aussagen über empirisch überprüfbare Zusammenhänge (vgl. LÖFFELHOLZ 2000: 19). In der modernen Forschung gibt es nach LÖFFELHOLZ unterschiedliche theoretische Ansätze, um Journalismus zu beschreiben.
„Heute konkurrieren normative mit empirisch-analytischen Zugängen, realistische (ontologische) mit konstruktivistischen Beschreibungen, individualistische mit systemorientierten Modellen, struktur- mit prozessorientierten Ansätzen. Erhöht wird die Komplexität theoretischer Bemühungen zur Identifikation des Journalismus durch den Relevanzgewinn kultur- (versus sozial-)bezogener Annäherungen sowie durch unterschiedliche Integrationsversuche von Mikro-, Meso- und Makrothe- orien.“ (LÖFFELHOLZ 2001: 2)
Arnhold - Der Genrebegriff in der Journalistik der DDR
Darstellung 13 gibt einen Überblick über die bedeutendsten Ansätze.
Darst. 13: Theoretische Konzepte des Journalismus
Quelle: nach LÖFFELHOLZ 2001: 7
3.1.2 Materialistische Medientheorie
Wie bereits unter 2.2.1 dargelegt, baut die Leipziger Genretheorie auf dem Verständnis der materialistischen Medientheorie auf. In Bezug auf den Ideologiebegriff von Marx und Engels geht der Ansatz davon aus, dass die Entwicklung des Bewusstseins direkt mit der Entwicklung der gesellschaftlichen Arbeit verbunden ist. Im Mittelpunkt der Betrachtung stehen die Eigentumsverhältnisse in der Medienordnung. Journalismus wird als „Institution des politischen Überbaus der Gesellschaft zur periodischen Verbreitung aktueller Information mittels Massenmedien“ (KARL-MARX-UNIVERSITÄT LEIPZIG 1981: 109) definiert.
In Westdeutschland fristete das materialistische Journalismuskonzept jedoch ein „Nischendasein“ (LÖFFELHOLZ 2001: 8). Zwar versuchten Horst Holzer (1973) und Wulf D. Hund (1980), die ökonomischen Funktionen von Massenkommunikation, den Gebrauchswert von Nachrichten und den Verwertungsprozess von Medienkapital in einer marxistischen Theorie der gesellschaft-
Arbeit zitieren:
Dipl.-Journ. Ulrike Arnhold, 2002, Der Genrebegriff in der Journalistik der DDR, München, GRIN Verlag GmbH
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