Vorwort
„Jeder, der sich wirklich für HipHop interessiert, sollte sich Beat Street angucken. Wenn ich mich in eine Frau verliebe, will ich ja auch wissen was in ihrer Kindheit passiert ist. Sonst würde ich sie ja garnicht kennen lernen, geschweige denn verstehen können.“ 1 Diese Äußerung des deutschen Rapkünstlers „Rasputin“ macht deutlich, mit welcher Nachhaltigkeit die Rezeptionsgeschichte des Films Beat Street verbunden ist. Initialfilm, Kultstreifen und Gesellschafts- portrait: Beat Street ist heute mehr denn je ein wichtiges Zeitdokument der aufkommenden HipHop- Kultur.
Wie aus zahlreichen Rezensionen hervorgeht, scheint es mittlerweile geradezu Schick zu sein, sich mit diesem Film zu identifizieren. 2 Viele Künstler und Zeitzeugen empfinden Beat Street als besonders authentische Abbildung des sogenannten „Oldschool HipHops“, also jener Frühphase der Bewegung, die sich Anfang der 80’er Jahre herausgebildet hatte. Inwiefern die historische Konstellation und die szenische Interpretation des Films tatsächlich miteinander korrespondieren, soll im Fortgang dieser Arbeit hinterfragt werden. Überdies wird eine Analyse der Filmstruktur unter Berücksichtigung der im Seminar diskutierten Kriterien im Mittelpunkt der Untersuchung stehen.
1. Inhalt
Beat Street schildert das (Ghetto)leben jugendlicher Hip Hopper in der New Yorker Bronx. Der Plot des Films lässt sich in drei Handlungsstränge unterteilen, durch die jeweils eine Erscheinungs- form der HipHop-Kultur (Rap, Breakdance, Graffiti) in Szene gesetzt wird.
Kenny ist afroamerikanischer Herkunft und lebt zusammen mit seinem Bruder Lee in relativ gesicherten Verhältnissen. Als aufstrebender MC 3 steht er auf jeder Block Party an den Plattentellern und bekommt schließlich die große Chance im „Roxy“ 4 aufzulegen, dem angesagtesten Club der Gegend. Dort lernt er die hübsche Tracy kennen, eine besser situierte Musical-Komponistin, mit der er eine Romanze ein- geht.
Kennys jüngerer Bruder Lee ist als ehrgeiziger Breakdancer Mitglied der „Beat Street Breakers“ 5 , die sich in sogenannten „Battles“ tänzerisch mit den rivalisierenden „Bronx Rockers“ messen.
1 Interview “Rasputin” aus: Backspin – Hip Hop Magazin, Heft 5/2003, S: 23
2 Grundlage der Einschätzung sind die Onlinerezensionen und Interviews unter: www.ahoj.info, www.amazon.de sowie www.imdb.com (Direktlinks, Autoren und Abfragedaten finden sich im Sekundärquellenverzeichnis) 3 Master of Ceremonies: Im HipHop die Bezeichnung für einen DJ, der auch durch Sprechgesang das Publikum animiert (ähnlich dem Toasting der jamaikanischen Soundsystems).
4 Real existierende Diskothek in New York, Hauptschauplatz des Films.
5 Filmisches Pseudonym für die bekannte New Yorker Breakdancegruppe „New York City Breakers“. „Bronx Rockers“ ist das Pseudonym für die “Rock Steady Crew“.
Bahn Station zu Verhaftungen kommt.
Die kreativen Graffitis des Puerto Ricaners Ramon sind in der ganzen Bronx bekannt, allerdings wird er seit einiger Zeit von einem Unbekannten Sprayer „gecrosst“ 6 . Als er einen weißen U-Bahnzug besprüht, erwischt er den Unbekannten Sprayer auf frischer Tat. Der dramatische Höhepunkt des Films ist die anschließende Verfolgung, bei der Ramon tödlich verunglückt.
Geschockt vom Tod seines Freundes organisiert Kenny eine Gedenkfeier im Roxy, für die er die ange- sagtesten HipHop-Künstler wie „The Furious Five“ oder „Afrika Bambaataa“ gewinnen kann.
2. Musik-/Strukturanalyse
Anders als vorangehende Produktionen wie „Wild Style“ (1982) oder „Style Wars“ (1983), ist Beat Street nicht als Dokumentation angelegt, sondern als Spielfilm. Es handelt sich nach dem Analysemodell von Jon Radwan um klassisches Hollywood Erzählkino, das sich durch konventionelle Verlaufsmuster, wie einem dramatischen Höhepunkt (Ramons Tod) sowie einem großen Finale (Gedenkfeier im Roxy) kennzeichnet. 7 Für die musikalische Konzeption des Films ergeben sich daraus die genretypischen Gestaltungstechni- ken zur funktionellen Untermalung der Handlung. So wird der dramatische Grundstoff von Beat Street, etwa die Liebesgeschichte zwischen Kenny und Tracy, durch betont manierierte und klischeehafte Bal- laden wie dem Titel „Strangers In A Strange World“ 8 akzentuiert. Dabei sind Bildaussage und Songbot- schaft oftmals identisch: Während Kenny und Tracy flirtend durch die verschneiten Straßen New Yorks flanieren, verdeutlichen die Zeilen „Coming from different directions, carrying different dreams [...] Roads that come together, somehow we have found a bridge across our different selfs […]” 9 , dass die beiden, obwohl sie in verschiedenen sozialen Milieus verkehren, zueinander finden werden. Insgesamt wurden in die Story von Beat Street binnen 105min Spielzeit sechs Musik- und Tanzsequen- zen integriert. Bei einer durchschnittlichen Dauer von acht Minuten pro Sequenz, machen diese etwa die Hälfte der Gesamtspielzeit aus. Die Filmstruktur lässt sich wie folgt skizzieren:
0min 105min
6 Umgangssprachliche Bezeichnung für das unschöpferische Übersprühen von Graffitis anderer.
7 Vgl. 2.3 Kategorisierungen nach Jon Radwan, in: Reader „Popmusik & Kino“, S.11
8 Jenny Burton, Patrick Jude: Strangers In A Strange World, Beat Street OST, Atlantic Records 1984
9 Strangers In A Strange World, s.o.
Das Blockschema zeigt, dass Filmhandlung und Showelemente in einem recht ausgewogen Verhältnis arrangiert wurden. Mit Ausnahme der letzten, etwas längeren Handlungspassage, werden die Sequen- zen mit Tanz- und Musikperformance immer länger und folgen in immer kürzeren Abständen. Der Film gewinnt dadurch noch mal an Dynamik und behält trotz des raschen Wechsels von Narrations- und Darbietungsebene einen nahtlosen Gesamtfluss. Dieser Eindruck wird auch deshalb verstärkt, weil die beiden Ebenen ausnahmslos durch Musikübergänge „verklammert“ wurden. Auf diese Weise werden die typischen Kontinuitätskonflikte, die häufig bei der Verknüpfung von Spielfilm- und Showrealität auf- treten, vermieden.
Zudem sind die Showelemente vor allem deshalb logisch begründet, weil das „Roxy“ als Schauplatz ein real existierender Ort ist. Die Breakdance-Battles beispielsweise, wurden dort tatsächlich zwischen der „Rock Steady Crew“ und den „New York City Breakers“ ausgetragen und lediglich für den Film neu in- szeniert. Authentisch wirken die Darbietungen auch deshalb, weil die Musik meist nicht aus dem „Off“ kommt, sondern die Klanquelle (Mikrofon, Ghettoblaster, Plattenspieler) auch visuell hervorgehoben wird. Im Sinne von Jon Radwan lässt sich also von einer „Synchronität zwischen auditiv wahrnehmba- ren Klanggeschehen/Sound und filmisch sichtbarer Klangerzeugung“ sprechen. 10 Um bei Radwan zu bleiben, hat die Musik der Handlungsebene indes keine diegetische Funktion, son- dern dient eher als permanentes Musikbett, auch während der Dialoge. Atmosphärisch wird dadurch eine ausgesprochen positive Grundstimmung transportiert, selbst wenn die gezeigten Bilder selbst dazu nicht unbedingt anleiten. So wird die Trostlosigkeit der Bronxaufnahmen durch die wiederkehrenden Synthesizer-Beatsequenzen erheblich abgeschwächt. Ein gutes Beispiel dafür, dass die Sozialkritik an der Ghettoisierung und Verarmung der Bronx, im Film nur sehr gedämpft vermittelt wird. Die triste Re- alwelt war anscheinend nicht kompatibel mit der „heile Welt Suggestion“ des Hollywoodkinos.
3. Rezeptions- und Wirkungsgeschichte
Wie bereits im Vorwort angedeutet, ist Beat Street in der heutigen Wahrnehmung für viele der Inbegriff des „Oldschool HipHops“. Die Rezensionen zum Film übertreffen sich geradezu vor Sympathiebekun- dung und nostalgischer Rückbesinnung:
„Dieser Film hat mich entscheidend in eine Richtung geprägt, von der ich heute noch zehre.“ 11 „Der Kultfilm Beat Street ist ein Teil meiner Jugend und Entwicklung.“ 12 „There can be no doubt that Beat Street is the sight and sound of history being made.” 13
10 Jon Radwan, s.o., S: 12
11 Onlinerezension, die sich auf die englische DVD-Version bezieht: www.amazon.de
12 www.amazon.de, s.o.
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Jens Frieling, 2006, Analyse eines Musikfilms am Beispiel "Beat Street", Munich, GRIN Publishing GmbH
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