1. EINLEITUNG
Die Zweihundertjahrfeier der Französischen Revolution bot 1989 nicht nur Gelegenheit zum Feiern, sondern auch zum polemischen Schlagabtausch. Philippe de Villiers, damals Präsident des Conseil Général der Vendée, hätte wohl am liebsten gar nicht gefeiert. In einer “Lettre ouverte aux coupeurs de têtes et aux menteurs du Bicentennaire” 1 führte er die “wahre Geschichte” 2 der Revolution gegen ihre Zweihundertjahrfeier ins Feld. Für Pierre Chaunu wird das Jubiläum zum “grand déclassement”. 3 In die gleiche Richtung zielte auch die Doktorarbeit von Reynald Secher 4 , in der der Autor die These aufstellte, die Bevölkerung der Vendée sei einem “génocide franco-francais” zum Opfer gefallen. In den Medien begann mit einem Artikel vom 11.Oktober 1986 im Figaro-magazine eine Kampagne gegen das Jubiläum 5 . Auf Seiten der Freunde der Revolution, kritisierte Daniel Bensaïd den angeblich mangelnden Enthusiasmus der Organisatoren 6 . Andere stellten vor 1989 den Sinn eines Jubiläums in Frage 7 . Am Ende der Feierlichkeiten konstatiert schließlich François Furet eine umfassende Umdeutung der Revolution infolge der Revolutionen in Osteuropa 8 . Die Organisatoren der Mission du Bicentennaire et de la Déclaration des Droits de l’Homme sahen schließlich - man ahnt es - in der Deklaration der Menschen-und Bürgerrechte das zentrale Element der Französischen Revolution.
Nun hatte wohl auch Philippe de Villiers grundsätzlich nichts gegen die Menschenrechte, und auch der Direktor der Mission Jean-Noël Jeanneney wußte, dass es im Verlauf der Revolution zu zahlreichen Gewalttaten gekommen ist. In dieser Arbeit soll untersucht werden, welche Rolle die Französische Revolution für das “kollektive Gedächtnis” der Franzosen spielt und wie dieses Gedächtnis aus Anlass der Zweihundertjahrfeier artikuliert und rekonstruiert wird. Die zentrale Frage der Diskussion lautete nämlich gar nicht: “Was ist während der Revolution passiert?”, sondern: “Welche Elemente der Revolution sind heute im nationalen Rahmen noch erinnerbar?” Dabei werden während der Gedenkfeiern zahlreiche Gruppen aktiv, die jeweils ihre Version der Vergangenheit als national verbindlich darstellen wollen 9 . Zugleich bemühen sich staatliche Organe um eine Deutung, die zum einen möglichst konsenzfähige Werte in den Vordergrund stellt, zum anderen die Kontinuität der Nation betont. So bietet die Zweihundertjahrfeier zugleich ein perfektes Anschauungsobjekt der Bindungskraft einer gemeinsamen Vergangenheit und der Schwierigkeit diese zu konstruieren.
Die Bedeutung von Gedächtnis für Gruppen hat zum ersten Mal der französische Soziologe Maurice Halbwachs in seinem 1925 erschienenen Werk Les cadres sociaux de la mémoire 10 untersucht. Darin beschreibt er Gedächtnis als eine Funktion des Sozialen. Erinnern und Vergessen spiele sich innerhalb von Gemeinschaften ab. Die gemeinsame Vergangenheit diene als Orientierung und Maßstab für die Mitglieder und verhindere so den Zerfall der
1 Philippe de Villiers, Lettre ouverte aux coupeurs de têtes et aux menteurs du Bicentennaire, Paris 1989.
2 Vgl. Gérard Belloin, Entendez-vous dans nos mémoires. Les Français et leur Révolution, Paris 1988, S. 36: Der Bezug zur sogenannten wahren Geschichte dient allerdings in erster Linie zur Aufrechnung der eigenen Opferzahlen gegen die anderer Gruppen.
3 Pierre Chaunu, Le grand déclassement. A propos d’une commémoration, Paris 1989.
4 Reynald Secher, Le génocide franco-français. La Vendée vengée, Paris 1986.
5 Louis Pauwels, Pour en finir avec la révolution, tout simplement.
6 Daniel Bensaïd, Moi, la Révolution. Remembrance d’un bicentennaire indigne, Paris 1989.
7 Mona Ozouf, Peut-on commémorer la Révolution Française?, in : Le Débat, 1983 (26).
8 François Furet, 1789-1917. Aller et retour, in: Le Débat 1989 (57), S. 4-16.
9 Das beste Beispiel ist wohl der Versuch von Organisationen aus der Vendée, den “génocide franco-français” von der Académie Française absegnen zu lassen.
10 Maurice Halbwachs, Le cadres sociaux de la mémoire, Paris 1925 (1994). Deutsche Ausgabe: Das Gedächtnis und seine sozialen Bedingungen, Berlin/ Neuwied 1966.
2
Gruppe. Durch die gemeinsame Rekonstruktion der Vergangenheit erkennen Individuen ihren Platz in der Gruppe und wiederum Gruppen ihren in der Gesellschaft. So kann ein geschichtliches Ereignis wie die Französische Revolution für einzelne Gruppen eine große emotionale Bedeutung gewinnen. Erinnerung ist grundsätzlich eine kontroverse Angelegenheit.
2. DAS KOLLEKTIVE GEDÄCHTNIS
In Frankreich hat das Thema Gedächtnis seit den 80er und 90er Jahren Hochkonjunktur. Ein Grund dafür war zum einen eine ungewöhnliche Häufung nationaler Jubiläen, so feierte man 1987 die 1000-Jahrfeier der Kapetinger-Dynastie, 1988 die Studentenproteste von 1968, 1989 die Zweihundertjahrfeier der Revolution, 1990 das Andenken General de Gaulles 11 . Zum anderen bot der öffentliche Umgang mit dem Vichy-Regime zunehmend Stoff für Diskussionen 12 . Wie populär die Beschäftigung mit der eigenen Vergangenheit im Laufe der 80er Jahre wurde, beweisen auch die hohen Besucherzahlen des 1983 eingerichteten “Jour du Patrimoine”. Im wissenschaftlichen Bereich entstanden zwischen 1984 und 1992 die “Lieux de mémoire” als Gemeinschaftswerk namhafter Historiker unter der Leitung von Pierre Nora. Joël Candau konstatiert einen “mnémotrophisme” 13 im öffentlichen Raum. Halbwachs’ Ideen haben durch dieses neu erwachte, breite Interesse an Gedächtnis und Erinnerung eine Wiedergeburt erlebt. Autoren, die sich heute mit ihnen beschäftigen, stellen jedoch andere Fragen.
So interessiert sich der Ägyptologe Jan Assmann für den Teil des “kollektiven Gedächtnisses”, der mit Hilfe von kulturellen Hilfsmitteln rekonstruiert wird. Dazu gehören zum Beispiel schriftliche Zeugnisse oder Riten. Ohne diese, bliebe, laut Assmann, nur im Gedächtnis, was in der Gegenwart einen Sinn ergibt. Was die Vergangenheit vom Heute unterscheidet, wäre nicht erinnerbar; das Leben verliefe in einer ewigen Gegenwart. Das “kulturelle Gedächtnis” ermöglicht die Wahrnehmung der Vergangenheit als etwas Anderes, das aber über Hilfsmittel mit der Gegenwart verbunden bleibt 14 . Dieses Anderssein führt aber dazu, dass der Sinn vergangener Ereignisse nicht mehr intuitiv verständlich ist. Deshalb bleibe, so Assmann, der Zugang zum “kulturellen Gedächtnis” Experten vorbehalten. Kommunikation über seinen Inhalt erfolge in einem außergewöhnlichen, nicht-alltäglichen Rahmen 15 .
Auch Pierre Nora richtet seine Aufmerksamkeit auf externe Speichermedien des kollektiven Gedächtnisses. Dort wo Assmann zwischen “kommunikativem” und
“kulturellem” Gedächtnis unterscheidet, steht bei Nora der Gegensatz zwischen “lieux de mémoire” und “milieux de mémoire” 16 . Während Gruppen auf der einen Seite durch Kommunikation ihre gemeinsame Vergangenheit immer wieder neu rekonstruieren, versuchen sie auf der anderen, bestimmte Gedächtnisinhalte gegen das Vergessen abzusichern. Das geschieht durch die Verbindung von Erinnerungen mit bestimmten materiellen oder ideellen Sinneinheiten. “Erinnerungsorte” von Gesellschaften entstehen in Analogie zur römischen ars
11 Das Jubiläum bezieht sich auf sein Todesdatum, den 9. November 1970.
12 Im Jahr 1981 eröffnet “Le Canard Enchaîné” eine Diskussion über Maurice Papon. 1987 beginnt der Prozeß gegen Klaus Barbie. Vgl. außerdem Ory, S. 199.
13 Joël Candau, Anthropologie de la mémoire, Paris 1996, S. 89.
14 Jan Assmann, Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen, München 1999, S. 31.
15 Assmann, S. 65ff.
16 Pierre Nora, Entre mémoire et Histoire, in: Pierre Nora (dir.), Les Lieux de mémoire. La République, Paris 1984, S. XVII.
3
memoriae 17 . Während Individuen die Fähigkeiten ihres natürlichen Gedächtnisses erweitern können, indem sie Erinnerungsinhalte mit den Elementen einer imaginären Landschaft verbinden, dienen beispielsweise die Geographie eines Landes oder reale Landmarken (Valmy, die Bastille, das Hexagon) als künstliche Stützen für das “kollektive Gedächtnis”. Nora betont allerdings, dass die Schaffung von Erinnerungsorten in erster Linie ein Phänomen der Moderne sei. Erst durch den schnellen Wandel der europäischen Gesellschaften im 19. und 20. Jahrhundert habe sich ein Gefühl dafür entwickelt, dass es wichtig sei, bestimmte Erinnerungen vor dem Vergessen zu bewahren 18 . Wenn also die Zahl der Jubiläen von nationaler Tragweite zunimmt, während die Nation als Referenz an Eindeutigkeit verliert, so bestätigt das nur Nora’s Ansicht.
Pascal Ory beschäftigt sich zwar nicht allgemein mit dem kollektiven Gedächtnis, er arbeitet allerdings sehr klar die Bedeutung der Kommemoration - die gemeinsame, feierliche Überhöhung bestimmter Erinnerungen - heraus. Jan Assmann meint etwas Ähnliches, wenn er schreibt, dass dem “kulturellen Gedächtnis” eine gewisse Sakralität anhafte und Kommunikation darüber nur in einem nicht-alltäglichen Rahmen stattfinde.
2.1. Individuum und Gemeinschaft
Besonders wichtig vor dem Hintergrund der Wissenschaftsentwicklung in der Zwischenkriegszeit waren Halbwachs’ Ideen insofern, als sie das Gedächtnis zum Betrachtungsgegenstand der Soziologie an Stelle der Psychologie erklärten. Dabei ging es Maurice Halbwachs nicht um die Übertragung von Vorstellungen aus der Individualpsychologie auf Gruppen, wie es der Titel seines letzten, posthum erschienenen Werkes suggerieren könnte 19 . Sein Ziel war vielmehr der Nachweis, dass Gedächtnis innerhalb von Gruppen rekonstruiert wird, und dass diese Rekonstruktion Regeln gehorcht, die von der Gruppe vorgegeben werden. Wo die Bausteine für die Rekonstruktion gespeichert sind, ist aus dieser Perspektive zweitrangig. Gedächtnis ist eine Funktion des Sozialen. Gruppen erinnern sich nicht, aber sie bestimmen die Gedächtnisinhalte ihrer Mitglieder.
Grund für die Verankerung des Gedächtnisses in der Gemeinschaft ist, so Halbwachs, dass der größte Teil persönlicher Erinnerungen Interaktionen mit anderen zum Inhalt hat 20 . Deshalb seien es auch die Anderen, die dem Einzelnen Ereignisse wieder ins Gedächtnis riefen. Er allein wäre nicht in der Lage seine Erinnerungen in Ort und Zeit zu verankern und zu einer Geschichte zusammenzufügen. Gemeinsam durchlebte Ereignisse dienen als Matrix, in die Neues eingepaßt wird. So dient das gegenseitige Erinnern auch zur Bestärkung der Beziehung zwischen den Mitgliedern einer Gruppe 21 . Deshalb werden Tatsachen aus der Vergangenheit nie neutral und gleichberechtigt abgespeichert. Vielmehr handelt es sich um “Modelle, Beispiele und eine Art Lehrstücke” 22 , die nur innerhalb einer bestimmten Personengruppe einen Sinn haben. Wird der einzelne in eine Gemeinschaft versetzt, mit der er keine Erinnerungen teilt, so verliert er in der Konsequenz auch sein Gedächtnis.
17 Candau, S. 37: Dabei kann sich das “kollektive Gedächtnis” ebenso an reale Landmarken anlehnen wie bestimmte Ideen in der antiken ars memoriae an eine nur vorgestellte Landschaft.
18 Vgl. Ory, S. 10.
19 Halbwachs, La mémoire collective, Paris 1950.
20 Vgl. Halbwachs (1994), S. V-VI.
21 Ebd.
22 Halbwachs (1966), S. 209.
4
2.2. Beziehungen zwischen Gruppen
Das “kollektive Gedächtnis” einer Gemeinschaft hat zwei Funktionen: zum einen die Abgrenzung gegenüber anderen Gruppen, zum anderen die Bildung einer gemeinsamen Vorstellung der Mitglieder von der Gemeinschaft. Spätere Autoren sprechen von Identität. Identität bedeutet zum einen die Fähigkeit sich selbst als identisch im Zeitverlauf wahrzunehmen 23 , zum anderen das Wissen um ein gemeinsames Symbolsystem 24 . Beide Ideen tauchen allerdings bei Halbwachs hinter anderen Begriffen auch schon auf 25 . So rekonstruieren die Mitglieder einer Gruppe nicht nur gemeinsame Erinnerungen, um ein möglichst klares, gemeinsames Bild von ihrer Gruppe zu schaffen. Die gemeinsamen Erinnerungen bestätigen auch die Dauerhaftigkeit der Gemeinschaft.
Nun wird die Erinnerung ständig neu rekonstruiert. Halbwachs beschreibt diesen Vorgang: “Erinnerungen haben alles Vorangegangene in sich aufgenommen und gehen mit dem Kommenden schwanger.” 26 Daraus folgt, dass sich das ändert, was innerhalb derselben Gruppe erinnert werden kann. Wenn Erinnerung aber die Identität der Gruppe stärken soll, so funktioniert das nur, wenn Gedächtnisinhalte, die ihre Kontinuität in Frage stellen, vergessen werden. So findet im Verlauf der Zeit eine Ausdünnung der gemeinsamen Erinnerung statt. In diesem Sinn spricht Candau von Vergessensgemeinschaften 27 . Gleichzeitig ändern sich auch die Mitglieder der Gruppe bis irgendwann die Geschichten aus der Vergangenheit kein Echo mehr hervorrufen. Das Kriterium dafür, ob es sich tatsächlich noch um dieselbe Gruppe handelt, sieht Halbwachs im Überdauern von Ideen nicht von Menschen 28 . Werde sich eine Gemeinschaft des Bruchs mit der Vergangenheit bewußt, so sei sie in diesem Moment schon nicht mehr Teil dieser Vergangenheit. Eine Gruppe habe die andere abgelöst.
Die gemeinsame Vergangenheit schafft ein “affektives Band” 29 zwischen den Mitgliedern einer Gruppe. Für die Existenz einer übergeordneten Gesellschaft ist es hingegen von zentraler Bedeutung, dass zwischen den Gruppen eine möglichst breite Basis an gemeinsamen Werten und Erinnerungen besteht. Eine Balance zwischen diesen Extremen ist die Grundlage für den Bestand der Gesellschaft 30 . Ein gewisser Ausgleich findet schon dadurch statt, dass Individuen Teil verschiedener “Gedächtnisgemeinschaften” 31 sind. So können sie sich stärker mit übergeordneten Werten und einer gemeinsamen Geschichte identifizieren 32 . Es ist allerdings keinesfalls sicher, dass der französische Zentralstaat als übergeordnete Instanz und Träger der gemeinsamen Geschichte von allen akzeptiert wird. Für die Bewohner Korsikas trifft das beispielsweise nur begrenzt zu. Daraus ergibt sich ein vitales Interesse der staatlichen Organe, auf die Gedächtnisse der Bürger Einfluss zu nehmen.
Während Erinnerungen in kleinen Gruppen im Rahmen alltäglicher Kommunikation immer wieder rekonstruiert werden, ist zwischen den Gruppen einer Gesellschaft keine direkte Kommunikation möglich. Die Kommemoration ist hier ein ideales Mittel um zu klären, welche Erinnerungen im nationalen Rahmen noch existieren können und welche nicht. Sie
23 Candau, S. 119.
24 Assmann, S. 139.
25 Halbwachs (1950), S. 130.
26 Halbwachs (1966), S. 212.
27 Candau, S. 89.
28 Halbwachs (1950), S. 131.
29 Assmann, S. 34.
30 Halbwachs (1994), S. 289-291.
31 Assmann, S. 30.
32 Im Gegensatz dazu ist die Opposition zur übergeordneten Instanz dort besonders stark, wo sich verschiedene Gruppen überlagern. Gut zu beobachten ist das zum Beispiel in der Vendée.
5
ermöglicht es den Repräsentanten der Gesamtgesellschaft, alle Gruppen zu zwingen, sich in irgendeiner Form zu einer Geschichte zu äußern, die sie per Definition miteinander teilen 33 .
2.3. Raum und Zeit
Erinnerungen müssen einen gewissen Zeitraum überwinden. Aber Zeit ist grundsätzlich nicht erinnerbar. Candau schreibt, die Erinnerung leere die Ereignisse ihrer Dauer; auch Halbwachs’ “Erinnerungsbilder” besitzen keine Zeitdimension. Daraus läßt sich ableiten, dass Erinnerungen in einem sozialen Rahmen, mit Hilfe der Zeitmeßwerkzeuge der Gesellschaft, rekonstruiert werden. Dazu gehören zum Beispiel Kalender und Feste. Orientierung geben auch besondere Ereignisse des eigenen Lebens, wie Hochzeiten, Schulanfänge oder ähnliches. Alle diese Beispiele setzen die Anwesenheit von anderen voraus. Nur diese gibt ihnen einen Sinn. Anwesenheit des anderen bedeutet in einem mehr oder weniger abstrakten Grad auch Verbundenheit. Wenn diese Verbundenheit fehlt, setzt das Vergessen ein, wie man es zum Beispiel bei manchen kirchlichen Feiertagen beobachten kann.
Das Besondere an Feiertagen jeder Art ist, dass sie sich regelmäßig wiederholen. Dadurch erlauben sie nicht nur eine gemeinsame Besinnung auf den Ursprung des Festes, sondern beziehen auch alle anderen vorhergehenden Feste aus demselben Anlass ein. Das meint Jan Assman, wenn er schreibt, der Festkalender schaffe gemeinsam erlebte Zeit und gemeinsame Erinnerungen. Das Bild eines Festes ändert sich nach jeder Wiederholung durch die Aufnahme des “futur-déja-passé-du-passé 34 ”. So entsteht am Ende ein aus allen Wiederholungen zusammengesetztes Bild. Besonders wichtig erscheint darin nicht der jedes Jahr etwas andere Ablauf, sondern der Sinn, den die Teilnehmer mit dem Fest verbinden. Auf diese Weise können auch weit zurückliegende Ereignisse wie die Französische Revolution Teil der lebendigen Erinnerung von Gemeinschaften werden. Dabei hat das gemeinsame Gedenken an einen Zeitgenossen der Revolution einem normalen Geburtstag gegenüber den Vorteil, dass es in einem besonderen Maße die Kontinuität einer Familie bestätigt 35 . Auf gesellschaftlicher Ebene sind solche Aktualisierungen verantwortlich für die Ambivalenz vieler Feiertage. Der 14. Juli ist zugleich der Tag des Sturms auf die Bastille und des Föderationsfestes, das genau ein Jahr später stattfand. Diese Ambivalenz kann den gesellschaftlichen Konsenz fördern, da sie abweichende Gedächtnisse zuläßt. Zu groß darf die Abweichung allerdings nicht sein. Wenn in Deutschland nicht der 9. November zum Tag der Wiedervereinigung gewählt wurde, so hängt das damit zusammen, dass an diesem Tag die Ausrufung der Deutschen Republik durch Scheidemann (1918), der Hitler-Putsch (1923), die “Reichskristallnacht” (1934) und der Fall der Berliner Mauer (1989) zusammentreffen. Der 9. November illustriert wahrscheinlich so klar wie kein anderes Datum die Brüche in der deutschen Geschichte und wäre deshalb zur Bestätigung von Konsenz und Kontinuität ungeeignet.
Gedächtnisse bilden sich, weil Menschen einander Dinge und deren Bedeutung aus aktuellem Anlass in Erinnerung rufen. Dieses Zurückrufen erfolgt in unterschiedlichen Formen, unter anderem mit Hilfe materieller Gedächtnisstützen. Gedenksteine, sichern schon durch ihr Material scheinbar ein Überdauern bestimmter Erinnerungsinhalte. Geografische
33 Vgl. Jean Noël Jeanneney, Le Bicentennaire de la Revolution Française. Rapport du président de la Mission du Bicentennaire au président de la République sur les actuvités de cet organisme et les dimensions de la célébration, Paris 1990, Anhang. Der Erfolg zeigt sich im Vergleich von Umfragen vor und nach der Zweihundertjahrfeier.
34 Nicolas Grimaldi, Ontologie du temps. L’attente et la rupture, Paris 1993, S. 211.
35 Nora, S. XXXV.
6
Arbeit zitieren:
Kristin Klank, 2002, Die Erinnerung an die Französische Revolution am Beispiel ihrer 200-Jahrfeier, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Menschenfabeln: Der philosophische La Fontaine anhand einer Fabelanaly...
Romanistik - Französisch - Literatur
Hausarbeit, 17 Seiten
Altruismus, Fairness und Eigennutz - Welche Faktoren bestimmen das Han...
Hausarbeit, 21 Seiten
Le Paysan du Danube et le Renard et la Cigogne
Romanistik - Französisch - Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 26 Seiten
Deutschen- und Deutschlandbilder am Beispiel Amerika
Medien / Kommunikation - Interkulturelle Kommunikation
Seminararbeit, 22 Seiten
El drama de honor - Das Ehrendrama im Siglo de Oro
Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde
Hausarbeit, 15 Seiten
Der deutsch-französische Freundschaftsvertrag
Politik - Internationale Politik - Thema: Deutsche Außenpolitik
Seminararbeit, 29 Seiten
Die Bürgergesellschaft in England und Deutschland
Medien / Kommunikation - Interkulturelle Kommunikation
Hausarbeit (Hauptseminar), 31 Seiten
Theorie des sozialen Handelns (Thomas Luckmann)
Pädagogik - Wissenschaft, Theorie, Anthropologie
Seminararbeit, 44 Seiten
Globalisierung und ihre Auswirkungen - Ein Überblick zum Verständnis u...
Soziologie - Kultur, Technik und Völker
Magisterarbeit, 104 Seiten
Bildungspolitik in Frankreich und Deutschland - Ein Vergleich
Politik - Politische Systeme - Allgemeines und Vergleiche
Hausarbeit, 17 Seiten
Max Weber: Die Wirtschaftsethik der Weltreligionen
Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen
Referat (Ausarbeitung), 11 Seiten
Deutsche und französische Interessen in der Europäischen Gemeinschaft ...
Geschichte Europa - and. Länder - Neueste Geschichte, Europäische Einigung
Hausarbeit (Hauptseminar), 23 Seiten
Europa – Ein offener Raum? Die Öffnung vom sozialen Handlungsraum Euro...
Hausarbeit (Hauptseminar), 24 Seiten
Argumentieren - Eines der wichtigsten sprachlichen Mittel
Rhetorik / Phonetik / Sprechwissenschaft
Seminararbeit, 22 Seiten
Alfred Schütz (und Thomas Luckmann): Strukturen der Lebenswelt erklärt...
Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen
Hausarbeit, 12 Seiten
Kristin Klank hat den Text Die Erinnerung an die Französische Revolution am Beispiel ihrer 200-Jahrfeier veröffentlicht
Kristin Klank hat einen neuen Text hochgeladen
Die deutsche Literatur zwischen Französischer Revolution und Restaurat...
Das Zeitalter der französische...
Gerhard Schulz
Kurze Geschichte der Französischen Revolution
Albert Soboul, Joachim Heilmann, Bernd Schwibs
Thema Geschichte kompakt. Französische Revolution und Napoleon
Die Umgestaltung Europas. Die ...
0 Kommentare