Der Buena-Vista-Boom und die Musik Kubas - 1 -
Inhaltsverzeichnis
Vorwort 1-2
1. Segen oder Fluch? Zum Verhältnis von Sozialismus und Musik auf Kuba. 3-5
2. Der tres-spielende Opa mit der Holzgitarre: Eine kritische Betrachtung des Buena-
Vista-Booms 5
2.1 Die Macher in der Schusslinie 5-7
2.2 Der „Buena-Vista-Effekt“: Zur Rezeption und kommerziellen Verwertung
kubanischer Musik 7-9
3. HipHop auf Kuba: „Mit der Revolution: Alles Gegen die Revolution: Nichts “ 9-12
Literaturverzeichnis 12
Webquellenverzeichnis 12
Vorwort
„Kuba, das ist eine Aneinanderreihung von Mythen und Vorurteilen, eine Mixtur aus Träumen und Pro-
jektionen “ 1 , schreibt Arno Eser über jenen Ort, der gegen Ende der neunziger Jahre zum Mittelpunkt
eines beispiellosen Musik- und Tourismus-Booms avancierte. Einer der Auslöser der Euphoriewelle,
war das international erfolgreiche Album „Buena Vista Social Club“ sowie der gleichnamige Dokumen-
tarfilm von Wim Wenders. Seither gelten die beiden Medien in westlichen Sphären als Sinnbild für die
authentische Wiedergabe des kubanischen Lebensgefühls. Ein Blick auf die imposante Verkaufszahl
von weltweit über sieben Millionen Exemplaren 2 dokumentiert bereits, dass die betagten Musiker um
Compay Segundo und Ibrahim Ferrer ein weitaus größeres Publikum erreicht haben, als dies für Veröf-
fentlichungen im Bereich Weltmusik üblich ist. Worin liegt also der spezielle Reiz dieser Musik? Und
l ässt sich der Buena-Vista-Effekt allein auf die Ebene des Musikalischen reduzieren?
Die vorliegende Arbeit wird zeigen, dass eine Betrachtung des Phänomens, ein weitreichenderes Ver-
st ändnis um die Außenwirkung der kubanischen Musikkultur erfordert, als es das Klischee von den
munter musizierenden Senioren suggerieren mag. „Die kubanische Musik wird zum Soundtrack für un-
seren privaten Film im Kopf, der beim Stichwort Kuba losrattert.“ 3 , mit dieser treffenden Beschreibung
markiert Eser in seinem Nachwort zu Maya Roy’s Fachbuch „Buena Vista - Die Musik Kubas“, das eher
eindimensionale Kuba-Wunschbild in den Köpfen vieler Westeuropäer. Aufgeladen durch die stereoty-
1 Vgl. Arno Frank Eser: Eine faszinierende Melange. Die Hintergründe des Kuba Booms, in: Maya Roy: Buena Vista. Die
Musik Kubas, Palmyra Verlag 2000, 193
2 Vgl. Torsten Eßer: Von Piraten und Megastars. Musikmärkte und -industrie in Lateinamerika. http://www2.hu-
berlin.de /fpm/texte/esser.htm, Abrufdatum: 21.03.07
3 Vgl Arno Frank Eser: a a O , S 199
Der Buena-Vista-Boom und die Musik Kubas - 2 -
penReize aus den Werbespots einer bekannten Rummarke, wurde die Insel zur mystischen Projektionsfläche für die unreflektierte Sehnsucht nach dem exotischem Karibikparadies. Zigarren, alte Autos und Revolutionsromantik: Die Marke „Buena Vista Social Club“ scheint dem Wunsch nach Eskapismus und kultureller Fremdheit in Ton und Bild zu entsprechen. Der markante Son-Rhythmus evoziert dabei offenbar den Eindruck des Authentischen und sorgt, durch die Neuinterpretation der prä-revolutionären Musik, gleichzeitig für einen Nostalgieeffekt. Es bleibt kritisch zu hinterfragen, inwieweit die Rezeption von Album und Film von Vorurteilen gelenkt wird und welche Hintergründe für die Entstehung zu berücksichtigen sind.
Die überwältigende Popularität von „Buena Vista Social Club“, darf indes nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Projekt lediglich einen winzigen Ausschnitt der ausgesprochen facettenreichen und komplexen Musikgeschichte Kubas widerspiegelt. Diesbezüglich wird aufzuzeigen sein, dass auch modernere Zeitströmungen wie z.B. HipHop längst zur kulturellen Identität Kubas gehören. Wie bereits im Seminar diskutiert, ist es verständlich, dass gerade junge Kubaner der Omnipräsenz der Son-Musik, in Folge des Buena-Vista-Booms, mit Vorbehalten begegnen. Schließlich ist die Musikentwicklung auf der Insel in den letzten sechzig Jahren nicht etwa stehen geblieben. Im Gegenteil, die kubanische Musik hat sich immer wieder neu erfunden. Vielfalt, Verschmelzung und Weiterentwicklung, diese drei tragenden Säulen haben auch die Herausbildung des HipHops begünstigt. 4 HipHop auf Kuba, das ist keine unschöpferische Adaption des amerikanischen Vorbilds, sondern ein origineller Crossover aus modernen Beats und den traditionellen Genres der Insel.
Leider ist die akademische Erforschung der zeitgenössischen Popmusik auf Kuba noch stark erweiterungsbedürftig. Während die zahlreichen Zeitstile wie Rumba, Timba, Salsa oder Mambo bereits in verschiedenen musikwissenschaftlichen Fachpublikationen zerklüftet wurden, mangelt es besonders an deutschsprachigen Studien zu neueren Musikentwicklungen. Einzige und inhaltlich hervorstechende Ausnahme, ist das 2004 erschienene Standardwerk „Alles in meinem Dasein ist Musik... Kubanische Musik von Rumba bis Techno.“ 5 . Die teilweise aus dem Spanischen übersetzten Texte und Interviews werden auch für diese Arbeit als wichtige Orientierungshilfe fungieren.
Es ist fast schon obligatorisch anzumerken, dass eine tiefere Betrachtung der Musiklandschaft Kubas kaum gangbar ist, ohne zuvor die speziellen gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen abzustecken. Das folgende Kapitel wird sich diesem Aspekt zuwenden und die Möglichkeiten und Restriktionen aufzeigen, die das sozialistische System für Musikschaffende mit sich bringt.
4 Vgl. Arno Frank Eser: a.a.O. , S. 199
5 Patrick Frölicher, Torsten Eßer (Hrsg.): Alles in meinem Dasein ist Musik... Kubanische Musik von Rumba bis Techno, Vervuert Verlag 2004
1. Segen oder Fluch? Zum Verhältnis von Sozialismus und Musik auf Kuba.
Der Inselstaat Kuba stand in den vergangen Jahrzehnten immer wieder im Zentrum tiefgreifender Umwälzungsprozesse. Die Veränderung der politischen, ökonomischen und sozialen Situation hat dabei ganz erheblich auf die Entwicklung der Musiklandschaft abgestrahlt. Mit dem Ende der Batista-Ära und der Einführung des sozialistischen Staatssystems, erfolgte Anfang der sechziger Jahre zunächst eine ganze Reihe fundamentaler kulturpolitischer Maßnahmen.
Im positiven Sinne entpuppte sich die Revolution als Motor der Landeskultur. Neben der Einrichtung von Kulturinstitutionen, wie Kunsthochschulen oder Filminstituten, wurde allen Bevölkerungsschichten eine hochwertige Musikausbildung ermöglichet. 6 Überdies gelang es der Regierung Castro die Analphabetenquote im Land auf ein Minimum zurückzudrängen, so dass fortan eine breite Öffentlichkeit am Kulturleben auf Kuba partizipieren konnte. Im negativen Sinne wirkte die Revolution jedoch auch repressiv, gerade was die Bereicherung durch äußere - nach systemideologischer Sichtweise - imperialistische Kultureinflüsse betrifft. Die Musik auf Kuba hat sich gewissermaßen in einer „Kulturenklave“ entwickelt, die von dem weltweiten Siegeszug populärer Zeitströmungen wie Beat- oder Rockmusik weitgehend ausgeklammert war. Selbst Jazzmusik wurde anfangs zurückgehalten, obwohl sie auf gemeinsame afrikanische Wurzeln verweist. Jüngsthin war es die HipHop-Begeisterung, mit deren Aufkeimen der kubanische Staat anfänglich eine zunehmende Amerikanisierung der Landeskultur witterte- und das obwohl sich der Rap ursprünglich als Sprachrohr der unterdrückten Afroamerikaner herausgebildet hatte. Andererseits führte die Loslösung von der westlichen Mehrheitskultur auch zu einer Konservierung der traditionellen Musik bzw. zur Erhaltung der Vielfalt. Dabei ist zu beachten, dass die kulturelle Abschottung eng mit der Entwicklung der wirtschaftlichen Situation verknüpft war. Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks - der den abrupten Wegfall der sozialistischen Handelspartner bedeutete - und dem US-Wirtschaftsembargo, war der tiefe Fall der Lebensstandards auf der Insel kaum mehr zu bremsen. Mit der gezwungenen Öffnung Kubas für den Weltmarkt, ist seither auch die Kulturpolitik des Landes in einen Prozess der Liberalisierung eingefasst und präsentiert sich heute zunehmend tolerant und weltoffen.
Die wirtschaftliche Rezession hat die Insel derweil noch immer fest im Griff und fordert von den Kubanern ein Leben mit Entbehrungen. So scheint es geradezu grotesk, dass trotz der unzureichenden Grundversorgung der Bevölkerung ein Bildungssystem unterhalten werden kann, das als das beste Lateinamerikas gilt. Bei allen materiellen Opfern sieht es so aus, als ob insbesondere die musikalische und tänzerische Ausbildung auf Kuba ein unantastbares Privileg darstellt. Vielleicht lässt sich die nachhaltige Förderung damit erklären, dass Musik innerhalb der kubanischen Gesellschaft grundsätzlich
6 Vgl. Torsten Eßer: Sozialismus mit Rhythmus. Kubanische Kulturpolitik seit 1959 und ihre Auswirkungen auf die Musik., aus: a.a.O., S. 38
Arbeit zitieren:
Jens Frieling, 2007, Der Buena-Vista-Boom und die Musik Kubas: Eine einzigartige Melange aus Tradition und Moderne, München, GRIN Verlag GmbH
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