Während eines Seminars zur Arbeitslosigkeit an der HAWK Hildesheim erfuhr ich, dass der prozentuale Anteil Langzeitarbeitsloser relativ gering wäre bzw. mit der Länge der Arbeitslosigkeit prozentual geringer werde. Der Großteil der Arbeitslosen trete nach maximal zwei Jahren wieder in den Arbeitsalltag ein. Da ich in Sachsen-Anhalt geboren bin und eine Widersprüchlichkeit zwischen den Seminarinformationen und der Arbeitslosensituation meines ursprünglichen Wohnortes feststellte, strebte ich die Beantwortung der folgenden offenen Fragen an: a) Wie hoch ist der Anteil Langzeitarbeitsloser im ländlichen Bereich? und b) Kommt der Großteil der gemeldeten Arbeitslosen in ländlichen Gemeinden nach maximal zwei Jahren wieder ins Berufsleben? Diese Bachelor-Thesis beschäftigt sich mit der ländlichen Arbeitslosigkeit in Sachsen-Anhalt, vornehmlich in Kleingemeinden und untersucht dabei die resultierende Hauptfrage: Gibt es Einflussgrößen, die eine Verlängerung von Arbeitslosigkeit begünstigen?
Um die Hauptfrage in dieser Arbeit in einem durchführbaren Rahmen zu klären, untersuchte ich unter dem Einsatz einer Forschungsstudie meinen Heimatort Schorstedt, eine dörfliche Gemeinde. Zu dem kam eine Literaturrecherche, die Grundlagen der Arbeitslosigkeit mit dem Blickwinkel auf die neuen Bundesländer hervor brachte.
Die Beantwortung der Hauptfrage dieser Thesis, ob es Einflussgrößen gibt, kann deutlich mit ja beantwortet werden. Diese Einflussgrößen sind multiperspektivisch und haben oft einen Bezug zueinander oder bedingen sich wechselseitig. In dieser Ausarbeitung wird auf die individuelle, gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Perspektive eingegangen. Das beinhaltet u. a. die nach der Wiedervereinigung geschehene Deindustrialisierung mit anschließend eingeschränktem Wiederaufbau der Infrastruktur, das durch die Politik suggerierte Negativbild der Arbeitslosen als Ursache für stetig steigende Steuern ohne die hierbei versteckten Steuern zu erwähnen, minimierte Mobilität und Flexibilität der Arbeitslosen aufgrund geringer Qualifizierungen und Existenzängsten bei Eigentumsaufgabe, sowie ein negatives Ansehen Arbeitsloser in der Gesellschaft, da Arbeit Status ist und somit Ansehen, materieller Wert, Unabhängigkeit und Sicherheit bedeutet. In der Thesis kann nur ein Teil der Einflussgrößen vorgestellt werden, da das Problem der Arbeitslosigkeit sehr komplex ist und eine Aufzählung aus Platz- und Rahmenbedingungsgründen inner- halb dieser Thesis nicht möglich ist.
3
Inhaltsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis 5
0 Einleitung 7
1 Arbeitslosigkeit 10
1.1 Geschichtliche Eckpfeiler und Arbeitsmarktentwicklung
seit 1949 10
1.2 Ursachen in den neuen Bundesländern 12
1.3 Die Ausnahme in den Hartz IV-Gesetzen:
Hilfebed ürftige unter 25 Jahre 14
1.4 Generelle Folgen von Arbeitslosigkeit 15
2 Strukturdaten zu Schorstedt und dem Ortsteil Grävenitz 18
2.1 Infrastruktur in Schorstedt 2008 20
2.2 Vergleich möglicher Arbeitsplätze 1990 und 2008 21
3 Konzept und Anlage der empirischen Untersuchung 22
3.1 Die Phasen einer empirischen Untersuchung 23
3.2 Die Entwicklung des Fragebogens 24
3.2.1 Phase I: Formulierung des Forschungsproblems 24
3.2.2 Phase II: Planung und Vorbereitung der Erhebung 24
3.2.3 Phase III: Datenerhebung 25
3.2.4 Phase IV: Datenauswertung 25
4 Die Darstellung der empirischen Ergebnisse 26
4.1 Daten zu den allgemeinen Angaben der Arbeitslosen 26
4.2 Angaben zur Erwerbs- und Arbeitslosigkeit der
Probanden 28
4
4.2.1 Die Dauer der Arbeitslosigkeit…………………………………... 28 4.2.2 Das Arbeitsverhältnis vor dem Eintritt in die Arbeitslosigkeit…………………………………………………… 29 4.2.3 Die Gründe der Arbeitsplatzkündigung…………………………... 30 4.3 Befragungen der Teilnehmer zum Job-Center…………………… 31 4.3.1 Erreichbarkeit und Zugang zum Job-Center……………………... 31 4.3.2 Das Interaktionsmuster des Job-Centers in Gesprächs-Situationen……………………………………………………….. 32 4.3.3 Die Maßnahmenangebote der Agentur für Arbeit……………….. 33 4.4 Persönliches Engagement………………………………………... 37 4.5 Persönliche Aussichten zur eigenen Arbeitslosigkeit……………. 38 4.6 Schlussfolgerungen der empirischen Ergebnisse………………… 40
5 Einige Einflussgrößen, die das Fortbestehen der Arbeitslosigkeit fördern könnten.……………………………………………………...... 42
5.1.1 Betrachtung des wirtschaftlichen Aspektes……………………… 42 5.1.2 Betrachtung des politischen Aspektes…………………………… 43 5.1.3 Betrachtung des individuellen Aspektes………………………… 43 5.1.4 Betrachtung des gesellschaftlichen Aspektes…………………… 44 5.2 Bestehende Interventionsmaßnahmen und weitere Änderungsvorschläge……………………………………………. 44 5.2.1 Das Öko-Dorf Brodowin e.V. …………………………………… 45 5.2.2 Die Ökologische Beschäftigungsinitiative Krummenhagen e.V. …………………………………………….. 45
6 Fazit……………………………………………………………………... 46
7 Literatur- und Quellenverzeichnis……………………………………. 49
8 Anhang …………………………………………………………………. 51
5
Abbildungsverzeichnis
Hauptteil :
Abbildung 1: Verteilung der Arbeitslosigkeit in Schorstedt nach
Geschlecht und Alter (2007)
Abbildung 2: Verteilung der Probanden nach Geschlecht und Alter
Abbildung 3: Verteilung der Arten der Personenhaushalte
Abbildung 4: Dauer der Arbeitslosigkeit in Jahren
Abbildung 5: Arbeitsverhältnis vor der Arbeitslosigkeit
Abbildung 6: Gründe zur Arbeitsverhältnisauflösung
Abbildung 7: Zufriedenheit der Probanden mit Fallmanagern des
Job -Centers in Interaktionssituationen
Abbildung 8: Gründe für Unzufriedenheiten mit dem
Job -Center / Fallmanager
Abbildung 9: Art der erhaltenen Maßnahmen
Abbildung 10: Jahresangabe der letzten stattgefundene Maßnahme
Abbildung 11: Anzahl bisheriger Maßnahmen
Abbildung 12: Schätzung der Probanden über jährliche Arbeits-
platzvorschl äge
Abbildung 13: Persönliche Wege der Arbeitssuche
Abbildung 14: Maximal gewünschte Entfernung zum Arbeitsplatz
Abbildung 15: Gründe gegen Umzug
6
Anhang :
Abbildung 1: Erwerbstätigkeit und Arbeitslosigkeit im früheren
Bundesgebiet
Abbildung 2: Entwicklung der Erwerbstätigkeit nach Ost und West
Abbildung 3: Bruttoinlandsprodukt Vergleich der Bundesländer 2007
Abbildung 4: Arbeitslosequote Sachsen-Anhalts im Mai 2008
Abbildung 5: Verteilung der Einwohner Schorstedts nach Alter
und Geschlecht (2007)
Abbildung 6: Arbeitsplätze in Schorstedt - Vergleich 1990 und 2008
Abbildung 7: Erwerbstätigenanteile in West- und Ostdeutschland
1950-1997………………………………………………...
Abbildung 8: Fragebogen
Abbildung 9: Angabe über schulpflichtige Kinder
Abbildung 10: Anzahl im Haushalt lebender schulpflichtiger Kinder
Abbildung 11: Rentner im Haushalt
Abbildung 12: Anzahl im Haushalt lebender Rentner
Abbildung 13: Vorhandene Lebenspartnerschaft
Abbildung 14: Erwerbstätigkeit des Partners
Abbildung 15: Art der Bezüge von der Agentur für Arbeit
Abbildung 16: Erreichbarkeit des Job-Centers und Zugangs-
zufriedenheit der Probanden
Abbildung 17: Angaben über regelmäßige Maßnahmenangebote
Abbildung 18: Bezug der Maßnahmen zum Wunsch - Arbeitsbereich
Abbildung 19: Erhalt regelmäßiger Arbeitsplatzvorschläge
Abbildung 20: Arbeitsaussicht
Abbildung 21: Montagearbeit
Abbildung 22: Umzug oder Verkauf des Hauses
7
0 Einleitung
Meine Motivation für die Thesis „Zeit der Arbeitslosigkeit in ländlichen Gemeinden der neuen Bundesländer“ entstand in einem Seminar während des Studiums zum Bachelor of Arts Soziale Arbeit an der HAWK Hildesheim. Während eines Seminars zur Arbeitslosigkeit erfuhr ich, dass der prozentuale Anteil Langzeitarbeitsloser relativ gering wäre bzw. mit der Länge der Arbeitslosigkeit prozentual geringer werde. Der Großteil der Arbeitslosen trete nach maximal zwei Jahren wieder in den Arbeitsalltag ein. Diese Aussagen verwunderten mich, da ich in Sachsen-Anhalt geboren bin und von dem Wohnort meiner Kindheit, sowie den umliegenden ländlichen Gemeinden und der Situation der Einwohner einen Eindruck habe, der diesen Informationen widerspricht. Durch die Diskrepanz meines persönlichen Eindrucks und der im Seminar erfahrenen Informationen entstanden für mich offene Fragen: a) Wie hoch ist der Anteil Langzeitarbeitsloser im ländlichen Bereich? und b) Kommt der Großteil der gemeldeten Arbeitslosen in ländlichen Gemeinden nach maximal zwei Jahren wieder ins Berufsleben? Aus diesem Grund sollte sich meine Bachelor-Thesis mit der ländlichen Arbeitslosigkeit in Sachsen-Anhalt, vornehmlich in Kleingemeinden, beschäftigen und die aus dem Widerspruch resultierende Hauptfrage untersuchen: Gibt es Einflussgrößen, die eine Verlängerung von Arbeitslosigkeit begünstigen? Für die Soziale Arbeit hätten die Erkenntnisse die Wichtigkeit insoweit, dass ein notwendiger Handlungshintergrund der professionellen, praktischen Sozialen Arbeit aufgezeigt wird und dass das multidimensionale Problem Arbeitslosigkeit etwas aufgeschlüsselt werden würde. Dadurch wären Problembereiche besser selektierbar und es könnten geeignete Maßnahmen, die wiederum sinnvoll verschiedene Problembereiche verknüpfen würden, angewendet werden. Also könnten durch den Zusammenhang der Erkenntnisse auch gleichermaßen neue Lösungswege für die Gemeinde Schorstedt ersehen werden. Zusätzlich würden Grenzen der Sozialen Arbeit und weiterer Zuständigkeiten gezeigt werden. Allerdings könnten aber auch Bereiche aufgezeigt werden, die bis dato in ihren Zusammenhängen für einige Personen- oder Berufskreis nicht ersichtlich gewesen sind und somit eventuelle Wissenslücken schließen.
Um die Hauptfrage in der Arbeit in einem durchführbaren Rahmen zu klären, untersuchte ich unter dem Einsatz einer Forschungsstudie meinen Heimatort Schorstedt, eine dörfliche Gemeinde, mit besonderem Augenmerk auf die dort herrschende Ar-
8
beitslosigkeit. Da es in dieser Region mehrere Gemeinden mit ähnlichen Bedingungen und Strukturen gibt, wären die Ergebnisse teilweise oder gänzlich übertragbar. Leider sind keine Studien über ländliche Arbeitslosigkeit in den neuen Bundesländern recherchierbar, doch um einen Einstieg in dieses Thema zu finden, besorgte ich mir auf Anraten das Buch „Die Arbeitslosen von Marienthal“ von Marie Jahoda. Allerdings stellte ich fest, dass gravierende Unterschiede zu meiner bevorstehenden Studie bestanden. Aus diesem Grund werde ich die Studie von Marienthal nicht in dieser Thesis berücksichtigen. Für die Grundlagenvermittlung zum Thema Arbeitslosigkeit benutzte ich u. a. auch ältere Literatur, da die Ursachen zeitlich etwas zurückliegen und in diesen Büchern oft ausführlicher beschrieben wurden. In der recherchierten neueren Literatur waren kaum Informationen über die Arbeitslosigkeit der neuen Bundesländer zeitlich vor und nach der Wiedervereinigung. Ebenso auffällig war, dass die Ursachen je nach Aktualität des Buches stetig kürzer beschrieben wurden.
Im ersten Kapitel wird zunächst in das Thema Arbeitslosigkeit eingeführt. Durch kurze Ausführungen werden einige Grundlagen wie Begriffsbestimmung, die geschichtliche Entwicklung, die Ursachen in Ostdeutschland, gesetzliche Sonderfälle und generelle Folgen aufgezeigt.
Das zweite Kapitel soll dem Leser einen Einblick in den untersuchten Ort Schorstedt ermöglichen. Es werden Einwohnerdaten aus einem Interview vom 04. Dezember 2007 mit der Gemeindeverwaltung bekannt gegeben. Zusätzlich wird die Infrastruktur aufgezeigt und mit der von 1990 verglichen. Die besondere Betrachtung liegt hier auf die Anzahl der Arbeitsplätze, woraufhin kurz auf die Dunkelziffer der Arbeitslosen, u. a. resultierend aus der Arbeitspflicht in der ehemaligen DDR, eingegangen wird.
Das dritte Kapitel legt die Grundlagen für die empirische Untersuchung dar. Es wird dazu verkürzt auf die Entwicklungsphasen einer empirischen Untersuchung eingegangen. Auf diese Grundlagen aufbauend werden die Entstehungsphasen des Fragebogens dargestellt.
Im vierten Kapitel erfolgt die Ergebnisdarstellung der durchgeführten Forschung. Dazu werden die allgemeinen Daten der Probanden kurz aufgezeigt um die Teilnehmer vorzustellen. Als nächstes erfolgt eine Anamnese der Arbeitslosensituation u. a. mithilfe der Darstellung der Berufssituation vor der Arbeitslosigkeit und den Grün- den der Arbeitsplatzkündigung. Danach wird das subjektive Erleben der Probanden
9
in ihrer Zusammenarbeit mit der Agentur für Arbeit bzw. dem Job-Center gezeigt, woraufhin abschließend die eigene persönliche Arbeitssuche und die erwarteten beruflichen Zukunftschancen vorgestellt werden. Zum Abschluss dieses Kapitels werden die Schlussfolgerungen und Interpretationen der Forschung erstellt. Im folgenden Kapitel werden die möglichen Einflussgrößen zusammengefasst, die aus dem Bericht resultieren und die Arbeitslosigkeit fördern könnten. Ebenso werden die Interventionsmaßnahmen der Gemeinde Schorstedt und mögliche weitere Interventionsmöglichkeiten vorgestellt.
Das Fazit ist das sechste Kapitel und umfasst u. a. einen eigenen Eindruck über die empirischen Ergebnisse und der Literaturrecherche.
10
1 Arbeitslosigkeit
Je nach wissenschaftlicher Disziplin ist die Definition von Arbeitslosigkeit etwas verschieden. Von der ökonomischen, soziologischen und juristische Definitionsform wird die letztgenannte nach dem SGB III gewählt, da im Verlauf der Bachelor-Thesis der Bezug stärker zwischen den Hartz IV-Gesetzen und der Sozialen Arbeit gezogen wird. Im § 119 SGB III (Arbeitsförderung) wird die Arbeitslosigkeit wie folgt definiert: „…(1) Arbeitslos ist ein Arbeitnehmer, der
1. nicht in einem Beschäftigungsverhältnis steht (Beschäftigungslosigkeit), 2. sich bemüht, seine Beschäftigungslosigkeit zu beenden (Eigenbemühungen) und 3. den Vermittlungsbemühungen der Agentur für Arbeit zur Verfügung steht (Verfügbarkeit)…“
Als Arbeitslose/r gilt man weiterhin, selbst wenn ein Ehrenamt oder eine berufliche Beschäftigung bzw. Tätigkeit mit weniger als 15 Stunden in der Woche ausgeführt wird. Dieser Zustand bleibt, so lange wie der Arbeitslose für eine berufliche Eingliederung zur Verfügung steht, Eigenbemühungen für die Beendigung der Arbeitslosigkeit zeigt und die Vorschläge der Agentur für Arbeit annimmt und diesen nachgeht. 1 Bei einer Arbeitslosigkeitsdauer ab einem Jahr besteht lt. § 18 SGB III die Langzeitarbeitslosigkeit. 2
Durch die Definition von Arbeitslosigkeit entstehen Personenkreise, die sich außerhalb der Arbeitslosenstatistik befinden, aber trotzdem keiner geregelten Erwerbstätigkeit nachgehen und Transferleistungen vom Staat beziehen. Zu den Personenkreisen der versteckten Arbeitslosigkeit gehören u. a. Umschüler, nicht gemeldete Personen, Personen in Fortbildungen.
1.1 Geschichtliche Eckpfeiler und Arbeitsmarktentwicklung seit 1949 In der ersten Phase (1949-1960) waren der Wiederaufbau nach dem Krieg und das Wirtschaftswunder für den Arbeitsmarkt bedeutend. Die Arbeitslosenquote von 10,4% wurde in diesem Zeitraum auf 1,3% gesenkt, trotz dass Flüchtlinge, einschließlich derjenigen aus Ostdeutschland, nach Westdeutschland kamen und aufgenommen wurden. Die Schwierigkeiten in dieser Zeit waren das nur langsam beginnende Wirtschaftswachstum, der deutliche Frauenüberschuss bei den Erwerbsfähigen in der Nachkriegszeit und die steigende ländliche Arbeitslosigkeit, da Einwanderer
1 Vgl. Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge (2002: 60)
2 Vgl. Stascheit (2007: 211)
11
wegen städtischem Wohnungsmangel dort angesiedelt wurden. Im Lauf des Wirtschaftswachstums wurde eine enorme Anzahl von Arbeitsplätzen geschaffen. 3 Die zweite Phase dauerte von 1961 bis 1973. Vollbeschäftigung war während dieser Zeit üblich und vollzog sich bis zum ersten Ölpreisschock (1973). Die demografischen Bedingungen wandelten sich, so dass in diesem Zeitabschnitt ein Arbeitskräftemangel spürbar war. Die Anzahl der möglichen erwerbstätigen Personen wurde geringer, da in der Kriegszeit weniger Kinder geboren wurden, die nun das erwerbsfähige Alter erreichten. Zusätzlich veränderten sich Arbeitsbedingungen, so dass sich die Ausbildungszeit verlängerte und die Arbeitszeit verkürzte. Um den Arbeitskräftemangel zu minimieren wurden ausländische Arbeitskräfte als Gastarbeiter ange-worben. Als 1973 die Konjunktur stärker rückläufig war, erließ die Bundesregierung Arbeitsaufnahme. 4 einen Anwerbe-und Einreisestopp zur
Ab 1974 war die dritte nennenswerte Phase. Seit dem hält sie an und ist von der Massenarbeitslosigkeit geprägt. In dieser Zeit kam es wiederum zu demografischen Veränderungen. Die geburtenstarken Jahrgänge nach der Kriegszeit und in den 60er Jahren, sowie die Ausländerzuwanderung führten zu einem höheren Anteil Erwerbsfähiger, der die Zahl der Arbeitsplätze bei weitem überstieg. Zusätzlich nahm die Erwerbsbeteiligung der Frauen zu. Einerseits wollten sie sich beruflich verwirklichen und andererseits spielte der (vielleicht notwendige) Beitrag zum Familieneinkommen eine Rolle. Durch die Wiedervereinigung 1990 hat sich der Schwerpunkt der Arbeitslosigkeit besonders auf die Bürger der neuen Bundesländer verlegt. Durch mehrere Rezessionen wurden Arbeitsplätze abgebaut, wobei im Nachhinein bei einer positiven wirtschaftliche Entwicklung wieder neue Arbeitsplätze geschaffen wurden. Die Problematik bestand aber in dem enormen Zuwachs an erwerbsfähigen Personen, der nicht ausgeglichen werden konnte und Arbeitslosigkeit bedingte. Durch die Wirtschaftskrisen wurde sie noch verstärkt und hält bis heute an. (siehe Anhang, Abb. 1, S.51) 5
3 Vgl. Schader-Stiftung (o. J.) nach: Zit. Hradil (2001: 187ff.), sowie Kommission für Zukunftsfragen
der Freistaaten Bayern und Sachsen (1998: 36)
4 Vgl. ebenda
5 Vgl. Schader-Stiftung (o. J.) nach: Zit. Hradil (2001: 187ff.), sowie Kommission für Zukunftsfragen
der Freistaaten Bayern und Sachsen (1998: 36, 67 ff.)
12
1.2 Ursachen in den neuen Bundesländern
Da der Fokus stärker auf entscheidende Ursachen in den neuen Bundesländern gerichtet werden soll, bezieht sich dieses Unterkapitel fast ausschließlich auf die Betrachtung von Ostdeutschland.
Der erste zu nennende Grund für den Arbeitslosenanstieg ist die verschieden hohe Erwerbsbeteiligung in Ost- und Westdeutschland vor der „Wende“. Mitunter ent-stand der höhere Erwerbsanteil in Ostdeutschland durch die hohe Berufstätigkeit ostdeutscher Frauen. Ebenso war der Anteil von Normarbeitsverhältnissen (dauerhafte Vollzeitbeschäftigung) in Ostdeutschland höher, auch wenn dies niedrig produktive Tätigkeiten waren, die zudem gering entlohnt wurden. 6 Die Frauen konnten Berufstätigkeit und Familiengründungen bzw. -arbeit besser vereinen, da das Betreuungsangebot für Kinder durch Kinderkrippen und -gärten, sowie Hortplätze stark vertreten war. Durch das enorme Betreuungsangebot für Kinder waren einerseits viele Frauen in diesem Bereich angestellt und gleichzeitig konnten Frauen ganztags ihrer jeweiligen Arbeit nachgehen.
Bis zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung gab es in der ehemaligen DDR ein Gesetz, das für jeden DDR-Bürger einen Arbeitsplatz „garantierte“, ihn sogar zur Ausübung eines Berufes verpflichtete. In der DDR-Verfassung vom 7. Oktober 1974 stand im Artikel 24: „…(1) Jeder Bürger der Deutschen Demokratischen Republik hat das Recht auf Arbeit. Er hat das Recht auf einen Arbeitsplatz und dessen freie Wahl entsprechend den gesellschaftlichen Erfordernissen und der persönlichen Qualifikation…
(2) Gesellschaftlich nützliche Tätigkeit ist eine ehrenvolle Pflicht für jeden arbeitsfähigen Bürger. Das Recht auf Arbeit und die Pflicht zur Arbeit bilden eine Einheit. …“ 7
Mit der Wiedervereinigung fiel dieses Gesetz weg und ebenso wie das Gesetz gingen Arbeitsplätze abhanden, da der freie Wettbewerb von den unterschiedlichen Märkten der ehemaligen DDR nicht erfüllt werden konnte. Zusätzlich stieg die Arbeitslosenzahl in den neuen Bundesländern, da der Verlust von ca. 840.000 Arbeitsplätzen bewusst eingeführt wurde. Diese Arbeitsplätze bezogen sich auf staatliche Stellen und Sektoren wie die Rüstungsindustrie, das Militär, die Staatssicherheit, usw. 8 Während dieser Zeit wurden durch den Abbau der Infrastruktur u. a. eine Vielzahl an Betreu- 6 Vgl.Kommission für Zukunftsfragen der Freistaaten Bayern und Sachsen (1998: 33 f.)
7 Zit. Ideetion Internet- & Verlagsgesellschaft mbH (o. J)
8 Vgl. Kommission für Zukunftsfragen der Freistaaten Bayern und Sachsen (1998: 64 f.)
13
ungsmöglichkeiten wie Krippen und Kindergärten geschlossen, die selbst in kleinen Gemeinden ihren festen Bestand hatten. Genauso erging es beispielsweise Einkaufsläden und landwirtschaftlichen Betrieben in dörflichen Kleingemeinden. Die höhere Arbeitslosigkeit Ostdeutschlands im Gegensatz zu Westdeutschland ist immer noch eine Folge der Deindustrialisierung seit und nach der Wende. Die wirtschaftliche Situation hat sich während der Jahre nicht verbessert, was am Bruttoin-landsprodukt ersichtlich ist (siehe Anhang, Abb. 3, S.52). In den neuen Bundesländern liegt das Bruttoinlandsprodukt deutlich unter dem der alten Bundesländer. Das zeigt, dass hier die Wirtschaftskraft noch immer gering ist. Da es aber eine hohe Zahl an Menschen im erwerbfähigen Alter gibt, aber die verschiedenen Wirtschaftsbereiche geringer vorhanden sind, ergibt sich dadurch eine Differenz zwischen den Erwerbstätigen und den Arbeitsplätzen. Diese Differenz bilden die Arbeitslosen. 9 Seit der Vereinigung hat sich bis heute die Erwerbstätigkeit durch den Arbeitsplatzabbau besonders im ostdeutschen Raum verändert und nimmt weiterhin ab (siehe Anhang, Abb. 2, S.51). Während in den alten Bundesländern die Erwerbstätigkeit gleich blieb, hat sie sich in den neuen Bundesländern bisher um 18,8% verringert, was ebenso knapp 1/5 der Arbeitsplätze vom Ausgangsjahr 1991 ausmacht. 10 Ebenso hatte die Rationalisierung von Arbeitsplätzen, um diese effizienter und ökonomischer zu gestalten, als Folge die Arbeitsplatzreduzierung. Die ostdeutschen Märkte sollten technisch, arbeitsorganisatorisch und wirtschaftsstrategisch verändert werden um auf dem Weltmarkt zu bestehen. 11
Ein weiterer Faktor, der die Arbeitslosigkeit ansteigen ließ, war die Umstrukturierung von Normarbeitsverhältnissen in Nicht-Normarbeitsverhältnisse (z. B. Teilzeit, Minijobs, usw.). Dadurch wurden zwar im ersten Augenblick mehr Arbeitsplätze geschaffen, doch diese hatten ein geringeres Einkommen zur Folge, so dass bis heute die betreffenden Personen angehalten sind mehrere Jobs parallel inne zu haben. Nur auf diese Weise können Einkommenseinbußen wieder beglichen werden, aber dadurch wird die Anzahl der Arbeitsplätze verringert und wiederum die Arbeitslosenzahl erhöht. 12
Ein weiterer wesentlicher Aspekt sind die beruflichen Qualifizierungen ostdeutscher Erwerbsfähiger. 13 Wie bereits in diesem Unterkapitel eingangs erwähnt, wurden von
9 Vgl. Statistisches Bundesamt (2006: 579 ff.)
10 Vgl. Bundeszentrale für politische Bildung (2005) nach: Statistisches Bundesamt (2004)
11 Vgl. Scurrell (1999: 17)
12 Vgl. Kommission für Zukunftsfragen der Freistaaten Bayern und Sachsen (1998: 49)
13 Vgl. Kommission für Zukunftsfragen der Freistaaten Bayern und Sachsen (1998: 63)
Arbeit zitieren:
Mia Schmalenberg, 2008, Zeit der Arbeitslosigkeit in ländlichen Gemeinden der neuen Bundesländer - anhand ausgewählter Einflussgrößen, München, GRIN Verlag GmbH
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