2
Inhalt
Einleitung. 4
0. Begriffsklärung. 6
0.1. Aphasien. 6
0.2. Mehrsprachigkeit. 6
1. Historischer Überblick. 7
1.1. Die Antike. 7
1.1.1. Die ersten Dokumente. 7
1.1.2. Die Anfänge des Lokalisationsgedankens. 8
1.2. Das Mittelalter. 9
1.3. Die Renaissance. 10
1.4. Das 18. Jahrhundert. 11
1.5. Das 19. Jahrhundert. 12
1.5.1. Paul Broca. 13
1.5.2. John Hughlings Jackson. 15
1.5.3. William Ogle - Die Entdeckung der amnestischen Aphasie. 18
1.5.4. Heymann Steinthal: Die Psycholinguisten betreten die Bühne
18
1.5.5. Carl Wernicke. 19
1.6. Zusammenfassung. 21
2. Aphasie und Mehrsprachigkeit. 22
2.1. Der Wiederherstellungsprozess als Ausgangspunkt. 22
2.2. Das Gesetz von Ribot und die Regel von Pitres. 24
2.3. Klassifikation der Restitutionsverläufe. 27
2.3.1. Synergistic recovery. 28
2.3.2. Successive selective recovery. 29
2.3.3. Antagonistic recovery. 30
2.3.4. Mixed recovery. 30
2.4. Zusammenfassung. 31
2.5. Erklärungsversuche für die Restitutionsmuster anhand einer
strengen Lokalisationstheorie. 31
3. Mögliche Formen der Organisation und Repräsentation mehrerer
Sprachen im menschlichen Gehirn. 33
3.1. Die mögliche Rolle der rechten Hirnhemisphäre beim
monolingualen Menschen. 35
3.1.1. Der Wada-Test. 36
3.1.2. Untersuchungen an Patienten nach erfolgter
Kommissurotomie. 38
3.1.3. Der dichotische Hörtest. 40
3.2. Die Rolle der rechten Hirnhemisphäre beim mehrsprachigen
Menschen. 41
3.3. Mögliche Faktoren mit Einfluss auf die Lateralisierung mehrerer
Sprachen im menschlichen Gehirn. 42
3.3.1. Sprachspezifische Faktoren. 43
3.3.2. Spracherwerbsfaktoren. 44
3.4. Der Switch Mechanismus. 46
3.5. Anatomieunabhängige Hypothesen zur Organisation mehrerer
Sprachen im menschlichen Gehirn 47
3
3.5.1. Die Energietheorie von Green. 49
3.5.1.1. Die subsystem hypothesis. 50
3.5.1.2. Die activation threshold hypothesis. 51
3.6. Das limbische System. 54
3.7. Bildgebende Verfahren in der Hirnforschung. 56
4. Fazit. 59
4.1. Das einsprachige Gehirn. 59
4.2. Das mehrsprachige Gehirn. 61
5. Zusammenfassung. 63
Literaturverzeichnis. 66
Internetquellen. 68
Anhang 69
Die Frage nach der Funktionsweise des menschlichen Gehirns ist fast so alt wie die Menschheit selbst. Kein anderes Organ im menschlichen Körper gibt auch der modernen Wissenschaft, aller Fortschrittlichkeit zum Trotz, so viele Rätsel auf. Gerade deswegen ist die Beschäftigung mit diesem Thema so faszinierend. Eine der wohl interessantesten Fragestellungen ist die Verbindung zwischen Sprache und Gehirn. Theorien zu dieser Verbindung entwickelten sich aus der medizinischen
Notwendigkeit, Patienten zu helfen, die nach einer Schädigung des Gehirns mit Sprachproblemen zu kämpfen hatten. Die Medizin, die vielleicht älteste Wissenschaft überhaupt, legte den Grundstein für die intensive Beschäftigung mit diesem Thema. Die Liste der Disziplinen, die sich im Laufe der Jahrhunderte der Diskussion anschlossen, ist schier endlos: Philosophie, Theologie, Neurolinguistik, Psycholinguistik, Psychologie... Diese Arbeit wird versuchen, den Vorgängen im menschlichen Gehirn, die uns erlauben, eine oder mehrere Sprachen zu verwenden, auf die Spur zu kommen. Die zentrale Frage dieser Arbeit steht seit Beginn der Aphasieforschung im Mittelpunkt des Interesses: Wie ist Sprache im Gehirn eines Menschen repräsentiert/organisiert? Nur über eine Klärung dieser Frage wird man in die Lage versetzt, die Krankheitsbilder von Aphasiepatienten richtig zu interpretieren. Der Aspekt der Mehrsprachigkeit wird mit der Erweiterung der Ausgangsfrage auf zwei oder mehr Sprachen zum Tragen kommen. Es wird klar werden, dass die beiden konkurrierenden Hauptkonzepte der Aphasieforschung - Lokalisation und Holismus - auch heute noch die Aphasieforschung sowohl bei Ein- wie auch bei Mehrsprachigkeit beeinflussen.
Nach Klärung zweier zentraler Begriffe dieser Arbeit wird zunächst die historische Entwicklung der Aphasieforschung dargestellt und teilweise kritisch beleuchtet werden. Dies ist nötig um zu verstehen, wo die Wurzeln der einzelnen miteinander
5
konkurrierenden Theorien dieses Forschungsgebietes liegen. Der erste Teil schließt mit einer kurzen Zusammenfassung und einigen offenen Fragen ab.
Im zweiten Teil meiner Arbeit werde ich auf die verschiedenen Theorien zur Aphasie bei Mehrsprachigkeit eingehen, um im dritten Teil dann die daraus resultierenden Modelle zur Repräsentation und Organisation mehrerer Sprachen im menschlichen Gehirn zu diskutieren. Im vierten Teil werde ich meine eigenen Überlegungen zur Repräsentation von Sprache(n) im menschlichen Gehirn formulieren, die im Wesentlichen eine Synthese der beiden auf den ersten Blick scheinbar nur schwer vereinbaren Hauptkonzepte anstreben.
Die Arbeit schließt mit einer kurzen Zusammenfassung der zentralen Punkte.
6
0. Begriffsklärung
In diesem kurzen Abschnitt sollen zunächst die beiden zentralen Begriffe Aphasien und Mehrsprachigkeit definiert werden.
0.1. Aphasien
Unter Aphasien verstehe ich in Anlehnung an Bußmanns Lexikon der Sprachwissenschaft „eine Reihe von erworbenen zentralen Sprachstörungen (verursacht durch einen Hirnschaden aufgrund von Gefäßerkrankungen, Tumor, Unfall etc.), bei denen Verständnis und Produktion von mündlichem und
schriftsprachlichem Ausdruck unterschiedlich stark betroffen sein können.“ 1
0.2. Mehrsprachigkeit
Unter Mehrsprachigkeit verstehe ich die Fähigkeit eines Menschen, sich in verschiedenen Situationen mit Hilfe zweier oder mehrerer Sprachen (L1, L2, etc.) ausdrücken und zwischen diesen Sprachen nach Belieben wechseln zu können. Im Rahmen dieser Arbeit habe ich auf eine Unterscheidung zwischen Zwei-und Mehrsprachigkeit verzichtet, da eine solche Unterscheidung meiner Auffassung nach für die zentrale Frage dieser Arbeit nicht von Bedeutung ist. An entsprechender Stelle wird auf Unterschiede zwischen natürlicher, schon während der frühen Kindheit erworbenen, und künstlicher, d.h. etwa durch Schulunterricht erlangten, Mehrsprachigkeit eingegangen werden.
1 Bußmann 1990: 88.
7
1. Historischer Überblick
Bei der Beschäftigung mit jedem Feld in der Wissenschaft ist es sinnvoll, sich mit den Wurzeln der aktuell diskutierten Standpunkte zu beschäftigen. Speziell im Fall der
Aphasieforschung wird deutlich werden, dass die heute diskutierten Positionen ihren Ursprung teilweise schon in der Antike haben. Auch wird man bei der Beschäftigung mit der Geschichte der Aphasieforschung schnell feststellen, dass die Behauptung, Broca und Wernicke markierten den Beginn der modernen Aphasieforschung, so nicht haltbar ist.
1.1. Die Antike
1.1.1. Die ersten Dokumente
Da Aphasien durch Verletzungen des Gehirns entstehen, kann man davon ausgehen, dass es Aphasien schon so lange gibt, wie es Menschen gibt. Schon im alten Ägypten war man mit diesem Phänomen vertraut. Das wohl bekannteste älteste Dokument, in dem eine Sprachstörung Erwähnung findet, ist das so genannte Edwin-Smith-Papyrus 2 . In diesem vielleicht ersten Medizinerhandbuch werden verschiedene Krankheitsfälle
dargestellt, unter ihnen auch Kopfverletzungen, die offensichtlich aphasische Störungen nach sich zogen: „Im Fall 17 ist ein Patient aufgrund einer Oberkiefer Fraktur als ‚sprachlos’ beschrieben, und die Fälle 19, 20 und 22 weisen Schläfenverletzungen auf, in deren Folge die Betroffenen ‚sprachlos’ sind.“ 3 Interessant ist die Tatsache, dass die Ägypter offenbar keinen Zusammenhang zwischen Gehirn und Sprache sehen. Bedingt durch eine kardiozentrische Weltsicht, die das Herz als wichtigstes Organ des
2 Als Entstehungszeitraum vermutet man ca. 3000-2200 v. Chr.
3 Tesak 2001: 13.
8
Menschen ansieht, misst man dem Gehirn keine größere Bedeutung zu.
1.1.2. Die Anfänge des Lokalisationsgedankens
Der durchaus noch aktuell diskutierte Gedanke einer genauen Lokalisation von geistigen Fähigkeiten im menschlichen Körper geht zurück auf das antike Griechenland und das römische Imperium. Zu dieser Zeit ist Gegenstand der Diskussion allerdings nicht die Frage, wo im Gehirn des Menschen welche kognitiven Fähigkeiten auszumachen seien, vielmehr diskutiert man darüber, ob das Herz oder das Hirn Sitz dieser Fähigkeiten sei. Die gesamte Diskussion um diese Frage darzustellen, würde den Rahmen, den ich für den historischen Teil meiner Arbeit eingeteilt habe, bei weitem sprengen, daher möchte ich nur kurz auf die meiner Meinung nach wichtigsten und interessantesten Standpunkte und ihre Vertreter eingehen. Als Erster stellt Alkmaion 4 eine Verbindung zwischen dem Gehirn und menschlicher Wahrnehmung/menschlichem Denken her. Platon 5 geht von einer Dreiteilung der ‚Seele’ des Menschen aus, lokalisiert die Sprache, als Teil der Vernunft und des Geistes, aber eindeutig im Kopf. Herophilos 6 schließlich ist der Erste, der Teile des Gehirns genauer beschreibt.
Erasistratos 7 stellt die Verbindung zwischen der Größe bzw. Komplexität von Teilen des Gehirns und der Leistungsfähigkeit des Menschen her, so dass man ihn als antiken Vater der auch heute noch diskutierten Lokalisationslehre ansehen kann. Trotz dieser Tendenzen zur Abkehr vom kardiozentrischen Weltbild bleibt dieses zunächst aber noch bestimmend, was vor allem dem starken Einfluss Aristoteles’ auf die wissenschaftliche Diskussion zugeschrieben werden kann. 8
4 (ca. 500 v. Chr.).
5 (429-348 v. Chr.).
6 (ca. 335 bis 280 v. Chr.).
7 (ca. 304-250 v. Chr.).
8 Vgl. Tesak 2001: 17.
9
Eine wichtige Erkenntnis in Bezug auf die Funktionsweise des Gehirns erlangt der römische Gladiatorenarzt Galen 9 , der sensorische und motorische Nervenbahnen im Gehirn entdeckt und dementsprechend sensorische und motorische Fähigkeiten in verschiedenen Teilen des Gehirns lokalisiert. Was
Sprachstörungen angeht, stellt Galen nur fest, „dass das Wortgedächtnis durch Kopfverletzungen beeinträchtigt werden kann.“ 10 Galen begründet auch die Ventrikel- oder Zellentheorie, auf die im folgenden Abschnitt über das Mittelalter genauer eingegangen werden wird, da sie für diese Epoche bestimmend ist.
1.2. Das Mittelalter
Nicht umsonst gibt es das geflügelte Wort des „finsteren Mittelalters“. So ist es auch nicht verwunderlich, dass es in dieser Zeit keine größeren wissenschaftlichen Erkenntnisse gibt, denn die Wissenschaft liegt brach. Man neigt dazu, auf das Wissen der Antike zurückzugreifen.
Im Mittelalter ist die vorherrschende Theorie über die Funktionsweise des Gehirns die so genannte Zellenlehre (auch Ventrikeltheorie genannt), die sich auf Galens Erkenntnisse stützt. Galen vermutet „wie [auch] Herophilos hunderte Jahre vor ihm“ 11 , dass den Ventrikeln eine besondere Rolle im Gehirn zukommt. „In den beiden Lateralventrikeln (als erste Zelle verstanden) wird die Vorstellungskraft, im dritten Ventrikel (der zweiten Zelle) die Vernunft und im vierten Ventrikel (der dritten Zelle) das Gedächtnis lokalisiert“. 12
Diese, hier sehr kurz umrissene, Theorie ist die Basis, auf der Gelehrte im Mittelalter aufbauen, wobei man die Ventrikel nicht mehr als anatomisch gegeben, sondern eher als theoretische
9 (ca. 129-199 n. Chr.).
10 Tesak 2001: 21.
11 Tesak 2001: 19.
12 Tesak 2001: 19.
10
Konzepte auffasst. Da leider keinerlei Belege für Aphasie bzw. deren Erforschung zur Zeit des Mittelalters existieren, lässt sich nur vermuten, dass die Gelehrten damals - in Anlehnung an Galens Behauptung, bei aphasischen Symptomen wäre das Wortgedächtnis beschädigt (siehe 1.1.2.) - aphasische Störungen als Störungen des Gedächtnisses ansehen, deren Entstehung also mit einer Läsion des vierten Ventrikels in Verbindung bringen.
1.3. Die Renaissance
Die Renaissance markiert einen Neubeginn in der wissenschaftlichen Forschung. Es entstehen umfassende Werke, die sich mit den verschiedensten Forschungsaspekten befassen. Das Universalgenie Leonardo da Vinci darf hier nicht unerwähnt bleiben, treibt er doch die anatomische Forschung durch seine Sektionen, die ihm allerdings auch Probleme mit der Kirche einbrachten, entscheidend voran und begründet so die moderne anatomische Forschung.
Für die Hirnforschung sei der Belgier Andreas Vesalius genannt, der 1543 sein siebenbändiges Werk De humani corporis fabrica herausbringt und die Ventrikeltheorie Galens widerlegt. Thomas Willis 13 , der Entdecker des Diabetes mellitus, beschreibt in seinem Werk Cerebri Anatome die Anatomie des Gehirns. Einen wichtigen Schritt in der Aphasieforschung macht der deutsche Arzt Johannes Schenck 14 , indem er die Idee der Sprachstörung - im Gegensatz zur Sprechstörung - entwickelt. Schenck beschreibt Fälle, bei denen seine Patienten ihre Zungen normal bewegen, jedoch nicht richtig sprechen können. 15 Schließlich findet sich im 17. Jahrhundert der erste Bericht über Therapieversuche. 16
13 (1621-1675).
14 (1530-1598).
15 Vgl. Tesak 2001: 31f.
16 Vgl. Tesak 2001: 33.
11
1.4. Das 18. Jahrhundert
Das 18. Jahrhundert ist aufgrund zweier Personen von besonderer Bedeutung für die Aphasieforschung: Emanuel Swedenborg und Johann Gesner. Swedenborg formuliert den modernen
Lokalisationsgedanken 17 , also die Annahme, dass „verschiedene Funktionen an verschiedenen anatomischen Stellen am Cortex repräsentiert sein müssen“ 18 und begründet ihn sowohl medizinisch wie auch philosophisch: „Philosophisch müsse es so sein, damit die Hirnfunktionen sich nicht gegenseitig beeinflussen und in ihrer Wirkungsweise stören können; klinisch sei es notwendig, um pathologische Phänomene […] erklären zu können.“ 19
Johann Gesner veröffentlicht in den Jahren 1769-1776 ein umfangreiches Werk zu verschiedenen Krankheiten. Eine der von ihm besprochenen Krankheiten bezeichnet er als Sprachamnesie. Ausgesprochen genau ist die Erfassung der Symptome (Jargon, Neologismen, Perseverationen, Automatismen, Lese-,
Schriftsprachstörungen etc. 20 ). Gesner vermutet in der Sprachamnesie eine Störung eines Teiles des menschlichen Gedächtnisses, motorische Störungen schließt er aus. 21 Mit der Vorstellung Gesners, Funktionen im menschlichen Gehirn seien selektiv störbar, „ist die erste assoziationistische Aphasietheorie entstanden, die das ausgehende 19. Jahrhundert beherrschen sollte.“ 22 Gesner beschreibt auch als einer der Ersten „Störungen des Lesevermögens zweisprachiger Patienten, die in den jeweiligen Sprachen unterschiedlich stark auftreten, […].“ 23 Dieser Aspekt bleibt zwar weitgehend unbeachtet, trotzdem markiert
17 In Abgrenzung zu der Lokalisationsdiskussion in der Antike vgl. 1.1.2.
18 Tesak 2001: 37.
19 ibid.
20 Gesner benutzt natürlich nicht die heutige Terminologie.
21 Vgl. Tesak 2001: 44.
22 Tesak 2001: 45.
23 König-Linek: 1995: 8.
12
Gesners Arbeit den Beginn der Erforschung der Aphasie bei Mehrsprachigkeit.
1.5. Das 19. Jahrhundert
Von zentraler Bedeutung für die Aphasieforschung sind die Arbeiten von Franz Josef Gall. Gall weist dem Neocortex eine zentrale Bedeutung zu und vertritt die Ansicht, „dass geistige Fähigkeiten in bestimmten Teilen des Gehirns zu lokalisieren seien.“ 24 Weiterhin geht er davon aus, dass, je stärker eine bestimmte geistige Fähigkeit bei einem Menschen ausgeprägt ist, der entsprechende Teil des Gehirns dieses Menschen umso größer sein muss. Da die Fähigkeiten eines Menschen sich vor allem in der Kindheit, d.h. im Wachstum, bilden, das Gehirn während dieser Phase also an bestimmten Stellen größer wird und damit Druck auf den Schädel ausübt, kann man - so Galls „Phrenologie“ - an der Kopfform erkennen, über welche geistigen Fähigkeiten ein Mensch verfügt. Gall lokalisiert als Erster ein Sprachzentrum, nämlich in der „Hirnpartie, die auf der hinteren Hälfte des Orbitaldaches aufruht.“ 25 Als Gegenbewegung der Lokalisationstheorie entwickelt sich im 19. Jahrhundert der Holismus, der davon ausgeht, dass man kognitive Fähigkeiten nicht eindeutig lokalisieren kann, sondern dass das Gehirn als Ganzes funktioniert, jeder Teil des Gehirns also alle Aufgaben erledigt. Bis zu diesem Zeitpunkt ist die Frage, ob und welche Hirnhälfte für Sprache entscheidend ist, noch nicht diskutiert worden. Auch Broca legt sich nicht eindeutig fest (siehe 1.5.1.). Erstaunlich, wenn man bedenkt, dass Marc Dax schon 1836 auf eine Verbindung zwischen einer Verletzung der linken Hirnhälfte und Sprachstörungen hinweist. Wie so oft in der Wissenschaft geht dieser wichtige Hinweis unter, weil Dax’ Arbeit nicht publiziert
24 Tesak 2001: 49.
25 Gall, zitiert nach Tesak (2001: 50), der wiederum nach Lesky (1979: 154) zitiert.
13
wird und dementsprechend nicht in die Diskussion einfließen kann.
1.5.1. Paul Broca
Brocas Arbeiten sind zu umfangreich, um sie im Rahmen eines kurzen historischen Überblicks ausgiebig zu diskutieren. Im Folgenden werde ich also nur kurz und knapp seine Forschungen umreißen.
Im Verlauf seiner Arbeit - Broca ist unter anderem Mitbegründer der Pariser Anthropologischen Gesellschaft - wird Broca ein Patient vorgestellt, der außer der Silbe „tan“ und einigen Automatismen nichts mehr äußern kann. Dieser Umstand führt dazu, dass man den Patienten allgemein als Monsieur Tan bezeichnet. Broca bezeichnet die Sprechstörung 26 dieses Patienten als „Aphemie“. Nach dem Tod des Patienten führt Broca eine Autopsie durch:
Durch diese Autopsie und seine Kenntnis des Patienten ist für Broca klar erwiesen, dass Aphemie keine Auswirkungen auf die Intelligenz des Betroffenen hat. Auch ist für ihn der „Sitz der Sprache“ eindeutig lokalisierbar, wobei überraschend ist, dass er, der gemeinhin als Vater der Aphasiologie gilt, den Zusammenhang zwischen der linken Hirnhälfte und
Sprachstörungen erst einige Jahre später erkennt. Tesak merkt zu Recht an, „dass Broca eher über eine Sprech- und weniger über eine Sprachstörung spricht, dass die Erfassung und Überprüfung der Symptome relativ dürftig ist und dass die Ursache des Problems möglicherweise degenerativer Natur gewesen ist.
26 Broca spricht in der Tat von einer Sprechstörung. Vgl. Tesak 2001: 63. 27 Tesak 2001: 62.
14
Insgesamt wird deutlich, dass der Fall Leborgne 28 ein eher ungünstiger Startpunkt für die Geburt der Aphasiologie ist.“ 29 Diese erste Annahme Brocas wird durch einen zweiten von ihm untersuchten Patienten namens Lelong gestützt. Auch bei diesem Patienten sind die zweite und dritte frontale Hirnwindung lädiert. Broca kommt daraufhin zu dem Schluss, dass die Hirnwindungen selbst in den Fokus der Untersuchungen rücken müssen. Doch auch bei dieser Untersuchung Brocas gibt es Grund zur Kritik:
In diesem Zusammenhang sei auch erwähnt, dass das Gehirn von Brocas erstem Patienten, Leborgne, von Pierre Marie am Anfang des 20. Jahrhunderts erneut untersucht wird, der „Läsionen nicht nur im frontalen, sondern auch im parietalen Bereich fest[stellt].“ 31 Dies veranlasst Marie zu der Annahme, dass es nur eine Form von Aphasie gibt. Die Broca-Aphasie ist seiner Ansicht nach eine Wernicke-Aphasie 32 mit Anarthrie, d.h. einer Störung der Bewegungsabläufe, die für Sprachproduktion nötig sind.
Beide von Broca zuerst untersuchten Fälle sind also als eher untypisch für eine Aphasie zu bezeichnen, jedoch hält sich die Meinung, Broca markiere den Beginn der Aphasieforschung, hartnäckig. Um diesen Standpunkt zu entkräften, sei hier noch kurz erwähnt, dass seine Forschungsergebnisse durchaus nicht neu waren. Bereits Bouillaud und Auburtin hatten einige Jahre
28 „Monsieur Tans“ richtiger Name.
29 Tesak 2001: 63.
30 ibid.
31 König-Linek 1995: 16.
32 Zu Wernicke siehe 1.5.5.
Arbeit zitieren:
Stefan Schäfer, 2006, Grundkonzepte der Aphasieforschung und ihre Bedeutung für das Krankheitsbild mehrsprachiger Patienten, München, GRIN Verlag GmbH
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